Mit ‘Joseph Sargent’ getaggte Beiträge

1973 White lightning - Los traficantes (ing) 01Ein Lieblingsfilm seit meiner Kindheit, in der ihn meine Eltern aus dem Fernsehen aufgezeichnet hatte. Verstanden habe ich ihn damals nicht (warum man keinen Schnaps brennen darf, war mir ein Rätsel), aber die Eröffnungsszene, in der der fiese Sheriff Connors (Ned Beatty) zwei Jungs ertränkt, hat mich immens beeindruckt. Heute fällt es mir dann auch ein bisschen schwer auseinanderzuhalten, was an meiner Zuneigung hoffnungslose Nostalgie ist und was „objektives“ Gutfinden von Sargents schnurrendem Entertainmentboliden. WHITE LIGHTNING genießt einen ausgezeichneten Ruf als einer von Reynolds‘ besten Filmen seiner „klassischen“ Phase, aber ich vermute, dass Menschen, die ihn heute zum ersten Mal sehen, ihn wahrscheinlich als unspektakulär empfinden. Es gibt drei ausgedehnte Verfolgungsjagden und eine tolle Besetzung, aber sonst könnte WHITE LIGHTNING auch eine etwas in die Länge gezogene Folge von „Ein Colt für alle Fälle“ oder „Ein Duke kommt selten allein“ sein.

Burt Reynolds ist Bobby „Gator“ McKluskey und er sitzt im Bau, weil er sich als „Moonshine Runner“, also als Lieferant schwarz gebrannten Fusels, verdingt hat, was in der Gegend, aus der er kommt, quasi der Standardberuf für echte Kerle ist. Als er erfährt, dass sein Bruder Donny, ein Student, vom korrupten Sheriff Connor umgebracht wurde, schlägt er dem Staat einen Deal vor: Er bietet sich als Informant an, verspricht, Connor belastendes Material zu finden, und wird freigelassen. Als Fahrer für Roy Boone (Bo Hopkins) steigt er in die Szene ein, bekommt aber bald Gewissensbisse, weil er natürlich auch seinesgleichen mit inkriminiert. Also muss er den schurkischen Sheriff auf seine Weise drankriegen.

WHITE LIGHTNING gefällt mir vor allem wegen seines staubig-sumpfigen Südstaatensettings. Alle Figuren sprechen diesen herrlich Southern Drawl, sind pausenlos verschwitzt und leben in Holzhäusern voller Gerümpel, die Straßen sind lehmige Dreckpisten und keiner scheint einer normalen Arbeit nachzugehen. Burt Reynolds ist ein Mahnmal männlichen Selbstbewusstseins, ohne jedoch in dieses Geckenhafte abzugleiten, das später seinen Abstieg begleitete. Auch wenn sich das in meiner Beschreibung anders anhört: WHITE LIGHTNING ist frei von überflüssigen Beigaben oder klischeehaften Übertreibungen. Er wirkt eher reduziert in seinem gesamten Aufbau, auch nicht so als hätte ein Yankee einen Film über das Leben im Süden gemacht. Ob Sargents Film wirklich authentisch ist, kann ich natürlich nicht beurteilen, aber er wirkt definitiv so. Ein gutes Beispiel, um einen Eindruck von dieser Zurückgenommenheit zu geben, ist Ned Beatty. Sein Sheriff ist kein geiferndes Arschloch, wie man das von Bösewichten in Actionfilmen erwarten darf, nein, es ist eben ein Beamter, der seine Amtsautorität missbraucht in dem Glauben, dazu berechtigt zu sein. Beatty erkennt man fast gar nicht mit Brille, Hut und zusammengepressten Lippen und jede Komik, die er sonst gern in seine Rollen einbringt, ist hier abwesend. J. C. Connor ist einfach nur ein Fascho-Arschloch, wie es sie überall gibt. Das ist dann auch der kleine Schlenker, den sich der Film erlaubt: der Grund, warum Gators Bruder sterben musste. Hier weitet sich ganz zum Schluss der enge Fokus des Films und das zuvor nie hinterfragte Handeln des Helden wird doch noch einmal infrage gestellt, bevor es ein letztes Mal rund geht.

Doch, doch WHITE LIGHTNING ist schon toll.

