Mit ‘John P. Ryan’ getaggte Beiträge

shamus (buzz kulik, usa 1973)

Veröffentlicht: September 19, 2018 in Film
Schlagwörter:, , , , ,

Burt Reynolds ist in der vergangenen Woche verstorben. Er war einer der Superstars der Siebzigerjahre, bis in die Achtziger hinein wurden Starvehikel um ihn gestrickt, bis seine Masche und sein Schnäuz nicht mehr zeitgemäß waren und andere kernige Typen und ein anderer Typ Mann ihn ablösten. Und wie viele männliche Stars, die einen nicht unerheblichen Teil ihrer Popularität ihrer Attraktivität und Anziehungskraft auf das weibliche Geschlecht verdanken, fiel er mit zunehmendem Alter bei Publikum und Kritik in Ungnade. Burt Reynolds musste erst sterben, damit man sich wieder daran erinnerte, dass er nicht nur der gnadenlos selbstbewusste und geckenhaft lachende, unverschämt gut aussehende Typ mit dem Pornoschnurrbart war, sondern tatsächlich ein Schauspieler, der über eine unleugbare Leinwandpräsenz verfügte.

SHAMUS stammt aus jener Phase seines Schaffens, in der er zu jenem Superstar wurde, an den wir uns heute zurückerinnern: John Boormans DELIVERANCE, WHITE LIGHTNING, Robert Aldrichs THE LONGEST YARD und HUSTLE stammen aus dieser Zeit und etablierten seine Persona als durchtrainierter, zupackender, nicht unbedingt strahlender, weil doch immer etwas dubioser, aber doch eher dem Guten zugeneigter Frauenheld. In SHAMUS kommt zudem noch sein selbstentwaffnener Humor zum Zuge, der ihm in den späten Siebzigerjahren mit SMOKEY AND THE BANDIT einen erneuten Popularitätsschub verschaffte. Es handelt sich bei Buzz Kuliks Film um einen jener starzentrierten Krimis, die wir heute im Zeitalter des Eventmovies gar nicht mehr zu Gesicht bekommen, die uns heute beinahe fremdartig unspektakulär erscheinen. Die Detektivgeschichte ist Standard-Crime-Fare, basierend auf den Private-Eye-Geschichten des Noir, und lediglich Mittel zum Zweck. Und jener Zweck ist es, dem Star eine Plattform zu bieten. Burt Reynolds ist in nahezu jeder Szene zu sehen und sein Privatdetektiv ist es, der den Film im Wesentlichen interessant macht. Aber das ist rückblickend dennoch nicht das einzige, was für SHAMUS einnimmt.

SHAMUS ist nämlich vollgestopft mit interessanten Charakteren und guten, authentisch agierenden Nebendarstellern, die die schmutzigen Straßen eines Brooklyn bevölkern, das jene grittiness aufweist, die man speziell am New-York-Film jener Tage so schätzt, aber noch nicht so abgenutzt ist, dass man ein Déjà vu nach dem anderen erlebt. Und Reynolds Privatdetektiv Shamus McCoy führt uns durch diese Welt. Da gibt es den Informanten Springy (Larry Block), der ständig mit nutzlosem Sportwissen um sich schmeißt. Oder Heav (Irving Selbst), den stoischen Betreiber der Billardhalle, die Shamus als Büro dient. Dem Mafiosi namens Dottore (Giorgio Tozzi) möchte man stundenlang beim genießerischen Verspeisen seiner Tagliatelle zusehen (wie Steven Seagal in OUT FOR JUSTICE hat Shamus eine Straßenvergangenheit und gute Kontakte zur italienischen Mafia) und Dyan Cannon ist als love interest Alexis Montaigne das ganz seltene Beispiel einer selbstbewussten und intelligenten Frau, die nicht nur dazu da ist, den Helden anzuhimmeln oder ihm zuzusetzen. Wie sie sich mit Reynolds die Bälle zusielt, ist ein Highlight des Films. John P. Ryans hat in seinem Gastauftritt als irrer Colonel Hardcore die Gelegenheit, richtig aufzudrehen, aber seine überzogene Rolle lenkt eigentlich von der Gelassenheit, die Kuliks Film sonst auszeichnet, ab. Es sind eher die kleineren Einfälle, die haften bleiben und mit denen der Regisseur typische Standards akzentuiert: etwa wenn Shamus gleich zu Beginn einen Auftrag von einem Multimillionär erhält, der für ihn mehr als nur eine Nummer zu groß ist (ein Noir-Standard, den auch die Coens in THE BIG LEBOWSKI aufgriffen), und er von dem reichen Pinkel in einem so weit runtergekühlten Raum empfangen wird, dass er seinen abgelegten Trenchcoat als Decke verwenden muss. (Die Frage McCoys, der wie vielte er auf seiner Liste gewesen sei, beantwortet der Auftraggeber wahrheitsgemäß mit „der dreiundfünfzigste“.)

