Mit ‘John Richardson’ getaggte Beiträge

Ich bin mir nicht ganz sicher, aber ich glaube tatsächlich, LA MASCHERA DEL DEMONIO jetzt zum ersten Mal vollständig gesehen zu haben. Zwar steht er schon seit frühesten DVD-Sammlertagen, also seit nunmehr rund 15 Jahren, bei mir im Schrank, aber er gehört zu jenen unglücksseligen Werken, deren Ende ich bislang nie erlebt habe. Wie auch bei Bavas TERRORE NELLO SPAZIO bin ich während der Sichtung stets vorzeitig sanft entschlummert. Auch jetzt habe ich wieder zwei Anläufe gebraucht, aber das möchte ich nicht dem Film anlasten. Wobei Bavas Inszenierung und die traumgleiche Ästhetik des Films ein Wegschlummern durchaus begünstigen. Immer wieder rückt er den wolkenverhangenen Himmel ins Bild, die geduldig und teilnahmslos daliegende Natur, und selbst in der größten inneren Aufruhr bewegen sich die Protagonisten wie hypnotisiert durch die opulenten, kontrastreich ausgeleuchteten Settings. Man hat nie das Gefühl, dass es hier wirklich ernst werden könnte, auch am Ende nicht, wenn sich die latente Bedrohung schließlich manifestiert und physisch angreift. LA MASCHERA DEL DEMONIO verlässt nie die Sphäre des filmgewordenen Traums, den man ohnmächtig, aber stets aus sicherer Distanz verfolgt.

Ich weiß nicht genau, ob ausgesprochene Liebhaber des Films das genau so sehen oder ob diese Wahrnehmung schon ein Indiz für das Problem ist, das ich mit ihm habe und das ich nicht recht in Worte zu fassen weiß. Die Vernunft sagt mir, dass LA MASCHERA DEL DEMONIO wunderschön ist, voller poetischer Bilder und eleganter Kamerafahrten. Barbara Steeles riesige Augen beherrschen ihn auch in Szenen, in denen sie gar nicht zu sehen ist, spiegeln die Fremdartigkeit und Außerweltlichkeit, die er verströmt, wider. Dass da irgendwann „Schnitt!“ gerufen wurde, die Filmschaffenden eine Zigaretten- und Kaffeepause machten und sich nach Drehschluss ins Nachtleben Roms stürzten, ist angesichts der zeitlosen Qualität der Bilder kaum vorstellbar. LA MASCHERA DEL DEMONIO sieht nie „gemacht“ aus, er wirkt vollkommen organisch. Ein gutes Beispiel für diesen „Hyperrealismus“ ist der Spezialeffekt, wenn die Hexe Asa (Barbara Steele) ihrer 200 Jahre jüngeren Nachfahrin Katja (Barbara Steele) die Lebensenergie aussaugt, die eine jünger, die andere älter wird. Der Trick war wahrscheinlich höchst einfach, aber umso erstaunlicher ist er. Ich habe keine Ahnung, wie Bava ihn realisiert hat (und werde das in Tim Lucas‘ Bava-Bibel schnellstmöglich nachlesen).

Trotzdem will sich bei mir keine richtige Begeisterung einstellen. Ich sehe und bewundere die Kunstfertigkeit und die Kreativität, sehe die Liebe, die da offenkundig am Werk war, aber diese Empfindungen übersetzen sich hier nicht in Euphorie oder die Immersion, die Film im Idealfall bewirkt. Er lässt mich kalt, außen vor gewissermaßen, und, ja, er langweilte mich gestern ein bisschen. Es ist keine nervenzerfetzende, bohrende Langeweile, die einen aggressiv macht: LA MASCHERA DEL DEMONIO ist irgendwie gemütlich, einlullend, ich fühlte mich in ihm geborgen, aber eben auch auf Distanz gehalten. Ich weiß nicht. Vielleicht war es einfach der falsche Zeitpunkt. Nur habe ich so langsam das Gefühl, dass es für mich und diesen Film, für viele Bavas Meisterwerk, keinen richtigen Zeitpunkt mehr geben wird.

