Mit ‘Karl May’ getaggte Beiträge

Dieser Tage ist Ruggero Deodatos von der Cannon produzierte Fantasyfim DIE BARBAREN als Mediabook bei Koch Media erschienen. Gemeinsam mit Pelle Felsch habe ich dafür mal wieder einen Audiokommentar eingesprochen und das Booklet beigesteuert. Wem das als Kaufanreiz noch nicht reich, den überzeugt vielleicht die Tatsache, dass Deodatos Frühwerk FENOMENA E I TESORO DI TUTANKAMEN (zu Deutsch: FENOMENAL UND DER SCHATZ VON TUTANCHAMUN) enthalten ist.

Außerdem möchte ich noch auf die kleine, aber feine Ausstellung „Raus aus dem Spießerglück: die anderen 60er Jahre“ hinweisen, die man sich derzeit im Freilichtmuseum Detmold anschauen kann. Anhand von mehreren gestifteten Alltagsgegenständen aus den Sechzigern wird ein sehr konkretes und auch emotionales Bild von einem Jahrzehnt gezeichnet, das längst nicht nur aus Hippies und Mondlandungen bestand. Für den gleichnamigen Ausstellungsband durfte ich einen Aufsatz zu den Karl-May-Filmen jener Zeit verfassen, die das deutsche Publikum damals in Scharen in die Kinos lockten und eine bessere Welt voller Edelmut, Tapferkeit, Romantik und Abenteuer erträumten. Mehr zur Ausstellung gibt es hier: http://www.lwl.org/LWL/Kultur/LWL-Freilichtmuseum-Detmold/ausstellungen/sonderausstellungen

Als Horst Wendlandt 1967 das Ende der Karl-May-Verfilmungen verkündete, musste sein großer Konkurrent Artur Brauner sich geradezu dazu aufgefordert fühlen, das Zepter von ihm zu übernehmen. Mit WINNETOU UND SHATTERHAND IM TAL DER TOTEN trat er zwei Jahre nach seinem letzten Karl-May-Film IM REICHE DES SILBERNEN LÖWEN an, zu beweisen, dass das Publikum immer noch an den Titelhelden interessiert und bereit war, an der Kinokasse seinen Obolus für neue Abenteuer von ihnen zu entrichten. Er musste sich eines besseren belehren lassen: Im Jahr der Studentenbewegung waren die beiden in die Jahre gekommenen Tugendbolzen, „die immer dort zu finden sind, wo es gilt, das Unrecht zu bekämpfen und dem Recht zum Siege zu verhelfen“, hoffnungslos überkommen, wollten die Menschen lieber dem Hänger Martin bei der Bewältigung seines Schwabinger Faulenzeralltags in ZUR SACHE, SCHÄTZCHEN beiwohnen (6,5 Millionen Zuschauer) oder aber den Lausbuben um Pepe Nietnagel dabei zuschauen, wie sie die autoritären Vaterfiguren (mit Nazivergangenheit) der Lächerlichkeit preisgaben. Genaue Zahlen über den (Miss-)Erfolg von Brauners Western habe ich auf die Schnelle nicht gefunden, ein Blick auf diese (nicht verifizierten) Kinocharts des Jahres 1968 lässt aber schließen, dass weniger als 500.000 Zuschauer ihn sehen wollten.

