Mit ‘Jude Law’ getaggte Beiträge

CAPTAIN MARVEL ist der letzte Film vor dem Abschluss in AVENGERS: ENDGAME und damit auch so etwas wie ein Ausblick auf Kommendes im MCU. Das ich nicht der allergrößte Fan der Marvel-Filme bin, mus ich nicht mehr erwähnen, was mich mit den Filmen verbindet, ist zum einen die grundsätzliche Sympathie für Superheldencomics, zum anderen das Interesse daran, wie sich das alles entwickeln wird – also nicht auf Handlungsebene, sondern eher konzeptionell-ökonomisch. Ich glaube, man muss kein besonderer Pessimist oder Miesepeter sein, um zu wissen, dass die Blase irgendwann platzen wird. Irgendwann wird der Zeitpunkt kommen, an dem sich die Menschen vom Superheldenfilm ab- und anderen Stoffen zuwenden.Noch scheint dieser Moment jedoch in ferner Zukunft zu liegen, denn auch CAPTAIN MARVEL war pervers erfolgreich, obwohl seine Titelheldin mit der Popularität eines SPider-Man oder Captain America kaum mithalten kann. Aber dass Marvel derzeit anscheinend alles machen kann, hat das Unternehmen ja bereits mit GUARDIANS OF THE GALAXY gezeigt, dessen Comicvorlage noch deutlich obskurer war.

Trotzdem stellt sich die Frage, ob man auf dem Charakter der Pilotin Carol Danvers (Brie Larson), die auf einem fremden Planeten mit außerirdischen Superkräften ausgestattet wird, eine ähnliche Erfolgsreihe gründen kann wie seinerzeit auf IRON MAN. CAPTAIN MARVEL bietet genau jenes Maß routiniertes, mit spektakulären Effekten, einer Prise Humor und den typischen Querverweisen gewürztes Entertainment, das man von Marvel standardmäßig bekommt, das Kurzweil bietet, aber nur wenig darüber hinaus. Die Story, die ein bisschen an DCs Superman erinnert, ist eher unterdurchschnittlich interessant und dasselbe gilt für die Heldin selbst, bei der das Girl Empowerment bisweilen unangenehm Richtung Arroganz umschlägt und deren diszipliniertes Pflichtbewusstsein sie zum pathetischen Kriegstreiber prädestiniert. Das beste an CAPTAIN MARVEL ist eigentlich die ausgedehnte Rolle für Nick Fury (Samuel L. Jackson), für den der Film fast so etwas wie die Origin Story liefert und der hier endlich mal wieder mehr als einen Gastauftritt absolvieren darf.

Ich will gar nicht groß meckern: Ich fand CAPTAIN MARVEL adäquat und es hat mich gefreut, dass sich meine Tochter endlich mal mit einer Heldin identifizieren konnte, die im MCU ja bisher eine eher untergeordnete Bedeutung haben. Hängengeblieben ist aber wieder mal gar nix. Vielleicht muss ich mich einfach noch daran gewöhnen, dass leuchtende Fixsterne in einem Universum eher die Ausnahme sind.

v1.bTsxMTE5MDkyNjtqOzE3MDE1OzIwNDg7MjAyNTszMDAwPaul Feig macht konsequent da weiter, wo er mit THE HEAT aufgehört hat: Bezog der seinen Witz in erster Linie daraus, typischerweise von Männern ausgefüllte Rollen – den linientreuen, karrieristischen FBI-Agenten im Anzug und den ausgebrannten, die Grenzen der Legalität bewusst übertretenden Bullen von der Straße – von Frauen interpretieren zu lassen, konfrontiert er seine Lieblingsschauspielerin Melissa McCarthy in SPY mit der glamourösen Welt der internationalen Spionage, wie sie sich in den Bond-Filmen darstellt und in der seine Heldin aufgrund ihres nur durchschnittlichen Aussehens mit aggressiver Herablassung behandelt wird.

