Mit ‘Judd Nelson’ getaggte Beiträge

Den Bahnhofskino-Podcast mit Patrick Lohmeier aufzunehmen, ist eine der größten Freuden meiner Bloggertätigkeit. Diesmal habe ich Patrick zwei Teeniekomödien aus den Achtzigerjahren vorgeschlagen bzw. aufgedrängt: Greydon Clarks jede nach unten offene Niveauskala sprengenden JOYSTICKS sowie MAKING THE GRADE, einen in Deutschland nur wenig bekannten Genrebeitrag der seligen Cannon mit dem wenig später zur Bratpack-Ikone aufgestiegenen Judd Nelson. Patrick war gerade von JOYSTICKS nicht ganz so überzeugt wie ich, aber dennoch habe ich nicht locker gelassen, ihn vom schmuddeligen Charme des Films zu überzeugen. Wer 90 Minuten Zeit und Lust hat, unsbeim Plaudern zuzuhören ist hiermit herzlich eingeladen. Hier geht’s zum Podcast: https://www.bahnhofskino.com/2019/04/vidioten-zoff-hoover-academy-podcast.html

timthumb-phpDas Leben des Young Urban Professionals erweist sich in den Filmen der Achtzigerjahre, in denen diese Figur zum Repräsentanten der damaligen Adoleszenz heranreifte, durchaus als tückisch. Klar, das Geld, die schicken Anzüge, die tollen Loft-Wohnungen mit den Designermöbeln, die einflussreichen Bekannten und geilen Freundinnen, ohne all das sollte man nicht leben müssen, aber ein bisschen Anstand ist dann doch nicht so verkehrt. Am Ziel angelangt erkennt der Yuppie oft, dass er seine Seele verkauft hat.

So auch Robin Weathers (Judd Nelson) in Bob Clarks FROM THE HIP: Der Anwalt einer traditionsreichen Kanzlei hat die Nase voll davon, immer nur zuarbeiten zu dürfen, er will endlich selbst praktizieren. Und er hat den Ehrgeiz, es auf seine Art zu schaffen. In seinem ersten Einsatz gelingt es ihm mithilfe unorthodoxer und spektakulärer Methoden einen eigentlich vollkommen hoffnungslosen Fall zu gewinnen. Seine konservativen Arbeitgeber sind entsetzt über seine Respektlosigkeit, müssen sich aber dem Willen sowohl der Öffentlichkeit, die „Stormy“ Weathers zu einer Art Popstar erhebt, als auch ihrer Kunden, die den jungen Wilden an ihrer Seite wissen wollen, beugen – und ihn zum Juniorpartner machen. Als nächste Herausforderung lockt die Verteidigung von Douglas Benoit (John Hurt), ein elitärer, von sich eingenommener Fatzke, der im Verdacht steht, seine Geliebte brutal ermordet zu haben. Die Zahl der Indizien ist erdrückend und während Weathers erneut seine Show abzieht und auf dem besten Weg ist, zu gewinnen, erhärtet sich auch bei ihm die Überzeugung, er verhelfe einem echten Psychopathen zur Freiheit …

Clark verbindet in seinem Film Elemente der zeittypischen Yuppie-Komödie mit – in der Zeichnung des Benoit-Charakters – Psychothriller- und Horrorfilm-Anleihen und verpackt das ganze in einer Gerichtsfilmdramaturgie. Die Mischung hält den Film über die ganze Laufzeit interessant, auch wenn die einzelnen Bestandteile nicht immer voll überzeugen. Im Mittelpunkt steht natürlich Judd Nelson, der mit seiner Darbietung in THE BREAKFAST CLUB eine Persona als heißblütiger, respektloser, unangepasster, aber ehrgeiziger und intelligenter Rebell etabliert hatte – und für FROM THE HIP somit ideal war. Er ist auch dann glaubwürdig, wenn das Drehbuch seine Aufmüpfigkeit massiv überreizt: Dass er mit seinen bisweilen fragwürdigen Tricks, Attacken auf Zeugen und Anwälte, Schreianfällen und Obszönitäten durchkommt, ist nicht immer plausibel. Aber was ihn treibt, arbeitet Clark schön heraus. Der Thrill, in einem Fall, von dem nicht einmal der Angeklagte glaubt, dass etwas herauszuholen sei, zu triumphieren, wird spürbar und es spielt auch keine wesentliche Rolle, dass Weathers ein abgekartetes Spiel spielt. Seine Methoden sind authentisch und er erwischt alle Anwesenden auf dem falschen Fuß, hat das Überraschungsmoment auf seiner Seite. Als schleimig selbstbewusster Emporkömmling ist Nelson super, auch weil sich in seinen dunklen Augen und dem Hundeblick eine Restwärme und Unsicherheit findet, die die Empathie ermöglichen. Die Zweifel lassen dann auch nicht lang auf sich warten. Ist der Fall Benoit nicht doch eine Nummer zu groß für ihn? Kann er dem enormen Erwartungsdruck standhalten? Ist der Hype um seine Person gerechtfertigt oder ist er nicht doch nur ein Hochstapler, der sich an die Spitze gemogelt hat? Und vor allem: Will er wirklich einem Killer zur Freiheit verhelfen?

