Mit ‘John Hyams’ getaggte Beiträge

Film des Jahres 2012.

interview mit john hyams

Veröffentlicht: Januar 11, 2013 in Film, Zum Lesen
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Im Rahmen des bereits erwähnten John-Hyams-Specials auf critic.de ist jetzt ein ausführliches Interview mit dem Filmemacher veröffentlicht worden, das ich gemeinsam mit Jochen Werner geführt habe. John war überaus auskunftsfreudig und hat unsere ausufernden Fragen geduldigst und aufschlussreich beantwortet. Und so sehr ich auch der Meinung bin, dass es keine „richtigen“ Lesarten, sondern nur besser und schlechter begründete gibt, der Autor keine Deutungshoheit über sein Werk hat: Ich war doch froh, dass er meine Beobachtungen weitestgehend bestätigte. Ein sympathischer, intelligenter Zeitgenosse, auf dessen nächsten Film ich schon sehr gespannt bin. Das Interview findet ihr hier.

Der großartige John Hyams war hier auf diesen Seiten schon mehrfach Thema: Mit UNIVERSAL SOLDIER: REGENERATION, DRAGON EYES und vor allem UNIVERSAL SOLDIER: DAY OF RECKONING hat er drei Filme vorgelegt, die das Actiongenre von Grund auf verändert haben. Aber noch mehr: Er hat drei Filme von einer Kraft geschaffen, die an die ganz großen Meister des Fachs erinnert – Kubrick, Noe, Lynch, Cronenberg, Tarkovskij, Woo, Zulawski, Deodato, Cameron kommen einem unweigerlich in den Sinn, wenn man verfolgt, wie er das Schicksal des untoten Soldaten Luc Devereaux inszeniert. Auf Critic.de widmen sich in den nächsten Tagen verschiedene Autoren dem noch überschaubaren, aber kaum noch unterschätzbaren Werk. Darunter neben meiner Wenigkeit so verehrte Kollegen wie Jochen Werner, der wunderbare Film-Euphoriker Sebastian Selig sowie mein einstiger Mit-Himmelhund Marcos Ewert. Die Retrospektive rundet ein Interview mit John Hyams höchstselbst ab, zu dem ich auch ein paar Fragen beisteuern konnte. Hier findet sich der Einleitungstext, hier mein Essay zu UNIVERSAL SOLDIER: REGENERATION und Sebastians Text zu UNIVERSAL SOLDIER: DAY OF RECKONING. Viel Vergnügen!

Für Hard Sensations habe ich einen Text geschrieben, in dem ich mich mit drei aktuellen Actionfilmen auseinandersetze, die dieser Tage in Deutschland auf DVD erschienen sind/erscheinen: Es handelt sich um John Hyams‘ DRAGON EYES mit Jean Claude Van Damme und up-and-coming Martial-Arts-Star Cung Le, den neuen Seagal namens MAXIMUM CONVICTION und einen weiteren Film mit den „Muscles from Brussels“, Ernie Barbarashs großartigen SIX BULLETS. Hier geht’s lang, viel Vergnügen!

Lasst euch von Hirnis und Idioten, die diesen Film für DTV-Schrott halten, nicht in die Irre führen: UNIVERSAL SOLDIER: DAY OF RECKONING ist der Film des Jahres und wahrscheinlich sogar noch mehr. Es ist einer der radikalsten Filme aller Zeiten, ein einzigartiges, singuläres Kunstwerk eines Meisters des Mediums. Und wäre er nicht ein Sequel eines alten Emmerich-Actioners, dann wäre das absoluter Konsens. Meinen Text zur Stunde null des Actionfilms gibt es hier.

Terroristen verschaffen sich Zugang zum Kernkraftwerk von Tschernobyl und drohen damit, die Reaktoren zu sprengen, sollte der russische Präsident ihrer Forderung, politische Gefangene zu befreien, nicht Folge leisten. Die Situation wird dadurch noch verschärft, dass die Terroristen im Besitz eines NGU sind: eines mit neuesten wissenschaftlichen Mitteln hochgezüchteten Supersoldaten (Andrei „The Pitbull“ Arlovski). Als sämtliche auf das besetzte Gelände eingeschleusten Einsatzkräfte – darunter auch einige NGUs – dieser Kampfmaschine zum Opfer gefallen sind, gibt es nur noch eine Hoffnung: den Einsatz des NGU-Prototypen Luc Devereaux (Jean-Claude van Damme). Doch der befindet sich eigentlich mitten in einer Therapie, die ihn wieder zu einem „normalen“ Mitglied der Gesellschaft machen soll …  

