Mit ‘Jonathan Demme’ getaggte Beiträge

Es ist ein berühmtes popkulturelles Narrativ, dass 1991 das Jahr war, in dem Grunge bzw. Alternative Rock den Hardrock töteten, wie er in den Achtzigerjahren populär war. Weniger plattgetreten ist die These, dass Jonathan Demme mit THE SILENCE OF THE LAMBS eine neue Welle des „erwachsenen“ Horrorfilms bzw. Thrillers einläutete, nachdem das Genre im vorangegangenen Jahrzehnt vor allem Teenies adressierte. Plötzlich waren Serienmörder und die sogenannten Profiler en vogue – und sind es ja eigentlich bis heute: Die diversen CSI-Ableger, Serien wie CRIMINAL MINDS und Konsorten wären ohne Demmes Hit-Verfilmung des Bestsellers von Thomas Harris undenkbar und mit dem intellektuellen Kannibalen Hannibal Lecter schenkte er dem Pantheon berühmter Horrorgestalten einen neuen Protagonisten, der sich hinsichtlich Bekanntheitsgrad nicht mehr hinter Dracula, Frankenstein, Michael Myers oder Freddy Krueger verstecken braucht. THE SILENCE OF THE LAMBS zog mit Ridley Scotts HANNIBAL das zwangsläufige Sequel nach sich (wenn auch mit rund zehnjähriger Verspätung), der Romanvorgänger, an dem sich Michael Mann 1986 mit dem erstklassigen MANHUNTER schon einmal versucht hatte, ohne jedoch den gewünschten kommerziellen Erfolg zu erzielen, erlebte eine Neuverfilmung, mit HANNIBAL RISING entstand ein Prequel um den Menschenfresser und Mads Mikkelsen durfte ihn schließlich sogar in einer eigenen Fernsehserie spielen.

Das ganz große Trara um THE SILENCE OF THE LAMBS habe ich indessen nie wirklich verstanden: Die große Schockwirkung hatte er bei mir nicht entfaltet, wahrscheinlich, weil ich bereits Fangoria-gestählt war, als ich ihn zu Gesicht bekam, und die betont unterkühlte Atmosphäre, die Tak Fujimoto in monochrome grau-braune Bilder gießt, empfand ich immer eher als lähmend denn als spannend. Sicher, Demmes Film war schon sehr ordentlich inszeniert, getragen von den herausragenden Darbietungen von Hopkins, Foster und Levine, aber irgendwie war mir der Film immer eine spur zu intellektuell und sachlich. Erst vor einem Jahr schrieb ich, dass ich Demmes sträflichst vernachlässigten SOMETHING WILD für weitaus interessanter halte als das viel gepriesene „Meisterwerk“ seiner Filmografie. Wahrscheinlich hat mich THE SILENCE OF THE LAMBS bei dieser Sichtung zum ersten Mal wirklich begeistert. Die suggestive Kraft der Inszenierung, die vieles nur andeutet, die dräuende Ruhe und die Ahnung einer in den Tiefen des Unbewussten lauernden Gefahr hat endlich ihre volle Wirkung bei mir entfaltet. Die Psychoduelle zwischen Hopkins und Foster – mittlerweile Zielscheibe unzähliger Parodien und in deutlich schwächerer Ausführung ein gut abgehangener Standard des Genres – bilden tatsächlich das Rückgrat des Films und vor allem Hopkins versteht es, im Verbund mit Demme die Faszination des Zuschauers für das irrational Böse herauszukitzeln. Lecter ist auch deshalb so bedrohlich, weil sein mörderisches Potenzial sich nie voll entladen darf. Das ist auch der Hauptunterschied zu Scotts Grand-Guignol-Sequel, das zwar die blutigen Tatsachen und Geschmacklosigkeiten anhäuft, aber bei Weitem nicht so beunruhigend ist. Aber das ist ja nichts Neues, dass es meist effektiver ist, die Dinge nicht voll auszuspielen.

