Mit ‘Jürgen Goslar’ getaggte Beiträge

Die letzten KOMMISSAR-Sitzungen liegen lang, nämlich fast drei Jahre, zurück: Ein langes, kinderloses Wochenende schien mir der ideale Zeitpunkt, die Sichtung fortzuführen und erneut einzutauchen in die von Reinecker protokollierte, mit Zigarettenrauch und Bierduft durchwaberte Welt des Bürgertums. Mehr noch als DERRICK ist DER KOMMISSAR comfort food, perfekt für die bevorstehende Zeit um Feiertage und Jahreswechsel, wenn der geschäftige Trubel Platz macht für Vorfreude und Entspannung. Im Gegensatz zum kalten Stephan Derrick vermittelt Kommissar Keller (Erik Ode) diese altväterliche, kompromisslose, aber im Kern wohlmeinende Strenge – wie der Weihnachtsmann, der am Ende des Jahres mit prüfendem Blick in sein schlaues Buch die ungezogene Spreu vom artigen Weizen trennt. Mir fiel diesmal auf, dass DER KOMMISSAR manchmal fast wie eine Familienserie rüberkommt: Im Zentrum also der strenge Papa, der seine „Jungs“ (er nennt sie mehrfach wirklich so) Grabert, Heimes und Klein an der langen Leine laufen lässt, um sie aufs Leben vorzubereiten, am Rande das treue „Rehbeinchen“, das dazu Stullen und Bier serviert und manchmal auch einen guten Tipp hat. Die Serie ist wunderbar, gemütlich wie ein alter, vertraut müffelnder Sessel, toll auch, um dabei sanft wegzudösen – und immer wieder für Überraschungen, Begeisterung, Gelächter und offene Münder gut.

 

Episode 056: Tod eines Hippiemädchens (Theodor Grädler, Deutschland 1973)

Der Kollateralschaden der langen Pause: Diese Episode habe ich damals noch gesehen, aber dann vergessen, einen Text darüber zu schreiben.

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Episode 057: Das Komplott (Wolfgang Staudte, Deutschland 1973)

Der Büroangestellte Andreas Steintaler (Udo Vioff) ist nach Dienstschluss noch im Büro, als ihn sein Chef per Telefon zu sich bestellt. Steintaler findet Sekunden später nur noch die Leiche und einen leeren Tresor vor und verständigt die Mordkommission. Die nimmt ihm seine Geschichte aber nicht ab: Wie soll der Täter in der knappen Minute, die der Angestellte von seinem Arbeitsplatz ins Büro des Chefs brauchte, einen Mann erschossen, einen Tresor geleert, alle Spuren verwischt haben und dann auch noch unbemerkt entkommen sein? Als das vermisste Geld kurz darauf an Steintalers Arbeitsplatz gefunden wird, scheint er als Mörder überführt. Dennoch hält er an seiner Geschichte fest. Es scheint, als wolle jemand ihm den Mord in die Schuhe schieben.

Der Kriminalfall ist trickreich gescripteter Standard mit einer allerdings superabsurden Auflösung, die ich hier nicht verraten möchte, bei der aber der immer tolle Charles Regnier überaus passend zum Einsatz kommt. Reineckers Hauptaugenmerk liegt wieder einmal auf dem verlogenen großbürgerlichen Ringelpiez um den eigentlichen Mordfall und er fährt eine beachtliche Schar an suspekten Gestalten auf: Die mondäne Gattin des Toten (Ursula Schult) hat ein Verhältnis mit Steintaler und kann sich nicht im Geringsten dazu durchringen, die trauernde Witwe zu spielen. Dasselbe gilt für ihre beiden Töchter (Ingrid Steeger & Barbara Stanek). Ihr zur Seite steht der hypernervöse Dettmann (Leopold Rudolf), seit Jahrzehnten ein treuer Diener des Toten, dessen anfängliche Fassung immer mehr zum Teufel geht, bevor er in einer eindrucksvollen Szene vor seiner Familie komplett die Nerven verliert. Als sein arroganter, selbstverliebter und aufreizend ungerührter Sohn gibt Wolf Roth eine frühe Kostprobe jenes Typus, den er später noch einige Mal bei DERRICK perfektionieren sollte. Leicht über dem Durchschnitt angesiedelt, ist „Das Komplott“ eine gute Folge zum Wiedereinstieg.

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Episode 58: Schwarzes Dreieck (Theodor Grädler, Deutschland 1973)

In der Abwesenheit seiner Gattin Helga (Käthe Gold) verunglückt der Ehemann in der Badewanne, als ein elektrischer Rasierapparat ins Wasser fällt. Der vermeintliche Unfall wird zum Mord, als Untersuchungen ergeben, dass sich der Mann immer nur nass rasierte. Aber wer brachte den Mann um und verschwand dann unbemerkt aus der abgeschlossenen Wohnung? Neben der Gattin, die von ihren beiden Söhnen (Karl Walter Diese & Peter Fricke) bedrängt wird, die Anteile am Geschäft des Vaters an sie zu übertragen, gerät die rätselhafte Frau Böhle (Angelika Salloker) in Verdacht: Auch ihr Mann starb vor Jahren bei einem höchst sonderbaren Unfall.

Die Grundkonstellation erinnert ein klein wenig an Hitchcocks STRANGERS ON A TRAIN, aber interessanter sind Reineckers Betrachtung von Ehe und Alter im Hinblick auf die älteren Frauen, die im Mittelpunkt der Geschichte stehen. Die drei Damen, um die es geht, werden von ihren Gatten als bessere Hausbedienstete betrachtet und jeder liebevollen Zuwendung beraubt. Mehr noch: Auch Helgas Söhne interessieren sich nur so lange für ihre Mama, wie sie etwas von ihr haben wollen. Kaum hat sie ihre Unterschrift unter dem Vertrag hinterlassen, machen sie sich wieder aus dem Staub, haben noch nicht einmal die Zeit, ihren Kaffee zu trinken und ihr Stück Kuchen zu essen. „Die Ehe ist ein Kampf, den die Frauen verlieren“, sagt Frau Böhle gegenüber Kommissar Keller: eine Überzeugung, die sie dazu geführt hat, einen teuflischen Mordplan auszuhecken. DER KOMMISSAR (und später DERRICK) zeichnet sich nicht unbedingt durch ein besonderes Verständnis für Frauen aus: Reinecker weist ihnen meist eine feste, wenig flexible Rolle zu und verurteilt sie, wenn sie aus dieser ausbrechen. Für ältere Damen macht er aber eine Ausnahme, zumindest ist das der Schluss, zu dem man nach Betrachtung dieser traurigen Episode kommt. Das Schicksal von Helga bewegt, auch weil Käthe Gold eine sehr anrührende Darbietung gibt. Der Anblick der Rentnerinnen, deren größte Freizeitvergnügung es ist, Tauben im Park zu füttern, ist der Gipfel der Tristesse.

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Episode 59: Der Tod von Karin W. (Theodor Grädler, Deutschland 1973)

Die junge Karin Winter (Simone Rethel) wird in einer Kneipe niedergeschossen, nachdem sie noch versucht hat, ihre Mutter (Ida Krottendorf) anzurufen. Die Ermittlungen ergeben, dass Karin in einem Erziehungsheim war und mehrfach durch kleinere Vergehen aufgefallen ist. Die familiären Verhältnisse sind kompliziert: Die alleinstehende Mutter brachte regelmäßig Männerbekanntschaften nach Hause, unter anderem ihren Nachbarn Otto Pajak (Harald Leipnitz), was ihr bei dessen Schwester (Maria Schell) den Ruf der Schlampe einbrachte. Aber Pajak hatte nicht nur Interesse an der Mutter.

Die Folge bestätigt, was ich oben über Reineckers Frauenbild schrieb, denn dass Karins Mutter aktiv Ausschau nach Männern hielt und diese mitunter auch nach Hause brachte, wird ihr ausschließlich negativ ausgelegt. Gut, man mag darüber streiten, inwiefern die Tatsache, dass ihr Schlafzimmer direkt neben dem der Tochter liegt, nicht etwas mehr Zurückhaltung ihrerseits erfordert hätte, aber diese Einschränkung nimmt Reineckers Drehbuch eigentlich nicht vor. Es sind der „Egoismus“ und die Freizügigkeit der Mutter, die die Tochter zur Ladendiebin, Heiminsassin und schließlich zum Mordopfer machten. Pajaks Missbrauch einer Minderjährigen ist demgegenüber ein Kavaliersdelikt: Schließlich fungierte die Mama als Kupplerin. Diese Ausrichtung ist aus heutiger Sicht natürlich extrem streitbar, aber das macht diese und viele andere Episoden der Serie  ja auch so faszinierend. Es ist ein Stück deutscher Mentalitätsgeschichte, derer man da ansichtig wird. Und es ist beileibe keine schöne Geschichte. Harald Leipnitz, sonst meist als kerniger, schlagkräftiger Machotyp besetzt, gibt hier einen der typischen Reinecker-Waschlappen, einen Mann ohne Mumm in den Knochen, der voll unter der Fuchtel sowohl seiner herrischen Schwester als auch seiner Geliebten steht. Diese Charakterisierung ist natürlich zweischneidig: Man spürt Reineckers Verachtung für diese mummlosen Männer (in der man ebenfalls ein sehr traditionelles Männerbild erkennt), gleichzeitig entlässt er sie so auch ein Stück weit aus ihrer Verantwortung.

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Episode 60: Die Nacht, in der Basseck starb (Wolfgang Staudte, Deutschland 1973)

Der Nachtclubbesitzer Basseck (Jürgen Goslar) wird in seiner Wohnung von einem Unbekannten erwartet und erschossen. Keller und sein Team erfahren, dass der Mann regelmäßig junge Mädchen aus seinem Laden als Geliebte rekrutierte und dann wieder auf die Straße setzte, wenn er die Lust an ihnen verlor. Die letzte, die es getroffen hat, ist die schöne Dana (Evelyn Opela). Und dann ist da auch noch Günter Wagner (Jochen Bißmeier), ihr letzter Kunde und der Bruder eine von Bassecks Verflossenen.

Ich fand diese Episode nur mittelmäßig interessant: Sie verschenkt Horst Tappert (als Bassecks Geschäftspartner) und dessen Talent zum Schurkentum in einer völlig unterentwickelten Rolle und nervt zudem mit endlosen Musikeinspielungen der Les Humphries Singers, die als Attraktion des Nachtclubs eine Nummer nach der anderen zum Besten geben und dabei die Tanzfläche ganz allein für sich in Anspruch nehmen. Jürgen Drews, damals ein Mitglied der Combo, tanzt so am Rande mit und wirkt, als sei ihm das alles furchtbar unangenehm. Das zeugt von mehr Geschmack und Stil, als ich ihm zugetraut hätte, aber auch von einer fragwürdigen Arbeitsmoral. Diese breiten Musikeinlagen (neben dem penetranten Ohrwurm „Mamama-mamamalu!“ gibt es auch ein Liedchen über Mexiko, bei dem der Sänger natürlich einen Sombrero tragen muss) sind schon faszinierend – mit welch elender Scheißmusik man damals zu Ruhm und Geld kommen konnte -, aber verfehlen das Ziel, hier ein bisschen Glamour reinzubringen. Viel besser gelingt das der betörenden Evelyn Opela, deren tschechischer Akzent („Ich habe ein Dacksi gerufen.“) in Verbindung mit der markanten Mund- und Kieferpartie sowie dunkeln Augen und Haaren mehr Mystik in die Episode bringen, als alle Scriptwindungen Reineckers.

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Episode 61: Der Geigenspieler (Theodor Grädler, Deutschland 1973)

Der Geigenspieler Triberg (Günther Stoll) erhält eine Warnung, nach seinem Konzert auf gar keinen Fall wie gewohnt mit dem Zug nach Hause zu fahren. Er nimmt die Warnung zur Kenntnis, steigt dann aber doch in den Zug – und wird durch das Fenster erschossen. Seine Ehefrau Irene (Sonja Ziemann) kann am Bahnhof nur noch die Leiche in Empfang nehmen. Wie sich herausstellt, hatte sie ein Verhältnis mit dem mittellosen Maler Kolding (Heinz Bennent). Und der verfügt kurz nach dem Mord plötzlich über eine große Menge Geld, die ihm vom Irene Triberg überreicht wurde.

Ein weiterer Eintrag in Reineckers bis tief in die Neunzigerjahre reichende Abrechnung mit bürgerlichem Ehe-Ennui: Hier geht die Ernüchterung sogar so weit, dass der Ehemann die eigene Ermordung geradezu als Erlösung hinnimmt. Insgesamt ist „Der Geigenspieler“ nur Durchschnitt, was immerhin „gute Unterhaltung“ bedeutet, die zudem durch die Leistungen von Sonja Ziemann, dem immer großartigen Heinz Bennent, Elisabeth Flickenschildt und Erik Schumann in einer ungewohnten Rolle als gammliger Schmierlappen aufgewertet wird.

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Episode 62: Ein Funken in der Kälte (Wolfgang Staudte, Deutschland 1973) 

Die alternde Prostituierte Heide Hansen (Mady Rahl) wird ermordet und aus dem fahrenden Auto geworfen. Sie ging für den fiesen Zuhälter Schönau (Hans Brenner) auf den Strich und unterhielt zudem eine zärtliche Beziehung zu dem Säufer Alfons Schichta (Klaus Behrendt), vor dessen Kellerwohnung sie immer auf Freier wartete. Warum musste sie sterben?

Traurige Dramen im Milieu: Auch darauf verstand sich Reinecker, der hier eine besonders trostlose Geschichte erdachte. Alte Nutten, die keiner mehr haben will und die sich mit einer Erkältung im Kellerloch eines Alkoholikers aufwärmen, der jede Selbstachtung verloren hat, und ein Loddel, der Minderjährige als sein neuestes Geschäftsmodell entdeckt hat: Das sind die Zutaten dieser Episode, die es bundesdeutschen Fernsehzuschauern anno 1973 erlaubte, sich davon zu vergewissern, wie gut sie es selbst hatten, und sich nebenbei von Reineckers Elendstourismus einen wohligen Schauer über den Rücken jagen zu lassen. Vieles hier wärmte Reinecker später bei DERRICK wieder auf, am prominentesten sicherlich den Coup, Behrendt als Säufer im Endstadium zu besetzen. Die Folge ist nicht so spannend und ihr Highlight ist Brenner als schmieriger Zuhälter.

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Episode 63: Sonderbare Vorfälle im Hause von Professor S. (Wolfgang Becker, Deutschland 1973)

Die Haushälterin von Professor Steger (Hans Caninenberg) wird von einem Einbrecher umgebracht: Anstatt die Flucht zu ergreifen, legt er die Leiche in ihr Bett und macht es sich anschließend gemütlich. Er hört Musik, liest, macht sich sogar etwas zu essen. Der Professor, ein Psychiater, verdächtigt seinen Sohn Alfred (Matthieu Carriére), der einst selbst in Behandlung war, und verwischt deshalb alle Spuren. Doch dann gibt es einen ganz ähnlichen, zweiten Fall im Haus des Malers Erdmann (Günther Ungeheuer).

Ein Psychothriller! Die interessante Folge mit tragischer Auflösung bietet Carriére in seiner Paraderolle als aufmüpfig-arroganter, kalter Schnösel, den er eigentlich sein ganzes Leben lang spielte. Margarethe von Trotta bleibt lange im Hintergrund, was zwar die Überraschung am Ende vergrößert, aber hinsichtlich ihrer Figur Potenzial verschenkt. Dazu läuft Lobos Nummer-eins-Hit „I’d love you to want me“ in Dauerschleife, bis man sich die Ohren abreißen möchte. Wenn es um Popmusik und Jugendkultur ging, offenbarten sich Reinecker und mit ihm seine Produzenten meist als völlig Ahnungslose. Nun gut, Lobos Ohrwurm, der auch in den USA zum Hit avancierte, fand reißenden Absatz und dürfte auch bei Teenies für Verzückung gesorgt haben, aber dass die Platte im Haushalt eines Akademikers wie Steger Einzug hält, halte ich für einigermaßen unwahrscheinlich.

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Episode 64: Ein Mädchen nachts auf der Straße (Theodor Grädler, Deutschland 1973)

Die Studentin Inge Sobach (Uschi Glas) wird erwürgt in ihrer Wohnung aufgefunden. In dem erfolgreichen Unternehmer Harald Bergmann (Curd Jürgens) hatte sie einen wohlmeinenden Gönner – und einen Geliebten? Der Mann berichtet Keller, wie er Inge kennen lernte und welche Beziehung er zu ihr unterhielt. Brachte er sie um, weil sie sich in seinen Sohn Rolf (Amadeus August) verliebte? War Rolf der Täter, weil er es nicht ertragen konnte, sie mit dem Vater teilen zu müssen? Oder war gar Bergmanns erzürnte Gattin Elvira (Inge Birkmann) die Täterin?

Eine KOMMISSAR-Folge mit Curd Jürgens muss zwangsläufig ein Ereignis sein: Der „normannische Kleiderschrank“ gibt wieder eine seiner berüchtigten Darbietungen als ergriffen-lüsterner Onkel, der mit seiner einzigartig sonoren Stimme über die „Lebensfreude“ und den unbeirrbaren Optimismus des jungen Mädchens schwärmt, alle berechtigten Nachfragen über die möglicherweise sexuelle Natur seiner Bekanntschaft brüsk von sich weist, solche Unterstellungen als bornierte Fantasielosigkeit von Menschen kritisiert, die einfach keinen Einblick in die höheren Weihen wahrer, platonischer Liebe haben. Dass er einräumen muss, die schöne, reine, freudige und optimistische Inge, die seine Tochter sein könnte, dann doch auch mal gefickt zu haben (aber nur einmal!), ist in seinen Augen kein Widerspruch und schon gar nicht irgendwie anrüchig. Es ist ein Fest. Dass die Männer im KOMMISSAR (und auch später bei DERRICK) auffallend oft ganz selbstverständlich deutlich jüngere Geliebte haben, wird kaum hinterfragt – die Tatsache folgt eben ganz logisch aus der gesellschaftlichen Realität der BRD der Siebzigerjahre, in der die Männer die Karrieren hatten und sich dann jüngere, „repräsentative“ Frauen nahmen, die vom Wohlstand des Gatten schließlich nur profitierten – und mit denen sich vor den Geschäftsfreunden gut protzen ließ. Curd Jürgens führt die Denke, die hinter solchen Beziehungen steht, gnadenlos vor – gerade weil er sich so unreflektiert in seine Rolle wirft, die sich von seiner Lebensrealität wahrscheinlich kaum unterschied. Auch im echten Leben angelte er sich mit Vorliebe deutlich jüngere Mädchen, die seine müden Knochen mit ihrer „Lebensfreude“ munter machten und im Gegenzug in den Genuss seines luxuriösen Lebensstils und natürlich seiner großen Weisheit als Künstler kamen. Uschi Glas macht mit beim schmierigen Spiel, versieht ihre Inge mit großäugiger, reichlich naiver Unbedarftheit und Offenheit, und verleiht dem geilen alten Bock damit mehr oder weniger die Carte blanche. Wahnsinn.

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Episode 65: Sommerpension (Jürgen Goslar, Deutschland 1973)

Im Moor wird ein Toter neben seinem im Schlamm stecken gebliebenen Wagen aufgefunden. Ganz in der Nähe befindet sich die abgelegene Pension von Amalie Schöndorf (Marianne Hoppe), die ihre Zimmer an einige Rentner vermietet. Ihre Tochter Barbie (Gerlinde Döberl) hat ein lahmes Bein, seit die Mama sie zusammen mit ihrer Haushälterin Paula (Bruni Löbel) über den Haufen fuhr – und ihr so das Leben und die Tour bei den Männern vermasselte: Eigentlich hatte der Gasthof-Besitzer Schuster (Götz George) die Barbie schon als Ehefrau in spe auserkoren – bis er das Hinkebein zu sehen bekam. Aber was hat der Tote mit dieser Geschichte zu tun?

