Mit ‘John Lithgow’ getaggte Beiträge

Noch vor ein paar Jahren hätte ich THE BIG FIX wahrscheinlich dafür kritisiert, dass ihm der große Clou fehlt, er nur eine typische, im Rückgriff auf die Traditionen des Noir komponierte und modernisierte Private-Eye-Geschichte erzählt und das weniger kunstvoll als etwa Robert Altman in THE LONG GOODBYE oder Arthur Penn in NIGHT MOVES. Heute liebe ich ihn gerade dafür, dass er sich damit begnügt, seinen überzeugend und liebevoll gezeichneten Charakteren durch zwei Stunden Plot-Labyrinth zu folgen. Ein Luxus, den sich heute ja kaum noch ein Hollywood-Film gönnen mag: Alle müssen sie den nächsten heißen Storytelling-Trend lostreten, das neueste technische Gimmick vorführen oder eine politische Agenda vertreten. Und vergessen dabei, worum es doch eigentlich geht – oder gehen sollte.

Moses Wine (Richard Dreyfuss) war in den späten Sechzigerjahren mittendrin in den Studentenunruhen, als idealistischer Revoluzzer trug er seinen Teil dazu bei, den gesellschaftlichen Umbruch einzuleiten, der dann leider doch nicht kam. Heute verdingt er sich als kleiner Privatdetektiv, hat sich zwar nicht mit dem Kapital gemein gemacht und seine Ideale verraten, dafür aber die Ehefrau (Bonnie Bedelia) verloren, die nicht als Erwachsene noch wie ein Student leben will. Neue Hoffnung keimt auf, als eine alte Flamme an Moses‘ Tür klopft: Lila Shane (Susan Anspach) arbeitet heute für Sam Sebastian (John Lithgow), den Wahlkampfmanager des Lokalpolitikers Hawthorne, der sich Hoffnung macht, den Posten des Gouverneurs zu erlangen, aber mit einer Schmierkampagne zu kämpfen hat, hinter der möglicherweise der seit Jahren von der Polizei gesuchte Linksradikale Howard Eppis steckt. Moses soll mit seinen alten Verbindungen dabei helfen, Eppis ausfindig zu machen. Natürlich steckt hinter dem vermeintlich einfachen Fall ein politisches Komplott, in dem der kleine Privatdetektiv nach dem gewaltsamen Tod Lilas plötzlich einer der Hauptverdächtigen ist …

THE BIG FIX wurde inszeniert von Jeremy Kagan, der weder vor noch nach THE BIG FIX besonders in Erscheinung getreten ist: Den Großteil seines zumindest quantitativ recht beachtlichen Werks bestritt er mit TV-Produktionen, zu seinen Kinofilmen zählen u. a. das Vietnam-Heimkehrerdrama HEROES, das fehlgeleitete Sequel THE STING II, der Disney-Kinderfilm THE JOURNEY OF NATTY GANN sowie das mit Eric Roberts besetzte Fechterdrama BY THE SWORD. Auch THE BIG FIX fällt nicht gerade mit opulenter Bildgestaltung oder genialen dramaturgischen Kniffen auf, sondern in erster Linie durch seinen locker-flockigen Flow und seinen Hauptdarsteller. Richard Dreyfuss ist idealbesetzt als intellektueller Slacker, der sich den Karrieristen zwar einerseits überlegen fühlt und gelangweilt auf die gängigen gesellschaftlichen Spielchen herabschaut, andererseits aber auch darunter leidet, dass ihn alle als Loser und Abgehängten identifizieren. Hätte er doch nur Meeresbiologie studiert, er hätte ein erstklassiger Haiforscher werden können. So reicht es nur für die ranzige Gammelbude, den lädierten VW Käfer und die gehässigen Sprüche vom neuen Lover seiner Ex-Frau, der sein Geld mit New-Age-Selbsthilfekursen verdient.

Der Fall, in den er verwickelt wird, ist symptomatisch für seine Situation, aber auch für den Zustand der Gesellschaft in den späten Siebzigerjahren: Die Gesetzeshüter kämpfen immer noch gegen die „linken Terroristen“ von einst, die ihnen angeblich in die Suppe spucken wollen, doch sind die in Wahrheit ja längst assimiliert. Die Radikalen von damals haben sich gut arrangiert mit dem System, streichen heute die dicke Knete ein oder helfen den Mächtigen dabei, an der Macht zu bleiben. Wenn es ihrem eigenen Fortkommen hilft, sind sie sogar dazu bereit, ihre einstigen Mitstreiter in die Scheiße zu reiten. Wer sich in dieser Welt, in der der am weitesten kommt, der über die flexibelsten Wertvorstellungen verfügt, den Luxus von Idealen und Überzeugungen leistet, landet unter den Rädern.