Auch der Subtext von Misogynie und institutionellem Sexismus hat sich für mich erst bei dieser Sichtung wirklich als solcher entfalten können: Clarice Starling kämpft von Anfang an gegen eine Männerfront an, die sie eigentlich scheitern sehen will und Fujimoto bildet das ab, indem er die Protagonistin mehr als einmal als einzige Frau in männlich dominierten Gruppenbildern festhält. Überall trifft sie auf Männer, die sie aufgrund ihres Geschlechts für inkompetent halten, sie lediglich als leckeres Betthäschen betrachten oder ihr gleich das Sperma ins Gesicht schleudern. Auch Lecter versucht sie mit entsprechenden Demütigungen aus der Reserve zu locken und natürlich ist der Killer mit dem Spitznamen Buffalo Bill ein Frauenmörder, der die blinde Heldin im legendären Showdown schwer atmend aus dem Dunkel belauert. Starlings Trauma, die schreienden Lämmer nicht retten zu können, das sie seit der Kindheit plagt, wird in der Gegenwart des Films nicht nur durch die Gerissenheit der Serienmörder  angefeuert, sondern eben auch durch die vermeintlichen Verbündeten, die der Frau in ihren Reihen keinen Erfolg gönnen, ihr lieber Steine in de Weg legen, als sie zu unterstützen. Jodie Foster ist die Idealbesetzung für die ihre Zweifel und Verwundbarkeit hinter einer Fassade der Unnahbarkeit verbergende Polizistin, die im Dialog mit Lecter an ihre Grenzen stößt und sich nun ungewollt den Dämonen stellen muss, die sie so erfolgreich unter Verschluss gehalten hat. Um sich zu behaupten, muss sie sich erst selbst überwinden: Eine Herausforderung, die den Kollegen, die das lück hatten, mit dem „richtigen“ Geschlecht geboren worden zu sein, erspart bleibt.

In erster Linie sollte ein Film wie THE SILENCE OF THE LAMBS den Betrachter aber natürlich bei der Gurgel packen, ihn nicht mehr loslassen und den Druck bis zum Showdown unablässig erhöhen: Von der oben als vermeintlicher Schwachpunkt ausgemachten Ruhe, mit der Demme erzählt, sollte man sich dann auch nicht täuschen lassen: Der Regisseur lullt einen langsam ein, bevor er dann zuschlägt. Set Pieces wie jenes, dass Lecters brutal-gerissene Flucht aus der Haft schildert, oder Starlings Konfrontation mit einem Zeugen, der sich dann, sehr zu ihrem Erschrecken, als der Mörder entpuppt, sind saumäßig effizient gescriptet und inszeniert. Das fällt vor allem auf, wenn man etwa letztere Sequenz mit der ganz ähnlichen Auftaktszene aus Ratners RED DRAGON vergleicht, die kaum mehr als ein laues Lüftchen entfacht. Nein, nein, THE SILENCE OF THE LAMBS ist ein außergewöhnlich guter Thriller, der seinen Ruf ausnahmsweise zu Recht genießt. (Ich glaube, SOMETHING WILD finde ich aber trotzdem einen Tick besser.)

