Mit ‘Jürgen Enz’ getaggte Beiträge

12919_230Es war schon vorher nicht unwahrscheinlich, dass VERBOTENE SPIELE AUF DER SCHULBANK zu den denkwürdigeren Filmen des 16. Hofbauer-Kongresses zählen würde. Enz, der deutsche Sexfilm-Avatgardist, dessen Wiederentdeckung nur eine der vielen Errungenschaften der Nürnberger Kinoveranstaltung ist, hatte bisher eigentlich mit jedem Film, der im Rahmen der Kongresse vorgeführt worden war, für herunterklappende Kinnladen, zumindest aber für große Freude gesorgt, mit HERBSTROMANZE, seinem autistischen Heimatfilm, gar für einen absoluten Meilenstein. VERBOTENE SPIELE AUF DER SCHULBANK, von Christoph als eines der „zärtlichsten“ Werke von Enz angekündigt, wurde in der Hardcore-Version namens HIGHSCHOOL GIRLS vorgeführt und hinterließ beim Publikum Spuren wie die Luftwaffe der Alliierten 1945 in Dresden. Von der versprochenen Zärtlichkeit war dank bestialisch unerotischer Fickszenen nicht mehr allzu viel zu spüren, aber dafür kam neben den typischen Enzianismen, die man nicht unbedingt gut, aber doch mindestens interessant finden muss, ein inszenatorischer Gestaltungswille zum Ausdruck, den ich in dieser Form bei ihm noch nicht gesehen habe.

VERBOTENE SPIELE AUF DER SCHULBANK beginnt in einem Lehrerzimmer: In einem dunkelbraunen Regal stehen ein paar unsortierte, zerfledderte Bücher, ein alter Globus und ein Mikroskop, die Stühle um den ebenfalls braunen Holztisch wurden von mehreren Trödlern zusammengesucht, der Aschenbecher ist gut gefüllt, muss aber noch lange nicht geleert werden, die Lehrerschaft – sechs an der Zahl, fünf Männer, eine Frau – diskutieren die Probleme des Berufs, wachsende Klassengrößen, steigende Zahl an Feiertagen. Auffällig und dem Enzperten sofort vertraut ist der Duktus, in dem diese Gespräche geführt werden: Unpersönlich, steif, langsam, als würden die Sätze von Wesen geäußert, die die Sprache zwar akzent- und fehlerfrei beherrschen, aber die Bedeutung der Worte nicht verstehen. Im Klassenzimmer bereiten die Schüler derweil einen Streich vor, den Klassiker mit dem Wassereimer auf der Tür. Statt dem geilen Lehrer mit dem offenen Hemd und dem Brusthaartoupet bekommt aber die neue Schülerin Nora (Soraya Athigi) die Dusche ab und steht daraufhin mit nassem Kleid und sich darunter abzeichnenden Nippeln vor dem Lehrer, der sofort Stielaugen bekommt und sie zum „Abtrocknen“ mit ins Lehrerzimmer nimmt. „Du hast ein herrliches kleines Loch“, bemerkt der Lehrer beim folgenden unumgänglichen Fick. Liebe in den Zeiten der Cholera.

Die Affäre zwischen Lehrer und Schülerin geht weiter, aber wer erwartet, dass diese Beziehung in irgendeiner Form problematisiert würde, sieht sich getäuscht. Wenn der Direktor später an die Vernunft des Lehrers appelliert, zeigt dessen Blick völliges Unverständnis, mehr noch: Teilnahmslosigkeit – und das liegt gewiss nicht nur daran, dass die Standpauke jegliche Schärfe vermissen lässt. Inspiriert von der Beziehung von Nora und dem Lehrer kommt es erst bei einer Party zu einer wilden Orgie der Schüler, zu Lehrer-Lehrer-Sex im Lehrerzimmer (Kommentar des nachsichtigen Direktors, der die beiden erwischt: „Schwamm drüber.“), dann schließlich beim Schulausflug zum großen Rudelbums, bei dem sich nun auch die anderen Lehrer an den Schülerinnen versuchen. Die arme Nora wird am Ende vom Direktor auf ihre alte Schule zurückgeschickt, nicht aber ohne dass der ihren Kopf im Auto in seinen Schoß drückt.

Diese Geschichte ist im Pornofilm nicht neu, aber der Blick den Enz auf diese Figurenkonstellation wirft, der ist es wohl: Das Schicksal Noras ist erschütternd und deprimierend und so inszeniert Enz das eigentlich auch, aber es stellt sich trotzdem die Frage, ob er das selbst auch so gesehen hat. Man kommt einfach nicht dahinter, warum seine Filme so sind wie sie sind. Der Sex ist bei ihm immer schmucklos, wild und triebhaft zwar, aber dabei frei von jeder Spiritualität oder sonstiger Glücksvorstellung. Die Menschen, die ihn haben, sind bestenfalls durchschnittlich, die Zimmer, in denen sie sich auf Bett, Sofa oder Teppich zerren, (klein-)bürgerliche Albträume in Kackbraun. Noch so ein Rätsel: Sehen seine Settings immer absichtlich so unvorteilhaft und scheiße aus oder war das doch nur Faulheit beim Dreh? Man kann sich letzteres kaum vorstellen, so konsequent wie da immer wieder irgendwelche Abscheulichkeit ins Bild ragen. Verstörend auch die Dialoge. Die „sweet nothings“, die sich die Menschen beim Sex in die Ohren säuseln, taugen nämlich zum Beweis, dass Sprache durchaus Gewalt antun kann: Als ein Mann seine Partnerin dazu auffordert, ihn rauszuziehen und sie ihn fragt, warum, bekommt sie als Antwort nur ein gebelltes „Weil ich es so will!“ zu hören. Die oralen Künste eines anderen Mädchens werden mit dem Satz „Nimm ihn auf Lunge!“ kommentiert und das Liebesspiel zweier Mädels wird von einem eben erst anderweitig fertig gewordenen Jungen mit den Worten unterbrochen: „Lasst das Gelesbel, hier kommt ein angefickter Schwanz!“ Alles ist vulgär und eklig, und wo eigentlich spielerische Freude oder Leidenschaft zum Ausdruck kommen sollte, wird stattdessen gekeucht, gestöhnt und geächzt wie beim Straßenbau. Da helfen auch die gemischten Paprikaschoten in der Holzschale auf dem Wohnzimmertisch neben der Flasche gutem Eierlikör nichts. Der Farbfleck bringt hier kein Leben rein.