Wie es schon für den Noir der Vierziger- und Fünfzigerjahre galt, so ist es auch hier ziemlich unmöglich, den Twists und Turns der Handlung zu folgen oder gar sie vorherzusehen. Aber es macht Spaß, Moses zu begleiten, ihm zuzuhören, wie er sich mit seiner kommunistischen Tante darüber streitet, ob Bakunin nun eine Terrorist war oder nicht, seine Verachtung für das Establishment in seinen Augen aufblitzen zu sehen oder seinen Stolz, als er gegenüber den Drohungen der staatlichen Autorität nicht einknickt, sondern dem Apparat die Stirn bietet – und gewinnt. THE BIG FIX ist einfach endlos sympathisch, sowohl in seiner politischen Gesinnung als auch in der Entspanntheit der Erzählung und seiner Darbietungen. Ganz wunderbar ist etwa F. Murray Abrahams Auftritt, über den ich jetzt weiter nichts sagen will, weil das ein unnötiger Spoiler wäre. Ich empfehle Freunden des Noirs oder des New Hollywood ganz einfach, diesen Film ausfindig zu machen und zu genießen. Wer den Universal-Channel auf Amazon Prime abonniert, findet dort die erstklassige deutsche Synchronfassung vor.

riseoftheplanetoftheapes_1sheet_largeEine furchteinflößende Zukunftsvision. Nein, nicht die, dass die Erde eines Tages von Affen behrrscht wird, weil die Menschen in ihrer Hybris wieder einmal Gott gespielt und einen superintelligenten Affen geschaffen haben, der die geknechteten Primaten in der Folge in eine Revolution führt. Sondern die, dass Film, eine der komplexesten, reichsten, poetischsten und kraftvollsten Kunstformen nach einem rasanten, in nur wenigen Jahrzehnten erfolgten Gipfelsturm, zu primitivem Fernsehen verkommt, zu unkreativ ausgewalzter und „authentisch“ bebilderter Handlung. Die Saat dafür ist bereits gelegt: Vielen Menschen gelten Fernsehserien, die der filmischen Verdichtung das akribische Auserzählen, der Reduktion die Akkumulation, der Dichtung die Informations- und Faktenhuberei, dem make believe die lückenlose Plausibilität entgegensetzen, heute längst als Gipfel der visuellen Kunst, die Film den Rang abgelaufen hat. Was das für Konsequenzen hat, sieht man im Reboot der geliebten Science-Fiction-Reihe, einer unproduktiven, unkreativen, fantasielosen und ultimativ armen Übung in Inhaltismus. Alles, was RISE OF THE PLANET OF THE APES gegenüber dem Klassiker von Franklin J. Schaffner zu bieten hat, sind „realistische“ CGI-Affen. Die allerersten Kurz-Stummfilme, die vor über 100 Jahren lediglich Objekte in Bewegung zeigten, waren moderner, fortschrittlicher und künstlerisch gewagter als das hier.

Zunächst zur Handlung, da RISE auf diese so irrsinnig viel Wert legt: Am Ende der nur halb erfolgreichen Entwicklung eines Alzheimer-Medikaments steht zunächst der superintelligente Affe Caesar (Andy Serkis), der im Haus des Wissenschaftlers Will Rodman (James Franco) aufwächst. Doch mit der Intelligenz entsteht auch ein Selbstbewusstsein, das sich mit der Rolle als Haustier nicht mehr länger zufriedengeben mag: Caesar landet nach diversen Tobsuchtsanfällen in einem Tierheim, erfährt menschliche Niedertracht am eigenen Leibe und findet die Armee, die er im letzten Akt des Films in die Schlacht führt. Das Ende der Menschheit, das den Aufstieg der Affen zur die Erde beherrschenden Gattung begünstigt, leitet indessen Will mit der Verbesserung des fehlerhaften Medikaments ein, das als tödlicher Virus die Reise ums Erdenrund antritt.

Es ist einerseits natürlich nachvollziehbar, dass Rupert Wyatt die Geschichte, die der alte PLANET OF THE APES-Zyklus in fünf Installationen von hinten nach vorn erzählte, in die chronologisch „richtige“ Reihenfolge bringt: Irgendwie muss er sich ja von seiner Quelle lösen. Aber diese falsche „Innovation“ ist auch symptomatisch für das künstlerische Versagen des Films, der nichts zu erzählen hat, außer der Geschichte, die ihm das Drehbuch diktiert. Was Schaffners PLANET OF THE APES zum Klassiker machte, waren die Auslassung und das durch die Maske gelieferte Bild des Menschen im Affen bzw. umgekehrt. Es war gar nicht nötig, die Geschichte der Auslöschung der Menschheit zu erzählen, weil das Bild der zerstörten Freiheitsstatue keinerlei Fragen mehr offen ließ, mehr aussagte als es stundenlange, wortreiche Narration jemals vermocht hätte. Und die aus heutiger Sicht unperfekten Affenmasken ließen eben nie einen Zweifel daran, dass es hier einzig und allein um den Menschen ging. Was hingegen hat uns RISE OF THE PLANET OF THE APES zu sagen? Jedwedes allegorische Potenzial geht im langweiligen Streben nach größtmöglichem Realismus flöten, nichts bleibt der Vorstellung des Zuschauers überlassen, weil da einfach nichts ist, was ihn überhaupt mit der Geschichte verbinden würde – von der bloßen Sympathie für einen intelligenten Affen und gepeinigte Tiere mal abgesehen. Warum wir uns dafür überhaupt interessieren sollten, wird in totaler Verkennung dessen, was Schaffners Film einst so erfolgreich gemacht hatte, auf die Sequels verschoben.