Das Cyborg-/Maschinenmensch-Motiv, das sich bis in Stummfilmtage zurückverfolgen lässt (DER GOLEM von Carl Boese und Paul Wegener aus dem Jahr 1920) und auch in den berühmten FRANKENSTEIN-Filmen der Universal aus den Dreißigerjahren aufgegriffen wird, dreht sich im Kern nicht so sehr um die Frage, ob sich menschliches Leben künstlich erzeugen lässt, denn die wird von den Filmen ziemlich eindeutig mit „Ja“ beantwortet. An diese Erkenntnis knüpfen sich vielmehr weiterführende und dringlichere Fragen: Was ist die Essenz von Menschlichkeit? Was zeichnet den Menschen aus, wenn auch eine Maschine menschlich sein kann? John Hyams – Sohn des Regieroutiniers Peter Hyams, der den Film seines Sohnes mit seiner grandiosen Kameraarbeit veredelt – liefert im zweiten Sequel der UNIVERSAL SOLDIER-Reihe zwar keine wesentlich neuen Antworten auf diese Fragen, aber er liefert durch die Überkreuzung des Menschmaschinen-Motivs mit dem in den letzten Jahren im Actionfilm neu etablierten (und durch das Altern seiner Darsteller begünstigten) Thema des Alterns des Helden neue Impulse hinsichtlich einer Typisierung des Actionhelden. UNIVERSAL SOLDIER: REGENERATION ist auf den ersten Blick zunächst einmal ein unglaublich düsterer und trostloser Film: Das Tschernobyl-Setting – das Realität gewordene postnukleare, posthumanistische wasteland – wird in ein stählern-kaltes Blaugrau getaucht, das nur durch ein infernalisch loderndes Flammengelb in den Reaktorraum-Szenen „aufgelockert“ wird, dazu wummert ein technoid-synthetischer Score. Und als human factor in einem Film, der ausschließlich von Soldaten, Terroristen, kühl kalkulierenden Politikern, größenwahnsinnigen Wissenschaftlern und deren Zombiesoldaten bevölkert scheint, wird dem Zuschauer mit Luc Devereaux ein Mann serviert, dessen Restmenschlichkeit nicht ausreicht, um ihn als Mensch leben zu lassen. Sein Blick ist erloschen, seine Gesichtszüge eingefallen, jegliche Fähigkeit, Emotionen zu empfinden, ist ihm abhanden gekommen, erinnern kann er sich an fast nichts. Nur ein Instinkt ist ihm geblieben: der Instinkt zu kämpfen, zu töten, zu überleben. Und der soll nun durch eine Therapie unterdrückt werden. 

Es gibt eine erschütternde Szene, in der Devereaux mit seiner Therapeutin in einer Bar sitzt, misstrauisch einen Mann beäugt, der den Raum betritt, völlig unvermittelt aufspringt und wie ein Berserker auf diesen einzudreschen beginnt. Nur das Eingreifen der Therapeutin verhindert, dass Devereaux zum Mörder an einem vollkommen Unschuldigen wird. Die Szene endet damit, dass die Therapeutin Devereaux hinausführt, der Mann wird keine weitere Rolle mehr spielen. Man kann den ganzen Film durchaus als humanistischen Kommentar verstehen, als krasse Verbildlichung der verheerenden psychischen Schäden, die Soldaten in Kriegseinsätzen erleiden, aber mehr Durchschlagskraft erhält UNIVERSAL SOLDIER: REGENERATION, wenn man ihn als Kommentar zum Status quo des Actionhelden liest. Die tapferen Krieger für die gute Sache stehen plötzlich in einem anderen Licht da, wenn man sie mit Devereaux abgleicht – oder auch mit Scott (Dolph Lundgren), dem anderen NGU: Dessen unwillkürliche auftretenden Impulse zur Kontemplation und Reflexion werden immer wieder durch die Eingriffe seines Schöpfers unterbunden, dem sie schlicht unwillkommen sind; als Kriegsmaschine habe Scott gefälligst bedingungslos zu funktionieren. Die Forderung, seine Menschlichkeit zu vergessen, die Trautman – ganz väterlicher Freund – mit seiner „full circle“-Frage an Rambo richtet (siehe auch meine Texte zu RAMBO und THE ROOKIE), findet in UNIVERSAL SOLDIER: REGENERATION Widerhall in den Worten des Wissenschaftlers, der Devereauxs Regenerationsprozess mit einer Spritze unterbindet: „I can make you whole again.“ Ganz, eins, das ist Devereaux nach dem Verständnis des Wissenschaftlers dann, wenn dieser seine Zweifel vergisst und sich ganz seiner von außen auferlegten Bestimmung unterwirft, seine Funktion erfüllt, ohne sie weiter zu hinterfragen. So betrachtet sind die Actionhelden plötzlich traurige, unterjochte Geschöpfe (Frankensteins Monster nicht unähnlich – ich habe diesen Vergleich schon einmal gezogen), seelische Krüppel, für die es keine Erlösung jenseits des Todes mehr geben kann.

Was UNIVERSAL SOLDIER: REGENERATION aber über den resignativen Nihilismus hinausführt, ist dieser Funken Hoffnung, der in Form des nicht unterzukriegenden Drangs der Menschlichkeit, sich gegen äußere Zwänge zu behaupten, in Devereaux und Scott am Leben bleibt und Hyams Film davor bewahrt, zum allzu tristen Memento mori zu werden. Es ist das Ringen um ihre Restmenschlichkeit, das Devereaux und Scott inmitten einer Welt, die Menschlichkeit nur noch als Schwäche begreift und sie deshalb mit allen Mitteln abzutöten gedenkt, zu Sympathieträgern macht und den Blick in die Zukunft eröffnet. Ein wahrhaft großer Film: Und eine Actiongranate vor dem Herrn überdies.