German Gothic mit komischen Untertönen, die vor allem auf das Konto der Rentner gehen, die Beweisstücke einsacken, sich über erkaltete Suppe beschweren, Keller zum Baden im Moorsee einladen und natürlich beim Mordfall schön die Klappe halten, weil sie nichts lieber wollen, als dass die brave Barbie endlich den Mann bekommt, der ihr zusteht. Götz George hat einen ca. drei Meter breiten Schnurrbart, aber ansonsten kaum mehr als einen ausgedehnten Gastauftritt, der ihn deutlich unterfordert. KOMMISSAR- und DERRICK-Profis sortieren die Folge als eines von mehreren Beispielen ein, in denen Menschen mit Behinderung äußerst schlecht wegkommen. Ob das nur Reineckers Sicht widerspiegelt oder sie damals dem bundesdeutschen Status quo entsprach, kann ich nicht befriedigend beantworten. Fest steht, dass Barbie durch ihre Behinderung „damaged goods“ ist, völlig unvermittelbar auf dem Ehemarkt. Der eben noch bis über beide Ohren verliebte Schuster schaut auf einmal drein, als habe ihm jemand kräftig in die Suppe gerotzt, als er das Humpeln der jungen Frau erblickt, und das Drehbuch gibt ihm mehr oder minder Recht: Was will ein Gastwirt auch mit einer lahmen Frau, die kann ja weder Gäste bedienen noch Bierfässer schleppen! Dann doch lieber gar keine Gattin! Es ist zum Verrücktwerden.

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Episode 66: Herr und Frau Brandes (Leopold Lindberg, Deutschland 1973)

Die Malerin – was hat Reinecker nur ständig mit Malern? – Gerda Brandes (Agnes Fink) hat soeben Besuch von einem ihrer Kunden, da zerreißt ein Schuss im nahegelegenen Wald die Stille. Wenig später wird ein Toter gefunden, ein junger Mann, der Frau Brandes Modell stand und außerdem ein Verhältnis mit ihr hatte. Der Verdacht fällt natürlich sofort auf ihren Mann Wolfgang (Bernhard Wicki), der von der Affäre weiß – und nach einem Tag des Nachdenkens auch ein Alibi hat, das ihm Ursula Becker (Gisela Stein) gibt, die Erzieherin des geistig behinderten Sohnes Ulrich (Andreas Seyferth), mit der wiederum er sich über die Entfremdung der Ehefrau hinwegtröstet. Dann malt der Junge ein Gewehr.

Zerrüttete Ehen, eines der Leib- und Magenthemen Reineckers. Die Überraschungen halten sich in Grenzen, die Episode lebt ganz von dem Zusammenspiel von Fink und Wicki, die auch im echten Leben verheiratet waren. Wicki beim Rauchen zuzuschauen, ist allein schon ein Fest und die Stimme der Fink, die sie unter anderem Katharine Hepburn und Ellen Burstyn lieh, lässt einen in Ehrfurcht erzittern. Auf der anderen Seite haben wir mit Ulrich wieder ein Beispiel für die erbarmungswürdige Darstellung von Menschen mit Behinderung. Nicht nur, dass der Junge als komplett schwachsinnig dargestellt wird, er wird auch von keiner der ihn umgebenden Personen als auch nur annähernd gleichwertig und zurechnungsfähig behandelt. Das ist aus heutiger Sicht einfach nur erschütternd.

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Episode 67: Tod eines Buchhändlers (Theodor Grädler, Deutschland 1973)

An einem Sonntagmorgen wird der Dorf-Buchhändler Kapp (Werner Bruhns) ersoffen am Ufer der Isar aufgefunden, unweit seines Autos. Im Ort scheint man sich sicher zu sein, dass der Tod Folge eines Unfalls ist, denn jeder weiß, dass Kapp sich samstags gepflegt einen hinter die Binde zu gießen pflegte – nur um danach seine schöne Gattin Herta (Judy Winter) zu verdreschen. Weil aber einige Indizien auf Fremdeinwirkung schließen lassen, nehmen Kommissar Keller und seine „Jungs“ die Ermittlungen auf. Die führen sie schnell zu Kapps Azubi Roland Beyfuss (Pierre Franckh): Der konnte es nicht ertragen, das Leid der Gattin seines Chefs mitanzusehen, denn er schwärmte für die junge Frau.

Wenn mich nicht alles täuscht, beginnt hier die lange Tradition Münchener Krimis mit Pierre Franckh in der Rolle des gutmütigen, treudoofen und schlappschwänzigen Pechvogels. Wer ihn wie ich bereits in Dutzenden von DERRICK-Episoden in Variationen dieses Typus gesehen hat, für den hält sich die finale „Überraschung“ ziemlich in Grenzen. Wobei „Tod eines Buchhändlers“ generell zu den eher vorhersehbaren Folgen des umfangreichen Reinecker’schen Schaffens gehört. Interessant ist sie vor allem hinsichtlich ihrer Haltung zu ehelicher Gewalt: Zwar wird der Gattinnenverprügler Kapp ziemlich deutlich als Unsympath gezeichnet, sein Handeln zudem noch dadurch verschlimmert, dass seine Fäuste die göttliche Judy WInter treffen, die damals wirklich zum Niederknien schön war, aber es ist dennoch auffällig, dass sich Reinecker eine eindeutige, explizite Bewertung verkneift. Keller äußert sich nie zu Kapps Entgleisungen, auch die Aussagen der Nebenfiguren in Richtung „Was andere Leute tun, geht uns nichts an“ bleiben unwidersprochen und am Ende wird der geschundenen Ehefrau gar der schwarze Peter zugeschoben, weil sie dem jungen Roland solche Flausen in den Kopf gesetzt hat. Problematisch, aber faszinierend.

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Episode 68: Domanns Mörder (Wolfgang Becker, Deutschland 1974)

Ernst Faber (Erich Schellow) und sein Sohn Ulrich (Peter Chatel) finden in der Familienvilla den toten Domann (Michael Maien) auf – und fangen sofort an, wilde Pläne zu schmieden und Vorsichtsmaßnahmen zu ergreifen, damit die Polizei bloß niemanden verdächtigt. Weder Mutter Gerda (Gisela Uhlen) noch Tochter Hannelore (Gitty Djamal), Hausmädchen Luise (Gustl Halenke) oder die junge Irmi (Irina Wanka) sind da – was auch ein bisschen das Problem der Familie ist, deren Mitglieder alle ihre eigenen Wege gehen, ohne sich groß um die anderen zu kümmern. Die Mitglieder sind sicher, dass einer aus ihrer Mitte der Mörder ist, aber wer, warum und wieso, interessiert sie nicht. Hauptsache, sie gehen straffrei aus.

„Kann denn nicht endlich mal jemand an die Kinder denken!?“, pflegte Ned Flanders‘ Ehefrau bei den SIMPSONS auszurufen. Ihr Flehen könnte auch diese Episode überschreiben, in der Reinecker zeigt, wie die Eitelkeiten der Erwachsenen unsere süßen Kinderlein ins Unglück stürzen. Irina Wanka, die die nahezu stumme Irmi spielt, blieb dem Rollenbild, das sie hier im zarten Alter von 12 zeigte, auch in den folgenden zwei Jahrzehnten bei unzähligen DERRICK-Auftritten treu. Immer spielte sie den Unschuldsengel reinen Herzens, der durch das amoralische Treiben der Sünder um sich herum in tiefste Abgründe gestoßen wurde. Das ist ein fetter Spoiler, ich weiß, aber mehr als die Frage nach dem Täter interessiert in „Domanns Mörder“ die Sezierung großbürgerlicher Arroganz, die Reinecker mit blitzendem Skalpell vornimmt. Vor allem Erich Schellow ist großartig als Patriarch, dem der Gedanke, es mit der Wahrheit zu halten, nicht im Entferntesten in den Sinn kommt.

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Episode 69: Ein Anteil am Leben (Ullrich Haupt, Deutschland 1974)

Die Kellnerin Alma (Heidi Stroh) wird in ihrer Wohnung von ihrer männlichen Begleitung brutal erstochen. Ihre Arbeitskollegin, die Putzfrau Anna Bergmann (Käthe Gold), die bei Alma im Flur schlafen darf, weil sie ihre Wohnung verlor, überrascht den Mörder und lässt sich ihr Schweigen gut bezahlen. Keller ahnt, dass die Frau etwas weiß – und dass der Täter aus dem Kreise gut betuchter Münchener Geschäftsleute und Politiker stammen muss, die Alma jeden Freitag bediente. Keller versammelt die Männer im Brauhaus, doch die wissen, dass er ihnen nichts nachweisen kann.

Das Setting der verschworenen männlichen Saufgemeinschaft, die die mangelnde sexuelle Bereitschaft einer jungen Frau drastisch bestraft, griff Reinecker auch später bei DERRICK noch einige Male auf. Hier verbindet er es mit einer seiner Betrachtungen zur Einsamkeit im Alter. „Ein Anteil am Leben“ ist kein Highlight der Serie, was mehrere Gründe hat: Die ganze Prämisse wirkt überkonstruiert, das Verhalten der alten Dame unglaubwürdig und übertrieben, die Auflösung gegenüber dem Aufbau dann übereilt und zu allem Überfluss spielt auch noch Dieter Schidor mit, der einfach immer fehlbesetzt ist. So wird dann auch die Tragik von Anna Bergmanns Schicksal zunichte gemacht. Es ist schon bitter: Es muss erst jemand umgebracht werden, damit sie ein einziges Mal das Leben aus vollen Zügen genießen kann.

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Episode 70: Die Nacht mit Lansky (Erik Ode, Deutschland 1974)

Kommissar Keller und die „Jungs“ sind zum monatlichen Abendessen bei Heimes‘ Mutter (Ruth Hausmeister) eingeladen, als sie von der Nachbarin Frau Lansky (Heli Finkenzeller) um Hilfe gebeten werden: Ihr Ehemann Heinz (René Deltgen), ein Handelsvertreter, verhalte sich seltsam, sei abwesend und völlig außer sich. Doch der ältere Herr besteht darauf, dass alles in Ordnung sei und schickt die Kriminalbeamten wieder weg: Verdutzt bemerken diese aber Blutflecken an den Händen, den Koffern und am Steuerrad des Wagens des Mannes.

Reinecker sinniert mal wieder über das Alter, darüber wie Menschen irgendwann aufs Abstellgleis geschoben werden und dann dazu gezwungen sind, irgendwie weiterzumachen. In der fest gefügten Ordnung der Siebzigerjahre sind es natürlich vor allem die Männer, die dieses Schicksal trifft. Darauf gedrillt, als Versorger ihrer Familien zu wirken, fühlen sie sich plötzlich nutzlos und impotent. (Das Schicksal der Frauen ist es hingegen, ab einem gewissen Alter von ihren Männern sitzen oder links liegen gelassen zu werden: Auch das haben wir beim KOMMISSAR schon häufiger gesehen.) Im Falle des armen Lansky geht die Verzweiflung so weit, dass er der Familie ein ganzes Jahr lang eine Berufstätigkeit vorgaukelt, montags das Haus verlässt, in sein Auto steigt und dann am Freitag zurückkehrt. Die Tage füllt er mit Einbrüchen bei seinen ehemaligen Kunden, die das nötige Geld bringen und sicherstellen, dass er seine Fassade als Versorger zu Hause aufrechterhalten kann. Bis sein Nachfolger Kessler (Eckart Dux) ihm auf die Schliche kommt. Die Episode ist zermürbend, auch weil sie ziemlich lang auf der Stelle tritt. Keller und Kollegen wissen, dass Lansky etwas verbrochen hat, aber sie haben auch keinen echten Grund, gegen ihn vorzugehen – schließlich scheint es noch gar kein Opfer zu geben. Und alle Versuche, den Mann zum Rede zu bringen, scheitern – bis er dann schließlich doch irgendwann einbricht und seine Geschichte erzählt, die dem Zuschauer dann in Rückblenden serviert wird. Ich bin etwas unentschlossen: Deltgen ist toll, die Episode unendlich traurig, aber ihr Ende ist eben auch recht vorhersehbar.

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Episode 71: Spur von kleinen Füßen (Theodor Grädler, Deutschland 1974)

Ein junges Mädchen (Sabine Sinjen) wird erschossen und dann von einer Brücke geworfen. Sie war vor einem Jahr vom Land nach München gekommen und die lange Galerie ihrer Verehrer führte sie schließlich ins Drogenmilieu.

Die Episode, in der mehrfach die auffallend „kleinen Füße“ des Opfers angesprochen werden, ohne dass das eine echte Bedeutung hätte (Sabine Sinjens Füße sind darüber hinaus keineswegs besonders klein: Fehlbesetzung!), ist mal wieder eines der gruseligen Beispiele für Frauenmystifizierung und Altherrenerotik. Wie schon Uschi Glas in der Episode „Ein Mädchen nachts auf der Straße“ ist auch Sinjen hier das Objekt der haltlosen Idealisierung diverser Männer, die schon ans Pathologische grenzt. Reinecker lässt seine diversen Männertypen von der „reinen Lebenslust“ und einer „verdinglichten Erfahrung“, die das Zauberwesen verkörpere, fabulieren, dabei mit verträumtem Blick ins Leere starren, als könnten sie dort Einhörner beim Kopulieren sehen. Sinjen weiß mit diesem Quatsch offensichtlich gar nichts anzufangen und interpretiert die zarte Elfe als ständig enthusiasmiert grinsende, herumrennende oder wild hüpfende Kindfrau, die jedem Menschen bereits nach kürzester Zeit fürchterlich auf die Nerven fallen würde. Wie eine Biene fliegt sie von einem Mann zum anderen, weil die pure Lebenslust und Neugier sie antreibt. Zurück bleiben Peter Ehrlich als ihr mit seiner verdörrten Schwester zusammenlebender Chef, Martin Lüttge als junger Fotograf, Udo Vioff als eleganter, der Mama (Alice Treff) höriger Drogenhändler und Christian Reiner als Junkie. Keiner ist in der Lage, dieser Nymphe dauerhaft zu geben, was sie braucht. Und es ist klar, dass das nur mit dem Tode enden kann. Die Besetzung der Folge ist natürlich unfuckwithable, zumal auch noch der stets mürrische Günther Neutze als mies gelaunter Kneipenwirt mitmischt. In einer sehr rätselhaften Szene rufen einige junge Partygäste bei einem Telefonseelsorge an, um sich über den Selbstmordversuch eines anwesenden Freundes lustig zu machen. Jesus, what is it with these people?!

Wichtig ist die Folge aber noch aus einem anderen Grund: Es ist die letzte Episode mit Fritz Wepper als Harry Klein: Er wird zu Beginn in einer tatsächlich sehr rührenden Szene in die Obhut von Oberinspektor Derrick verabschiedet und präsentiert dann seinen Bruder Erwin (Elmar Wepper) als Nachfolger. Der erntet zwar sofort die Sympathien von Chef Keller (weil er erkennt, dass das Mordopfer auffallend kleine Füße hatte), steht aber im weiteren Verlauf mehrfach wie Falschgeld herum. Mal sehen, wie er sich entwickelt. Das gilt auch für die Serie insgesamt, die Reinecker doch mittlerweile merklich auf Autopilot betreibt.

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Episode 139: Der Augenzeuge (Theodor Grädler, 1986)

Der arbeitslose Erich Schuster (Klaus Herm) wird Zeuge, wie ein Nachtwächter von zwei Juwelenräubern auf der Flucht erschossen wird. An die Gesichter der Flüchtigen kann er sich nicht erinnern, aber er fällt Derrick danach durch sein seltsames Verhalten auf, genauso wie der Sohn der Mordopfers (Dieter Schidor). Derricks Verdacht: Die beiden kennen den Täter und lassen sich ihr Schweigen von ihm teuer bezahlen …

Noch so ein DERRICK-Standard: arme Tröpfe, die ihre Chance wittern und sich dabei die Flossen verbrennen. Nicht viel Neues hier, lediglich Bewährtes routiniert dargeboten. Dass Sky DuMont in einer absoluten Nullrolle verbraten wird, ist allerdings doppelt kontraproduktiv: Nicht nur verschenkt man einen erstklassigen Schauspieler, der nicht auf den Kopf gefallene Zuschauer weiß auch, dass er nur eine Erklärung für diesen zweifelhaften Coup geben kann. Und so ist es dann auch.

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Episode 140: Das absolute Ende (Alfred Vohrer, 1986)

Herta Kolka (Marion Kracht) wird nach ihrer Gitarrenstunde erschossen. Die Ermittlungen führen Derrick und Klein in eine höchst sonderbare Familie: Der Vater (Günther Mack) ist am Boden zerstört, sein Bruder Rolf (Volkert Kraeft) seltsam hysterisch und unsouverän. Dann sind da noch Rolfs Gattin (Reinhild Solf), die mit ihrem Bruder (Wolfgang Müller) vor der argentinischen Militärdiktatur floh, als die ihren Eltern das Leben kostete, und die den alten Kraft (Konrad Georg) pflegt, der dem Wahnsinn anheimgefallen ist …

Ein bisschen erinnert die Episode an das Serien-Highlight „Die Entscheidung“ von 1980. Zwar ist Vohrers Folge am Ende deutlich „sauberer“ und nicht ganz so deliriös wie Grädlers Meisterstückchen, aber auch hier gibt es reichlich Stoff zum Staunen: Dass ausgerechnet Schwiegertochter Drombusch Marion Kracht in ihrer Rolle als Stern des Münchener Nachtlebens gezeichnet wird, dem alle Männer erlegen sind, ist da nur der Anfang. Volkert Kraeft trägt sich mit einer Glanzleistung in die lange Ahnengalerie DERRICK’scher Waschlappen ein, Konrad Georg verbringt seine zwei, drei Kurzauftritte rammdösig in die Kamera grunzend und Reinhild Solf agiert mit der sympathischen Verve eines depressiven Exekutionsroboters. Als trauriger Millionär und Schickeria-König Rocco Gretschkow ist Michael Heltau zu sehen: Sensationell, wie er die zu einer Spontanparty in seine Villa eingeladenen Gäste ebenso spontan und grob wieder rausschmeißt, als er die Lust verliert. Frank Duvalls todessehnsüchtig-weggetretener Titelsong „Liebe und Tod“ dudelt dazu in geschmacksresistenter Endlosschleife. Aber schon das Startbild ist super: ein tristes, marodes Haus auf einem Schotterplatz, darüber der Titel „Das absolute Ende“. Dass das Haus nicht der Schauplatz des Münchener Kettensägen-Massakers, sondern einer Gitarrenstunde beim Musiklehrer Thomas Astan ist, weist aber schon auf die kleineren Verfehlungen der Episode hin, die in erster Linie auf das Konto von Reinecker gehen. Zwischen Wahnsinn, Münchener Nachtleben und argentinischer Militärdiktatur verliert er ein bisschen den Fokus. Warum die beiden Morde „das absolute Ende“ darstellen sollen, habe ich jedenfalls nicht so ganz verstanden, auch wenn ich die Idee sehr reizvoll fand. Unterm Strich bin ich geneigt, über die Schwächen hinwegzusehen und „Das absolute Ende“ als Vertreter der so liebenswerten und in den Achtzigern selten gewordenen DERRICK-Verstrahlung zu betrachten.

