Mit ‘Joseph W. Sarno’ getaggte Beiträge

Im Jahr seines ersten Hardcore-Films zog es Joe Sarno wieder einmal nach Europa, genauer gesagt in die Schweiz, um dort im Auftrag seiner Produzenten einen der damals angesagten Beiträge zur Sexvampir-Welle zu drehen. Dem Ergebnis sieht man an, dass sich der amerikanische Sexfilm-Pionier für solcherlei Gedöns nicht die Bohne interessierte, aber er dachte sich „what the hell“ und lieferte: DER FLUCH DER SCHWARZEN SCHWESTERN ist nicht gerade ein Schlüsselfilm im umfassenden Werk des Filmemachers, für Anhänger der Auteur-Theorie wahrscheinlich gänzlich vernachlässigbar, aber wenn man bereit ist, die mitunter hanebüchenen Dialoge, die stark schwankenden Darstellerleistungen, die aus der Not geborenen „Spezialeffekte“ und die ziellos mäandernde, zum Schluss immer redundanter werdende Handlung als Teil des Spiels zu akzeptieren, wird man mit einem visuell mitunter betörenden Werk belohnt.

Die an die Legende der in Jungfrauenblut badenden Elizabeth Bathory wird von Sarno zu einer Vampirgeschichte um Verführung, Kontrollverlust und -behauptung umgedichtet, die ihre zwei bis drei Konfliktsituationen in verschiedenen Konstellationen ad infinitum wiederholt und das alles mit zahlreichen Nacktszenen sowie den barbusig in ihrem Folterkeller zu hypnotischen Trommelrhythmen tanzenden Vampirinnen um die strenge „Haushälterin“, sprich Obervampirin, Wanda Krock (Nadia Henkowa) ergänzt. Zu Beginn kehren sowohl drei hübsche Mädchen – Helga (Marie Forså), Monika (Ulrike Butz) und Iris (Flavia Keyt) – im alten Schloss ein als auch die Aberglaubens-Forscherin Julia Malenkow (Anke Syring) und ihr Bruder Peter (Nico Wolferstetter). Letztere gebe sich als im Regen Gestrandete aus, wollen in Wahrheit aber dem Treiben der Vampire ein Ende setzen. Es beginnt das große Belauern: Die schöne Monika ist eine Wiedergängerin der einstigen Vampirgräfin, darüber hinaus haben es Wanda und ihre Vampirfrauen aber auch auf Helga abgesehen, um erst Peter, dann dessen Schwester unschädlich machen zu können. Durch nächtliche Gesänge und Getrommel werden die armen Mädchen wuschig gemacht, aber immer, wenn es ernst wird, kommt Julia mit ihrem Knoblauchkreuz daher. Am Ende können die Vampirinnen schließlich doch noch besiegt werden und der Film nimmt ein ebenso unsanftes, abruptes Ende wie die diabolische Wanda und die arme Monika.

Das alles ist natürlich totaler Tinnef, dem das nicht vorhandene Budget nicht gerade in die Karten spielt: Ein Angriff von Vampirfledermäusen wird erst ganz ohne solche realisiert, dann mithilfe von als Schattenrisse vor der Kamera rumfuchtelnden Händen. Das ständige Belauern ohne Konsequenz wird zunehmend enervierend, der Film tritt eine gut halbe Stunde lang auf der Stelle und streckt das alles unter Zuhilfenahme der obligatorischen Sex- und Nacktszenen auf die geradezu epische Länge von über 100 Minuten. Was DER FLUCH DER SCHWARZEN SCHWESTERN rettet – neben dem Charme, die solche kackdreisten Erzeugnisse ja immer verströmen – sind Sarnos meisterliche Kadrierung, sein Gespür dafür, Gesichter zu inszenieren und die wunderschöne Fotografie von Steve Silverman, der auf eine sehr sinnliche Lichtsetzung bauen kann. Werden „Billigfilme“ dieser Art oft nach dem Motto „Viel hilft viel“ ausgeleuchtet, auf dass die Schlagschatten ihren Tanz aufführen mögen, setzt Sarno auf natürliche Lichtquellen und erzeugt so eine sehr diffuse, weiche Lichtstimmung. Besonders Anke Syring und die zauberhafte Marie Forså profitieren davon und DER FLUCH DER SCHWARZEN SCHWESTERN gerät mitunter fast zur Liebeserklärung an die beiden Darstellerinnen (eine solche drehte ja auch Jürgen Enz mit seiner HERBSTROMANZE, in der die nun nicht mehr ganz so junge Anke Syring dem FÖRSTER VOM SILBERWALD Rudolf Lenz verfällt). Nadia Henkowa chargiert demgegenüber bis zum Umfallen, hat offenkundig Spaß daran, ihre Nüstern beben zu lassen und geil die Lippen zu schürzen und Sarno dankt es ihr, indem er ihr und ihren markanten Zügen etliche Kinski-Momente beschert. Die Zahl der Szenen, in denen sie von der Seite ins Bild tritt, um einer Schönen mit ihren dunklen Augen und teuflischem Lächeln über die Schulter zu schauen, ist kaum zu zählen. Mir hat DER FLUCH DER SCHWARZEN SCHWESTERN gefallen und mich dazu inspiriert, mich endlich mal intensiver mit Sarno zu beschäftigen. Wenn zu seiner formalen Meisterschaft, die er hier zeigt, auch noch etwas inhaltliche Substanz hinzukommt, darf Großes erwartet werden.