VERBOTENE SPIELE AUF DER SCHULBANK kulminiert dann in der langen, bereits erwähnten Schulausflug-Sequenz, bei der es die Schüler und ihre Lehrer an einen ruhig daliegenden kleinen Weiher verschlägt. Unglaublich, wie Enz das inszeniert, wie die typische Langsamkeit hier plötzlich zum spannungserzeugenden Mittel wird. Die sexuelle Anspannung ist greifbar: Die Mädchen machen sich einen Spaß daraus, ihre männlichen Lehrer zu reizen, die wiederum etwas verstockt im Gras sitzen und stumm auf die Mädchen starren, die sich auf einem Steg gegenüber platziert haben und ihre Blusen und Pullover lüpfen. Enz filmt dieses Lauerszenario mit Leonesker Ruhe und Ausdauer, in der das ganze Drohpotenzial der Situation zum Vorschein kommt: Ein anderer Regisseur hätte den Film hier vielleicht in einen Gewaltschocker umkippen lassen, in dem sich die Lüsternen gegenseitig umbringen. Die Szene, in der Nora sich im Bildvordergrund auf dem Rücken auf einer Waldlichtung liegend ihren Lehrern anbietet, die aus dem Bildhintergrund langsam auf den leblos anmutenden Körper zuschreiten, mutet wie ein Artefakt eines solchen nie entstandenen Enz-Gewaltpornos an, für den der Regisseur mit dem untrüglichen Blick, aber anscheinend ohne das Bewusstsein für das Hässliche, wahrscheinlich zu freundlich war. Eines der vielen, vielen Rätsel, die einem Enz aufgibt: Wie konnte man solche Filme drehen und die Menschen gleichzeitig lieben? Es ist ein Mysterium, das auch der nächste Film nicht lüften wird. Zum Glück.

 

 

Keinen Film habe ich dieser Tage (oder sogar jemals?) mit solcher Spannung erwartet wie Jürgen Enz‘ mittlerweile gleichermaßen gefeierten wie berüchtigten Heimatfilm. Die mir schon seit einiger Zeit vorliegende Videokopie habe ich extra links liegen lassen, um beim ersten Sonderkongress des Hofbauer-Kommandos mit der 35-Millimeter-Kopie besonders nachhaltig entjungfert zu werden. Der Film hatte es, belastet mit dieser Erwartungshaltung (die durch die zahlreichen Lust machenden, dabei das Mysterium des Filmes bewahrenden Texte geschätzter Freunde und Kollegen geschürt wurde) eigentlich unheimlich schwer. Meine Leser, die meine Filmlandschaft teilen, kennen das wahrscheinlich aus eigener Erfahrung: Diese endlich nach langer Wartezeit erfolgenden Sichtungen von Filmen, über die man schon so viel und fast ausschließlich Gutes gehört hat, sind oft auch die enttäuschendsten. Hier wurden die Erwartungen jedoch nicht nur erfüllt, sondern noch meilenweit übertroffen, was als Beleg dafür dienen mag, was Enz mit HERBSTROMANZE für ein Meisterwerk gelungen ist. Und nicht nur das: Sein Film ist hinsichtlich seiner Stimmung absolut singulär, ein Unikat, nicht nur in der deutschen Filmlandschaft. Er ist so verstörend und groß, dass man nur bedauern kann, dass er, immerhin als „Film für die ganze Familie“ angekündigt, seinerzeit so hoffnungslos floppte, mithin keinen ganzen Serie vom genialisch-autistischen Enz inszenierter Spät-Heimatfilme initiierte: Schon der Gedanke lässt unweigerlich Hosen platzen und Gehirne schmelzen.

Aus dem fernen München reist Christina Peters (Anke Syring), eine Frau in den besten Jahren, mit ihrer stummen Tochter Veronika (Marion Brandmaier) ins beschaulich-rustikale Hochsauerland, um auf dem Gut Vorwald Freiherr Benno von Calden (Rudolf Lenz) zu besuchen, mit dem sie vor vielen, vielen Jahren eine unerfüllt gebliebene Liebesbeziehung unterhielt. Beim Freiherrn erwachen jedenfalls sofort alte Gefühle, auch unter dem Eindruck Veronikas, die ihn so sehr an seine große Liebe erinnert. Doch die Last der vergangenen Jahrzehnte lässt sich nicht beseitigen …

Der Trailer suggeriert noch einen Plot, in dessen Zentrum der schurkische Reno von Calden (Claus-Dieter Reents), Sohn des Freiherrn und sein unstillbares Verlangen nach der jugendlichen Veronika stehen, doch der entsprechende Konflikt ist kaum mehr als ein Nachgedanke in diesem Film, der eine Meditation über das Älterwerden und den langsamen Fluss der Zeit ist. Eigentlich passiert überhaupt nichts in HERBSTROMANZE, aber dabei ist er dennoch übervoll. An Eindrücken, Geheimnissen, unerzählt bleibenden Geschichten, unerfüllten Wünschen und geplatzten Träumen. Und an Blicken. Oh, diese vielsagenden Blicke … Unter der Oberfläche, die spiegelglatt daliegt wie der friedvolle Ententeich auf des Freiherrn Grundbesitz, die nur von ganz leichten Wellenbewegungen gekräuselt wird, wenn eine leichte Brise darüberstreicht, ein Unwetter ankündigt, das dann doch unerwartet ausbleibt, da brodelt es gewaltig, fallen bizarre Raubfische über gründelnde Entchen her und zerfetzen sie lustvoll mit ihren rasiermesserscharfen Zähnen. Die Suggestivkraft, die Enz in seiner aufreizend langsamen, hypnotischen Inszenierung beschwört, ist vielfach kaum zu ertragen. Die Dialoge dringen nie zum Kern der Dinge vor, die Münder verstummen, bevor sie die Wahrheit aussprechen können, und was am Ende bleibt, sind hilflose Gesten und immer wieder diese Blicke ins Nichts. Die Luft in jenen Szenen des bis zur totalen Leblosigkeit ritualisierten Beisammenseins – am Frühstücks- oder Mittagstisch, im Festzelt, beim Schachspiel – ist zum Schneiden dick und die Nerven sind bis zum äußersten gespannt. Die ostentative Betonung seiner Gastfreundschaft, die der Freiherr immer wieder verkündet, lässt ihn wahlweise als Realitätsverleugner oder aber als Blindgänger erscheinen, die Kluft zwischen Anspruch und Realität als vollkommen unüberbrückbar. Nicht nur im Zuschauerraum stellte sich stets spürbare Entspannung ein, wenn der Clown Kaspar Leroy (Dietz-Werner Steck) die aufgeladene Atmosphäre mit seinen exaltierten Späßen durchbrach. Auch die Charaktere freuen sich sichtbar über die Ablenkung vom Elefanten im Raum, der mit jeder Bewegung weiteres Porzellan zerschlägt, ohne dass jemand Anstoß daran nähme. HERBSTROMANZE ist auch ein Film der Handlungsunfähigkeit bzw. -verweigerung, ein Film über die äußersten Auswüchse der Verdrängung. (Die Traumatisierung Veronikas wird von ihrer Mutter einfach so hingenommen, ihre Fixierung auf den toten Vater als romantische Marotte genauso toleriert wie das Arschlochverhalten Renos von Benno.) Das passt zum Heimatfilm mit seiner Sexualitätsverklausulierung und seiner Untiefenpsychologie natürlich wie die Faust aufs Auge. Die Besetzung Rudolf Lenzs, des einstigen Försters vom Silberwald, ist mehr als nur programmatisch: HERBSTROMANZE wirkt zeitweise beinahe wie der große Meta-Heimatfilm, in dem alle Klischees des Genres in abstrakten Gesten erstarrt sind. Anstatt Bedeutung werden hier nur noch leere Bedeutungsbehälter transportiert. Und statt imposanter Alpenkulisse empfängt die nondeskript-erdfarbene Anhäufung von Hügeln, Tannenwäldern und Tälern des Sauerlands den Zuschauer mit mildem Hohn. Enttäuschung ist nicht zuletzt die Befreiung von einer Täuschung.