Der für sich genommen spektakulärste Moment von SHAMUS ist ein Stunt ganz am Ende: Der in die Enge getriebene Protagonist springt von einer Mauer in einen dünnen Baum, dessen Ast daraufhin bricht und den Detektiv in einem ungesund ausehenden Salto zu Boden stürzen lässt. Das war nicht geplant und Stuntman Hal Needham erlitt bei dem Sturz eine Gehirnerschütterung, aber Kulik bewies Stil und beließ den Unfall im Film. Es gibt einige weitere gut getimete Actionszenen, wie eine Zu-Fuß-Verfolgungsjagd im Hafen und ein paar blutige Einschüsse, die SHAMUS immer mal wieder einen Arschtritt verpassen, aber mehr als diese Spitzen haben mich der angenehme Flow des Films und sein niemals aufdringlicher Witz begeistert. Reynolds hat ganz erheblichen Anteil daran: Die ersten fünf Minuten, in denen sein McCoy nach einer durchzechten Nacht aufwacht (er schläft auf einem Billardtisch) und von einem heftigen Hangover geplagt durch seine Wohnung wank, sind ganz große Schauspielkunst und ein Einstand nach Maß in diesen gut abgehangenen Thriller, der den Betrachter nicht unbedingt mitreißt, aber ihn sehr überzeugend dazu überredet, ihn für 90 Minuten zu begleiten.

Auf Hard Sensations kann man ab sofort den zweiten Teil meines kleinen Aufsatzes über Actionfilme mit Südamerikabezug lesen.  Gegenstand der Betrachtung sind der schöne Robert-Ginty-Film THE MISSION … KILL, Aaron Norris‘ DELTA FORCE 2: THE COLOMBIAN CONNECTION, James Glickenhaus‘ MC BAIN und zu guter Letzt J. Lee Thompsons ultrabrutaler Bronson-Knaller THE EVIL THAT MEN DO. Viel Vergnügen!

1999: Jugendgangs haben die US-amerikanischen Metropolen in bürgerkriegsartige Zustände gestürzt. Die Ordnung wurde wieder hergestellt, indem man bestimmte Stadtgebiete einfach aufgab: die so genannten Free-Fire-Zones, in denen nun Anarchie herrscht. Die Kennedy High School in Seattle liegt in einer solchen Free-Fire-Zone und soll wieder geöffnet werden. Dazu installiert das „Ministry of Educational Defense“ gemeinsam mit dem Waffenhersteller Megatech drei Cyborgs als Lehrkräfte (John P. Ryan, Pam Grier und Patrick Kilpatrick), die den aufmüpfigen Schülern notfalls mit Gewalt Manieren beibringen sollen. Was niemand weiß: Die Cyborgs sind der Prototyp für eine neue Waffenserie und ihr Einsatz an der Schule nur ein Testlauf. Bald sind die ersten toten Schüler zu beklagen. Der Anführer der Jugendgang „Blackhearts“, Cody Culp (Bradley Gregg), stellt sich den Kampfmaschinen entgegen …

