Mit ‘Judy Winter’ getaggte Beiträge

Ich habe an dieser Stelle schon häufiger das Loblied auf den unvergleichlichen Zbynek Brynych gesungen, der in Deutschland vor allem mit seinen drei vier brillanten DER KOMMISSAR-Episoden sowie zahlreichen DERRICK-Folgen assoziiert wird. Seine drei deutschen Kinoproduktionen, die er allesamt 1970 realisierte – OH HAPPY DAY, ENGEL, DIE IHRE FLÜGEL VERBRENNEN und eben DIE WEIBCHEN – floppten leider und fast möchte man anfügen: wenig verwunderlich, hatte man hierzulande doch immer ein untrügliches Talent, ware Größe nicht zu erkennen. DIE WEIBCHEN ist die letzte seiner drei deutschen Kinoproduktionen und unverkennbar Brynych. Was ironischerweise gleichzeitig impliziert, dass er natürlich ganz anders ist als die beiden vorangegangenen Werke. DIE WEIBCHEN ist, wenn man so will, ein Horror-, ja sogar ein Kannibalenfilm, verbindet Elemente von THE STEPFORD WIVES, L’ANNÉE DERNIÈRE À MARIENBAD, SHOCK CORRIDOR und anderen, pulpigeren Werken zu einem psychedelischen Trip, der an zeitgenössische Pop-Art ebenso erinnert wie an die tschechische New Wave und natürlich an die großen, schrundigen Grindhouse-Reißer der Siebziger, die um ähnliche Themenkomplexe kreisten und dabei Männer und Frauen gegeneinander aufhetzten.

Eve (Uschi Glas), Chefsekretärin, kommt auf Anraten ihrer Ärztin nach Bad Marein, einem Kurort für Frauen, wo sie sich in Obhut von Dr. Barbara (Gisela Fischer) erholen soll. Vor Ort wird sie von einer Clique anderer Patientinnen aufgenommen, unter ihnen Astrid (Françoise Fabian) und Olga (Judy Winter). Nach einer ausgelassenen Feier, bei der drei mit ihrem Auto im Ort gestrandete Männer in die Gruppe eingeführt werden, findet Eve einen von ihnen ermordet vor. Und am nächsten Tag gibt es ein großes, blutiges Filetstück zum Frühstück. Eve sucht den Kommissar des Ortes (Hans Korte) auf, aber der hat für ihre Verdächtigungen nur Spott übrig …

Dass man von Brynych keinen straighten Kannibalen-Schocker erwarten sollte, dürfte den meisten, die diesen Text lesen, schon klar sein: Vielmehr weitet der Tscheche seine Geschichte zur gar nicht so bösen, vielmehr sogar sehr liebenswerten und verständigen Satire über das Geschlechterchaos aus, die in den späten Sechziger- und frühen Siebzigerjahren über die westliche Welt fegte. In DIE WEIBCHEN jedenfalls schlagen die Frauen, die viel zu lang unter der Fuchtel der Männer standen, mit einem Lächeln und einem im wahrsten Sinne des Wortes hungrigen Körper zurück, dass den Männern nicht viel mehr bleibt als ein notgeiles Lächeln. Der Film kulminiert in einer dann doch überraschend garstigen Kreissägenszene, bevor Eves Wille schließlich gebrochen, sie in den Kreis der Männermörderinnen eingemeindet wird. Der Ton oszilliert zwischen Fleisch-Thriller, ausgelassenem Beatfilm, greller Gesellschaftskomödie, dystopischem (oder doch utopischem?) Sex-Märchen, verspielt-ironischer Agit-Prop und immer wieder auch Elementen, bei denen man ein wenig das Gefühl hat, Brynych nehme das deutsche Filmgeschehen aufs Korn. Wie schnarchig und verquast etwas Waldleitners Simmel-Verfilmungen sind, wird in diesem ebenfalls von ihm produzierten Werk eben deshalb so augenfällig, weil sich zum Teil die selben Darsteller tummeln, die hier aber ganz von der Kette gelassen werden. Ein schmierbäuchiger Hüne mit Narbengesicht, Sonnenbrille und Krallenhand lässt Adi Berbers Fettsäcke aus den Wallace-Filmen wie tumbe Witzfiguren erscheinen. Und „uns Uschi“ zeigt uns hier, wo sie nicht dazu gezwungen wird, ein freches Powerfräulein zu spielen, plötzlich welche beachtlichen Qualitäten ihr makelloses Püppchengesicht als angrundtiefe Projektionsfläche mitbringt. Am schönsten ist DIE WEIBCHEN, wenn er sich in seinen orgiastischen Set Pieces verliert, etwa in einer Swimming-Pool-Sequenz gegen Ende, wenn alle Frauen nach dem Verlassen des Schwimmbeckens durch blutrotes Licht gleiten. (Apropos „Swimming Pool“: Bin ich der einzige, der in dieser Szene an Cronenbergs SHIVERS denken musste?) Toll ist auch eine mit der Subjektiven eingefangene Szene, in der die Frauen den vierschrötigen Gärtner zum Schweinchen-in-der-Mitte herausfordern. Oder die Frauen sich in einer THE WICKER MAN vorwegnehmenden Szene ihrer BHs entledigen und sie ins Feuer werfen. Oder wenn Hans Korte als Kommissar glucksend Schnapsfläschchen in sich hineingießt. Oder, oder, oder.

