Mit ‘Justin Lin’ getaggte Beiträge

Dom Toretto (Vin Diesel) und Brian (Paul Walker) haben sich mit den im Vorgänger erworbenen Reichtümern zur Ruhe gesetzt und sehen einem ruhigen Familienleben entgegen. Doch daraus wird nichts, denn eines Tages steht der Elite-Polizist Hobbs (Dwayne „The Rock“ Johnson) bei Dom auf der Matte: Eine Bande von hochspezialisierten und motorisierten Ex-Soldaten treibt in London ihr Unwesen und Dom soll Hobbs dabei helfen, sie zur Strecke zu bringen. Nachdem die alte Mannschaft wieder vereint ist, geht es ans Eingemachte …

Nach FAST FIVE nun also FURIOUS 6: Über die kuriose Entwicklung, die das FAST & FURIOUS-Franchise bis heute genommen hat, habe ich mich vor nicht allzu langer Zeit in aller angemessenen Ausführlichkeit ausgelassen. In Kurzform geht die Geschichte so: Nach rumpeligem Start mit einem leicht überdurchschnittlichen, aber nur wenig außergewöhnlichen Auftakt und einem miserablen Sequel übernahm der damals nahezu unbekannte Justin Lin ein Reihe, die zum schnellen Abstieg ins DTV-Genre wie prädestiniert schien. Das Gegenteil trat ein: Mit großem visuellem Gespür und ausgezeichnetem Actionhandwerk machte er aus der filmischen Totgeburt ein Erfolgsfranchise, das sich mit seinen beiden letzten Installationen verdientermaßen an die Spitze des großbudgetierten Hollywood-Actionkinos setzte. Verfügte die Serie zu Beginn weder über eine eigene Identität noch über einen ausgeprägten eigenen Stil, hat sie nun ein ganz und gar unverwechselbares Gesicht und einen Charakter, der ihr innerhalb des Actiongenres den ihr vorbehaltenen Platz zuweist.

Man mag über die machohaften Bro-isms der Serie geteilter Meinung sein – gerade die männlichen Protagonisten wirken wie in einem Stadium suspendierter Postpubertät gefangen und der Hip-Hop-Cool, den sie in ihren Dialogen bemühen, kann durchaus etwas anstrengend werden –, aber die damit verbundene Betonung von Freundschaft, Familie, Loyalität und Zusammenhalt sendet ein starkes Signal an den Zuschauer. Trotz ihrer umfassenden Over-the-Topness, die sich nicht nur in den die Grenzen der Plausibilität weit überschreitenden Actionsequenzen, sondern auch in den Charakteren und dem audiovisuellen Styling der Filme niederschlägt, bleiben die Filme aufgrund dieser bodenständigen Moralität für den Zuschauer menschlich und emotional nachvollziehbar. Der ganze High-Tech- und Markenfetischismus zieht nie die ganze Aufmerksamkeit auf sich, stiehlt den menschlichen Protagonisten nicht die Show, wie das bei anderen modernen Actionern  oft der Fall ist (man denke an Birds MISSION: IMPOSSIBLE – GHOST PROTOCOL). Im Zentrum stehen Dom, Brian, ihre Freunde und die Beziehung, die sie zueinander haben. FURIOUS 6 thematisiert das sogar auf Handlungsebene: Das Schurkenteam um Shaw (Luke Evans) wird als spiegelbildliches Negativ von Torettos Crew vorgestellt und setzt der Familiarität der Protagonisten eiskalten Zynismus entgegen. Shaws Code lautet nicht „Familie“, sondern „Funktionalität“: Er betrachtet jedes einzelne Mitglied seiner Mannschaft nicht als Individuum, sondern als eine Funktion erfüllendes Zahnrad im Getriebe. Wenn es fehlerhaft ist, muss es ersetzt werden, für Sentimentalitäten ist dabei kein Platz. Dieser krasse Pragmatismus muss sich gegenüber dem menschlichen Ansatz von Dom und Brian natürlich als unterlegen erweisen. Wer mit dem Herzen bei der Sache ist, ist eben auch bereit, die extra mile für seine homies zu gehen, während der ersetzbare Lohnsklave bald an seine Grenzen stößt. Am Ende versammelt sich die ganze Familie wieder zum gemeinsamen Barbecue um Doms Tisch, wie sie das schon im ersten Teil getan hat. Wer den ersten Bissen nimmt, wird zum Sprechen des Tischgebets verdonnert. Man kann das mit einigem Recht als spießigen Konservatismus kritisieren, aber dieses feste Wertesystem ist es, das die Ausnahmestellung des FAST & FURIOUS-Franchises in einer Actionfilm-Welt ausmacht, die zunehmend von Zynikern bevölkert wird. Die Helden von FURIOUS 6, sie sind nicht die maulfaulen Loner, sondern die Typen von nebenan, mit denen man auch mal ein Bierchen trinken und Playstation spielen kann.

