Mit ‘John G. Avildsen’ getaggte Beiträge

karate_kid_xlgDer Status, den dieser Film erreicht hat, ist schon bemerkenswert. Jeder kennt die „Wax on, wax off“-Szene, wahrscheinlich selbst die, die den Film nie gesehen haben, und sie ist Quelle zahlloser Parodien und Hommagen geworden. Pat Morita wurde mit dieser einen Rolle zu seinem eigenen Klischee und ist den meisten wahrscheinlich nur als „Mr. Myagi“ bekannt, und die archetypische Geschichte um den schmächtigen Daniel LaRusso (Ralph Macchio), der die fiesen Bullys seiner Schule am Ende bezwingt, inspirierte nicht nur den Deutschrapper Dendemann zu seinem Zweitnamen, sondern ist längst in den Mythenschatz der Popkultur eingegangen, wo sie heute in endlosen Adaptionen, Sequels und Reboots weiterwuchert. Nachdem ich den Film gestern tatsächlich zum ersten Mal in seiner Ganzheit gesehen habe, gönne ich ihm seinen Ruhm von Herzen. Die Prämisse von THE KARATE KID klingt bescheuert und wäre in anderen Händen gewiss zum austauschbaren und vielleicht gar unsympathischen Teeniefilmchen mit Extradosis amerikanischem Underdog-Pathos geraten, aber unter der versierten Regie von John G. Avildsen (der bei ROCKY gelernt hat, wie das mit den Außenseitern funktioniert) steht am Ende ein unerwartet freundlicher, herzlicher und weitestgehend verhaltener Film, der sich mit martialischen Sieges- und Durchhalteparolen dankenswerterweise nicht lang aufhält und seine Anti-Gewalt-Botschaft nicht nur predigt, sondern auch praktiziert. Allerdings ist er dabei so erfolgreich, dass das Finale nicht nur für Plausibilitäts- und Glaubwürdigkeitsfanatiker schon ein bisschen schwer zu schlucken ist. Das wäre dann die zu vernachlässigende Schattenseite.

Was mir an THE KARATE KID gefallen hat: So wie Avildsen diese Geschichte erzählt, merkt man, dass ihm an seinen Figuren etwas gelegen war. Die Romanze zwischen dem aus einfachen Verhältnissen stammenden Daniel und der aus wohlhabendem Elternhaus kommenden Ali (Elisabeth Shue) ist sehr süß, weil sie sich so überaus langsam vollzieht. Dass sie sich mögen, ist nicht bloß eine Behauptung des Drehbuchs, vielmehr wird in dem Rapport, den die beiden miteinander haben, deutlich, dass sie auf einer Wellenlänge liegen. Und die sozialen Spannungen mögen eine Rolle spielen, werden aber niemals überstrapaziert. Weder überzeichnet Avildsen „die Reichen“ als dekadente Unmenschen noch werden „die Armen“ zu herzensguten Wohltätern. Dementsprechend wird auch Daniels Wunsch, sich gegen Alis fiesen Ex-Freund Johnny (William Zabka) zu behaupten, nicht klassenkämpferisch aufgeladen. Der Kampf ist weitestgehend frei von symbolischer Aufladung: Es geht für Daniel nur darum, sich Respekt zu verschaffen, eine Linie zu ziehen, die dann nicht weiter übertreten werden wird. Dass seine Kontrahenten von ihrem Lehrer, dem Vietnamveteran Kreese (Martin Kove) zu rücksichtslosen Kampfmaschinen gedrillt werden, ist das eine deutliche Zugeständnis, dass THE KARATE KID an die Konvention macht. Es passt dann auch irgendwie nicht recht in den Film, der zwar nicht gerade frei von Klischees ist, sich aber eben die Mühe macht, diese wieder mit Leben aufzuladen. Problematisch bleibt die Zeichnung von Mr. Myagi, die man durchaus als (positiv) rassistisch bezeichnen könnte. Die Figur entspricht westlichen Vorstellungen vom im Einklang mit dem Kosmos lebenden, in sich ruhenden und jahrtausendealte Tradtionen ehrenden Asiaten bis ins letzte Detail und Pat Moritas Spiel betont die spirituelle Zurückgezogenheit noch, indem er Myagi ausschließlich in kargen, radebrechenden Aphorismen sprechen lässt. Avildsens Last-Minute-Versuch, die Figur in der Realität zu gründen, hat da nur noch kosmetischen Wert. THE KARATE KID kann seine Identität – studioproduzierter Teeniefilm der Achtzigerjahre – nicht verbergen, aber er hat das Herz auf dem rechten Fleck.