Dabei ist hier fast noch einmal alles beim Alten: Winnetou und Shatterhand/Brice und Barker sind wieder vereint, schauen sich zur Musik von Martin Böttcher, die zum wolkenlos blauen Himmel emporsteigt, ein letztes Mal tief in die blauen Augen. Neben Ralf Wolter als skalpierter Trapper Sam Hawkens treibt Eddi Arent als Lord Castlepool seine Späße: Wie auch Karin Dor war er zum letzten Mal in WINNETOU 2. TEIL dabei, gehörte mit jener aber gewissermaßen zum Ursprungsensemble aus DER SCHATZ IM SILBERSEE. Auf dem Regiestuhl nahm Harald Reinl Platz, dessen vier Karl-May-Filme für Wendlandt – DER SCHATZ IM SILBERSEE sowie die drei WINNETOUFilme – stilprägend für die Reihe und auch die Konkurrenzfilme Brauners waren. Er versieht auch WINNETOU UND SHATTERHAND IM TAL DER TOTEN mit jenem epischen Schmelz, der Jungeherzen höher schlagen lässt, und einem fast biblischen Sinn für Gut und Böse, der sich immer wieder in grausamen Sterbeszenen niederschlägt (etwa wenn die Bösewichter am Schluss von Hunderten von Giftschlangen förmlich niedergerungen und dezimiert werden). Dann natürlich die malerische jugoslawische Berg-, Seen- und Flusslandschaft: Nicht nur wandelt WINNETOU UND SHATTERHAND IM TAL DER TOTEN inhaltlich auf den Spuren von DER SCHATZ IM SILBERSEE, er scheint auch sonst einer noch nicht ganz verblichenen Spur zu folgen. Wie die Figuren hier die aus den vorangegangenen Filmen bekannten Schauplätze noch einmal aufsuchen – das Hochplateau, auf dem sich einst das Pueblo der Apachen erhob und das über dem Flusslauf liegt, auf dem sich Old Shatterhand den Respekt des jungen Häuptlings erkämpfte, die berühmten Wasserfälle, die Halbinsel aus OLD SHATTERHAND, um nur einige zu nennen –, kann man sich des Eindrucks eines „Abschiedsfilms“, der WINNETOU UND SHATTERHAND IM TAL DER TOTEN nach Wunsch des Produzenten natürlich nicht sein sollte, kaum erwehren. Auch die Bilder, die Winnetou nun tatsächlich in seiner amerikanischen Heimat vor dem gewaltigen Panorama des Grand Canyon zeigen, verkünden die unterschwellige Botschaft: Winnetou ist zu Hause angelangt, der Kreis hat sich geschlossen, die Reise ist zu Ende.

Auf diese Weise betrachtet, stimmt WINNETOU UND SHATTERHAND IM TAL DER TOTEN durchaus versöhnlich. Die insgesamt unbefriedigenden MexikoAusflüge und NahostExkursionen (mit Ausnahme von DER SCHUT) sind vergessen und auch die von unübersehbaren Abnutzungserscheinungen gebeutelten WINNETOU UND DAS HALBBLUT APANATSCHI und WINNETOU UND SEIN FREUND OLD FIREHAND lässt Reinl hinter sich; zumindest gelingt es ihm eben jene Stimmung wiederzubeleben, die die erste Hälfte der Karl-May-Verfilmungen zu solch großen Erfolgen machte. Dennoch bleibt ein Aufguss ein Aufguss: Vor allem Lex Barker sieht man den Lauf der Zeit und wohl auch die Folgen des Alkoholismus deutlich an, sein einst strahlend schöner, kerniger Old Shatterhand sieht in Nahaufnahmen reichlich mitgenommen aus, als hätte er den Apachen am Vorabend das letzte Feuerwasser weggesoffen. Die Witzchen von Wolter und Arent sind bestenfalls noch vage Erinnerungen an Momente, die schon beim ersten Mal nicht gerade als komödiantische Höhepunkte gelten durften, und Winnetou funktioniert weder als der Indianer gewordene Messias der WINNETOU-Trilogie noch als „realistischer“ Ersatz-Geronimo aus OLD SHATTERHAND. Pierre Brice spielt ihn auf Autopilot, sich ganz auf sein markantes Gesicht und die wehende Perücke verlassend, aber ohne echtes Engagement. Wenn er nicht im Titel erwähnt würde und auf dem Poster abgebildet wäre, ich würde mich heute wahrscheinlich fragen, ob er tatsächlich mitmacht. Ein paar Szenen werden vielleicht im Gedächtnis bleiben: Die schon erwähnte Auseinandersetzung mit den hyperaggressiven Giftschlangen, die ihren armen Opfern offensichtlich ins Gesicht springen, die hübschen Beulen-Make-ups, die den Gangstern sowie Hawkens und Castlepool nach einem Bienenangriff verpasst werden und dann, als komisches Highlight, Old Shatterhands Antwort auf die Frage des Richters, wer er denn sei: „Man nennt mich Old Shatterhand“. Ich habe mir fest vorgenommen, es ihm gleichzutun, wenn sich einmal die Gelegenheit bietet, und mich dann als „Keule“ vorzustellen.

