Mit ‘Kabir Bedi’ getaggte Beiträge

james-bond-octopussy_41Eigentlich hatte ich OCTOPUSSY ja als schwachen Bond abgespeichert. Zugegeben, ich kannte ihn nicht besonders gut, obwohl er eigentlich sogar für ein besonders inniges Verhältnis prädestiniert war: Er war mit NEVER SAY NEVER AGAIN der erste neue Bond, den ich bei seinem Kinoeinsatz wahrnahm, und mit seinem Krakenmotiv stieß er bei mir auch sofort auf Interesse – das allerdings erstarb, als ich mir auf dem Schulhof erzählen ließ, dass der Tintenfisch nur in einer Szene wirklich zum Einsatz kam. Ich habe OCTOPUSSY dann erst Jahre später zum ersten Mal gesehen, eher aus Komplettierungsbedürfnis denn aus echtem Interesse. Vielleicht hat das heute geholfen: Während mich FOR YOUR EYES ONLY – eigentlich immer einer meiner Lieblingsbonds – diesmal eher ernüchtert hat, hat mir OCTPUSSY sehr gut gefallen. Im Vergleich zum Vorgänger zeichnet er sich durch eine gewisse Unentschlossenheit im Tonfall aus, die wahrscheinlich ursächlich ist für seinen eher schlechten Ruf, aber die verschiedenen Facetten der Reihe sehr schön vereint, den Film mit Leben füllt und über den etwas kalten Professionalismus von FOR YOUR EYES ONLY hebt.

Der Schauplatz Indien trägt viel zum märchenhaften Charakter des Films bei. Die prachtvollen Settings, die farbenfrohen Kostüme und die lokale Flora und Fauna werden lustvoll ins Bild gerückt und verleihen OCTOPUSSY viel von jenem karnevalesken Flair, das ich an MOONRAKER so liebe (es ist nur konsequent, dass der Film später in einem Zirkus einkehrt). Er ist wieder voller skurriler Einfälle: Am besten hat mir das Mini-U-Boot in Krokodilform gefallen, aber die sich erneuernde Plakatwand, hinter der sich ein Geheimgang verbirgt, oder die fliegende Guillotine, mit der einer der Schurken um sich wirft, sind auch toll. Mit Kamal Khan (Louis Jourdan) gibt es – trotz durch und durch weltlichem Ansinnen – wieder einen diabolischen Schurken, und die Titelfigur (Maud Adams) hat einen ganzen Harem von Schönheiten in ihrem schwimmenden Palast versammelt. Höhepunkt des abenteuerlichen Treibens ist eine Großwildjagd im Urwald, bei der der Geheimagent zum unvorhergesehenen Opfer wird und Bekanntschaft mit allerlei Viehzeug macht. Die kurze Szene, in der er sich zum Tarzanschrei von Baum zu Baum schwingt, hat OCTOPUSSY einige Schmähungen eingetragen, aber ich finde, sie passt zur wieder einmal überbordenden Fabulierfreude, die ein wenig an Spielbergs INDIANA JONES-Filme erinnert, die ungefähr zur selben Zeit die Massen begeisterten.