Ihr seht, DIE WEIBCHEN ist Film als Fest der Eindrücke, aber auch weit davon entfernt, bloß selbstverliebter Bilderreigen zu sein. Brynych inszeniert mit der Gewissheit, dass das Leben zu kurz ist und Film zu reich, um für eine schnöde Vision oder langweilige Kohärenz vergeudet zu werden, trotzdem bleibt er immer zielstrebig und auf den Punkt. DIE WEIBCHEN ist alles auf einmal, aber wie durch ein Wunder trotzdem von allem genau so viel, dass man gern noch ein bisschen mehr hätte, nie zu viel oder zu wenig. Um im Bild zu bleiben: Der Appetit ist geweckt, die Sättigung hat noch ein bisschen Zeit.

Wer die Blu-ray von Bildstörung noch nicht hat, sollte – wie könnte es anders sein? – schleunigst zugreifen und einen der aufregendsten Filmemacher, die je in Deutschland arbeiteten, auf dem besten deutschen Filmlabel entdecken, das ihm eine Veröffentlichung spendiert hat, die ihm zu jener Ehre gereicht, die seinen Filmen zu Lebzeiten leider verwehrt geblieben ist.

2011060120494385274_supersizeSieh an, eine Simmel-Verfilmung, bei der man sich nicht fühlt wie beim Versuch, einen Falk-Plan auseinanderzufalten. Trotzdem weiß man auch hier sofort, wo man ist. LIEBE IST NUR EIN WORT handelt von dem 21-jährigen Oliver Mansfeld (Malte Thorsten), seines Zeichens aufmüpfiger Sohn eines deutschen Wirtschaftskriminellen, der auf einem Internat im Taunus die letzte Chance auf das Abitur bekommt. Schon auf dem Weg dorthin lernt er die 30-jährige Verena (Judy Winter) kennen und verguckt sich sofort in sie. Sie entpuppt sich zwar als Ehefrau von Manfred Angenfort (Herbert Fleischmann), wohlhabender Unternehmer und Geschäftspartner von Olivers Papa, doch das stellt für ihn kein Hindernis dar. Tatsächlich gelingt es ihm, das Herz der attraktiven Frau zu gewinnen. Doch Angenfort kommt hinter die Affäre …

Trotz des banalen Plots – den obligatorischen Abstecher in die Vergangenheit, in der Angenfort irgendeine Schuld auf sich geladen hat, konnte sich Simmel dennoch nicht verkneifen – ist LIEBE IST NUR EIN WORT von den anderen, inhaltlich deutlich komplexeren Simmel-Filmen, die unter Vohrers Regie entstanden, nicht zu unterscheiden. Es regieren große Gefühle und großes Drama, doch bleibt dieser Überschwang reine Drehbuchbehauptung, für die es auf Charakterebene keinerlei Entsprechung gibt. Merke: Simmel-Filme sind Melodramen mit Zombie-Protagonisten. LIEBE IST NUR EIN WORT beginnt bei grauem Regenwetter, bleibt auch in der Folgezeit immer seltsam trüb, hängt sich an seine überwiegend wohlhabenden Milieus entstammenden Protagonisten, die nie menschlich werden, sondern bloß als gutaussehende Narrationsvehikel auf dem Schachbrett des Autoren herumgeschoben werden, und deren tiefes Seelenleid einen völlig kalt lässt. Visuell ist LIEBE IST NUR EIN WORT durchaus ansprechend, erneut markant besetzt und von Komponist Erich Ferstl mit bedeutungsschwerer, todtrauriger und ungemein tragischer Musik unterlegt, die die Tränendrüsen fast allein zum Bersten bringt. Aber nicht nur, dass das menschliche Zentrum des Films schlicht leer ist, auch das Deutschland, in dem er spielt, scheint, als habe man sämtliche Luft aus ihm heraugesogen. Es gibt überhaupt keine normalen Menschen in LIEBE IST NUR EIN WORT: Allesamt sind sie mindestens eitle Schaumschläger, oft sogar noch Schlimmeres, reden furchtbar geschwollenes Zeug daher, gefallen sich in ihrem ekelhaften Wohlstand, ihrer Gesinnung und ihrer vermeintlichen geistigen Überlegenheit, ohne die eigene Beschränktheit zu bemerken.

