Mit ‘Jonas Akerlund’ getaggte Beiträge

Die Geschichte, die Jonas Åkerlund in LORDS OF CHAOS erzählt, der Adaption des gleichnamigen Sachbuches, sorgte damals, Anfang bis Mitte der Neunzigerjahre, auch in der hiesigen Metalpresse für Aufsehen: Die norwegische Black-Metal-Szene machte nicht nur mit ihrer fremdartigen Musik von sich Reden, sondern auch mit satanistischen Kirchenverbrennungen und Morden. Als Teenager und junger Erwachsener und Metalfan, der diese Nachrichten aus zweiter oder eher dritter Hand aufschnappte (meist bereits vorgefiltert und empört kommentiert), empfand ich die Protagonisten als furchteinflößende Monster, vor denen ich großen Respekt – im negativen Sinne – hatte. Auch ihre Musik, die der damaligen Mode und den Vorstellungen, wie sich so eine richtig fett produzierte Metalscheibe anzuhören habe, herzhaft ins Gesicht rotzte, machte mir ein bisschen Angst. Wer so überzeugt von etwas war, seine Vision so kompromisslos durchzog und dann noch diesen Sound produzierte, der konnte nicht einfach nur ein Spinner sein. Vielleicht hatten diese Skandinavier tatsächlich Einblick in Dinge erhalten, die gemeinhin als unvorstellbar galten? Meine Haltung relativierte sich mit der Zeit, begünstigt dadurch, dass das Gesetz dem satanisch-terroristischen Treiben kurzerhand einen Riegel vorschob, die Übeltäter wie ganz gewöhnliche Kriminelle ins Kittchen steckte und so auch ihres monströsen Reizes beraubte. Aber erst Jahre später, als ich ein Bild des jungen Varg Vikernes bei seiner Verurteilung sah, wurde mir klar, dass diese Verbrecher, die in meiner Vorstellung zu außerweltlichen Monstern angewachsen waren, tatsächlich milchgesichtige Kinder mit Trichterbrust und gerade mal ein paar Jährchen älter als ich waren. Sie trugen mitunter sogar dieselben Shirts wie ich. Eigentlich war diese Erkenntnis sogar fast noch schockierender als die in meinem Kopf fantastisch aufgeplusterte Version.

Die Gründung von Mayhem, der tragische Selbstmord ihres depressiven Sängers Pelle „Dead“ Ohlin sowie die sich anschließenden Anekdoten um die Ausschlachtung seines Leichnams für Coverfotos und Souvenirs; die Eröffnung des legendären Plattenladens „Helvete“ durch Oystein „Euronymous“ Arseth und die Gründung eines „schwarzen Zirkels“, der antichristliche, stalinistische und nationalsozialistische Ideen zu einer ideologischen Brühe zusammenkochte; der Mord von Bård Guldvik „Faust“ Eithun an einem Homosexuellen; schließlich die Kirchenverbrennungen und der Konflikt zwischen Oystein und Burzum-Mastermind Kristian „Varg“ Vikernes, der in einem brutalen Mord endete: Es sind die Eckpunkte einer Geschichte, die mich seitdem fasziniert haben und die für mich untrennbar mit dieser einzigartigen Musik verbunden sind. Darf man die Kunstwerke von Mördern, Terroristen und Faschisten konsumieren – und vielleicht sogar gut finden? Diese komplizierten Fragen werden und wurden in der Kulturgeschichte immer wieder diskutiert, in diesem Falle erschienen sie aber besonders drängend: Die Alben von Bands wie Mayhem, Burzum, Darkthrone und anderen wirkten auch deshalb so gefährlich, weil sie sich an Jugendliche wendeten, die von den gesellschaftlichen und staatlichen Institutionen eh schon als „verloren“ angesehen und demnach als besonders empfänglich für ihre Einflüsterungen eingestuft wurden. Hier ging es anscheinend nicht um bloßes jugendliches Aufbegehren und Randale, die Verbrechen, die in der Szene begangen wurden, waren auch nicht das Ergebnis einer sozialen Notlage (wie man sie etwa im Umfeld von Rappern immer wieder vorfindet) und auch keine singulären Einzelfälle: Hinter ihnen steckten (erneut: anscheinend) Fanatismus, Ideologie und Organisation. Und dann war da die Musik selbst, die schon „normale“ Metalheads überforderte, auf Außenstehende aber einfach nur infernalisch gewirkt haben muss. Nie zuvor lag es so nahe, Menschen als „böse“ zu etikettieren. Dass heute eine ganze Szene europaweit nationalsozialistischen Black Metal (NSBM) produziert und sich dabei als legitimes Erbe der einstigen Urheber begreift, macht es nicht weniger kompliziert.