Der Vorgänger hatte mit der Verfolgung durch die Favelas von Rio De Janeiro vielleicht die bessere, einprägsamere, zupackendere Actionszene, doch ich glaube, mir hat der neueste Teil sogar noch etwas besser gefallen. Den absurden Größenwahn, der die aktuellen Action-Set-Pieces auszeichnet, muss man dabei zu nehmen wissen: Freunde des Realismus steigen möglicherweise  aus, wenn die Flugzeug-Startbahn, auf der sich der 15-minütige Showdown abspielt, immer länger und länger wird, oder der Bösewicht Shaw mit einem Panzer Chaos und Zerstörung auf einer Autobahnbrücke anrichtet. Aber Justin Lin weiß im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen, wie man solche Szenen inszeniert, sodass sie nicht wie Trickfilme aussehen. Das visuelle Geschick, das er dabei an den Tag legt ist erstaunlich. Auch komplexe Actionsequenzen – man muss bedenken, dass an den ausufernden Verfolgungsjagden immer ein ganzes Arsenal handelnder Figuren an verschiedenen Orten beteiligt ist, zwischen denen hin und her geschnitten wird – werden nie chaotisch, sondern bleiben glasklar und nachvollziehbar. Keine Spur vom hektischen Kameragewackel, mit dem weniger talentierte Leute auf billige Art und Weise Dynamik vortäuschen, weil sie sie anders nicht hinbekommen. Man sollte FURIOUS 6 ganz sicher nicht zu Ernst nehmen. Aber man verzeiht ihm gern auch die absurderen Einfälle, weil er die richtige Einstellung zu sich selbst findet. Ein größeres Lob kann man einem großen Event-Actioner kaum machen. Ich freue mich schon sehr auf den kommenden siebten Teil. Diesen Enthusiasmus hervorzurufen, wäre bei jeder anderen so weit fortgeschrittenen Reihe schon eine echte Leistung; denke ich an die Ernüchterung zurück, die der mit viel Tamtam gestartete erste Teil vor nunmehr 12 Jahren bei mir auslöste, kann man nur von einem handfesten Wunder sprechen.

Dominic Toretto (Vin Diesel), Brian O’Conner (Paul Walker) und Doms Schwester Mia (Jordana Brewster) sind vor dem Gesetz auf der Flucht und haben sich in Rio niedergelassen. Ihnen dicht auf den Fersen ist der unerbittliche FBI-Mann Hobbs (Dwayne Johnson). Als Mia gesteht, schwanger zu sein, ist klar, dass das Leben als Gesetzlose zu Ende gehen muss. Gemeinsam mit ihren alten Freunden wird ein letzter großer Coup geplant: Der Drogenbaron Rios, Hernan Reyes (Joaquim de Almeida), soll seines gesamten Vermögens von 100 Millionen Dollar beraubt werden. Doch Reyes hat eine Überraschung parat: Er bunkert sein Vermögen mitten im Polizeipräsidium …

