Mit ‘Kannibalenfilm’ getaggte Beiträge

Der eine Versuch eines massentauglichen Kannibalenfilms. Hier sieht man, wo die Wurzeln eines der berüchtigten Genres überhaupt lagen: im Abenteuerfilm. LA MONTAGNA DEL DIO CANNIBALE hat dann auch alle Zutaten, die zünftiger Eskapismus braucht, von den kernigen Typen Stacy Keach und Claudio Cassinelli über den fiesen, feigen Schmierlappen Antonio Marsina hin zur schönen damsel in distress Ursula Andress. Da geht es in khakifarbener Camel-Trophy-Kleidung, die dumpf glotzenden eingeborenen Wasserträger im Schlepptau, macheteschwingend hinein in die grüne Hölle, wo jeder Schritt der letzte sein kann. Von jedem Baum hängt eine tödliche Falle, wenn man mal hinfällt, stürzen sich größenwahnsinnige Taranteln auf einen, am Wegesrand spielt sich die spektakuläre Show des Fressens und Gefressen-Werdens ab, Darwin zum Anfassen. Abends am Lagerfeuer bei Hottentottens gibt es Rotzschnaps, während bebastrockte Mädels den weißen Massa zum Beischlaf ins Tipi locken, oder wie das bei denen heißt. Alles könnte so schön sein, wären da nicht das Geraune von einem finsteren Fluch und die wachsende Gewissheit, dass der verschollene Forscher, den man sucht, längst tot ist.

Sergio Martino konnte im Gegensatz zu seinen Kollegen aus dem Vollen schöpfen und ein illustres Casting um sich scharen. Gedreht wurde im schönen Sri Lanka und der Score von Guido und Fabrizio de Angelis beschwört wirkungsvoll Exotismus und fremde, wundersame Welten herauf. Das gedrehte Material gefiel Umberto Lenzi augenscheinlich so gut, dass er sich einem Kannibalen gleich daran bediente und etwa die Szene mit der Schlangensuppe seinem MANGIATI VIVI! einverleibte. Sind dessen etwas später entstandene Kannibalenschocker oberschundig und billig, gaukelt LA MONTAGNA DEL DIO CANNIBALE großes Kino vor und ist dabei halbwegs erfolgreich. Allerdings geht dem Film irgendwann die Puste aus. Es ist eben nur so lang aufregend, Menschen im Wald zuzusehen und die animalischen Gefahren können noch so effektheischerisch eingefangen werden, letztlich ist das alles eine großes Lachnummer, die mit ernstem Gesicht vorgetragen wird. Wenn es endlich an den Fleischtrog geht, ist LA MONTAGNA DEL DIO CANNIBALE schon fast vorbei und ich kann nicht gerade behaupten, dass ich dem Ausgang entgegengefiebert habe. Eine Szene mit einer schleimigen Leiche, die den Kannibalen als Fettstift dient, ist hübsch eklig, aber sonst bleibt nicht viel hängen. Richtig sympathisch ist eigentlich nur Stacy Keachs Abenteurer Edward Foster, und das Drehbuch erlaubt sich den unverständlichen Luxus, den Mann ohne Not einen Berg hinunterplumpsen zu lassen. Der eigentlich verlässliche Claudio Cassinelli bemüht sich danach verzweifelt, ähnlich cool zu sein, aber er kann nicht verhindern, dass das Finale verpufft.

Ich sympathisiere mit dem Film, gerade weil er auf großes Entertainment macht, aber auch nur Unfug im Kopf hat, und vielleicht resultieren meine Ermüdungserscheinungen auch nur daher, dass drei Kannibalenfilme hintereinander einfach zu viel des Guten sind. Ich hatte LA MONTAGNA DEL DIO CANNIBALE einfach als besser in Erinnerung. Aber ich war damals ja auch noch jung.