Statt Sarnos THE LOVE REBELLION – gewohnt blumiger deutscher Verleihtitel: PORNOSPIELE MIT STOCK UND PEITSCHE – war eigentlich Peter Baumgartners einzige Regiearbeit, der von den Hofbauer-Kommandanten vielgepriesene … UND NOCH NICHT SECHZEHN vorgesehen, doch die bereits zugesagte Kopie war plötzlich spurlos verschwunden. Der kurzerhand an Land gezogene Ersatz erwies sich keineswegs als zweitrangiger Lückenbüßer, sondern avancierte für mich – und gemessen am tosenden Schlussapplaus auch für einige andere – zu einer der schönsten Entdeckungen des Kongresses.

Der Sexploitation-Pionier und spätere Pornofilmer Sarno beobachtet in seinem Film die Verstrickungen einer Gruppe unterschiedlicher Menschen, die gemeinsam in einem New Yorker Mietshaus leben und zum Teil miteinander arbeiten. Da sind die geschiedene Mutter und Unternehmerin Jo Fletcher (Melissa Ford), die sich mit ihrer schüchternen Tochter Wendy (Gretchen Rudolph) eine Wohnung teilt und sich etwas unbeholfen und halbherzig gegen die sanften, liebevollen Avancen ihres Geschäftspartners wehrt. Wendy landet auf der Party ihrer Kollegin Pam (Angelique), die gemeinsam mit dem nichtsnutzigen Möchtegernmaler Billy und einer weiteren Freundin zusammenlebt und mit diesen ein sehr liberales Moralverständnis teilt. Auf der Party geht es heiß, freizügig und promisk her: Wendy ist gleichermaßen fasziniert wie abgestoßen und weckt schnell das Interesse von Hank (Alan Hoff), einem Sadisten, dessen Freundin trotz größter Demütigungen nicht von ihm lassen kann. Pam und Billy fassen den Plan, ihre Freundschaft mit Wendy dazu zu nutzen, ihrer Mutter das Vermögen aus den Rippen zu leiern. Während Wendy also immer häufiger bei Pam eingeladen und in deren sündige Welt eingeführt wird, macht sich Billy an Jo heran – und verliebt sich in die reife Frau. Gleichzeitig schwillt in dem immer wieder auf Wendys Ablehnung stoßenden Hank mörderischer Zorn …