Je mehr man sich mit den Ereignissen von damals befasst – Gelegenheit dazu boten bislang unter anderem der Director’s Cut des Dokumentarfilms UNTIL THE LIGHT TAKES US, Dayal Pattersons Wälzer „Black Metal: Evolution of the Cult“ sowie natürlich Michael Moynihans und Didrik Soderlinds „Lords of Chaos“ -, umso banaler erscheinen die Ereignisse, auch wenn es immer noch genug Mythenbildung gibt. Auch Åkerlunds Film schlägt in diese Kerbe: Der ganze von Oystein (Rory Culkin) gelieferte ideologische Unterbau fußte letztlich auf aufmerksamkeitsheischender und das Establishment provozierender Dampfplauderei, nie dazu gedacht, wirklich in die Tat umgesetzt zu werden, Vargs (Emory Cohen) terroristischer Ehrgeiz entsprang zunächst dem simplen Bedürfnis, dazuzugehören und dem großen Vorbild zu imponieren, das sich dann ungut mit halbgaren philosophischen Ideen verband – eine Frau zwischen den beiden Männern spielt in Åkerlunds Version auch noch rein. Oystein ist ein schmächtiger Typ, der es genießt, dass die Kids zu ihm aufschauen, ihn als Anführer akzeptieren und jedes seiner Worte befolgen wie die zehn Gebote und er nutzt diese Position weidlich aus. Als er bemerkt, dass seine Jünger plötzlich Ernst machen – ernster als er es je gemeint hatte -, ist es bereits zu spät. Er wird die Geister, die er rief, nicht mehr los und bezahlt sein Engagement schließlich mit dem Leben. Mitunter erhält der Film eine tragikomische, fast kafkaeske Note, zu der auch Rory Culkins blässliches, schmales Gesicht passt: Dann nämlich, wenn er bemerkt, dass wieder einmal eine von ihm in Bierlaune rausgehauene Bemerkung von seinen fanatischen Schützlingen umgehend in die Tat umgesetzt wurde. Um sein Gesicht nicht zu verlieren, erhält er die Fassade des strategischen Leaders aufrecht, aber insgeheim denkt er nur noch darüber nach, wie er aus der ganzen Nummer wieder herauskommt. Ein bekannter Mechanismus: Die Spätbekehrten sind mit größerem Feuereifer dabei als die Initiatoren, die von der entfesselten Urgewalt förmlich weggerissen werden. Oystein hatte die Rechnung ohne den Varg gemacht, einen echten Wirrkopf, dessen absurdem Weltbild man sich heute auf seinem täglich anwachsenden Youtube-Kanal aussetzen kann. In kleinen Happen betrachtet eine ziemlich spannende Angelegenheit, zumal der Urheber sich als durchaus charismatischer Entertainer entpuppt. Man versteht, wie es ihm gelingen konnte, so viele Kids hinter sich zu bringen. Dass ihm das als Milchbubi im zarten Alter von gerade mal 20 Jahren mit Gleichaltrigen gelang, ist dennoch ziemlich unheimlich und lässt erahnen, wie tief die Überzeugung schon in jungen Jahren in ihm verwurzelt gewesen sein muss.