Nachdem der Killer seinen Opfern zuletzt neun Plätze in einem Theater reserviert hatte erwartet er sie neun Gäste auf einer verlassenen Felseninsel Sardiniens. Der aufmerksame Leser weiß sofort, dass er sich mit Baldis Film in das Subgenre des „Dekadente-Kotzbrocken-werden-an-isoliertem-Ort-zum-Opfer-eines-elaborierten-Racheplans“-Films begibt. Wie im oben genannten Vertreter handelt es sich bei den neun – vier Männlein, fünf Weiblein –potenziellen Opfern um die Mitglieder der wohlhabenden Familie des Patriarchen Uberto (Arthur Kennedy), die der mit in sein Ferienhäuschen nimmt, obwohl sie ihn ebenso wenig leiden können wie er sie und sie sich untereinander. Sie sind kaum angekommen, da geht das muntere Intrigieren, Lästern und kaum verhohlene Partnertauschen schon los. Ubertos junge Gattin Giulia (Caroline Laurence) hat eine Affäre mit Ubertos Sohn Michele (Massimo Foschi), der seine Frau Carla (Sofia Dionisio) als „frigide und dämlich“ bezeichnet. Micheles Bruder Lorenzo (John Richardson) bekommt seinerseits Hörner von Ehefrau Greta (Rita Silva) aufgesetzt, die ihn für einen Schwächling hält und lieber mit ihrem Schwager Walter (Venantino Venantini) in die Koje steigt. Patrizia (Loretta Persichetti) bleibt enthaltsam, weil sie mysteriöse Vorahnungen plagen, vor denen sie Abkühlung unter der Freilichtdusche sucht und Tante Elisabetta (Dana Ghia) glaubt ihren verstorbenen Liebhaber zu sehen, einen Fischer, den die Herren ihrer feinen Sippe vor 20 Jahren umbrachten, weil sie ihn für nicht standesgemäß hielten. Als das vom Zuschauer heiß erwartete Sterben losgeht, ist die Panik groß, weil jeder weiß, dass jeder ein Motiv hat und mithin der potenzielle Mörder sein könnte.

Ferdinando Baldi ist ein selten außergewöhnlich inspirierter, soweit ich das anhand der paar Filme, die ich von ihm kenne, beurteilen kann – der ultrasleazige LA RAGAZZA DEL VAGONE LETTO, der surrealistische Italowestern BLINDMAN mit Ringo Starr und der sehr ansprechende TEXAS ADDIO –, aber meist routinierter Regisseur, der dieser Einschätzung auch mit NOVE OSPITI PER UN DELITTO mehr als gerecht wird. Was er dem zum Vergleich herangezogenen L’ASSASSINO HA RISERVATO NOVE POLTRONE voraus hat, ist sein ausgeprägter Dienstleistungsgedanke: Baldi und sein Team liefern von der ersten Sekunde bis zum Finale mit Knalleffekt genau das, was der geneigte Zuschauer erwartet: Gemeine Morde, schöne Frauen, nacktes Fleisch, mit Vulgarismen aufgeladene Dialoge, flaschenweise weggesoffenen J&B-Whisky und das ganze gekleidet in schöne Bilder (hier mit Fernweh induzierender Mittelmeer-Kulisse) und untermalt von mal schwofiger, mal melancholischer Musik (von Komponist Carlo Savina). Richtig aufregend ist auch NOVE OSPITI nicht, zu unoriginell und vorhersehbar ist das alles letztlich, aber es macht trotzdem Spaß, am Ball zu bleiben, weil Baldi seine Höhepunkte sehr ökonomisch über den Film verteilt und so für Kurzweil garantiert.

