Mit ‘Juliette Gréco’ getaggte Beiträge

Der Ire Vic Brennan (Stephen Boyd) hat von einem Freund ein lukratives Geschäftsangebot erhalten: Doch dazu muss er erst nach Afrika reisen. Gemeinsam mit seiner Frau, der resoluten Französin Marie (Juliette Gréco), und seinem Schwager Samuel (David Wayne), der die Investition der Brennan-Familie schützen soll, begeben sie sich mit dem Schiff auf die Reise zur Westküste des Schwarzen Kontinents und setzen ihre Tour ins Landesinnere schließlich mit einem Transporter fort. Den hat Vic in weiser Voraussicht mit Bier beladen lassen …

Nach den ambitionierten Filmen, die Fleischer in der zweiten Hälfte der Fünfzigerjahre gedreht hatte, bedeutet THE BIG GAMBLE wieder die Rückkehr zu den seichteren Abenteuerstoffen in der Tradition von 20.000 LEAGUES UNDER THE SEA oder BANDIDO. Der Film fungiert damit gewissermaßen als Vorbote der hochbudgetierten Eventfilme, die Fleischer von 1966 (FANTASTIC VOYAGE) bis 1970 (TORA! TORA! TORA!) für die Fox drehen sollte; eine Phase, die von Fleischer-Apologeten als Zäsur in seinem bis dahin sehr homogenen Werk betrachtet wird.

Von THE BIG GAMBLE sollte man nicht zu viel erwarten, dann kann man auch mit diesem Film glücklich werden. Die Geschichte ist unverkennbar an Henri-Georges Clouzots Meisterwerk LE SALAIRE DE LA PEUR angelehnt, ersetzt dessen existenzialistische Schwere und das Bild einer unerbittlichen, mitleidlosen Natur aber durch optimistischen, unverzagten Unternehmergeist und bunten Exotismus. Fleischers Film betrachtet man dann auch am besten als visuelle Urlaubsreise, die einem ein wohliges Gefühl in die Magengegend zaubert, wie das eben nur solche altmodischen CinemaScope-Abenteuerschinken hinbekommen. Der Auftakt, der die Bemühungen von Vic und Marie zeigt, seiner streng katholischen Familie das für ihre Unternehmung nötige Kapital aus dem Kreuz zu leihern, ist wunderbar, die Konstellation mit dem jungen Ehepaar auf der einen und dem steifen Aufpasser Samuel auf der anderen verspricht Gelegenheit für humoristische Spitzen, und die spektakuläre Verladung des Transporters vom Ozeandampfer auf ein kleines Ruderboot bei heftigem Seegang legt die Messlatte für das Kommende recht hoch: Hier wurde nicht getrickst, was man zu sehen bekommt ist the real deal und stellt so manche mit CGI aufgeblasene moderne Actionsequenz in den Schatten. Ja, damals war Filmemachen tatsächlich noch ein Abenteuer und nicht bloß Scharade vor dem Green Screen. Leider bleibt diese Szene der Höhepunkt des Films, die späteren Herausforderungen muten geradezu läppisch dagegen an, bedeuten nie eine wirkliche Gefahr für die Protagonisten. Weil den Drehbuchautoren offensichtlich nichts Besseres eingefallen ist, muss sogar mal ein stinknormales Wenden in drei Zügen (zugegebenermaßen am Rande eines Abhangs) als großer Thrill herhalten. Dass man dem Film trotzdem nicht wirklich böse sein kann, liegt daran, dass er von vornherein eher gemütlich als ambitioniert wirkt, so als wolle er den Zuschauern gar nicht zu viel zumuten, sondern sie nur ein wenig kitzeln.

