Mit ‘Jules Dassin’ getaggte Beiträge

Jules Dassin verbindet man vor allem mit DU RIFIFI CHEZ LES HOMMES, jenem Heist Movie, der auch heute noch Vorbild ist, wenn es darum geht, elaborierte Einbruchssequenzen zu inszenieren. Der Film, den der US-Amerikaner Dassin im französischen Exil inszenierte, nachdem er als Kommunist verleumdet worden war und in seiner Heimat keine Arbeit mehr fand, war so einflussreich, dass der Regisseur selbst ein paar Jahre später mit TOPKAPI noch ein Update vorlegen musste. Ich kenne aus Dassins Werk leider sonst nichts, aber eines kann ich nach der Sichtung von THIEVES‘ HIGHWAY mit Geissheit sagen: Er schlägt DU RIFIFI CHEZ LES HOMMES um Längen.

Als der Ingenieur Nick Garcos (Richard Conte) nach einer langen Schiffsreise zurück nach Hause kommt, erfährt er, dass sein Vater querschnittsgelähmt ist. Der vermutet, dass der Gemüsegroßhändler Mike Figlia (Lee J. Cobb) dahintersteckt: Er hatte dem Vater auf Kommission eine Wagenladung Tomaten abgenommen und wollte sich möglicherweise mit einem Mordanschlag um die Bezahlung drücken. Nick ist entsetzt darüber, dass sein Vater dieses Unrecht einfach so hinnimmt und beschließt, etwas zu unternehmen. Er verdingt sich kurzerhand als Apfelhändler und versucht, mit Figlia ins Geschäft zu kommen, um so etwas über dessen eventuelle Involvierung in den Unfall seines Vaters zu erfahren. Doch als Nick nach 1.000 Meilen auf der Straße und einem nach etlichen Schwierigkeiten doch noch geglückten Geschäft einen dicken Gewinn in den Händen hält, vergisst er seine ursprünglichen Motive. Bis er zwei von Figlias Schlägern zum Opfer fällt …

Dassin entführt den Zuschauer mit THIEVES‘ HIGHWAY in eine Welt, die ebenso banal wie enigmatisch ist: Das nächtliche Treiben auf dem Großmarkt zeichnet er als eine ganz eigenen Codes folgende Subkultur. Es geht nur an der Oberfläche um Obst, Gemüse und den besten Deal: Dahinter verbirgt sich ein verlockendes Spiel, in dem es jede Nacht um nicht weniger als die Existenz geht. Es ist eine fremde Welt voller Verheißungen, die sich Nick eröffnet, voller Geheimnisse und Möglichkeiten, und er erliegt ihr, ohne den eigenen Kontrollverlust zu bemerken. Die Kategorisierung des Films als Noir macht auf den ersten Blick keinen Sinn, ist aber auf den zweiten völlig logisch: Dassin ersetzt lediglich die üblichen Räume des Noirs – etwa das Detektivbüro oder das Hinterzimmer, in dem man dem Glücksspiel frönt – durch die Markthallen und das Büro eines Gemüsehändlers. Die Schatten, die sie durchziehen (die dunklen, regennassen Straßen des Hafenviertels von San Francisco sind eine wunderbar stimmungsvolle Kulisse), die Stolperfallen, die sie bereithalten, die Sinnestäuschungen, denen der Protagonist unterliegt, sind dieselben. Der Held des Noir muss ja am Ende seines Weges meist erkennen, dass er mitnichten die Fäden in der Hand hatte, sondern wie ein Blinder durchs Dunkel getappt und nur durch eine Laune des Schicksals noch am Leben ist. Genauso verhält es sich mit Nick, der Figlia immer einen Schritt hinterherhechelt, während er noch denkt, ihm einen Schritt voraus zu sein. Sein Leben – der kranke Vater, die wartende Verlobte – ist schnell vergessen, als ihn erst die verführerische Rica (Valentina Cortese) auf ihr Zimmer einlädt, er dann einen Streit mit Figlia für sich entscheiden und dem Mann sein Geld abringen kann: Auf einmal scheint er der König dieser Welt, die ihm wenige Stunden zuvor noch völlig fremd war. Das Erwachen aus dem Traum muss schmerzhaft sein.

Aber es gibt dennoch einen wesentlichen Unterschied zum Noir: Wenn Dassin die Welt des Großmarkts als dunkles Schattenreich zeichnet, ist das weniger eine Allegorie auf die allgemeine Absurdität der menschlichen Existenz, als Ausruck einer ganz konkreten politischen Überzeugung, die man als „links“ oder genauer als „marxistisch“ bezeichnen kann (hier ahnt man dann, wie Dassin auf der schwarzen Liste landen konnte). Der Großmarkt ist der Ort, an dem sich die Besitzlosen verkaufen, in einen erbitterten Kampf gegeneinander treten, wo sie sich eigentlich gemeinsam gegen ihre Unterdrücker auflehnen sollten. Kaum hat Nick ein paar Scheine in der Tasche, hat er bereits vergessen, dass sein Vater im Ringen um die eigene Existenz seine Beine verloren hatte. Kinney fährt sich lieber in einer Schrottmühle zu Tode, als sich helfen zu lassen und dafür auf einen Teil seines Gewinns zu verzichten, seine potenziellen Helfer schauen ihm lieber dabei zu, als ihm unentgeltlich zu helfen. In der Welt von THIEVES‘ HIGHWAY kämpft jeder für sich, jede Nacht aufs Neue. Jeder Sinn für Solidarität bröckelt, sobald von außen Geld ins Spiel gebracht wird. Jeder, auch der Wohlmeinendste, ist käuflich. Dassin macht sich nicht des Zynismus schuldig. Man erkennt den Humanisten in jeder Sekunde des Films, den Mann, der daran verzweifelt, wie der Kapitalismus die Nöte des Individuums auszunutzen weiß.

