Mit ‘Jürgen Prochnow’ getaggte Beiträge

Der hochdekorierte Vietnamveteran Colonel Jack Knowles (Roy Scheider) wird von seinem militärischen Ziehvater General Hackworth (Harry Dean Stanton) an die deutsch-tschechische Grenze beordert. Der Volblut-Soldat, dessen Laufbahn nach dem Krieg immer wieder von dsiziplinären Problemen beeinträchtigt wurde, soll an diesem Ort langsam auf seinen Ruhestand hinarbeiten. Doch schon an seinem ersten Einsatztag kommt es zu einem Zwischenfall, als ein tschechischer Flüchtling vor den Augen der US-Soldaten von der russischen Armee um Colonel Valachev (Jürgen Prochnow) exekutiert wird. Knowles, alles andere als ein Diplomat, kann das nicht auf sich sitzen lassen und beginnt seinen Gegenpart auf der anderen Seite des Zauns in Einzelkämpfermanier herauszufordern. Weil Valachev ein Seelenverwandter des Amerikaners ist, eskaliert der Zickenkrieg bald zu einer handfesten Auseinandersetzung …

Frankenheimers Film ist ein Produkt seiner Zeit: Der Eiserne Vorhang bröckelte, wurde langsam durchlässig und es zeichnete sich ein Ende der jahrzehntelang schwelenden Konflikte ab. Die Anwesenheit der beiden Veteranen ist durch die Situation nicht gerechtfertigt: Lieutenant Colonal Clark (Tim Reid) erklärt dem eisenharten Knowles einmal, dass ihre Tätigkeit im Grunde genommen ein PR-Job sei. Es gehe darum, Goodwill zu demonstrieren, zu zeigen, dass es mit der einstigen erbitterten Feindschaft langsam, aber sicher vorbei ist. Aber für eine Politik der Entspannung sind weder Knowles noch Valachev gemacht. Beide haben sie gelernt, den anderen zu hassen und mit allen Mitteln zu bekämpfen. THE FOURTH WAR stellt die Frage, was man mit solchen Männern macht, wenn sich ihre Existenzgrundlage in Luft auflöst. Die Beziehung zwischen Knowles und Hackworth erinnert an die in einen realistischeren Rahmen übertragene Freundschaft von John Rambo und Colonel Trautman. Doch während Trautman seinen Schützling, der nicht mehr kämpfen will, immer wieder an seine „Bestimmung“ erinnert, ist es in THE FOURTH WAR genau umgekehrt: Knowles kann von seinem Job nicht lassen, den endlich ruhen zu lassen er von Hackworth immer wieder ermahnt wird.

Was in den Filmen um Stallones Supersoldaten zum schweren existenzialistischen Drama ausgebreitet wird, das entbehrt unter Frankenheimers Regie nicht einer gewissen Komik. Scheider ist großartig als bärbeißiger, zigarrenrauchender Konservativer, der seinem Sohn über Tausende von Kilometern am Telefon die Leviten dafür liest, dass der sich das brandneue Fahrrad von irgendwelchen Bullys hat klauen lassen, ohne sich zu wehren. Knowles und Valachev erinnern in ihrem Zweikampf dann auch an renitente, ungezogene Lausbuben, die von dem Sprichwort, dass der Klügere nachgibt, noch nie etwas gehört haben. Was mit einem lächerlichen Schneeballwurf anfängt, steigert sich im Finale zu einem Kampf auf Leben und Tod. Das berühmte Einstein-Zitat, demzufolge der vierte Weltkrieg wahrscheinlich mit Steinen und Stöcken ausgetragen wird, auf das sich der Titel bezieht, wird von Frankenheimer fast auf satirische Weise umgedeutet: Stöcke und Steine kommen hier nicht zum Einsatz, weil die Zivilisation nach dem Dritten Weltkrieg wieder bei Null anfangen muss, sondern weil Knowles und Valachev das schlagkräftigere „Spielzeug“ weggenommen worden ist. Insofern ist THE FOURTH WAR vielleicht ganz universell als ein Film über das Altern zu verstehen. Die Konflikte, die man auszufechten hat, sind noch dieselben, aber die Mittel und die Kapazitäten ändern sich. Man sagt ja auch immer, dass alte Leute eine Menge mit Babys gemeinsam haben.

mouth_of_madness_nocolorDer Versicherungsagent John Trent (Sam Neill) wird von dem Verleger Harglow (Charlton Heston) beauftragt, den Bestseller-Horrorautor Sutter Cane (Jürgen Prochnow) ausfindig zu machen, der seit einiger Zeit spurlos verschwunden ist und dessen bereits mehrfach verschobenes neues Werk von Millionen Fans mit wachsender Ungeduld erwartet wird. Gemeinsam mit Canes Agentin Linda Styles (Julie Carmen) findet Trent den Schriftsteller nach einer wahren Odyssee in dem Örtchen Hobb’s End, das auf keiner einzigen Karte verzeichnet ist. Vor Ort geschehen merkwürdige Dinge: Der ganze Ort scheint unter Canes Gewalt zu stehen und seiner Schreibmaschine zu gehorchen ….

