Mit ‘Jürgen Roland’ getaggte Beiträge

$T2eC16ZHJF0E9nmFSs4-BQNQ4NBnnw~~60_57Mit POLIZEIREVIER DAVIDSWACHE gelang Jürgen Roland so etwas wie die Wiedergeburt des St.-Pauli-Films. Das Subgenre war seit den Tagen von Hans Albers etwas in Vergessenheit geraten, sollte das deutsche Kino und sein Publikum dank Rolands Geniestreich aber nun für die nächsten ca. zehn Jahre mit seiner bunten Mischung aus Sex, Crime, Komödie und Tragödie  weiter in Bann schlagen. Es folgten neben Rolands eigenen Beiträgen – DIE ENGEL VON ST. PAULI und JÜRGEN ROLAND’S ST. PAULI-REPORT – vor allem die Filme von Rolf Olsen – WENN ES NACHT WIRD AUF DER REEPERBAHN, DER ARZT VON ST. PAULI, AUF DER REEPERBAHN NACHTS UM HALB EINS, DAS STUNDENHOTEL VON ST. PAULI, DER PFARRER VON ST. PAULI, KÄPT’N RAUBEIN AUS ST. PAULI – sowie weitere, von denen hier exemplarisch nur Staudtes FLUCHTWEG ST. PAULI, Bénazérafs ST. PAULI ZWISCHEN NACHT UND MORGEN oder Alfred Weidenmanns UNTER DEN DÄCHERN VON ST. PAULI genannt seien. Alle gehen sie auf POLIZEIREVIER DAVIDSWACHE zurück, der aber nicht nur als St.-Pauli-Film überzeugt, sondern als Meisterstück des deutschen Crime- und Polizeifilms angesehen werden muss.

Jürgen Rolands Fähigkeit, Inspirationen aus der Realität in griffige Filmbilder und -handlungen zu übersetzen und die Sprache der „einfachen Leute“ einzufangen sowie seine Kenntnis des Kiezes und des Polizeidienstes sind in POLIZEIREVIER DAVIDSWACHE ebenso augenfällig wie seine Filmbildung, die wesentlich amerikanisch geprägt ist. Wenn er den Voice-over-Kommentator schon zu Beginn vorausschicken lässt, dass der eben eingeführte Protagonist, Hauptwachtmeister Glantz (Wolfgang Kieling), am Ende des kommenden Tages tot sein wird, liefert er nicht nur den äußeren Rahmen für seine kolportagehaft erzählte Geschichte, er holt auch den Zuschauer mit ins Boot, der den Fortgang des Unausweichlichen nun gebannt verfolgt. Glantz hatte vor einigen Jahren den Berufsverbrecher Bruno Kapp (Günther Ungeheuer) ins Gefängnis gebracht, der nun kurz vor der Entlassung steht. Dessen naive Lebensgefährtin, die Arbeiterin Margot (Hannelore Schroth) warnt Glantz, dass Bruno ihn umbringen wolle, doch der vertraut auf die Intelligenz des Ganoven: Schließlich war Bruno damals schuldig gewesen, warum sollte er sich also rächen? Roland verfolgt in der verbleibenden Spielzeit den fiesen Bruno, der mit dem jungen Manfred (Jürgen Draeger) den nächsten Coup plant und dazu die ahnungslose, gutmütige Margot für seine Zwecke missbraucht. Indessen gehen Glantz und sein Kollege Schriever (Günther Neutze) ihrer Arbeit nach. Sie machen ihre Kontrollgänge über die Reeperbahn oder fertigen die „Kunden“ ab, die in die Davidswache kommen: Meist sind es Freier, die sich geprellt fühlen und für die nötige Komik sorgen. Besonders toll ist der Auftritt von Hanns Lothar als betrunkener Geschäftsmann, der sein Taxi nicht bezahlen kann und nun äußerst indigniert immer wieder betont, aus welch feinem Hause er komme. „Wir haben Hühnerbraten gegessen. MIt Spargel. Da können sie mal sehen, was für ein Mensch ich bin.“ Göttlich! Sehr schön ist auch eine Szene mit dem jungen Ernst H. Hilbich, dessen Charakter in einem Amüsierbetrieb nach Strich und Faden ausgenommen wurde und nun vor dem strengen Richter (Dieter Borsche) aussagen muss. Aber es ist ungerecht, einzelne Episoden herauszupicken, weil eigentlich jede Szene für sich ein kleines Wunder ist.

Was POLIZEIREVIER DAVIDSWACHE (aber auch ST. PAULI ZWISCHEN NACHT UND MORGEN, for that matter) den späteren St.-Pauli-Filmen voraus hat, ist diese umwerfende Schwarzweiß-Fotografie (hier von Kameramann Günther Haase). Sie verleiht dem Film eine Noir-artige Schicksalsschwere einerseits, eine gewisse Trockenheit andererseits. Wo später bei Olsen Sleaze und Kintopp regieren (was freilich auch eine Schau ist), ist Roland eher daran gelegen, ein deutsches Äquivalent zum amerikanischen Copfilm oder zur Schwarzen Serie hinzulegen. Die einleitende schriftliche Erinnerung, dass sich POLIZEIREVIER DAVIDSWACHE an wahren Begebenheiten orientiert, und der auktoriale Voice-over-Kommentar, der das Ende des Films bereits vorwegnimmt (das dann trotzdem ganz anders aussieht, als man es erwartet), verleihen dem Film Dringlichkeit und Authentizität. Man ist hautnah dabei, wie das Schicksal zuschlägt, und staunt nur über die Haken, die es schlägt. Wie Roland (nach einem Drehbuch des großen Wolfgang Menge) die vielen handelnden Personen hier miteinander verbindet und bei größter erzählerischer Lockerheit dennoch höchst stringent auf sein Ende zuläuft, ist nicht weniger als meisterhaft. Glantz und Margot werden einem noch lange im Gedächtnis bleiben. POLZEIREVIER DAVIDSWACHE ist ein moderner Klassiker, der den Vergleich mit den großen deutschen Meisterwerken nicht zu scheuen braucht. Und genau genommen auch nicht mit den viel gerühmten französischen oder amerikanischen Genrevertretern. Ein wunderbarer Film, voller Leben und Geheimnisse, fantastisch gespielt und traumhaft anzuschauen. Dazu noch urdeutsch, aber eben kein Stück spießig.