Ich habe leider nur die massiv gekürzte deutsche Fassung dieses Films gesehen, deshalb ist mein Text hier unter Vorbehalt zu betrachten. Unter normalen Umständen hätte ich mir diese Version des FIlmes gar nicht angesehen, aber ich wusste im Vorfeld nichts über eine ungekürzte Version, hatte INFERNO sowieso als ein eher uninteressantes DTV-Vehikel abgetan und keine Ahnung, dass sich hinter dem Regiepseudonym „Danny Mulroon“ der ROCKY-Veteran John G. Avildsen verbirgt, der seinen Namen zurückzog, nachdem sich das Studio in seinen fertigen Film eingemischt hatte. Der Film ist wahrscheinlich auch ohne die Kürzungen, die mir seltsamerweise kaum aufgefallen sind, merkwürdig, und ich kann nur mutmaßen, wie er wohl in einer intakten Version aussieht. Möglicherweise entpuppt er sich dann, wenn alle Kanten sauber abgerundet sind, als spröder Langweiler, so als 75-minütige schroff in den Himmel ragende Ruine ist er durchaus interessant, weil da scheinbar unvereinbare Gegensätze hart und unvermittelt aufeinandertreffen.

INFERNO beginnt mit einem indianischen Sprichwort und einem einsam auf einem Motorrad durch die Wüste fahrenden Van Damme als Veteran Eddie Lomax. Er hält an, steigt ab, nimmt eine Flasche Fusel und eine Knarre aus seinem Gepäck, trinkt einen kräftigen Schluck und legt sich dann mitten in die sich meilenweit in alle Richtungen ausdehnende Leere. Er wartet auf seinen Freund, den Indianer Six-Toes (Danny Trejo), den er um Erlaubnis zum Selbstmord bitten will und der dann plötzlich auch wie aus dem Nichts erscheint. Bevor Lomax seinen Plan jedoch ausführen kann, kommen ihm ein paar Proleten zuvor, die ihm das Motorrad klauen, das eigentlich für Six-Toes bestimmt ist, und ihn als tot zurücklassen. Es stellt sich heraus, dass sie zum Hogan-Clan gehören, einer Bande von Drogendealern, die ein Wüstenkaff namens Inferno in Angst und Schrecken versetzen. Die Anwesenheit einer Gruppe von Bikern nutzt Lomax, um einen Krieg zwischen den beiden anzuzetteln, in den auch die gebeutelten Bewohner von Inferno eingreifen.

Die Handlung ist unverkennbar von Kurosawas YOJIMBO inspiriert (die ihrerseits etliche Male aufgegriffen wurde, etwa von Sergio Leone für PER UN PUGNO DI DOLLARI oder von Walter Hill für LAST MAN STANDING), aber Avildsen befreit sie vom ihr innewohnenden Ingrimm. INFERNO wirkt abwechselnd hochgradig reduziert und stilisiert (der Anfang, der nahelegt, das Lomax und Six-Toes Phantome aus dem jemseits sind), dann wieder wie eine sehr warmherzige Komödie. Das Treiben in Inferno, das überwiegend von alten Leuten mit liebenswerten Marotten bewohnt wird, erinnerte mich etwa – gerade auch im Hinblick auf die Kulisse – an Ron Underwoods grandiosen TREMORS. Diese verschiedenen Ansätze stehen etwas unversöhnt nebeneinander und wirklich zwingend ist das alles nicht, aber dann auch wieder sehr ungewöhnlich und interessant. Ich war durchaus positiv überrascht, werde mir ein abschließendes Urteil bis zur Sichtung der intakten Fassung aber verkneifen.

Das Teeniemädchen Melissa Compton (Susan Sarandon) lässt sich von ihrem drogendealenden Hippiefreund Frank (Patrick McDermott) eine Überdosis Speed verpassen und landet daraufhin im Krankenhaus. Ihre Eltern sind sofort zur Stelle, Vater Bill (Dennis Patrick) – ein erfolgreicher Geschäftsmann – begibt sich in die Wohnung Franks, um Melissas Habseligkeiten abzuholen und wird dort von dem Dealer überrascht. Im Handgemenge stirbt Frank, Bill bleibt nichts anderes übrig, als seine Spuren zu verwischen und den Tatort zu verlassen. Nachts landet er in einer Bar, in der der Arbeiter Joe Curran (Peter Boyle) seine rassistischen Tiraden absondert. Die beiden kommen miteinander ins Gespräch und Bill lässt die Bemerkung fallen, er habe einen Hippie ermordet. Joe hält das zunächst für einen Scherz, als der Mord an Frank Tage später jedoch durch die Nachrichten geistert, zählt er eins und eins zusammen und sucht Kontakt zu Bill. Zwischen den beiden Männern entwickelt sich eine gefährliche Partnerschaft …