Mal sehen, ob ich mir bei Gelegenheit noch DAS VERMÄCHTNIS DES INKA zu Gemüte führen werde, den fehlgeschlagenen Versuch von Georg Marischka, Drehbuchautor einiger Karl-May-Filme von Brauner, sich neben den beiden Alpha-Produzenten als dritte Kraft im Karl-May-Geschäft zu etablieren. Vorerst bin ich ganz froh, mich wieder etwas anderem zuwenden zu können. Ich habe während der Beschäftigung mit diesen Filmen oft darüber nachgedacht, warum sie rein quantitativ nicht mit den Edgar-Wallace-Filmen mithalten konnten. Die Karl-May-Filme bieten auf den ersten Blick doch deutlich mehr Schauwerte, sind bunter, größer, actionreicher. Natürlich waren sie daher auch mit einem viel größeren Aufwand verbunden, teurer in der Herstellung und damit insgesamt ein riskanteres Geschäft. Ich glaube aber, dass mehr dahinter steckt. Tatsächlich boten sich die Karl-May-Figuren nicht in dieser Form für die serielle Aufbereitung an wie die Scotland-Yard-Beamten und ihre Gegenspieler in der gleichzeitig laufenden Wallace-Reihe. Die Wiederholung bestimmter Elemente, die dort gerade einen nicht unerheblichen Teil des Appeals ausmachte, wirkte in den Karl-May-Filmen recht bald müde. Ich glaube, die Auseinandersetzung zwischen Weißen und Indianern war einfach zu unspezifisch, zu unkonkret, zu archetypisch, um über mehr als eine Handvoll Filme hinaus zu fesseln. Wahrscheinlich haben mir deshalb gerade jene Filme am besten gefallen, die entweder gerade das Mythische möglichst ungebrochen transportieren – DER SCHATZ IM SILBERSEE, die WINNETOU-Trilogie – oder aber deutlich aus dem Fluss der Serie heraustreten und sich ganz auf reißerische Action konzentrieren: UNTER GEIERN, DER ÖLPRINZ.

Der schurkische Machredsch von Mossul (Djordje Nenadovic) hat den vermeintlichen Todessturz am Ende von DURCHS WILDE KURDISTAN wie durch ein Wunder überlebt und sinnt auf Rache. Er schließt sich mit dem Bandenführer Abu Seif (Sieghardt Rupp) zusammen, um sich den von der Chaldäerin Marah Durimeh (Anne-Marie Blanc) bewachten Schatz unter den Nagel zu reißen. Seinen Vorgesetzten, den Padischah (Fernando Sancho), überzeugt er indessen davon, dass Kara Ben Nemsi (Lex Barker) hinter eben jenem Schatz her sei, um ihn sich vom Hals zu schaffen und die schöne Igdscha (Marie Versini), die Enkelin der Schatzbewacherin entführen zu können …

„Trist“ nannte Hofbauer-Kommandant Christoph Draxtra diesen Film, den er im gleichen Atemzug als Tiefpunkt der von Wendlandt und Brauner initiierten Karl-May-Welle bezeichnete. Ich kann ihm da nur schwerlich widersprechen, wenngleich IM REICHE DES SILBERNEN LÖWEN nicht richtig schlecht ist. Man merkt ihm einfach überdeutlich an, dass es den Machern nur noch darum ging, möglichst schnell einen weiteren Film rauszuhauen, solange das Publikum noch bereit war, bares Geld für Karl-May-Umsetzungen zu bezahlen. Man hätte hier, ähnlich wie bei dem gleichermaßen enttäuschenden Mexiko-Zweiteiler DER SCHATZ DER AZTEKEN und DIE PYRAMIDE DES SONNENGOTTES, gut daran getan, den Rotstift anzusetzen, das Drehbuch kräftig zu kürzen und dann einen, vielleicht etwas längeren, Film daraus zu machen. IM REICHE DES SILBERNEN LÖWEN hat im Grunde genommen gar nichts mehr zu erzählen, nur noch lose Enden zu verknoten. Der ganze Film ist eine einzige Aneinanderreihung von Kämpfen, Verfolgungsjagden und Schlachten, die überaus ermüdend ist und sich darüber hinaus total redundant anfühlt. Warum konnte man den bösen Machredsch mit seinem kurdischen Felsensturz im Vorgänger nicht einfach sterben lassen? Seine Wiederauferstehung erscheint angesichts der Ziellosigkeit von IM REICHE DES SILBERNEN LÖWEN höchst selbstzweckhaft und absolut unnötig. Auch dass man sich bei der „Konstruktion“ des Ganzen sehr frei aus allen möglichen Büchern Mays bediente, diese losen Elemente dann reichlich sinnfrei unter einem ganz anderen Titel vereinte, kaschiert Franz Josef Gottlieb sehr viel ungeschickter als seine Vorgänger. Es reicht ein kurzer Ritt der Helden, um sie vom wilden Kurdistan in die Sahara und zu jenem tückischen Salzsee zu führen, mit dessen gefährlicher Überquerung Karl May in seinem Band „Durch die Wüste“ den Orientzyklus eröffnete. Nicht, dass ich mich hier für strikte Vorlagentreue oder die Wahrung geografischer Gegebenheiten stark machen will, aber in solcher Ungenauigkeit zeigt sich das Manko des ganzen Films: IM REICHE DES SILBERNEN LÖWEN ist lieblos zusammengeschustert, ohne jedes Gefühl für eine innere Dramaturgie, ohne Rücksichtnahme auf die Logik und vor allem eben: ohne jedes Ziel. Die zeitgenössische Kritik, die den Karl-May-Filmen von Anfang an ebensowenig wohlgesonnen war wie den zur gleichen Zeit reüssierenden Wallace-Filmen und sich damit in deutlicher Opposition zum begeisterten Publikum befand, war sich hier weitestgehend einig, beklagte „Willkür“ und „Handlungsdurcheinander“ (Evangelischer Filmbeobachter, 5. März 1966) für „anspruchslose Zuschauer“ (film-dienst, 9. Februar 1966) und den Griff in „filmische Routine-Töpfe“ (Der Tagesspiegel). Während Horst Wendlandt sich zu diesem Zeitpunkt noch in den Vorbereitungen zu WINNETOU UND DAS HALBBLUT APANATSCHI und WINNETOU UND SEIN FREUND OLD FIREHAND befand, die ebenfalls nicht mehr den ganz großen Ertrag brachten, ließ Brauner sein Engagement in Sachen Karl May nach IM REICHE DES SILBERNEN LÖWEN für drei Jahre ruhen und verabschiedete sich dann mit WINNETOU UND SHATTERHAND IM TAL DER TOTEN. Und das werde ich in Kürze auch tun.