Oliver ist ein absoluter Kotzbrocken: Simmels/Vohrers Rechnung, dass sich der Zuschauer ihm schon allein deshalb verbunden fühlt, weil er Autoritäten mit seinem Ungehorsam konfrontiert und seinen reichen Vater verachtet, geht nicht auf, weil dieser Schnösel dadurch nur noch elitärer und eingebildeter wirkt. Wer will sich schon mit einem blonden Schönling identifizieren, der im vom ach so verhassten Papa gekauften Mercedes Cabrio herumfährt? Was Verena, selbst nicht gerade vor Frohsinn, Intelligenz und Kreativität übersprudelnd, sondern recht typischer Vertreter des Typus „junge von ihrem reichen, älteren Gatten zu Tode gelangweilte Frau“, an diesem Jungspund findet, bleibt rätselhaft. Spätestens als sie Oliver gesteht, dass sie sich in ihn verliebt habe und er dann, ganz entgegen seines sonstigen Habitus, wie ein unbeholfener 15-Jähriger jauchzend herumhüpft, müsste sie ihren Fehler eigentlich schamvoll erkennen. Aber nein, die beiden meinen es tatsächlich ernst mit ihren Heiratsplänen. Und dass Oliver tatsächlich bereit ist, seine Bonzenkarre zu versetzen, um seine Affäre geheimzuhalten, gilt am Ende als der Beweis für die Echtheit seiner Gefühle. Ja, so einfach kann das sein. Wie dumm, dass er nicht bloß einen Käfer fährt, Angenfort wäre ihm nie auf die Schliche gekommen.

Die Menschen in Simmel-Filmen sind fast immer vermögend, aber aufgrund dieses Reichtums auch die ärmsten Schweine der Welt. Es ist aber auch schon hart, wenn man in der ständigen Angst leben muss, die Hausbar könne am nächsten Abend nicht mehr optimal gefüllt sein. Das zeichnet die Vohrer-Verfilmungen ganz wesentlich aus: diese ekelhafte, völlig stillose, neureiche Dekadenz gepaart mit Selbstmitleid und Ennui. Man fühlt sich als Zuschauer wie der zunehmend hilflose Gast einer verbrauchten älteren, noch dazu betrunkenen und übergewichtigen Gesellschaftsdame, die einen unter Tränen dazu zwingt, das Ergebnis ihrer Mastektomie zu betrachten, während man ohne jede Hoffnung auf Flucht in einem geschmacklosen Plüschsofa versunken ist. Man schaut sich das Treiben irgendwie fasziniert, aber auch angewidert an, während ein Stück der eigenen Seele unwiederbringlich verkarstet. Es ist heute völlig unvorstellbar, dass diese Filme irgendwann einmal als authentisches Abbild bundesdeutscher Realitäten gelten konnten, dass Simmel mit seinen Büchern einen Nerv beim Volk traf, aber es war wohl wirklich so. Den Rest besorgt die überspannte Fantasie des Autors, die die Filme mehr als einmal in Richtung Delirium taumeln lässt: Eine Szene spielt in einem Sanatorium, in dem Olivers geistig zerrüttete Mutter lebt. Sie verteilt im akkurat gepflegten Anstaltsgarten imaginäres Vogelfutter an imaginäre Vögel, während eine gestrenge Schwester (mit Kittel und Häubchen) auf einem dieser geschmiedeten Gartenstühle in Sichtweite sitzt. Im Gespräch mit dem Sohn ist die fliederfarbene, wahrscheinlich nach Veilchen und Lavendel duftende Dame dann aber erstaunlich normal, auch wenn der feine Gatte sich gezwungen sah, sie zu entmündigen. Auch wieder so eine unangenehme Angewohnheit der gehobenen Gesellschaft, dieses Entmündigen. Zwischendurch gibt es noch ein wenig Gesellschaftskritik, wenn ein dem Islam angehörender Internatsschüler von den „Kameraden“ für seine Religion gepeinigt wird, und dann ein reichlich übersteuertes Finale im strömenden Regen, bei dem die junge Liebe an einem Strick endet. In einer Pfütze schwimmt ein kleines Zettelchen, auf dem steht: „Liebe ist nur ein Wort“. Die Simmel-Filme sind so dreist manipulativ, dass der Brechreiz fast zur Droge wird.

Eine kleine Wiedergutmachung dafür, dass ich mich bei der Aktion Deutscher Film vom intergalaktischen Affenmann bislang so rar gemacht habe: Für die Filmgazette habe ich Alfred Vohrers grandiosen „Sittenreißer“ PERRAK anlässlich seiner DVD-Veröffentlichung rezensiert. Eine DVD, die in jede vernünftige Sammlung gehört, ein Film, den jeder, der sich für das Exploitationkino interessiert oder einfach nur ein Faible für bundesdeutsche Tristesse anno 1970 hat, unbedingt gesehen haben sollte. Hier geht’s lang.