Als Schlagzeuger der schwedischen Black-Metal-Originatoren Bathory, die ein maßgeblicher Einfluss auf die Bands der zweiten Welle in den frühen Neunzigerjahren waren, um die es hier auch geht, scheint Jonas Åkerlund nah genug dran, um ein glaubwürdiges Statement abgeben zu können (auch wenn er der Szene damals bereits längst den Rücken gekehrt hatte und sich als Regisseur von Roxette-Videos verdingte), dennoch dürften einige Entscheidungen in der Charakterzeichnung vor allem zugunsten einer griffigeren Dramaturgie getroffen worden sein. Oystein Arseth kommt in LORDS OF CHAOS eine Nummer zu gut weg – wohl auch, um dem Zuschauer wenigstens eine Figur zur Identifikation anbieten zu können. Der Prahlhans darf im letzten Drittel des Films – nicht zuletzt durch die Zuneigung einer Frau (Sky Ferreira) – geläutert werden und schneidet sich dann sogar die lange Metalmähne ab. In den bisherigen Zusammenfassungen erschien „Euronymous“ deutlich weniger sympathisch als hier, wenn auch die Einschätzung, er habe mit Stalinismus und Nationalsozialismus lediglich aus Imagegründen kokettiert, ebenso zutreffend sein dürfte wie die Charakterisierung Vargs als des eigentlichen Überzeugungstäters. Wahrscheinlich wird die ganze Wahrheit nie ans Licht kommen: „Based on Truth and Lies“ heißt es deshalb auch zu Beginn des Films. Oystein ist tot, die damaligen Weggefährten werden aus naheliegenden Gründen von einer Richtigstellung absehen: Die Protagonisten der Black-Metal-Szene profitieren immer noch erheblich vom Mythos und werden den Teufel tun, sich nachträglich zu inkriminieren oder zuzugeben, dass ihre Kirchenverbrennungen lediglich ein Akt jugendlichen Vandalismus waren, der mit spinnerten Weltanschauungen verbrämt wurde. Es sind eher unauffällige Details des Films, die eine letztlich sehr banale Deutung der damaligen Ereignisse nahelegen, mehr als der vordergründige Plot. Eltern sind auffällig abwesend im Film, lediglich als Stimmen aus dem Off oder in Form von Fotografien zu hören und zu sehen. Der Mangel an sinnhaften Betätigungsfeldern in Oslo, die Isolation in den weit auseinanderliegenden urbanen Zentren und den kleinen Dörfern dazwischen, die vorherrschende Dunkelheit, die Alkoholkonsum und Depressionen begünstigte: All diese Faktoren vermischten sich und lieferten den Nährboden, auf dem erst diese menschenfeindliche, rohe Musik und dann die zur Untermauerung nötige Geisteshaltung gedeihen konnten. LORDS OF CHAOS darf als der zugänglichste, dramaturgisch geschlossenste Versuch einer Aufarbeitung jener nun fast 30 Jahre vergangenen Geschehnisse gelten und man muss Åkerlund zugutehalten, die Herausforderung einer kritischen, aber respektvollen Perspektive bravourös gemeistert zu haben. Er glorifiziert die Taten nicht, lässt aber auch keinen Zweifel an der künstlerischen Einzigartigkeit der Musik, die diese Jugendlichen damals wie aus dem Nichts, nur aus sich selbst heraus produzierten. Die Frage, die sich unweigerlich stellt: Kann eine Musik von dieser brachialen Urgewalt überhaupt vor einem „normalen“ Hintergrund entstehen? Müssen wir die Ursachen mit allen Mitteln an den Wurzeln bekämpfen oder akzeptieren, dass aus unserer Mitte mitunter das Chaos erwächst – das dann in etwas so beklemmend schönem wie True Norwegian Black Metal mündet? Jonas Åkerlund entscheidet sich, glaube ich, für letzteres. Und ich würde sagen, dass er Recht hat.

Horsemen (USA 2009)
Regie: Jonas Akerlund

Michael Bays Produktionsfirma Platinum Dunes produziert offensichtlich für den DVD-Markt und die Videotheken. Das Schlimme an diesem Serienkillerfilm ist nicht, dass er generisch und derivativ ist, sondern dass Bay anscheinend nach einem Patentrezept für generische und derivative Filme produziert. An HORSEMEN gibt es nichts, das auch nur annähernd auf ein ernsthaftes Interesse der Macher an ihrem Produkt schließen ließe, noch auch nur auf den Funken einer eigenständigen Idee.