Clark kommt ja eher aus dem Indie-Bereich, machte sich einen Namen mit kleinen effektiven Horrorfilmen wie CHILDREN SHOULDN’T PLAY WITH DEAD THINGS, DEAD OF NIGHT, BLACK CHRISTMAS oder auch den ersten beiden Filmen der PORKY’S-Reihe. Die Slickness des Eighties-Mainstreamkinos fehlt seinen größeren Produktionen weitestgehend. Clark drehte etwa den Stallone-Flop RHINESTONE oder den vergessenen Aykroyd-Hackman-Buddy-Movie LOOSE CANNONS, die trotz großer Namen und griffigen Erfolgsformeln keinen nachhaltigen Eindruck hinterließen. FROM THE HIP belegt, dass er ein guter Erzähler ist und ein Händchen für glaubwürdige Charaktere hat, aber der letzte Schliff fehlt. Das kann ja durchaus eine Qualität sein, aber in seinen formelhafteren Momenten rutscht der Film auf Fernsehniveau, was sicher auch durch den grauenhaften Kitsch-Score von Paul Zaza begünstigt wird (mit dem Clark mehrfach zusammenarbeitete). Die Beziehung zwischen Weathers und seiner Partnerin Jo Ann (Elizabeth Perkins) ist nicht ganz so perfekt und leer, wie man das aus vergleichbaren Filmen gewohnt ist, aber sie wirkt trotzdem wie ein Krückstock für die Geschichte. Als könne ein Mann nicht auch anders als durch die vertrauensvollen Gespräche mit seiner besseren Hälfte zur Vernunft kommen. Demgegenüber steht aber die tolle Kameraarbeit von Dante Spinotti, der vor allem an John Hurt einen Narren gefressen zu haben scheint, ihm immer wieder schöne Close-ups schenkt und das diabolische Funkeln in seinen Augen herausarbeitet. Wenn sich FROM THE HIP zum Finale hin in einen Thriller verwandelt, die glatte Oberfläche immer wieder von eiskalten Irritationsmomenten durchstoßen wird und infernalisches Licht in die mondänen Räumlichkeiten der Kanzlei fällt, erkennt man dann auch den alten Horror-Regisseur wieder.

Der ehemalige New Yorker Cop Sam Dietz (Leo Rossi) absolviert seinen ersten Tag für das Morddezernat des L.A.P.D., da bekommt er es gleich mit einem Serienmörder zu tun, der seine Opfer zur Abenddämmerung rund um den Sunset Strip umbringt und sie dazu zwingt, an ihrer eigenen Tötung zu partizipieren. Dietz‘ Engagement ist für seinen erfahrenen Partner Malloy (Robert Loggia) zunächst ein Grund zum Spott, doch schließlich lässt er sich von dessen Methoden überzeugen. Als Malloy selbst dem Killer zum Opfer fällt, wird Dietz von seinem Vorgesetzten vom Fall abgezogen. Doch er denkt nicht daran, den Mörder einem anderen zu überlassen …