rep_articleJürgen Rolands St.-Pauli-Expertise für das zu Beginn der Siebzigerjahre durch den Erfolg des SCHULMÄDCHEN-REPORT florierende Genre des Report-Films zu nutzen, war ein kreativer und ökonomischer no brainer. Roland hatte sich mit seiner Serie „Stahlnetz“ und dem Film POLIZEIREVIER DAVIDSWACHE selbst auf den schmalen Grat zwischen Fiktion und Dokumentation begeben, seinen Zuschauern jene kolportagehafte Mixtur aus Sex, Crime und bisweilen burleskem Humor beschert, für die auch die Reports aus der Schmiede Wolf C. Hartwigs und seiner Kopisten standen. Es bedurfte demnach keiner allzu großen kreativen Verrenkungen Rolands, um auch in diesem Genre, einem typisch deutschen Ablgeger des sogenannten Mondo-Films, heimisch zu werden. So sitzt er dann gleich zu Beginn auch höchstselbst auf einigen auf der Großen Freiheit gestapelten Filmdosen, erinnert an die St.-Pauli-Filme, die unter seiner und der Regie seines Kollegen Rolf Olsen entstanden sind und daran, dass es abseits der Leinwand ja auch ein „echtes“ St. Pauli gibt, dem er sich dann im Folgenden zuwendet.

Die folgende Ansammlung mal längerer mal kürzerer Episödchen dreht sich überwiegend um das Milieu, die Postituierten und ihre Zuhälter, geprellte Freier, Polizisten, Klein- und Großkriminelle. Da besucht Roland einen französischen Choreografen, der die Protagonisten einer Live-Sex-Show zu Höchstleistungen motiviert, schildert den Verlauf eines spektakulär gescheiterten Überfalls, verfolgt den „Karriereverlauf“ eines jungen Mädchens, die – kaum in Hamburg eingetroffen – gleich an einen Zuhälter gerät, schaut einer erfahrenen Nutte (Helen Vita) bei einer Lehrstunde für ihre unerfahrene Kollegin zu, widmet sich „Onkel Troll“ (Rudolf Schündler), einem notgeilen Opa, der Ausreißerinnen in seine kleine Wohnung aufnimmt und dort wild begrapscht, und schaut am Ende für einen tragischen Polizistenmord noch einmal in der berühmten Davidswache vorbei. Dazwischen immer wieder Roland selbst, der mit betont seriösen, dabei unglaublich gestelzten Kommentaren von einer Episode zur nächsten überleitet und dabei auch schon einmal einen Schlüpfer aus einem Automaten zieht. Der Film endet in gewohnter Manier mit einem Schlusswort, dass das zuvor Gezeigte hoffnungslos romantisiert, den Kiez zur herrlich verrückten kleinen Miniaturwelt verklärt, in der Glück und Leid so eng beieinander liegen. Verglichen mit Rolands anderen St.-Pauli-Filmen wirkt JÜRGEN ROLAND’S ST. PAULI-REPORT eher hingeschludert. Sein unleugbares Talent, Atmosphäre und O-Ton des Kiezes einzufangen, das man zum Beispiel in DIE ENGEL VON ST. PAULI erkennen konnte, ist an die Lockerheit vorgaukelnde, in Wahrheit aber höchst rigide Form des Reports reichlich verschenkt. Statt Charaktere gibt es hier nur eindimensionale Figuren, die kaum Luft zum Atmen haben, eingeschnürt in auf genau einen Zweck hin ausgerichteten Ministorys. Es ist zu viel Report und zu wenig Roland in diesem Film, weshalb ich seine persönlichen Auftritte dann auch wie eine Oase in der Wüstenei empfunden habe. Ihm zuzuhören und dabei zuzusehen, wie er sich durch St. Pauli bewegt, bringt einem den Ort näher als die meist eher langweiligen Episoden.

Zur Ehrenrettung des Films sei aber gesagt, dass die mit viel Mundart und Milieuslang versetzten Dialoge dann doch für den einen oder anderen Lacher gut sind. Wie ich diesen Text sowieso nicht als Verriss verstanden wissen möchte. Als Beitrag zum deutschen Exploitationfilm seiner Zeit und als heute undenkbares Modeprodukt ist JÜRGEN ROLAND’S ST. PAULI-REPORT natürlich von unschätzbarer Bedeutung, weil er vielleicht noch mehr als die heute schamvoll verdrängten Filme der SCHULMÄDCHEN-REPORT-Reihe beweist, was für ein brodelnder Sumpf der deutsche Mainstreamfilm vor rund 40 Jahren noch war. Nur damals war es möglich, dass ein anerkannter Regisseur wie Roland sich in dampfende Abgründe des Sleaze begab und den Menschen im Namen der Aufklärung frivole Geschichtchen über Nutten, Loddel und Freier erzählte.

Vor etwa drei Jahren legte die „Edition Deutsche Vita“ aus dem Hause Subkultur mit drei Filmen – ZINKSÄRGE FÜR DIE GOLDJUNGEN, WENN ES NACHT WIRD AUF DER REEPERBAHN und FLUCHTWEG ST. PAULI – einen ziemlich fulminanten Start hin. Vor Kurzem wurde die Reihe dann endlich fortgesetzt mit Roger Fritz‘ MÄDCHEN MIT GEWALT (den ich mir noch anschauen muss), jetzt steht DIE ENGEL VON ST. PAULI in den Startlöchern, wie die ZINKSÄRGE vom St.-Pauli- und Crime-Experten Jürgen Roland inszeniert. Für mich eine ganz besondere Veröffentlichung, weil ich meinen ersten Audiokommentar beisteuern darf – zusammen mit dem berüchtigten Pelle Felsch aus dem wunderschönen Hagen. Um nicht zu viel vorzugreifen, aber gleichzeitig das Interesse zu wecken, möchte ich mich hier auf das Wesentliche beschränken. Wer sich für den deutschen psychotronischen Film interessiert und für sauber gemachtes Crime-Kino, für den führt an der Veröffentlichung eh kein Weg vorbei.

