Mit ‘Juan Piquer Simón’ getaggte Beiträge

Können wir uns darauf einigen, dass Nacktschnecken eklig sind? Ich erinnere mich noch an einen traumatischen Dänemark-Urlaub, in dem ich im Garten unseres kleinen Ferienhauses jeden frühen Abend mit einer wahren Schneckeninvasion konfrontiert wurde. Ich traute mich kaum aus dem Haus, weil ich die Biester so abstoßend fand. Meinen Kindern geht es ähnlich: Wann immer wir den Weg einer Nacktschnecke kreuzen, kreischen sie auf mit dieser Mischung aus Ekel und Faszination. SLUGS ist der passende Film zu diesem Gefühl. Und darüber hinaus einer jener unwahrscheinlichen Titel, die es geschafft haben, nicht nur Kapital aus ihrer Kuriosität zu schlagen, sondern auch darüber hinaus über einigen Charme verfügen.

Juan Piquer Simón hat ja schon den kaum weniger wunderbaren MIL GRITOS TIENE LA NOCHE, besser bekannt als PIECES, zu verantworten, einen ultrasplatterigen Slasherfilm, der gleichzeitig eine herrlich rammdösige Komödie ist, die ihre eigene Schäbigkeit zu ihrem vollen Nutzen auszuspielen weiß. SLUGS ist ähnlich bescheuert und geht ebenso offen damit um, ohne dabei jedoch zum selbstironischen Nervtöter zu geraten. Ich weiß nicht genau, wie dem Regisseur das eigentlich gelingt. SLUGS ist ein inhaltlich wenig origineller Tierhorrorfilm, in dem eine amerikanische Kleinstadt von durch toxischen Abfall mutierten Nacktschnecken attackiert wird. Dass die Glitschbiester eher träge sind und kaum in der Lage, einen Menschen zu überwältigen, machen sie durch schiere Masse aus, dadurch, dass sie sich ihren Weg heimlich und unbemerkt durch Wasserleitungen bahnen oder über den Salat im Verdauungstrakt landen. Die entsprechenden „Action-“ und Goreszenen sind einmalig: Ein Gärtner ist nicht in der Lage, den Handschuh mit der bissigen Schnecke darin von seiner Hand zu entfernen, hackt sie sich schließlich ab und jagt im Todeskampf das ganze Gewächshaus in die Luft. Einem Mann explodiert der Schädel, weil er Schneckenparasiten gegessen hat. Mehrere Jugendliche werden einfach aufgefressen. Es gibt unnötigen Schneckensnuff und als Highlight einen wunderschönen kleinen Puppeneffekt, der das gefräßige Maul einer Schnecke zeigt. Vervollständigt wird das durch schauspielerische Darbietungen, die zwischen unbeholfen, engagiert und liebenswürdig changieren. Man hat den Eindruck, dass alle „in on the joke“ waren, sich aber darauf einigten, ihr Amüsement für sich zu behalten. Die Fotografie ist mitunter überdurchschnittlich gut, der pompöse Orchesterscore, der an die schwofigen Katastrophenfilme der Siebzigerjahre denken lässt, trägt erheblich zum Witz des Ganzen bei, weil er diesen Schwachsinn zum ganz großen Drama überhöht.

Der Witz trägt nicht über die vollen 90 Minuten, zumal inhaltlich sattsam Bekanntes geboten wird und sich die Spannung demzufolge in Grenzen hält, aber ich kann und will nichts Schlechtes über SLUGS sagen, den ich schon damals liebte und nun zum ersten Mal seit Jahrzehnten wiedergesehen habe. Jetzt bitte noch schnell eine ähnlich perfekte HD-Version vom Kakerlakenhorror THE NEST, dann bin ich wunschlos glücklich.

PrintÜber viele Filme wird es gesagt, hier stimmt es: PIECES, wie MIL GRITOS TIENE LA NOCHE auch heißt, ist ein Meisterwerk des schlechten Geschmacks, ein Film, bei dem man an allen Ecken und Enden das Gelächter der Beteiligten zu hören glaubt, der einem aber nie den Gefallen tut, zum offenen Spoof zu verkommen. Ist das alles am Ende des Tage vielleicht gar ernst gemeint?

