Mit ‘John Philipp Law’ getaggte Beiträge

Ein Brite dreht mit spanischem und schweizerischem Geld einen Film über drei traumatisierte Vietnamveteranen: Keine ganz gewöhnliche Konstellation, aber OPEN SEASON ist auch kein ganz gewöhnlicher Film. Für eine Auseinandersetzung mit dem Vietnamkrieg, der 1974, als OPEN SEASON entstand, noch nicht beendet war, ist er ziemlich früh und atmosphärisch darüber hinaus näher dran an Vietnam-inspirierten Horrorfilme wie THE TEXAS CHAINSAW MASSACRE oder natürlich John Boormans DELIVERANCE. Mit beiden teilt er neben dem Setting und der realistischen Darstellung von Gewalt und Bedrohung den weitestgehenden Verzicht auf neunmalkluge Psychologisierung und sonstige Erklärungen. Seine drei Protagonisten kommen nach ihren Erfahrungen in Indochina vom Töten nicht mehr runter, aber mehr noch ist es der ganz normale amerikanische-männliche Größenwahn, der sich bei ihnen Bahn bricht – und der sie auch einst in den Krieg führte.

Gleich zu Beginn wird einem jungen Mädchen gesagt, dass sie mit ihrem Vorwurf, von drei Jungs vergewaltigt worden zu sein, keinen Erfolg haben werde, denn bei den Beschuldigten handele es sich um echte „all American boys“, denen niemand etwas Böses nachsagen werde. Auch wenn OPEN SEASON es niemals expliziert: Aus den drei Vergewaltigern von einst sind die Protagonisten des Films geworden und auch rund zwanzig Jahre später hat sich an ihnen nicht viel geändert. Zwar sind sie mittlerweile erwachsene Männer, mit braven Frauen, hübschen Kindern, verantwortungsvollen Berufen und schönen Häusern, aber noch immer teilen sie dunkle Geheimnisse und Leidenschaften, von denen ihr Umfeld rein gar nichts mitbekommt. Die lüsternen Blicke, die sie für jede attraktive Frau übrig haben, offenbaren ihr entitlement – jede Frau ist für sie potenziell verfügbar -, eine Ruhe- und Rastlosigkeit, der sie längst entwachsen sein müssten, und natürlich ein ungutes Verhältnis zum anderen Geschlecht, dessen Angehörige sie als Jagdgut betrachten, als Trophäen, mit denen man sich schmückt. Und so ist es für die drei Freunde Ken (Peter Fonda), Artie (Richard Lynch) und Greg (John Philipp Law) naheliegend, dass sie eine junge, gutaussehende Frau samt ihrem Freund überwältigen, entführen, auf ihre Blockhütte verschleppen, wo sie regelmäßig ihre Männerwochenenden verbringen, sie quälen, demütigen und schließlich jagen wie Tiere.

Collinson, dessen Werk sehr heterogen ist und der mit OPEN SEASON vielleicht seinen besten Film vorlegte (sein Hammer-Film STRAIGHT ON TILL MORNING könnte ein Konkurrent sein, aber die letzte Sichtung liegt schon zu lang zurück), erzielt große Wirkung durch Distanz und Zurückhaltung. Es gibt keinerlei Gegengewicht zu den drei Chauvi-Ärschen des Films. Bis zum unerwarteten (und ein bisschen Kintopp-mäßigen) Schluss haben sie keinen Gegner, niemanden, der sich wirklich zur Wehr setzte oder sie in ihre Schranken verwiese. Noch nicht einmal das arme Pärchen, das ihnen zum Opfer fällt, fungiert als echter moralischer Kompass: Erst verharren sie in kanickelhafter Passivität, dann schließlich beginnen sie sich selbst zu zerfleischen. Man leidet mit ihnen, aber nicht unbedingt, weil es sich um ausgesprochene Sympathieträger handelt. Ken, Greg und Artie sind natürlich die interessanteren Charaktere und Collinson stürzt den Zuschauer damit in einen aufreibenden Zermürbungskampf: Er stellt die drei in ihrer ganzen Arschlochigkeit aus, die sich in der Enge ihrer Blockhütte voll entfalten kann. Und man hasst diese Typen umso mehr, als man weiß, dass sie zu Hause für echte Traumtypen gehalten werden, für Musterexemplare der Gattung Mann. Wenn sie wenigstens zu ihrem miesen Charakter und ihren Perversionen stehen würden: Stattdessen verstecken sie sich in all ihrer Selbstherrlichkeit hinter der Maske von Biedermännern, lassen diese nur dann fallen, wenn sie sich in Sicherheit wiegen können, unbeobachtet sind und keine Strafen zu befürchten haben. Ich bekomme schon beim Schreiben das kalte Kotzen.