Filmhistorisch ist die Epsiode darüber hinaus bedeutsam, weil es sich um die letzte Regiearbeit des wunderbaren Alfred Vohrer handelte: Er wurde von seinem Regieassistenten tot in einem Berliner Hotelzimmer entdeckt. Man hatte sich gewundert, warum er nicht am Set seiner DER ALTE-Episode erschienen war …

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Episode 141: Der Charme der Bahamas (Jürgen Goslar, 1986)

Der Kunsthistoriker Gerhard Brosch (Jürgen Behrendt) erhängt sich, nachdem er sein ganzes Vermögen an den miesen Finanzhai Müller-Brode (Karl-Michael Vogler) verloren hat. Broschs Sohn Franz (Till Topf) will den Betrüger zur Rede stellen, der sich am Telefon von seiner Gattin Carina (Evelyn Opela) verleugnen lässt und sich dann panisch an seinen Anwalt Dr. Schwede (Thomas Fritsch) wendet. Als Franz bei Müller-Brode ankommt, findet er den Mann tot vor …

Fritsch und Vogler sind super, aber die schwere Bürde namens Till Topf, eine der größten Trantüten in der langen DERRICK-Tradition lappiger Charaktere, machen auch sie nicht wett. Egal, die Episode kann man so weggucken.

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Episode 142: Die Nacht, in der Ronda starb (Theodor Grädler, 1986)

Der Lehrer Dr. Schenk (Klaus Schwarzkopf) wird von seiner Frau (Ursula Lingen) offen mit dem Gymnastiklehrer Ronda (Paul Neuhaus) betrogen. In seiner Not vertraut er sich nicht nur seinem Nachbarn Derrick, sondern auch seinen Schülern an. Die stehen dem Lehrer in einer Nacht mit Schnaps bei und treiben ihn dazu an, gegenüber Ronda klare Kante zu zeigen. Am nächsten Tag ist der Liebhaber seiner Frau tot …

Gleich mehrere Details lassen hier den Autor Reinecker erkennen: Kinder und Jugendliche sind seltsam alterslos, fast schon abgebrühter als die Erwachsenen und immer gut dafür, plötzlich zu rechtsphilosophischen Monologen anzuheben, die den Derrick-Erfinder seit je her faszinierten. Dann gibt es mal wieder ein waschlappiges Opfer, das unter dem stetig wachsenden Druck notgedrungen irgendwann übers Ziel hinausschießt. Seine Frau ist ein besonders grausamer Vertreter der Spezies, hält es nicht mal mehr für nötig, ihre Affäre irgendwie vor dem Ehemann zu verbergen. Der Lover empfängt den gehörnten Gatten sogar schon am Frühstückstisch! Es fällt wieder auf, dass sich Reinecker für Spannung und Suspense, eigentlich ja wichtigster Charakterzug des Krimis, nur noch sporadisch interessiert. Klar, die Folge lebt wesentlich von der Frage, ob es nun der angestachelte Schenke oder die Schüler selbst waren, die Ronda über die Klinge springen ließen, aber es bleibt kein Zweifel, dass die Reflexionen über Moral das sind, was Reinecker antrieb.

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Episode 143: Ein eiskalter Hund (Theodor Grädler, 1986)

Luise Lohbach (Christine Buchegger) leidet in ihrer Ehe mit Jakob (Klaus Löwitsch). Aus seiner Gleichgültigkeit für die Ehefrau macht der gar keinen Hehl, er behandelt sie wie Luft und betrügt sie mit einer Kellnerin im familieneigenen Wirtshaus. Als Luise in ihrem Ferienhaus einem Mordanschlag zum Opfer fällt, ist Jakob für viele, die das Leiden der Frau mitansehen mussten, der Hauptverdächtige. Doch der hat ein hieb- und stichfestes Alibi …

Unvergessen ist Löwitschs schauspielerischer Amoklauf in der frühen Episode „Hoffmanns Höllenfahrt“. DERRICK hat sich seitdem immens verändert, Klaus Löwitsch nicht so sehr. Seine Jakob Lohbach agiert zwar nicht annähernd so fiebrig wie der panische Hoffmann, aber der Schauspieler genießt es sichtlich, ein unentschuldbares Arschloch geben zu dürfen. Der Zuschauer, der es in dieser Phase der Serie fast ausschließlich mit selbstmitleidigen Jammerlappen als Täter zu tun hat, natürlich auch. In Nebenrollen sind Axel Milberg und Horst Michael Neutze zu sehen.

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Episode 144: Der Fall Weidau (Alfred Weidenmann, 1986)

Der junge Klaus Weidau wird morgens tot in seinem Bett auf dem elterlichen Gutshof aufgefunden, vergiftet mit Blausäure. Die Weidaus sind so erschüttert wie Derrick und Klein anschließend ratlos: Die Familie lebte in tiefster Harmonie, sich in Respekt und Liebe zugetan. Nicht einmal der Anflug eines Streits oder Konflikts zeigt sich. Dann der zweite Mord, diesmal an Sohn Hubert (Ekkehard Belle). Und die erschütternde Erkenntnis: Der Mörder muss aus den Reihen der Familie selbst kommen …

Das Leben auf dem Hof der Familie Weidau gerät im Zusammenspiel von Weidenmanns Regie und Reineckers Drehbuch zur bizarren Utopie: einer Utopie mit Haken, denn wie Derrick weiß: „Jeder Mensch hat irgendeine Macke.“ Und wenn alles perfekt ist, dann besteht natürlich die Gefahr, dass es damit bald vorbei ist. Wie immer, wenn Reineckers philosophische Reflexionen besonders spannend geraten, fungiert die Auflösung als Spielverderber. Nicht, dass sie hier wirklich ärgerlich wäre, aber die Identifizierung eines Täters mutet am Ende einer solch apokalyptischen Geschichte einfach furchtbar banal und zweitrangig an. Viel lieber hätte man gesehen, wie alle Weidaus am Ende tot auf ihrem Hof liegen, ihre Gesichter in Ratlosigkeit eingefroren und keine Antwort auf die drängende Frage in Sicht.

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Episode 145: Schonzeit für Mörder? (Gero Erhardt, 1986)

Der geniale Automobil-Ingenieur Bothe wird in seinem Haus erschlagen. Vor den Augen Derricks haucht er in der Ambulanz eines Krankenhauses sein Leben aus. Wer ist der Mörder? Seine junge Gattin Helene (Lena Stolze) oder Bothes Sohn Eberhard (Christoph Waltz), der ein Verhältnis mit seiner nur ein Jahr älteren Stiefmutter hatte? Grund hätten auch Bothes Bruder Georg (Horst Bollmann) oder dessen Sohn Ralf (Volker Lechtenbrink) gehabt, denn Bothe pflegte seine Verwandten zu behandeln wie Diener …

Debütant Gero Erhardt ist mit einem eher mittelprächtigen Script ohne Glanzpunkte geschlagen. Christoph Waltz ist gut, sonst bleibt nicht viel hängen.

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Episode 146: Die Rolle seines Lebens (Alfred Weidenmann, 1986)

Nach überstandener Alkoholsucht kehrt Schauspieler Martin Theimer (Franz Boehm) zurück: Er will sich die Rolle seines Lebens angeln, doch die hat ihm sein Konkurrent Kranz (Karl Heinz Vosgerau) vor der Nase weggeschnappt. Als der Opfer eines Mordanschlags wird, ist der Weg für Theimer frei: Sehr zur Freude von Regisseur Bracht (Peter Bongartz), aber auch von Theimers Gattin Lydia (Sonja Sutter) und Tochter Dinah (Roswitha Schreiner) …

Die Idee mit der doppelten Rolle des Lebens ist gut, aber den durchschlagenden Erfolg verhindert Weidenmanns etwas lahmarschige Regie. Die Szenen am Filmset wirken richtiggehend albern, gekünstelt und theatralisch, was in hartem Widerspruch zu den Lobeshymnen steht, die Bracht über seinen Star singt. Einmal sitzt der Regisseur sogar direkt neben seinem Hauptdarsteller, als die Kamera schon längst wieder läuft. Hätte was werden können, so aber leider zu nix zu gebrauchen.

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Episode 147: Entlassen Sie diesen Mann nicht! (Horst Tappert, 1986)

Der Wissenschaftler Dr. Kroll (Pinkas Braun) war nach einem Mordanschlag auf seine Gattin (Reinhild Solf) vor fünf Jahren wegen Schizophrenie in eine Heilanstalt gesperrt worden. Nun soll er zur großen Überraschung aller damals Involvierten wieder freigelassen werden: Für seine Gesundheit verbürgt sich vor allem Krolls Arzt Kraus (Wolf Roth). Kroll hat es sich in den Kopf gesetzt, seine Ex-Frau zurückzuerobern, doch die hat keine Lust, ihn wiederzusehen. Als ihr Schwager Kroll zur Rede stellen will, wird er umgebracht …

Horst Tappert bringt als Regiedebütant tatsächlich frischen Wind. Die kurze Auftaktsequenz, die das geschäftige Treiben in der Dienststelle zeigt, ist eindeutig von Police Procedurals wie STAHLNETZ beatmet, der betont altmodische Score erinnert aber auch an die Edgar-Wallace-Filme, in denen Pinkas Braun einst gern gesehener Gast war. Die Story ist auch stark: Dr. Kroll wird zu einem deutschen Vorläufer von Hannibal Lecter und Wolf Roth ist immer eine Schau. Tappert treibt der Episode die Reinecker’sche Steifheit aus und akzentuiert die pulpig-makabre Note seines Scripts mit einigem Erfolg. Klasse!

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Episode 148: Mädchen in Angst (Horst Tappert, 1986)

Harry kommt der jungen Anja (Sona Mac Donald) zur Hilfe, die vor der Tür eines zwielichtigen Etablissements von Franz Belter (Henry van Lyck) verdroschen wird. Er nimmt die junge Frau bei sich auf, die auf die schiefe Bahn geraten ist und sich als Prostituierte verdingt, und versucht, sie aus den Fängen Belters, der mit dem ebenfalls dubiosen Rotter (Stefan Behrens) zusammenarbeitet, zu befreien. Dabei fängt er sich eine heftige Tracht Prügel ein, bei der er seine Dienstwaffe verliert. Wenig später ist Belter tot: Erschossen mit Harrys Revolver. Die Indizien sprechen gegen Derricks Kollegen …

Unterhaltsame Folge, die Harrys bisweilen ans Unprofessionelle grenzenden Übereifer in den Mittelpunkt rückt. Manchmal meint man, es sei das Mitleid seiner Ausbilder gewesen, das ihm den Job bescherte. Die Verlagerung des Fokus auf den Assistenten sorgt für willkommene Abwechslung, auch wenn Derrick die drohende Inhaftierung recht schnell abwenden kann. Hier hätte die Spannungsschraube ruhig etwas straffer gedreht werden dürfen.

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Episode 149: Die Dame aus Amsterdam (Helmuth Ashley, 1986)

Der Privatdetektiv Hufland (Raimund Harmstorf) kann seinen Bekannten Derrick eben noch darüber in Kenntnis setzen, dass er in eine ganz große Sache reingestolpert sei, da wird er von Maschinengewehrsalven zerrissen. Die Ermittlungen führen Derrick zu Dr. Soest (Ernst Jacobi), einem Chemiker, der sich mit seiner holländischen Geliebten (Elisabeth Augustin) in einem Hotel verlustierte und dabei im Auftrag seiner Gattin (Gustl Halenke) von Hufland beobachtet wurde. Hinter dem Mord steckt aber viel mehr als Eifersucht: Soest arbeitete an einem hochpotenten Insektizid …

Lang ist’s her, seit Derrick das letzte Mal in einem Fall des internationalen Verbrechens ermittelte, anstatt sich mit den niederen Instinkten des Bürgertums auseinanderzusetzen. „Die Dame aus Amsterdam“ ist ein gelungenes Beispiel für diese etwas unterrepräsentierten Episoden, von Ashley temporeich inszeniert und bis zum Ende spannend. Das Finale ist bitterböse und setzt dem Ganzen ein makabres Krönchen auf.

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Episode 150: Anruf in der Nacht (Theodor Grädler, 1986)

Ein Pfarrer (Horst Sachtleben) wird nachts zu einem im Sterben liegenden Unfallopfer gerufen: In seinen letzten Atemzügen ringt der Sterbende dem Geistlichen einen Gefallen ab. Der macht sich sofort auf den Weg, ohne jemanden in den Zweck seiner Mission einzuweihen. Am nächsten Morgen wird er tot aufgefunden. Einer der Verdächtigen ist Erich Bronner (Thomas Fritsch), der Bruder des Verunglückten, der Sexreisen veranstaltet …

Die Episode ist streng genommen nichts Besonderes, aber weil lange im Dunkeln bleibt, worum es geht, dennoch spannend. Die Auflösung ist eher ungewöhnlich, da wie schon bei „Die Dame aus Amsterdam“ eine internationale Komponente in den Fall hineinspielt. Richtig glaubwürdig ist das Ganze nicht, aber immerhin kommt der Zuschauer in den Genuss eines Gastauftritts von Jess-Franco-Regular Paul Muller als südamerikanischem Drogenbaron.

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Episode 151: Absoluter Wahnsinn (Horst Tappert, 1987)

Eine Frau wird in ihrem Haus ermordet, nachdem sie ihrem Bruder per Telefon noch mitgeteilt hat, dass „er“ sie töten wolle. Für den ist der Fall klar: Als Mörder kommt nur ihr Ehemann (Robert Atzorn) in Frage, der aus seiner Verachtung für die Gattin keinen Hehl machte und von ihrem Tod finanziell zudem erheblich profitiert. Doch seine Freundin Susi (Ingrid Steeger) gibt ihm ein Alibi. Wenig später meldet sich der traurige ältere Herr Mertens (Horst Bollmann) geständig. Der freundliche, sanftmütige Mann ist ein denkbar unwahrscheinlicher Mörder, aber welchen Grund sollte er haben, die Schuld auf sich zu nehmen, wenn er nicht der Täter ist?

Horst Tappert macht sich wirklich nicht schlecht als Regisseur. „Absoluter Wahnsinn“ zeichnet sich durch eine Mischung aus Witz und Tragik aus – eine Eigenschaft, die die Episode allein schon aus dem Rahmen fallen lässt, auch wenn der eigentliche Kriminalfall wieder recht typisch ist. Ingrid Steeger hat als Atzorns gereizte Freundin eine echte Sahnerolle abbekommen, die sie mit Verve ausfüllt. Dass sie noch etwas ungeschliffen agiert, tut der Sache keinerlei Abbruch, eher sogar im Gegenteil. Und Derricks Reaktionen auf die unfreundliche, misstrauische und missmutige Person sind einfach großartig. Viel zu selten darf Tappert als Derrick diese Seite zeigen: Meist stapft er ja als regungslose Gerechtigkeitsmaschine durch die bundesdeutsche Tristesse und selbst die Anflüge von Abscheu und Schadenfreude, die er in frühen Episoden regelmäßig so effektiv an den Tag legte, sind einer desillusionierten Routine gewichen. Aber das ist nicht alles: Das Ehepaar Mertens – neben Bollmann agiert Eva Kotthaus nahezu stumm, aber vielleicht auch deshalb so wirkungsvoll – bildet das Herz der Geschichte, demütig, bescheiden, zurückhaltend, freundlich. Ihr Schicksal geht nicht spurlos am Betrachter vorüber. Vielleicht ist es der einzige Fehler der Episode, dass das Schlussbild nicht den Eheleuten gehört, die da stumm, Arm in Arm in ihr Leben zurückkehren, sondern dem doofen Atzorn.

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Episode 152: Der Tote auf der Parkbank (Theodor Grädler, 1987)

Auf einer Parkbank wird ein Mann gefunden – erschossen und dann am Isar-Ufer abgesetzt. Es handelt sich um einen Herrn Lindemann, den Inhaber einer Werbeagentur, über den wirklich niemand etwas Positives zu sagen hat. Weder die Gattin (Gisela Peltzer), die wusste, dass er sie mit dem Fotomodel Patricia (Ursula Karven) betrog, noch sein Sohn (Christian Hellenthal), seine Angestellten oder der Arbeitslose Ulrich (Ulrich Matthes), der sowohl mit Patricia als auch mit Frau Lindemann befreundet war …

Mittelmäßig interessante Folge, in der Reinecker mal wieder der Philosophie frönt und dabei einige seltsame Ideen hat. Es ist ausgerechnet der humanistische geprägte Ulrich, dessen Fantasien über einen besseren, überlegenen Menschen den Mord inspirieren und Derrick am Ende zu mahnenden Worten veranlassen. Da frohlockt der AfDler, der im Linksliberalismus die Wurzel allen Übels sieht.

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Episode 153: Die Nacht des Jaguars (Jürgen Golsar, 1997)

Die hübsche Gisela Trabuhr (Ursula Buchfellner) wird neben einer Telefonzelle erschossen aufgefunden. Sie war mit dem weichlichen Albert (Volkert Kraeft) verheiratet, der dieses Ausbund an Lebenslust nicht zu bändigen wusste. Gisela war, so erfährt Derrick, sehr freigiebig: Er bezeichnet das als „nymphoman“, wird aber zurechtgewiesen. Nein, diese Gisela war so voller Liebe, dass ein Mann einfach zu wenig für sie war. Wer war also der Täter? Einer ihrer Freier, Alberts Bruder Harald (Christian Kohlund), der um den Ruf der Familie besorgte Vater (Hans Korte) oder die von einem beinahe religiösen Furor erfüllte Mutter (Doris Schade)?

DERRICK-Standard mit dem üblichen Waschlappen im Zentrum und der dysfunktionalen Familie um ihn herum. Nichts Besonderes, aber bei Weitem kein Totalausfall. Bester Moment: Der Close-up auf Kortes Gesicht, nachdem sein stolzes Weib wieder einmal einen denkwürdigen Auftritt hingelegt hat, dann seine hämischen Mutmaßungen, dass Moses die Gesetzestafeln wahrscheinlich hier im Haus versteckt habe und seine Gattin darauf knie, wenn sie sich zum Gebet niederlasse. Boah. Das allein lohnt das Ansehen.

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Episode 154: Ein Weg in die Freiheit (Gero Erhardt, 1987)

Herr Wilke wird spätabends in seinem Büro erschossen, wo er sich mit seinem Vorgesetzten Ewald Potter (Michael Degen) verabredet hatte. Derrick mutmaßt, dass der Mordanschlag möglicherweise den Falschen getroffen habe. Wenig später, im Haus der Potters, scheint sich dieser Verdacht zu bestätigen, denn es passiert ein zweites Attentat, diesmal jedoch erfolglos. Der Verdacht fällt auf eine Gruppe von Musikern um Harro (Volker Lechtenbrink), die in einer der Kneipen Potters engagiert war, bevor der sie rauswarf. Oder hat der mit ihnen befreundete Potter-Sohn Hans (Christoph Eichhorn) etwas damit zu tun?

Eine unterdurchschnittlich Episode. Liegt vielleicht aber auch daran, dass ich Volker Lechtenbrink nicht so mag, schon gar nicht in der Rolle eines bebrillten Smooth-Jazz-Musikers, der mit 20 Jahre jüngeren Menschen in einem Kellerproberaum abhängt. Fun Fact: Das ist nach „Kranzniederlegung“ und „Das absolute Ende“ schon die dritte Folge in kurzer Zeit, in der ein Jugendlicher obsessiv immer wieder denselben Song hört. Ein neuer, aber leider kein guter Einfall: Henry van Lyck als Clubbesitzer mit Zwirbelschnurrbart.