Was ich eben anlässlich von MANGIATI VIVI! geschrieben habe, nämlich dass ich viele Filme, die mich vor 20 Jahren noch tierisch geschockt haben, heute nicht mehr viehisch brutal, sondern eher  belustigend finde, zeigt sich auch in CANNIBAL FEROX. Der war zwar schon damals keine ernsthafte Konkurrenz für Deodatos unerreichten CANNIBAL HOLOCAUST, aber dass er die goods deliverte hätte ich ihm nicht in Abrede stellen wollen. Für mich lag der damals splattertechnisch auf einer Höhe mit den Zombiefilmen Fulcis, mit dem Unterschied, dass er sujetbedingt noch eine Ecke geschmackloser und damit auch irgendwie ekliger und schmuziger war. Bei der gestrigen Sichtung habe ich ihn in erster Linie als putzige Lachnummer wahrgenommen, die zwar deutlich schockierender ist als der Vorläufer MANGIATI VIVI!, aber mit dem Abstand der Jahre doch erheblich an damaligem shock value verloren hat – dass er sich inhaltlich auch noch deutlich an Deodatos Meisterwerk orientiert, macht seine Misslingen nur noch deutlicher.

Los geht es mal wieder in New York, wo kein Geringerer als Dominic Raacke als eben aus der Klinik entlassener Junkie durch die Straßenschluchten taumelt und dann von dem blonden Carlo-Tränhardt-Lookalike Perry Pirkanen, der ja auch schon bei Deodatos CANNIBAL HOLOCAUST mitgewirkt hatte, erschossen wird. Irgendwie geht es um Drogen und einen verschwundenen Gauner, der dann wenig später am Amazonas auftaucht: Es handelt sich um Mike (John Morghen), bis unter die Haarspitzen zugekokst und mit dem verletzten Kumpel Joe (Walter Lucchini) unterm Arm. Die drei Protagonisten Rudy (Danilo Mattei), Gloria (Lorraine De Selle) und Pat (Zora Kerova), die an den Amazonas gereist sind, um zu beweisen, dass es keine Kannibalen gibt, freuen sich zwar, statt madenfressender Urwaldmenschen mal wieder einen Weißen zu Gesicht zu bekommen, aber da ahnen sie auch noch nicht, dass Mike im Drogenrausch den Zorn eben eines Stammes von Menschenfressern auf sich gezogen hat. Wie bei Deodato hat sich Mike den „Primitiven“ gegenüber benommen wie die Axt im Wald, aber nicht, um spektakuläres Filmmaterial mit nach Hause zu bringen, sondern lediglich für schnöden Reichtum. Irgendwann schlagen die Gebeutelten zurück, schnippeln ihm den Piepmatz ab und zeigen der geilen, aber dummen Pat, wie sich der Begriff „Hängetitten“ etymologisch erklären lässt.

CANNIBAL FEROX genießt beinahe legendären Status, ist mit Beschlagnahmungen in angeblich 31 Ländern der „gewalttätigste Film aller Zeiten“, und fungierte unter anderem auch als Einfluss für einen gewissen Herrn Zombie, der das Debütalbum seiner Kapelle White Zombie nach dem internationalen Verleihtitel MAKE THEM DIE SLOWLY taufte, und wird immer genannt, wenn es um die Geschmacksentgleisungen des Schmuddelkinos europäischer Provenienz geht. Diesen Ruf hat er nicht ganz zu Unrecht, denn was hier für ein beträchtlicher Aufwand betrieben wurde, nur um Zora Kerova Haken durch die Brüste zu ziehen und sie daran aufzuhängen, ist schon erstaunlich. On location in New York und am Amazonas gedreht, ist CANNIBAL FEROX ein einziger Mummenschanz und Lenzi geht out of his way, um seinem Publikum das Essen aus dem Gesicht fallen zu lassen. Da werden, wie gesagt, fette Maden gefressen, Tiere abgeschlachtet, Eingeweide und Augäpfel rausgerissen, mit Lust und blutverschmierter Schnute auf Gekröse rumgekaut. Die Message hinter dem ganzen Quatsch ist wieder einmal die, dass der Zivilisationsmensch ein viel größeres Schwein ist als der eigentlich brave Kannibale, der doch nur in Ruhe im Schlamm sitzen möchte. John Morghen ist als freidrehender Vollarsch idealbesetzt und wie immer eine Schau, ob er sich nun mit irrem Blick eine Prise kolumbianisches Nasenpuder reinzieht, seine Eroberung Pat zur Vergewaltigung eines Eingeborenenmädchens überredet oder einem armen Tropf ein Auge auspiekst.