Henry Hill benötigt in GOOD FELLAS einen guten halben Film, bis er bemerkt, dass das geile Leben als Mafiosi vielleicht doch nicht so prall ist, THE SPORANO gönnte sich gar mehrere Jahre, um es zu entzaubern. In Jonathan Demmes MARRIED TO THE MOB hat Angela DeMarco (Michelle Pfeiffer), Gattin von Frank „The Cucumber“ DeMarco (Alec Baldwin), seines Zeichens Killer in Diensten von Boss Tony „The Tiger“ Russo (Dean Stockwell) schon in der ersten Szene die Schnauze voll. Die aufgebrezelten Ehefrauen der anderen Familienmitglieder gehen ihr mit ihrem oberflächlichen Gesülze auf die Nerven, und dass ihr Sohn seinen Freunden das Geld mit Taschenspielertricks aus der Tasche zieht oder gar mit des Vaters Bleispritze hantiert gefällt ihr genauso wenig wie die Tatsache, dass ihr Wohlstand mit blutigem Geld erkauft wurde. Doch ihren Wunsch nach Scheidung lacht der Gatte einfach so weg: Es scheint kein Entkommen vor der Familie zu geben. Das ändert sich, als Frank von Tony mit dessen Geliebter ertappt und erschossen wird: Angela verschenkt ihr Haus und zieht in eine Bruchbude nach Manhattan, Hauptsache weit weg. Dummerweise hat Tony Pläne mit ihr und das zieht sowohl den FBI-Agenten Mike Downey (Matthew Modine) an, der den Mobster hinter Gitter bringen will, als auch Tonys eifersüchtige Ehefrau Connie (Mercedes Ruehl).

Demme kommt das Verdienst zu, den Mafiafilm mit MARRIED TO THE MOB schon vor den weiter oben genannten, aber weitaus berühmteren Genrevertretern „entzaubert“ zu haben. Hinter dem Gerede von Ehre und Familie verbirgt sich bei ihm ein grotesker Intrigenstadl von oberflächlichen Menschen mit schlechtem Geschmack und noch schlechteren Manieren. Auch wenn mit dem großen Geld herumgeworfen wird und sich alle in feinen Zwirn kleiden: Im Grunde ist die italienische Mafiafamilie nichts anderes als das Zerrbild der amerikanischen Keimzelle mit ihrem Häuschen in der Vorstadt, dem verzogenen Rotzbalg und den kleinbürgerlichen Vorstellungen von Wohlstand. Die Frau darf in den eigenen vier Wänden die Herrin des Hauses spielen, aber eigentlich hat sie nichts zu melden, und schon gar keinen Anspruch darauf, die „Einzige“ zu sein. Angela ist das zu wenig: Sie hat andere Vorstellungen vom Leben und um die umzusetzen, nimmt sie gern auch eine vorläufige wirtschaftliche Verschlechterung in Kauf. Hautsache endlich etwas Echtes. Die Ironie besteht darin, dass sie die ausgerechnet in der Beziehung zu einem Mann findet, der ihr etwas vorspielt. Zwar entwickelt Mike schnell einen echten Crush für die charmante junge Frau – und wie könnte er das angesichts von Michelle Pfeiffer auf dem Gipfel ihrer Attraktivität auch nicht? -, aber gleichzeitig verschweigt er ihr etwas: seine wahre Identität und seine Beweggründe.

MARRIED TO THE MOB ist etwas weniger komplex als der meisterhafte SOMETHING WILD, aber trotzdem ein Fest. Erneut erweist sich Demme als großer Komödienregisseur, der seine Filme mit dem Schwung, Esprit und der Eloquenz der Screwball-Klassiker infiziert, und darüber hinaus als sehr genaue Beobachter. Grandios ist vor allem Mercedes Ruehl als eifersüchtige Connie, Anführerin der Ehefrauenclique, die sich gegen die abtrünnige Angela verschwören und ihr natürlich da auflauern, wo Frauen „unter sich“ sind: zwischen den Regalreihen des Supermarktes. Mit ihrem Zorn stellt sie ihren wild um sich schießenden Gatten durchaus in den Schatten: Hell hath no fury like a woman scorned, indeed. Wie im Vorgänger gibt es auch wieder eine wunderbare Tanzszene, die die ganze transzendentale Kraft von Musik und sich verausgabendem Tanz einfängt, und die für Demme typischen Gastauftritte und Regulars: Tracey Walter ist als schmieriger Restaurantbesitzer zu sehen, Charles Napier als schwuler Stylist, Chris Isaak als Killer und Todd Solondz als Reporter. Anders als SOMETHING WILD drängt sich MARRIED TO THE MOB nicht direkt auf, aber er macht einfach Freude und zeigt Klasse in seiner Homogenität. Leider gibt es so etwas heute gar nicht mehr.

