Mit ‘Józef Kondrat’ getaggte Beiträge

Sturmbannführer Walter Kraft (Manfred Krug), der ein Konzentrationslager unter seiner Aufsicht hat und begeisterter Boxer ist, wurde vom Häftling Kominek (Stefan Kvietik), den er mit besonderer Zuwendung über Wochen zu einem gleichwertigen Gegner aufgepäppelt hat, in einem Trainingskampf niedergestreckt. Die Schmach sitzt tief in dem stolzen, eingebildeten Nazi: So weit ging sein Sportsgeist dann doch nicht, und er überlegt nun, ob er den aufmüpfigen Tschechen für den Affront durch den „Schornstein schicken“ soll. Seine treue Gattin Helga (Valentina Thielová) rät ihm ab: Er solle an die Zeit nach dem Krieg denken, wenn alle, die ihn im Ring sehen, sagen werden, dass er seinen Gegner nach einer Niederlage habe hinrichten lassen und ihm so die aussichtsreiche Boxerkarriere ruinieren. „Glaubst du, die Menschen sind dazu wirklich fähig?“, fragt er sie enttäuscht. „Ich glaube, sie sind zu noch viel Schlimmerem in der Lage“, antwortet sie. Im Hintergrund steigt schwarzer Rauch aus einem Schornstein.

Wenn der Sportfilm (und natürlich Sport selbst) eine gleichnishafte Auseinandersetzung mit den Herausforderungen des Lebens auf spielerischer Basis und in einem eng abgezirkelten Bereich – Sportplatz und Regelwerk – darstellt, dann ist der Boxfilm (und analog der Boxsport) sowohl die reinste als auch die direkteste Umsetzung dieser Idee: Es muss nicht ein Ball ins, übers oder durchs Netz geschossen, geworfen, geschlagen oder sonstwie bugsiert werden, vielmehr geht es darum, den Gegner mit einem Schlag niederzustrecken – und selbst stehenzubleiben. Der Boxer ist der Inbegriff des leidenden Helden: Er stählt seinen Körper, lässt sich verprügeln, um am Ende blutend zu triumphieren. Leiden tut er trotzdem, auch der Sieg ist mit Schmerzen verbunden. „Es geht nicht darum, wie oft du niedergeschlagen wirst, sondern darum, wie oft du wieder aufstehst“: Der Satz, den Rocky Balboa – der neben Muhammad Ali wahrscheinlich berühmteste Boxer aller Zeiten – in ROCKY BALBOA ausspricht, beschreibt offenkundig nicht nur seine Kampf-, sondern auch seine ganze Lebensphilosophie. Im Boxen wie im Leben geht es für ihn darum, sich unter extremen Bedingungen zu behaupten und einfach immer einmal mehr und härter auszuteilen als er selbst einstecken muss. So lehrt der Boxsport auch eine gewisse Duldsamkeit: Selbst den Sieg gibt es nicht kostenfrei, er steht am Ende eines Leidenswegs – ja, vielleicht machen die Schmerzen und Entbehrungen, die man überstehen muss, den Triumph überhaupt erst so wertvoll.

Vor diesem Hintergrund erscheint es als logisch, warum der Gefängnis- und der Sportfilm in der Filmgeschichte so eine überaus produktive Liaison gepflegt haben (bzw. warum Sport und Haft eng miteinander verwoben sind). Im sportlichen Wettkampf überwindet der Häftling die physischen Mauern sowohl des eigenen Körpers als – damit verknüpft – auch der ihn umgebenden Haftanstalt. Es ist ein Prozess der Transzendenz durch eine Art sublimierte Selbstauflösung: Besonders leistungsfähig ist der Sportler immer dann, wenn er zu denken aufhört, wenn er nur noch eine mechanische Abfolge präzise einstudierter und instinktiv ablaufender Bewegungen ist. Wenn das Denken im Knast wahnsinnig macht, ist eine Tätigkeit, bei der das Denken zumindest vorübergehend ausgeschaltet wird, die Erlösung. Und der Sport ermöglicht unter Bedingungen, innerhalb derer kein Erfolg und schon gar keine Überwindung der Mauern vorgesehen ist, einen Sieg, auch wenn der keine zählbaren Folgen hat. Knastsportfilme sind fast ein eigenes Filmgenre (man denke an THE LONGEST YARD, VICTORY, GRIDIRON GANG oder MEAN MACHINE), Knast-Kampfsportfilme noch einmal ein eigenes innerhalb des Actionfilms (siehe z. B UNDISPUTED, UNDISPUTED II und UNDISPUTED 3: REDEMPTION) und sonst kommt es auch in zahlreichen „normalen“ Knastfilmen zum sportlichen Zeitvertreib (siehe LOCK UP). BOXER A SMRT, in dem ein tschechischer KZ-Insasse die Chance erhält, einen seiner Peiniger zu besiegen und damit vielleicht auch zu einem groß angelegten Ausbruchsversuch beizutragen, wendet dieses Motiv- und Themenfeld überaus konsequent und auf erschütternde, aber niemals melodramatische, sondern im Gegenteil hochgradig zurückhaltende, ja beinahe nüchterne Art und Weise auf die Vernichtungspolitik des Dritten Reiches an. Vielleicht stellt der Film sogar so etwas wie die Apotheose des oben zusammengefassten Komplexes dar.