Jürgen Roland, der sich im „Milieu“ exzellent auskannte und dessen Serie STAHLNETZ im deutschen Fernsehen Maßstäbe in Sachen Realismus setzte (zuvor hatte er u. a. Drehbücher für die ähnlich angelegte Serie DER POLIZEIBERICHT MELDET … geschrieben), ließ sich für DIE ENGEL VON ST. PAULI von realen Begebenheiten inspirieren, die jedem, der damal in Hamburg und St. Pauli lebte, ein Begriff sein mussten. Dabei ging es ihm aber nicht so sehr darum, die Realität lediglich abzubilden, sondern sich ihr gerade so weit anzunähern, dass die Plausibilität ebenso gewahrt blieb wie das ursprüngliche Bedürfnis, dem Zuschauer 90 Minuten spannende Unterhaltung zu bieten. Die im Film geschilderten Ereignisse datieren auf die mittleren Sechzigerjahre, als ein Bandenkrieg zwischen Hamburger und sich im Kiez ausbreitenden Wiener Luden um die Vorherrschaft im Gewerbe ausbrach. Die beiden Konfliktparteien werden im Film angeführt von Jule Nickels (Horst Frank), einem Hamburger Gentleman-Gangster, und dem Österreicher Holleck (Herbert Fux). Ihre Auseinandersetzungen eskalieren, als ein Freier (Werner Pochath) eine Dirne ersticht und untertaucht.

Wie eigentlich alle Filme von Roland (seine Beiträge zur Wallace-Reihe, DER ROTE KREIS und DER GRÜNE BOGENSCHÜTZE mal ausgenommen) zeichnet sich auch DIE ENGEL VON ST. PAULI durch die überaus gelungene, schmackhaft präsentierte Verbindung dieser oben erwähnten Authentizität und sensationalistischem Thrill aus. An Originalschauplätzen mit echten Charakterfressen gedreht, atmet der Film diese einmalige, unnachahmliche St.-Pauli-Atmosphäre, die es heute in dieser Form kaum noch gibt, hat man bei den einmaligen Dialogen immer das Gefühl, Szene-O-Ton zu vernehmen. Man erhält so Einblick in ein vollkommen abgeschottetes Universum, dessen Bewohner einem ganz eigenen Wertekodex folgen, in ein lebendiges Sub-System mit einer florierenden Infrastruktur, das neben der „normalen Welt“ etabliert wurde. Roland zeichnet dieses System durchaus mit Sympathie, man merkt ihm an, dass er für den Geschäftssinn seines Protagonisten großen Respekt aufbringt – ebenso übrigens für den ermittelnden Kommissar Berlinger (Günther Neutze), der nicht einfach mit der sprichwörtlichen „harten Hand“ vorgehen kann, sondern diplomatisches Geschick im Umgang mit dem Milieu an den Tag legen muss. Der Kampf zwischen dem Gesetz und dem Verbrechen ist auf St. Pauli eben kein Ausnahmezustand, sondern der Alltag. Es geht allen darum, den fragilen Frieden zu halten, auf dass das Leben in halbwegs geregelten Bahnen verlaufen kann. Und wenn eine der Dirnen ums Leben kommt, dann werden beide Seiten in Alarmbereitschaft versetzt.

DIE ENGEL VON ST. PAULI war in den letzten Jahren, anders als andere St.-Pauli-Filme aus dem Schaffen Rolands oder auch Rolf Olsens, nur schwer ausfindig zu machen. Auf Wikipedia gibt es noch keinen Link zu dem Film, es hat sich aber auch kein Kult um ihn firmiert, wie das bei anderen Raritäten oft der Fall ist. Umso größer wird sicherlich die Überraschung sein, wenn viele ihn demnächst zum ersten Mal sehen. Es ist Rolands gelungener Versuch eines großen Gangsterfilms, mit den Vorbildern aus Übersee im Hinterkopf, aber intaktem norddeutschem Selbstbewusstsein und -verständnis inszeniert. Leider traut sich heute kaum noch einer, so etwas zu machen.

Joachim Fuchsberger ist Frank Boyd, ein Mann unbekannter Herkunft und nicht genannten Berufs, der nach Hongkong reist, um dort seinen „Kumpel“ Edward Collins (Jimmy Shaw) zu besuchen. Der ist mittlerweile aber schon tot, umgenietet von den Schergen des prolligen Delgado (Arthur Brauss), weil er irgendeiner krummen Sache auf die Spur gekommen war, in der jener seine schmutzigen Finger hatte. Bevor sich Frank, der als Andenken an Edward ein güldenes Feuerzeug mit sich herumträgt, jedoch um die Lösung des Mordfalles kümmern kann, muss er sich des titelgebenden Geschöpfes annehmen. Die zierliche – man könnte auch sagen flachbrüstige und nahezu skeletale – Mai Li (Li Paelz) möchte aus Macau in Hongkong einreisen, wird vom zuständigen Zollbeamten aufgrund geltender Regelungen aber nicht reingelassen. Da kann Frank Boyd nicht tatenlos zusehen: Er zahlt 2.000 Hongkong-Dollar – ca. 1.320 DM, wie wir dank der Roland-typischen Einführung mit informativem Voice-over wissen –, um für die Unbekannte zu bürgen und erkauft sich damit für den Rest der Spielzeit devote Opferbereitschaft, hündische Ergebenheit, kindlich-naive Kommentare und natürlich die Bereitschaft zu allen denkbaren körperlichen Dienstleistungen des Rehauges, die Boyd aber, Gentleman, der er ist, mit geradezu ritterlicher Tadellosigkeit ausschlägt. Außerdem ist er nun aber pleite, was insofern ärgerlich ist, als er das Geld dringend braucht, um seinen Pass zurückzukaufen, den er dem Zollbeamten als Sicherheit hinterlegen musste. (Geschäftsmethoden, die auf eine überaus löchrige Staatskasse der Kronkolonie schließen lassen.) Eine Möglichkeit, an Bargeld zu kommen, ist eben die Lösung des Mordes an seinem Freund und die damit verbundene Belohnung, die von dessen zwielichtiger Familie – Schwiegerpapa Harris (Grégoire Aslan), Gattin Meredith (Véronique Vendell) und Schwägerin Catherine (Eva Garden) – bereitgestellt wird. Nachdem er mit dem Auftrag, den Mörder zu finden, betraut wurde, gehen die Anschläge auf sein Leben los. Offensichtlich hat jemand großes Interesse daran, die Gründe für Edwards Tod geheimzuhalten. Doch Frank weiß sich zur Wehr zu setzen – und noch einiges mehr.