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Episode 155: Nachtstreife (Dietrich Haugk, 1987)

Bei einer Streife wird ein junger Polizist erschossen. Sein Partner, der erfahrene Marx (Hans Brenner), macht sich danach schwere Vorwürfe, gibt jedoch zu Protokoll, dass er nichts gesehen habe. Einen Tag später ändert er seine Meinung: Er schwört, in einem der Flüchtenden den einschlägig bekannten Conny de Mohl (Frank Hoffmann) gesehen zu haben. Doch dessen Familie – Anton Diffring und Herbert Boetticher – gibt ihm ein Alibi …

Haugk hat viele tolle Episoden gedreht: Diese hier entfaltet leider nicht ganz das ihr innewohnende Potenzial, aber die Ansätze reichen. Aus dem eingeschworenen Männerbund und vor allem aus der Verbindung von Diffring und Boetticher hätte man viel mehr machen müssen – gerade letzterer bekommt unerklärlicherweise kaum etwas zu tun -, aber eine in Fotoschnappschüssen aufgelöste Sequenz, in der die drei Verbrecher sich nach einem kurzen Knastaufenthalts Connys wiedertreffen, die Arme euphorisch in die Luft werfen und triumphierend ins Objektiv grienen, ist schon ziemlich geil. In einer Nebenrolle als Marx‘ Ehefrau ist Witta Pohl zu sehen, die im besten DIESE DROMBUSCHS-Stil Freudlosigkeit und Verkniffenheit verkörpert. Veit Harlan hätte bestimmt einen großen Star aus ihr gemacht.

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Episode 156: Koldaus letzte Reise (Franz Peter Wirth, 1987)

Nachdem er eine 20-jährige Haftstrafe abgesessen hat, kommt der Auftragskiller Martin Koldau (Peter Ehrlich) nach München zurück. Er will hier ein letztes Mal seinem Beruf nachgehen – und seine große Liebe Franziska (Liane Hielscher) wiedertreffen, die mittlerweile mit dem Alkoholiker Miele (Klaus Herm) verheiratet ist. Das Wiedersehen der beiden Liebhaber verläuft traumhaft: Die Funken fliegen und Koldau schwört, den aktuellen Auftrag nicht auszuführen, um mit Franziska ein neues Leben anzufangen. Doch das nimmt ihm sein Auftraggeber sehr übel: Franziska findet Koldau erschossen vor. Vom Mörder hat sie nur eine Hand gesehen …

John Ford, Jean-Pierre Melville, John Woo, Michael Mann: Alle hätten sie diesen Stoff verfilmen können. Stattdessen war es Franz Peter Wirth im Rahmen von Deutschlands erfolgreichster Fernsehserie, deren Hüftsteife in diesem Kontext einen sonderbaren Reiz entfaltet. Peter Ehrlich ist mir eines der liebsten DERRICK-Gesichter und er ist toll als Profikiller Koldau, der sich in eine so gar nicht glamouröse, sondern ganz und gar bodenständige Frau verliebt. Es ist schon traurig, dass „Koldaus letzte Reise“ nicht einfach die Liebesgeschichte zweier Menschen jenseits der 40 erzählen kann, sondern natürlich irgendwann zum Kriminalfall werden muss, der niemanden mehr so richtig interessiert. Aber Franziska und Martin, wie sie nach 20 Jahren neuen Mut schöpfen, die bleiben im Gedächtnis.

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Episode 157: Nur Ärger mit dem Mann aus Rom (Helmuth Ashley, 1987)

Arthur Dribald (Burkhard Driest) hat vor Jahren einen Mann erschossen, konnte aber nie gefasst werden. Jetzt entdecken ihn Derrick und Harry wieder und heften sich an seine Fersen. Was sie nicht wissen: Dribald weilt im Auftrag der Herren Scholler (Sieghard Rupp) und Zoller (Siegfried Rauch) in München, um einen Bruch zu begehen …

Helmuth Ashleys Kinovergangenheit kommt auch dieser Serienepisode zu Gute, die wie schon „Koldaus letzte Reise“ etwas „größer“ wirkt. Der Plot ist für die Serie ungewöhnlich und nur wenig vorhersehbar: Abwechslung, die DERRICK zu dieser Phase sehr gut zu Gesicht steht. Siegfried Rauch und Sieghardt Rupp als „Stars“ zu bezeichnen, geht vielleicht etwas zu weit, trotzdem hat ihr gemeinsamer Auftritt hier den Duft von Fernsehereignis. Burkhard Driest ist als selbstverliebter, ständig auf Schürzenjagd befindlicher Macho-Krimineller aber auch ziemlich toll: Die Szene, in der er sich per Videoaufzeichnung die MIsshandlung der barbusigen Uschi Buchfellner in Zeitlupe ansieht und dabei lüstern grinst, ist für deutsche TV-Verhältnisse schon ziemlich weit draußen und erinnert zudem an John McNaughtons ungefähr zur selben Zeit erschienenen HENRY: PORTRAIT OF A SERIAL KILLER.

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Episode 127: Wer erschoss Asmy? (Jürgen Goslar, 1984)

Der letzte Eintrag in dieser Reihe ist über ein Jahr alt. Diese Episode von Jürgen Goslar, in der Anne und David Bennent ein Geschwisterpaar spielen, das in einen Mordfall verwickelt wird, hatte ich noch damals gesehen – und dann nichts darüber geschrieben. Verlässliche Auskunft kann ich darüber nicht mehr geben, aber ich glaube, ich fand die Episode nur so mittelprächtig, auch wenn Bennent als Zigaretten rauchendes, altersweises Kind mit Schiebermütze dafür sorgt, dass sie nicht allzu „normal“ ist.

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Episode 128: Das tödliche Schweigen (Theodor Grädler, 1985)

Derrick erhält zu Hause einen Anruf: Eine junge Frau namens Helga Södern bittet um Hilfe, sie werde von zwei Männern bedroht. Als Derrick und Harry – der Gehilfe lässt extra einen Science-Fiction-Film im Kino sausen – bei der Dame (Irina Wanka) nach dem Rechten sehen, ist angeblich alles in Ordnung: Das jedenfalls behauptet Udo (Jacques Breuer), der vorlaute Freund der Frau. Wenige Stunden später werden Derrick und Harry zum Tatort eines Mordes gerufen: Eine ältere Frau erlitt bei einem Angriff von wahrscheinlich zwei Männern in ihrer Wohnung einen Herzanfall. Der Sohn (Arthur Brauss) ist ratlos. Eine Eingebung von Harry bringt den entscheidenden Tipp: Helga Södern war eine Arbeitskollegin der Toten …

Eigentlich keine spektakuläre Folge, aber sie hat mir trotzdem sehr gut gefallen. Erstens weil der Fall gegen Ende eine Dimension annimmt, die über Einzelschicksale hinausgeht, zweitens weil das Setting einer stillgelegten, ruinösen Chemiefabrik, die da im Münchener Spätherbst vor sich hin modert, einfach wahnsinnig stark ist.

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Episode 129: Ein unheimlicher Abgang (Jürgen Goslar, 1985)

Der Anlageberater Diebolz (Dirk Galuba) jagt sich mit seinem Boot auf dem Starnberger See in die Luft. Grund dazu hatte er: Das eigene Unternehmen war tief verschuldet, seine Gattin Liane (Christiane Krüger) hat eine Affäre mit seinem Freund Kolewski (Peter Bongartz). Als es um die Identifizierung des Toten geht, erkennen alle Diebolz wieder. Was sie nicht wissen: Der erlag nicht etwa den Verbrennungen, sondern wurde zuvor erschlagen. Aber das ist nicht die einzige große Überraschung des Falls: Der Tote ist nämlich gar nicht Diebolz, wie Derrick herausfindet. Warum aber identifizierten ihn seine Angehörigen dann auf dem Seziertisch?

Der Fall ist wendungsreich genug, um über die volle Laufzeit das Interesse wachzuhalten. Dazu kommt wieder einmal das bitterböse Drehbuch von Reinecker, der das Bürgertum so sehr hasst, dass er seine Mitglieder selbst dann noch in alle ihrer Verlogenheit bloßstellt, wenn sie eigentlich unschuldig sind.

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Episode 130: Schwester Hilde (Theodor Grädler, 1985)

Anita Henk (Susanne Uhlen) ist dem Rotlichtmilieu Hamburgs erfolgreich entflohen und hat sich in München eine neue Existenz aufgebaut – samt neuem Liebhaber und Ehemann in spe (Ekkehard Belle). Doch dann findet Kusich (Andreas Fricsay), ihr ehemaliger Zuhälter, sie wieder und will sie mit zurück nach Hamburg nehmen. Anita ruft Schwester Hilde (Inge Meysel) an, die ihr damals geholfen hatte, ein neues Leben anzufangen. Die alte Dame kommt sofort nach München, um den Loddel von seinen Plänen abzubringen. Wenig später ist er tot …

Der Auftritt von Inge Meysel in der beliebtesten und erfolgreichsten deutschen Fernsehserie war damals wahrscheinlich das, was man heutzutage ein „TV-Event“ nennen würde. Ich, der ich die alte Dame immer eher anstrengend fand, sehe hier trotzdem nur eine eher mittelmäßige Episode, die durch den vermeintlichen Besetzungscoup nicht unbedingt besser wird, auch wenn die Meysel zugegebenermaßen überzeugend agiert. Noch besser hat mir aber Andreas Fricsay gefallen, der mit platinbloner Vokuhila-Dauerwelle an seine markige Rolle in ZWEI NASEN TANKEN SUPER erinnert.

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Episode 131: Lange Nacht für Derrick (Dietrich Haugk, 1985)

Der etwas weichliche Anwalt Dr. Bomann (Klaus Schwarzkopf) steht vor der unangenehmen Aufgabe, den brutalen Berufsverbrecher Rotter (Wilfried Baasner) zu verteidigen. Der Kriminelle erwartet trotz erdrückender Beweislage nichts Geringeres als einen Freispruch. Er scheint zu ahnen, dass daraus nichts wird, denn einen Tag vor Urteilsverkündung wird Bomanns Tochter (Marion Kracht) entführt. Bomann soll seinem Klienten vor der Verhandlung eine Waffe überreichen und ihm so zur Flucht verhelfen.

LANGE NACHT FÜR DERRICK verlässt wieder einmal die ausgetretenen Pfade, die die Serie nach über zehn Jahren zumeist beschreitet und verdichtet die Ereignisse auf einen Zeitraum von wenigen Stunden und die zwei Räume der Mordkommission, in denen Derrick und seine Leute einen HInweis auf den Verbleib der Komplizen von Rotter finden müssen, um die Katastrophe zu verhindern. Auf Dietrich Haugk, der einige der besten DERRICK-Folgen auf dem Kerbholz hat, ist dabei Verlass. Die Beschränkungen von Zeit und Raum weiß er perfekt zu nutzen. Die Episode erinnert ein wenig an Dominik Grafs FAHNDER-Episode BIS ANS ENDE DER NACHT (die einige Jahre später ausgestrahlt wurde), was jeder meiner Leser als großes Lob zu verstehen weiß.

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Episode 132: Kranzniederlegung (Zbynek Brynych, 1985)

Der abgewrackte Gerichtsreporter Trosse (Herbert Stass) sucht Derrick auf: Er weist den Kriminalbeamten auf den jungen Heinz Lissner (Eduard Erne) hin, dem er einen Mord zutraut. Die Freundin des Jungen ist den Drogen zum Opfer gefallen und Heinz nun fest entschlossen, ihren Tod zu rächen.

Keine der Glanzstunden von Brynych: Die Folge bleibt in erster Linie wegen Trosse bzw. Stasses Darbietung im Gedächtnis, der Kriminalfall verblasst dagegen. Derrick und der vom Alkohol gezeichnete Ex-Reporter haben einige starke gemeinsame Szenen, die interessanter sind als die blutleer bleibende Selbstjustizgeschichte. Auf der Habenseite stehen aber einige Impressionen aus dem Münchener Nachtleben inklusive Breakdance, tanzenden Djs und Rollschuhdisko. Das will man dann doch nicht verpasst haben.

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Episode 133: Tod eines jungen Mädchens (Theodro Grädler, 1985)

Eine Inhaltsangabe verkneife ich mir, denn die Episode ist ungefähr so einfallsreich, wie das der Titel bereits vermuten oder eher befürchten lässt. Wenn es einen Standard-DERRICK-Plot gibt, dann diesen: Hübsches Mädchen wird umgebracht, als sie sich verweigert, verlogene Großbürger decken sich gegenseitig. Um das Klischee perfekt zu machen, ist Pierre Franckh als rückgratloser Sohn dabei, der gegen seinen eigenen Impuls dem schmierigen Onkel ein Alibi verschaffen muss. Dieser Onkel reißt es dann wieder raus: Claus Biederstädt ist einfach perfekt in der Rolle. Absolut hassenswert darin, wie er chefmäßig das Ruder übernimmt, um sicherzustellen, dass ihm nichts passiert. Ach ja, Peter Kuiper und Hans Korte sind auch dabei und tun das, was sie immer tun. Das ist gut so.

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Episode 134: Die Tänzerin (Zbynek Brynych, 1985)

Beim Versuch, die Internatsschülerin Katrin May (Dietlinde Turban) zu erschießen, wird der Mörder überrascht und bringt stattdessen den Hausmeister um. Es stellt sich heraus, dass Katrin eine Affäre mit dem Geschäftsmann Dr. Rohner (Heinz Bennent) hatte. Somit kommen gleich zwei Verdächtige in Frage: Rohners Gattin, eine ehemalige Tänzerin (Ingrid Andree), und Katrins Ex-Freund (Robert Jarczyk).

Die Hoffnung, Brynych habe Argentos PHENOMENA in einer DERRICK-Folge vorweggenommen, bewahrheitet sich leider nicht. Auch sonst ist die Episode kein Highlight, lediglich leicht gehobener Durchschnitt. Heinz Bennent ist tatsächlich sehr bewegend als alternder Herr, der neues Liebesglück findet und dabei aufblüht. Schön ist auch der Auftritt eines sich betont seriös gebenden Privatdetektivs (Peter Moland), der von Derrick in dessen unnachahmlich autoritärer Art in seinem Enthusiasmus gleich auf Maß zurechtgestutzt wird.

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Episode 135: Familie im Feuer (Zbynek Brynych, 1985)

Familie Bohl hat eine echte Pechsträhne: Tochter Anna (Beate Finckh) sitzt seit einem Unfall im Rollstuhl, Vater Walter (Henry van Lyck) ist arbeitslos, genauso wie Sohn Ulrich (Hans Georg Panczak), und die Mutter Thea (Ida Krottendorf) ist ausgezogen, weil ihr Mann sich in zwielichtigen Kneipen herumtreibt. Dabei hat er den Schwerverbrecher Weiler (Dirk Galuba) kennen gelernt, der ihn zu einem Bruch überredet. Bevor es losgehen kann, wird Weiler jedoch erschossen. Der Verdacht der Bohls fällt auf Anna und es gilt, sie vor Derrick zu schützen …

Brynych zeigt in der Episode sehr schön, wie eine kurz vor der Implosion stehende Familie durch den neuen Konfliktfall wieder zusammenrückt. Es ist seinem eigenen Inszenierungsstil, aber auch Reineckers plakativer Drehbuch-Prosa und Panczaks zum Overacting neigenden Spiel zu verdanken, dass „Familie im Feuer“ in den Szenen, in denen das neue Familienglück gezeigt wird, übers Ziel etwas hinausschießt. Trotzdem: Gehobener Durchschnitt, nicht zuletzt weil Henry van Lyck exzellent und Dirk Galuba einfach ein Riesenarsch ist. Detail zum Kopfschütteln: Die Poster 1985 gnadenlos überkommener Blues- und Jazzrock-Kapellen im Zimmer des „Musikfans“ Ulrich (das Plakat von „Jon Hiseman’s Tempest“ konnte man schon in DERRICK-Episoden aus den Siebzigern bewundern).

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Episode 136: An einem Montagmorgen (Jürgen Goslar, Deutschland 1986)

Drei Bankräuber verunglücken bei der Flucht mit dem Wagen und retten sich in eine nahegelegene Wohnsiedlung, wo sie ins Haus der Familie Heilmann eindringen …

Wieder einmal ein Episode, die vom klassischen „Whydunit“, das die Serie sonst beschäftigt, abweicht. Abwechslung ist immer willkommen und diese Folge profitiert erheblich davon, dass sie etwas anderes versucht, auch wenn sie dabei nicht übermäßig spektakulär ist. Die Exposition im Stile von „Aktenzeichen XY“ mutet ein bisschen bemüht an, aber der Rest ist von Goslar dann doch recht spannende inszeniert. Wilfried Baasner ist ein erstklassiger Schurke, von dem es in Zukunft hoffentlich noch mehr zu sehen gibt.

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Episode 137: Naujocks trauriges Ende (Alfred Vohrer, 1986)

Der Geschäftsmann Naujocks wird erschossen, als er mit seiner Geliebten aus der Wohnung kommt, die ihm sein Freund Tass (Karl Heinz Vosgerau) als Liebesnest zur Verfügung gestellt hat …

Die fragwürdigen sexuellen Gelüste älterer Herren haben DERRICK schon häufiger beschäftigt, so auch hier. Der freundliche Herr Tass etwa hält es für selbstverständlich, eine Liebesbeziehung mit seiner Stieftochter (Sissy Höfferer) zu führen. Und sein Kumpel Naujocks verlustiert sich mit der Tochter seines Fahrers. Alles gar kein Problem? Denkste. Deutlich angepisster ob dieses Verfalls der Sitten ist Tass‘ Stiefsohn Walter, gegeben von einem Sascha Hehn mit zurückgeschleimten Haaren. Der war bestimmt nur sauer, dass das Drehbuch ihn nicht zum Stich kommen ließ.

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Episode 138: Geheimnis im Hochhaus (Wolfgang Becker, 1986)

Der Maler und Fixer Erich (Ekkehard Belle) braucht dringend Geld, also bricht er in eine Wohnung ein. Zu seinem Entsetzen findet er dort den Leichnam einer jungen Frau: Als er Stimmen hört, kann er gerade noch fliehen. Nach einem Geständnis bei der Polizei ist die Leiche verschwunden und der Wohnungsbesitzer Hauweg (Gerd Baltus) zeigt sich überrascht. Derrick glaubt dem Drogenabhängigen, obwohl es keinen Beweis für dessen Aussage gibt …

Eine schöne Episode, in der Ekkehard Belle, der Mann mit dem Babyface und dem unvorteilhaften Wuschelkopf, sich endlich einmal beweisen kann. (Heute wissen wir, was er draufhat: Er ist immerhin die deutsche Synchronstimme von Steven Seagal.) Die Geschichte ist durchweg interessant, zumal sie nicht sklavisch am Kriminalfall klebt, sondern sich dem Schicksal des Fixers annimmt und Derrick die Gelegenheit gibt, seine menschliche Seite zu zeigen. Sehr gut ist auch Traugott Buhre als Erichs gehbehinderter Vater, der gesteht, er lasse sich von seinem Sohn waschen, damit der wenigstens noch eine tägliche Verpflichtung habe. Diana Körner und Bernd Herzsprung sind etwas verschenkt, Hans Peter Hallwachs zeigt dafür endloses Potenzial als oberschmieriger Zuhälter, der sich als „Unternehmensberater“ ausgibt.