durchs_wilde_kurdistanAhmed El Corda (Gustavo Rojo), Sohn des Scheichs der Haddedihn (Charles Fawcett), legt sich mit dem Machredsch von Mossul (Djordje Nenadovic) an, als der seine Männer aus einem Wasserloch des Beduinenvolks trinken lässt. Sie verhaften ihn und bringen ihn nach Burusco, wo ihn im Gefängnis des Mütesselin (Werner Peters) die Hinrichtung erwartet. Scheich Mohammed bittet seinen Freund Kara Ben Nemsi (Lex Barker) und dessen treuen Gehilfen Hadschi (Ralf Wolter) um Hilfe. Gemeinsam machen sie sich auf den Weg durch das „wilde Kurdistan“, um Ahmed zu retten. Unterwegs begegnen ihnen außerdem der unverdrossene Sir Lindsay (Dieter Borsche) und sein Butler Archie (Chris Howland) sowie die schöne Ingdscha (Marie Versini) …

DURCHS WILDE KURDISTAN schließt an DER SCHUT an, obwohl er jenem als Roman vier Bände vorausging, und wurde wie zuvor DER SCHATZ DER AZTEKEN und DIE PYRAMIDE DES SONNENGOTTES als Zweiteiler angelegt. Die Fortsetzung namens IM REICHE DES SILBERNEN LÖWEN entstand mit derselben Besetzung parallel und verdankte ihren Titel einem späteren Karl-May-Roman, der mit der ursprünglichen sechsbändigen Orientreihe nichts zu tun hatte. Zum ersten Mal wurde nicht in Jugoslawien gedreht, sondern im Italowestern-erprobten Andalusien und auf dem Regiestuhl nahm mit Franz Josef Gottlieb ein Karl-May-Debütant Platz. Der Österreicher hatte für Produzent Artur Brauner zuvor bereits diverse Bryan-Edgar-Wallace-Filme und DER FLUCH DER GELBEN SCHLANGE inszeniert. Die gemeinsame Geschäftsbeziehung endete jedoch mit den Dreharbeiten zum Orient-Zweiteiler: Gottlieb wurde entlassen (wer die Filme an seiner Stelle vollendete, ist nicht überliefert), leistete sich im Folgenden einen drei Jahre dauernden Rechtsstreit mit Brauner und arbeitete danach nicht mehr mit ihm zusammen. Auch mit dem Star Lex Barker bekam Brauner Probleme, denn der sah gar nicht ein, dass er nur für einen Film bezahlt werden sollte, wenn er doch an zweien mitwirkte. Die Gerichte gaben ihm verständlicherweise Recht, Brauner musste zahlen. Dass der für die Rolle des Scheichs Kadir Bei vorgesehene Hans Nielsen kurz vor Drehbeginn verstarb, bedeutete eine weitere Unwegbarkeit, die Charles Fawcett durch Übernahme einer zusätzlichen Rolle beseitigte. Dem Film merkt man diese Probleme wie durch ein Wunder nicht an, dennoch erreicht DURCHS WILDE KURDISTAN nicht die Klasse von DER SCHUT.