Aber Enz‘ Film ist keineswegs bloß trocken-intellektuelle Fingerübung. Mit seiner meditativen Stimmung, maßgeblich befördert durch den typisch mechanischen Enz-Soundtrack und die gewohnt langsame Inszenierung sowie das chloroformierte Spiel der Akteure, handelt es sich vielmehr um einen unmittelbar sinnlichen Film, der eher instinktiv verstanden wird, als mit den Instrumenten der Hermeneutik seziert. Es ist ein unglaublich deutscher, unglaublich beunruhigender, aber auch unglaublich aufregender Film. Am Ende betastet Benno, seiner Christina trauernd hinterherschauend, das kleine Porzellanpferd, den Talisman Veronikas, den diese ihm überlassen hat, als Zeichen ihrer Dankbarkeit und der Überwindung ihres Traumas. Es ist ein Bild, das die finale (Auf-)Lösung aller Probleme, den Aufbruch in eine befreite Zukunft signalisieren soll. Aber es ist mit so vielen weiteren, weitaus weniger beruhigenden Bedeutungen aufgeladen, dass es vielmehr eine neue, noch tiefere Ebene neurotischer Verstrickungen andeutet. „Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen / Den Vorhang zu und alle Fragen offen.“, schrieb einst Bertolt Brecht in „Der gute Mensch von Szechuan“. Das trifft auch auf den Zuschauer zu, der aus der HERBSTROMANZE entlassen wird. Nur Benno von Caldern, der große Verdränger, fragt sich nichts mehr.

Die fesche Evi (Sandra Atia) haut von zu Hause ab und wird von einem Anhalter aufgelesen, der ihr sogleich an die Wäsche will. Als sie sich gegen den Zudringling wehrt, fliegt sie mitten im bayrischen Wald hinaus, trifft aber zum Glück auf den braven Jägersmann Hubert (Günther Amann). Der arbeitet für den Grafen Reginald (Dietz Werner Steck) im nah gelegenen Schlösschen. Noch, denn der Graf hat Schulden, und man droht ihm, seinen Besitz zwangszuversteigern. Evi hat aber eine tolle Idee, wie das nötige Kleingeld aufgetrieben werden könnte, und so begründet der Graf eine Jagdschule. (Wie der Graf sein Geld zuvor verdient hat, bleibt unklar. Wie so oft bei Enz scheinen seinen Protagonisten ganz selbstverständliche Konzepte wie das des Geldverdienen-Müssens vollkommen fremd zu sein.) Schon trudeln die ersten Wissbegierigen ein, sind von dem ganzen Gerede über Büchsen, Flinten und Steckschüsse bald jedoch ganz waidwund, schlagen sich lieber in die Büsche, anstatt dem Lehrplan zu folgen und blasen zu großen Halali. Bis eines Tages der Gerichtsvollzieher vor der Tür steht…

Auch wenn sich das vielleicht ganz lustig anhört: WAIDMANNSHEIL IM SPITZENHÖSCHEN ist tatsächlich der erste Film von Jürgen Enz, bei dem ich mich gelangweilt habe. Möglich, dass das einfach nur daran lag, dass ich nicht in der richtigen Enzzeitstimmung war, allein mir fehlt der Glaube. Unter dem Pseudonym „Kenneth Howard“ gedreht, lässt WAIDMANNSHEIL jene Absonderlichkeiten und Verschrobenheiten vermissen, die bislang alle Filme, die ich von Enz gesehen habe, in mehr oder minder starker Ausprägung enthielten und sie zu solch wunderlichen Ereignissen machten. Besonders die Ausstattungskuriositäten habe ich vermisst, die Tristesse (klein)bürgerlicher Wohnwelten. Dieses Moment, wo der Schleier der vordergründigen Hässlichkeit plötzlich zerreißt und der Blick für bundesdeutsche Realität geöffnet wird. WAIDMANNSHEIL IM SPITZENHÖSCHEN ist einfach ein stinknormaler Sexfilm, etwas liebevoller, niedlicher, harmloser, friedvoller als andere Vertreter des Genres, und somit für den Kenner durchaus als echter Enz identifizierbar, aber dennoch deutlich stromlinienförmiger und weniger spezifisch. Er hat kaum Schnittpunkte mit der „Realität“, scheint vielmehr in einem märchenhaften Vakuum oder einer Parallelwelt zu spielen, in der die Sorgen, die Menschen nunmal so haben, gänzlich abwesend sind. Warum Evi zu Beginn ausreißt, wird abseits einer leeren Erklärung – Wunsch nach Freiheit, pi-pa-po – nie transparent.

Schon am Anfang deutet sich also an, dass hier einiges anders ist. Die versuchte Vergewaltigung, die Evi erleiden muss, ist der erste Akt der sexuellen Aggression, an den ich mich bei Enz erinnern kann. Möglicherweise ein Indiz dafür, dass das Evchen erst noch ihr Märchenschloss finden muss. Dort angekommen, zerfließen dann auch wieder alle Protagonisten in gegenseitiger Liebe, werden noch bei jeder Tätigkeit von der sie verlässlich überkommenden Lust überfallen. Vor allem des Grafen treuer Hausmeister Richard (Franz A. Huber) und die dralle Haushälterin Anna (Christa Abel) können kaum voneinander lassen und die Liebe, die sie offenkundig füreinander empfinden, ist auch deshalb so rührend, weil beide von der Natur nicht gerade begünstigt wurden, anders etwa als Evi und Hubert. Gern hätte man mehr von den beiden gesehen, wie auch vom gutmütigen Grafen und der bald eintreffenden Ramona (Eva Astor), Evis Mama, zwischen denen ebenfalls die Funken sprühen. Stattdessen rührt Enz ein paar müde, nicht weiter erwähnenswerte Zoten an, zeigt die Jagdschüler bei ihren noch nicht einmal halbherzigen Versuchen, den Jagdschein zu machen, und lässt Hubert immer wieder überrascht über entblößte Leiber stolpern, obwohl die schon von Weitem sichtbar sind. Am Schluss kündigt sich ganz kurz das große Drama an, als man dem Grafen den Termin für die Versteigerung überbringt, doch schon in der nächsten Szene ist alles wieder gut, weil Evis Mama die nötige Geldspritze liefert. Evi und Hubert können heiraten, Anna und Richard verloben sich und der Graf schließt seine Ramona in die Arme. Es ist fast so, als könnte Enz die Spannung, den Konflikt, das Ungewisse nicht ertragen. Er strebt mit aller Gewalt zur Harmonie. Das ist eigentlich sehr schön, tröstlich, tatsächlich fast utopisch, wie hier jeder böse Gedanke ganz, ganz weit weg ist, alle sich zärtlich und in Liebe zugetan sind, aber einen aufregenden Film gibt das trotzdem nicht.