Ein Meisterwerk, ohne jede Frage. Ein nach meinem jetzigen Kenntnisstand zudem in Hollywood völlig singulärer Film, originell, ohne in irgendeiner Form abgehoben oder verschroben zu sein. THIEVES‘ HIGHWAY ist ebenso magisch wie schmerzhaft luzide, schön und abstoßend zuleich. Mich hat er ein bisschen an Lynchs BLUE VELVET erinnert, mit dem er vordergründig nur wenig teilt. Aber wie Nick dem Zauber des nächtlichen Marktes erliegt, rief mir unweigerlich Jeffrey Beaumonts Abstieg in die Unterwelt seines Heimatstädtchens ins Gedächtnis.

 

Dieser Film des amerikanischen Exilanten  Jules Dassin – nachdem sein Freund Edward Dmytryk ihn als Kommunisten denunziert hatte, landete er auf der schwarzen Liste und konnte folglich in den USA keine Filme mehr machen – ist die Blaupause für das auch heute noch beliebte Subgenre des Heist Movies oder – auf Deutsch – „Einbruchsfilms“. Das ist zumindest das, was die Geschichtsbücher sagen, und ich glaube es ihnen einfach mal, da mir auch kein älterer Film einfiele, der eine ähnlich elaborierte Einbruchsszene aufweisen würde. Diese steht im Zentrum von RIFIFI, nimmt eine gute halbe Stunde der Gesamtspieldauer ein und kommt gänzlich ohne Dialoge oder Musik aus, was zum einen ihren Realismus unterstreicht (RIFIFI hatte seinerzeit massive Zensurschwierigkeiten, weil man befürchtete, er könne als „Anleitung“ dienen; tatsächlich wurden einige Einbrüche nach seinem Vorbild verübt), zum anderen die Spannung ins Unermessliche steigert. Dassins Inszenierung ist dabei so makellos und überzeugend, das man sich kaum eine andere vorstellen kann: Folgerichtig greifen auch heute noch Regisseure bei der Inszenierung solcher Sequenzen auf die von ihm etablierten Stilistiken zurück (man vergleiche etwa so unterschiedliche Filme wie Melvilles LE CERCLE ROUGE, Soderberghs OCEAN’S ELEVEN oder De Palmas MISSION: IMPOSSIBLE).  

Den Film auf diese eine Sequenz zu reduzieren, wäre jedoch ungerecht, denn RIFIFI ist noch in anderer Hinsicht bemerkenswert: Ich habe selten einen Film gesehen, der bei einer Lauflänge von zwei Stunden ähnlich kompakt wirken würde. Er zeichnet sich durch eine unglaublich strenge Struktur aus, in der alles seinen Platz hat und nur wenig Raum für Spontaneität bleibt. Jede Szene hat eine Funktion, alles greift ineinander, eins kommt zum anderen. Doch RIFIFI ist dabei nicht etwa leblos, wie man anhand dieser Beschreibung annehmen könnte, vielmehr unterstreicht Dassin mit seiner Inszenierung die Tragik des Stoffes: Seine Protagonisten mögen Profis in ihren zwielichtigen Jobs sein, die nötige Akribie in der Planung ihres Coups aufweisen und das Expertenwissen und Geschick in der Umsetzung mitbringen, doch im Leben sind sie allesamt Amateure. Es bleibt ihnen kaum Zeit, ihren Erfolg zu genießen, weil einem von ihnen schon nach kurzer Zeit ein ebenso dummer wie unnötiger Fehler unterläuft, der ihnen letzlich allen das Leben kosten wird. Das Leben ist kein Schachspiel.

Beeindruckender als den Einbruch selbst fand ich die Schlusssequenz, für die Dassin seinen dokumentarisch-beobachtenden Stil zugunsten einer rauschaft-expressionistischen Inszenierung über Bord wirft. Wenn der letzte der „hommes“ tödlich verwundet am Steuer seines Wagens sitzt, das aus den Händen der Bösewichter gerettete Kind auf dem Beifahrersitz, und nur mit Mühe und Not bei Bewusstsein bleibt, um wenigstens noch etwas in seinem Leben richtig zu machen, bevor er sich für immer verabschiedet, die Welt um ihn herum in einen unaufhaltsamen Strudel gerät, dann ist das ebenso ein krasser Gegenentwurf zur Strenge des vorangegangenen Films als auch ein denkbar konsequentes Ende. Am Ende verlieren wir alle unser Pokerface.