Das ist dann nur eine Seite des Films, denn die Geschichte um einen kriegslüsternen General der Roten Armee (Steven Berkoff), der die voranschreitenden Abrüstungsverhandlungen der Großmächte durch die Zündung einer gestohlenen amerikanischen Atombombe mitten in Deutschland im Keim ersticken will, steht ganz im Einklang mit dem neuen Realismus, dem auch FOR YOUR EYES ONLY verpflichtet war (Realismus hier in Anführungszeichen und im Vergleich zu Filmen wie DR. NO, YOU ONLY LIVE TWICE, THE SPY WHO LOVED ME oder MOONRAKER gedacht). Die zweite Hälfte weckt Erinnerungen an das Zugszenario aus FROM RUSSIA WITH LOVE und ist, das muss mal so klar gesagt werden, ein Meisterstück in Sachen Tempo, Timing und Suspense. Ein spektakuläres Set Piece (diese unfassbare Stunt, als ein Auto auf das Ruderbötchen zweier Angler katapultiert wird!) reiht sich ans nächste und der unerbittlich tickende Countdown der Bombe hält alles zusammen. Ein greifbares Gefühl echter Bedrohung legt sich über den Film, was nach der ersten Hälfte eine nicht zu überschätzende Leistung ist. Auf zahlreichen Seiten im Netz wird immer negativ auf Bonds finale Clownverkleidung eingegangen, wird sie als Zeichen dafür gewertet, wie Bond unter Moore mittlerweile zur Witzfigur verkommen war. Das ist in jeder Hinsicht Blödsinn. Der Clownverkleidung kommt nämlich, wie meine Gattin Leena sehr richtig bemerkte, eine wichtige dramaturgische Funktion zu: Sie hilft dem Agenten zwar zunächst, doch dann  steht sie ihm kurz vorm Ziel im Weg: Niemand nimmt ihn ernst, als er vor einer Bombe warnt. Die letzten Sekunden vor der Detonation werden so zum Härtetest für strapazierte Zuschauer-Fingernägel. Ich finde außerdem, dass OCTOPUSSY – und davor schon FOR YOUR EYES ONLY – das Alter seines Hauptdarstellers durchaus miteinbezieht: Mit Octopussy steht Bond eine Frau zur Seite, die wie er schon etwas reifer ist und sich nicht mehr so einfach becircen lässt. Es ist vielleicht zum ersten Mal nach ON HER MAJESTY’S SECRET SERVICE eine Beziehung auf Augenhöhe. Und Bond selbst hüpft auch nicht mehr mit jedem sich ihm andienenden Hasen ins Bett. Die Clownepisode ist somit keineswegs als Schuldeingeständnis zu verstehen, jedenfalls nicht in diesem Sinne: Sie zeigt einfach, wo das Herz der Bondfilme schlägt. Sie sind Eskapismus, ihr Ziel ist es, die Zuschauer zum Lachen zu bringen, ihnen emotionale Reaktionen zu entlocken, und das gelingt OCTOPUSSY vorzüglich. Wenn im Finale erst die Amazonen Octopussys den Sturm auf Kamal Khans Palast proben, der Geheimagent dann selbstvergessen auf ein startendes Flugzeug hüpft und sich in höchsten Höhen einen Kampf gegen den Killer Gobinda (Kabir Bedi) liefert, dann schließt John Glen den Kreis, springt kopfüber in den Pulp zurück und entlässt den Zuschauer satt, glücklich und zufrieden. Nur der Titelsong, Rita Coolidges „All Time High“ ist eine ziemlich Schnarchnummer. Sonst meckern an diesem Film nur chronische Besserwisser herum. Guckt euch halt ’nen Nolan-Film an, for crying out loud!

Malaysia in der Mitte des 19. Jahrhunderts: Der adlige Sandokan (Kabir Bedi) verdingt sich nach der Ermordung seiner Familie durch den britischen Kolonialherren James Brooke (Adolfo Celi) als Pirat und Freiheitskämpfer. Der portugiesische Seefahrer Yanes de Gomera (Philippe Leroy) steht dem Volkshelden mit Rat und Tat zur Seite, der immer größeren Zorn der Besatzer auf sich zieht. Nachdem er auf hoher See in einen Hinterhalt gelockt wird und über Bord geht, landet er schließlich in der Obhut des Briten Lord Guillonk (Hans Caninenberg), dem Onkel der entzückenden Marianna (Carole André), der keine Ahnung hat, wer ihm da in die Hände geraten ist. Marianna verliebt sich in den Piraten und flieht mit ihm auf dessen Insel Mompracem. Mit der Hilfe des verzweifelten Guillonk plant Brooke den entscheidenden Schlag gegen den Rebellen …

Unter dem Titel SANDOKAN – DER TIGER VON MALAYSIA lief Sergio Sollimas Miniserie – sechs Episoden à 60 Minuten – mit großem Erfolg im deutschen Fernsehen und bescherte dem indischen Hauptdarsteller Kabir Bedi unter anderem den goldenen Bravo-Otto als beliebtester Fernsehschauspieler. Wie sehr sich die Welt doch in den vergangenen 40 Jahren verändert hat: Das Format der Miniserie ist heute genauso gestorben wie das Genre des bunten Abenteuerfilms, und dass ein feuriger Südostasiate mit wallender Mähne und leidenschaftlich geschwungenen Lippen die Zuneigung der deutschen Teenager gewinnt, scheint kaum noch denkbar. SANDOKAN ist insofern reichlich „dated“: Die dialoglastige Dramaturgie wirkt teilweise ebenso steif wie die abgebildete feine britische Gesellschaft, jeglicher Humor, der den überbordenden Exotismus und Romantizismus, den der Titelheld bedient, abfedern würde, ist abwesend, die schwülstige Love Story kommt ohne jeden Sex aus, und die Action hebt sich Sollima für die letzte Episode auf. Den Gigantismus, den man aus späteren, US-amerikanischen Miniserien wie NORTH AND SOUTH kennt, sucht man außerdem vergebens. Zwar dürfte SANDOKAN ein ordentliches Budget gehabt haben, doch nicht zuletzt durch die überschaubare Zahl der handelnden Figuren entsteht eher der Eindruck eines entgrenzten Kammerspiels denn der eines ausufernden Epos. Auch die psychologische Ausgefeiltheit und Kompexität, die man etwa an heutigen Fernsehserien zu schätzen weiß, strebt SANDOKAN nicht an, füllt seine Spielzeit stattdessen mit einer Vielzahl bunter Geschichten, deren Ablauf jedoch meist vorhersehbar ist.