Kaum ist der Hochstapler namens „Masken-Ronny“ (Herbert Warnke) aus dem Knast entlassen, zockt er einem armen Homosexuellen vor dem Zeitungskiosk den Koffer. Auf einer öffentlichen Toilette schlüpft er dann in seine Verkleidung als Baron Stetten: graues Toupet auf den Kopf, Schnurrbart im Gesicht, Monokel auf dem Auge, schwarzer Anzug und ein simulierter Altherrenhusten („Öff-öff!“), schon ist er für niemanden mehr zu erkennen. Als nächstes verschlägt es ihn in ein kleines Hotel: Dessen Portier träumt von einer Kneipp-Kur in Bad Steden, hat aber kein Geld, weshalb er hinter seiner Rezeption in einer Wasserschüssel steht. Die Finanzspritze erhofft er sich von seiner Tochter Sonja (Margit Rauthe): Die ist wie Ronny Trickbetrügerin und gibt sich in der Hoffnung, einen reichen Mann an Land zu ziehen, als Mrs. High aus, Gattin eines texanischen Ölmultis. Sie weckt sogleich das Interesse des vermeintlichen Barons, von dem sie sich natürlich wiederum ebenfalls etwas erhofft. Es kommt zu einer erneuten Begegnung der beiden, bei der die nun unverkleidete Sonja vom Baron aber nicht erkannt wird: Das hält ihn nicht davon ab, sie sogleich zu besteigen: „Dann wollen wir mal ran an die Bulette, äh, ich meine den BH.“ Am nächsten Morgen treffen sich beide wieder, Sonja ist nun wieder in Gestalt der Texanerin unterwegs, und die beiden verabreden sich für den Abend zum Dinner in des Barons Luxus-Appartement.

Als nächstes sucht Ronny seinen alten Kumpel Freddy (Peter Thom) auf. Der hat eine Pinte, in deren Hinterzimmer eine Angestellte bedürftige Kunden versorgt. Auch sonst kann Freddy, der eine ausgeprägte Liebe für Knackwürste pflegt, alles besorgen. Ronny bittet ihn, ihm mit einer Wohnung und einem Auto auszuhelfen, dann widmen sich beide dem Würfelspiel mit den Stammgästen, von denen einer „Kupferplatten-Otto“ heißt. Beim Würfeln hagelt es Sprüche wie Bomben auf Dresden: „Und wenn du denkst, du hast das Glück, dann zieht die Sau den Arsch zurück!“, werden gute Ratschläge erteilt und abgewiesen: „Sauf nicht so viel, denk an deine Leber!“ „Was heißt hier Leber, ich sauf schon längst auf der Milz!“, und störende Kundenanfragen beantwortet: „Habt ihr heute Karpfen?“ „Ist gestrichen!“ „In welcher Farbe?“. Man merkt spätestens hier, dass Enz bei diesem Film der Schalk im Nacken saß. Schließlich verschwindet Ronny mit Freddys „Angestellter“ im Hinterzimmer und während die sich eine ganze Pulle Schampus über den Leib gießt, dass es nur so zischt („Komm mein kleiner Ronny, mach Slappi-slappi!“) bringen die Würfler den Tisch mit ihrer Kollektiv-Erektion zum Wackeln wie bei einer Geisterbeschwörung.

Die Gefahr der Dehydratation wird beim LIebesspiel oft unterschätzt.

Die Gefahr der Dehydratation wird beim Liebesspiel oft unterschätzt.

Sonja vergnügt sich in der Zwischenzeit mit einem Scheich, der sie mit seiner Großzügigkeit ködert und mit ihr im Bett landet, denn wie der Volksmund sagt: „Ein guter Rumms zur rechten Zeit schafft Ruhe und Behaglichkeit!“ Der Scheich indes hat gar nicht vor, seine vollmundigen Versprechen zu halten. Zwar gesteht er freimütig: „der Druck ist so stark auf meiner Ölpipeline“, aber eigentlich lautet seine Philosophie eher: „Salem Aleikum, zahlen tue ich, wenn ich wieder mal vorbeikomm.“ Und so ist er dann am nächsten Morgen auch schon wieder verschwunden und Sonja guckt dumm aus der Wäsche. Bleibt nur der Baron, mit dem sie ja noch ein Date hat. Mit dessen Reichtum scheint es zunächst jedoch nicht so weit her, denn statt mit dem Rolls Royce holt er sie mit dem Tandem ab. Nach anfänglicher Enttäuschung taut sie aber auf, befummelt ihn noch während der Fahrt und geht ihm damit gehörig auf den Geist. Merke: „Das Schönste ist es auf der Welt, wenn ein Mädchen stillehält.“

Zu diesem Bild ist mir partout nichts eingefallen.

Zu diesem Bild ist mir partout nichts eingefallen.

Das Luxus-Appartement, das Freddy besorgt hat, entpuppt sich als reichlich karg eingerichtete Wohnung, das Nobel-Dinner als dampfender Topf voll Knackwürste. „Ich glaube, mein Mofa humpelt!“, entfährt es Ronny, aber er macht das Beste aus der schwierigen Situation und preist die Knacker als „Würstchen nach Gutsherrenart“ an. Das Bonmot „It’s nice to be a Preiss, but it’s higher to be a Bayer.“ leitet den erotischen Teil des Abends ein:  „Mrs. High“ saugt die Würstchen geradezu begierig ein, macht dem Baron dabei schöne Augen und lässt sich schließlich von ihm auf dem Esstisch durchbimsen. Die Ernüchterung kommt für Ronny, als Mrs. High unter der Dusche steht. Der abblätternde Putz an der Wand neben ihr lässt sie noch keinen Zweifel an der Identität des Barons hegen. Anders er: Beim Durchsuchen ihrer Handtasche fördert er einen Zettel zutage, der sie als Betrügerin ausweist. Wütend bricht er die Mission ab und verschwindet, ohne Verabschiedung.

