Mit ‘Jürgen Roland’ getaggte Beiträge

Die feinen Bürger von London werden durch das Treiben eines Gauners, der sich nach dem Symbol, das er zu hinterlassen pflegt, „Der rote Kreis“ nennt, terrorisiert: Sie erhalten Erpresserschreiben, die sie zur Zahlung großer Geldbeträge auffordern, und werden von ihm umgebracht, wenn sie seinen Forderungen nicht nachkommen. Gemeinsam mit dem kurz vor der Pensionierung stehenden Inspektor Parr (Karl-Georg Saebisch) ermittelt der Privatdetektiv Derrick Yale (Klausjürgen Wussow) gegen den Erpresser, hinter dem man den einst knapp der Todesstrafe entronnenen Ganoven Lightman vermutet, über dessen Aussehen es jedoch keinerlei Aufzeichnungen gibt. Die Toten häufen sich ebenso schnell wie die Verdächtigen. Ist vielleicht sogar die schöne Thalia Drummond (Renate Ewert) für die Morde verantwortlich?

Den zweiten Beitrag zur mit Erfolg gestarteten Wallace-Reihe steuerte  Jürgen Roland bei. Roland war durch seine Arbeit für die DER POLIZEIBERICHT MELDET … bekannt geworden, in der echte Kriminalfälle fürs Publikum aufbereitet worden waren, sowie die sich anschließende Serie STAHLNETZ, die nach Vorlage der US-Serie DRAGNET ein ähnliches Konzept verfolgte. Die zwischen 1958 und 1968 ausgestrahlten 22 Folgen der Serie avancierten zu echten Straßenfegern, mit kolportierten Einschaltquoten von angeblich bis zu 92 Prozent. Rolands Serie – und auch seine zahlreichen späteren Arbeiten – bestach sowohl durch die authentische Zeichnung verbrecherischer Milieus als auch durch genaue Kenntnis der Abläufe der Polizeiarbeit: Eigenschaften, die Roland bis in die Neunzigerjahre hinein zum deutschen Spezialisten für realistische Kriminal- und Actionfilme machten. Sein Markenzeichen war nicht zuletzt die akribische Recherche, deren Ergebnisse er in seine Drehbücher einfließen ließ. Rolands STAHLNETZ-Stammautor Wolfgang Menge arbeitete dann auch am Drehbuch für DER ROTE KREIS mit, gemeinsam mit Egon Eis, der erneut unter dem Pseudonym Trygve Larsen geführt wird. Von Reinls reißerischem Vorgänger hebt sich DER ROTE KREIS erwartungsgemäß deutlich ab, wobei das auch an der Vorlage liegen mag. Statt knalliger Actioneinlagen bestimmen hier die Ermittlungsarbeiten der beiden Protagonisten die Handlung, der Ton des Films ist trockener, lakonischer, der Stil weniger grell und ornamental. Gleichzeitig wird der Plot unübersichtlicher: Ich habe irgendwann den Überblick über die zahlreichen Figuren und ihre wechselnden Motivationen verloren und konnte vor „Inschpektor“ Parr, der sich zu keiner Sekunde des Films beirren lässt, nur den Hut ziehen. Aber das gehört natürlich zur Strategie solcher Whodunits: dass man irgendwann keine Ahnung mehr hat, wer denn nun aus welchem Grund für welches Verbrechen verantwortlich zeichnen könnte. So wirft die Auflösung mehr Fragen auf, als sie Antworten liefert, und bei mehr als nur einer Wendung kann man sich des Verdachts nicht erwehren, dass weniger die größtmögliche Plausibilität als vielmehr der größtmögliche Überraschungseffekt im Vordergrund stand.

Dennoch kann man DER ROTE KREIS insgesamt als Erfolg verbuchen: Wieder einmal waren es vor allem die Dialoge, die mich in kichernde Begeisterung versetzten: Der bei jedem Auftauchen eines irgendwo hingemalten roten Kreises von irgendeiner Person mit atemlosem Entsetze ausgestoßene Ruf „Der rote Kreis!“ avancierte bei der Sichtung mit meiner Gattin zum Running Gag, die betont deutschen Aussprachen englischer Namen sind ebenfalls herzallerliebst und verstärken den naiven Eindruck. Auch manche Szenenüberleitung ist zum Schießen: Als etwa der junge Jack Beardmore (Thomas Alder) und die dubiose Schönheit Thalia Drummond bei einem Waldspaziergang einen an einen Baum gemalten roten Kreis entdecken, von dem sie sicher sind, dass er eben noch nicht da war, beschließt er die Szene mit dem grandiosen Plan, seinen Vater nach der Herkunft des Kreises zu befragen, als wüsste der mehr als die zwei Menschen, die sich doch in unmittelbarer Sicht- und Hörweite befanden. Die Komplexität der Personenkonstellationen wird immer wieder durch solch frappierende Einfalt an anderer Stelle aufgewogen: Etwa wenn da Verbrecher nach kurzer Inhaftierung bereits hingerichtet werden oder der „Rote Kreis“ zur apokalyptischen Bedrohung für die britische Metropole aufgeblasen und seine doch recht singulären, amateurhaften Taten dem Treiben einer „perfekt funktionierenden Organisation“ zugeschrieben werden. Damals hatten es Verbrecher eben noch leichter, eine Millionenstadt in Angst und Schrecken zu versetzen, als heute. Und sie mussten für deutlich kleineren Ertrag noch deutlich mehr riskieren. Die Krimihatz kulminiert hier in einem nicht abreißen wollenden Hin- und Hergeschleiche und -gerenne, einem andauernden Piff-Bumm-Peng der Pistolen und einem Bodycount, der sich gewaschen hat. Dahinter steckt ohne Frage die spießbürgerliche Paranoia  vor einem krakenhaft agierenden Verbrechen, das mit seinen Fangarmen noch in den letzten Schlupfwinkel des Anstands hineinreicht und die braven Menschen verdirbt. Die Identität des „Roten Kreis“ ist ja nicht nur deshalb geheim, damit die Suche nach dem Täter spannender wird: Sie suggeriert eben auch relativ unmissverständlich, dass jeder der gefürchtete Superverbrecher sein kann, im schlimmsten Fall sogar jemand aus den Reihen der Guten, wie es in den Edgar-Wallace-Filmen mit schöner Regelmäßigkeit der Fall ist.