DAS MÄDCHEN VON HONGKONG (dessen Titel nicht nur aufgrund der falschen Präposition und der Tatsache, dass Mai Li aus Macau stammt, unglücklich ist: Ich komme darauf zurück.) ist der letzte von Wolf C. Hartwigs „Hongkong-Reißern“: Ihm gingen HEISSER HAFEN HONGKONG, WEISSE FRACHT FÜR HONGONG, EIN SARG AUS HONGKONG und DIE JUNGEN TIGER VON HONGKONG voraus. Jürgen Rolands Film präsentiert eine für heutige deutsche Augen reichlich seltsame Melange aus Actionfilm, Exotismus, Sex und Sleaze, die aber mit der Gediegenheit und handwerklichen Seriosität eines cinematischen Großereignisses für die ganze Familie in Szene gesetzt wurde. Man orientiert sich ganz offenkundig an den großen Vorbildern aus Übersee, ohne dem Titel jedoch die bundesdeutsche Staubigkeit ganz auszutreiben, die man in den Sechzigerjahren schon an den Edgar-Wallace-, Bryan-Edgar-Wallace-, Dr. Mabuse- oder Jerry-Cotton-Reihen zu schätzen gelernt hatte. Es ist diese Kollision des Weltgewandten, Polyglotten, Verlockend-Bunten, des Großen und Spektakulären mit dem Staubig-Miefigen, Kleingeistigen, Provinziellen und Spießigen, die DAS MÄDCHEN VON HONGKONG zum explosiven Kracher macht, und Joachim Fuchsberger verkörpert dieses Widersprüchliche par excellence. Auf der einen Seite ist er der attraktive Mann, den man aufgrund seines guten Aussehens sowie seiner Erfahrung und sympathischen Ausstrahlung durchaus als deutschen Actionstar akzeptieren mag. Auf der anderen ist da aber eben auch diese joviale Kumpelhaftigkeit, gepaart mit bürokratischer Verbindlichkeit, das Schwiegersohnhafte, die Vorliebe fürs umgangssprachliche Bonmot („Raus aus den Pantoffeln, rin inne Pantoffeln“, sagt er einmal), die bürgerliche Entrüstung, der gerechte Zorn, der Hang dazu, die Welt als strukturschwachen Vorort Deutschlands zu begreifen, dem man unter die Arme greifen muss, seine Bewohner als bemitleidenswerte Halbwilde zu betrachten, deren Versuche, das eigene Leben zu meistern, man mit jener geduldig-amüsierten Nachsicht beäugt, die man auch tolpatschigen Hundewelpen zuteil werden lässt. Das erwähnt Schwiegersohnhaft-Verbindliche wird in DAS MÄDCHEN VON HONGKONG zudem immer wieder durch irritierende Sleaze-Einschübe unterwandert: Zwar kann sich Boyd unter Aufbringung seiner ganzen Onkeligkeit den Avancen der androgynen Mai Li erwehren, aber für richtig klare Verhältnisse sorgt er auch nicht. Er spielt erst den Tugendbolzen, als er erfährt, dass Mai Li bei einer Freundin im Puff unterkommt, genießt in ihrer Abwesenheit dann aber doch die als Freundschaftsdienst verabreichten Massagen der Nutten, die sich dafür auch den Oberkörper freimachen. Und als sich das ihm beinahe hörige Mädchen splitterfasernackt zu ihm ins Bettchen legt, da sagt er auch nicht Nein, obwohl er seine Fühler längst nach der feschen Catherine ausgestreckt hat.