Fast zehn Jahre nach MANIAC widmete sich William Lustig erneut dem Serienmörderfilm: Doch der Unterschied zwischen dem splatterigen Psychodrama, das in Deutschland immer noch beschlagnahmt ist, und RELENTLESS könnte größer kaum sein. RELENTLESS konzentriert sich nicht auf das Innenleben des derangierten Mörders, vielmehr rückt Lustig die beiden Polizisten, ihre unterschiedlichen Ansichten, aber auch ihre aufkeimende Freundschaft in den Fokus. Er erzählt eigentlich eine typische Fish-out-of-Water-Geschichte: Der New Yorker Dietz muss sich mit den anderen Methoden an der Westküste arrangieren und vor allem wieder bei null anfangen, sich als Anfänger behandeln lassen und sich beweisen. Dass Lustig trotzdem nicht nur Klischees des Cop- und des Buddy Movies abspult, sein Film tatsächlich sehr warmherzig, originell und wahr rüberkommt, liegt zum einen an der großartigen Leistung von Leo Rossi und Robert Loggia, die den Streit zwischen West und Ost, alt und jung greifbar und lebendig machen, zum anderen an den humorvollen, niemals platten Dialogen, die das Kernstück des Filmes sind. William Lustig hat es ja wie auch sein Kumpel Larry Cohen immer gut verstanden, Genrestoffe solchermaßen mit gut beobachteten Details aufzufüllen und sie mit einem untrüglichen Gespür für Orte, Milieus und Leute authentisch und lebendig werden zu lassen: RELENTLESS, mit dem sich der New Yorker Lustig gemeinsam mit seinem Protagonisten auf unbekanntes Terrain begibt, belegt das eindrucksvoll. Was unter anderer Regie einfach nur ein weiterer Serienmörderfilm geworden wäre, überwindet dank seiner Ideen die engen Grenzen des Genres – und berührt tatsächlich emotional.

Es ist vielleicht ein bisschen ungerecht, dass ich  Judd Nelson bisher noch nicht erwähnt habe: Er ist sehr glaubwürdig und bedrohlich als Killer mit Vater- und Minderwertigkeitskomplex; keine Spur von der BREAKFAST CLUB-Coolness, die er nach dem Klassiker von Hughes immer wieder reproduzieren musste. Aber er hat das Pech, zwar den eigentlichen Antagonisten des Films, neben Rossi und Loggia und ihrem Buddy-Plot aber eben doch irgendwie nur die zweite Geige spielen zu dürfen. Die Jagd auf den Killer ist eigentlich nur Anlass für Lustig, die Fehde zwischen West- und Ostküste von zwei Cops austragen zu lassen und dabei als willkommenen Nebeneffekt zwei wunderbare Charaktere zu schaffen, denen man auch zwei Stunden lang beim Angeln zusehen könnte. Das heißt nun nicht, dass RELENTLESS als Thriller versagen würde. Aber atemlose Spannung ist nicht das, was Lustigs Film in erster Linie auszeichnet. Er ist um Einiges vielseitiger als das. Ich empfehle auf jeden Fall, diesen wirklich tollen, etwas weniger bekannten Film Lustigs anzuschauen und sich von seinen Qualitäten selbst zu überzeugen. Ich bin mir sicher, dass Freunde von Lustigs Schaffen RELENTLESS sofort in ihr Herz schließen werden. Mich hatte er zwar nicht mit „Hello“, aber dafür bereits mit den ersten Klängen von Jay Chattaways monströsem Score. Der Mann hat für Lustig ausschließlich Großes vollbracht. Wen wundert’s?

Palmer Woodrow (Dana Olsen), nichtsnutziger Sohn neureicher Eltern, hat deren Geduld endgültig überstrapaziert: Damit er nach etlichen fehlgeschlagenen Versuchen endlich einen Abschluss vorweisen kann, hat ihn der Vater auf der Hoover Academy eingeschrieben, die zwar keinen besonders guten Ruf genießt, Palmer aber immerhin angenommen hat. Der will den Sommer jedoch viel lieber in Europa verbummeln und so kommt es ihm sehr gelegen, als das Schicksal ihn mit Eddie Keaton (Debütant Judd Nelson) zusammenführt, einem kleinkriminellen Taugenichts, der so viele Schulden bei seinem Buchmacher Dice (Andrew Dice Clay) angehäuft hat, dass dieser ihm an den Kragen will. Für ein stattliches Sümmchen erklärt sich Eddie bereit, statt Palmer die Hoover-Academy zu besuchen und dort für ihn den Abschluss zu machen. Doch natürlich geht das nicht ohne diverse Probleme vonstatten …