JAWS: THE REVENGE hat auf der IMDb einen Durchschnittswert von 2,8 kläglichen Sternen, auf Rotten Tomatoes einen „Freshness“-Wert von fetten 0 % und ist beliebte Zielscheibe für schadenfrohen Spott. Er gilt als einer der schlechtesten Filme aller Zeiten (als köne man das so eindeutig festlegen), auf Youtube kann man sich zahlreiche „Reviews“ mit Titeln wie „How bad is JAWS: THE REVENGE“ ansehen und das Video des nicht verwendeten, ungekürzten Endes wird von So-bad-it’s-good-Connaisseuren immer wieder als Beweis für die legendär miese Qualität des Films herangezogen. Schauspieler Michael Caine gestand, sich den Film niemals angesehen zu haben, Roy Scheider weigerte sich mit Händen und Füßen dagegen, mitzuwirken. Sargents vierter Teil spielte von allen JAWS-Filmen am wenigsten ein (erwirtschaftete aber immer noch rund das Doppelte seines Budgets), wurde ausnahmslos verrissen und für sieben Goldene Himbeeren nominiert (unter anderem für die schlechtesten visuelle Effekte); er bedeutete den Sargnagel in das Franchise, das mit bloß durchschnittlicher Ware wahrscheinlich bis zum St.-Nimmerleins-Tag profitable Fortsetzungen abgeworfen hätte. Als Hai-, Horror- oder generell als Genrefilm ist er tatsächlich nicht weniger als eine Katastrophe: Der Hai sieht furchtbar pappig und leblos aus und ist stets viel zu lang im Bild zu sehen, seine Attacken sind ohne jeden Zug und Tempo inszeniert. Seltsam, da Veteran Sargent doch immerhin mit den veritablen Hochspannungsthriller THE TAKING OF PELHAM ONE TWO THREE und den Vollgasfilm WHITE LIGHTNING auf dem Kerbholz hat und wenn auch nicht als Auteur, so doch als versierter Routienier angesehen werden darf. Möglicherweise waren es logistische Probleme, mit denen er zu kämpfen hatte – JAWS: THE REVENGE wurde innerhalb von nur neun Monaten produziert und als Sargent, gelockt von dem Versprechen, inszenieren und produzieren zu dürfen, an Bord ging, existierte noch gar kein Drehbuch, wohl aber der Wunsch, den Film schnellstmöglich auf den Markt zu bringen –, jedenfalls funktioniert sein Film als bizarres Familien-Psychodrama um Längen besser als als actionreiche Achterbahnfahrt. Und wenn es dem Betrachter gelingt, seine Erwartungshaltung zu justieren, sich entsprechend auf das Werk einzustellen, dann wird er seine vermeintlichen „Fehler“ vielleicht als singuläre Idiosynkrasien zu schätzen lernen. Jedenfalls war das bei mir gestern so.

JAWS: THE REVENGE knüpft wieder stärker an die ersten beiden Filme an als Alves‘ dritter Teil, kehrt zurück nach Amity, zu Ellen Brody (Lorraine Gary), die mittlerweile Witwe ist, seit ihr Mann von einem Herzanfall hinweggerafft wurde, und ihrem jüngsten Sohn Sean (Mitchell Anderson), der mittlerweile in die Fußstapfen seines Vaters getreten ist und bei der Polizei arbeitet. Als er an Heiligabend von einem Hai attackiert und getötet wird, verfestigt sich eine Vermutung Ellens, die sie schon seit langer Zeit hegt: Die wiederkehrenden Haikonfrontationen sind kein Zufall, vielmehr haben es die Kreaturen auf ihre Familie abgesehen. Auch ihr Mann starb nicht an Herzversagen, sondern in erster Linie „from fear“, wie sie nun sicher weiß. Um sich von dem Verlust zu erholen, reist sie zu ihrem Sohn Michael (Lance Guest), der auf den Bahamas gemeinsam mit Freund Jake (Mario van Peebles) als Meeresbiologe an einem Forschungsprojekt arbeitet, von dem seine Mutter ihn nun abbringen will. Ihr bizarrer Glaube stellt sich schließlich als berechtigt hinaus: Der Killerhai folgt ihr in die warmen Karibikgewässer, um sein Werk fortzusetzen. Die Liebesaffäre mit dem Piloten Hoagie (Michael Caine) bringt sie schließlich von ihrer Obsession ab, doch mittlerweile hat sich Michael von Jake breitschlagen lassen, den Hai zu erforschen. Es kommt zur finalen Konfrontation.