DIE RACHE DER KANNIBALEN wurde Anfang der Achtziger in Deutschland aus dem Verkehr gezogen, ein Schicksal, das auch allen späteren Videoveröffentlichungen und selbst ausländischen Releases zuteil wurde. Ein reichlich lächerlicher Zustand, denn Lenzis Film ist so durchsichtig und stulle, dass man eigentlich niemanden davor schützen muss. Schon gar nicht heute, fast 40 Jahre nachdem Lenzis Schlachtplatte die deutschen Bahnhofskinos und die dort Unterschlupf suchenden Pennbrüder beglückte. Ich finde ihn heute wie gesagt eher putzig als schockierend und als Schlussstrich unter das Kannibalengenre, das er auf jene feisten Geschmacklosigkeiten reduziert, aus denen es immer schon bestanden hat, ziemlich perfekt. Wie immer man das auch letztlich bewerten mag.

 

 

Von den „klassischen“ Kannibalenfilmen fand ich MANGIATI VIVI! immer am enttäuschendsten. Nicht zuletzt der endlos geile deutsche Titel LEBENDIG GEFRESSEN, eigentlich ja nur eine sehr korrekte Übersetzung des Originaltitels, aber eben um einiges härter, animalischer, atavistischer und sensationalistischer klingend, hat in mir immer Erwartungen geweckt, die er dann nie so recht zu erfüllen vermochte. Das hat sich leider auch nach über 20 Jahren nicht geändert, auch wenn ich nach Lenzis Tod vor knapp vier Wochen gern zu einer anderen Ereknntnis gekommen wäre. Sein Reißer, mit dem er nach einigen fulminanten Poliziotteschi in den Siebzigern sein nicht mehr ganz so ruhmreiches Spätwerk einleitete, ist ein heute vergleichsweise zahm anmutender Kannibalen-/Abenteuerfilm, der aus seiner reizvollen Story nicht wirklich viel zu machen weiß.

Nach einigen rätselhaften Morden in New York – die Opfer werden von einem dunkelhäutigen Mann mithilfe von Giftpfeilen getötet – begibt sich die junge Amerikanerin Sheila (Janet Agren) ins Amazonas-Gebiet, um dort ihre Schwester Diana (Paola Senatore) wiederzufinden. Sie soll sich der Purifikationssekte von Jonas Melvin (Ivan Rassimov) angeschlossen haben, der auch die Mordopfer angehört haben. Mit dem Abenteurer Mark (Robert Kerman) reist sie in den Urwald, wo sie von Kannibalen attackiert, aber von Jonas‘ Leuten gerettet werden. Der führt ein hartes Regiment gegen seine Jünger: Wer gegen die Regeln verstößt, wird verbannt, was bedeutet, als Mittagessen der Kannibalen zu enden …

Die Geschichte um die Sekte ist unschwer erkennbar an den damals noch recht aktuellen Fall des Guyana-Massakers angelehnt, bei dem der Sektenführer Jim Jones die Angehörigen des Peoples Temple in den Massenselbstmord trieb, und dann mit Motiven des damals massiv erfolgreichen Kannibalenfilm-Genres angereichert, das Lenzi selbst acht Jahre zuvor mit seinem IL PAESE DEL SESSO SELVAGGIO aus der Taufe gehoben hatte. Es hatte danach ein paar Jahre gedauert, bis sich Deodato an ein Sequel begab: Sein ULTIMO MONDO CANNIBALE war der eigentliche Startschuss für einen wenige Jahre anhaltenden Boom, an dem Lenzi dann auch wieder partizipieren wollte. Sein Film beinhaltet alles, was das Genre auszeichnet: Die Kulisse des idealtypisch für die Zivilisation und den „Grußstadtdschungel“ stehenden Manhattans als Ausgangspunkt für eine von Tiersnuff, Splattereffekten, „primitiven“ Ritualen, softem Sex und sexualisierter Gewalt gesäumten Weg in die sprichwörtliche grüne Hölle, an deren Ende die Erkenntnis steht, dass der westliche Mensch nicht viel besser ist als der Wilde aus dem Wald, aber dafür wenigstens mit Messer und Gabel isst.