Gottlieb, der sich anschließend fast ausschließlich auf Klamaukfilme verlegte, ist für einen epischen Abenteuerstoff wie diesen nur bedingt der richtige Mann. Unter seiner Regie zerfällt der Film in kleinere Episödchen, der Humor, der wohldosiert für feine Akzentuierungen sorgen sollte, gerät zu stark in den Vordergrund und erodiert so den Glauben des Zuschauers an die „Wahrheit“ des Gezeigten. Wenn eh alles nur Spaß ist, warum sich dann um das Leben der Figuren sorgen? Zugegebenermaßen sind gerade Dieter Borsche als Sir Lindsay und vor allem Werner Peters als dauerbesoffener Gefängnisvorsteher Mütesselin wunderbar, bringen genauso neues Leben in die kaum zu übersehene Karl-May-Routine wie Gottlieb mit seiner Regie, deren oberstes Paradigma „Keine Zeit verlieren“ zu sein scheint, aber spannend ist DURCHS WILDE KURDISTAN nun endgültig überhaupt nicht mehr. Man merkt deutlich, dass die Karl-May-Filme nur noch mit der Maßgabe gefertigt wurden, die Kuh so lange zu melken, wie sie noch Milch gibt und dabei möglichst wenig überflüssigen Aufwand zu betreiben. Die einmal etablierte Schablone wurde hier zum xten Mal zur Hilfe genommen und das erstickt eben jeden innovativen und aufregenden Ansatz im Keim. Ganz ohne Charme ist auch DURCHS WILDE KURDISTAN nicht: Endlos niedlich ist die mit Miniaturmodellen realisierte Ballofahrt von Lindsay und Konsorten und die finale Verfolgung des schurkischen Machredsch durch die schroffe Felsenlandschaft lässt noch einmal aufmerken, aber den Eindruck der routinierten Beliebigkeit kann Gottlieb nicht zerstreuen. So reicht es dann für nicht mehr als schmerzlose Kurzweil, was besser als nichts, aber eben nicht der Weisheit letzter Schluss ist.

Die Fortsetzung von DER SCHATZ DER AZTEKEN greift die zuvor liegen gelassenen Handlungsfäden auf und führt die Geschichte auf ihr Ende zu. Dass das spannender ist als  Vorgänger, der die undankbare Aufgabe hatte, sich an der Exposition abzuarbeiten, zudem mit mehr Action und Schauwerten einhergeht, liegt auf der Hand. Trotzdem müht sich Regisseur Siodmak auch in DIE PYRAMIDE DES SONNENGOTTES an einem furchtbar umständlich strukturierten Drehbuch ab. Die vielen Charaktere des Films haben einen ganzen Berg von Handlung abzuarbeiten und das Hin und Her von Intrigen und Kontra-Intrigen verhindert ein konsequentes Voranschreiten der Geschichte, die eine gute Stunde lang auf der Stelle tritt, nach jedem Fortschritt wieder zwei zurückgeht. Dafür versöhnt dann die letzte halbe Stunde für die 1 2/3 Filme zuvor, die zwar schön anzusehen, aber eben nur mäßig aufregend waren. Da darf sich der geneigte Zuschauer am zauberhaften Interieur der titelgebenden Pyramide erfreuen, die mit vielen Details realisiert wurde und die man am liebsten gleich selbst erkunden würde. Und das Finale in der Schatzkammer der Azteken, wenn die gierigen Schurken bekommen, was sie verdienen, lässt auch keine Wünsche offen.

Mit ein bisschen mehr Arbeit hätte man aus dem Stoff, aus dem Siodmak zwei nur halb befriedigende Filme gemacht hat, einen rundum beglückenden Zweistünder hinbiegen können. So aber bleibt der Gesamteindruck zwiespältig. Das größte Manko ist wahrscheinlich, dass es keine echte Identifikationsfigur für den Zuschauer gibt. Nominell ist das Dr. Sternau (Lex Barker), doch der ist noch mehr als die anderen deutschen Protagonisten der Karl-May-Filme irgendwie unbeteiligter Zuschauer, gerät in DIE PYRAMIDE DES SONNENGOTTES über weite Strecken zudem völlig aus dem Blick. Wesentlich interessanter ist sein Gegner Verdoja: Rik Battaglia liefert vielleicht seine beste Vorstellung im Rahmen der Karl-May-Filme ab, bringt mit seinen weit ausgestellten Hosen, der hüftlangen Militärjacke über offenem Hemd und der lässig ins Gesicht fallenden Haarsträhne jede Menge maskulinen swagger mit und zieht mit seinem diabolischen Grinsen die Sympathien auf seine Seite. Vollends einnehmend ist der epische Score von Erwin Halletz, der einerseits die Bedeutungsschwere der Geschichte mit angemessenem Pathos unterstreicht, die fantastischeren Elemente mit sphärischen Klängen begleitet und sonst bei den richtigen Vorbildern klaut: Dann und wann schleicht sich Elmer Bernsteins Titelthema aus THE MAGNIFICENT SEVEN in den Film.