Was in Jeannot Szwarcs zweitem Teil nur kurz angedeutet wurde, nämlich, dass die Haie untereinander kommunizieren und es nach den Ereignissen von JAWS auf die Brodys abgesehen haben, bewahrheitet sich in Sargents Film, wenn das auch niemals biologisch unterfüttert wird. Ein Fluch lastet auf der Familie und die weißen Haie, die sie regelmäßig heimsuchen, sind nicht bloß gefräßige Raubtiere, sondern gewissermaßen mythische Dämonen. Die psychologische Konnotation des Ganzen, die Einschätzung, dass die Brodys durch die vergangenen Ereignisse traumatisiert sind und unter Wahnvorstellungen leiden, die ebenfalls schon in Szwarcs Film mitschwang, schwingt auch hier mit, wird durch das reale Auftauchen des Hais nur halbherzig verworfen. Mit seiner traumgleichen Langsamkeit, die durch die geleckte Achtzigerjahre-Optik noch verstärkt wird – Lorraine Garys Ellen Brody sieht aus, als sei sie aus einer Folge DYNASTY oder DAS ERBE DER GULDENBURGS in den Film gebeamt worden –, und der schwülstigen Melodramatik scheint der Film eher in derangierten Innenwelten angesiedelt als in der schnöden Realität. Das ist es dann auch, was mich gestern für den Film eingenommen hat: JAWS: THE REVENGE schreitet voran wie ein besonders bizarres Kapitel einer melodramatischen Familiensaga und ist in seiner holprigen Zusammenführung von Familiendrama, Altersliebesfilm, missratenem Monster-Romp und esoterischem Mystery-Gedöns – kein Wunder – absolut singulär. Das darf man ihm als Freund des Abseitigen und Fehlgeleiteten durchaus zugutehalten. Langweilig ist JAWS: THE REVENGE zu keiner Sekunde, gerade weil er in keine Schublade passen will und am Anspruch maßgerecht gefertigter Normunterhaltung mit unverdrossener Lebensmüdigkeit scheitert. Die Frage, ob das nun dem Unvermögen Sargents oder den ungünstigen Umständen geschuldet ist oder ob hier gar ein besonders perfides Stück Außenseiterkunst vorliegt, soll mich nicht weiter beschäftigen. Und der aufgeschlossene Filmfan, der hier mitliest, sollte es ebenso halten und diesem zauberhaften Film eine kleine, aber gemütliche Ecke in seinem Herzen einrichten.

Vier Männer steigen in eine New Yorker U-Bahn, bringen diese in ihre Gewalt und drohen damit, die Insassen zu exekutieren, wenn ihrer Lösegeldforderung nicht nachgekommen wird. Von der Kommandozentrale aus leitet der für die U-Bahn verantwortliche Lieutenant Garber (Walter Matthau) die Ermittlungen und führt die Verhandlungen mit den Entführern, die von dem zu allem entschlossenen „Mr. Blue“ (Robert Shaw) angeführt werden. Und der ist zu keinerlei Kompromiss bereit. Die Zeit wird knapp …

Der soeben von Tony Scott neu aufgelegte THE TAKING OF PELHAM ONE TWO THREE verkörpert die Vorzüge des urbanen Crime- und Polizeifilms der Siebzigerjahre in Reinkultur. Sargents quasidokumentarischer Ansatz, von dem ausgehend er die Vorgänge minutiös und scheinbar objektiv beobachtet und seine Aufmerksamkeit dabei abwechselnd den Ereignissen in der U-Bahn und der Kommandozentrale widmet, erzeugt Dringlichkeit und Unmittelbarkeit und verstärkt dabei das Gefühl der Hilflosigkeit und Ohnmacht, das den Zuschauer mit Lt. Garber verbindet. Dieser verkörpert weniger den toughen Außenseiter und Großstadtritter, den man etwa aus den DIRTY HARRY-Filmen kennt, sondern ist ein einfacher Beamter, der den Bösewichtern durch Erfahrung, Kombinationsgabe und eine gewisse Bauernschläue (man beachte nur seinen den Film abschließenden Blick, als er den letzten der Räuber fasst) auf die Schliche kommt, statt durch Beugung der Regeln und unerbittliche Härte. Sargents Film erzählt auch von einer Zeit, als der Terror und die Willkür, mit der er zuschlägt, noch nicht so sehr im Bewusstsein verankert waren, wie das heute unzweifelhaft der Fall ist. Es bedarf eines kühlen Denkers wie Garber, um ein Problem zu lösen, auf das niemand wirklich vorbereitet ist und für das es eben noch keinen Präzedenzfall gibt. Das verleiht THE TAKING OF PELHAM ONE TWO THREE gerade aus heutiger Sicht noch Relevanz – mal davon abgesehen, dass er einfach sauspannend ist.

Inszenatorisch passt sich THE TAKING OF PELHAM ONE TWO THREE  seinem lakonischen Helden an: Auch er wartet nicht mit spektakulären Effekten und Taschenspielertricks auf, sondern überzeugt vielmehr mit fachmännischer Beherrschung des Filmhandwerks und dem effizienten Einsatz der Mittel. Kamera, Ton und Schnitt harmonieren perfekt, mehr ist nicht nötig. Das hat wohl auch Tarantino zu honorieren gewusst, der Sargents Film in RESERVOIR DOGS Tribut zollt: Die Idee, seine Verbrecher nach Farben zu benennen, stammt nämlich von hier.