Für Fleischer waren die Dreharbeiten allerdings ziemlich nervenaufreibend: Der große Darryl Zanuck war zu jener Zeit heftig verschossen in Juliette Gréco und erfüllte der Französin, die seine Gefühle geschickt auszunutzen wusste, jeden Wunsch. So bekam sie sowohl die Rolle in CRACK IN THE MIRROR als auch in THE BIG GAMBLE und wie der Aufpasser Samuel in letzterem, wachte auch Zanuck während der Dreharbeiten mit Argusaugen darüber, dass seine Herzensdame genauso gut wegkam, wie sie das seiner Meinung nach verdient hatte. Dreiste Einmischungen in Fleischers Arbeit waren die Folge. Ob man den nächsten Punkt auch unter diesem Stichwort einsortieren kann, bleibt unklar: Wer die IMDb studiert, dem wird der Name Elmo Williams als zweiter Regisseur ins Auge springen. Williams hatte als Editor bereits bei BODYGUARD, FOLLOW ME QUIETLY und 20.000 LEAGUES mit Fleischer gearbeitet, auf dem Weg zur Regisseurslaufbahn zudem die Second Unit bei THE VIKINGS übernommen. Eine Funktion, die er Fleischers Buch „Just tell me when to cry“ zufolge auch bei THE BIG GAMBLE ausfüllte – und das zudem mehr schlecht als recht: Er hatte, so Fleischer, das Glück, seine wenig inspirierende Regie durch sein Geschick am Schneidetisch kaschieren zu können. Glaubt man Fleischers Buch, so rettete er Williams‘ den Job, als er von diesem gedrehtes, aufgrund eines Anschlussfehlers unbrauchbares Material einfach verschwinden ließ. Sollte die Geschichte stimmen, ist es doppelt schmerzhaft, dass Williams einen vollen „Director“-Credit erhalten hat …

Paris: Die Hausfrau Eponine (Juliette Gréco) ist mit dem Bauarbeiter Hagolin (Orson Welles) zusammen, verliebt sich aber in dessen Arbeitskollegen Larnier (Bradford Dillman). Sie kann ihn zur Ermordung des störenden  Mannes überreden, doch beide werden schließlich erwischt und ihnen droht die Todesstrafe. Die Verteidigung Eponines, die die Hauptverantwortung an der Tat längst gestanden hat, übernimmt der junge Anwalt Claude (Bradford Dillman). Der hat jahrelang als Assistent des berühmten Juristen Lamerciere (Orson Welles) gearbeitet und will nun endlich aus dessen Schatten treten; auch, um seinen Anspruch auf Florence (Juliette Gréco), Lamercieres Ehefrau, mit der er eine Affäre hat, zu untermauern. In der Gerichtsverhandlung spitzen sich beide Konflikte zu, denn Lamerciere übernimmt die Verteidigung Larniers …

CRACK IN THE MIRROR bedeutet nach dem farbenprächtig-melodramatischen Scopewestern THESE THOUSAND HILLS eine Rückkehr zu dem Sujet von COMPULSION, was man gleich an mehreren ins Auge fallenden Faktoren festmachen kann: Der Film ist wurde in Schwarzweiß gedreht, sowohl Bradford Dillman als auch Orson Welles sind wieder mit von der Partie, es geht um einen grausamen Mord und die in diesem Fall eiskalt kalkulierende Mörderin und der letzte Akt spielt in einem Gerichtssaal. Doch das Interesse Fleischers scheint im Gegensatz zu genanntem Vorgänger, bei dem ich noch kritisierte, dass er zu stark von der Erreichung eines übergeordneten „Ziels“, einem aufklärerischen Gestus geleitet sei, von der eigentlichen Tat und den dahinterstehenden Motiven wegzuführen, stattdessen den Menschen als in seinen Entscheidungen abhängig von seinem jewiligen sozialen Umfeld zu fokussieren. Erschütterte das Verbrechen in COMPULSION gerade wegen seiner Gefühlskälte und Motivlosigkeit, in denen ein intellektuell schöngefärbter Omnipotenzwahn und ein erschreckender Mangel an Empathiebegabung zum Ausdruck kamen, stellt Fleischer in CRACK IN THE MIRROR zwei nahezu identische Dreiecksbeziehungen gegenüber, die denkbar unterschiedlich aufgelöst werden und – als Pointe des Ganzen – sich in der Verwicklung ineinander auch noch gegenseitig beeinflussen.