THE LOVE REBELLION ist, ich muss das so unverblümt sagen, um zu des Pudels Kern vordringen zu können, ein absoluter Billigfilm. Die Darsteller sind Laien (die meisten von ihnen kommen über eine Handvoll in den mittleren Sechzigern produzierter Schmuddelfilme nicht hinaus) und überbieten sich gegenseitig im enthemmten Grimassieren. Als Settings fungieren ein paar schmucklose Räume – vielleicht Sarnos Wohnung? – und ein Stück New Yorker Bürgersteig: Vor allem Hank – von mir aufgrund seines Leids schnell „der traurige Sadist“ getauft – hat die ganze Härte des New Yorker Wohnungsmarkts zu spüren bekommen: Er lebt in einem ganz genau vollbildgroßen Zimmer, das an einer Seite von der Kamera begrenzt wird, vor die er, von seiner Freundin „angewidert“ und mit zu Schlitzen zusammengekniffenen Augen, zu treten pflegt, und das an der hinteren Wand eine von seinem Bett vollständig versperrte Tür zeigt. Hier würden wohl jedem die Sicherungen rausknallen. Den Inhalt von Jos Geschäft konnte ich auch nicht erkunden, aber es hat etwas mit Kartons zu tun, die von den Angestellten immer wieder gezählt werden müssen. Je höher die Zahl, umso mehr freut sich die Geschäftsführerin. Auch die Party steht exemplarisch für das, was solche Cheapies ihren Zuschauern als „Orgien“ verkaufen wollten: Sieben Leute in einem voll beleuchteten Raum, von irgendwoher dröhnt Beatmusik, zwei bis drei tanzen, der Rest schaut zu, eine ist irgendwann nackt und dann sinkt man, berauscht von einem Glas Alkohol, auf die Matratze. Wie so viele dieser frühen „Sittenfilme“ ist auch dieser vor allem eine Sammlung vielsagender Blicke. Immer wieder stehen Augenpaare im Zentrum des Bildes, mal versonnen und träumerisch dreinschauend, dann wieder voller Entsetzen und Fassungslosigkeit, einmal verklärt und feucht oder natürlich auch böse und hinterhältig funkelnd. Und wie so oft ist es die zum Vorschein kommende Diskrepanz zwischen Ursache und Wirkung, die Anlass zur Freude ist. Das nüchtern betrachtet doch eher langweilige Sit-in bei Pam evoziert eine wahren Blickrausch, der wiederum die Tanzenden dazu animiert, ihre Körper ekstatisch zu verbiegen, was ein weiteres Entgleisen der Gesichtszüge zur Folge hat. Vor allem Wendy bestaunt das Treiben wie eine Naturkundlerin das Balzritual einer für ausgestorben gehaltenen Tierrasse, nur um zwischendurch verführerisch zum wilden Hank hinüberzublinzeln. Wenn Sie nur wüsste, was sie damit lostritt! Hank, ein Muskelprotz, der ein wenig wie eine diabolische Mischung aus Kirk Douglas und Matthew McConaughey aussieht, spielt vor allem mit seinen Wangen und den Augäpfeln, und seine mimischen Verrenkungen lassen dunkel erahnen, welche finstere Begierden in seinen Lenden tosen. Er avanciert im Laufe der Spieldauer zum tragischen Held des Films und seine anhaltende Glücklosigkeit lässt ihm das Mitleid geradezu entgegenfliegen. Wie er da in seinem beengten Kabuff Pläne schmiedet, dabei immer wieder von seiner nervenden Freundin gestört wird, wie seine Versuche, bei Wendy zu landen, allesamt kläglich scheitern, und er selbst bei einer alles andere als subtilen Verfolgungsjagd den Kürzeren zieht, ist nicht gerade zur Stärkung seines Selbstbewusstseins geeignet. In meiner Lieblingsszene rennt er im Bildhintergrund die Treppe herunter und wird Zeuge, wie Wendys Mama und der pockennarbige Billy im Vordergrund innig vereint sind: Wie bei einer Comicfigur fällt ihm angesichts dieser Offenbarung glatt die Zigarre aus dem Mund. Alle scheinen sexuelle Erfüllung zu finden, nur er nicht, der dazu doch nicht einmal auf die Einwilligung des Gegenübers angewiesen ist.

Den Eindruck, THE LOVE REBELLION sei ein durchweg unfreiwillig komischer Baddie, möchte ich keineswegs aufrechterhalten. Vielmehr bietet Sarnos Film rund 80 Minuten perfekte Unterhaltung, die gerade deshalb so wirkungsvoll ist, weil sie absolut geradlinig und unverstellt daherkommt. Wie viele andere Schwarzweiß-Exploiter aus dieser Zeit – einige der frühen Filme Russ Meyers fallen unweigerlich ein, auch wenn diese deutlich artifizieller und expressiver in ihrer Bildsprache und Erzählhaltung sind – verfügt er über eine nur schwer zu erklärende Art von „roher Eleganz“. Ich liebe den Look dieser Filme, ihren Sound, die Art, wie sie Charaktere einführen und skizzieren, das Aufeinanderprallen überlebensgroßer Klischees und alles andere als überlebensgroßer Produktionsbedingungen. Eine unheimliche Spontaneität geht von THE LOVE REBELLION aus und verleiht ihm seinen unleugbaren Sexappeal, mehr als alle tatsächlichen Nuditäten. THE LOVE REBELLION ist in Deutschland wie durch ein Wunder auf DVD erschienen und sollte von allen, die sich nur ein bisschen für die lange, ruhmreiche Historie des amerikanischen Schmuddelkinos interessieren, erworben werden, auf dass er nicht die letzte dieser Perlen ist, die ihren Weg von Film auf das digitale Medium schaffen. Wer weiß, wie lange man sich an solchen Schätzen noch erfreuen können wird?