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Episode 104: Tödliches Rendezvous (Jürgen Goslar, 1983)

Ein Bankräuber kann in einem Taxi vor dem ihn verfolgenden Derrick fliehen. Der Taxifahrer Walter Hagemann (Peter Ehrlich) erkennt den Maskierten jedoch an seiner Stimme und schlägt ihm einen Deal vor: sein Schweigen gegen einen Anteil der Beute. Doch das finanzielle Glück hat einen hohen Preis: Als nämlich ein junger Mann, den der Bankräuber im Verlauf seines Überfalls niedergeschlagen hatte, seinen Verletzungen erliegt, bringt der Täter den nun gefährlichen Hagemann kurzerhand um …

Nach ein paar etwas lustlos und unausgegoren anmutenden Folgen hatte ich ja schon die Befürchtung, die Zeit der DERRICK-Herrlichkeit sei vorbei. „Tödliches Rendezvous“, die erste von Jürgen Goslar inszenierte Episode, ist zwar kein Klassiker, aber ein merklicher Schritt hin zur alten Stärke. Die Episode zeichnet sich durch ein klar strukturiertes Drehbuch mit einem nachvollziehbaren Konflikt und diese spezielle Dynamik aus, die den Betrachter dazu zwingt, mit den zu Tätern gewordenen Normalos zu zittern. Thomas Schücke ist mal wieder mit von der Partie, als Sohn des Taxifahrers, der um jeden Preis an dem Geld festhalten will, und natürlich ideal für den Typus des sich für obercool und intelligent haltenden Schnösels, dem dann merklich die Düse geht, wenn er dem Terrier namens Derrick gegenübersitzt. Die Besetzung ist eh vorzüglich: Peter Ehrlich sehe ich immer gern, neben Schücke ist mit Verena Peter ein weiterer DERRICK-Regular dabei (als Tochter), das Todesopfer wird gegeben von Robinson Reichel, der seinen ersten von sieben Auftritten im Rahmen der Reihe absolviert, und ein sehr verfallener Erik Schumann wirkt in einer zwar kurzen, aber doch sehr wichtigen Rolle mit. Und Goslar inszeniert mit einem Drive, der anderen DERRICK-Machern eher abgeht. Das reicht.

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Episode 105: Lohmanns innerer Frieden (Jürgen Goslar, 1983)

15 Jahre hat Alex Lohmann (Martin Benrath) unschuldig im Gefängnis gesessen. An seiner Stelle hat der eigentliche Täter, Lohmanns alter Freund Schorff (Sieghardt Rupp), Hanna (Christiane Krüger), Lohmanns Ex, geheiratet, die ihm auch das entscheidende Alibi verschafft hatte. Nun wird Lohmann entlassen, doch nichts könnte ihm ferner liegen als Rache. Das kann wiederum seine Familie, bei der er untergekommen ist, überhaupt nicht nachvollziehen. Vor allem sein Schwager Willi (Udo Thomer) und sein Neffe Ludwig (Stephan Reichel) sticheln ohne Unterlass …

Goslar brauchte genau zwei Folgen, um sich mit seinem ersten Meisterwerk einen Platz in den DERRICK-Annalen zu sichern. „Lohmanns innerer Frieden“ wirkt wie eine Variation auf „Der Untermieter“, was nicht die schlechteste Ausgangsbasis ist, hat ein tolles Thema, in Martin Benrath einen exzellenten Hauptdarsteller, ein paar schicke, wunderbar zeitgenössische Inszenierungseinfälle und dazu ein ordentlich reinknallendes, perfides Ende. Zugegeben, Reinecker übertreibt es in dem Bemühen, den vermeintlich „Normalen“ ein schlechtes Zeugnis auszustellen, hier ein wenig: Dass Lohmanns Verwandte ihn förmlich zur Rache anstacheln, wirkt genauso übertrieben wie die Szene, in der der empfindsame Ex-Knacki durch einen Besuch in der Spielhalle und die dort auf ihn einprasselnden Pixelgrafiken desensibilisiert wird. Aber irgendwie ist das auch wieder egal, denn a) ist Udo Thomer einfach super als sensationsgeiles, schadenfrohes und missgünstiges Teufelchen auf Lohmanns Schulter und b) kommen schnell geschnittene Videospiel-Montagesequenzen aus jenen Tagen einfach immer gut. Und dann ist da ja noch dieses Ende …

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Episode 106: Attentat auf Derrick (Zbynek Brynych, 1983)

Auf Derrick wird ein Mordanschlag verübt. Während der Oberinspektor im Krankenhaus liegt, beginnt Harry seine Ermittlungen: Er vermutet die inhaftierte Unterweltgröße Korda hinter dem Mordversuch und zieht den Ex-Polizisten und V-Mann Jacobsen (Karl Renar) hinzu. Der schlägt Harry wiederum vor, sich an Michael (Till Topf), den ahnungslosen Sohn Kordas, zu wenden, um sein Vertrauen zu gewinnen. Harry macht sich als Anwalt an den Jungen ran, der sich von dem vermeintlichen Juristen Informationen über seinen Vater erhofft …

Geile Episode, in der Reinecker’scher Moralismus, Brynych’sche Wildheit und die in den frühen Achtzigern wie aus der Zeit gefallen annmutende Melodramatik der Serie zusammen einen kräftig-sämigen Eintopf ergeben. Die Szenen mit Harry am Krankenbett des bewusstlosen Derrick sprühen wieder vor unterschwelliger Homoerotik: Es ist auffällig, dass die immer dann in den Vordergrund tritt, wenn das Drehbuch dem Assistenten den Vortritt lässt. Auch nach über 100 Episoden ist Harry über den Status des Hiwis nicht hinaus: Ganz schön bitter, wenn man bedenkt, dass er Kommissar Keller einst verließ, um den nächsten Karriereschritt zu machen. Aber auch rätselhaft, dass Wepper davon nie genug zu bekommen schien. Möglicherweise konnte er sich andere Rollen nach 15 Jahren Assistententum nicht gerade aussuchen, aber dass sich seine Funktion bei DERRICK eigentlich darauf beschränkt, den Oberinspektor im direkten Vergleich besser aussehen zu lassen, kann schauspielerisch nicht besonders befriedigend gewesen sein.

Doch zurück zum Thema: Das Zusammenspiel zwischen Harry und Jacobsen hat durchaus etwas vom US-Großstadtkrimi (Harry trägt einmal einen grünen Armeeparka und eine schwarze Strickmütze und sieht damit aus, wie der Schwager vom Exterminator), auch wenn das mafiöse Empire von diesem Korda, dessen Keimzelle ein ultraschäbiger Nachtclub ist, in dem ein vogelscheuchenartiger DJ seinen Job als Mischung aus Ausdruckstanz und Kirmesanimation interpretiert, dann doch eher provinziell und unambitioniert anmutet. Es gibt am Schluss eine schier unglaubliche, gewissermaßen an das platonische Höhlengleichnis angelehnte Montagesequenz, die die Eindrücke zusammenfasst, die auf den armen Michael einprasseln und ihm zeigen, wer sein Vater wirklich war: eine Collage von blinkenden Neonlichtern, blitzenden Spielhallen, bestrumpften Beinen in High-Heels, die auf regennassem Kopfsteinpflaster auf und ab gehen, krass geschminkten Nuttengesichtern und halbseidenden Proleten vor glänzenden Luxusautos. Das Ganze endet, natürlich, mit dem Close-up auf den schreienden Michael, den Harry nach der Tour durchs Münchener Nachtleben erst einmal auf einen Absacker in eine Pinte mitgenommen hat: Das nennt man Fürsorge.

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Episode 107: Die Schrecken der Nacht (Zbynek Brynych, 1983)

In Giesing geht ein Serienmörder um, der nachts dunkelhaarige Mädchen erwürgt. Während Derrick sich in Reha befindet, tut sich Harry mit dem Giesinger Polizeiveteranen Ludewig (Dirk Dautzenberg) zusammen. Die Ermittlungen führen sie ins „Blaueck“, die Pinte von Bandener (Michael Toost), wo das letzte Opfer sich kurz vor seinem Tod aufgehalten hatte. Als alle Versuche, den Täter aufzuspüren, nicht fruchten, setzt Harry die Kollegin Carla Meissner (Monika Baumgartner) als Lockvogel ein …

Eine Serienmörderfolge, die wie der Vorgänger Vergleiche mit US-Vorbildern herausfordert und Harry einen Partner zur Seite stellt, ohne den er scheinbar keinen Fall lösen kann. Ist der liebenswerte, manchmal etwas naive Harry in der Zusammenarbeit mit Derrick lustigerweise der spießigere der beiden, wird er hier vom Traditionalisten Ludewig auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt, als er modernen Schnickschnack wie Monitor, Überwachungskameras und Richtmikrofone anschleppt, aber am Ende fast den Tod seines Lockvogels verschuldet. Dieses Ende ist der einzige Wermutstropfen in einer ansonsten sehr stimmungsvollen Episode: DERRICK ließ pfundige Actionszenen fast immer vermissen, auch wenn sie manchmal den letzten Kick gegeben hätten, und Brynych ist erstaunlicherweise einer derjenigen, die in dieser Hinsicht regelmäßig versagen. Das Finale mutet in seiner Hölzernheit eher unfreiwillig komisch statt spannend oder gar erschreckend an, kann den positiven Gesamteindruck aber zum Glück nicht schmälern. Mit Thomas Asam und Volker Eckstein spielen zwei Dauerbrenner mit.

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Episode 108: Dr. Römer und der Mann des Jahres (Theodor Grädler, 1983)

Ein Wissenschaftler wird in seinem abgesicherten Labor erschossen. Zeugen erklären, dass der Mann, den sie kurz zuvor in das Gebäude hatten gehen sehen, der ehemalige Mitarbeiter Dr. Römer (Erich Hallhuber) war, der drei Monate zuvor in der Nervenheilanstalt von Prof. Rotheim (Ernst Schröder) verstorben ist. Bei seinen Ermittlungen findet Derrick heraus, dass Römers Arbeitgeber an der Herstellung künstlicher Intelligenz arbeitet und Römer – wie auch sein Arzt Rotheim – der Meinung waren, die Erfindung stürze die Menschheit in den Untergang …

Theodor Grädler ist für mich ja der heimliche Held von DERRICK. Haugk, Brynych oder auch Vohrer mögen die größeren Einzelepisoden hervorgebracht haben, aber Grädler ist wohl derjenige, der den Ton der Serie nicht nur am verlässlichsten trifft, sondern ihn durch bloße Beharrlichkeit und Beständigkeit auch ganz entschieden geprägt hat. „Dr. Römer und der Mann des Jahres“ ist ein gutes Beispiel. Die Episode ist ein bisschen tranig, konzeptschwer und sperrig, dabei aber immer auch wieder seltsam trashig und pulpig: Der Computerraum, in dem der initiale Mord verübt wird, würde jedem Jess-Franco- oder David-DeCoteau-Film zur Ehre gereichen. Und das Ende knallt einem mit seinem Retrofuturismus, der philosophischen Message und den programmatisch stummen Credits voll in die Fresse. DERRICK ist unverkennbar ein Kind der plüschig-muffigen Siebziger, reckt sich von seinem grünbraunen Ohrensessel immer wieder ambitioniert nach den unerreichbaren Klassikern der linken Kulturrezeption, nur um auf halbem Weg an der Gesamtausgabe von Heinrich Böll hängenzubleiben, nachdem es sich am Hirschgeweih den Kopf gestoßen hat. Dass ungefähr zur selben Zeit, ein paar Tausend Kilometer weiter westlich, eine Serie wie MIAMI VICE entstand, kann man kaum glauben, wenn man sich das hier zu Gemüte führt. Grädlers „Dr. Römer und der Mann des Jahres“ wirkt wie aus einer anderen Galaxie. (Schon allein der Titel!) Toll.

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Episode 109: Das Mädchen in Jeans (Theodor Grädler, 1984)

Alwin Hauff wird in seiner Wohnung vergiftet aufgefunden. Offensichtlich hatte jemand ein paar präparierte Pralinen in seiner Wohnung hinterlassen, die den Aussagen von Nachbar Martin (Otto Bolesch) zufolge immer offenstand. Als sich herausstellt, dass Alwins Schwester und Mitbewohnerin Rita (Anja Jaenicke) ein Verhältnis mit dem viele Jahre älteren, beruflich erfolgreichen und gesellschaftlich hoch gestellten Wissenschaftler Prof. Joachim von Haidersfeld (Herbert Fleischmann) hatte, vermutet er, dass die Pralinen nicht für den Bruder gedacht waren …

Die Besetzung von Anja Jaenicke in der Rolle Ritas darf man wohl „kongenial“ nennen: Es tut mir schrecklich leid für die Schauspielerin, aber ich kann ihre Fresse einfach nicht ertragen. Schon damals bei DIESE DROMBUSCHS ging sie mir als „Yvonnche“ massiv auf die Nerven mit ihrer ständig Bocklosigkeit zum Ausdruck bringenden Visage. Die Verachtung, die sie vonseiten der Frauen um den Professor – seiner Gattin (Elisabeth Müller), seiner Mutter (Alice Treff) und seiner Haushälterin (Anaid Iplicjian) – auf sich zieht, kann ich demnach nur zu gut nachvollziehen. Die Beziehung zwischen ihr und Fleischmann wirkt einfach lächerlich. Aber das ist wohl auch der Sinn der Sache: Man soll das nicht verstehen, lediglich die Tatsache akzeptieren, dass so etwas passieren kann. Und versuchen, die Sehnsucht nachzuvollziehen, die ein Mann des Geistes und der Hochkultur nach einem Menschen entwickelt, der mit viel basaleren Bedürfnissen beschäftigt, weniger in gesellschaftliche Zwänge und überkandidelte Bräuche involviert ist. Bei der Zeichnung des Haiderfeld’schen Haushalts ist Reinecker voll in seinem Element, lässt Alice Treff über „das, was man heute so Musik nennt“ geifern und die hüftsteifen Würdenträger zu einem im heimischen Salon veranstalteten Streicherkonzert auflaufen. Wie sich die feinen Herrschaften da anmaßen, über einfache Leute zu urteilen, lässt einem den Kopf schon rot anlaufen, aber ein bisschen mehr Geschmack hätte der Haiderfeld durchaus an den Tag legen dürfen.

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Episode 110: Die Verführung (Helmuth Ashley, 1984)

Der Schüler Erich Wobeck (Hans-Jürgen Schatz) macht die Bekanntschaft von Knut (Helmut Dauner), der den jungen Mann in seine Clique einführt. Man weiß früh, dass sie einen bösen Plan verfolgen und so kommt es dann auch: Willi (Werner Stocker) überredet Erich, ihm bei einem Einbruch zu helfen. Erich willigt ein, nur um wenig später als Einbrecher und Mörder verhaftet zu werden. Sein Vater (Gert Günther Hoffmann), selbst Polizist, ist entsetzt – und bittet Derrick um Hilfe. Der muss aber zur Kenntnis nehmen, das zwei Männer Willi ein Alibi für die Tatzeit geben. Einer von ihnen ist Karl Georg Zander (Karl Obermayr), den Wobeck vor Jahren ins Gefängnis gebracht hatte …

Die Folge von Ashley kehrt strukturell in die Anfangszeiten der Serie zurück, was bedeutet, dass es ziemlich lang dauert, bis Derrick auftritt. Bis dahin folgt der Zuschauer dem naiven Erich, der keine Freunde hat und auf die Zuwendung vom coolen Knut und seinen noch cooleren Kumpels entsprechend anspringt. Hans-Jürgen Schatz, der wenig später als Karteikarten pflegender Kollege Fabers in DER FAHNDER bekannt werden sollte, ist auch ohne Brille die Idealbesetzung für den blässlich-uncoolen Typen, der auf die Manipulationen der Übeltäter gnadenlos hereinfällt. Besonders schön an dem Anfangsdrittel sind die Nachtszenen in München, vor allem eine Motorradfahrt durch die beleuchteten Straßen hat mir gut gefallen. Der anschließende Fall ist dann weniger knifflig, als es zunächst den Anschein hat, weil Derrick auf den ersten Blick sieht, dass Erich weder ein Einbrecher noch ein Mörder ist. Dass es trotzdem nicht langweilig wird, liegt vor allem an Karl Obermayr, dessen Zander einer jener Schurken ist, die man mit Begeisterung hassen kann. Seine ätzende Schadenfreude, die Herablassung für Wobeck und die Arroganz, mit der er seinen vorübergehenden Triumph auskostet wird durch seinen zumindest für Preußen wie mich unerträglichen Dialekt noch gehörig verstärkt. Was für ein Arschloch!

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Episode 111: Manuels Pflegerin (Helmuth Ashley, 1984)

Der München-Reisende Dr. Masilke (Alf Pankarter) wird in seinem Hotel erschossen. Sein Freund, der Bauunternehmer Dr. Wolfgang Rohm (Herbert Fleischmann), steht vor einem Rätsel, hatte sich Masilke doch schon vor Jahren aus allen Geschäften zurückgezogen, nachdem er sich wegen der Industriespionage seiner damaligen Sekretärin verantworten musste. Zeitgleich bändelt Rohms jüngerer, querschnittsgelähmter Bruder Manuel (Sascha Hehn) mit seiner neuen Pflegerin Ingrid (Susanne Uhlen) an …

Ach, herrje. Ich habe ja durchaus ein Faible für den Schmierschmalz, der in DERRICK mitunter zelebriert wird. Wenn Hehns Manuel seine Ingrid in der schwerfälligen Reinecker’schen Prosa anschmachtet und dazu tiefmelancholische Klaviermusik ertönt, übt das durchaus einen gewissen perversen Reiz auf mich aus, aber Ashley versäumt es mit „Manuels Pflegerin“ leider, den passenden Kontrapunkt zu solch fragwürdiger Romantik zu finden. Dass der ganze Kriminalfall irgendwie holprig konstruiert und insgesamt unglaubwürdig ist, hilft auch nicht gerade.

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Episode 112: Drei atemlose Tage (Alfred Vohrer, 1984)

Die beiden arbeitslosen Kumpel Harald (Ekkehardt Belle) und Karl (Stefan Flemming) vertreiben sich ihre Tage mit postpubertärem Gehabe, das die Grenzen dessen, was man Sympathieträgern noch nachsieht, auch schon einmal überschreitet. Als sie ein Auto klauen, in dessen Kofferraum sich Heroin befindet, will Karl es zurückgeben. Doch von dem Treffen mit den Verbrechern kommt er nicht mehr zurück. Harald verschweigt gegenüber Derrick, was er weiß, denn er will den mutmaßlichen Täter Jablonski (Sky DuMont) selbst zur Strecke bringen.

Ekkehardt Belle hat sich endlich einen menschenwürdigen Haarschnitt zugelegt. Die geradezu väterliche Zuneigung, die ihm Derrick entgegenbringt, macht die Folge sehr warm und menschlich, auch wenn Harald und Karl diese Sympathie aus heutiger Sicht nicht unbedingt rechtfertigen. Beide sind zwar keine schlechten Menschen, aber ihr Halbstarkengetue und das, was sie als „Dampfablassen“ bezeichnen, würde heute sicherlich auf nicht mehr ganz so viel Nachsicht und Verständnis stoßen. Trotzdem: Die Szenen, in denen sich Derrick das Vertrauen des jungen Mannes förmlich erkämpft, sind sehr schön, und wenn er Harald am Ende in letzter Sekunde noch vor den Schurken retten kann, zugibt, sich Sorgen um ihn gemacht zu haben, offenbaren sich ganz neue Seiten an Derrick. Es hätte mich nicht gewundert, wenn er Harald anschließend adoptiert hätte. Ute Willing ist auch wieder dabei und sieht erneut fantastisch aus, Sky DuMont ist hingegen mal wieder ein bisschen verschenkt – sieht aber auch fantastisch aus.