McCarthy spielt die Agentin Susan Cooper, die den Einsatz im Feld gegen einen Job in der CIA-Zentrale eingetauscht hat. Sie ist der kongeniale Partner des weltgewandten, eleganten und selbstbewussten Superagenten Bradley Fine (Jude Law), den sie als Stimme im Ohr aus der Distanz durch die schwierigsten Situationen navigiert. Ihre heimliche Bewunderung für Fine fällt aber nicht auf fruchtbaren Boden, vielmehr behandelt er sie zwar wie einen guten Bekannten und geschätzten Kollegen, aber auch ein wie völlig asexuelles Wesen und eine wandelnde Slapstick-Einlage. Als Fine bei einem Einsatz der schurkischen Rayna Boyanov (Rose Byrne) zum Opfer fällt, wittert Susan ihre große Chance, sich endlich einmal in freier Wildbahn zu beweisen. Weil sie im Gegensatz zu ihren Kollegen völlig unbekannt ist, erhält sie den Zuschlag, sehr zum Missfallen ihres aufbrausenden – und etwas dümmlichen – Kollegen Rick Ford (Jason Statham), der sich sofort an ihre Fersen heftet …

Die Story von SPY ist nur mäßig interessant und der Film mit einer Laufzeit von zwei Stunde auch etwas zu lang geraten, aber wie in den Filmen zuvor gelingen Feig gerade in der Zeichnung und dem Miteinander seiner Charaktere immer wieder glorreiche Momente und Gags, die über manche Länge hinwegtragen. Die „Nettigkeiten“, die Susan aufgrund ihrer Figur und ihres nur wenig aparten Aussehens in einem Fort über sich ergehen lassen muss, sind ein Running Gag mit durchaus schmerzhafter Komponente, ahnt man doch, dass sie einen wahren Kern haben, mit dem Frauen in unserer oberflächenfixierten Welt täglich zu kämpfen haben. Wunderbar ist wieder einmal Rose Byrne als krasser Gegenpol zur Hauptfigur, eine attraktive, modebewusste und schlanke Dame, die ihre Überlegenheit und die von Susans Durchschnittlichkeit ausgelöste Langeweile offensiv heraushängen lässt. Allein ihr ständiges Augenrollen, das genervte Sich-Abwenden und ihre von Beleidigungen nicht zu unterscheidenden Komplimente lohnen die Sichtung des Films. Dann ist da natürlich noch Jason Statham, der seine Actionfilm-Persona mit Verve aufs Korn nimmt. Absolut göttlich ist sein langer Monolog, in dem er Susan aufzählt, was für selbstmörderische Aktionen und tödliche Verletzungen er bereits überstanden habe. Es ist die egomanischer Wendung des typischen „How bad is he?“-Monologs, eines Actionfilm-Standards, den herauszustreichen ein Verdienst des wunderbaren Vern ist. Die eigentliche Entdeckung von SPY ist aber Miranda Hart als Susans Freundin und Kollegin Nancy, eine lange, kaum weniger durchschnittliche Erscheinung, die sich am Ende mit dem Enthusiasmus des Amateurs in die Schlacht wirft, um Susan zur Seite zu stehen.

Leichte Abnutzungserscheinungen lassen sich nach BRIDESMAIDS und THE HEAT nicht ganz verhehlen, aber solange dabei trotzdem eine Komödie vom Format von SPY herauskommt, kann ich damit gut leben. Wer eine intelligente Verballhornung männlicher Actionfilme, neue kreative Flüche und Beleidigungen oder auch nur den neusten Schwanzwitz sucht (nur in der Extended Version) macht hier also definitiv nichts falsch.