Ja, diese Mai Li ist der Ansatzpunkt, wenn man der Schmierigkeit des Films auf den Grund gehen will. Der Titel lenkt den Fokus ganz eindeutig auf sie und ihre Anwesenheit legt zunächst den Verdacht nahe, dass sie irgendetwas mit dem Kriminalfall zu tun hat. Doch dem ist nicht so. Die Figur ist von noch nicht einmal tangentieller Bedeutung für den Plot und ganz ohne Probleme ließe sich die Geschichte ohne sie erzählen (die Schurken müssten dann am Ende lediglich ein anderes Druckmittel finden, um Boyd zu beeindrucken). Mai Li ist nicht mehr als ein verheißungsvolles Lockmittel für den männlichen Zuschauer und an bestimmte erotische Versprechungen geknüpft, die der Film auf höchst übergriffige, ausbeuterische Art und Weise erfüllt. Das selbstzweckhafte Herzeigen ihres Körpers ist nicht per se ein Problem: Unangenehm wird es vor allem, weil diese Mai Li als herzensgutes, aber intellektuell limitiertes und beinahe asexuelles Kind gezeichnet wird, das gar keine Ahnung hat, was mit ihr passiert. Dass die Synchro ihr – und allen anderen Chinesen – den aus unzähligen Kalauern beliebten rassistischen Sprachfehler angedeihen lässt, unterstreicht noch den Eindruck, dass sie als Mensch überhaupt nicht ernst genommen wird, lediglich ein Vehikel für die Triebbefriedigung der Zuschauer ist. Nur so ist auch das verblüffende Ende des Films zu erklären. Unter anderen Umständen würde ich es für seine Nonkonformität loben, aber hier fungiert es vor allem als Beleg dafür, dass man mit der Figur der Mai Li nichts anzufangen wusste, sie nicht als eigenständigen Charakter begriff, sondern lediglich als Strukturelement, um bestimmte Handlungen und Reaktionen Boyds anzustoßen. Ich spoilere jetzt einfach mal: Sie wird am Schluss von einem Killer erschossen, weil der sie für Boyd hält, und stirbt in den Armen ihrer Nuttenfreundin, der sie das Versprechen abringt, Boyd nichts von ihrem Tod zu erzählen. Die letzte Einstellung zeigt Boyd an Bord eines Schiffes in die Heimat, zerknirscht und ratlos ob des Verschwindens seiner Freundin, die ihm anscheinend doch ein wenig ans Herz gewachsen war. Kurz gesagt: Mai Li muss ins Gras beißen, um Boyd als harten Kerl mit weichem Kern zeigen zu können. Dass nur zwei Konsonanten sie von dem berühmten Gerhard-Polt-Sketch trennen, macht die Sache nicht besser.

Diese Kritik soll aber keinesfalls Zweifel daran aufkommen lassen, dass DAS MÄDCHEN VON HONGKONG ein Fest für Freunde deutscher Psychotronik ist – nicht zuletzt natürlich gerade wegen dieser Idiosynkrasien. Die Handlung ist angenehm egal, steht der dynamischen Plotabwicklung nie im Wege. Der Film ist eine bunte Folge von Schlägereien, Schießereien, markiger Dialoge und aufdringlicher Schlüpfrigkeiten, Hongkong bietet eine interessante und vielseitige optische Kulisse, Arthur Brauss ist wie immer göttlich, genauso wie die Heerscharen chinesischer Backpfeifengesichter, die für Neben- und Kleinstrollen engagiert wurden. Der Beatsound treibt den Film zu hohem Tempo, Jürgen Roland schießt wie gewohnt schnell und aus der Hüfte und nach 90 Minuten herzerfrischenden Schabernacks würde man gern noch einen nachlegen. Es ist schon erstaunlich und heute kaum noch nachvollziehbar, wie eine solche Mischung zustande kommen konnte: DAS MÄDCHEN VON HONGKONG ist gleichermaßen frisch, schwungvoll und undeutsch wie er seine Herkunft dann doch zu keiner Sekunde verleugnen kann. „German Action“ ist ein heute undenkbares Label, man will eigentlich gar nicht, dass es so etwas gibt, weil man ahnt, wie schmerzhaft peinlich das in der heutigen deutschen Filmlandschaft geraten muss. Jürgen Roland und Zeitgenossen waren damals verdammt nah dran. Was hätte daraus nur werden können …

bildagentur_coverpicture_heisser%2Bhafen%2Bhongkong%2B%2528filmbild%2529Durch eine Verkettung von Zufällen gelangt der Hamburger Journalist Peter Holberg (Klausjürgen Wussow) kurz nach seiner Ankunft in Hongkong in den Besitz eines Mikrofilms, nach dem sich der dubiose Geschäftsmann Marek (Horst Frank) die Finger leckt. Der eigentliche Bote sowie der Empfänger bezahlen ihre Verwicklung in die Sache mit ihrem Leben und so ahnt Holberg, dass auch er in Lebensgefahr schwebt. Zusammen mit der Journalistin Joan Kent (Marianne Koch), die vermutet, dass Marek auch für den Tod ihres Bruders verantwortlich ist, und Inspektor McLean (Brad Harris) nimmt er den Kampf gegen den schurkischen Marek auf …

Der Film geht mit der Erschießung eines nichtsahnenden Japaners gleich in die Vollen: Es war nur ein armer Tropf, der von gewissenlosen Schurken als Köder in den Tod geschickt wurde, um den eigentlichen Boten zu schützen. Man weiß gleich: Da, wo der Film uns hinführt, sind Menschenleben ganz, ganz billig. Darüber kann auch der enthusiastische chinesische Fremdenführer nicht hinwegtäuschen, der Holberg – und uns – auf dem Weg ins Hotel versichert, dass das Bild Hongkongs, das wir aus dem Kino kennen, nicht der Wahrheit entspricht. Nicht umsonst verfügt die britische Kronkolonie vielleicht über die beste Polizei der Welt! Die kann nach den folgenden Kapitalverbrechen aber auch nicht viel mehr tun, als die Leichen wegzuräumen. Man muss ihr zugutehalten, dass Holberg sich nicht allzu kooperativ verhält. Wussow ist mit seiner jovialen Art zwar nicht direkt herablassend, aber hinter seiner lausbübischen Aufmüpfigkeit erkennt man doch einen gewissen Chauvinismus: Zu Hause in Deutschland macht man das alles viel besser. Einmal wirft er einem ganzen Rudel von Straßenkindern Kleingeld vor die Füße, um das folgende Gebalge mit breitem Grinsen zu fotografieren! Wie sich das für solche dem Exotismus frönenden Sechzigerjahre-Abenteuer-Kolportagen gehört, nehmen Held und Heldin die Lösung des Kriminalfalles in die eigenen Hände, riskieren dabei mehr als einmal ihr Leben und können sich beim Drehbuchschreiber bedanken, dass sie nicht ebenso barsch aus dem Weg geräumt werden wie die Nebenfiguren. Als Holberg, von seiner unermesslichen Wirkung auf das andere Geschlecht felsenfest überzeugt, mit der Nachtclub-Schönheit Colette May Wong (Dominique Boschero) – die mit Marek unter einer Decke steckt – ausgeht, von ihr betäubt und schließlich in einer dunklen Hafengasse abgeladen wird, verliert er dabei jedenfalls noch nicht einmal seine Brieftasche. Und das, obwohl man immer wieder Lautsprecherdurchsagen hört, die Touristen vor Taschendieben warnen! Erst als es ganz heikel wird, darf Inspektor McLean dann doch noch eingreifen: Brad Harris, der die Schmach der Hongkonger Polizeiuniform (kurze Shorts und Kniestrümpfe) erträgt, ohne eine Miene zu verziehen, wird es ihnen gedankt haben.