Merkt man bei genauem Hinsehen auch, dass DIE PYRAMIDE DES SONNENGOTTES vor allem verdammt clever hingeschummelt ist – etwa wenn der ach so stolze Indianerhäuptling Schwarzer Hirsch (Vladimir Popovic) reichlich ungalant auf sein Pferd kraxelt, erst bäuchlings auf dessen Rücken verharrt, bevor er seinen Hintern nach oben wuchtet, oder ein und derselbe Fausthieb Lex Barkers gleich viermal hintereinander Verwendung findet –, so nötigt einem die Überzeugung, mit der man diese Stoffe in Jugoslawien realisierte, dabei mit viel Lehm und Spucke wunderbare Settings aus dem Boden stampfte, doch höchsten Respekt ab. Und so kann ich den beiden streng genommen nur mittelmäßigen Mexiko-Karl-Mays absolut nicht böse sein.

Die Installation des Erzherzogs Maximilian von Österreich als Kaiser von Mexiko durch Napoleon III. verursacht einen Bürgerkrieg: Die Truppen von General Benito Juárez (Fausto Tozzi) stellen sich gegen die Machthaber, um für eine Demokratie zu kämpfen. Doch dafür brauchen sie Geld. Der deutsche Arzt Dr. Karl Sternau (Lex Barker) wird von Abraham Lincoln (Jeff Corey) beauftragt, Juárez dessen generelles Wohlwollen zu versichern. Sternau ist außerdem gut mit dem Großgrundbesitzer Graf Rodriganda (Friedrich von Ledebur) befreundet, der die Revolution finanzieren könnte. Doch auf dessen Vermögen hat es auch der spielsüchtige Sohn Alfonso (Gérard Barray) abgesehen, der hoch verschuldet ist. Nachdem er seinen Vater unter Mithilfe seiner intriganten Geliebten Josefa (Michéle Girardon) in ein Duell mit seinem Gläubiger getrieben hat, ändert der noch auf dem Sterbebett das Testament und ernennt Sternau zum Vollstrecker. Nur der sagenumwobene Schatz der Azteken kann Alfonso jetzt noch den Reichtum bringen, den er sich erhofft. Unterdessen wird Sternau als feindlicher Spion von den Franzosen festgenommen. Und der abtrünnige Soldat Verdoja (Rik Battaglia) läuft auch noch frei herum und will Rache am deutschen Arzt, der mitverantwortlich für seinen Rauswurf aus Juárez‘ Armee ist …

Vielleicht merkt man es schon anhand des mäandernden Versuchs einer Inhaltsangabe: DER SCHATZ DER AZTEKEN ist eigentlich nur ein halber Film, den Artur Brauner beschloss, über zwei Teile zu Strecken. Es fällt dann auch schwer, diesen ersten Teil fair zu bewerten: Produktionstechnisch trumpft er wieder einmal mit tollen Bildern und eindrucksvollen Bauten auf, mit denen tatsächlich das kleine Wunder gelingt, Mexiko an den Balkan zu holen (nur einige wenige Aufnahmen wurden einer an Originalschauplätzen gedrehten Dokumentation entlehnt), inhaltlich besteht er aber zu zwei Dritteln aus reiner Exposition und ist daher nur wenig aufregend. Just in dem Moment, in dem man als Zuschauer das Gefühl hat, dass es jetzt endlich losgeht, macht ein gemeiner Cliffhanger der Freude ein jähes Ende. Insofern sollte man DER SCHATZ DER AZTEKEN wahrscheinlich im Zusammenhang betrachten und ein abschließendes Urteil erst nach der Sichtung von DIE PYRAMIDE DES SONNENGOTTES fällen. Ob die damaligen Kinozuschauer das allerdings auch so entspannt gesehen haben?