 

SOMETHING WILD habe ich zuletzt während meiner Teeniezeit gesehen: Wenn ich mich recht erinnere, steckte die Videokassette in einer dieser schönen Hüllen, die man nicht komplett aufklappte, sondern an der schmalen Seite öffnen musste. Wie dem auch sei, ich mochte den Film damals, war aber davon enttäuscht, wie er sich in der zweiten Hälfte entwickelte. Als Criterion ihm vor ein paar Jahren die Ehre erwies, ihn in ihre ruhmreiche Collection aufzunehmen, war ich zunächst verwundert und dann enorm neugierig, ihn wiederzusehen. Das hat zwar etwas länger gedauert, aber dafür bin ich jetzt total weggeblasen: Mit SOMETHING WILD ist Jonathan Demme ein modernes amerikanisches Meisterwerk gelungen, ein Film, der seine späteren mehrfach ausgezeicheten Klassiker meiner Meinung nach weit übertrifft. Der Film vereint den Esprit, die Lockerheit und die sexuelle Progressivität, die die besten der populären Komödien der Achtzigerjahre sich aus der Screwball Comedy entlehnt hatten, mit einer subtilen Abgründigkeit, die in THE SILENCE OF THE LAMBS dann endgültig an die Oberfläche drang, und einem gleichermaßen liebevollen wie wissenden Blick auf die USA und ihre Kultur. SOMETHING WILD ist ein ungemein reicher Film, der immer wieder überrascht, wenn man meint, ihn“ausgerechnet“ zu haben, und selbst vermeintlich „unwichtige“ Szenen mit schön beobachteten Details zum Leben erweckt. Dem Titel angemessen handelt es sich um einen schnellen, emotionalen Film, der dennoch nie gehetzt wird, sondern sich immer wieder die Zeit nimmt, durchzuatmen, die Dinge wirken zu lassen. Und dann dieses Licht, eingefangen von Demmes Stammkameramann Tak Fujimoto. Ein Gedicht.

Charles Driggs (Jeff Daniels) ist der prototypische Eighties-Yuppie: Gerade zum Vizepräsident seiner Steuerberatungsfirma erkoren, nimmt er im feinen Zwirn seinen Lunch in Manhattan ein, als die schwarzhaarige Lulu (Melanie Griffith) in sein Leben tritt und es binnen Sekunden auf den Kopf stellt. Sie entführt ihn, verabreicht ihm Schnaps aus der Pulle, kettet ihn in einem schäbigen Motel in New Jersey ans Bett und zwingt ihn dann während des ungezügelten Sex dazu, erst seinen Chef und dann seine Frau anzurufen. Er meistert die unangenehme Situation mit Bravour und erntet dafür das Lob der unkonventionellen Verführerin: „You’re a good liar, Charlie.“ Sie ahnt in diesem Moment noch nicht, wie Recht sie wirklich hat. Was wie eine Liebesgeschichte über das „Manic Pixie Dream Girl“ beginnt, die dem langweiligen Spießer das wahre Leben zeigt, nimmt bald einen ganz anderen Verlauf: Erst verwandelt sich Lulu in die blonde, brave Audrey, dann taucht ihr Ex-Mann Ray (Ray Liotta) auf und entpuppt sich als gefährlicher Psychopath, der seine Frau nach absolvierter Haftstrafe verständlicherweise zurückhaben will. Der zögerliche Charles bekommt seine Chance, sich zu behaupten, SOMETHING WILD durchläuft eine weitere Metamorphose von der Liebeskomödie zum harten Thriller.