HEISSER HAFEN HONGKONG ist gemessen an den Exploitationschandtaten des kommenden Jahrzehnts geradezu brav und bietet mit seiner McGuffiniade nicht gerade übermäßig spektakuläre Unterhaltung. Aber Roland hat einfach ein Händchen für diese Kolportagen, die Verbindung von Krimi, Action, Abenteuer, melodramatischen und dokumentarischen Elementen. Seine Inszenierung ist direkt und unverstellt, schnörkellos und geradeaus und so kommt auch HEISSER HAFEN HONGKONG schwungvoll über die Rampe, entwickelt Tempo und Drive, ganz ungeachtet der Tatsache, dass man nicht auf aufwändige Action-Choreografien zu warten braucht. Rolands Blick, seine Art zu inszenieren, erinnern mich immer mehr an Samuel Fuller, je mehr Filme ich von ihm sehe. Es gibt einige Parallelen zwischen den beiden, etwa die Verbindung zum Journalismus, die Gründung ihrer Geschichten auf tagesaktuellen Ereignissen und Schlagzeilen, ein kommentierender Ton, der sich gern in Form eines Voice-overs in den Film mischt, der knallige Einstieg, der das Äquivalent zur fetten Schlagzeile ist. Aber vor allem scheint es mir, als hätten sich beiden nicht von äußeren Umständen – kleinen Budgets und den damit verbundeen Beschränkungen – in dem Glauben beirren lassen, dass die Geschichte, die sie erzählen wollten, die aufregendste der Welt ist. Was man unter anderen Umständen vielleicht als unfreiwillig komisch oder unbeholfen bezeichnen würde, das wirkt bei ihnen deshalb authentisch, roh und eben echt. Vielleicht ist Roland gerade aufgrund dieser Qualitäten bis heute einer der ganz wenigen deutschen Filmemacher, denen es gelang, so etwas wie genuin deutsche Action zu machen: Roland inszeniert diese deutsche Piefigkeit und Provinzialität immer mit, anstatt sie zu leugnen und Deutschland zum Trabanten der USA zu machen. In einer Szene in HEISSER HAFEN HONGKONG sitzt die Journalistin Joan mit zwei ausländischen Kollegen, einer davon aus Deutschland, auf einer Café-Terrasse mit atemberaubendem Blick über den Hongkonger Hafen. Der deutsche Kollege lässt sich von diesem Panorama freilich nicht beeindrucken, stellt die Attraktivität Hongkongs rundheraus infrage und lobt mit kölschem Idiom den Blick von der Rheinterrasse bei einem „kühlen Bierschen“. Das ist nicht die Perspektive Rolands, aber er wusste wohl, dass es die (eines Teils) seines Publikums war.

Just an dem Tag, an dem Margaret Lois Reedle (Brigitte Grothum) ihre Stelle bei dem Rechtsanwalt Shaddle (Fritz Rasp) kündigt, um künftig als Sekretärin für Gräfin Moron (Lil Dagover) zu arbeiten, beginnt ein mysteriöser Mann (Klaus Kinski) sie telefonisch zu belästigen, um seinen Morddrohungen dann sogleich Taten folgen zu lassen. Nur durch die Hilfe eines Fremden, des zur rechten Zeit auftauchenden Mike Dorn (Joachim Fuchsberger), bleibt Margaret am Leben. Wenig später erfährt sie zu ihrem Entsetzen, dass ihre Mutter nur ihre Adoptivmutter war: Tatsächlich brachte sie die verurteilte Mörderin Mary Pinder (Marianne Hoppe) zur Welt, die gerade aus der Haft entlassen wird …

DIE SELTSAME GRÄFIN schließt nahtlos an Reinls DER FÄLSCHER VON LONDON an, was bedeutet, dass sich auch von Báky weniger auf polizeiliche Ermittlungen als auf das Schicksal seiner weiblichen Protagonistin konzentriert. Die Arme entgeht mehrfach nur knapp dem Tod (durch eine von einem Baugerüst fallende Schubkarre, eine Explosion, vergiftete Pralinen, ein heranrasendes Auto und einen einstürzenden Balkon), sieht ihre ganze Biografie auf den Kopf gestellt und landet dann am Ende völlig aufgelöst gar als vermeintlich Geisteskranke in der Irrenanstalt des nur wenig vertrauenerweckenden Dr. Tappat (Rudolf Fernau). Es ist nicht nur die Anwesenheit der großen Lil Dagover, deutscher Stummfilm- und UFA-Star, die den Eindruck erweckt, DIE SELTSAME GRÄFIN sei 20 Jahre älter: Der Plot erinnert etwas an Edel-Mysterygrusler vom Schlage eines REBECCA, ebenso die kontrastreiche Fotografie, die Schatten mit großem Effekt einzusetzen versteht. Das exploitative Elelement, dass die Wallace-Filme sonst auszeichnet, wird eher sparsam eingesetzt und geht vor allem auf das Konto Kinskis, der hier zum ersten Mal in der Reihe in einer jener Irren-Rollen zu sehen ist, mit denen man ihn später nicht zuletzt assoziierte. Sein Auftritt als wahnsinniger Bresset, der die arme Margaret terrorisiert, bietet ihm die Gelegenheit, alle Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Seine Tobsuchtsanfälle in der Gummizelle sind hier allein das Eintrittsgeld schon wert. Ansonsten kann man sich nur lebhaft vorstellen, was jemand wie Vohrer aus diesem Stoff gemacht hätte: Ich ahne, dass es bei seinen Anstaltsszenen kein Halten mehr gegeben hätte, die Grenze zum Horrorfilm deutlich vehementer überschritten worden wäre. So bleiben die Anleihen beim Gothic-Horror – das düstere Geheimnis, das in Margarets Vergangenheit liegt und nun die Gegenwart beeinflusst – sehr zurückhaltend, lediglich hübsch schmückendes Beiwerk für einen kompetent gemachten Whodunit vom alten Schlag, der gleichermaßen stilvoll und ansehnlich geraten ist.