Nach dem aufgrund eines etwas einfallslosen Drehbuchs letztlich nur halbherzigen Versuch, mit FAST & FURIOUS vom bisherigen Stückwerk der Serie wegzukommen und einen Schritt in Richtung charakterzentrierten Erzählkinos zu machen, ist FAST FIVE der Film, in dem dieses Vorhaben nun gelingt und der auch zum ersten Mal das Potenzial seiner Figuren ausschöpft. Justin Lin wirft die illegalen Straßenrennen, die bisher einen wichtigen Bestandteil der Serie ausmachten, über Bord – es ist doch sehr bezeichnend, dass er das einzige in diesem Film stattfindende Rennen mit einem Schnitt quasi unsichtbar macht – und wählt für die fünfte Installation der Reihe die Schbalone des Heist oder Caper Movies. Die Planung des großen Coups, das kontinuierliche Heranarbeiten an den Erfolg, die unterschiedlichen Aufgaben, die von den verschiedenen Charakteren mit den jeweils verschiedenen Eigenschaften erfüllt werden werden, das Katz-und-Maus-Spiel mit den Gesetzeshütern: Das ist alles sehr viel spannender und abwechslungsreicher als das, was in den Vorgängern handlungsmäßig aufgeboten wurde. Das gilt auch für die Actionszenen, die hier nicht nur größer, spektakulärer und aufwändiger sind, sondern auch kreativer als zuvor: Der Überfall auf einen fahrenden Zug, eine zu Fuß ausgetragene Verfolgungsjagd über die Dächer der Favelas Rios und schließlich der Showdown, bei dem Dominic und Brian mit ihren Autos gemeinsam einen riesigen Safe durch die Straßen ziehen und damit Maximum Destruction anrichten, sind die Höhepunkte des Films und stellen die an Action nun nicht gerade armen Vorgänger weit in den Schatten. Als letzter Pluspunkt ist die Hinzufügung von Hobbs zu nennen: Wenn es den ersten vier Filmen an etwas mangelte, dann sicherlich an einem charismatischen und interessanten Gegenspieler für die Helden. Dwayne Johnson füllt diese Lücke mit enormer körperlicher Präsenz, brennender Intensität und einem Bart, der ihn zu einem geistigen Verwandten Captain Ahabs macht.

Leider vereinen sich diese vielen positiven Akzente nicht zu einem Werk rundum erfüllender Glücksseligkeit: Lin ist alles andere als ein begnadeter Erzähler und seine Ambitionen in epischem Erzählen – bei der das nächste Sequel ankündigenden Post-Credit-Sequenz wähnt man sich fast in einem Marvel-Superheldenfilm – werden von der Klischeehaftigkeit seiner Inszenierung unterminiert. Anstatt das Gaspedal durchzutreten und seine packende Geschichte ohne viel Schnickschnack runterzuerzählen, will er aus FAST FIVE auch noch eine Komödie und gefühliges Drama machen. Es ist nicht so, dass er sich mit diesem Vorhaben gänzlich übernähme, aber dennoch bleibt am Ende der Eindruck, dass hier wirklich jedes Bedürfnis befriedigt werden sollte, ohne dass jemand zur Verfügung gestanden hätte, der diese viele verschiedenen Erzählmodi wirklich beherrschte. Die Gags sind stets vorhersehbar, die dramatischen, emotionalen Szenen kommen über Soap-Opera-Niveau nicht hinaus und beißen sich mit dem Comic-Appeal des Films. Und dass da auf einmal Charaktere aus jedem der ersten vier Teile ihren Auftritt absolvieren dürfen, auch wenn man sie seitdem definitiv nicht vermisst hat (I’m looking at you, Trrese …), scheint auch eher in dem ökonomischen Interesse begründet, das Franchise zu stärken, als dass es narrativ erforderlich wäre. Justin Lin gaukelt Epik eigentlich nur vor, anstatt wirklich episch zu erzählen. Letzten Endes kann man mit diesem Makel aber ganz gut leben, weil FAST FIVE über 120 Minuten jene rasante Unterhaltung bietet, die er sich in erster Linie auf die Fahnen geschrieben hat. Ich bin mir aber noch nicht ganz sicher, ob ich nun diesen fünften Teil oder doch Lins THE FAST AND THE FURIOUS: TOKYO DRIFT am besten finden soll. Wer klassisches Actionkino mit einem ausgearbeiteten Spannungsbogen und emotionaler Involvierung bevorzugt, wird seine Stimme für FAST FIVE abgeben wollen, wer den dekonstruktivistischen Bildersturm schätzt, votiert wohl für TOKYO DRIFT. So disparat und unentschlossen diese Reihe auch ist: Dass sie Platz für diese völlig konträren Ausprägungen des Hollywood-Kinos bietet, kann man durchaus honorieren. Ich bin gespannt auf den sechsten Teil.