Eine Gruppe von Touristen wird während ihres Barcelona-Aufenthalts von einem Killer heimgesucht, der seinen Opfern ein Auge zu entfernen pflegt …

Wie man der Minizusammenfassung schon entnehmen kann, ist Lenzis GATTI ROSSI IN UN LABIRINTO DI VETRO ein eher krachlederner Vertreter der Gattung „Giallo“ und war als solcher bei mir erst einmal sehr willkommen. Die geschmacklosen Morde werden zwar nicht allzu breit ausgewalzt und sind spezialeffekttechnisch genau so krude und naiv, wie man das bei einem solchen Exploiter erwartet, die Tatsache allein reicht  für gute Laune aber schon aus. Ein Killer mit Augapfelfetisch: Ich kann mir schlechtere Serienkiller-Obesessionen vorstellen. Umso trauriger ist es, dass Lenzi nicht wirklich viel einfällt, um aus der angemessen schmuddeligen Prämisse einen Film zu machen, der einen mehr als bloß bei Laune hält. GATTI ROSSI IN UN LABIRINTO DI VETRO hat mit demselben Problem zu kämpfen wie der zuletzt gesehene IL COLTELLO DI GHIACCIO: Es gibt keinen echten Spannungsbogen, ohne erkennbare Steigerung wird Mord an Mord gereiht, bis es nach knapp 90 Minuten dann an der Zeit ist, einen Täter aus dem Hut zu zaubern. Dass die Auswahl des Täters wie beim Giallo üblich auch hier nicht zwingend einer inneren Logik folgt, weiß man ja, doch dass noch nicht einmal Lenzis Ablenkungsmanöver aufrichtig sind, hat mich dann beinahe geärgert. Dass man als Zuschauer einer falschen Fährte folgt, ist nicht einem wenigstens halbwegs durchdachten Drehbuchschlenker zu verdanken, sondern der Kombination aus  andeutungsreichem Aufplustern eines für den Plot völlig nebensächlichen Sachverhalts und dem Verschweigen jener Informationen, die diesen verdächtig erscheinenden Sachverhalt sofort wieder als irrelevant ausweisen würden. Mit anderen Worten: Lenzi erzählt das, was er braucht, um Irritation zu schaffen, verschweigt aber alles, was diese wieder auflösen würde, ohne dass sein „Informationsmanagement“ einer erkennbaren Logik folgte. Auch wenn es vielleicht etwas kleinlich und an der Sache vorbei ist, von einem Mittelklasse-Giallo Plausibilität und Aufrichtigkeit zu verlangen: Diese Strategie ist einfach billig und unkreativ. Und weil mein Ärger über diesen Zuschauernepp jetzt beim Schreiben nochmal richtig angestachelt wurde, weiß ich auch nicht mehr, ob ich GATTI ROSSI IN UN LABIRINTO DI VETRO tatsächlich besser finde als IL COLTELLO DI GHIACCIO. Zwar geht diesem der sleazige Charme des Augapfelpieksers weitestgehend ab und er schleppt sich ähnlich unaufgeregt über seine Spielzeit, aber wenigstens ist er dabei halbwegs ehrlich. Ich habe von Lenzis Giallos jetzt noch COSI DOLCE … COSI PERVERSA vorliegen, nach den beiden letzten Enttäuschungen werde ich von dem aber erstmal Abstand nehmen. Schade, aber offensichtlich habe ich mit SPASMO Lenzis Giallo-Highlight gleich zu Beginn meiner kleinen Reihe gesehen (der schöne PARANOIA mal ausgenommen, aber der ist auch kein echter Giallo).

In Rom geht ein Mörder um, der es vor allem auf die schönen Frauen im Freundeskreis der amerikanischen Kunststudentin Jane (Suzy Kendall) abgesehen hat. Um dem Schrecken zu entfliehen, reist sie mit ihren verbliebenen drei Freundinnen Daniela (Tina Aumont), Ursula (Carla Brait) und Katia (Angela Covello) aufs Land. Doch der Killer folgt ihnen auch dorthin: Ist es Stefano (Roberto Bisacci), der so wenig Glück bei Frauen hat, aber dafür ein Halstuch besitzt, das jenem, mit dem die schöne Florence erdrosselt worden war, sehr ähnlich sieht? Der schweigsame Arzt Roberto (Luc Merenda), ein Arzt, der ebenfalls ein solches Halstuch erworben hat? Der ältere Herr, mit dem Daniela lieert ist und der den Mädchen sein Landhaus zur Verfügung gestellt hat? Oder gar der Kunstprofessor Franz (John Richardson), der ein amouröses Interesse an Jane zu haben scheint?