Das ist es dann aber auch, was ich an SANDOKAN auch heute noch so überaus sympathisch finde: Die Serie trägt keine überkandidelten Ansprüche vor sich her, zielt weder auf historische Genauigkeit ab noch auf das mittlerweile selbst zum Klischee gewordene „Spiel mit den Erwartungen“. Sollima geht stattdessen mit verblüffender Ehrlichkeit zu Werke und liefert 6 Stunden pulpig-bunten Eskapismus, dessen ernsteren Untertöne – Toleranz und Respekt gegenüber „fremden“ Kulturen, Kritik am Kolonialismus und die Propagierung eines „einfachen“ Lebens – die nackte Freude an der weitestgehend unschuldigen Räuberpistole niemals überdecken. Im Grunde genommen war SANDOKAN schon in den Siebzigerjahren – dem Jahrzehnt des Vietnamkriegs, an den man sich damals vielleicht noch stärker erinnert fühlen musste – ein Anachronismus, eine Erinnerung an Zeiten, in denen Gut und Böse noch klar voneinander geschieden waren, Jungs von einem Leben an Bord eines Piratenschiffes und Mädchen von einem Tiger in Menschengestalt träumten.

 

Dr. David Linderby (Michael Caine) arbeitet mit seiner Frau Dr. Anansa Linderby (Beverly Johnson), einer Angehörigen des Ashanti-Stammes, für die World Health Organization in Afrika. Als sie dem Sklavenhändler Suleiman (Peter Ustinov) in die Hände fällt, der hofft, einen hohen Preis für die schöne Frau erzielen zu können, heftet sich David mit der Unterstützung des Briten Brian Walker (Rex Harrison) an seine Fersen. Die Verfolgungsjagd führt ihn quer durch Afrika zum Roten Meer. In der Sahara schließt sich David dem Beduinen Malik (Kabir Bedi) an, der vor Jahren seine Familie an Suleiman verloren hat und seitdem auf Rache sinnt …