Mit MAKING THE GRADE versuchte sich die Cannon auch im damals immens populären Teenie- respektive Collegefilm und orientierte sich dazu am CITIZEN KANE des Genres, John Landis‘ NATIONAL LAMPOON’S ANIMAL HOUSE. Das Ergebnis ist – wie so viele Cannon-Filme außerhalb des fleißig und erfolgreich beackterten Actiongenres – nur mittelmäßig befriedigend, weil Regisseur Walker über das Malen nach Zahlen nicht so rechthinauskommt und sein Film demzufolge die Lebendigkeit und Seele vermissen lässt, die das Vorbild auszeichnet. Auch wenn die einzelnen Zutaten stimmen – es gibt mit Eddie und Palmer zwei nonkonforme Identifkationsfiguren, einen hilflosen Rektor, einen schleimig-intriganten Streber, einen trotteligen Fettklops, ein attraktives Love Interest und einen versoffenen, sprücheklopfenden Sportlehrer sowie etliche der schon obligatorischen Szenen, etwa die Ballnacht, die Wohnheimsparty, die Sportstunde oder die festliche Gala im Haus des Akademiebesitzers –, so fehlen der Sinn fürs Detail, das die Geschichte und ihre Figuren erst so richtig interessant und glaubwürdig machen würde, der Wortwitz und das Gespür für die wirklich zündenden Pointen sowie ein insgesamt besser strukturiertes Drehbuch, dem es besser gelängen, die vielen Plotideen zu einem stimmigen Ganzen zusammenzufügen: Vieles wird nur kurz angerissen und dann schon wieder abgehakt, mit anderem hält sich Walker hingegen auf Kosten interessanterer Subplots länger auf, als es nötig wäre. Meine Leena sagte während der Sichtung, der Film sei merkbar bemüht und das wirkt sich kontraproduktiv aus, denn je mehr MAKING THE GRADE auf die Tube drückt, umso mehr treten seine Defizite hervor.

Nach der vielen Kritik – ich hatte aufgrund einer Empfehlung recht hohe Erwartungen, die vielleicht auch Schuld daran sind, dass der Film nicht so recht zünden wollte – möchte ich aber versöhnlich enden, denn ich habe mich mit MAKING THE GRADE durchaus amüsiert: Der Auftakt mit dem chaotischen Palmer trifft voll ins Schwarze, Andrew Dice Clay (der zufälligerweise auch im zuletzt gesehenen PRETTY IN PINK eine kleine Rolle hat) ist ebenso perfekt besetzt wie Walter Olkewicz als versoffener, notgeiler Sportlehrer (man kennt ihn am ehesten aus TWIN PEAKS), dem der Film die witzigsten Szenen zu verdanken hat, und natürlich atmet MAKING THE GRADE jede Menge Achtzigerjahre-Zeitgeist. Die richtig guten Momente lassen dann auch das Potenzial erkennen, das ein etwas ambitionierter Regisseur ohne Zweifel abgerufen hätte. Und mit einem solchen wäre es dann vielleicht auch zum Sequel TOURISTAS gekommen, das in den Abschlusscredits angekündigt wird, aus dem aber nie etwas wurde.

Oje. Ein Wiedersehen mit einem einst sehr geliebten Film, das leider nicht ganz so erfreulich verlaufen ist. Ich fürchte, ich bin der Zielgruppe einfach entwachsen: Die Probleme, die einem als Teenager unüberwindlich und existenziell erscheinen, habe ich hinter mir gelassen und irgendwie scheint sich damit auch der Bedarf für THE BREAKFAST CLUB erübrigt zu haben. Beziehungsweise: Die größere Distanz zum Film hat den Blick geöffnet für arge dramaturgische Schwächen, die mir so vor 15 Jahren nicht aufgefallen sind – oder die damals einfach nicht ins Gewicht fielen.