Diese Spiegelung offenbart Fleischer nicht erst im Laufe des Films, sondern gleich zu Beginn: Schon in der Besetzung der sechs Hauptfiguren mit nur drei Darstellern zeigt sich die Parallelschaltung der beiden Geschichten. In beiden plant ein Liebespaar die Entsorgung eines störenden Mannes, doch während das der Arbeiterklasse angehörende Pärchen recht ungeschickt einen Mord aus Leidenschaft begeht und sich nach seiner Enttarnung in Intrigen und gegenseitigen Schuldzuweisungen ergeht, greifen die Liebenden aus der Oberklasse zu subtileren, wenn auch kaum weniger wirkungsvollen Mitteln. Es gibt weder Helden noch Schurken in Fleischers Geschichte: Aller Charaktere haben ihre Motive, ihre Schwächen und Fehler, aber eben auch nachvollziehbare Gründe für ihre Handlungen. Hält auf der einen Seite Eponine als Wiedergängerin der Femme fatale aus dem Film Noir die Zügel fest in der Hand, ist es auf der anderen Seite Claude, dessen beruflicher Ehrgeiz ihn zu treibenden Kraft macht. Dass er und Florence nicht ebenso wie ihre Arbeiterklassen-Pendants zu handfesteren Mitteln greifen, hat vor allem damit zu tun, dass sich ihnen andere Mittel bieten und sie ihre Emotionen besser unter Kontrolle haben. Ihre Handlungen bewegen sich auf einer viel abstrakteren, symbolischeren Ebene: Die einen brauchen noch einen Schürhaken, einen Schal und eine Säge, um klare Verhältnisse zu schaffen, den anderen reicht dafür eine strategisch günstig platzierte Geste und ein vernichtender Blick.

Leider habe ich den in CinemaScope gedrehten Film nur in einer Vollbildfassung gesehen, was es natürlich unmöglich macht, ihn verlässlich zu beurteilen. Trotzdem ist Fleischer als Urheber wieder klar erkennbar: Seiner Unvoreingenommenheit entsprechend erscheint er in CRACK IN THE MIRROR als Verfechter der Kontingenz: Niemand muss so sein, wie er ist, es bedarf nur kleinerer Vorzeichenveränderungen, um die Dinge komplett zu verändern. Lamerciere erkennt das am Ende. Er durchschaut als einziger, dass die Geschichte von Eponine, Hagolin und Larnier die gleich ist, in die auch er, Florence und Claude agieren. Und diese Einsicht lässt ihn erst als Gewinner aus der Verhnandlung hervorgehen. Wenn er in seinem Schlussplädoyer Eponine attackiert, sind seine Worte eigentlich an Florence gerichtet, und das Durchkreuzen von Eponines Plan zerstört auch die Ambitionen von Claude.

Das vordergründige Gimmick des Films mag ein Beispiel für die „strained seriousness“ sein, die Andrew Sarris Fleischer vorwarf. Man kann so argumentieren, weil der Film  auch ohne dieses einwandfrei funktionieren würde. Das liegt aber eben vor allem daran, dass sich Fleischer wieder einmal als toller Bildkomponist (die Überblendung von der dem Mord folgenden Diskussion der Frage, wie man denn nun die Leiche entsorgt, zu einem Schaufenster, in dem zahlreiche Sägen ausgestellt sind und in dem sich das Gesicht Eponines spiegelt, erzeugt unweigerlich eine Gänsehaut), geschickter Erzähler und hervorragender Schauspielregisseur erweist.  Wie souverän und unaufgeregt er den Film zu seinem elegant gescripteten Finale leitet (das noch einmal Anschauungsmaterial dafür gibt, wie armselig diese so genannten Plottwists heutzutage eigentlich sind), ist einfach nur schön anzusehen. Schade, dass CRACK IN THE MIRROR nicht verfügbar ist. Er hätte es unbedingt verdient und würde zudem zur Schließung einer klaffenden Lücke beitragen, denn man kann ihn, so scheint es mir zumindest jetzt, nach einmaliger Sichtung, mit gutem Grund als den Meta-Fleischer-Film betrachten. Mir wird es immer unverständlicher, wie man diesen Mann ruhigen Gewissens als anonymen Handwerker gering- und unterschätzen konnte.  Mit der Ausnahme von 20.000 LEAGUES UNDER THE SEA und BANDIDO offenbart sich mir bis hierhin ein thematisch und stilistisch nicht anders als „homogen“ zu bezeichnendes Werk.