Dass „die Leichen Anzeichen von körperlicher Gewalteinwirkung zeigen“, wie es der italienische Originaltitel wortreich behauptet, ist gelinde gesagt eine Untertreibung, denn die schönen Damen werden blutig aufgeschlitzt und im Einzelfall sogar mit rausgepuhlten Augäpfeln aufgefunden. Ganz im Gegenteil zum Killer steht Sergio Martino für sauberes Handwerk, das allerdings selten zu echten Begeisterungsstürmen hinreißt, weil es stets zu sehr den bereits von anderen etablierten Regeln verhaftet bleibt. Auch dieser Giallo macht da keine echte Ausnahme: Hervorzuheben sind die Fotografie von Giancarlo Ferrando – eine Begegnung mit dem Killer in einer zwielichtig-nebligen Sumpflandschaft hat es mir besonders angetan -, der Score von den De-Angelis-Brüdern sowie der schöne Bruch in der Dramaturgie, der das letzte Drittel einleitet: Als man sich schon auf ein nervenzerreißendes Stalk’n’Slash mit den vier Mädels und dem lauernden Killer eingestellt hat, beendet ein Schnitt das Leben von dreien ganz abrupt, wechselt die Perspektive zur letzten Überlebenden im Bunde, die am nächsten Tag die Leichen ihrer Freundinnen auffinden und dann entsetzt feststellen muss, dass der Killer sich zwecks Leichenentsorgung (daher auch der deutsche Titel DIE SÄGE DES TEUFELS) noch immer im Haus befindet. Das folgende finale Versteckspiel wertet Martinos Film, der bis dahin eher formelhaft abgelaufen war, noch einmal auf, doch letztlich ist I CORPI PRESENTANO TRACCE DI VIOLENZA CARNALE ein lediglich guter Vertreter eines Genres, das weitaus Spektakuläreres und Originelleres hevorgebracht hat. Die Enttarnung des Täters stellt trotz der angehäuften Verdächtigen keine Überraschung dar und die freudianischen Komplexe, die seinen Taten zugrunde liegen, machen eher den Eindruck, kurz vor knapp aus einem Zeitungsartikel zusammengeklaubt worden zu sein. Ganz hübsch sind die ebenfalls genretypischen Reflexionen zum Thema „Sehen und Gesehenwerden“, die PROFONDO ROSSO aber keinen Zacken aus der Krone brechen können.

Dass Martinos Werk dennoch über einen relativ hohen Bekanntheitsgrad genießt, mag nicht zuletzt an eben seinem internationalen Verleihtitel TORSO gelegen haben, der in Verbindung mit den hübschen, meist nur leicht- oder aber gar nicht bekleideten Euro-Chicks ruppig-schmutzige Unterhaltung verspricht und auf den auch die Zensur hier und da hereingefallen ist. Bis auf zwei, drei sekundenkurze und ziemlich durchsichtige Großaufnahmen von aufgeschlitzen Brustkörben und blutigen Augenhöhlen bleibt TORSO nämlich zumindest hinsichtlich seiner Gewaltdarstellungen aber eher zurückhaltend (was nackte Brüste angeht, ist er weniger zimperlich), sodass ich bei der Erstsichtung vor rund 15 Jahren doch etwas enttäuscht war. Heute hat mir der Film viel besser gefallen: Wer Giallos mag und es zu schätzen weiß, einfach mal „nur“ gut gemachte Unterhaltung zu genießen, der wird bei entsprechend justierter Erwartungshaltung nicht enttäuscht werden. Und den Rest besorgt dann das Zeitkolorit.