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Doch die Welt ist klein und mann trifft sich immer zweimal. So begegnen sich beide in einem Striplokal auf der Reeperbahn erneut: er diesmal in seiner Verkleidung als Alfredo die Monteforte, sie als kühle Blonde. Wie ein Mann von Welt bestellt er sogleich ein Getränk („Asti Spermante!“), und erweist sich danach als Gentleman alter Schule, als er ihr einen besoffenen Bewunderer („Na Süße, wie wär’s mit einem Tänzchen und nachher zeige ich dir mein Schw…, äh mein Kläuschen, mein Mäuschen.“) vom Leib hält, indem er ihm einen Teller Spaghetti ins Gesicht klatscht. Das Eis ist gebrochen. Wieder einmal macht Freddy ihm Auto, Wohnung und drei Töchter klar, die als erstes selbst über Ronny herfallen, nachdem er es endlich geschafft hat, die Haustür zu öffnen: „Verdammt, ich krieg doch sonst jede Öffnung auf? Na klar, Ronny, du Blödmann, da sind ja keine Haare drum!“ Auch die Töchter können mit erstaunlichen Erkenntnissen aufwarten, zum Beispiel, wie sich das Sexualleben sich auf die Intimbehaarung auswirkt: „Wieso hast du eigentlich so wenig Haare da unten?“ „Hast du je auf einem Truppenübungsplatz Gras wachsen sehen?“ Der Zuschauer liegt mit pulverisiertem Zwerchfell zu Boden, also muss schnell das Happy-End her: Die Blondine trifft ein, beide verschwinden unter der Dusche, bei der sie ihre Verkleidungen verlieren und sich nun wiedererkennen. Nach anfänglicher Empörung über den Betrug stellen die beiden fest, dass sie sich lieben. Ende.

Die zahlreichen Lokalitäten, die die Reperbahn säumen, sind für ihr exzellentes Entertainment- und Showprogramm weltberühmt.

Die zahlreichen Lokalitäten, die die Reperbahn säumen, sind für ihr exzellentes Entertainment- und Showprogramm weltberühmt.

Aus der Vorlage von Jürgen Enz‘ bis dahin lustigstem Film hätte Howard Hawks in den Dreißigerjahren vielleicht eine Screwball-Komödie mit Cary Grant udn Katherine Hepburn gemacht. Sein Film wäre wahrscheinlich „wertvoller“ gewesen, aber dafür hätte der Zuschauer auf manchen exzentrischen Einfall verzichten müssen. LASS‘ KNACKEN, SCHÄTZCHEN hätte bei richtiger Vermarktung das Zeug dazu gehabt, die deutsche Wurstindustrie zum Global Player zu machen, der dann im Gegenzug auch die Welt der Erotik erobert hätte. Wer weiß, was uns da erspart blieb? Mit Enz‘ bisherigem Werk Vertraute vermissen an LASS‘ KNACKEN, SCHÄTZCHEN vielleicht die melancholisch-depressiven Untertöne, doch dafür ist dem Humanisten des deutschen Sex-Schwanks ein zauberhafter Film über die Verwirrung verliebter Herzen gelungen. Erst nach mehrere Inkarnationen erkennen Ronny und Sonja endlich, dass sie keine Masken zu tragen brauchen, um zum Glück zu gelangen. Schön.

Bildnis eines Eis.

Bildnis eines Eis.

Das Frühstück ist die wichtigste Mahlzeit des Tages.

Das Frühstück ist die wichtigste Mahlzeit des Tages.

Die Gescichte der Wurstzubereitung ist eine Geschichte voller Missverständnisse.

Die Geschichte der Wurstzubereitung ist eine Geschichte voller Missverständnisse.

Kleine Bissen, gut kauen.

Kleine Bissen, gut kauen.

Diese Dame demonstriert die Technik namens "Zuzzeln".

Diese Dame demonstriert die Technik namens „Zuzzeln“.

Fortgeschrittene zuzzeln Würstchen von beiden Seiten.

Fortgeschrittene zuzzeln Würstchen von beiden Seiten.

Das Essen von Spaghetti erfordert einige Übung.

Das Essen von Spaghetti erfordert einige Übung.

Das wärmste Jäckchen ist das Cognäcchen.

Das wärmste Jäckchen ist das Cognäcchen.

Frau Clemens (Helen Thomas) ist Mathematiklehrerin und konfrontiert ihre Schüler mit hartem Stoff, der wohl auch Universitätsstudenten den Kopf rauchen ließe:

„In diesem Paragrafen zeigen wir, wie sich in projektiven Ebenen das Axiom von Desargues aus dem Axiom von Pappus herleiten lässt. Wir beweisen, dass eine projektive Ebene, in der eine dem Axiom von Pappus entsprechende Aussage für nur ein Paar von Geraden vorausgesetzt wird. [Bei diesem Satz ist nicht einmal der Lehrerin aufgefallen, dass er unvollständig ist.] Zuerst beweisen wir einige Aussagen über Automorphismen projektiver Ebenen. Aus 6.7 ergibt sich, dass jede nichtidentische zentrale Kollineation K genau eine Gerade G besitzt, deren Punkte sämtliche Fixpunkte sind. G heißt die Achse von K und wird auch mit ZK bezeichnet. Aus 6.8 folgt umgekehrt, dass jeder nichtidentische Automorphismus K, der sämtliche Punkte einer Geraden festlässt, eine zentrale Kollineation ist.“ Usw., usf.

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Dressed to Kill.

Man weiß nicht genau, ob es eine Motivationsstrategie oder eine zusätzliche Herausforderung ihrerseits darstellen soll, dass sie ihren männlichen Schülern tiefe Einblicke zwischen ihre reifen Schenkel offenbart, während sie ihnen diesen trockenen Stoff einprügelt. Ihre didaktisch überaus streitbare Methode zeitigt jedenfalls umgehende Ergebnisse, die aber nur wenig mit Mathematik zu tun haben: Der brave Uwe (Rolf Kochenhofer), immer noch Jungfrau, schleicht des Abends um ihr Haus, um einen Blick auf sie zu erhaschen, und bringt die dralle Lehrerin damit in schwere innere Konflikte, die sie als Stream-of-Consicousness auf den Zuschauer herniedergehen lässt wie eine Zuchtgerte.

„Aber das ist ja Uwe! Mein Schüler Uwe! Dieser hübsche Bengel begibt sich in Gefahr, nur um mich nackt zu sehen. Aber was soll ich tun? Ich kann mich doch nicht einfach ausziehen. Ich bin seine Lehrerin. Auch wenn ich ihn nett finde. Oder bin ich schuld, dass er hier ist? Dass es so weit gekommen ist? Was mache ich denn während des Unterrichts? Die Jungs denken, es sei alles nur aus Versehen. Ich berühre ihre Körper mit meinem Busen. Ich lasse sie zwischen meine Beine sehen, obwohl ich es nicht will. Und trotzdem ist da etwas, das mich dazu treibt. Es macht mir sogar Spaß. Und wenn sie ihre Bleistifte fallen lassen, dann muss ich noch so sitzen bleiben, obwohl ich aufspringen möchte. Dabei weiß ich genau, was in ihren Köpfen vorgeht, wenn ich den Rest der Stunde noch vor ihnen stehe und unterrichte. Also muss ich mich nicht wundern, wenn Uwe hier ist.