Ein paar kleinere Variationen des Erfolgsrezepts schaffen den nötigen Wiedererkennungswert: Fuchsberger tritt in einer zunächst etwas ambivalenteren Rolle auf und wird sogar als möglicher Täter angeboten, Eddi Arent ist nicht bloß am Rand stehendes Comic-Relief-Beiwerk, sondern als Sohn der Gräfin stärker in die Geschichte eingebunden als in den Filmen zuvor. Die niedliche Brigitte Grothum gibt ebenfalls einen etwas anderen Heldinnentyp ab, ist verletzlicher, menschlicher und nahbarer als es etwa Karin Dor ist. Die Freundschaft zu ihrer treuen Begleiterin Lizzy (Edith Hancke), die ihr den ganzen Film über Beistand leistet, lässt sie – auch wenn sie als weitestgehend hilflose Damsel in Distress angelegt ist – mehr als echten Charakter erscheinen. Und dass es nebenbei um die Reintegration von Kriminellen in die Gesellschaft geht, möchte man dem Film beinahe als milde gesellschaftskritisches Element anrechnen. Auch DIE SELTSAME GRÄFIN ist natülich in erster Linie pulpiges Entertainment voller Klischees, aber dabei um Einiges gediegener als seine Vorläufer. Das liegt wohl nicht zuletzt daran, dass Gewaltspitzen stark reduziert wurden: Von Bákys Film ist eher zahm, hebt sich seine wenigen Toten bis zum Schluss auf und kann sich dem Vorwurf der „Selbstzweckhaftigkeit“ somit ganz beruhigt stellen. Insofern ist er vielleicht nicht unbedingt einer der typischsten Wallace-Filme, aber das hebt ihn aus der Masse angenehm hervor.

Die Edgar-Wallace-Checkliste:

Personal: Eddi Arent (7. Wallace-Film), Joachim Fuchsberger (5.),  Fritz Rasp (4.), Klaus Kinski (3.), Reinhard Kolldehoff (2.), Brigitte Grothum, Richard Häussler, Alexander Engel, Albert Bessler und Kurt Jaggberg (1.).  Regie: Josef von Báky Platz, Jürgen Roland (3.) und Ottokar Runze, Drehbuch: Curt Hanno Gutbrod und Robert A. Stemmle (1.), Musik: Peter Thomas (2.) (in DER FROSCH MIT DER MASKE blieb er noch ungenannt), Kamera: Richard Angst (1.), Schnitt: Hermann Ludwig (2.), Produktion: Horst Wendlandt (5.). 
Schauplatz: Gedreht wurde in West-Berlin sowie wieder einmal am Schloss Ahrensberg in Schleswig-Holstein.
Titel: Bezieht sich auf die mysteriöse Person, bei der alle Plotfäden zusammenlaufen und die vielleicht hinter den Mordanschlägen steckt.
Protagonisten: Damsel in Distress Margaret Reedle und ihr Helfer Mike Dorn.
Schurke: Klaus Kinski als wahnsinniger Auftragsmörder, Rudolf Fernau als schurkischer Irrenarzt, die räfin als Fadenzieher im Hintergrund?
Gewalt: Tod durch Stromschlag, zwei Erschießungen.
Selbstreflexion: Keine.

Valerie Howett (Karin Dor) zieht gemeinsam mit ihrem Patenonkel (Hans Epskamp) in ein direkt an das gewaltige Grundstück des amerikanischen Geschäftsmannes Bellamy (Gert Fröbe) grenzendes Haus. Sie hofft nebenan ihre verschwundene Mutter Elaine (Hela Gruel) zu finden: Die war vor Jahren mit Bellamy liiert, bevor sie schließlich dessen inzwischen verstorbenen Bruder heiratete. Zur gleichen Zeit wird die Gegend um Bellamys Schloss vom „grünen Bogenschützen“ unsicher gemacht, einer historischen Figur, die zu mörderischem Leben erwacht ist und deren Pfeilen diverse Menschen zum Opfer fallen. In der ganzen Angelegenheit ermittelt Inspektor James Lamotte Featherstone (Klausjürgen Wussow) …

Ich habe DER GRÜNE BOGENSCHÜTZE in meiner Kindheit zum letzten Mal gesehen und war  damals – ich kann mich nicht mehr wirklich daran erinnern – besonders angetan von der ein wenig an einen Superhelden erinnernden Figur des Bogenschützen. Doch es ist vor allem das Respekt abnötigende Spiel und die bloße körperliche Präsenz Gert Fröbes, die die gewohnt leichte Krimi- und Mystery-Kost gehörig aufwerten: Wenn der cholerische Menschenschinder in einem Monolog Einblick in seine verletzte Psyche gibt, erhält der triviale Stoff plötzlich eine vorher ungeahnte Tiefe. Da fällt es dann auch gar nicht so sehr ins Gewicht, dass der Gewaltanteil gegenüber den vorigen Filmen erheblich reduziert wurde und Eddi Arent als clownesker Reporter gleich mehrfach die „vierte Wand“, die Grenze zwischen Film und Zuschauer, durchbricht, und das Geschehen auf der Leinwand so explizit als Fiktion enttarnt. Man mag von dieser Strategie halten, was man will, ich finde, dass sie in diesem Rahmen eigentlich ganz gut funktioniert: Mehr als in einer wie auch immer gearteten Realität waren die Wallace-Filme von Anfang an in einem fiktiven Paralleluniversum, einer Hyperrealität angesiedelt, die sich aus (filmischen) Klischees, ästhetischen Manierismen und Symbolen zusammensetzt. Das gezeigte England stellte kein „Abbild“ des realen historisch-geografischen Ortes dar, sondern war stets eine deutsche England-Projektion, der Ort, an dem die Gothic-Horror- und Mystery-Fantasien der Autoren in den Augen der Zuschauer „Wahrheit“ werden konnten.