Es ist nicht so, dass kein Potenzial in dem Film steckte: Es ist eigentlich toll, dass sich Lenzi nicht auf seine Kannibalengeschichte verlässt, sondern die Gekrösemampfereien eher in der Peripherie stattfinden lässt, nur leider wird die Purifikationssekte nie wirklich so lebendig, dass sie das Interesse, das er ihr widmet, rechtfertigen würde. Das Problem: Neben Jonas und ein paar Schergen bleiben die Sektenhuber reine Staffage, keiner von ihnen hat auch nur einen erkennbaren Charakterzug, von einer Persönlichkeit ganz zu schweigen. Warum sie Jonas anbeten und sich dazu an diesen gottverlassenen Ort begeben haben, warum sie ihm bereitwillig in den Tod folgen, bleibt völlig unklar, und demnach verpufft auch der Massenselbstmord am Ende ziemlich wirkungslos. OK, MANGIATI VIVI! ist nicht unbedingt der Film, an dem ich mit der Erwartung feinsinniger Charakterzeichnung herantrete, aber Gematsche wird eben auch nicht viel geboten. Viele der alten Reißer, deren Effekte mich damals noch massiv beeindruckt und geschockt haben, kommen heute eher zahm und albern daher, aber MANGIATI VIVI! hat besonders viele Federn gelassen. Der Schluss, wenn die arme Diana und eine andere Frau den Menschenfressern zu Opfer fallen und ihre gut sichtbar unter Sandhaufen verborgenen Unterarme und -schenkel abgetrennte Gliedmaßen simulieren, während die Kannibalen an Gummiextremitäten nagen, schlägt auf der Schäbigkeitsskala ziemlich hoch aus. Dass MANGIATI VIVI! im Jahre des Herrn 2002 beschlagnahmt wurde, ist geradezu rührend. Jede moderne Geisterbahn ist furchteinflößender als Lenzis Film.

Deshalb spare ich es mir auch, hier über Rassismus zu sprechen, was natürlich mehr als angebracht wäre. Oder über Sexismus: Tatsächlich muss ich zugeben, dass ich die Szene, in der die schöne blonde Sheila über eine Fressorgie stolpert und von Chauviebolzen Mark per furztrockenem Kinnhaken vor dem Anblick erlöst wird, der ihr zartes Frauenseelchen todsicher nachhaltig zerrüttet hätte, sehr lustig fand. Er geizt eh nicht mit erzieherisch eingesetzten Maulschellen für das Weibchen, wohl wissend, dass es genau das ist, was die Frauen wollen. Irgendwann kann sie dann auch nicht mehr anders, als ob des drohenden Todes vor ihm auf die Bettstatt zu sinken. Wenigstens einmal noch bumsen, bevor man von Kannibalen gefressen, einem Sektenfuzzi ermordert oder amoklaufenden Krokodilen gefressen wird, das wär’s doch! Meine Lieblingsszene im ganzen Film ist aber jene, in der sich ein Kroko todesmutig per Kopfsprung auf einen nichts Böses ahnenden Eingeborenen stürzt und ihn ins Wasser zerrt. Was für ein Aggressionspotenzial! Wäre MANGIATI VIVI! durchgehend mit solchem Kokolores angefüllt, würde er mir deutlich besser munden.