Fünf Jahre nach den Ereignissen des ersten Teils: Dominic Toretto (Vin Diesel), seines Zeichens motorisierter Autobahnpirat, zieht sich aus dem „Geschäft“ zurück. Als er wenig später die Nachricht vom gewaltsamen Tod seiner Geliebten und Partnerin Letty (Michelle Rodriguez) erhält, ist er fest entschlossen, ihren Mörder zu stellen. Die Spur führt ihn in die Kreise eines mysteriösen Drogenbarons, auf den es auch der reaktivierte FBI-Agent O’Conner (Paul Walker) abgesehen hat. Dieser hatte sich einst als Undercover-Mann in Dominics Organisation eingeschlichen, ihn aber schließlich laufen lassen. Auch Doms Schwester Mia (Jordana Brewster) hat mit Brian noch ein Hühnchen zu rupfen, doch schließlich raufen sie sich zusammen, um dem Kriminellen das Handwerk zu legen und Lettys Tod zu rächen …

Bei der Suche nach einem Plakatmotiv, das diesen Beitrag zieren soll, bin ich auch auf eines gestoßen, das vollmundig „The Original Cast is Back!“ verspricht. Das finde ich  ziemlich lustig und auch irgendwie symptomatisch für das ganze Franchise: Nach zwei vom ersten Teil mehr oder weniger abweichenden Sequels, von denen das zweite, der spaßige THE FAST AND THE FURIOUS: TOKYO DRIFT, den mit weitem Abstand besten Beitrag zur Reihe darstellte, meinten die Produzenten nun also, es sei an der Zeit „the original cast“ zurückzubringen. Ganz so, als sei Cohens Original nicht das kreuzbiedere Filmchen für Zwischendurch gewesen, sondern der „real deal“, nach dem sich alle nach irgendwelchen von unerklärlichen Einfällen gebeutelten Sequelenttäuschungen zurücksehnten. Und so, als böte diese Reihe nicht in erster Linie einen letztlich vollkommen arbiträren Anlass, um Autos kaputtzumachen, sondern erzähle tatsächlich eine Geschichte mit Charakteren, nach denen man sich zurücksehnte.  Naja, wie dem auch sei: „New Model. Original Parts“, wie es die Tagline treffend besagt.

Dabei muss man einräumen, dass das neue Modell mit den Originalteilen wesentlich besser läuft als das alte Modell. Justin Lin bringt einen visuellen Einfallsreichtum mit, der Cohen weitestgehend fehlte, und auch die peinlichen Bro-isms sowie die marktschreierische Attitüde, die THE FAST AND THE FURIOUS in den Werbespot zum eigenen Soundtrack verwandelten, sind verschwunden. FAST & FURIOUS kommt der Beschreibung „ernster Actionkrimi“ schon recht nahe, weil es nicht Lins oberstes Interesse ist, seine Zuschauer möglichst unterbrechungsfrei mit geilen Bildern und obercoolen Sprüchen zu versorgen. Wenn es aber kracht, dann richtig. Die Eröffnungssequenz mit dem MAD MAX-artigen Überfall Torettos und seiner Leute auf einen fahrenden Tanklastzug toppt so ziemlich alles, was in der Reihe bisher aufgefahren wurde, und auch die Verfolgungsjagd durch einen stillgelegten Minenschacht kann sich sehen lassen. Und habe ich mich oben noch über die Werbestrategie lustig gemacht, so muss ich nun kleinlaut zugeben, dass zumindest die Rückkehr Vin Diesels sich bezahlt gemacht hat. Man mag von ihm als Schauspieler halten, was man will, dass er unbestreitbar Charisma und Präsenz hat, lässt sich meines Erachtens nicht leugnen und genau das fehlte den durchweg schwach besetzten Vorgängern. Ob sich das Gleiche aber über Paul Walker sagen lässt? Immerhin sind seine blonden Strähnchen weg.