IN THE MOUTH OF MADNESS bedeutete für Carpenter 1994 eine Art Rückbesinnung zu den eigenen Wurzeln, nachdem er mit der großbudgetierten Science-Fiction-Komödie MEMOIRS OF AN INVISIBLE MAN mächtig baden gegangen war. Inhaltlich war IN THE MOUTH OF MADNESS jedoch durchaus ambitioniert: Carpenter versuchte sich einerseits an einer filmischen Umsetzung der Ideen Lovecrafts, womit sich schon andere vor ihm äußerst schwer getan hatten, und verquickte dessen Bildwelten in einem selbstreflexiven Spiel zudem mit der schwierigen philosophischen Frage danach, ob Realität nicht auch nur eine Fiktion ist, die ziemlich viele Menschen glauben. Alles, was Trent im Laufe seiner Forschungen erlebt, wird sich am Ende, wenn er sich selbst als Protagonisten eines Films namens „In the Mouth of Madness“ im Kino sieht, als Bestandteil von Canes Fiktion herausstellen, die dank seiner Verbindung zu außer- oder unterirdischen Mächten Realität wird.

Wie eigentlich in allen gelungenen Filmen Carpenters, ist diese Wendung auch deshalb so effektiv, weil der Regisseur kein engmaschiges Netz webt, das keinerlei Lücken lässt, sondern eher eine Skizze entwirft, die gerade deshalb fasziniert, weil sie einem nicht alles erklärt. Das passt ja durchaus auch zu seiner Inspirationsquelle Lovecraft: Der Schriftsteller hatte sich ja nicht zuletzt damit einen Namen gemacht, dass seine „Großen Alten“ – die Kreaturen, die seine Geschichten weniger bevölkern, als vielmehr ihren Schatten auf sie werfen – nie wirklich Gestalt annehmen, die Begriffe, mit denen er sie beschreibt, gleichzeitig höchst konkret wie unglaublich vieldeutig und interpretationsbedürftig sind. Das Grauen, dass der Schriftsteller heraufbeschwört, bleibt immer im Zwielicht, es deuten sich höchstens seine Umrisse ab. Was an seinen Geschichten Angst macht, ist gerade das, was man nicht sehen kann, sich aber vorstellen muss. Auch wenn es Carpenter über weite Strecken des Films gelingt, diese Suggestivkräfte Lovecrafts in Filmbilder zu übertragen, so ist IN THE MOUTH OF MADNESS dennoch nicht rundherum zufriedenstellend: Der Film bekommt immer dann Probleme, wenn er konkret werden muss und sich die Kreaturen, die er zeigt, als typische Gummikreationen der Effektkünstler jener Zeit entpuppen. Wirklich unheimlich ist er in seinen leiseren Momenten: der Begegnung mit einem einsamen, geduldigen Radfahrer auf einer dunklen Landstraße etwa oder dem Blick auf ein Gemälde, das plötzlich gar nicht mehr so idyllisch aussieht. Carpenters stärkste Filme zeichnen sich stets durch eine bestimmte Stimmung aus, durch eine Vorahnung der nahenden Katastrophe, mehr als durch die Inszenierung jener Katastrophe selbst (vielleicht ist THE THING da eine Ausnahme). Das zeigt sich auch in IN THE MOUTH OF MADNESS, der sehr stark anfängt, bevor er seine Wirkung dann mit Bildern unterwandert. Nichts von dem, was er zeigt, ist so unheimlich wie das, was man sich zuvor ausgemalt hatte. Trotzdem einer der letzten guten Filme Carpenters und wahrscheinlich der letzte wirklich interessante.

Detective Sean Riley (Johnny Strong), Beamter des New Orleans Police Departments, ist nach dem Tod seines Kindes, der Trennung von seiner Ehefrau und dem gewaltsamen Tod seines Partners (Kim Coates) innerlich ausgebrannt. Seine  oft überharten Aktionen bringen ihm Probleme mit der Dienstaufsicht ein, die auch sein verständnisvoller Vorgesetzter (Tom Berenger) nicht mehr länger für ihn lösen kann. Als jedoch eine Reihe brutaler Hinrichtungen das Morddezernat beschäftigt, wird Riley hinzugezogen, um dem zuständigen Detective Will Ganz (Kevin Philips) zu helfen. Die Ermittlungen führen die beiden auf die Spur einer Gruppe hochspezialisierter Ex-Soldaten. Und irgendwie ist auch ein alter Freund von Riley, der Loser Colin (Sean Patrick Flanery), involviert …