Auch wenn ich DER ROTE KREIS deutlich schwächer finde als Reinls DER FROSCH MIT DER MASKE, so bietet er doch wieder dieses auf behagliche Art und Weise angestaubte Entertainment, eines, das nicht nach Plastik und Parfum von Calvin Klein riecht, sondern nach Holz, Zigarren- und Pfeifenrauch, nach Whiskey, Lederschuhen und Torf. Und wenn das Stelldichein der Verdächtigen und Opfer auf Dauer auch etwas ermüdend wirkt, so kann ich mich an den diversen, der Entstehungszeit geschuldeten Manierismen einfach nicht sattsehen. Schon wie hier andauernd geraucht wird, nicht mit dieser neumodischen Coolness, sondern mit einer heute völlig undenkbaren Weltmännischkeit, ist eine Augenweide, und jemanden wie Klausjürgen Wussow als mit allen Wassern gewaschenen, supersmarten Detektiv sehen zu dürfen, nicht minder kurios. Völlig souverän thront über allem jedoch Karl-Georg Saebisch als unkomplizierter, geradliniger Inspektor, den nichts mehr wirklich erschüttern kann und der in seinen letzten Amtshandlungen noch einmal die Kartoffeln aus dem Feuer holt. Nicht einmal der schlimmste vom Drehbuch herbeifabulierte Plottwist kann ihn aus der Ruhe bringen. Er hat am Ende natürlich alles vorausgesehen und -geplant. Das waren noch Kerle!

Die Edgar-Wallace-Checkliste:
Personal: Eddi Arent, Fritz Rasp, Ulrich Beiger und Ernst Fritz Fürbringer (2.), Karl-Georg Saebisch, Klausjürgen Wussow, Heinz Klevenow, Karl-Heinz Peters, Alf Marholm und Günter Hauer (1.). Regie: Jürgen Roland (1.), Drehbuch: Jürgen Roland (1.) und Egon Eis (unter dem Pseudonym Trygve Larsen) (2.), Musik: Willy Mattes (2.), Schnitt: Margot Jahn (2.), Kamera: Heinz Pehlke, Produktion: Preben Philipsen (2.). (Zahlen in Klammern markieren die Nummer des Auftritts innerhalb der Reihe. Debütanten unter den Schauspielern werden nur erwähnt, sofern sie eine Rückkehr feierten.)
Schauplatz: London, Landhäuser, Scotland Yard, Zugabteile, düstere Straßen etc. Gedreht wurde in Kopenhagen.
Titel: Der Titel bezeichnet den geheimnisvollen Täter und sein Zeichen. Zum ersten Mal kommt ein Farbwort im Titel vor.
Protagonisten: Wieder wird ein alternder Inspektor von einem Jüngeren unterstützt, in diesem Fall von einem Detektiv, der jedoch bald von Scotland Yard eingestellt wird. Eddie Arent gibt ebenfalls einen Polizisten. Renate Ewert ist Femme fatale und Love Interest in Personalunion. Ernst Fritz Fürbringer ist erneut als Scotland-Yard-Chef Sir Archibald zu sehen.
Schurke: Der Rote Kreis befehligt eine ganze Bande und verdient sein Geld durch die Erpressung reicher Bürger. Er konnte aus der Haft entkommen und verdankt seinem Namen einem seltsamen Muttermal am Hals.
Gewalt: Zahlreiche Erschießungen, Messer- und Giftmorde, Tod durch Überfahren und Erhängen, eine Hinrichtung.
Selbstreflexion: Die Title-Sequenz ist mit dem Bild eines Stahlnetzes unterlegt, in Anspielung auf die Erfolgsserie Rolands. Der Regisseur absolviert außerdem einen Cameo-Auftritt als Polizist.

Für Hard Sensations habe ich den großartigen ZINKSÄRGE FÜR DIE GOLDJUNGEN besprochen: eine Wolf-C.-Hartwig-Produktion, mit viel Drive inszeniert von Jürgen Roland und seit einiger Zeit erhältlich in einer feinen 2-Disc-Special-Edition im schmucken Pappschuber. Wer German Sleaze mag, ein Faible für bundesdeutsche Nachkriegstristesse hat und seine Vorurteile gegen den deutschen Actionfilm ablegen möchte, dem sei der Kauf dringen empfohlen. Es reicht aber auch, wenn man seine Filme schnell, hart, feist und asig mag. Hier findet ihr den Text.