JOE muss man heute vor allem als Zeitdokument betrachten: Inszenatorisch eher unauffällig und dialoglastig (Wenn auch schön fotografiert), erinnert er etwas an die Filmadaption eines Theaterstücks. Tatsächlich basiert er aber auf einem Originaldrehbuch von Norman Wexler, der zwei Jahre nach EASY RIDER eine desillusionierte Bestandsaufnahme dessen verfasste, was von einstigen Idealen noch übrig geblieben war: nichts mehr. (1972 wurde Wexler dann festgenommen, nachdem er gedroht hatte Präsident Nixon zu erschießen – konsequent.) Was vormals Bewusstseinserweiterung war, ist nur noch Drogensucht, freie Liebe gelangweiltes Rumvögeln, „alternatives Lebenskonzept“ ein Euphemismus für verantwortungsfreies Rumgammeln, die brüderliche Liebe reicht gerade so weit wie der eigene Drogen- und Geldvorrat. Was einst als Gegenentwurf zur kapitalistisch organisierten bürgerlichen Gesellschaft gedacht war, ist nicht nur nicht zum Mainstream, sondern vielmehr selbst zur Dystopie geworden. Und die Antipathie und das Misstrauen, das den Hippies eh schon entgegengeschlagen war, ist nun offenem Hass gewichen. Die jugendlichen „Gammler“ sind zum perfekten Sündenbock für Leute wie Joe geworden, die zwar unter tristen Umständen leben, aber vor lauter Patriotismus nicht erkennen, wer für ihre Situation in Wahrheit verantwortlich ist. Letztlich ist es Neid, der den Zorn Joes schürt: Er würde gern selbst so ungezwungen leben, hat aber nicht den Schneid dazu.

In gewisser Weise kann man JOE auch als Vorläufer solcher Filme wie Cravens LAST HOUSE ON THE LEFT (oder natürlich Scorseses TAXI DRIVER, dessen Amoklauf-Finale JOE vorwegnimmt) betrachten. Die thesenhaft-aufklärerische Dramaturgie verfestigt diesen Eindruck ebenso wie der satirische Grundton des Films, mit dem Avildsen seine beiden Protagonisten bloßstellt, ohne dabei allzu offensichtlich zu werden. In der merkwürdigen Zweckbeziehung zwischen dem wohlhabenden, kultivierten und zivilisierten Bill und dem schäumenden, groben und ungebildeten Joe findet JOE seinen gesellschaftskritischen Kulminationspunkt. Bill braucht Joe, um seine eigenen Schuldgefühle zu exorzieren, Joe braucht Bill als Leitfigur, um die eigene Lethargie abzulegen und endlich auch einmal tätig zu werden. Wie die beiden – eigentlich antipodische Gegensätze, verdankt Joe seine Armut doch nicht zuletzt der Tatsache, dass Menschen wie Bill das Geld hinterhergeschmissen wird – sich zusammentun und jeweils die schlechtesten Eigenschaften des anderen verstärken, ist schon eine Schau. Da weiß man dann gleich wieder, warum man so ein ungutes Gefühl bekommt, wenn Politiker sich in Bierzelten tummeln und zur „Basis“ gehen, um zu erfahren, was der Volksmund so sagt. Joe fungiert für Bill als Versucher, als Katalysator, der ihn Tabus überschreiten und seine Zivilisiertheit abwerfen, weg vom Schreibtisch und mitten hinein ins Leben treten lässt, Bill verleiht den reaktionären Fantasien Joes im Gegenzug erst eine gewisse Legitimation. Und so kommt es am Schluss zur Katastrophe.

JOE trifft aufgrund seiner eher zurückgenommenen Regie heute nicht mehr so unmittelbar, wie er das vor 40 Jahren wahrscheinlich tat. Dennoch lässt sich an ihm gut nachvollziehen, welche Stimmung zu seiner Zeit vorherrschte. Präsident Nixon, der seine Präsidentschaft 1969 angetreten hatte und den Weg von der Euphorie zur totalen Depression begleitete, ist hier etwa schon früh Zielscheibe eines bösen Witzes. So berührt JOE vor allem deshalb, weil er sehr hellsichtig und beinahe prophetisch zeigt, wohin der Weg der USA führen würde, ohne dass jemand in der Lage gewesen wäre, das zu verhindern. Peter Boyle sollte nach dem Erfolg von JOE verständlicherweise die Rolle des ganz ähnlich angelegten Popeye Doyle in Friedkins THE FRENCH CONNECTION übernehmen, lehnte aber ab, weil er Angst vor den Geistern hatte, die er als rassistischer Arbeiter gerufen hatte. Er ist aber vor allem deshalb so furchteinflößend, weil er sehr transparent macht, dass es nur eines kleinen Stoßes bedarf, um einen großmäuligen Dampfplauderer in einen Mörder zu verwandeln. Das macht Avildsens Film dann abseits seines Status als Zeitzeugnis auch heute noch relevant.