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Episode 113: Tödlicher Ausweg (Alfred Vohrer, 1984)

Sehr zum Missfallen seiner Familie – Gattin Antonia (Reinhild Solf) und Sohn Rudolf (Pierre Franckh) – will Günter Hauser (Udo Vioff) die viele Jahre jüngere Hanna (Olivia Pascal) heiraten. Doch dann wird das Mädchen ermordet und der wie gelähmte Hauser kehrt zu seiner Familie zurück. Der Mordverdacht fällt zunächst auf den exaltierten Rudolf, einen Kindergärtner, der sehr genaue Vorstellungen davon hat, was richtig und falsch ist …

Olivia Pascal ist leider schon tot, bevor sie einen wirklich bleibenden Eindruck hinterlassen kann. Immerhin gibt es eine Aerobicszene mit ihr. Ansonsten gehört diese Folge ganz Pierre Franck, dem DERRICK-Veteran. Ein bisschen unheimlich ist er ja immer, aber hier wird das ihm inhärente Psychopotenzial erstmals voll ausgeschöpft. Wenn er da über die Erziehung von Kindergartenkindern schwadroniert, seinen Beruf offensichtlich nicht nur mit großer Inbrunst ausübt, sondern eine echte Lebensphilosophie darauf aufbaut, sieht man schon den kommenden Serienmörder vor sich. Natürlich ist er dann doch nicht der Täter. Die Episode bietet nicht allzu viele Überraschungen, aber diese Folgen, in denen sich der ganz normale Horror in den vermeintlich vornehmen Familien entbirgt, zählen mit zu meinen liebsten. Das ist eine davon.

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Episode 114: Keine schöne Fahrt nach Rom (Alfred Weidenmann, 1984)

Martin Maurus (Thomas Schücke) will gemeinsam mit seiner Freundin Sabine (Beate Finckh) per Anhalter nach Rom fahren. Sie endet allein in einem Lkw, Martin versucht ihn mithilfe eines vorbeikommenden Autofahrers Henschel (Heinz Reincke) zu stoppen, doch der Mann bekommt kalte Füße und wirft den jungen Mann raus. Wenig später findet man die Leiche von Sabine, der Lkw, in dem sie mitfuhr, stellt sich als gestohlen heraus. Derrick glaubt, dass der Mann, der Martin mitnahm, möglicherweise mit den Lkw-Dieben unter einer Decke gesteckt haben könnte.

Hier bekommt Thomas Schücke, der schon ein paarmal mit von der Partie war, viel Raum. Und wie er da vor sich hin brütet, man lange Zeit nicht so genau weiß, was er eigentlich im Schilde führt, prägt die Folge von Weidenmann, der es leider gegen Ende ein bisschen versäumt, noch eine Schippe draufzulegen. Aber das ist ja auch nichts Neues bei DERRICK: So ’nen richtig geilen Showdown hatte die Serie bisher noch nicht in petto. Aber gut, Heinz Reincke mal als Bösewicht und Ulli Kinalzik als Mörder mit den Jeans in den Cowboystiefeln hat ja auch was.

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Episode 115: Ein Spiel mit dem Tod (Theodor Grädler, 1984)

Der alternde Safeknacker Kussloff (Horst Wessely) wird beim Einbruch in das Haus des Unternehmers Hossner vom Alarm überrascht, kann aber noch fliehen. Den Schreck erlebt er am nächsten Morgen, als er in der Zeitung lesen muss, dass er wegen Mordes gesucht wird: Der Hausbesitzer wurde tot vor dem offenen Safe gefunden. Für Derrick stimmt etwas nicht an der Geschichte, die ihm Hossners Gattin Agnes (Kristina Nel), sein Bruder Ulrich (Wolf Roth) und sein Angestellter Muschmann (Edwin Noel) erzählen. Dass ihn Kussloffs Tochter Lena (Verena Peter) aufsucht und die Unschuld ihres Vaters beteuert, der auf einen Tipp hin in Hossners Haus einstieg, passt da gut ins Bild …

Gute Durchschnittsepisode, die meines Erachtens besser geworden wäre, wenn Wessely als alter Gewohnheitsverbrecher, der keine Hoffnung auf ein normales Leben sieht, noch länger hätte mitmachen dürfen. Die Hossners sind wieder eine dieser durch und durch verkommenen Unternehmerfamilien, in denen jeder zu allem fähig scheint, aber alle es perfekt verstehen, nach außen den schönen Schein zu wahren. Wolf Roth trägt Halstücher unter dem Hemd und hat einen mondänen Gehstock, weil er eine Beinprothese trägt.

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Episode 116: Ein Mörder zu wenig (Alfred Vohrer, 1984)

Walter Kramer (Wolfgang Wahl) fordert seinen Arbeitskollegen Alois Bracht (Dirk Dautzenberg) dazu auf, einen Lottoschein auszufüllen. Die Freude bei Bracht ist grenzenlos, als er feststellt, tatsächlich sechs Richtige getippt zu haben. Doch Kramer, der den Schein unter seinem Namen eingereicht hat, denkt gar nicht daran, den Freund zu beteiligen. Ist seine folgende Ermordung die Strafe für den Betrug? Oder hat doch Kramers scheidungswillige Gattin (Karin Baal) etwas damit zu tun?

Die Folge gefällt, weil die Ausgangssituation wirklich schmerzhaft gemein ist: Dautzenberg ist genau der richtige Typ, um ihm einen Millionengewinn auf diese Art und Weise vorzuenthalten. Die Folge ist lange Zeit spannend, weil es wirklich gelingt, mehrere Figuren verdächtig erscheinen zu lassen. Karin Baal, Dautzenberg und der ewige Loser Volker Eckstein: Jedem traut man den Mord zu. Dass dann doch noch ein anderer Täter aus dem Hut gezaubert wird, ist eigentlich schon ein bisschen zu viel des Guten.

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Episode 117: Angriff aus dem Dunkel (Jürgen Goslar, 1984)

Nach einer Reihe mysteriöser Anrufe trifft der Mordanschlag nicht Ute Reiners (Birgit Doll), sondern deren Freundin. Die junge, elterlose Frau ist völlig fassungslos: Wer könnte ihr etwas antun wollen? Ein Telegramm, mit dem sie aufgefordert wird, einen ihr völlig unbekannten sterbenden Mann im Krankenhaus zu besuchen, macht die Sache nur noch rätselhafter …

Gute Folge, die lange im Dunkeln lässt, worin die Verbindung zwischen der jungen Frau und dem Mann im Krankenhaus eigentlich besteht. Als das dann offengelegt wird, wird’s ein bisschen herkömmlich, aber es reicht immer noch für eine überdurchschnittliche Episode.

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Episode 118: Ende einer Sehnsucht (Michael Braun, 1984)

In einem Hotelzimmer wird ein junger Mann tot von einem von Derricks Kollegen Merck (Robert Kappen) aufgefunden. Bei dem Toten handelt es sich um einen ehemaligen Freund von Mercks Tochter Irene (Marion Martienzen). Die beiden waren unzertrennlich, zusammen auf der Suche nach spiritueller Erfüllung um die Welt gereist und hatten dabei wohl auch mit Drogen experimentiert …

Die Sichtung dieser Folge liegt mittlerweile Monate zurück und ich kann mich nur noch sehr dunkel an sie erinnern. Herausragend ist in jedem Fall der Auftritt eines Gitarristen, der aussieht, als sei er in eine Kiste mit den schlimmsten Klamotten der Achtziger gefallen.

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Episode 119: Gangster haben andere Spielregeln (Alfred Vohrer, 1984)

Ein Student (Jan Niklas) lässt sich von einem ehemaligen Arbeitskollegen, dem wankelmütigen Dr. Blunk (Klausjürgen Wussow), zu einem Einbruch in die Wohnung von Dr. Balthaus (Hans Korte) überreden, um dort wertvolle Unterlagen zu stehlen. Erst wird er von Balthaus‘ Gattin Ruth (Evelyn Opela) erwischt, wenig später ist er tot …

In Erinnerung geblieben ist mir Wussow, der sich als Blunk beim Besuch von Derrick erst mal ganz unverdächtig einen steifen Drink eingießt. Derricks Frage, ob Blunk Alkoholiker sei, ist angesichts der Anzahl von Cognacs, Whiskeys und Weißbieren, die der Oberinspektor in den zehn Jahren seiner Fernsehtätigkeit im Dienst verköstigt hat, ziemlich unverschämt und lässt Blunk dann auch prompt aus der Haut fahren: Da steht jemand gehörig unter Stress. Schön ist auch die dysfunktionale Ehe zwischen Balthaus und seiner Frau: Als sie ihm den Scheidungswunsch serviert, mahnt er sie dazu, noch einmal gut darüber nachzudenken, was sie alles verlieren werde. Dann dreht er sich um und verlässt den Raum.

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Episode 120: Das seltsame Leben des Herrn Richter (Theodor Grädler, 1984)

Der Versicherungsvertreter Richter (Klaus Behrendt) wird während eines Treffens mit seinem Sohn (Edwin Noel) im Park von einem Unbekannten erschossen. Es stellt sich heraus, dass der brave Richter ein Doppelleben in Saus und Braus führte: Er verdiente sich etwas zu seinem kargen Gehalt, indem er einen Einbrecherring über die versicherten Vermögen informierte …

Interessante Episode, weil die Idee des Doppellebens mal was Neues ist und Jürgen Behrendt der richtige Darsteller dafür: Er ist genau der Typ Biedermann, dem man so etwas nie zutrauen würde und der genau deshalb damit Erfolg hat. Klaus Höhne und Peter Bertram sind die Schurken.

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Episode 121: Der Klassenbeste (Theodor Grädler, 1984)

Wolfgang Anders (Ralf Schermuly) verursacht auf dem Heimweg von seinem Klassentreffen einen Unfall mit Todesfolge. Zwei Anhalterinnen (Helga Anders & Anne Bennent) helfen ihm, die Spuren zu tilgen und überreden ihn zur Fahrerflucht: Später erpressen sie ihn und nisten sich bei ihm in der Wohnung ein …

Sehr stressige Folge, weil man dem braven Anders ständig zurufen möchte, dass er sich doch gegen das böse Spiel der beiden Mädels – zu denen auch noch die passenden Typen aus dem Milieu gehören – wehren möge. Aber er ist natürlich viel zu schwach, um sich durchzusetzen. Der schlimmste Moment ist sicher der, als er seiner Verlobten verzweifelt versucht zu erklären, warum da zwei halbnackte Frauen in seiner Wohnung hausen.

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Episode 122: Stellen Sie sich vor, man hat Dr. Prestel erschossen (Zbynek Brynych, 1984)

Der Staatsanwalt Prestel (Peer Augustinski) wird vor seiner Wohnung aus einem Auto erschossen. Er war in Begleitung von Dora Kolberg (Ursula Lingen), der Ehefrau des gehbehinderten Verlegers Alexander Kolberg (Armin Müller-Stahl). Der Anwalt hatte auch im Fall Kolbergs die Verhandlungen geführt und ihm darüber die Frau ausgespannt. Ein Motiv gibt es, aber Kolberg ist unfähig ein Fahrzeug zu führen …

Diese Folge habe ich unter denkbar ungünstigen Umständen in mehreren Etappen gesehen und kann deswegen kein verlässliches Urteil abgeben. Richtig umgehauen hat sie mich nicht, aber vielleicht ändert sich das bei einer zweiten Sichtung.

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Episode 123: Der Mann aus Antibes (Jürgen Goslar, 1984)

Eine junge Frau (Irina Wanka) wird erstochen. Die Spur führt zu ihrem Geliebten Limbach (Sky DuMont), einem schmierigen Filou, der die Frauen wechselt wie andere die Unterwäsche und keinerlei Mitgefühl angesichts der Todesnachricht zeigt. Wenig später taucht mit Bondeck (Christian Kohlund) ein zweiter Ex-Geliebter der Toten auf: Er ist der festen Überzeugung, dass Limbach der Mörder ist und will Derrick helfen, ihn dingfest zu machen.

Sky DuMont ist alles in dieser Folge: Limbachs Wohnung ein Albtraum neureicher Geschmacksverirrung, er selbst das Paradebeispiel eines selbstverliebten Lackaffen. Bondeck ist demgegenüber der Kumpeltyp in Turnschuhen, ein echter Mann, der im Einklang mit seinen Gefühlen ist und deshalb natürlich die Sympathien auf seiner Seite hat. Man ahnt allein aufgrund dieser Konstellation, dass Limbach nicht der Mörder sein kann, aber die Episode ist trotzdem ganz gut.

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Episode 124: Gregs Trompete (Jürgen Goslar, 1984)

Der Musikstudent Joachim Lutze (Ekkehardt Belle) kommt an einem Unfallort vorbei und nimmt das Opfer, eine junge Frau, mit ins Krankenhaus. Sie überantwortet ihm eine Tasche und bittet ihn, diese bei einem Herrn Berkhahn (Karl Renar) abzugeben, was Lutze auch tut. Als er das Unfallopfer, das er im Nachhinein als die Musikerin Susanne Loon identifiziert, im Krankenhaus besuchen will, erfährt er von Oberinspektor Derrick, das sie tot ist. Offensichtlich war Loon in Drogengeschäfte involviert …

Wie immer, wenn sich Drehbuchautor Reinecker mit Popmusik auseinandersetzt, wird es seltsam. Susanne Loon soll wohl eine Art Popstar sein, aber die Musik, die man von ihr hört, ist dann eher was für angegraute Musikexpress-Leser. Auf einem Plattencover, das in die Kamera gehalten wird, steht außerdem groß drauf, dass „Greg Norman“ die Trompete spielt, als könne man mit einem solchen Hinweis anno 1984 die Kids ködern. Naja. Pierre Franckh taucht auch wieder mal auf, genauso wie Wolfgang Müller, beide als Muckerkumpels besagten Gregs (Dieter Schidor), der als Heroinsüchtiger nichts anderes tut, als schwitzend in der Ecke einer gammeligen Bude zu sitzen. Der Schurke ist Sieghardt Rupp und die ganze Folge kommt trotz netter Einfälle nicht über Durchschnitt hinaus.

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Episode 125: Raskos Kinder (Theodor Grädler, 1984)

Michael (Volker Eckstein) und Anja Rasko (Anja Jaenicke) überreden den Kriminellen Alwin Docker (Peter Kuiper) zu einem Überfall auf einen Geldboten. Das pikante Detail: Der Geldbote ist ihr Vater (Peter Ehrlich), der dann auch prompt sein Leben lässt, als er sich gegen Docker zur Wehr setzt. Wenig später ist auch Docker tot, erschossen in seinem Motel, dass er zusammen mit seiner Geliebten Evelyn (Lisa Kreuzer) und dem Portier Kurt (Andreas Seyferth) führt …

Peter Ehrlich, die deutsche Antwort auf Ed Lauter, ist für mich das Highlight dieser schönen Folge. Wie er seinen beiden aus der Art geschlagenen Kindern versucht gut zuzureden, dass sie etwas machen sollen aus ihrem Leben, anstatt darauf zu hoffen, dass ihnen das große Geld in den Schoß fällt, ist sehr schön, genauso wie seine Unfähigkeit, ihnen ihre Faulheit wirklich übel zu nehmen. Peter Kuiper, sonst immer der Gewaltverbrecher, mit dem man sich bloß nicht anlegen sollte, darf hier einmal Schwäche zeigen: Sehr toll, wie ihn plötzlich die Angst überkommt, dass die beiden Amateure, mit denen er sich da eingelassen hat, ihn verpfeifen könnten. Und Eckstein und Jaenicke sind natürlich auch perfekt als verwöhnte, naive, letztlich furchtbar rückgratlose Jammerlappen.

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Episode 126: Toter Goldfisch (Zbynek Brynych, 1984)

Roland Marks (Hans Georg Panczak) und sein Geliebter Andreas Hessler (Gerd Böckmann) leisten sich ihren Lebensstil, indem ersterer sich auf die Annoncen älterer, wohlhabender Frauen meldet und diese dann nach Strich und Faden ausnimmt. Sein letztes Opfer hat sich daraufhin umgebracht, ein Umstand, der den mit Selbstmorden betrauten Lapper (Robert Naegele) zu Derrick führt, dem der weinerliche, lappenhafte Kollege zuwider ist. Marks hat indessen das nächste Opfer ins Auge gefasst: Julia Stettner (Elisabeth Wiedermann), die dem Charme des Studenten nach anfänglicher Skepsis und trotz Intervention ihres Sohnes Ingo (Thomas Astan) erliegt. Als Marks sie eines Abends in seine Wohnung bringt, liegt sein Freund Andreas tot auf dem Boden: Er ist durch die Tür erschossen worden …

Mal wieder ein echtes Meisterwerk von Brynych. „Toter Goldfisch“ hat alles, was eine DERRICK-Episode braucht: einen ultrakitschigen Titelsong von Frank Duvall, einige sehr bizarre Szenen sowie Darsteller, die am Rande des Nervenzusammenbruchs agieren. Panczak verbringt die letzten zehn Minuten im Zustand tränengeschüttelter Auflösung, Naegele entlockt mit seiner psychotisch-schlappschwänzigen Art einen Ausdruck des Ekels und des Widerwillens auf Derricks Gesicht, der absolut einmalig ist. Außerdem toll: Wie sich Derrick in der Kantine Maggi auf seine Semmel träufelt.

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lilliEpisode 38: Grau-roter Morgen (Theodor Grädler, Deutschland 1971)

Am Ufer der Isar wird die junge heroinabhängige Sibylle Laresser (Sabine Sinjen) tot aufgefunden – erschossen vom anderen Ufer aus. Die Ermittlungen führen Kommissar Keller zunächst in die Wohnung der Toten, die dort gemeinsam mit ihrer Mutter Hilde (Lilli Palmer) lebte. Diese hatte während der vergangenen 12 Monate verzweifelt versucht, ihre Tochter von den Drogen wegzubringen und dafür sogar ihren Ehemann (Hans Caninenberg) in Augsburg zurückgelassen …

Die Ermittlungsarbeit und überhaupt die Kriminalbeamten um Kommissar Keller treten in dieser fantastischen Episode deutlich in den Hintergrund. Mehr als um die Frage, wer Sibylle umgebracht hat, geht es um eine Mutter-Tochter-Beziehung und um die Frage, wie man die Liebe zu seinem Kind aufrechterhalten kann, wenn dieses sich für den Tod entschieden hat. Lilli Palmer liefert als liebe- und aufopferungsvolle, letztlich aber hilflose Mutter eine schauspielerische Tour de force, ohne jemals zu overacten oder auf die Tränendrüse zu drücken. Es lässt wohl nur den abgezocktesten Zuschauer kalt, wenn sie berichtet, wie sie ihrer Tochter den ersehnten Schuss setzte, weil diese einfach nicht mehr in der Lage war, ihre Venen zu treffen. Wenn sie von einem Dealer, dem sie auf dem Kneipenklo ein paar Ampullen Morphium abkauft, niedergeschlagen und ausgeraubt wird. Oder wenn sie ihre benommene Tochter nach stundenlanger verzweifelter Suche nachts zwischen lauter anderen Drogenabhängigen halb benommen im Monopteros-Tempel findet.

Reinecker kehrt mit seinem Drehbuch zum Stil von „Der Papierblumenmörder“ zurück, was bedeutet, dass es hier eher um den Blick auf das Innenleben einer seiner Figuren geht. Dort war es das um das Verständnis der Erwachsenen ringende Heimkind, hier die verzweifelt um das Leben ihrer Tochter kämpfende Mutter, die langsam aber sicher erkennen muss, dass es für ihr Kind keine Rettung gibt. Grädler inszeniert freilich nicht mit der kreativen Wildheit Brynychs, aber das muss er in diesem Fall auch nicht. Die Schmerzen der Mutter brauchen keine formale Verstärkung, es reicht, dass er seiner grandios aufspielenden Hauptfigur die Bühne bereitet. DER KOMMISSAR neigte in der Vergangenheit, wenn es um Drogen ging, zum altvorderlichen Spießertum, aber hier hält sich Keller mit seinen Vorverurteilungen dankenswerterweise zurück. Jedes Moralisieren ist fehl am Platze, wenn es um das Leid einer Mutter geht, die ihrem Kind beim Sterben auf Raten zusehen muss. Ein Meisterwerk deutscher Fernsehunterhaltung. Auch nach fast 50 Jahren noch.