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Uwe allein zu Haus.

Während der zögerliche Uwe den ganzen Film über mit verschiedenen Frauen um den Verlust der Jungfäulichkeit ringt – seine mitfühlende Schwester besorgt ihm sogar ein Mädchen, das ihm jeden Wunsch erfüllt – und also auch die keimenden Gelüste der Lehrerin nicht ganz befriedigen kann, ist der fiese Wolf (Günther Bayer) von ganz anderem Kaliber. Er fotografiert seine Lehrerin beim Petting mit Uwe und erpresst sie so zu diversen Schweinereien. Anfangs noch entsetzt, findet sie bald Gefallen daran, Hemmungen fallen zu lassen und Tabus zu brechen. Und in Wolf hat sie offensichtlich einen Gleichgesinnten gefunden.

Weil sie über ihre „Ja, aber“-Argumentation nicht hinauskommt, ist es Uwe, der für sie nach einigen sexuellen Abenteuern, die immer riskanter werden, eine Entscheidung trifft und die Nymphomanin zu einem Umdenken zwingt. Er spielt dem Direktor die Fotos zu, die er Wolf abgenommen hat. Frau Clemens wird während des Unterrichts in dessen Büro gerufen. Langsam schreitet sie den Flur entlang und betritt sein Zimmer. Die Tür fällt hinter ihr zu und zum ersten Mal ist der Zuschauer ausgeschlossen. Ende.

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„I love lamp.“

Wie alle Enz-Filme der späten Siebzigerjahre verfügt auch dieser über ein kammerspielartiges Flair. Es gibt nur eine handvoll von handelnden Personen, die dem Zuschauer weitestgehend fremd bleiben, auch wenn sie dann und wann erstaunliche Dinge von sich offenbaren. So berichtet Wolf, wie er als Jugendlicher von älteren Frauen als Lustknabe benutzt wurde und darüber zum sprichwörtlichen „Wolf“ wurde. Mit der Lehrerin teilt er nicht nur den unstillbaren Sexhunger, sondern auch die große Müdigkeit, die beide nach dem Orgasmus befällt. Sie sind Gefangene ihrer eigenen Bedürfnisse, aber unfähig, sich wirklich zu öffnen. Demgegnüber kann Uwe dem sportlichen Gerödel nur wenig abgewinnen. Richtige Lust empfindet er mit seiner Freundin (Regula Mertens), doch die beiden werden regelmäßig gestört, bevor es zum „Vollzug“ kommen kann.

Sex ist in HEISSE TRÄUME AUF DER SCHULBANK etwas, das großzügig, aber letztlich aus rein egoistischen Motiven verschenkt wird und mit keinerlei Emotion verbunden ist. Es findet keine Verbindung zwischen den Parteien statt, schon gar keine spirituelle. Auch die Darstellung der diversen Fummeleien und Akte entbehrt jeder Subtilität: Aggressiv wird dem Gegenüber die Zunge reingeschoben, die Titten durchgewalkt wie Sauerteig, die Nippel berarbeitet wie die Knöpfe am Flipperautomaten. Der Titel suggeriert auf den ersten Blick Erotik und Leidenschaft, nach dem Film ist klar: Das „Traumhafte“ an diesem Sex ist, dass man ihn ganz allein mit sich ausmacht, ohne einen Gedanken an den Anderen verschwenden zu müssen. Deprimierend.

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Harte Zeiten: „Findest du nicht, dass ein einfaches Eis auch gereicht hätte? So ein Eisbecher ist doch wahnsinnig teuer.“

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Wolf in the Throne Room.

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Gelsenkirchener Barock 1.

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„Wolf, das Radio steht da hinten!“

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Heiz- und Lehrkörper.

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Gelsenkirchener Barock 2.

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Gelsenkirchener Barock 3.

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Let’s talk about sex.

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Candlelight Dinner im Bahnhofsviertel.

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Die ganz feine Gesellschaft.

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Servicewüste Deutschland.

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Le grand finale.

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Alles hat ein Ende nur ein Enz hat zwei.

Zunächst hatte ich ein wenig die Befürchtung, dies könnte vielleicht der Enz-Film werden, bei dem sich der Zauber als verflogen herausstellt. GEHEIME LÜSTE BLUTJUNGER MÄDCHEN beginnt als überaus alberne Komödie, in die als Hauptfiguren der berlinernde, extrem kurzsichtige Butler Pepi (Peter Thom), das Schwyzerdeutsch sprechende Hausmädchen Mitzi (Angelina Brassini), ihr Arbeitgeber, Graf von Rammelburg (Anderl Bäuerl), und eine fünfköpfige Ahnengalerie involviert sind. Pepi hat es auf Mitz abgesehen, reibt sich aber stattdessen an einem Baum, weil ihm die Brille abhanden gekommen ist („Warum ist deine Haut so rau?“). Mitzi ist scharf auf den Grafen, der aber dem Sex gänzlich abgeschworen zu haben scheint. Die Ahnen kommentieren das Treiben auf sarkastische Weise von ihren Bildern herab und der Graf sammelt bei der Einkaufstour mit dem Fahrrad Verehrerinnen an jeder Straßenecke: die Postbotin, die Kioskbesitzerin und das Mädchen von der Bäckerei, das ihm immer die dicksten Semmeln einpackt. Doch seine Unlust stellt sich bald als perfider Trick heraus. Zu Hause schlüpft er in die Gewänder seiner Ahnen und verschiedene Rollen, um gleich mehrere Frauen beglücken zu können. Das führt auf dem Höhepunkt des Films zu der Mammutaufgabe, drei Frauen in jeweils unterschiedlicher Verkleidung und schnellem Wechsel zu beglücken: Da kann einem schon mal heiß werden.