Gothic Horror ist dann auch ein gutes Stichwort: Zwar findet sich für das Wirken des geisterhaften Bogenschützen wie immer eine ganz weltlich-rationale Erklärung, dennoch ist DER GRÜNE BOGENSCHÜTZE mit seinen Jahrzehnte in die Vergangenheit reichenden Motivationen und der Konzentration auf die schicksalhafte Verbindung zweier Familien dichter dran am Grusel klassischer Prägung als die vorangegangenen Krimis, deren fantastischen Elemente stets nur Blendwerk waren, zu dem Zweck gezündet, Zuschauer wie Protagonisten auf eine falsche Fährte zu locken. So gerät der Kriminalbeamte Featherstone dann auch zur Nebenfigur, während die schöne Valerie mit ihrem sehr persönlichen Anliegen in den Mittelpunkt des Zuschauerinteresses rückt. Vielleicht wäre DER GRÜNE BOGENSCHÜTZE noch überzeugender, wenn er sich ganz auf sie konzentrierte, noch tiefer in die Geschichte einer dysfunktionalen Beziehung eintauchte, Fröbes Bellamy noch schärfer konturierte, die Ambivalenz seines Charakters noch stärker herausarbeitete. Aber dann wäre er natürlich kein Edgar-Wallace-Film mehr. Und ein solcher ist er in Reinkultur, mit seinen falschen Fährten, zahlreichen Verdächtigen, finsteren Gestalten, undurchsichtigen Motivationen und dem mit allen Wassern gewaschenen Ermittler, der eigentlich von Anfang an weiß, wie der Hase läuft, und lediglich aus dem Grund nicht eingreift, um uns den Spaß nicht zu verderben. Das, was ich mit der EW-Reihe assoziiere, verkörpert DER GRÜNE BOGENSCHÜTZE bis zur Perfektion.

Umso erstaunter bin ich jetzt, wo ich weiß, dass Rolands zweiter und letzter vollwertiger Beitrag zur Reihe keineswegs zu den erfolgreichsten gehörte – ein weiterer Beweis, dass man von der Eigenwahrnehmung nie auf die Allgemeinheit schließen sollte: Die Zuschauerzahlen fielen nach dem durchschlagenden Kassenerfolg von DIE BANDE DES SCHRECKENS um fast 50 % und noch hinter das Niveau von DER ROTE KREIS zurück, dem zu diesem frühen Zeitpunkt am schwächsten besuchten Wallace-Film. Mit 1,7 Millionen zahlenden Zuschauern (laut Wikipedia) belegt DER GRÜNE BOGENSCHÜTZE einen Platz im tristen Mittelfeld der Rialto-Wallace-Filme, wird lediglich von einigen späteren Werken des Zyklus in der Zuschauergunst noch unterboten. Um den Grund dafür herauszufinden, müsste man wohl tief in die Mentalitätsforschung des Jahres 1961 einsteigen, denn am Film kann es meiner Meinung nach nicht liegen. DER GRÜNE BOGENSCHÜTZE bietet herrlich knarziges Entertainment, bringt nach den beiden eher gleichförmigen Vorgängern frischen Wind in die Reihe und rangiert in meiner Gunst bis hierhin gleich hinter DER FROSCH MIT DER MASKE.

Die Edgar-Wallace-Checkliste:

Personal: Eddi Arent (4.), Karl-Heinz Peters (3.), Karin Dor und Klausjürgen Wussow (2.), Harry Wüstenhagen, Stanislav Ledinek, Hans Epskamp, Hela Gruel, Sigrid von Richthofen und Charles Palent (1.). Regie: Jürgen Roland (2.), Drehbuch: Wolfgang Schnitzler und Wolfgang Menge, Musik: Heinz Funk (2.), Kamera: Heinz Hölscher, Schnitt: Herbert Taschner (1.). Produktion: Horst Wendlandt (1.).
Schauplatz: London, Landhäuser und -schlösschen, ein großes Frachtschiff und die zwielichtige „Shanghai Bar“. Gedreht wurde erneut in Hamburg und am Schloss Ahrensburg
Titel: Der Titel bezeichnet den maskierten Unbekannten, der als Rächer durch den Film schleicht. Zum zweiten Mal nach DER ROTE KREIS kommt ein Farbbegriff vor.
Protagonisten: Inspektor James Lamotte Featherstone sowie Love Interest und Damsel in Distress Valerie Howett, geborene Bellamy. Eddie Arent ist als Journalist zu sehen.
Schurke: Der amerikanische Misanthrop und Geschäftsmann Abel Bellamy. Der grüne Bogenschütze ist zwar ein mörderischer Vigilant, aber nicht der eigentliche Bösewicht des Films.
Gewalt: Gegenüber den Vorgängern etwas abgemildert: Es gibt aber diverse Tode durch Pfeil und Bogen.
Selbstreflexion: Geht ganz auf das Konto von Eddie Arent: Er beginnt den Film, indem er sich direkt an den Zuschauer wendet und ihn begrüßt. Wenig später sagt er angesichts eines Tatortes, er kenne das alles aus der Serie STAHLNETZ und freut sich, dass das ja nun wohl doch ein spannender Film werden würde. Am Ende kommentiert er eine Explosion mit der Vermutung, da werde wohl ein „neuer Wallace“ gedreht.