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blumenEpisode 39: Als die Blumen Trauer trugen (Dietrich Haugk, Deutschland 1971)

Dr. Trotta (Paul Hoffmann) wird in seinem Haus erschossen. Auf seinem Plattenteller kreiste in den Wochen vor seinem Tod die Platte einer Münchener Beat-Combo (Heino Czechner, Klaus Wildbolz, Tommi Piper, Klaus Höring, Thomas Egg), deren Sängerin Jeanie (Silvia Lukan) selbst kurze Zeit zuvor nach einer missglückten Abtreibung ums Leben gekommen war …

„Als die Blumen Trauer trugen“ hat das Problem, ganz ähnlich aufgebaut zu sein wie die unmittelbar vorangegangene und emotional einfach niederschmetterndere Episode. Auch hier dringt der Zuschauer mittels Rückblenden tief in die Beziehung der männlichen Akteure zu der romantisch verklärten Sängerin ein, die von allen förmlich angebetet wurde. Die Identifizierung des Mörders ist eigentlich nebensächlich gegenüber dem Schmerz, den alle angesichts des Verlusts des „manic pixie dream girls“ spüren und der auch durch die Bestrafung des Täters nicht gelindert werden kann. Im Gedächtnis bleibt auf jeden Fall der Song, der da immer wieder erklingt, mit seiner fremdartigen, aber sofort einnehmenden Gesangsmelodie, in der sich Lebensfreude und eine tiefe Melancholie freundschaftlich die Hand reichen, auf eine Art und Weise, die der deutsche Schlager der frühen Siebzigerjahre perfektioniert hatte.

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Episode 40: Der Tod des Herrn Kurusch (Theodor Grädler, Deutschland 1971)

Herr Kurusch (Wolfgang Büttner) ist der bei allen Mietern verhasste Hausbesitzer, der jeden Monat persönlich die Miete einsammelt und sich trotz seines Reichtums nur eine bescheidene Wohnung gönnt. Der Student Ewald Lerche (Volkert Kraeft) fasst mit seiner Freundin Helga (Christiane Krüger) den Entschluss, den Mann in seiner Wohnung mit einem Hammer zu erschlagen und ihm das Geld abzunehmen. Vor Ort muss er aber feststellen, dass ihm jemand unmittelbar zuvor gekommen ist. Er lässt vor Schreck den Hammer fallen und flieht, wobei er von der Nichte des Toten, Annemarie Kurusch (Cornelia Froboess), gesehen wird. Er ist nun der Tatverdächtige Nummer eins und alle Indizien sprechen gegen ihn. Er ringt Keller die Möglichkeit ab, eigene Ermittlungen anzustellen …

Mit dieser Episode begibt sich Grädler zwar wieder auf vertrautes Krimiterrain, aber „Der Tod des Herrn Kurusch“ ist trotzdem toll, weil Reinecker einfach ein gutes Drehbuch geschrieben hat. Der Fall ist spannend, weil man sich gut mit der misslichen Lage, in der sich Lerche befindet, identifizieren kann. Die Sympathien fliegen ihm zu, obwohl er ja ein ziemlich jämmerlicher Typ ist: Keller hat durchaus Recht, ihm mit unverhohlener Verachtung zu begegnen. Dass Lerche „unschuldig“ ist, ist ja eher einem dummen Zufall geschuldet, als der charakterlichen Tadellosigkeit dieses Feiglings, der sich für ziemlich oberschlau hält, durch eine Verkettung dummer Fehler aber schließlich doch als Mordverdächtiger dasteht. Cornelia Froboess gibt wieder mal eine ihrer irgendwie unsympathisch-verknöcherten Besserwisserinnen, bei denen ich nie weiß, ob diese Figuren wirklich so sein sollen oder ob die Froboess einfach nicht anders kann.

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Episode 41: Kellner Windeck (Erik Ode, Deutschland 1971)

In einem Brunnen findet man den Kellner Windeck (Michael Verhoeven). Er wurde hinterrücks erwürgt und in den Brunnen gestoßen, irgendjemand hat ihm nach dem Tod noch die Schuhe ausgezogen und fein säuberlich auf den Boden gestellt. Bei den Ermittlungen finden Keller und seine Leute heraus, dass Windeck echten Schneid bei den Frauen hatte: Gleich mehrere vergießen ehrlich gemeinte Tränen um den sensiblen, zärtlichen Mann. Als Tatverdächtige kommen sofort drei Männer in Frage, die mit seinem Charme nicht mithalten konnten: sein Arbeitgeber Millinger (Claus Biederstaedt), der fiese Gruber (Hans Korte) und Erich Lorenz (Thomas Frey), der Sohn von Windecks Vermieterin (Angela Salloker) …

Die Episode ist nicht besonders aufregend, wirkt aber unvermindert aktuell, was ja nun eine irgendwie traurige Erkenntnis ist. Männer sind zu einem überwiegenden Teil Machoarschgeigen, die Frauen besitzen wollen, dann aber nichts mehr mit ihnen anzufangen wissen. Ein „Frauenversteher“ wie Windeck muss ihnen ein Dorn im Auge sein. Seiner vermeintlichen „Weichheit“ haben sie nichts, aber auch gar nichts entgegenzusetzen, außer natürlich roher Gewalt.

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asylEpisode 42: Ein rätselhafter Mord (Wolfgang Staudte, Deutschland 1971)

Ein Student wird auf offener Straße erschossen, als er die Wohnung seiner Freundin (Donata Höffer) verlässt. Die Obduktion ergibt, dass der Schuss aus dem ersten Stock eines Mietshauses abgegeben worden sein muss. Zwei Männer kommen für den Mord in Frage: Der Waffensammler Wilfried Kaiser (Thomas Astan), dessen Vater (Herbert Fleischmann) mehrere türkische Gastarbeiter in einer Abstellkammer wohnen lässt, und der Student Heymann (Manfred Seipold), der bei der strengen Frau Bassmann (Maria Wimmer) zur Untermiete lebt …

Es sind eher kleinere Details, die hier interessant sind, vor allem natürlich die Zeichnung des morbiden Wilfried: Dessen Zimmer ist übersät mit Italowestern-Plakaten („Lasst uns töten, Compañeros!“) und auf dem Plattenteller kreist Morricones „C’era una volta il West“ mit deutschem Voice-over, was Kommissar Keller, den alten Spießer, dazu veranlasst, die Augen ganz fest zusammenzukneifen. Der Exkurs zum Thema illegale Gastarbeiter ist auch ein schönes Zeitzeugnis, während die Gelassenheit, mit der Keller und Co. das Geständnis der erwachsenen Frau Schöne (Eva Ingeborg Scholz) aufnehmen, ein Verhältnis mit dem 16-jährigen Nachbarsjungen zu unterhalten, eher verwundert. Die Auflösung hat Reinecker geradwegs aus der Schublade mit der Aufschrift „Küchenpychologie“ gezogen. Und der Soundtrack wird größtenteils von Creedence Clearwater Revival bestritten, was super ist. Alles in allem unterhaltsam, aber kein Meilenstein.

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traumEpisode 43: Traum eines Wahnsinnigen (Wolfgang Becker, Deutschland 1972)

Bevor er aus der Nervenheilanstalt fliehen kann, bringt der Verrückte Kabisch noch zwei Menschen um. Gemeinsam mit seinem Arzt Dr. Hochstätter (Curd Jürgens) heften sich Keller und Co. an die Fersen des Mörders. Sie erwarten, dass er die Artistin Eva Raßner (Christine Kaufmann) aufsucht, die er einst umbringen wollte. Gemeinsam mit ihrem Gatten (Günter Stoll) weilt sie in München, weil dort gerade der Zirkus gastiert. Das Problem: Niemand weiß wie Kabisch aussieht, denn dessen Spezialität waren stets seine Maskierungs- und Schauspielkünste …

Hier wird ganz, ganz tief in die Exploitationkiste gegriffen und heraus kommt eine herrlich pulpige Episode, die zu allem Überfluss auch noch fantastisch besetzt ist. Curd Jürgens gibt erwartungsgemäß alles als Arzt, der bei der Behandlung eines kriminellen Masterminds die Grenze zum Wahnsinn höchstselbst überschritten hat. Seine mit unverhohlener Bewunderung für den Irren vorgetragenen Exegesen über dessen Philosophie sind eine echte Schau, entlocken dem nüchternen Keller mehr als nur ein befremdetes Augenrollen. Die Idee mit den Masken ist natürlich auch super, eine schöne Reminiszenz an die Gruselkrimis der Sechzigerjahre, deren Ausläufer zu Beginn der Siebzigerjahre ja immer noch in den Lichtspielhäusern der Nation zu bewundern waren. Man erkennt recht schnell, wer der Täter sein muss, weil Schnauz und Hasenzähne ein bisschen arg angeklebt aussehen, aber die Auflösung ist dann doch ganz hübsch. Horst Frank taucht gleich mehrfach auf und ich würde lügen, wenn ich behauptete, ich hätte ihn in allen seinen Verkleidungen erkannt. Geiler Pulp!

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Episode 44: Die Tote im Park (Wolfgang Staudte, Deutschland 1972)

Im Englischen Garten wird die Edelpostituierte Erika Halonde (Gaby Gasser) tot aufgefunden. Sie gehörte zum Zuhälter Rotter (Manfred Spies), der darüber erbost war, dass sie ein Verhältnis mit dem Nachtclub-Betreiber Dewanger (Siegfried Wischnewski) hatte. Bei den Ermittlungen bekommt Keller Unterstützung von Gerti Halonde (Heidelinde Weis), selbst eine Prostituierte, die zur Untermiete bei dem schwerkranken Erich Felz (Siegfried Lowitz) lebt. Als Gertis Vater (Martin Held) nach München kommt, hat sie ein Problem, denn er soll natürlich nicht erfahren, welchem Beruf sie nachgeht …

Eher mittelprächtige Folge, die aber von ihrer Milieudarstellung und dem gewohnt tollen Spiel von Heidelinde Weis profitiert. Die Szene, in der der fiese Rotter sie vor ihrem Vater als „Nutte“ bloßstellt und es plötzlich totenstill im zuvor noch pulsierenden Nachtclub wird, ist toll. Und Lowitz übt schon einmal für seine Rolle in der späteren DERRICK-Episode „Stiftungsfest“. Sonst fällt mir nichts ein.

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Episode 45: Schwester Ignatia (Dietrich Haugk, Deutschland 1972)

Die Ordensschwester Ignatia (Maria Becker) erkennt unter den jugendlichen Einbrechern, die nachts aus der Villa eines Millionärs fliehen, Jürgen Gebhardt (Volker Eckstein), in dessen Elternhaus sie zur Pflege seiner schwer kranken Mutter (Berta Drews) ein- und ausgeht. Sie schützt den Jungen, indem sie eine klare Aussage verweigert …

Mit „Schwester Ignatia“ vergeigt Reinecker erhebliches Potenzial: Die Tatsache, dass die Nonne einen Täter deckt, spielt für den Ermittlungserfolg eigentlich kaum eine Rolle, weil Keller und Partner auf ihren Hinweis kaum angewiesen sind. Der eigentliche Täter stellt sich schon ausreichend dumm an, aber wer will es ihm auch verdenken. Wieder einmal geht es hier um höchst fragwürdige Beziehungsspiele, bei denen ein verweichlichter Ehemann solange gute Miene zum bösen Spiel macht, bis die Wildsau mit ihm durchgeht. Passend dazu wird seine Ehefrau von der blonden Quasischwedin Ini Assmann gegeben, deren kurze Filmografie mit Titeln wie DER NÄCHSTE HERR, DIESELBE DAME, CARRERA – DAS GEHEIMNIS DER BLONDEN KATZE, PUDELNACKT IN OBERBAYERN, HUGO, DER WEIBERSCHRECK, BLONDE KÖDER FÜR DEN MÖRDER und SCHULMÄDCHEN-REPORT 6. TEIL: WAS ELTERN GERN VERTUSCHEN MÖCHTEN sehr aufschlussreich bestückt ist. Sie sagt in der ganzen Episode kein Wort, steigt ständig aus dem Pool oder klettert hinein und ist reichlich lazy als personifizierte Sünde gezeichnet.

Sein Ringelmann-Debüt gibt Volker Eckstein, hier mal nicht als blässlicher Softie, sondern als Halbstarker, der von der strengen Ignatia als Gegenleistung für ihr Schweigen auf den Pfad der Tugend geführt wird. Die Folge ist am besten, wenn sie sich der Zeichnung eines höchst banalen sozialen Elends widmet: Jürgens Mutter liegt schwitzend im Bett, ihrem Tod entgegenjammernd, der Vater ist ständig besoffen und völlig ohnmächtig, der Sohnemann will einfach nur weg. Nebenbei spielt Jan Hendriks noch einen arbeitslosen Vater, der ständig seine kleine Tochter verdrischt. Am Ende fällt Schwester Ignatia mit dem Fahrrad auf die Schnauze, als wolle Reinecker auch ihr noch einen mitgeben. Seltsam.

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Episode 46: Überlegungen eines Mörders (Dietrich Haugk, Deutschland 1972)

Auf Erika (Grit Böttcher), die junge Gattin des Unternehmers Hubert Taveller (Harry Meyen), wird ein Mordanschlag verübt. Die junge Frau hatte keinen besonders guten Stand in der Familie, wie Kommissar Keller schnell herausfindet. Sowohl Nora (Claudia Butenuth), Tavellers Tochter aus erster Ehe, als auch seine Ex-Gattin Irene (Nadja Tiller) halten wenig von ihr. Und dann ist da ja auch noch die Hausdienerin Franziska (Christiane Rücker), mit der der Hausherr ein Verhältnis hat …

Ja, nu. Die schöne Besetzung kann nicht ganz verhindern, dass ÜBERLEGUNGEN EINES MÖRDERS den Eindruck macht, als habe Reinecker sie zwischen zweitem Frühstück und Mittagsschläfchen geschrieben. Nicht schlecht, aber vergleichbare Fälle hat man zu diesem Zeitpunkt schon x-mal gesehen.

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schulmaedchenEpisode 47: Tod eines Schulmädchens (Theodor Grädler, Deutschland 1972)

Die Schülerin Kirsten Benda (Helga Anders) wird abends vor einer bekannten Spielhalle erschossen. Bei den Ermittlungen an ihrer Schule finden Keller uns seine Männer heraus, dass die Klassensprecherin bei Lehrern und Schulleitung (Wolfgang Preiss) höchst unbeliebt war: Sie galt ihnen als aufmüpfig, unmoralisch, ja sogar „böse“. Ihr Klassenlehrer Gebhardt (Heinz Bennent) wollte wegen ihr sogar den Beruf aufgeben. Nun, nach ihrem Tod, ist er aber plötzlich ganz anderer Meinung über sie …

Generationenkonflikt à la Reinecker: Schon die Jacke der Benda reicht aus, um den Stab über der Schülerin zu brechen. Wer sich so unweiblich anzieht, der muss mit dem Teufel im Bunde sein. Die Rückblendenstrategie ist hier besonders geschickt, weil ihre einzelnen Segmente den krassen Widerspruch zwischen den Aussagen der Erwachsenen über die ach so verkommene Kirsten und deren wirklichem Verhalten offenlegen. Man ist es schlicht und ergreifend nicht gewohnt, dass eine Jugendlich einen eigenen Willen zeigt, Antworten einfordert oder gar mit Argumenten überzeugt werden möchte, anstatt bloß willige Befehlsempfängerin zu sein. Es ist frappierend, dass niemand wirklich sagen kann, was sich dieser Satansbraten eigentlich hat zu Schulden kommen lassen: Aber auch, dass weder Keller noch seine Leute jemals wirklich danach fragen. Was Erwachsene über Jugendliche sagen, hat eben doch mehr Gewicht.

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tanzEpisode 48: Toter gesucht (Theodor Grädler, Deutschland 1972)

Der Ladenbesitzer Berneis (Bernrad Wicki) fängt Kommissar Keller eines Morgens aufgeregt ab. Er glaubt, sein Sohn Franz (Christopn Bantzer) habe einen Mord begangen, weil er am Vorabend mit einem blutverschmierten Hemd nach Hause gekommen sei. Keller glaubt dem Mann, zumal sich Indizien auf ein dunkles Geheimnis des Sohnes häufen. Nur eine Leiche fehlt …

Eine schöne, wenn auch nicht unbedingt spektakuläre Folge. Bernhard Wicki ist wunderbar mit seinem Rauschebart, dem Hut und dem ständigen Kippenrauchen, wie er seinen Nachbarn Keller da auf offener Straße abfängt, ihn zu einer konspirativen Sitzung in die kleine Küche hinter seinem Gemischtwaren holt und sich dann ständig selbst unterbricht, um sich zu vergewissern, dass sein inkriminierter Sohn nicht die Treppe herunterkommt. Der Kommissar ermittelt gewissermaßen auf eigene Faust, sehr zum Unverständnis seiner jüngeren Untergebenen, die angesichts des Mangels einer Leiche an seinem Verstand zu zweifeln beginnen. Aber Keller kann sich natürlich auf seine untrügliche Intuition verlassen, Er weiß, dass Franz Dreck am Stecken hat und weil ihm die Beweise fehlen, tut er das, was Oberinspektor Derrick später zur Kunstform erheben sollte: Er geht dem Täter mit seinen ständigen Überraschungsbesuchen gnadenlos auf die Nerven.

„Toter gesucht“ ist auch eine verhalten humorvolle Episode, weil sie Keller Gelegenheit gibt, den arroganten Schnösel gnadenlos abblitzen zu lassen. Und in einer ganz famosen Szene hört er sich mit wissendem Lächeln und in aller Seelenruhe die Beleidigungen des Morgenluft witternden Buben an. Es tut ein bisschen weh, weil sein Gegenüber auch ein ganz kleines bisschen Recht hat, wenn er Keller ein tristes Spießerleben vorwirft, aber der schluckt es runter, weil er genau weiß, wo das Großmaul in Bälde landen wird. Dann lässt er sich von dessen Freundin Anita (Eleonore Weisgerber) zu einem Tänzchen auffordern und was eigentlich als Demütigung gemeint ist, wird zum stillen Triumph des alten Mannes, der den Exkurs auf die Tanzfläche durchaus genießt.

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Episode 49: Ein Amoklauf (Wolfgang Becker, Deutschland 1972)

Weißmann (Gerd Baltus) hat vor Jahren seinen Schwiegervater sowie seine beiden Kinder erschossen, als er herausfand, dass seine Gattin Hannelore (Krista Keller) ihn mit einem anderen Mann betrügt. Jetzt ist ihm die Flucht aus dem Gefängnis gelungen und Keller und seine Assistenten wissen, wo er hin will: Zu seiner alten Wohnung, wo Hannelore mit besagtem Mann, ihrem neuen Gatten (Götz George) lebt. Während Harry mit dem behandelnden Psychiater (Charles Regnier) in einer Kneipe gegenüber der Wohnung wartet, beschützt Walter die verängstigten Eheleute – und erfährt, was Weißmann damals die Sicherungen durchbrennen ließ …

Eine Belagerungsfolge, die viel Spannung aus ihrer einfachen Konstellation bezieht, auch wenn man ahnt, dass es nicht zu einem weiteren Amoklauf kommen wird. Wie auch in späteren DERRICK-Folgen wird hier wieder ein sehr seltsames und verdrehtes Bild einer „Liebes“-Beziehung gezeichnet: Was ging nur in Reineckers Kopf vor? George interpretiert seinen Neumann ausnahmsweise mal nicht als selbstbewussten Supermacho, sondern im Gegenteil als ziemlich jämmerlichen Feigling, der angesichts des möglichen Todes auf alle vor dem Pfarrer geleisteten Eheschwüre pfeift und nur daran denkt, sein Gewissen zu beruhigen und sauber davonzukommen. Ein ekelhafter Typ. Seine Gattin hingegen entspricht eher dem Typus der gefühlskalten und verantwortungslosen Schlampe, die ihren Mann einst mit perfider Schadenfreude und ohne schlechtes Gewissen hinterging und bizarrerweise keinerlei Probleme damit hat, weiterhin in der Wohnung zu leben, in der ihre eigenen Kindern einen gewaltsamen Tod fanden. Walters Gesichtszüge entgleisen mehr als einmal, ob der Darbietung der beiden, der er da beiwohnen darf.