Um hier dann doch noch etwas zu hinterlassen, würde ich behaupten, dass es sich bei diesem Karl-May-Film um einen reiferen Beiträge zur Serie handelt. Die vor konkretem historischem Hintergrund angesiedelte Story ist relativ komplex mit ihren verschiedenen Konfliktparteien und Interessengruppen und man merkt das Bemühen, die politische Situation differenziert darzustellen. Auch wenn die Sympathie des Films aufseiten Juárez‘ liegen, kommt DER SCHATZ DER AZTEKEN ohne übertrieben schurkische Franzosen aus. Ja, man kann sagen, dass die für einen Abenteuerfilm notwendige Schwarzweißmalerei ganz auf die Subplots verlegt wird: Die Feindschaft Sternaus mit dem rachsüchtigen Verdoja hat mit dem übergeordneten Handlungsbogen nur am Rande zu tun und gleiches gilt für das Intrigenspiel des verräterischen Alfonso und seiner Josefa. Als unvermeidliches Comic Relief tritt wieder einmal Ralf Wolter als schwäbischer Kuckucksuhrenvertreter Andreas Hasenpfeffer auf, dessen Idiom fast exotischer anmutet als die am Balkan errichteten Pyramiden und Haciendas. Es liegt nahe, diese Figur als reines Strukturelement abzustempeln, aber nachdem fast alle Karl-May-Filme einen Touristen als Fish out of Water anboten – und Old Shatterhand/Kara Ben Nemsi/Dr. Sternau ja streng genommen selbst ein solcher ist –, möchte ich annehmen, dass dem deutschen Autor diese Figuren deutlich wichtiger waren. Die Reise, das Abenteuer werden in den Werken Mays zum way of life und die Konzentration auf die Taten gerade dieser Außenseiter bringt das Konzept von „Heimat“ als einem festgelegten biografischen Ort deutlich ins Wanken. Nicht nur fühlen sich die Abenteurer in der Ferne zu Hause – man vergleiche Old Shatterhand nur einmal mit einem anderen Weltenbummler des deutschen Kinos, Freddy Quinn, der die Ferne vor allem braucht, um sein Deutschsein zu retten –, sie gestalten die Geschichte ihrer Wahlheimat aktiv mit. Das hat bei Karl May aber nur wenig mit Kolonialismus oder Chauvinismus zu tun: Die Reisenden sind nicht gekommen, um den Segen in Form der Zivilisation zu den „Wilden“ zu bringen, vielmehr geht es ihnen gerade darum die „Fremdheit“ der Fremde zu bewahren, sich den Bemühungen der Kolonialisten entgegenzustellen. (Dass die Vorstellung von „Fremdheit“ selbst natürlich wieder eine kolonialistische Projektion ist, steht auf einem anderen Blatt.) Dieser Hasenpfeffer mag mit seinem schwäbischen Akzent, dem mantraartig vorgetragenen Fakt der 99 Katholiken in seinem Heimatort am Neckarstrand und dem Koffer mit den Kuckucksuhren eine Karikatur auf provinzielle Spießer sein, aber sein Handeln steht dem deutlich entgegen. Gleich zu Beginn beweist er großes Herz, wenn er sich den Banditen in die Hände wirft, um Sternau zu retten, obwohl er bereits in Sicherheit war. Es spricht einiges dafür, dass es gerade diese kleinen „Spießerfiguren“ waren, die Karl May am Herz lagen und damit näher waren als seine strahlenden Helden, die immer wie ein weit entferntes Ideal, weniger wie Menschen aus Fleisch und Blut erscheinen. Lex Barker verkörpert gewissermaßen die Utopie, während Ralf Wolter für die Realität steht.

Karl Mays Roman „Der Schut“ bildet eigentlich den Abschluss seiner sechsbändigen Orientreihe, doch Artur Brauner entschloss sich, ihn als zweiten Beitrag seines Karl-May-Engagements zu verwirklichen. Als Regisseur nahm er den deutschen Regieveteran Robert Siodmak unter Vertrag, der zehn Jahre zuvor aus dem amerikanischen Exil zurückgekehrt war, an den dort mit Noir- und Krimistoffen erworbenen Ruf aber nicht mehr hatte anknüpfen können. Die Besetzung bestand überwiegend aus mittlerweile Karl-May-erprobten Darstellern: Neben Lex Barker, dessen Kara Ben Nemsi mit Old Shatterhand identisch ist, agierten Ralf Wolter als Comic Relief Hadschi Halef Omar und Rik Battaglia erneut als Schurke. Marie Versini hatte ebenso wie Chris Howland ein Jahr zuvor in WINNETOU 1. TEIL Erfahrungen sammeln dürfen und auch die diversen jugoslawischen Nebendarsteller wussten genau, was zu tun war. Die Tatsache, dass die jugoslawische Berglandschaft im Unterschied zu den Westernfilmen in DER SCHUT tatsächlich als Originalschauplatz bezeichnet werden konnte, dürfte nicht nur die Dreharbeiten erheblich erleichtert haben, der Film erscheint auch dem Zuschauer als deutlich authentischer und, ja, auch ein bisschen reifer. Auf mich haben Karl Mays Orientromane allein mit ihren bildhaften Titeln wie „Durchs wilde Kurdistan“, „In den Schluchten des Balkan“ oder „Durch das Land der Skipetaren“ immer immensen Reiz ausgeübt, und Siodmaks DER SCHUT übersetzt alle meine Vorstellungen und Assoziationen in einen prachtvollen und bildgewaltigen Abenteuerfilm.