Der Immigrant Zero Moustafa (Tony Revolori) hat sich in die stille Konditoreigehilfin Agatha (Saoirse Ronan) verliebt. Er führt sie ins Kino aus, wo sich beide hemmungslos abknutschen, und gesteht ihr seine Gefühle wenig später auf einem nostalgischen Kinderkarussell. Er ist aufgeregt, und noch bevor sie sein Geschenk auspacken kann, hat er ihr schon verraten, was darin ist, was der enthaltene Gedichtband ihm bedeutet. Seine Widmung fließt über vor Leidenschaft, er will ihr am liebsten alles auf einmal sagen, ohne noch eine Sekunde Zeit zu verlieren. Wes Anderson wechselt von einer halbnahen Einstellung der beiden – Zero links vor dem Holzpferdchen stehend, auf dem Agatha rechts im Bild Platz genommen hat – zu einer (typisch symmetrisch) komponierten frontalen Nahaufnahme ihres Gesichts, hinter ihr die bunten, verschwommenen Lichter des Karussells. Sie weiß nichts zu sagen, aber wie ein Zauber über ihre klaren Augen huschende Lichtreflexe verraten alles. Hier wurde eine Liebe geboren.

Eine andere Szene: Gustave H. (Ralph Fiennes), der Concierge des altehrwürdigen Grand Budapest Hotel, reist mit Zero, dem Lobbydiener, im Zug. Draußen sehen sie Soldaten vorbeiziehen, werden dann schließlich angehalten und kontrolliert. Gustave spielt mit seinem angeborenen kultivierten Charme über die ohne Zweifel bedrohliche Situation hinweg, behandelt sie wie einen Routineeingriff, aber er kann schließlich nicht verhindern, dass man seinen Diener abführen will. Er wirft sich den Soldaten entgegen, ein heldenmütiger Einsatz, den er nur verlieren kann, kaum mehr als eine hilflose Geste der Menschlichkeit, die erfolglos bleiben muss, die er sich und seinen Werten aber dennoch schuldig ist. Sowohl er als auch Zero erhalten Faustschläge, werden schließlich grob an die Wand ihres Abteils gedrückt. Ihre Blicke finden sich: Da ist Gustave, enttäuscht darüber, dass er nicht helfen konnte, beschämt, dass er seinem Freund dieses Erlebnis nicht ersparen konnte, am Boden zerstört darüber, dass die Ideale, an die er glaubt, ihre Gültigkeit verloren zu haben scheinen. Und da ist Zero, der noch nicht genau weiß, was ihm blühen wird, nur, dass er diesem Mann blind vertrauen kann und dass er in ihm jemanden gefunden hat, der seinen Platz in der Welt mit allen Mitteln verteidigen wird.

Wes Anderson war vor ca. zehn Jahren ein Filmemacher, der heiß diskutiert wurde. Nach THE ROYAL TENENBAUMS und THE LIFE AQUATIC WITH STEVE ZISSOU war er zu so etwas wie einer neuen Hoffnung der Cinephilen avanciert, als dann der Kurzfilm HOTEL CHEVALIER als Teaser für THE DARJEELING LIMITED erschien, wurden Stimmen laut, die den Stil Andersons als bloße Masche kritisierten. Vor allem die prominente Platzierung eines iPods erregte die Gemüter: Das große Augenmerk auf teure und mondäne Designobekte, aus denen sich die Ausstattung seiner Filme akribisch zusammensetzte, machte ihn irgendwie verdächtig. Auch für mich, der sich dann jedoch durch THE DARJEELING LIMITED mehr als versöhnt sah. Seitdem ist Anderson gewissermaßen akzeptiert: FANTASTIC MR. FOX, der Puppenfilm, den er danach machte, war wahrscheinlich zu speziell, zu liebenswürdig-ephemer, um über ihn die Kritikerkeule zu schwingen, und MOONRISE KINGDOM stieß danach auf ein Publikum, das beschlossen hatte, Anderson entweder zu lieben oder ihn zu ignorieren. Der Kitzel, den er kurze Zeit lang provozierte, ist ein bisschen der Routine gewichen: Man weiß mittlerweile, was man von ihm zu erwarten hat: Mit größtem Stilbewusstsein und Detailreichtum ausgestattet Filmgemälde, gleichermaßen von milder Melancholie wie versöhnlicher Ironie geprägt, immer wieder Einflüsse aus Animations-, Puppen- oder auch Stummfilm aufgreifend, besetzt mit einem sich stetig ausdehnenden Kreis von Familienangehörigen. Bei der Bedeutung, die die Ausstattung für Andersons Filme einnimmt, könnte man meinen, die Menschen gingen darin unter. Tatsächlich sind seine Charaktere in die sie umgebende Welt völlig eingespannt. Anderson arrangiert seine Filme wie der Sammler einen Setzkasten, ordnet seine Figuren wie Einrichtungsgegenstände und gibt jeder einen festen Platz. Das Leben erweist sich als Abfolge von absurden Routinen oder kleineren, hoffnungslosen Amokläufen gegen festgefahrene Strukturen. Der Zuschauer beobachtet die Charaden der Protagonisten wie der Wissenschaftler die Ameisenfarm, wissend, dass sein Leben aus der Vogelperspektive genauso putzig erschiene. Aber die Kunst von Andersons Filmen ist, dass sie sich eben nicht in diesem Von-oben-herab erschöpfen. Die äußere Struktur – hier etwa das Hotel – ist bei Anderson eben nicht bloß materielles Designgefängnis, es steht in diesem Fall für einen Lebensstil, für das Hochhalten von Menschlichkeit und Höflichkeit, für die Aufmerksamkeit und den Respekt im Umgang miteinander; Werte, die in GRAND BUDAPEST HOTEL von den auf dem Vormarsch befindlichen Kräften zerstört werden. Wes Anderson ist eine alte Seele, der Concierge Gustave H. sein Verwandter. Wie der Voice-over-Erzähler Zero am Ende sagt: Die Welt von Gustave war schon tot, noch bevor dieser sie betrat.