GEHEIME LÜSTE BLUTJUNGER MÄDCHEN bildete den adäquaten Abschluss eines grandiosen Kongresses: Auf die Enz eigene Art peitschte er uns noch um 5 Uhr morgens zu größtmöglicher Hysterie. Neben dem herrlich depperten Dialekthumor sind es immer wieder die kleinen Requisitendetails im Bildhintergrund und bizarre Regieeinfälle, die einen aus der Bahn werfen. Von dem oben erwähnten Riesenbrötchen, das ein wenig wie ein Unfall aussieht, schneidet Enz geradewegs auf einen Hintern. Am Kiosk, vor dem die Kioskbesitzerin den Rammelburger anhimmelt, hängt eine Ausgabe der Welt am Sonntag, die von 8 Bomben in 6 deutschen Städten kündet und das absurde Sextheater sehr unsanft in der Realität verortet. Die Metzgerei preist ihren Kunden per Werbeschild gebackenen Schweinebauch und – wer hätte das gedacht – gebratene Bratwurst an. Und die Eingangshalle von Schloss Rammelburg zieren ein ausgestopfter Fasan und ein Schirmständer mit einer ganzen Legion von Regenschirmen. Man könnte annehmen, der Graf fürchte sich vor Regen, wenn man diese stattliche Sammlung sieht. Natürlich dürfen auch die lieblos an der Wand herunterhängenden Kabel sowie der obligatorische Lichtschalter nicht fehlen.

Am schönsten sind aber jene Momente, in denen der Film buchstäblich stehen bleibt und sich die Zeit nimmt, seine Figuren auf dem ereignislosen Weg vom Fahrrad zur Wohnungstür zu begleiten. Dann wirkt GEHEIME LÜSTE BLUTJUNGER MÄDCHEN plötzlich wie ein seltsamer Fiebertraum oder ein Fantasyfilm, verortet in einer Welt, in der die Dinge zwar nur geringfügig, aber doch unverkennbar anders sind als bei uns. Aber das ist er ja sowieso: Man kann sich die anderen Menschen, die diese Welt möglicherweise bevölkern, kaum vorstellen: Benehmen sie sich genauso erratisch wie Rammelburg und Pepi? Oder sind sie gar ganz normal? Was denken sie wohl über diese Hauptfiguren? Und was veranlasst die Frauen, sich so in den sehr drögen Grafen zu verlieben? Die Antworten bleibt Enz uns gewissermaßen schuldig, aber tatsächlich sind ihm die Fragen gar nicht in den Sinn gekommen. Enz zimmert einmal mehr eine Welt in der Nussschale (sodass noch nicht einmal die Zeitungsschlagzeile wirklich ins Gewicht fallen kann), in der sich der Enzianer sofort wohlfühlt. Es ist ein bisschen eng, die Einrichtung entspricht nicht ganz dem Standard und man muss auf den gewohnten Komfort verzichten, dafür ist es aber urgemütlich. Abgeschirmt von den neugierigen Blicken der Allesbesserwisser kann man sich hier mit Kirschlikör in Stimmung bringen und dann geiler Graf spielen. So wie wir das vier Tage lang in einem kleinen Nürnberger Kinosaal gemacht haben.

Das Problem, vor das mich dieser Enz-Film stellt: Meine bisherige Interpretation seines Werks ist danach nur noch bedingt haltbar. AUS DEM TAGEBUCH EINER 17JÄHRIGEN ist eindeutig in unserer Welt – genauer gesagt im Hamburg der späten Siebzigerjahre – angesiedelt, inszeniert von einem Mann, der in dieser unserer Welt zu Hause ist, die Sorgen, Ängste, Wünsche und Träume seiner Protagonisten teilt oder zumindest kennt und versteht. Man hat nicht mehr den Eindruck, ein Außerirdischer habe das Treiben auf der Erde durch ein Teleskop betrachtet und versucht, sich einen Reim auf das sich ihm darbietende Schauspiel zu machen. Das Gefühl der Fremdartigkeit, das Enz mit seiner Art erzeugte, selbst banalste Vorgänge wie sehr spezielle Handlungen von größter Tragweite darzustellen, ist wie weggeblasen. Statt das Altbekannte wie etwas Fremdes, Neues zu betrachten, akzentuiert Enz in diesem Film die Alltäglichkeit des Alltäglichen. Man fühlt sich zu Hause in seinem Film. Und zum ersten Mal kann man sich die Figuren, die ihn bevölkern, auch abseits des von ihm geschaffenen Filmraums vorstellen: Sie erschöpfen sich nicht in ihrer erzählerischen Funktion, der Film stellt nur einen Ausschnitt ihres gelebten Lebens dar. Dann aber fügt sich AUS DEM TAGEBUCH EINER 17JÄHRIGEN (im Film selbst wird der Titel als YOUNG LOVE, HOT LOVE – TAGEBUCH EINER 17JÄHRIGEN angegeben) auch wieder sehr gut ein in Enz‘ bisheriges Oeuvre (sofern es mir schon bekannt ist): Sex ist ebenso aufregend wie ernüchternd, das ganze menschliche Dasein von einer graubraunen Tristesse, die aber niemandem wirklich auffallen will, die Räume, in denen Grenzen und Möglichkeiten der körperlichen Entfaltung erprobt werden, beengend und hässlich, die Liebe, der man nachjagt, eine erstrebenswerte Utopie, deren Erfüllung weniger entscheidend ist als die Tatsache, sie immer im Auge zu behalten. Am Ende hat die 17-jährige Elke zwar ihre erste große Liebe verloren, aber sie erkennt diesen Verlust als Bestandteil eines Lebens an, das notwendigerweise aus Höhe- und Tiefpunkten besteht. Mehr noch: Gerade in diesem Wechsel, in der Gewissheit, dass auf die Trauer unweigerlich die umso größere Freude folgt, zeigt sich die ganze Schönheit der Existenz. „Ich lebe!“ ruft sie zum Abschluss, der Überschwang nur von leisem Zweifel durchzogen, und der Film zeigt plötzlich nicht mehr nur die Gefühlswallungen einer Heranwachsenden, sondern er feiert das ganze Spektrum der Möglichkeiten, die sich im Leben bieten, als Wert an sich.