Wenn es einen Anlass gibt, mit einem hyperbolischen Superlativ zu beginnen, dann ist es Deodatos CANNIBAL HOLOCAUST, vielleicht der ehrlichste Film aller Zeiten und wahrscheinlich der einzige, den ich kenne, der eine kritische Haltung einnimmt, ohne sich dabei bequem auf einen archimedischen Punkt zurückzuziehen, von dem er mit dem Finger auf die Dummen und Nixblicker zeigen kann. Deodato wusste es schon 1980: Die Welt ist in einem solch verheerenden Zustand, dass niemand sich herausreden kann. Wir stecken alle drin, partizipieren alle an einem System, das auf der Ausbeutung der Schwächeren basiert. Die einzige Form der Kritik ist die Selbstanklage, der Rundumschlag, den Deodato mit CANNIBAL HOLOCAUST vorlegte. Wenn ich ihn richtig verstehe, hat er keinen Spaß an dem Film gehabt.

CANNIBAL HOLOCAUST ist auch fast 40 Jahre nach Erscheinen noch berüchtigt und für nicht wenige Horrornerds und Gorebauern, denen sonst keine Schweinerei zu viel ist, überschreitet dieser Film eine Grenze, die sie nicht übertreten wollen. Nicht etwa, weil sich fast alle Gewalt gegen Frauen richtet und immer sexuell konnotiert ist, nicht weil die „Kannibalen“ als grunzende Primitive gezeichnet werden oder weil der Film die Zivilisation als Lüge enttarnt und uns allen ein äußerst schlechtes Zeugnis ausstellt: Nein, wegen der drei Tiersnuffszenen, die natürlich mal gar nicht gehen. So verständlich die Reaktion auch ist – die Szenen sind ohne Zweifel grausam und ekelhaft und sollen auch genau das sein -, so verlogen ist die moralische Entrüstung darüber angesichts der Millionen von Tiere, die Jahr für Jahr industriell zerlegt werden, um als Bärchenwurst im Kühlregal zu landen. Deodato tut nichts anderes als uns ein Stück Realität vorzuhalten, die wir sonst so gern verdrängen, und unsere Sensationsgeilheit zu stören, die wir von dem Film sonst bedient sehen wollen. Im Unterschied zu anderen Filmen, die eine ähnliche Strategie fahren, macht Deodato aber eben ernst: Er macht sich selbst schuldig, um zu zeigen, wie weit es mit uns gekommen ist, anstatt uns Haneke-Style zu hintergehen, uns mit Gewalt zu ködern und uns dann dafür zu geißeln, dass wir seinen Film angeschaut haben. Er sagt nicht: „Das seid ihr“, sondern „Das sind wir“.

Der Titel ist auch nur ein Trick. CANNIBAL HOLOCAUST hat mit Kannibalen eigentlich nichts am Hut. Es geht um den Westen, den Kapitalismus, wenn man das Wort benutzen will, darum, wie wir unsere Werte mit großer Aggressivität in die Welt hinaus tragen, sie zerstören oder infizieren. Film ist nur eines „unserer“ Mittel und Deodato führt uns mit großer technischer Brillanz vor, welche Macht er hat, wie uns Film Dinge über die Welt erzählt, die wir sofort glauben, obwohl sie totaler Bullshit sind. Ich weiß nicht, ob Deodato den „Found Footage“-Film wirklich erfunden hat, wie oft kolportiert wird, aber ganz sicher hat er die mit ihm verbundenen Authentifizierungsstrategien bereits zu einem Zeitpunkt definiert, entwickelt, ausgereizt und zu technischer Vollendung geführt, als es den Begriff noch gar nicht gab und nicht daran zu denken war, dass sich aus dieser Idee mal ein veritables Subgenre formen würde. CANNIBAL HOLOCAUST ist ein Meisterwerk der Manipulation und diese Manipulation ist nicht nur schnödes Mittel, den Zuschauer glauben zu lassen, er habe Dinge gesehen, die gar nicht da sind: Es steckt mehr dahinter. Wir werden andauernd belogen und hinters Licht geführt, ohne es zu bemerken. Wir wollen das sogar. Es ist bequem. Wir können nicht alles hinterfragen. Woher kommen die Bilder, die wir sehen? Wer sind die Menschen, die sie produzieren? Was ist das Weltbild, das sie uns verkaufen? Das hat nichts mit Lügenpresse zu tun, sondern mit Medienkompetenz. Deodato zwingt uns genau hinzusehen, während wir eigentlich nichts mehr wollen, als uns die Augen zuzuhalten.