Die Komplexität der Geschichte wird getragen durch die Darsteller: Melanie Griffith ist als exotische Verführerin genauso überzeugend wie als verzweifelte damsel in distress; noch wichtiger ist es, dass ihr der Übergang gelingt. Dass sie die Verkleidung der selbstbewussten Femme Fatale ablegt, ist kein Zeichen der Schwäche, kein Kotau vor dem auserkorenen Liebhaber: Sie fühlt sich sicher, ihm ihr wahres Gesicht zeigen zu können, weil er sich ihr als vertrauenswürdig erwiesen hat. Jeff Daniels‘ triumphale Leistung liegt darin, das wahre Gesicht seines Charles zu verbergen: Charles spielt nämlich seinerseits ein Spiel mit Audrey, auch wenn er als völlig „offen“ erscheint: Er ist in der komfortablen Lage, sich dem Abenteuer ganz hinzugeben, die Rolle des überwältigten Langweilers auszufüllen und abzuwarten, wie sich die Dinge entwickeln. Er hat nichts zu verlieren, auch wenn es die ganze Zeit den Anschein macht, als müsste er eine existenzielle Entscheidung treffen. Demme hält diese Differenz sehr lang aufrecht, ohne sie aufzulösen. Wenn Charles kurz vor Schluss die Dinge in die Hand nimmt, seinen Rivalen konfrontiert und aufs Ganze geht, ist das gar kein so großer Schritt für ihn: Er hatte die ganze Zeit über ein gutes Blatt auf der Hand. Jetzt ist lediglich der Moment gekommen, in dem er sich entscheidet nicht länger zu bluffen. Und Ray Liotta ist ganz schmieriger Charme und schwelende Bedrohung, die lediglich durch diesen unendlich traurigen Blick unterwandert wird. Er ist der Schurke, aber man versteht seinen Schmerz.

Es gäbe noch so viel zu sagen über SOMETHING WILD: Über sein Amerika, das aus geschwungenen Highways durch grüne Wälder besteht, gesäumt von Motels, Diners, Tankstellen und Souvenirläden. Das von echten Originalen bevölkert wird (u. a. John Waters als Autoverkäufer und Charles Napier als Koch), von Menschen unterschiedlichster Herkunft und Klassen. Das jenseits der pulsierenden Metropolen aus kleinen Orten besteht, mit ihren eigenen Geschichten, die sich dann mit den Menschen über das Land verbreiten und mit anderen Geschichten verbinden. Das sich aus Träumen und Ideen speist, die manchmal spontan entstehen, manchmal aber auch durch den reichen Schatz an existierenden Filmen und Erzählungen befruchtet werden. Das schließlich von verschiedensten Klängen erfüllt ist, die sich alle zu einem unverwechselbaren Sound zusammenfügen, ein Sound der sich immer wieder verändert, entwickelt, entfaltet. Das Leben von SOMETHING WILD ist kein langer, ruhiger Fluß, es ist ein unberechenbarer Strom – und ob man kentert und untergeht oder am Ziel ankommt, hängt entscheidend davon ab, ob man bereit ist, sich auf die Herausforderungen, die seine Stromschnellen und Untiefen darstellen, einzulassen. Es lohnt sich.

 

Wegen der Beihilfe zum versuchten Mord wandert Jacqueline Wilson (Erica Gavin) in den Knast. Dort freundet sie sich mit Pandora (Ella Reid) und Belle (Roberta Collins) an, die sich von den zweifelhaften Methoden der Gefängnisleiterin McQueen (Barbara Steele) noch nicht haben einschüchtern lassen und deren Geduld mit zielgerichteten, intelligenten Provokationen auf die Probe stellen. Als Jacqueline wegen einer Auseinandersetzung mit der streitsüchtigen Maggie (Juanita Brown) in den „Genuss“ der Elektroschocktherapie kommt, die der perverse Dr. Randolph (Warren Miller) im Rahmen von McQueens Umerziehungsprogramm durchführt, beschließt sie zu fliehen. Gemeinsam mit Maggie gelingt die Flucht und mit deren schießfreudigen kriminellen Freundinnen wird schließlich zum Sturm auf das Gefängnis geblasen, um die Kameradinnen rauszuhauen …