AUS DEM TAGEBUCH EINER 17JÄHRIGEN erzählt in sportlichen 72 Minuten (eine Hardcore-Fassung dürfte entsprechend länger gewesen sein) vom sexuellen Erwachen Elkes und deckt dabei immerhin zwei Jahre ihres Lebens ab, beginnend mit dem Tag, an dem sie zum ersten Mal masturbiert, bis zur Trennung von ihrer „ersten großen Liebe“ im Alter von 17. Der Moment des Abschieds markiert die Klammer des Films: Es ist der Moment, in dem Elke – deren durchgehender Voice-over-Kommentar identisch ist mit ihren Tagebucheinträgen – sich über das Wesen des Lebens und ihrer eigenen Identität gewahr wird, in dem sie aufhört „Kind“ zu sein. Sie ist am Ende einer Reise angekommen, die sie noch einmal Revue passieren lässt, und steht kurz vor Beginn einer neuen. Es ist eine gängige narrative Klammer, die Enz hier setzt: AUS DEM TAGEBUCH EINER 17JÄHRIGEN ist prototypisches Coming-of-Age-Kino in der pornografischen Variante. Was eine entscheidende Differenzierung ist, denn die Erfordernisses des Pornofilms wirken sich sehr deutlich auf die Narration seines Filmes aus. In kurzen Abständen folgen die Sexszenen, die nur wenig glamourös und schon gar nicht romantisch, dafür aber auf eine erschreckend realistische Art und Weise enttäuschend sind – vor allem in der „soften“ Version, die Protagonisten wie Zuschauern erigierte Schwänze, feuchte Muschis und natürlich auch Cumshots erspart. Da geraten nur auf den ersten Blick harmlose Alibi-Parties zu obszönen Leck-, Fummel- und Bumsorgien inklusive Gruppenzwang, wird der Anblick der auf grünem Sofa vor laufendem Fernseher sich abrackernden Eltern zur Masturbationsvorlage genommen, der klapprige Freund Lothar im Treppenhaus abgewichst und die Jungfräulichkeit auf dem in Ehren ergrauten Perserteppich verloren. Die Jugend verläuft völlig monothematisch und autistisch, wenn nicht selbst Hand angelegt, gevögelt oder der entsprechende Wunsch eines anderen abgelehnt wird, wird übers Masturbieren und Vögeln nachgedacht. Zwei Jahre vergehen wie im Flug, ebenso erlebnisreich wie ereignisarm. Das Streben nach körperlich-spiritueller Transzendenz wird durch diese zwanghafte Konzentration, die Enge des Enz’schen Filmraumes und die trostlosen Settings fulminant unterwandert: Hier verspürt man die Gemeinsamkeit zu seinem Frühwerk mit den geradezu besinnunglos der nächsten Muschi hinterherhechelnden Bayern. Mit dem Unterschied, dass Elke fähig zur Reflexion ist. Dass die hier gezeigte pubertäre Tristesse nur ein vorübergehender Zustand ist, suggeriert Enz mit seinem schon fast triumphalen Schlussmonolog, aber eben auch mit den Andeutungen auf das Leben außerhalb seines Films. Einmal erwähnt Elke einen langen Krankenhausaufenthalt, der im Film überhaupt nicht behandelt wird, erkundigt sich ein Freund nach ihrem Befinden. Das ist ein seltsamer Moment, weil er die thematische Eindimensionalität des Films aufbricht, erahnen lässt, dass es noch größere Sorgen als das Liebesleben gibt, in der Auslassung aber eben auch Elkes streng nach ihren Bedürfnissen ausgerichtete Wahrnehmung repräsentiert: Die Gesundheit – und in letzter Konsequenz das Sterben – spielen für sie noch eine untergeordnete Rolle, vorerst sind andere Dinge wichtig, die dem Betrachter gering scheinen, Elke aber alles sind.

Ich hatte schon zu den bisherigen Filmen von Enz – WO DER WILDBACH DURCH DAS HÖSCHEN RAUSCHT, GAUDI IN DER LEDERHOSE, NACKT UND KESS AM KÖNIGSSEE, DIE LIEBESVÖGEL und DAS LIEBESTOLLE INTERNAT – geschrieben, dass sie von meinem Blickwinkel aus betrachtet Sex-Utopien zeichnen, auch wenn sie vordergründig bizarr, schmuddelig und trist anmuten. Ich sehe darin keinen Widerspruch, im Gegenteil: Sex ist gerade deshalb so wichtig, weil er uns die Umstände, unter denen wir unser Leben fristen, erträglich macht. AUS DEM TAGEBUCH EINER 17JÄHRIGEN tut das auch: Für die graue Hässlichkeit ihrer Heimatstadt, die grotesken Wandtapeten in allen erdenklichen Braun- und Grüntönen und das scheußliche Kunsthandwerk im Wohnzimmer der Eltern hat sie keinen Blick, weil sie an nichts anderes als das sehnsuchtsvolle Glühen zwischen ihren Schenkeln denken kann. Es ist so mächtig, dass selbst der langweilige 38-jährige Pfeifenraucher Holger ihr als strahlender Prinz auf weißem Ross erscheint. Aber während die weiter oben genannten Titel wie karikaturesk überhöhte Allegorien wirkten (mit Ausnahme vielleicht von DIE LIEBESVÖGEL), da fühlt man bei diesem echte Verwandtschaft. Das selbstvergessene Gefasel Elkes mag für erwachsene Ohren fürchterlich dumm klingen, aber es scheint mir den Kern pubertären Denkens sehr genau zu treffen. Ebenso diese sportliche Haltung zum Sex, die ihre Freunde bei den gemeinsamen Parties zeigen. Wer da „Nein“ sagt, ist schlicht ein Spielverderber. Ich hätte es noch vor kurzem nicht für möglich gehalten, aber AUS DEM TAGEBUCH EINER 17JÄHRIGEN scheint mir ein durchaus frauenverständiger Film: Die Jungs sind gleichermaßen hilflos wie aggressiv-dominant – es ist kein Wunder, dass Elke auf den reifen Holger anspringt. Und wie unglaublich poetisch sind diese wiederholten Zufallsbegegnungen zwischen ihr und dem Blinden, der sie als die Enz’sche Variante Shakespeare’scher Clownfiguren durch den Film begleitet? Das ist wahre Romantik: Noch im totalen Nichts das Schöne und die Hoffnung zu finden. Enz, Architekt der Träume. Was für ein Film.

Worüber man nicht reden kann, darüber muss man schweigen.

Worüber man nicht reden kann, darüber muss man schweigen.

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Mit der Palme hatten sich Elkes Eltern einen Hauch Südsee-Atmosphäre in die Mietswohnung holen wollen.

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Deutsches Frühstück. Man beachte die Fußballschlagzeile, in der das heute von den Titelseiten völlig verbannte Präteritum zum Einsatz kommt.

Nichts schreit so sehr "Date" wie Bilder alter Völkerschlachten, Norwegerpullis und nicht abgelegte Mäntel.

Nichts schreit so sehr „Date“ wie preußische Reiterbilder, Norwegerpullis und nicht abgelegte Mäntel.

Deutscher Fernsehabend mit "Einer wird gewinnen".

Deutscher Fernsehabend mit „Einer wird gewinnen“.

The Incredible Holger.

The Incredible Holger vor incredible Tapete.

Ihre Sammlung antiker Zinnteller und naiver Porträts historischer Prostituierter war Elkes Mutter ganzer Stolz.

Ihre Sammlung antiker Zinnteller und Ölgemälde berühmter Hollywood-Stars war Elkes Mutter ganzer Stolz, der Blumenstrauß daneben ein Geschenk des Gatten zum 20. Hochzeitstag.

Rendezvous oder Seance?

Rendezvous oder Seance?

An den Landungsbrücken raus.

An den Landungsbrücken raus.

Auf dem Schafsfell entjungfert.

Vorsicht auf der A2 von Hannover in Richtung Dortmund. Zwischen Oelde und Beckum befinden sich Plastikteile auf der Fahrbahn.