Wieder mal so eine Filmsichtung aus der Kategorie „Wiedersehen mit alten Freunden“. Die deutsche Leihvideo-Veröffentlichung von CLASS OF 1999 war massiv geschnitten, die Kopie des niederländischen Tapes avancierte somit zum gefragten Kulturgut und zum essenziellen Bestandteil der Sammlung. Ja, seinerzeit war CLASS OF 1999 ein Renner, vollgestopft mit schöner Gewalt, geilen MAD MAX-Outfits, kreativen Latex- und Prosthetics-Splattereien und Darstellern, von denen man zwar wusste, dass man sie irgendwie cool finden sollte (neben den oben genannten etwa Stacy Keach mit herrlich gebleichter Endachtziger-Rattenschwanz-Frisur und gruseligen Reptilienaugen-Kontaktlinsen und natürlich Malcolm McDowell), aber noch nicht so recht, warum bzw. wofür. Untermalt wurde das Spektakel von in höchstem Maße testikelvergrößerndem,  prolligem und – da Nirvana ja noch in weiter Ferne lagen (zwei Jahre fühlten sich damals noch wie eine Ewigkeit an) – von der eigenen Dominanz besoffenem Schwanzrock, der die Bilder einer nahen, von coolen Jugendlichen in noch cooleren Postpunk-, New-Barbarian- und New-Wave-Klamotten dominierten urbanen Apokalypse treffend kommentierte. Der Zahn der Zeit hat also naturgemäß seine Spuren an Mark L. Lesters Film hinterlassen, aber das macht nichts, ist schließlich Teil des Spiels, wenn man solche mit einem selbst verwachsene Schätze aus der Versenkung hebt. Und mit den aktuellen Genrevertretern vorm geistigen Auge, die Vision, Commitment und Einfallsreichtum oft durch vordergründige Perfektion ersetzen, kickt CLASS OF 1999 doppelt so hart: Was hier an Stunts, Explosionen und Zerstörung aufgefahren wird, spottet jeder Beschreibung. Heutzutage lassen Filmemacher die Festplatten und Prozessoren ihrer Rechner rauchen, früher haben Leute wie Lester Autos angezündet und Häuser gesprengt, wenn sie Qualm haben wollten. Recht so!

So ist CLASS OF 1999 dann auch nicht unbedingt ein Film für Feingeister – noch weniger als der nominelle Vorgänger, Lesters visionärer CLASS OF 1984, der sich des Themas „Gewalt an Schulen“ angenommen und es mit dem seit Winners DEATH WISH etablierten Selbstjustizfilm kurzgeschlossen hatte und selbst schon nichts für zarte Gemüter gewesen war. Der Realitätsbezug, den jener noch hatte, wird hier weitestgehend zugunsten eines wilden, deutlich an Verhoevens ROBOCOP angelehnten Science-Fiction-Szenarios verworfen, das zwar dystopische und also halbwegs auf realen Verhältnissen gründende Züge trägt, aber in erster Linie Anlass für krachendes Spektakel bietet. Vor allem am Schluss, wenn die Cyborglehrer ihre fleischlichen Hüllen fallen lassen und sich ganz unverhohlen als Mordmaschinen mit individueller Bewaffnung (Flammenwerfer, Raketenwerfer, Stahlkralle und Schlagbohrer) präsentieren, schlägt das Herz des Exploitationfreundes einen Salto in der Brust. Doch die schönste und hintersinnigste Szene des Films ist ohne Zweifel die, in der John P. Ryans gestrenger Geschichtslehrer (immer stilecht in Sakko und Cordhose) zwei Bandenmitglieder zur Räson bringt, indem er sie vor versammelter Klasse kurzentschlossen über Knie legt und ihnen ordentlich den Arsch versohlt. Das ist so wunderbar oldschool wie Lesters Film im Jahre des Herrn 2011.

Jerry Mitchell überhört den Wecker, schreckt dann panisch hoch, um sich für den bevorstehenden Schultag fertigzumachen, an dem er die Verantwortung über den School Store hat. Nach einer hektisch besorgten Katzenwäsche, einem zwischen Tür und Angel eingenommenen Frühstück und dem Missbrauch der Mikrowelle als Wäschetrockner kann für ihn und die schon auf ihn wartende jüngere Schwester die Fahrt zur Schule beginnen, auf der er unterwegs noch seine eigentlich viel zu coole, gelassene und souveräne Freundin aufsammeln muss, deren ausgezeichnetes Timing sie ohne jede Eile und punktgenau in der richtigen Sekunde vor die Tür treten lässt. Kein Vergleich zum entnervten Jerry, der kurz darauf beinahe alle drei in einen haarsträubenden Verkehrsunfall verwickelt, den er nur kraft des unverschämten Glücks des Tüchtigen vermeiden kann. Just in dem Moment, als er den Schock abgeschüttelt hat und auf den Schulparkplatz einbiegt, drängt sich der Popsong vom Soundtrack in den Vordergrund und vermeldet: „This is something to remember me by.“ Das muss tatsächlich dazugesagt werden, denn Jerry ist eher der Typ „Mann ohne Eigenschaften“, der von allen übersehen wird. Sein grauer Wollpullover spricht Bände. Aber wir wissen jetzt: He will overcome.