Wieder was gelernt. Eigentlich hatte ich gedacht, dass Jonathan Demme das WiP-Subgenre mit CAGED HEAT überhaupt erst losgetreten hatte, doch tatsächlich waren unter dem Siegel von Cormans New World Pictures zuvor schon die (von mir später verorteten) THE BIG DOLL HOUSE und THE BIG BIRD CAGE, WOMEN IN CAGES sowie THE BIG BUST-OUT entstanden. Es war an Demme, dem Frauengefängnisfilm eine gewisse Respektabilität zu verschaffen, ohne jedoch die potenziellen Zuschauer, die sich wenig mehr als Sex, Gewalt und gute Laune erhofften, gänzlich zu verprellen. Zu behaupten, dass der Plan aufging, ist eigentlich untertrieben: Näher als in CAGED HEAT waren sich der Frauengefängnis-Film, ein Genre, das in erster Linie Männerfantasien von Nacktheit, Lesbensex, Unterwerfung und sadomasochistischer Gewalt bedient, Feminismus und linke Gesellschaftskritik wohl noch nie. Dabei bedient Demme, wie oben erwähnt, die speziellen Bedürfnisse seiner Zuschauer sehr genau, dem neutralen Beobachter bleibt aber dennoch kaum verborgen, wie der Regisseur zu den entsprechenden Szenen steht.

Gleich zu Beginn verweigert er in der obligatorischen Untersuchungsszene erst einen allzu ausführlichen Blick auf die Anatomie seiner weiblichen Figuren, lässt die Frauen dann auf einen sehr eindeutig zu verstehenden Spruch des Arztes mit einem Blick antworten, der sagt „Das meinst du jetzt nicht ernst, oder?“, mithin eher Langeweile und Genervtheit als Wut oder gar Angst ausdrückt, und schneidet unmittelbar danach weg. Später sieht man Pandora in einem medium shot anscheinend im Stadium orgasmischer Erregung, bevor die nächste Einstellung, ein Close-up auf ein paar rollende Würfel, die tatsächliche und überaus weltliche Ursache ihrer Verzückung enthüllt: Sie hat lediglich ihr Glück beschworen. In einer anderen Szene, in der Pandora und Belle Sketche für ihre Mithäftlinge aufführen, werden schließlich die Rollenklischees und der Verkleidungsaspekt des Genres persifliert und wenn es endlich unter die Gemeinschaftsdusche geht, interessiert sich die Kamera nicht für die nackten Tatsachen, sondern für den Plan der bekleidet bleibenden Belle, der in Einzelhaft sitzenden Pandora Essen zukommen zu lassen.