Nach dem ultradüsteren, hyperbrutalen THE PRODIGY legt Kaufman mit SINNERS AND SAINTS einen größeren, höher budgetierten und inszenatorisch vielseitigeren und ausgewogeneren Polizeifilm vor, ohne mit diesem jedoch auch nur einen Deut von der mit dem Vorgänger eingeschlagenen Linie abzuweichen. Das Post-Katrina-New-Orleans liefert den angemessen tristen, desillusionierten und deprimierten Background für Kaufmans tristen, desillusionierten und deprimierten Copfilm, der als einzige Hoffnung anbietet, dass der ganze Wahnsinn auf den Straßen irgendeinem göttlichen Plan folgen könnte, aber eher nahelegt, dass wir alle verloren sind und uns nur unsere religiösen Wunschträume und Erlösungsfantasien bleiben. Der Look des Films ist dabei keineswegs betont dreckig und dunkel, lediglich roh, ungeschliffen und mit dem Auge des nüchtern-resignierten Kriegsberichterstatters eingefangen. Hier, wo Armut und Verzweiflung regieren, wird schnell geschossen und ebenso schnell gestorben und nicht immer sind diese Tode die Sache wert. Die zu Tode gefolterten Opfer, die Riley und Ganz auffinden, haben sich nichts zu Schulden kommen lassen: ihr einziger Fehler war die Bekanntschaft mit dem Mann, dem die Bösewichte um jeden Preis ans Leder wollen. Es sterben überwiegend die Falschen in der Welt von SINNERS AND SAINTS. Und Riley steht kurz davor, an diesem unerträglichen Missstand zu zerbrechen.

Das Casting des Films hat an seinem Erfolg mindestens ebenso großen Anteil wie die No-Nonsense-Shootouts und knochenbrechenden Fights, die Kaufman mit dem ungeschminkten Realismus etwa der Fernsehserie THE SHIELD inszeniert. Und im Zentrum des Ganzen thront Hauptdarsteller Johnny Strong (Nebendarsteller etwa aus THE FAST AND THE FURIOUS), der die Klischeefigur des ausgebrannten Cops, der am Rande der Legalität kämpft, mit neuem Leben füllt und damit Kaufmans kongenialer Gehilfe wird. Riley ist eben nicht der mürrische Loner, dem die Feinheiten sozialer Interaktion völlig abhanden gekommen sind und der jedes aufkeimende Gefühl hinter einer unüberwindlichen Mauer aus Schweigen und Härte verbirgt. Er ist durchaus ein angenehmer, sympathischer und humorvoller Zeitgenosse, wie man sieht, als er von Ganz zum Abendessen eingeladen wird. Das Problem ist, dass es in seinem Leben nicht mehr viel Anlass für Freude gibt. Er hat den Glauben an das Gute und daran, dass es Bestand haben kann, völlig verloren. Seine Trauer – vor allem jene über dne Verlust seines kleinen Sohnes – ist greifbar, macht ihn zu einer idealen Identifikationsfigur und bestimmt den Film mehr als seine Gewaltausbrüche.

Meine Liebelingsszene kommt gegen Ende von SINNERS AND SAINT: Riley ist von den henchmen des Schurken in seiner Wohnung gestellt und zusammengeschlagen worden. Einer von ihnen (MMA-Star Bas Rutten) beginnt nun, Riley über den Todeskampf seines Sohnes auszufragen, um ihn zu quälen: „Did he cry a lot?“ Natürlich markiert diese Demütigung den Wendepunkt, an dem Riley vom geprügelten Hund, der die Unausweichlichkeit seiner Niederlage akzeptiert hat, zum Phönix wird, der seinen eben noch triumphierenden Rivalen beibringt, dass Hochmut vor dem Fall kommt. Er dreht den Spieß um: Ja, sein Sohn habe geweint. Aber niemals habe er um sein Leben gebettelt und gejammert wie ihr toter Kamerad, bevor Riley ihn schließlich weggeballert habe. Es ist einer jener Momente, für die man das Genre als Actionfan liebt: emotional, pointiert, dramatisch – und so badass wie es das echte Leben niemals sein kann. Kaufman holt alles aus dieser Szene heraus: Sein ganzer Film ist geil, aber das ist sein orgiastischer Höhepunkt, auf den Punkt perfekt inszeniert. Auch das Ende ist wunderbar: Riley bringt Ganz‘ kleiner Tochter ein Geburtstagsgeschenk, lehnt die Einladung seines Partners und dessen Gattin, zu bleiben, aber dankend ab. Er habe noch etwas Wichtiges zu tun, etwas, das nicht warten könne. Er setzt sich in sein Auto und fährt los. An seinem Ziel angekommen, steigt er langsam, aber im Bewusstsein, dies endlich hinter sich bringen zu müssen, aus. Dann schreitet er durch die Eingangspforte der Kirche. Ende. Perfektion.