Als Erzählfilm funktioniert FAST & FURIOUS sicherlich bis hierhin am besten von den vier bisherigen Filmen, aber das scheint mir auch sein Manko zu sein: Denn diese Geschichte ist einfach nicht besonders interessant. Im Mittelteil hängt FAST & FURIOUS gewaltig durch und das stupide, aber doch spaßige Rumgeheize,  in aufgemotzten Karren, das bislang immer im Vordergrund stand, wird neben dem austauschbaren Räuber-und-Gendarm-Spiel fast zur Nebensache. Schade, denn Lin hatte im direkten Vorgänger doch gezeigt, dass man durchaus einen ganzen Film auf so etwas Singulärem wie einer bestimmten Kurventechnik aufbauen und damit großartiges Entertainment bieten kann. Anstatt diesen Weg der Dekonstruktion konsequent weiter zu beschreiten, unterwirft sich Lin dem merkwürdigen Plan, an einer Art Fast-and-the-Furious-Universum zu stricken und Kohärenz vorzugaukeln, wo bisher nur das gemeinsame Thema „schnelle Autos“ stand. So springt der Film in der Timeline zurück vor TOKYO DRIFT und lässt dessen Nebenfigur Han (Sung Kang) in der Auftaktsequenz als Partner Dominics mitwirken; wahrscheinlich um damit nachträglich eine eigentlich sehr unwichtige Drehbuchzeile und das Cameo von Vin Diesel – die beide wohl nur da waren, um die Zugehörigkeit zur Serie herzuleiten – aus dem Vorgänger zu legitimieren. Das ist alles ziemlich eigenartig: das filmische Äquivalent zur Fälschung des eigenen Lebenslaufs. Original Model, New Parts quasi.

Sean Boswell (Lucas Black) steht vor einer Jugendstrafe, nachdem er zum wiederholten Mal wegen „reckless driving“ aufgefallen ist. Statt im Knast landet er als letzte Erziehungsmaßnahme bei seinem Vater in Tokio, wo er endlich lernen soll, ein verantwortungsbewusstes Leben zu führen. Doch schon am ersten Schultag wird er vom Amerikaner Twinkie (Bow Wow) in die Welt der illegalen Straßenrennen eingeführt. Diese Welt regiert DK (Brian Tee), der „Drift King“, Neffe des örtlichen Yakuza-Bosses (Sonny Chiba) und wie sein Name sagt Meister der unter den jugendlichen Rennfahrern präferierten Technik des Driftens. Der von Natur aus aufmüpfige Sean gerät schnell mit DK aneinander und spannt dem Japaner zu allem Überfluss auch noch die Freundin Neela (Nathalie Kelley) aus. Die Eskalation des Streits mündet schließlich in eine heiße Verfolgungsjagd durch das nächtliche Tokio, bei der Seans Mentor Han (Sung Kang) sein Leben verliert …