Doch so gut mir DER SCHUT gefallen hat, so wenig habe ich eigentlich über den Film zu sagen. Die Geschichte ist angenehm einfach, eine Reise durch die Berglandschaft des Balkans auf der Suche nach dem Schurken, gesäumt von diversen kleinen Begegnungen, Nebenkriegsschauplätzen und Actionszenen, die allesamt professionell inszeniert wurden und zielstrebig auf die finale Auseinandersetzung mit dem Bösewicht hinauslaufen. Für komische Einsprengsel sorgen neben dem trotteligen Hadschi Halef Omar, der beim Abendschmaus im Hause der Galingrés bedauert, dass er als Moslem kein Schweinefleisch essen darf und die listigen Pläne seines Freundes stets missversteht, der britische Sir David Lindsay (Dieter Borsche) und sein Diener Archibald (Chris Howland), die sich auch angesichts größter Not und Gefahr nicht aus der Ruhe bringen lassen. In einem Kerkerloch des Schuts gefangen, machen sie es sich mit dem in einer anscheinend bodenlosen Tasche mitgebrachten Equipment – von der Klappliege über den Sitzhocker und den Teekessel bis hin zur Hängematte ist alles da, was man zum Leben braucht – erst einmal gemütlich und freuen sich verzückt über das aufregende Abenteuer, das sie da erleben dürfen. Eine Episode, die den Film im letzten Drittel eigentlich komplett ausbremst, die ihm aber trotzdem keinen Schaden zufügt, weil sie so endlos entspannt umgesetzt wurde: Borsche und Howland sind großartig. Battaglia versieht den Schut, der sich die Frauen aus den umliegenden Dörfern klaut, gemeinsame Sache mit der Polizei macht, ganze Armeen gedungener Mörder befehligt und in einem palastartig eingerichteten Unterschlupf haust, mit vampiresk-öligem Charme: Auch wenn er sich in der ersten Hälfte des Films als Teppichhändler Nirwan ausgibt, der Schut nur als gestaltloses Phantom durch die Dialoge geistert, besteht eigentlich kein Zweifel an seiner wahren Identität. Vielleicht ein Drehbuchmanko, aber es fällt nicht wirklich ins Gewicht, da DER SCHUT sein Hauptaugenmerk auf die bildgewaltige Inszenierung der schroffen Balkanlandschaft und auf Tempo legt, weniger auf trickreiche Wendungen und raffinierte Plottwists. Hier geht es in jeder Sekunde um nichts anderes, als dem Zuschauer etwas zu bieten, die Zeit an ihm vorbeirauschen zu lassen, um farbenfrohen, die Fantasie anregenden Eskapismus. Lässt DER SCHUT manchesmal auch den dramaturgischen roten Faden vermissen, so vernachlässigt er diese eine übergeordnete Mission doch niemals.

In mir hat DER SCHUT unweigerlich das Bedürfnis nach Mehr geweckt. Leider produzierte Brauner nur noch DURCHS WILDE KURDISTAN aus Karl Mays Orientzyklus: Schade, denn DER SCHUT offenbart doch gerade hinsichtlich seiner Schauplätze endloses Potenzial und zudem eine Bilderwelt, die in dieser Form kaum erschlossen wurde. Die Szene, in der Kara Ben Nemsi und Hadschi Halef Omar in ein winziges, von windschiefen Häusern und kargen Fassaden bestimmtes Bergdorf einreiten, der religiöse Scharlatan Mübarek (Friedrich von Ledebur) – der seine Geener angeblich in Raben verwandeln kann – die dunkel gewandeten Frauen durch die schmutzigen Gassen führt, quillt über vor Atmosphäre, und die wettergegerbten Charakterfressen der jugoslawischen Statisten sehen gleich doppelt so eindrucksvoll aus, wenn sie nicht unter Indianerperücken und Faschings-Kriegsbemalung versteckt werden. Man ahnt, welche Geschichten, Legenden und Abenteuer hier an jeder Wegbiegung, in jeder Schlucht und hinter jedem Gesicht darauf warten, enthüllt und entdeckt zu werden, und auch nach zwei Stunden hat diese Welt nichts von ihrem fast erotischen Reiz verloren. Ein toller Film, der leider nicht den Ruf genießt, der ihm eigentlich zustünde.