Baltus als Amokläufer ist natürlich eine strategische Besetzung: Man assoziiert ihn ja eigentlich eher mit biederen Waschlappen der Marke Versicherungsvertreter oder Buchhalter – siehe seine Rolle in der DERRICK-Jahrhundertfolge „Tod des Wucherers“ -, aber in der frühen KOMMISSAR-Episode „Ratten der Großstadt“ agierte er durchaus überzeugend als gemeiner Prolet. Davon ist hier nicht mehr viel zu sehen, und weil von ihm keine echte Bedrohung ausgehen mag, erwartet man eigentlich, dass sich seine Unschuld an dem vergangenen Massaker herausstellt. Die Überraschung, mit der „Ein Amoklauf“ schließt, ist anderer Natur. Und verfehlt ihre Wirkung durchaus nicht. Natürlich ist auch Regnier wieder mal super.

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fricke2Episode 50: Der Tennisplatz (Theodor Grädler, Deutschland 1972)

Ein Obdachloser (Bruno Hübner) wird erschossen in einem geparkten Auto aufgefunden, an seinen Schuhen klebt rote Asche, wie man sie auf Tennisplätzen findet. Eine Spur finden Keller und Co. in einem Obdachlosenheim, wo der Mann anhand eines Fotos als Hugo Bechthold identifiziert wird. Sein Zimmergenosse Biebach (Rudolf Platte) berichtet Keller von Brunos letztem Tag. Anhand dieser Schilderungen gelingt es dem Kommissar tatsächlich den Ort zu finden, an dem der Obdachlose sein Leben verloren hat: Ein besitzerloser Tennisplatz, in dessen Nähe die Villa der Familie Prewall steht. Alles deutet darauf hin, dass der junge Andreas Prewall (Peter Fricker) der Mörder ist …

Reinecker frönt in „Der Tennisplatz“ wieder einmal seinem Menschenhass oder genauer: seiner Verachtung für die Oberschicht, die sich über die Schwächeren erhebt und voller Arroganz auf sie hinabschaut, sich ihrer Überlegenheit ganz sicher, die sich jedoch einzig auf ihre materielle Affluenz gründet. Das Ende ist harter Tobak: Die „feinen Herrschaften“ steigern sich in ihrem sadistischen Spiel mit dem armen, ahnungslosen Kerl in einen wahren Rausch, wie wild gewordene Affen feuern sie ihn an und demütigen sie ihn, bis schließlich die tödlichen Schüsse fallen. Ein bisschen forciert wirkt das schon, vor allem Frickes Charakter zeigt keinen einzigen positiven oder auch nur milde sympathischen Zug. Dass er die ganze Zeit mit seinem wortkargen Freund Jürgen (Roger Fritz) rumhängt, suggeriert seine Homosexualität, auch wenn Reinecker nie wirklich explizit wird.

Er erdet diese Übersteigerung damit, dass er in der Zeichnung seiner Schauplätze sehr abstrakt bleibt: Die Kneipe, in der Hugo seinen letzten Kassler aß (der Wirt ist natürlich wieder einmal Dirk Dautzenberg), der Tennisplatz und die Villa der Prewalls fügen sich nie zu einem schlüssigen geografischen Gesamtbild, es sind Settings, die im luftleeren Raum schweben und die ganze Geschichte so in den Rang einer bitteren Parabel erheben, anstatt sie wirklich in Bezug zur konkreten Realität der BRD anno ’72 zu setzen. Gerade das hat mir super gefallen.

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fluchtEpisode 51: Fluchtwege (Wolfgang Becker, Deutschland 1972)

Gabriele Bebra (Monica Bleibtreu) flieht aus einer Erziehunganstalt. Harald Steinhoff (Joachim Ansorge) gabelt sie auf, verliebt sich in sie und lässt sie im Gartenhaus auf dem Grundstück seines wohlhabenden Vaters (Carl Lange) wohnen. Einige Zeit später findet man Gabrieles Vater (Michael Toost), einen Säufer, tot in seiner Wohnung und Gabriele taucht kurze Zeit später wieder in ihrem Heim auf. Ist sie die Mörderin? Und welche Rolle spielt ihr Bruder Gerd (Martin Semmelrogge)?

Eine dramatische Episode, angesiedelt im Spannungsfeld zwischen tristem, prekärem Kleinbürgermilieu ohne Hoffnung, geprägt von Alkohol, häuslichem Missbrauch und Erziehungsheimen, und wohlhabendem Bürgertum, das zwar mit Wohlstand, aber ohne Empathie ausgestattet ist. Die Szenen im Heim, wo Gabriele nach ihrer freiwilligen Rückkehr zur Strafe für ihre Flucht in „Isolationshaft“ in den Keller gesperrt wird, sind nicht die einzigen, die an COOL HAND LUKE und vergleichbare Knastfilme erinnern. Reinecker trägt vielleicht etwas dick auf mit der Darstellung des Bebra’schen Familienalltags und Carl Lange auf der anderen Seite ist auch nicht gerade für Ambivalenz eingestellt worden, aber Monica Bleibtreu sorgt mit ihrer zurückhaltenden Darbietung für den nötigen Realismus. So wie sich Harald spontan in sie verliebt, als sie ihre Heimschuhe auszieht und wegwirft, geht das auch dem Zuschauer. Man könnte den Rest seiner Tage damit verbringen, ihr dabei zuzuschauen, wie sie tagsüber im Bett liegt und Zigaretten raucht.

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humorEpisode 52: Das Ende eines Humoristen (Theodor Grädler, Deutschland 1972)

Erwin Waldermann (Hanns Ernst Jäger) lebt in der Vergangenheit: Immer noch tritt er regelmäßig auf und erzählt seine 30 Jahre alten Witze, die aber nur noch das genügsamste Kneipenpublikum aus der Reserve zu locken vermögen, und träumt von den angeblich glorreichen Tagen, als er vor ausverkauften Sälen in den Kurorten Travemünde oder Baden-Baden tosenden Beifall erhielt. Als seine Tochter Ursula (Christiane Schröder) ermordet wird, die als seine Managerin fungierte, obwohl sie seine Witze furchtbar fand, bricht Waldermann zusammen …

Oh – mein – Gott. „Das Ende eines Humoristen“ muss eine der bittersten Serien- bzw. Filmerfahrungen sein, die ich machen durfte. Die Figur des jämmerlichen Kalauererzählers, der mit seiner pomadigen Darbietung wie ein Relikt aus längst vergessenen Zeiten anmutet, sich Abend für Abend selbst der Lächerlichkeit preisgibt, ohne zu merken, wie armselig seine Nummern sind, stürzt den Zuschauer in ein Wechselbad der Gefühle. Man hat Mitleid mit ihm, auf der anderen Seite mag man ihm seinen Realitätsverlust nach einiger Zeit einfach nicht mehr nachsehen. Genau darum geht es auch: Wie kann man jemanden lieben, der einen so miserablen Sinn für Humor hat? Der einfach nicht einsehen will, dass das, was er tut, schlecht, ja unerträglich ist? Der Begeisterung und Teilnahme einfordert, obwohl man sich nur noch abwenden möchte? Reinecker und Grädler geben keine Antwort darauf, und sowohl Ursula wie auch Waldermanns Untermieter Sorge (Alfred Balthoff) müssen als Musterbeispiele christlicher Nächstenliebe gelten, wie sie diesem Verblendeten die Treue halten, sich immer und immer wieder seine grausamen Witzchen anhören. Keller und Co. verstehen es natürlich nicht, als Sorge einmal, als Waldhoff das Zimmer verlässt, die Fassade des fürsorglichen Freundes fallenlässt und seinem Ekel Luft verschafft: Er sei doch Waldermanns Freund? Der Zuschauer ist da schon einen Schritt weiter und weiß, wie es in Sorge aussehen muss.

Aber natürlich reißt einen die Auflösung doch von den Füßen. So sehr man Waldermann auch zurufen möchte, er solle endlich aufhören, so wenig wünscht man ihm dieses Schicksal. Am Ende der Episode ist von ihm nichts mehr übrig. Ich hingegen werde Waldermann nie mehr vergessen.

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drogenEpsiode 53: Mykonos (Jürgen Goslar, Deutschland 1972)

Charlotte (Maresa Hörbiger) und Robert (Bernd Herzsprung) sind mit Drogen im Kofferraum aus Mykonos nach München gekommen, um sich ein paar Tausend Mark für das Leben auf der griechischen Insel zu verdienen. Doch Robert wird bei dem Deal ermordet. Die Spur führt Keller und seine Assistenten in die Drogenszene, in der der Dealer Manni Geckow (Ullrich Haupt) in großem Stil die Fäden zieht …

DER KOMMISSAR geht MIAMI VICE! Naja, nicht ganz, aber ein paar Parallelen kann man durchaus ziehen. Zum Beispiel, wenn Harry im engen T-Shirt und Jeans undercover im „Nirwana“ auftaucht, Fragen stellt und eine heroinsüchtige 13-Jährige mitnimmt. Oder wenn Geckow in seiner Münchener Villa zwischen lauter gut aussehenden Frauen herumscharwenzelt und am Ende ein rauschendes Fest gibt. Unterschiede kann man aber auch festmachen: Während Drogen in der amerikanischen Hitserie längst im Mainstream angekommen sind, regiert hier doch überwiegend erst Ahnungslosigkeit und dann das blanke Entsetzen. Geckow gerät in großäugige Panik, als das Geheimnis seines Wohlstands ans Licht zu kommen droht, und seine Gäste können es kaum glauben, wo sie da reingeraten sind. Goslar bringt in seinem KOMMISSAR-Debüt durchaus etwas Amerikanisches mit ein, was zum Sujet gut passt. Das Finale ist fast schon Action.

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Episode 54: Blinde Spiele (Theodor Grädler, Deutschland 1972)

Gerhard Rauda (Robert Freitag) wird erschossen in einem Boot auf dem Starnberger See treibend aufgefunden. Bei den Ermittlungen findet Keller heraus, dass der verheiratete Mann regelmäßig andere Frauen in sein Bootshaus einlud; Affären, von denen seine Gattin (Anaid Iplicjian) nicht nur wusste, sie war sogar mit seiner Geliebten Erika Kerrut (Anna von Koczian) befreundet. Und jene machte wiederum aus ihrer Affäre mit Rauda vor ihrem Gatten (Hellmut Lange) kein Geheimnis, der sich zum Ausgleich mit dem Hausmädchen (Beatrice Norden) verlustierte. Nur die beiden Kinder (Pierre Franckh und Katharina Seyfert), die sahen das alles nicht so locker wie die Erwachsenen …

Zunächst mal erstaunt die Offenherzigkeit, mit der die Themen Polygamie und offene Beziehungen hier verhandelt werden. Aber natürlich geht es Reinecker nicht darum, alternative Lebenskonzepte zu propagieren, weshalb das ungehemmte Liebesglück auch geradwegs in die Katastrophe führen muss. Selbst wenn das Motiv nicht Eifersucht ist: Es ist unzweifelhaft, dass Reinecker meint, die Raudas und Kerruts haben mit dem Mord nur die Rechnung für ihr unmoralisches Handeln erhalten. Der schöne, utopische Schein zeigt aber vorher schon Risse: Ganz so cool, wie sie tun, sind die Kerruts mit den Affären des jeweiligen Partners dann doch nicht, irgendwann kommt es zum gepfefferten Streit vor den Kriminalbeamten, die sich das selbstzufriedene Grinsen nicht ganz verkneifen können. Keller möchte man für seine dämliche Borniertheit, mit der er die Lebens- und Liebeskonzepte der beiden Paare als größenwahnsinnig und fehlgeleitet bezeichnet, bloß weil er sich nichts anderes vorstellen kann, feste vors Schienbein treten oder ihm einen Cognac in seine ledrige Spießerfresse mit den Schweinsaugen schütten.

Aber letztlich ist es ja genau dieses beständige Schwanken zwischen bilderstürmerischer Modernität und graubrauner Piefigkeit, das an DER KOMMISSAR so fasziniert, weshalb „Blinde Spiele“ natürlich auch keine ärgerliche, sondern im Gegenteil eine supertolle Episode ist.

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Episode 55: Rudek (Charles Regnier, Deutschland 1973)

Der Geschäftsmann Doberg (Siegfried Lowitz) nimmt seinen Kollegen Rudek (Ernst Schröder) mit in das exklusive Bordell von Derrick (Sky Dumont). Dort fällt Rudek aus allen Wolken: Eine der beiden Prostituierten ist seine Tochter Ursula (Ilona Grübel). Außer sich verlässt er mit dem Mädchen die Wohnung und lässt Doberg und Heide (Hildegard Krekel) allein zurück. Am nächsten Morgen ist Derrick tot …

Reinecker nimmt mal wieder die spießbürgerliche Moral aufs Korn: Rudek nimmt zwar für sich in Anspruch, jederzeit in ein Bordell gehen und sich dort von jungen Mädchen verwöhnen lassen zu können, aber wenn es dann die eigene Tochter ist, die er da vorfindet, dann ist das natürlich doch nicht mehr so Ok. Lowitz gibt mal wieder einen seiner altväterlichen Lustmolche und haut den Kollegen im Verlauf der Episode ganz schön in die Pfanne, um sein eigenes Gewissen zu beruhigen. Klaus Schwarzkopf spielt den drückebergerischen Nachbarn Hauffe, der sich laut Ehefrau (Edda Seipel) gern bei Derrick aufhielt. Die beste Szene ist das Zwiegespräch zwischen dem angespannten Rudel und seiner Tochter, bei der die Ehefrau und Mutter sorgenvoll hinter einer Glastür warten muss, nicht wissend, was eigentlich vorgefallen ist. Regniers Inszenierung ist dunkel, betont die schattenhafte Schwärze des Mietshauses und der Wohnung Derricks. Schön.

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fluestodvhsIn der britischen Kolonie Rhodesien ist die Lage fragil: Eine Bande von separatistischen einheimischen Terroristen um einen sich „flüsternder Tod“ nennenden Albino (Horst Frank) zieht eine Blutspur durch das Land. Als Sally (Sybil Danning), Tochter des Kolonialisten Johannes (Trevor Howard), kurz vor ihrer Hochzeit mit dem britischen Polizisten Terick (James Faulkner) von ihnen brutal ermordet wird, droht die Lage zu eskalieren: Terick begibt sich mit seinem schwarzen Freund Katchemu (Sam Wiliams) auf die Jagd nach dem Albino, um sich zu rächen, sein Vorgesetzter Bill (Christopher Lee) hingegen will ihn um jeden Preis daran hindern, mit seiner Tat einen Bürgerkrieg anzuzetteln. Die ihm unterstellten Männer indes sind gar nicht damit einverstanden, ausgerechnet einen der ihren fassen zu sollen …

Jürgen Goslar drehte mit diesem düsteren Rachethriller eines jener Werke, die so gut dazu geeignet sind, das oft etwas graue und gleichförmig anmutende Bild vom deutschen Film zu restaurieren, das sich leider in den Köpfen festgesetzt hat. Ein aufwändig produzierter Film mit internationaler Starbesetzung (Sascha Hehn und Erik Schumann sind auch noch dabei), gedreht on Location im damaligen Rhodesien, zu jener Zeit Schauplatz eines echten Befreiungskrieges, des sogenannten „Rhodesian Bush War“. Was besonders fasziniert an DER FLÜSTERNDE TOD ist die überraschende Subtilität und Vorurteilsfreiheit, mit der Goslar die heikle, einem Pulverfass gleichende Situation einfängt, mit der er zeigt, welch unterschiedliche Interessen von den Konfliktparteien – den Kolonialherren, den Terroristen sowohl der zwischen den Fronten stehenden, eher unparteiischen Bevölkerung – vertreten werden, ohne diese zu verurteilen, und wie er die komplexe Problematik in dem eindrucksvollen Bild des Albinos auf den Punkt bringt, eines im wahrsten Sinne des Wortes zerrissenen Charakters. Der Hinweis auf seine Ausbildung an einer weißen Eliteuni sollte Hinweis genug sein, aber spätestens wenn sich sein Gesicht im dramatischen Finale mehr und mehr schwärzt, weiß man das sein genetischer Sonderstatus nicht nur ein Gimmick des Films ist. Horst Franks Spiel geht mit dem wirklich unglaublichen Make-up von Colin Arthur eine eindrucksvolle Verbindung ein, verhilft der Figur zu einer Präsenz, die weit über seine Kurzauftritte hinausreicht: Sie ist gleichermaßen bedrohlich wie mitleiderregend, eine gepeinigte Seele, die die das Land durchziehende Spaltung verkörpert. DER FLÜSTERNDE TOD ist ein Film der Kontraste: Zu Anfang werden die Feierlichkeiten zum Junggesellenabschied Tericks, die die befreundeten Schwarzen und die Polizisten getrennt begehen und mit ihren höchst eigenen Spielen veredeln, in einer Parallelmontage nebeneinander gestellt. Die unerbittliche Jagd Tericks und Katchemus auf den Albino, die beide mehr und mehr in den Wahnsinn und den Film in surrealistische Grenzbegiete führt, zieht eine zweite, kaum weniger erbitterte Jagd der Polizei auf Terick nach sich. Die von der sengenden Sonne verdörrte Landschaft wird zum Gleichnis für ein Land, bei dem ein winziger Funke genügt, um es in Brand zu setzen, eindrucksvoll belegt in den Bildern eines echten Buschbrands, der tiefschwarze Schneisen hinterlässt. Es ist auch eine Reise in die Seele zweier Männer, beide getrieben von einer Mission, an der sie zugrunde gehen müssen, die aber vollständig von ihnen Besitz ergriffen hat. Das Individuum und das Ganze stehen in unvereinbarem Konflikt zueinander, in einem Spannungsverhältnis das den Einzelnen zu zerreißen droht.

Diese Stärken werden leider ein wenig von Goslars etwas überempathischer Inszenierung von Standardszenen unterlaufen, die lediglich den Plot vorantreiben sollen und mit ihrer Plumpheit aus dem Rahmen fallen. Die Etablierung der Liebe zwischen Terick und Sally ist natürlich wichtig, aber der Dialog dazu klingt wie aus den Untiefen der Groschenheftliteratur gezogen und verursacht Zahnschmerzen. Auch der Schluss, wenn von der klimaktischen Erschießung Tericks hart und unvermittelt auf sein schlicht „Terick“ beschriftetes Grab geschnitten wird, wirkt unfreiwillig komisch statt tragisch. Möglicherweise trägt auch die Synchronisation eine Teilschuld daran: Sie ist zu sauber, zu perfekt, die Dialoge zu literarisch, um den rohen Existenzialismus des Film wirklich zu stützen. Letztlich ist das aber Korinthenkackerei, denn man darf sich nur glücklich darüber schätzen, dass Deutschland einmal solche Filme hervorbrachte und dass diese – wie im vorliegenden Fall – sogar digital verfügbar sind. Ich empfehle den Kauf der DVD und rate, die Augen nach der Gelegenheit aufzuhalten, DER FLÜSTERNDE TOD auf der Leinwand zu sehen. Die Kopie existiert und lässt einen im Kinosessel in der erbarmungslosen Hitze der afrikanischen Steppe schmoren.