Nun, wie man diese Frage für sich auch beantworten mag, es spielt für den Genuss des Films keine Rolle. Juan Piquer Simón, dessen Tierhorrorfilm SLUGS ich auch mal wieder sehen müsste, inszenierte seine kettensägenbewehrte Giallo/Slasher-Kreuzung mit viel Chuzpe und dem Selbstbewusstsein des Mannes, der die Magie des Kinos in seinem Rücken weiß. Da werden nondeskripte Bauten aus dem Einzugsbereich Valencias kurzerhand als Bostoner Universität ausgegeben, dunkelhaarige, lockige Südeuropäer als Neuengländer, ungelenke Statisten mittels schlecht sitzender Uniformen aus der Requisite des lokalen Kostümverleihs mehr schlecht als recht in amerikanische Polizeibeamte verwandelt, Linda Day George vom Drehbuch zum ehemaligen Tennisprofi gemacht, obwohl sie kaum einen Ball übers Netz schlagen kann. Aber der Film hat so eine Art an sich, dass man sich gern von ihm verschaukeln lässt.

Die Besetzung ist alles: Der großartige Christopher George, dem man in seinen besten Rollen die Ferkelsfreude ins Gesicht geschrieben sieht, marschiert trotz Schalks im Nacken mit größter Souveränität und Autorität durch den haarsträubend deliriösen Plot. Edmund Purdom hätte wohl auch dann noch die ganze Distinguiertheit des britischen Gentlemans verkörpert, wenn man ihn mit runtergelassenen Hosen im Schweinestall überrascht hätte, was seine Teilnahme hier ganz adäquat beschreibt. Der alte Jess-Franco-Recke Jack Taylor sieht aus, als sei er einem Helge-Schneider-Film entflohen, und gibt den verklemmten Intellektuellen mit bravourösem Understatement – die potenziell idiotische Szene, in der eine dickbrüstige Studentin ihn aus der Defensive locken will, indem sie ihn nach der Lage ihrer „pectorals“ fragt, meistert er mit einer wissenden Zurückhaltung, die man von einem Film um einen geilen Kettensägenmörder nicht unbedingt erwartet. Und Paul L. Smith, der in etlichen Spencer/Hill-Ripoffs die Rolle des dicken Vollbartträgers übernahm, agiert als wandernde Comicfigur, als wähne er sich immer noch am Set von Altmans POPEYE. Keine Ahnung, wie es dem Regisseur gelungen ist, das alles zusammenzuhalten.

In meiner Lieblingsszene wandert die Polizistin Mary Riggs (Linda Day) im Dunkeln allein über den Campus, als sie plötzlich wie aus dem Nichts von einem Bruce-Lee-Verschnitt im Jogginganzug überfallen wird. Es gibt einen kurzen Schlagabtausch, in deren Verlauf sie den Angreifer zu Boden ringen kann, dann tritt schließlich der Student Kendall (Ian Sera) auf den Plan und stoppt den Kampf mit dem Hinweis, dass der Chinese sein „Kung-Fu-Professor“ sei. MIL GRITOS TIENE LA NOCHE ist voll solcher Szenen, auf der anderen Seite lässt er bei seinen zahlreichen überaus heftigen Splattereinlagen nichts anbrennen. Als ich den Film vor rund 20 Jahren zum ersten Mal sah, da war er mir zu schmuddelig und auch zu selbstzweckhaft und ich wurde nicht richtig schlau aus ihm. Auch heute noch fällt es mir schwer, seine Strategie genau zu beschreiben, zu sagen, warum der Film so gut funktioniert, obwohl er haarstäubender Unfug ist. Ich glaube, ich würde MIL GRITOS TIENE LA NOCHE sogar als eine der ganz wenigen wirklich gelungenen Horrorkomödien bezeichnen.