Dead Snow (Norwegen 2009)
Regie: Tommy Wirkola

Der Funsplatter-Film ist das Äquivalent zu Heimatfilm und Volksmusik: Es ist nur dazu da, seiner Zielgruppe das Gefühl von Vertrautheit zu geben. Mit BRAINDEAD wird ein Film hofiert, der mittlerweile auch fast 20 Jahre auf dem Buckel hat und von dem man damals (leider) zu Unrecht behauptet hat, er sei der konsequente Schlusspunkt unter ein Subgenre. Im Gegenteil: Er dient immer noch als oberste Inspirationsquelle für Filmemacher (und Fans), für die Stillstand eine Tugend ist. Das Gegröhle im Kino und das monotone Mitklatschen im Musikantenstadl: Sie sind verschiedene Ausprägungen derselben Geisteshaltung. Fanboys, ich hasse euch!

Franklyn (Großbritannien 2009)
Regie: Gerald McMorrow

Das Bedürfnis, aus der Masse herauszustechen, treibt manchmal komische Blüten. Zum Beispiel in diesem eigentlich recht schönen Debütfilm, der daran krankt, dass man den Eindruck erhält, der Regisseur meine, etwas beweisen zu müssen. Etwas weniger verschwurbelt for its own good und FRANLYN hätte richtig gut sein können. So darf man auf den nächsten Film McMorrows gespannt sein, in dem er dann hoffentlich nicht mehr jede Idee unterbringt.

My Bloody Valentine 3D (USA 2009)
Regie: Patrick Lussier

Eine schlechte Idee (= das Remake eines seinerseits schon unoriginellen Kopisten eines Erfolgsrezept, das auch beim ersten Mal schon nicht besonderns originell war) wird auch dadurch nicht besser, dass man sie in 3D präsentiert. Nur die Augen tun mehr weh.

Deadgirl (USA 2008)
Regie: Marcel Sarmiento, Gadi Harel

Einer von zwei guten Filmen bei den diesjährigen Nights. Eine Prämisse, die bescheuert klingt, aber dann doch perfekt funktioniert, eine konzentrierte Umsetzung, die sich überflüssigen Firlefanz erspart, eine Aussage, die trifft, ohne dass sie sich aufdrängt. So muss gutes Genrekino aussehen. 

Splinter (USA 2008)
Regie: Tony Wilkins

So hingegen nicht. Welchen Sinn hat Monster- und Effektkino, wenn man Monster und Effekte „dank“ miserabler Bildführung und elender Wackelkamera gar nicht erkennen kann? Da helfen auch die guten Darsteller und der Verzicht auf Debilhumor, den man sonst aus dem Genrekino kennt, nichts.  

The Good The Bad The Weird (Südkorea 2008)
Regie: Kim Jee-Woon

Über 90 Minuten ist Kims stilistische Brechstangenmethode toll anzusehen, großes Adrenalinkino. Dumm nur, dass sein Film 140 Minuten dauert. Lieber nochmal Sergio Leones Original schauen und sich zeigen lassen, dass Stil und Design eben doch zwei verschiedene Paar Schuhe sind. Erster Merksatz für Actionregisseure: Bewegung ist relativ.

Book of Blood (Großbritannien 2008)
Regie: John Harrison

Aus Kurzgeschichten entstehen nur selten richtig gute Filme. BOOK OF BLOOD (nach Clive Barker) belegt dies perfekt: insgesamt nicht schlecht, recht ernst und durchaus atmosphärisch, aber zäh wie ein Kaugummi. Und als wollte er dieses Manko zum obersten Struktur- und Stilprinzip erheben, versäumt er gleich mehrfach den richtigen Zeitpunkt für das Ende.

Long Weekend (Australien 2008)
Regie: Jamie Blanks

Der beste Film des Festivals: spannend, zermürbend, vielschichtig, unvorhersehbar, beklemmend. Nach STORM WARNING mausert sich Blanks langsam aber sicher zum Spezialisten für dysfunktionale Mann-Frau-Beziehungen. Wer hätte das nach URBAN LEGENDS für möglich gehalten? Große Klasse.