Regisseur Justin Lin schmeißt in seinem dritten Teil auch noch jene nur in Spurenelementen vorhandenen Copfilm-Einflüsse über Bord, die sich Singleton in seinem zweiten Teil noch nicht ganz verkneifen konnte, und verpasst dem PS-geilen Franchise einen Paintjob, der Wunder wirkt. Make no mistakes: Auch THE FAST AND THE FURIOUS: TOKYO DRIFT verblüfft den Normalsterblichen mit dem PS-Fetischismus, den anscheinend unerschöpflichen finanziellen Möglichkeiten seiner Protagonisten, ihrer sich in – haha, Wortspiel! – halsbrecherisch-selbstmörderischer Auto-Aggression niederschlagenden sexuellen Frustration und ihrer frappierenden Einfalt und Eindimensionalität. Schon in der Auftaktsequenz begnügen sich Sean und sein Rivale nicht mehr damit, sich zu beleidigen oder meinetwegen zu prügeln, wie das normale Jugendliche zu tun pflegen, nein, sie treten wegen einer Nichtigkeit zu einem haarsträubenden Autorennen gegeneinander an, bei dem sie den Tod des Gegenübers genauso billigend in Kauf nehmen wie den eigenen (von der Zerstörung fremden Eigentums mal ganz abgesehen). Das „Preisgeld“ ist in diesem Fall übrigens eine Frau, was mich gleich zum nächsten Punkt führt: Das Geschlechterbild der Reihe ist nämlich zutiefst rätselhaft, mit „sexistisch“ aber wirklich nur sehr unzureichend beschrieben. Zwar haben die Kerle tough und cool zu sein, rhetorische Schlagfertigkeit ist ausdrücklich erwünscht, aber keinesfalls vollwertiger Ersatz für körperliche Potenz, die Frauen demgegenüber gutaussehend, schlank, verführerisch und stets auf der Suche nach dem Typen, der sie an seiner Seite verdient hat, aber trotzdem ist das Machtgefüge zwischen beiden keinesfalls männlich dominiert. Die Frauen beherrschen im Gegenteil die Beziehungen zwischen den Figuren und dürfen sich immer wieder auch an dem konventionellerweise eigentlich dem Mann zugedachten Platz hinter dem Lenkrad behaupten. Die ganze Reihe zeigt eine vollkommen orientierungslose, außer Rand und Band geratene männliche Spezies, die von den Frauen unauffällig, aber unleugbar an der Leine geführt wird.

Im Gewand des Teeniefilms, das Justin Lin der Reihe verpasst, kommen all diese Elemente noch deutlicher zum Tragen: Die aufgemotzten Karossen, das Prahlen mit der Leistung des eigenen Gefährts, das stetige Nachrüsten, die entfesselten Rasereien und die bis zu letzten Konsequenz geführten Rennen sind letztlich Bilder für jene postpubertäre männliche Orientierungslosigkeit, in der es in THE FAST AND THE FURIOUS: TOKYO DRIFT an vorderster Stelle geht. Wem würde man das leichtsinnige Schrotten eines Autos verzeihen, wenn nicht einem Jungen? Auch das vielsagend betitelte Driften, die Fahrspezialität, die als Element der Handlung etwas überstrapaziert wird, lässt sich vor diesem Hintergrund verstehen. Es ist einer der poetischsten Momente des Films, wenn Neela und Sean mit ihrem Wagen als Teil eines ganzen Korsos eine vom Mond beschienene Bergstraße entlangdriften, sich Kontrollverlust und Kontrolle im Gleiten ihres Autos durch die Serpentinen die Hand geben. Sich den Kräften ausliefern und trotzdem ans Ziel kommen: Wenn Han seinem Freund Sean irgendwann auf den Weg gibt, das Leben bedeute, dass man Entscheidungen trifft, die später zu bereuen Zeitverschwendung sei, ist das weitaus weniger elegant als dieses traumgleiche Bild der wie Kaulquappen ihrr Bestimmung entgegenschlitternden Autos.

Mehr als seinen beiden Vorgängern gelingt es Lin also eine Märchenwelt aufzubauen, in der die bekannten Absurditäten als absichtliche Übertreibungen endlich Sinn ergeben. Als Sean mit höllischer Geschwindigkeit durch eine Radarkontrolle rauscht, verblüfft feststellt, dass die Polizei ihm nicht folgt, und Han ihm erklärt, dass die Autos der Tokioter Polizei zu langsam seien, als dass sie sich auf eine Verfolgungsjagd einließen, ist das nur am Rande eine Erklärung, um ein Logikloch zu schließen. Vielmehr ist es ein weiteres wichiges Detail um jene Märchenwelt aus aus dem Boden zu stampfen. Das Tokyo des Films ist ein Spielplatz der Jugend. Der Ort, an dem all die inneren Konflikte an die Oberfläche treten, sich die Verlockungen der Welt in den bunten Neonlichtern spiegeln, die Sehnsucht in den Menschenmassen, die noch mitten in der Nacht die Straßen bevölkern. Ein Schlaraffenland der Gehetzten, Getriebenen und Rastlosen. Es ist der Ort, an den Jungs geschickt werden, um Männer zu werden, an dem sie aber stattdessen lernen, wie man als Mann ein Junge bleiben kann.