Ich hatte CANNIBAL HOLOCAUST als bestialischen Film in Erinnerung und das ist er auch, aber hinsichtlich seiner Effekte ist er tatsächlich relativ zurückhaltend. In der Abtreibungsszene hält die Kamera eben nicht voll drauf, sie scheut sogar davor zurück, uns alles zu zeigen. Trotzdem haben wir das Gefühl, hier massiv überfordert zu werden. Der Grund ist, dass diese Gräueltaten nicht durch eine Dramaturgie gerechtfertigt sind: Die Menschen, die da gequält und geschändet werden, sind Fremde, sie haben keine Namen und keine Persönlichkeit, sie haben nichts getan und wir verstehen nicht, warum man ihnen dieses Leid zufügt. Da wird eine filmische Konvention verletzt. Dann ist da natürlich diese unfassbare Musik von Riz Ortolani, einer der tollsten Scores aller Zeiten, der einem abwechselnd Angst einjagt und einem dann wieder die Tränen in die Augen treibt. CANNIBAL HOLOCAUST geht gegen alles, was wir für menschlich halten, und zwingt uns dann, einzusehen, dass wir Teil dieser Unmenschlichkeit sind. Erst am Schluss gibt er uns die Möglichkeit, uns ein Stück zu distanzieren: wenn wir mit Professor Monroe (Robert Kerman) und den Fernsehleuten in einem Vorführraum sitzen und gezwungen werden, uns auch die letzten Szenen des geborgenen Materials zu sichten, von denen wir bereits ahnen, dass sie das grausame (aber gerechte) Ende des Filmteams zeigen, das zuvor die Indianer gequält hatte, um seinen Film aufzupimpen. Aber auch das ist mit einem fiesen Trick verbunden: Es ist der Tod der weißen Amerikaner, der die Entscheidung herbeiführt, das Material zu vernichten.

CANNIBAL HOLOCAUST ist ein schwieriger und komplizierter Film, dabei aber gleichzeitig von äußerster Klarheit (und immer wieder auch großer Poesie). Wenn man kein Psychopath ist, kann es nur eine Reaktion auf ihn geben: die Verachtung für die brutalen Filmemacher, die ihre Fakten inszenieren, um einem nach Sensationen dürstenden Publikum die geilen Bilder zu geben, die Trauer mit den Unschuldigen, die sie quälen und umbringen, den Ekel vor dieser Form von Selbstermächtigung, mit der sie sich  über vermeintlich schwächere, weniger „zivilisiertere“ und wohlhabende Menschen stellen. Aber er gibt uns nicht die Genugtuung, mit dem Finger auf die Schuldigen zu zeigen, weil wir alle mit drin hängen. Siehe Sensationalismus: Was hat die meisten wohl zuerst dazu bewogen, einen Film mit dem Titel CANNIBAL HOLOCAUST zu schauen? Die Verachtung und Entrüstung, die dem Film weitestgehend entgegenschlägt, ist Beweis dafür, dass seine Einschläge zu nahe an unserer Komfortzone liegen. Aber so sehr wir uns auch von ihm distanzieren mögen: Wir kommen nicht raus aus der Nummer. Die politischer Aufruhr der letzten Jahre ist vielleicht ein Zeichen dafür, dass wir irgendwann alle die Quittung dafür bekommen, dass wir unseren Reichtum auf der Armut der Dritten Welt aufgebaut haben.Wir haben erst ihre Hütten verbrannt und dann vor ihren Augen eine Orgie gefeiert.