OPEN SEASON ist ein Kind seiner Zeit, in der eine ganze Reihe von solchen Abrechnungen mit den vermeintlich „Normalen“ entstanden, den Zuschauer zum Blick in den Spiegel zwangen und ihm mit Schmackes vors Schienbein traten. OPEN SEASON ist einer der etwas weniger bekannten Vertreter jener Spielart Film, aber er verfehlt seine Wirkung auch heute nicht, was auch den drei Hauptdarstellern zu verdanken ist, die in ihrer Laufbahn nicht immer solche Gelegenheit bekamen, ihr Können unter Beweis zu stellen. Vor allem die Besetzung mit Peter Fonda als Anführer der gutsituierten Dreckschweine ist ein echter Coup: Nur wenige Jahre zuvor in EASY RIDER eines der Gesichter der Gegenkultur, erkennt man hier sehr schön, wie schnell es mit der Herrlichkeit des Sommers der Liebe vorbei war und wie schmerzhaft der Kater danach in der Birne hämmerte.

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Eigentlich sollen der Journalist John (Lewis van Bergen) und der Fotograf Bob (Roger Wilson) aus Buenos Aires von der Basketball-WM berichten, doch als eine technische Panne ihren Flieger zwingt, in einem südamerikanischen Zwergstaat zu landen, ändern sich ihre Pläne. Der unfreundliche Amerikaner, den Bob am Flughafen versehentlich fotografiert und der daraufhin seine Schläger auf den verdutzen Fotografen hetzt, entpuppt sich als Shaw (John Philipp Law), der sich einen Namen als Organisator von Militärputschs gemacht hat. John überredet seinen Kollegen dazu, das Sportereignis sausen zu lassen und von der Front zu berichten …

Als „Larry Ludman“ versucht sich Fabrizio De Angelis an einem Kriegsreporter-Drama der Marke SALVADOR. Dass der Schuss nach hinten losgeht, dürfte kaum überraschen: Wie eigentlich in allen Filmen, mit denen die Italiener in den späten Achtzigerjahren versuchten, Anschluss an die überlegene Konkurrenz aus den USA zu halten, wurde auch COLPO DI STATO (oder OVERTHROW – SÖLDNER DES SCHRECKENS, wie er ungleich markiger in Deutschland hieß) mit dem Gemüt von Zwölfjährigen erdacht. Das beginnt schon bei den einsilbigen Vornamen der Protagonisten und setzt sich in der naiven Darstellung des Reporterberufs fort. Bei einer guten Story riechen John und Bob sofort Lunte, haben immer einen cleveren Trick auf Lager, um sich Informationen zu beschaffen, einen schier unerschöpflichen Vorrat an Hawaii-Hemden und ein gerüttelt Maß an sympathischer Lebensmüdigkeit. Zwischendurch wird in Pennälermanier über die heißen Bräute salbadert, die man in Bälde flachzulegen gedenkt – dass es natürlich nie dazu kommt, möchte man nicht nur auf die zugegebenermaßen ungünstigen Rahmenbedingungen schieben – und nach Folter und Isolation bringt sie nichts so gut wieder runter wie eine schöne Fluppe, die so eine Art orales Ersatzbefriedigungs-objekt zu sein scheint.

Man merkt man dem Film dennoch an, dass De Angelis es durchaus ernst meinte. Statt ein Actiondauerfeuerwerk abzubrennen, bemüht er sich die innenpolitischen Konflikte des Landes, das zwischen Regierungskräften, kommunistischen Rebellen und Drogendealern zerrissen ist, darzustellen. Das bittere Finale schließlich, das keiner der Protagonisten überlebt, darf man auch als Zugeständnis an die Realität werten, die eben keine Rücksicht auf Zuschauer nimmt. Trotzdem geht das alles nicht auf. Nirgendwo sonst offenbart sich das ganze Problem des Films so sehr, wie in den beiden langen Dialogszenen, die De Angelis einwirft, um zwei amerikanische Diplomaten etwas Exposition liefern zu lassen, für die sonst kein Platz mehr war. Beide Szenen führen zu nichts, außer den eh schon nicht rasanten Film zu bremsen und das Ungeschick des Regisseurs, große politische Zusammenhänge in spannende Filmdramaturgie zu übertragen, offenzulegen. Während draußen die Rebellion tobt, schwafelt der greise Botschafter über seine Gallenblase. Die Idee dahinter – die Darstellung des Nebeneinanders des Privaten und Banalen und des Politischen ujnd Komplexen – ist natürlich gut. Aber so wie De Angelis das in seinen Film einfügt, fühlt man sich eher in einen Kaffeeklatsch versetzt, als in die Schlatzentralen der Macht.