Ich halte Wyatts Film gern zugute, dass er keine Kindergarten- oder Zirkusnummer aus seinem Stoff gemacht hat, wenngleich das actionreiche Finale, in dem die Affen die Golden Gate Bridge stürmen und wutschnaubende Gorillas Hubschrauber zum Absturz zwingen, das einzige war, was mich gestern wirklich gepackt hat. Aber in seinem völlig eindimensionalen Verständnis davon, was Erzählung und Film eigentlich zu leisten im Stande sind, ist RISE noch deutlich schlechter als Burtons nun doch mit Krawumm in die Binsen gegangener Versuch einer Neubelebung. Wenn die optische Aufpeppung alles ist, was Filmemacher mit den ihnen durch moderne Technologie an die Hand gegebenen, nahezu grenzenlosen Möglichkeiten anzufangen wissen, wenn Authentizität und Realismus das alles beherrschende neue Paradigma filmischen Erzählens sind, dann gute Nacht.

Im 14. Wahlbezirk North Carolians schickt sich der konservative Politiker Cam Brady (Will Ferrell) mangels Konkurrenz an, zum vierten Mal wiedergewählt zu werden. Doch dann bekommt er unerwartete Konkurrenz: Weil die Gebrüder Motch (Dan Aykroyd & John Lithgow), zwei reiche Unternehmer, für ihre Geschäftspläne einen gefügigen Politiker in Nort Carolina brauchen, investieren sie ihr Geld in Marty Huggins (Zach Galifianakis). Der brave, geistig etwas minderbemittelte Sohn eines Geschäftspartners (Brian Cox) wird vom Imageberater Tim Wattler (Dylan McDermott) aufgepeppelt und macht Brady bald arge Probleme. Der Konkurrenzkampf der beiden Kandidaten nimmt bald schon bizarre Züge an. Brady und Huggins beginnen umzudenken – sehr zum Missfallen der Motch-Brüder …

Die Freude über eine neue Komödie mit Will Ferrell nach längerer Abwesenheit (die er mit einem Ein-Personen-Theaterstück zu füllen wusste, in dem er in die Rolle George W. Bushs schlüpfte) wird dadurch geschmälert, dass THE CAMPAIGN als politische Satire und liberale Kritik am kapitalistischen Wahlkampfzirkus reichlich naiv und pauschal daherkommt. Seine Kritik lässt sich am Ende auf das diffuse Gefühl reduzieren, dass „die da oben“ alle gekauft sind und ein guter Politiker doch bitte immer die Wahrheit sagen soll. Das ist ungefähr so differenziert, wie der Schmonzes, der Sido (!) in Stefan Raabs Polittalkshow triumphieren ließ, und eigentlich kaum besser als die Scheinheiligkeit, die man dem Feindbild vorwirft. So muss man den wahrscheinlich ernst gemeinten Background des Films immer ein wenig ausblenden, um gepflegt ablachen zu können – dass Roach eigentlich ausschließlich Standards des Ferrell’schen Humorschaffens bemüht, macht es nicht einfacher. Die Grundidee ist ja nicht verkehrt und wer sich bei Landis‘ TRADING PLACES bedient (der Plan der Motch-Brüder), hat zumindest schonmal Geschmack bewiesen, aber angesichts der Möglichkeiten, muss die Auflösung, bei der alle ihrer Fehler einsehen und der geläuterte korrupte Politiker dem Idealisten freiwillig das Feld überlässt, weil er von dessen moralischer Integrität beeindruckt ist, enttäuschen. Ein Moralist wie Capra (den mein Mitgucker Frank als Vergleich heranzog) kam mit seiner Botschaft unter anderem deshalb weg, weil er seine Geschichten in einem stilisierten Märchen-Amerika ansiedelte: In THE CAMPAIGN stehen der bekannte linksliberale Zynismus und der unheilbare Glaube an eine Welt, in der es nur eines Mannes bedarf, der sich nicht verbiegen lässt, auffallend unvereinbar nebeneinander.

Die Einfalt des Films tritt in einem metergroßen Plothole zutage: Warum die Motches zur Verwirklichung ihrer schmutzigen Pläne überhaupt einen neuen Kandidaten ins Rennen werfen, anstatt ihr Geld gleich auf Brady zu setzen, der doch von Anfang an als Prototyp des käuflichen, karriere- und geldgeilen Politikers gezeichnet wird, kann Roach natürlich nicht erklären. Wäre THE CAMPAIGN „nur“ eine Komödie, wäre das ja alles kein Problem, aber in einem Film, der ein politisches Gewissen vorgibt, sind solche Versäumnisse schlicht peinlich. Die argumentfreie Gesinnungshuberei lasse ich mir dann auch nur gefallen, weil niemand das vernunftunbegabte Kind im erwachsenen, notgeilen Manne so gut drauf hat wie Will Ferrell. ANCHORMAN 2 kann kommen, dann bitte wieder ohne Gesellschaftskritik.