Dass Demme sich vor der bloß erwartungsgemäßen Erfüllung der Klischees versperrt, ist aber nicht bloß seinem Unwillen, in die Vollen zu gehen, geschuldet, vielmehr passt es zum Gesamttenor, den er in CAGED HEAT anschlägt. Der Film zeigt eine Welt, in der Außenseiter keinen Platz mehr haben, vom „System“ um jeden Preis auf Linie gebracht und notfalls mithilfe medizinischer Eingriffe gebrochen werden müssen: Die klaustrophobische Bonnie, die in ihrer Zelle stets einen Schreianfall bekommen hatte, schreit nach ihrer Behandlung zwar nicht mehr, zeigt dafür aber auch keine andere Willensregung. Die „Umerziehung“ appeliert nicht mehr an die Vernunft, sie versucht nicht zu verstehen, sie zielt nicht mehr auf das Bewusstsein, sondern direkt und ohne Umschweife auf den Körper. Für diese Art der Kritikführung ist der Frauengefängnisfilm natürlich ideal: Gewalt am weiblichen Körper, die Vergewaltigung, wird zum Bild für die Gewalt des Staates an den Verlieren des Systems. Diese Haltung schlägt sich auch auf die Gesellschaft nieder, die entsprechend indoktriniert wird: In den Verbotsschildern, die die Gefängniswände schmücken, spiegeln sich die Werbebotschaften und Leuchtreklamen der Außenwelt, die zum Konsum auffordern. Der Andere wird infolge dieser krassen Objektivierung nur so lange respektiert, wie er die Regeln (des Marktes) befolgt: Der Freier von Maggies Freundin Crazy (Crystin Sinclaire) offenbart sich mithin erst als Cop, als sie ihm den Dienst versagt, und will sie daraufhin wegen Prostitution  festnehmen. Es ist doch auffällig, dass sich die Menschheit, die CAGED HEAT bevölkert, fast ausschließlich aus Gefangenen und Wärtern bzw. Kriminellen und Polizisten zusammensetzt. Wenn Jacqueline und Maggie am Ende das Gefängnis stürmen, die Terrorherrschaft von McQueen und ihrem Folterarzt durchbrechen, dann ist das eine Revolution, angestachelt von denen, die an den Rand gedrängt und kriminalisiert wurden. Und John Cale, head honcho von The Velvet Underground, akzentuiert diesen Aspekt mit einem Score, der sowohl den Blues als auch Hillbilly-Country instrumentalisiert. CAGED HEAT ist bestes, abgründiges Seventies-Exploitation-Kino, aber eigentlich kaum gealtert, wie ein Blick in die aktuellen Nachrichten beweist.

Los Angeles in den Fünfzigerjahren: Als der Gerichtsvollzieher die Schließung des Schönheitssalons von Sheba (Ann Sothern) und ihrer Tochter Melba Stokes (Cloris Leachman) beschließt, wiederholt sich für Mutter und Tochter die Geschichte, denn rund zwei Jahrzehnte zuvor wurden sie von ihrem Grundstück in Arkansas vertrieben, ihr Ehemann und Vater dabei erschossen. Voller Wut im Bauch beschließen die beiden Damen, in die Heimat zu fahren und sich ihr Grundstück zurückzuholen. Unterwegs muss nur noch das nötige Kleingeld ergaunert werden: Mit einem schlagkräftigen Team, zu dem auch noch Melbas Tochter Cheryl (Linda Purl), deren Freund Shawn (Don Most), der Cowboy Jim Bob (Stuart Whitman), der Rocker Snake (Bryan Englund) und die rüstige Rentnerin Bertha (Merie Earle) gehören, gehen die Damen auf die Reise, die Waffen immer fest im Anschlag …

CRAZY MAMA ist weniger leicht einzuordnen, als es zunächst den Anschein hat: Der Titel weckt Erinnerungen an die ein Jahr zuvor recht erfolgreich gelaufene Corman-Produktion BIG BAD MAMA mit Angie Dickinson, die ihrerseits ein Versuch war, den Erfolg von BLOODY MAMA mit Shelley Winters zu wiederholen. Auch die Verbindung mit dem Dillinger-Film THE LADY IN RED, der die Double-Feature-DVD aus der „Roger Corman’s Cult Classics“-Reihe von Shout! Factory vervollständigt, ist eher irreführend. CRAZY MAMA lässt sich durchaus dem Subgenre „Period-Piece-Gangsterfilm“ zurechnen, doch so richtig zu fassen bekommt man ihn mit diesem Etikett nicht. Jonathan Demmes Zweitwerk (nach dem WiP-Klassiker CAGED HEAT) folgt zwar der seit Arthur Penns BONNIE & CLYDE populären Prämisse, „normale“ Bürger auf Raubzug gehen zu lassen, doch betont Demme weniger die sozialpolitischen Hintergründe dieser Entscheidung. Auch wenn es finanzielle Probleme sind, die die Stokes zu Verbrechern machen, ihre Raubüberfälle sind weniger als Akt der Auflehnung gegen Staat und Gesellschaft zu bewerten, als vielmehr Ausdruck einer viel zu lange unterdrückten Individualität. Das Geld für den Rückkauf ihres einstigen Wohnsitzes aufzutreiben, ist nur die eine Seite ihrer Bemühungen; die andere ist es, ihre Identität als Familie rechtzeitig zur Ankunft in der alten Heimat wiedererlangt zu haben.