Mit ASHANTI widmet sich Fleischer nach MANDINGO zum zweiten Mal dem Themenkomplex „Sklaverei“, wenn auch auf gänzlich andere Art und Weise als vier Jahre zuvor: Beleuchtete er in letzterem noch, auf welch perfide Art und Weise das System soziale, ökonomische und sexuelle Beziehungen durchdrang und unterjochte, und fand er dafür in der Verquickung von High Art und Exploitatition eine kongeniale Form für seine scharfe Kritik, so dient ihm die sensationsträchtige Enthüllung, das der Sklavenhandel in der Gegenwart unvermindert blühe, als Grundlage für einen dramatischen Abenteuerstoff vor exotischer Kulisse. Der ist zwar deutlich involvierender geraten als der unsagbar träge THE PRINCE AND THE PAUPER zwei Jahre zuvor, doch sorgt gerade das in diesem Fall für moralisches Sodbrennen: Das Leid der auf Statistenrollen reduzierten Schwarzafrikaner, die von Suleiman quer durch Afrika getrieben werden, wird zugunsten der Protagonisten gnadenlos trivialisiert. So gibt es eine von Fleischer als Spannungsmoment insznierte Szene, in der ein Beduine Anansa kaufen will: Käme der Verkauf zustande, würde es für David ungleich schwieriger werden, seine Frau zurückzubekommen. Die Spannung löst sich just in dem Augenblick, indem es Suleiman – der Anansa behalten will, weil er weiß, dass er für sie einen besseren Preis erzielen kann – gelingt, ihm eine andere Frau anzudrehen: Die gesichtslose Sklavin kann ruhig verhökert werden, solange der schönen Protagonistin nichts passiert. (Nur wenige Minuten später begegnen David und Malik eben jenem Beduinen und seiner neuen Errungenschaft. Der Zuschauer wurde also zuvor für dumm verkauft, als ihm suggeriert wurde, mit dem Verkauf Anansas sei sie für David endgültig verloren.) Diese ungute Instrumentalisierung des Leids findet sich noch an einer weiteren Stelle, wenn ein Sklavenjunge von einem von Suleimans Schergen vergewaltigt wird: Fleischer geht auf diese Szene später nicht mehr ein, sie dient ihm lediglich dazu, die Bösen als böse zu zeichnen. Das allein machte ASHANTI aber noch nicht zu einem Problemfall: Es ist die Verbindung mit einem in diesem Kontext geschmacklos anmutenden Humor, die an der Redlichkeit der Verantwortlichen zweifeln lässt. Slapstick-Einlagen, in denen David Linderby lernen muss, auf einem Kamel zu reiten, sind im Kontext von Kindesmissbrauch und Menschenhandel einfach fehl am Platze. Auch die Besetzung von Ustinov ist ein Fehlschlag: Sein radebrechender Araber Suleiman ist kaum mehr als eine Karikatur, die jedes möglicherweise ernste Anliegen des Films konterkariert. Er ist schlicht unglaubwürdig, zieht alle Aufmerksamkeit, die eigentlich den Opfern gebührt hätte, auf seine alberne Scharade.

Eine einzige Szene ermöglicht es, diesen Widerspruch in Perspektive zu rücken. Es ist die beste Szene des Films, die einzige, die seinem behaupteten Anspruch einigermaßen gerecht wird, die einzige, in der man Fleischer als den zwischen Realismus und Idealismus zerrissenen Filmemacher wiedererkennt und die auch die westlich zentrierte Perspektive des Films thematisiert: Als Malik und David mitten in der Wüste eine Gruppe von Kindern aus den Fängen von Sklavenhändlern befreien, weigert sich Malik, diese mitzunehmen. Die einzige Chance, Suleiman zu stellen, ist es, die Kinder zurückzulassen. Er erklärt ihnen, wie sie zu einer Beduinensiedlung gelangen, wissend, dass sie dort versklavt werden. David ist entrüstet, doch Malik antwortet trocken: „Wenigstens bekommen sie dort Nahrung und Arbeit.“ Aus dem Blick von David, wenn er den Kindern den Rücken kehrt, spricht die nackte Ohnmacht eines Menschen, der erkennen muss, dass er seine moralischen Ansprüche nicht immer aufrechterhalten kann, dass er nicht immer in der Lage ist, die eigenen Interessen dem Altruismus zu opfern, dass die ganz banale Machbarkeit dem richtigen Handeln manchmal im Wege steht. David, machtlos, mit Tränen ringend auf seinem Kamel, keinen Blick zurück werfend, die Kinder in seinem Rücken, allein, zu einem Leben in Sklaverei verdammt: Hier findet ASHANTI ein einziges Mal zu sich, zu einer angemessenen Sprache für das Unsagbare. Ein kraftvoller, unerträglicher Moment in einem Film, der unerklärlicherweise darauf erpicht zu sein scheint, es den Zuschauern leicht zu machen und sie gerade damit unentwegt vor den Kopf stößt.

ASHANTI war ein großer Misserfolg, wurde ebenso wie MANDINGO von den Kritikern zerrissen – diesmal zu Recht. Und nicht nur von denen: Michael Caine wird zitiert, ASHANTI sei der schlechteste Film, an dem er jemals mitgewirkt habe (und er war immerhin an JAWS : THE REVENGE beteiligt), er habe es nur wegen des Geldes getan. Auftritte von Omar Sharif, William Holden und Rex Harrison wirken wie Gefälligkeiten, rücken ASHANTI in die Nähe eines aufgeblasenen Abschreibungsprojekts (ein Eindruck, der durch die Beteiligung Schweizer Geldgeber noch verstärkt wird). Vielleicht kann man Fleischer zugute halten, dass er nicht ganz zurechnungsfähig war. Er konnte die Dreharbeiten nicht beenden, weil er einen Sonnenstich erlitt und ersetzt werden musste. Leider fand sich niemand, der den Regiecredit mit ihm teilen wollte.