Ich weiß, dass sich etwa Marco Siedelmann und Silvia Szymanski von Hard Sensations mit den Filmen Andersons schwer tun und ich verstehe – mit zumindest rudimentärem Wissen über die Art der Filme, die sie bevorzugen –, was sie an ihnen kaltlässt oder sogar abstößt: Es gibt nur wenig Spontaneität oder Freiheit in seinen Filmen, wenig Luft zum Atmen: Alles ist genauestens komponiert, jede Requisite steht an ihrem Platz und hat ihre Bedeutung, noch das kleinste unscheinbare Detail, das man kaum bewusst wahrnimmt, wurde mit Bedacht ausgewählt, nichts ist falsch oder fehl am Platze, und wenn doch, dann hat auch das einen Grund. Jede Dialogzeile funktioniert wie ein Schalter, der eine minutiös vorausgeplante Kettenreaktion auslöst, und die Charaktere sind gewissermaßen Karikaturen, schrullige Gestalten mit komischen Namen und einem festen Platz in ihrer Welt. Alles ist putzig und süß, auf so eine kalkuliert wirkende Art schrullig – wie ein Anthropologie-Professor, der zur Entspannung Porzellan-Nilpferde sammelt. Die Filme wirken nicht wirklich gelebt, sondern eben arrangiert. Das ist Andersons Blick auf die Welt. Aber in den beiden oben beschriebenen Szenen zeigt sich meines Erachtens auch, das Anderson mitnichten ein unmenschlicher Material- und Designfetischist ist, jemand, der Menschen als belebte Dinge betrachtet. Jeder, ausnahmslos jeder, auch die Schurken, die seine Filme bevölkern, können sich seiner Zuneigung gewiss sein, weil er nach der Eigenschaft sucht, die sie besonders macht, ihre Taten erklärt, ihre Moral erkennen lässt. Und am Ende beweist sich bei ihm jeder Mensch nicht durch das, was er hat oder vorgibt zu sein, sondern über das, was er tut. Dann zerreißt gewissermaßen der von Anderson aufgespannte verführerisch schillernde Vorhang, der über dem Geschehen liegt, und gibt den Blick frei den Menschen, der zwar ein Gefangener seiner Welt ist, aber immer die Chance hat, einmal über sich hinauszuwachsen und einen Unterschied zu machen. Diese beiden Szenen haben auf mich auch deshalb so stark gewirkt, dass ich sie hier vorangestellt habe: Sie machen sehr plötzlich vergessen, es nur mit Filmgestalten zu tun zu haben und erinnern uns daran, das hinter jedem Gesicht ein Mensch mit einer Biografie, mit Träumen und Ambitionen steht.