So ist es dann auch eine aus Randexistenzen der Gesellschaft zusammengewürfelte Patchwork-Familie, die schließlich die Reise antritt: Neben den drei Stokes-Damen sind das der brave Shawn, der Vater von Cheryls noch ungeborenem Kind, der nicht nur damit beschäftigt ist, sich in diese neue Rolle einzuleben, sondern auch alle Hände voll damit zu tun hat, seine eigensinnige Freundin davon abzuhalten, sich dem Rocker Snake an den Hals zu werfen. Sheba gabelt das alte Mütterchen Bertha, das aus einem Altersheim geflohen ist, an einem einarmigen Banditen auf, ihre Tochter Melba den Ex-Sheriff Jim Bob am Würfeltisch. Als die beiden nach nur einem Tag beschließen zu heiraten, ist das eigentlich nur der Vorwand dafür, eine Hochzeitskapelle auszurauben, aber es verdeutlicht natürlich dennoch, dass es hier weniger um das lustige Räuber-und-Gendarm-Spiel geht, als vielmehr darum, neue Familienhierarchien und -konstellationen durchzuprobieren. So ist es wahrscheinlich auch nicht verwunderlich, dass der Film selbst alles dafür tut, niemals stehenzubleiben: Statt Kohärenz und Kontinuität setzt es eine rasante Abfolge von mal mehr mal weniger trivialen Episoden, von denen man auch ruhig mal eine verpassen kann, ohne den Anschluss zu verlieren. Der ganze Film fliegt nur so an einem vorbei und auch, wenn das alles sehr ansehnlich und grundsympathisch ist, will er einfach nicht richtig hängenbleiben. Auch die dem Sujet geschuldete Tragik, die am Ende noch ins Spiel kommt, fügt sich in den gesteckten Rahmen nicht wirklich ein. Aber das scheint durchaus Methode zu haben: CRAZY MAMA und seine Protagonisten sind viel zu lebhaft und aufgedreht, als dass sie solch ein Dämpfer nachhaltig beeinflussen und die Trauer sich festsetzen könnten. Die Stokes sind allesamt Survivors, die bisher noch jeden Schicksalsschlag zu nehmen gewusst haben, die gelernt haben, dass das Leben gerade darin besteht, mit Schicksalsschlägen zu leben.

Diese Ausrichtung verleitet mich zu der These, dass CRAZY MAMA tatsächlich am sinnvollsten im Rahmen von Jonathan Demmes Gesamtwerk zu rezipieren ist: durchaus ungewöhnlich für die Phalanx von Filmen, die spätere Spitzenregisseure zu Beginn ihrer Karriere für Corman machen durften. Ich bin wahrlich kein Demme-Spezialist, aber ein Text anlässlich der Criterion-Veröffentlichung von seinem SOMETHING WILD, der besagt, dass [f]ew directors, however, have tackled social and personal shape-shifting as concretely or as intuitively as Jonathan Demme. Throughout his diverse yet unified oeuvre, characters are uncannily aware of what makes them tick, to the point that exposition is occasionally bypassed altogether.“, mag als Beleg für meine Behauptung dienen. Bleibt zu sagen, dass CRAZY MAMA ein schönes, nostalgisch angehauchtes Road Movie ist, das nicht vom Hocker reißt, aber dennoch origineller ist, als erwartet. Und der Soundtrack, auf dem sich ein Rock’n’Roll-Hit der Fifties an den nächsten reiht, schadet auch nicht.