Erwähnter Kraft vertreibt sich die Freizeit in seiner insgesamt eher langweiligen Tätigkeit als KZ-Verantwortlicher mit regelmäßigen Boxtrainings, bei denen ihm seine Frau und diverse Lakaien immer wieder bestätigen, wie gut in Form er sei. Leider fehlt es ihm jedoch an einem wenigstens halbwegs gleichwertigen Sparringspartner, der eine Herausforderung darstellte und dazu beitrüge, dass Kraft sich verbessert. Er wird schließlich fündig in Kominek: Der Mann soll wegen eigentlich wegen eines Fluchtversuchs hingerichtet werden, doch er weicht einem Schlag Krafts so geschickt aus, dass dieser sofort den herbeigesehnten, erfahrenen Boxer in ihm erkennt. Der benötigt natürlich etwas Zuwendung, da er durch die Strapazen des Lageralltags schwer abgemagert und außer Form ist: Die Sonderrationen, mit denen er aufgepäppelt wird, tragen ihm natürlich die Eifersucht seiner weniger begünstigten Kameraden ein, doch mit seiner Sonderrolle ergeben sich auch für sie neue Perspektiven: Kraft nimmt Kominek zum Training mit nach draußen, sodass sich der Kontakt zu einer im Widerstand tätigen Tschechin ergibt, die den Häftlingen bei einem Fluchtversuch helfen soll. Doch zuerst will Kominek seinen Peiniger endlich einmal besiegen.

BOXER A SMRT zeigt die absurde, grausame Willkür eines totalitären Regimes in klaren Bildern und ungeschönter, aber keinesfalls sadistischer Direktheit. Die Häftlinge werden zu sinnlosen Tätigkeiten verdonnert – einmal sieht man, wie sie im Kreis Dreck von einem Haufen zum nächsten schaufeln, einmal müssen sie sich auf Kommando hinlegen und wieder aufstehen, bis sie nicht mehr können -, immer wieder werden einzelne aus purer Langeweile der Wärter erschossen. Kraft ballert einmal einfach so aus dem Fenster seines Büros in die entfernt stehende Menge: Dass man wieder sieht wer, noch ob überhaupt jemand fällt, spiegelt die ganze banale Alltäglichkeit sinnlosen Mordens und Sterbens wider: Es ist einfach bedeutungslos geworden. Dann wieder wird einer von ihnen – der Protagonist Kominek – auserwählt und entgegen des vorherrschenden Dogmas bevorzugt behandelt: Sein Wohlergehen ist auf einmal von allergrößter Bedeutung, bloß weil es Kraft so gefällt. Er baut eine Beziehung auf zu dem Mann, den er eigentlich hinrichten wollte, doch auch diese Beziehung ist ein trügerisches Konstrukt: Kominek ist für Kraft nicht mehr als ein menschliches Werkzeug.

Auch der Ort, an dem sich das alles abspielt, ist bizarr: Ein in der Einöde errichtetes Barackendorf, das keine andere Funktion hat, als Menschen zu knechten und sie dann doch nach dem Zufallsprinzip durch den Schornstein zu jagen. In einer in ihrer Einfachheit sprachlos chenden Szene taumelt der vom Training kommende Kominek geradewegs durch eine aus dem Krematorium kommende Rußwolke, atmet den Rauch ein, von dem wir und er wissen, dass es sich um die Überreste seiner Kameraden handelt. Wie kann man damit leben? Wie lebt man damit? Kominek lehnt sich gegen den Wahnsinn auf, der Sport gibt ihm ein Ziel, auf das er fieberhaft hinarbeitet. Er will nichts mehr als seinen Gegner nur einmal auf die Bretter zu schicken. Als es ihm gelingt, ist er stolz, auch wenn der Sieg ihm keinen Preis einbringt. Im Gegenteil: Sein Triumph ist ein Affront, für den er eigentlich den Tod verdient. Darin ist die ganze groteske Absurdität der Situation enthalten: Er wird trainiert, ein ebenbürtiger Gegner zu sein, aber zu ebenbürtig darf er dann doch nicht sein. Das Ende von BOXER A SMRT ist wie der ganze Film: Ohne große Emphase oder raumgreifendes Pathos, sondern leise, hintersinnig, raffiniert. Wenn man nicht aufpasst, fliegt es an einem vorbei wie Asche. Peter Solan braucht keine Kabinettstückchen, keinen brausenden Score, keine Schnittgewitter, einfach nur die Stille und das Gesicht seines Protagonisten, das nichts mehr zeigt außer Leere.