Dabei war mir ja durchaus bewusst, dass THE BREAKFAST CLUB – der TWELVE ANGRY MAN des Teeniefilms – konzeptionell nicht unproblematisch ist. Da werfen ein paar Nachsitzer ihrem Lehrer vor, sie in Schubladen zu stecken, anstatt sie als Individuen zu begreifen, und Hughes steckt sie selbst in diese Schubladen. Klar, das gehört zum Kniff des Films, der sowas wie das Manifest des Teeniegenres ist: Der Jock, der Nerd, die Prinzessin, die Durchgeknallte und der Kriminelle, sie alle werden durchpsychologisiert, mit Background und Neurosen ausgestattet, sodass kein nachfolgender Film sich diese Arbeit noch machen musste. Und weil Klischees natürlich nicht aus dem Nichts kommen, Hughes zudem über einiges Fingerspitzengefühl und glaubwürdige Darsteller verfügt, emanzipieren sich seine Figuren von ihren Etikettierungen und werden lebendig.

Zumindest für die ersten beiden Drittel des Films. Denn danach stellt der über allem stehende pädagogische Eifer Hughes ein Bein. Zu SIXTEEN CANDLES hatte ich noch geschrieben, dass er in seiner Episodenhaftigkeit sympathisch, aber auch noch etwas zerfahren ist, während spätere Filme – etwa THE BREAKFAST CLUB – dieses Problem in den Griff bekommen hätten. Das stimmt nicht. THE BREAKFAST CLUB ist genau solange großartig, wie er episodisch erzählt, wie er aufbaut, die fünf denkbar unterschiedlichen Schüler dabei zeigt, wie sie versuchen, die Zeit rumzukriegen, wie sie ihre Claims gegeneinander abstecken, sich belauern und abtasten, wie sie schließlich über die Konfrontation mit dem gemeinsamen Feind – Principal Vernon (großartig: Paul Gleason) – zueinander finden und eine Allianz bilden, die ihre Differenzen bröckeln lässt. Wenn sich im Schlussdrittel aber alle fünf zusammensetzen und voreinander ihr Innerstes offenbaren, fühlt man sich eher an Schülertheater und Psychologie-AG erinnert. Zeigte Hughes zuvor großes Geschick, seine Figuren in kleinen Gesten oder pointierten Dialogzeilen zu charakterisieren, ergeht er sich nun in den Klischees der Inszenierung: Alle müssen weinen und der Ernst, mit dem die Teenieprobleme durchgekaut werden, grenzt schon an unfreiwillige Komik. Hughes‘ Vorhaben ist sicherlich ehrenhaft: Er will diese Teenies mit ihren Sorgen ernst nehmen, eben nicht mit der angeblichen Weisheit des Alters auf sie herunterblicken. Aber da kommt ihm eben das Konzept in die Quere, das diese Jugendlichen zum Zweck der Dramaturgie auf Schablonen reduziert, damit es passt. Dass am Ende alles aufgehen muss, jeder seine Lektion gelernt hat – selbst der Rektor, der in der besten Szene des Films ausgerechnet vom Hausmeister auf seine Fehler aufmerksam gemacht wird –, alle Mädels unter der Haube sind, ist einfach zu viel des Guten – wenn nicht gar verlogen. THE BREAKFAST CLUB ist natürlich ein eminent wichtiges filmisches Zeitzeugnis, das lässt sich nicht wegdiskutieren. Aber dass er seinen Status als Klassiker und Kultfilm genießt, ist eher darauf zurückzuführen, dass er seiner Zielgruppe damals aus der Seele sprach, nicht darauf, dass er ein wirklich großer Film wäre.

Billy Turner (Judd Nelson) kehrt nach fünfjähriger Abwesenheit in seine floridianische Heimatstadt Blue City zurück, die er nach einer Auseinandersetzung mit seinem Vater verlassen hatte. Mit diesem will er sich nun versöhnen, muss aber erfahren, dass er – immerhin der Bürgermeister von Blue City – vor einem Jahr von einem unbekannten Täter erschossen wurde.  Weil sich in der Stadt niemand wirklich für den Mord zu interessieren scheint – auch nicht die Polizei -, ermittelt Billy auf eigene Faust. Sein Verdacht fällt bald auf den dubiosen Geschäftsmann Kerch (Scott Wilson): Der hat nicht nur die ganze Stadt eingeschüchtert, sondern sich auch gleich noch Billys Stiefmutter Malvina (Anita Morris) und mit ihr das Familienvermögen unter den Nagel gerissen. Zusammen mit seinem alten Schulfreund Joey (David Caruso) und dessen Schwester Annie (Ally Sheedy) beginnt Billy Druck auf Kerch auszuüben …