Phil Joanous THREE O’CLOCK HIGH erzählt von einem Schultag, an dem für Jerry tatsächlich alles daneben geht und den er – wie jenen Unfall aus der Auftaktsequenz – unbeschadet überstehen muss, obwohl doch alle Zeichen auf Schmerzen, Demütigung, Bestrafung stehen. Der Film folgt jener unaufhaltsamen Eskalationslogik, bei der jedes einzelne Detail so in Stellung gebracht wird, dass sich für Jerry daraus entweder unangenehme Konsequenzen ergeben oder schon bestehende Gefahren noch verschärft werden. Für Jerry geht es tatsächlich um alles: Er fürchtet um seine Gesundheit, sein Leben, seine Schul- und Berufslaufbahn und seine Zukunft, aber es ist ja nicht zuletzt diese Furcht, die ihn in immer tiefere Schwierigkeiten treibt, weil sie ihn dazu verführt, weitere Dummheiten zu begehen. Das Schöne an THREE O’CLOCK HIGH ist, dass er sich der naiven Schuljungen-Perspektive Jerry Mitchells total verschreibt, obwohl er gleichzeitig ganz klar aufzeigt, dass die durchzustehenden Konflikte alles andere als existenzielle Bedeutung haben: Der neue Schüler Buddy Revell (Richard Tyson), von dem er um 15 Uhr eine vermeintlich tödliche Tracht Prügel erwartet, weil er es gewagt hat, ihn anzufassen, und über dessen bisherige Verbrechen und Straftaten die Schüler auf den Gängen der Schule fast ehrfurchtsvoll sprechen, ist zwar ein unangenehmer Bully und Angeber, aber eben kein Mörder, die Polizisten und Sicherheitsbeauftragten der Schule, die Jerry außerdem das Leben zu Hölle machen, als sei er ein Schwerverbrecher, letztlich nur ihre Macht auskostende Sesselfurzer. Wenn Jerry seine Nemesis Buddy mit einem Lucky Punch niederstreckt, ist dessen Bann gebrochen und es sind plötzlich Jerrys „Taten“, die im Stille-Post-Verfahren zu Legenden aufgeblasen werden. So bereitet die High School auf das Leben „da draußen“ vor: indem sie es in kleinerem Rahmen simuliert. Und sie ist als Erziehungsanstalt dann erfolgreich, wenn ihre Schüler ihre Simulation für bare Münze nehmen. Jerry ist in diesem Sinne ein absoluter Musterschüler: So arglos und lieb, dass ihm dieser eine Pechtag als einer erscheint, der über den Rest seines Lebens entscheiden könnte.

THREE O’CLOCK HIGH ist ein wunderbar bescheidener Film: Er kommt ganz ohne Subplots aus, konzentriert sich allein darauf, diese eine Geschichte gut und richtig zu erzählen und das gelingt ihm mit Bravour. Timing und Rhythmus, mit denen solche Filme stehen und fallen, sind perfekt, die Gags sitzen, die Figuren sind genau so weit charakterisiert, dass sie als Typen einerseits klar erkennbar bleiben, andererseits aber trotzdem lebendig sind. Die Besetzung ist ausgezeichnet – vor allem natürlich Casey Siemaszko, der fast jede Szene bestreiten muss – und nach 85 Minuten kommt der Film genau zum richtigen Zeitpunkt zum Ende. Kurzweil auf hohem Niveau von Phil Joanou, der später den Gangsterfilm-Klassiker STATE OF GRACE inszenieren sollte und mit THREE O’CLOCK HIGH sowas wie das Negativ zu FERRIS BUELLER’S DAY OFF gedreht hat: einen Film über die Odyssee eines Jungen, dem einfach alles misslingt. John Hughes‘ Films ist der Traum, das hier die Realität.