BLUE CITY vereint die THE BREAKFAST CLUB-Stars Judd Nelson und Ally Sheedy vor der Mitte der Achtzigerjahre schwer angesagten Kulisse Floridas und spinnt um sie herum eine Hardboiled-Geschichte, die von niemand geringerem als Walter Hill nach einem Roman des renommierten Krimiautoren Ross Macdonald für die Leinwand adaptiert wurde. Die Rückkehr-und-Rache-Geschichte ist aber letztlich kaum mehr als Genrestandard, der hier zudem nicht durch die Inszenierung gebrochen wird, wie das etwa in einem Hill-Film unzweifelhaft der Fall wäre: Es ist ausschließlich die Jugend seiner Protagonisten, die BLUE CITY von vergleichbaren Filmen abhebt. Der Rachefeldzug ist dann auch nicht von söldnerhaftem Know-how und heldenhaftem Mut, sondern vielmehr von Tollkühnheit und pubertärem Omnipotenzwahn geprägt. Die Gefahr, der sich Billy und Joey aussetzen, scheint ihnen kaum bewusst zu sein: Kerchs Casino zu überfallen ist für sie nicht mehr als ein lustiger Jungenstreich, ein Abenteuer, dessen erfolgreiche Ausführung später übermütig mit Dosenbier begossen und ausgelassenem Gelächter quittiert wird. Mir stellte sich während der Sichtung schon die Frage, ob diese Gewichtung so beabsichtigt war (was letztlich egal ist) oder ob sie nicht vor allem auf das Konto von Nelson geht: Dem nimmt man den verwegenen Badass aufgrund der von ihm schon im BREAKFAST CLUB ausgeloteten Teenage-Angst-Symptome nur schwerlich ab. Billys Renitenz hat immer eher etwas von Bockigkeit und jugendlichem Selbstmitleid als von gerechtem Zorn und wenn er tonlos vor sich hin nuschelt, fällt es schwer, ihn als Bedrohung wirklich ernst zu nehmen. Ally Sheedy trägt mit ihrem etwas manisch wirkenden, stieren Blick ihren Teil genauso dazu bei wie David Caruso, der mit Zahnlücke, Käppi, Lockenschopf und aufgemalt wirkendem Dreitagebart kaum weiter entfernt sein könnte von seiner in Coolness erstarrten CSI-Inkarnation. BLUE CITY, den man mit einigem Recht als Teenieversion von WALKING TALL bezeichnen könnte, ersetzt so die existenzialistische Schwere des Action- und Crimefilms durch jugendlichen Leichtsinn und Übermut, inszeniert den Kampf gegen die Bösewichte als Cowboy-und-Indianer-Spiel, ohne dabei jedoch völlig auf die Wahrnehmung seiner Protagonisten hereinzufallen: Als Zuschauer neigt man weniger dazu, Billy & Co. anzufeuern oder mit ihnen zu fiebern, als vielmehr die Hände über dem Kopf zusammenzuschlagen angesichts ihres Leichtsinns und zu hoffen, dass das alles gut ausgeht. Leider geht BLUE CITY ein wenig das inszenatorische Profil ab, um diesen Aspekt stärker herauszuarbeiten: Klar, die Kulisse wird postkartenverdächtig eingefangen, der Score heizt ganz gut ein und Langeweile kommt auch keine auf, aber es wäre schon interessant zu wissen, was etwa ein Walter Hill aus dem Stoff gemacht hätte. Regisseurin Manning durfte sich später noch an zwei MIAMI VICE-Folgen versuchen, für die sie sich hiermit sehr empfohlen hatte, hat zu BLUE CITY aber nur wenig eigene Ideen beizusteuern, inszeniert im positiven Sinne unauffällig und zweckdienlich. Die beste Leistung absolviert ohne Zweifel Paul Winfield, stets zuverlässiger Nebendarsteller, der hier ausnahmsweise mal eine etwas gewichtigere Rolle abbekommen hat, die ihm ausgesprochen gut zum markanten Gesicht steht. Fazit: Nicht ohne Schwächen, aber doch sehr unterhaltsam.