Mit ‘Karyn Kusama’ getaggte Beiträge

destroyer (karyn kusama, usa 2018)

Veröffentlicht: September 30, 2019 in Film
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Da steht ein Elefant im Raum und er heißt Nicole Kidman. DESTROYER ist für die Schauspiel-Diva das, was MONSTER für Charlize Theron war: ein Film, der jenen „Mut zu Hässlichkeit“ von seiner überaus attraktiven Hauptdarstellerin verlangt. der Regenbogenpresse, öffentlich-rechtlichen Kulturjournalisten und Jurys von Filmfestivals mit höchster Verlässlichkeit in Verzückung geraten lässt. Wann immer man über DESTROYER liest, im Mittelpunkt steht Kidmans Wandlung, die sie für den Film vollziehen musste. Dabei ist das Vertrocknete-Akoholikerinnen-mit Wischmop-Frisur-Make-up, das man ihr angedeihen ließ, mit Leichtigkeit das Schlechteste an DESTROYER. Erin Bell, der ausgebrannte, weibliche Cop, den die Kidman verkörpert, sieht nicht aus wie ein Mensch aus Fleisch und Blut, sondern eben aus wie ein Effekt, der einen über den Mut der Aktrice staunen lassen soll, die sich da jeden Tag mehrere Stunden auf dem Stuhl der Make-up-Künstlerin niederlassen musste. Und natürlich darf sie wie zum Ausgleich in den Rückblenden dann auch wieder in voller, makelloser Schönheit erstrahlen – und dabei sogar gut 20 Jahre jünger sein als in der Realität. Es ist ein Wunder, das DESTROYER von diesem Fokus auf die Wandlungsfähigkeit seiner Darstellerin nicht komplett aus der Bahn geworfen wird.

Die Geschichte der Kriminalbeamtin, die mit den Schatten aus ihrer Vergangenheit konfrontiert wird, gewinnt keinen Originalitätspreis, aber wie Kusama sie erzählt, nimmt dennoch ein. Wenn wir die Protagonistin zum ersten Mal sehen, ist sie gezeichnet von einem Hangover, schleppt sich mit glasigen Augen zum Schauplatz eines Mordes, wo zwei Kollegen sie angesichts ihrer desolaten Verfassung mit einem Augenrollen in Empfang nehmen. Sie erkennt den Toten, behauptet, auch den Mörder schon zu kennen, behält dieses Wissen dann jedoch für sich. Nach und nach erfahren wir, dass sie sich als junge Polizistin in die Gang des Kriminellen Silas (Toby Kebbell) einschleusen ließ und sich in ihren Kollegen, den FBI-Beamten Chris (Sebastian Stan) verliebte. Aber der Banküberfall, bei dem die beiden dann mitwirkten, geriet zum Fiasko, kostete Chris das Leben und zerstörte das Leben der jungen Frau. Nun mehren sich die Zeichen, dass Silas zurückgekehrt ist – und Erin sieht die Chance, Rache zu nehmen und damit vielleicht ihren Frieden zu finden.

Kusama inszeniert die Geschichte einer gebrochenen Frau mit quasi-postapokalyptischer Intensität. Der Soundtrack dröhnt und wummert, in den Dialogen wird Silas zum Dämon stilisiert, die Suche Erin nach ihm gerät zu einer Reise ins sprichwörtliche Herz der Dunkelheit. L. A. ist ein sonnengegerbter Moloch, der von verlorenen Seelen bevölkert wird, und Erin fleckige, ausgetrocknete, rotgeäderte Haut ist die Landkarte dazu. Sie begegnet ihren alten Weggefährten, die wie sie von dem zurückliegenden Ereignis gezeichnet wurden, versucht gleichzeitig, mit ihrer entfremdeten Tochter reinen Tisch zu machen und sicherzustellen, dass sie eine bessere Zukunft haben wird. Je näher der Film sich seinem Finale nähert, umso klarer wird, dass es weniger die Grausamkeit ihres Widersachers war, die Chris das Leben kostete und Erin ins Unglück stürzte, sondern vielmehr ihre eigene psychische Disposition. Erin Bell wird von der ihr innewohnenden Finsternis aufgezehrt und sie sucht nicht nach Erlösung, sondern vor allem nach dem Abschluss ihrer tragisch verlaufenen Geschichte. Kusama greift für DESTROYER auf eine Rückblendenstruktur zurück, die nur langsam enttarnt, was an jenem Tag vor rund 20 Jahren passierte und zum Absturz ihrer Protagonistin führte. Die große finale Enthüllung fußt auf einem sehr einfachen, aber enorm effektiven erzählerischen Kniff, der das krasse Gegenteil vom offenkundigen Gimmick des Filmes ist.

Ich liebe Polizeifilme und so hat mir auch DESTROYER sehr gut gefallen, aber es gibt durchaus Ansätze für valide Kritik abseits von Kidmans laut „Oscar“ schreiender Verwandlung. Der Film suhlt sich in seiner Abgefucktheit, kulminiert chon nach einer halben Stunde in einer Szene, in der Erin ihren im Sterbebett liegenden Ex-Komplizen abwichst, um eine Information von ihm zu bekommen, komplett mit Spucke als Lubrikation. Die Figur des Silas wird in den Dialogen so heftig aufgebauscht, dass man zwangsläufig enttäuscht ist, wenn sie dann auftaucht und sich als ziemlich gewöhnlicher Verbrecher entpuppt. Warum Kusama diesen Weg geht, ist klar, aber es mutet dennoch als den Zweck heiligende Effekthascherei an: Man könnte diese Geschichte auch deutlich nüchterner erzählen, was dann vielleicht weniger spektakulär, aber eben auch glaubwürdiger wäre. Wer von der weiblichen Perspektive eine große Neuerkenntnis erwartet, sieht sich ebenfalls enttäuscht, aber das will ich dem Film gar nicht zum Vorwurf machen: Der Polizeifilm lebt von seinen über Jahrzehnte eingeschliffenen Standards und den kleinen Varianten und in dieses Bild fügt sich eben auch DESTROYER ein, der belegt, dass man diese Geschichten auch mit einer Frau glaubhaft erzählen kann. Die Sichtung war nicht ganz einfach, weil es nahezu unmöglich ist, Kidman auszublenden. Und wenn man nicht der Meinung ist, hier eine begnadete Performance für die Ewigkeit geboten zu bekommen, dann bleibt da zwangsläufig eine Kluft. Am Ende hat mir DESTROYER aber doch ganz gut gefallen. Dieser Kniff am Ende ist toll und dass Kusama weiß, wie man inszeniert, steht auch außer Frage. Wer Lust auf bleiche, resignative Düsternis ohne jeden befreienden Humor hat, wird hier ordentlich bedient.

 

Das hässliche Entlein Anita „Needy“ (Amanda Seyfried) und die Sexbombe Jennifer (Megan Fox) bilden ein denkbar ungewöhnliches Paar bester Freundinnen. Die eine ist intelligent und schlagfertig, aber eben eher schüchtern, bereitet sich geduldig auf das erste Mal mit ihrem verständnisvollen Freund Chip (Johnny Simmons) vor, die andere verdreht den Männern gewohnheitsmäßig den Kopf, genießt die sexuelle Macht, die sie hat, und lässt im Bett nichts anbrennen. Nachdem Jennifer aber von einem Schäferstündchen mit den Mitgliedern einer Rockband zurückgekehrt ist, hat ihre letztlich noch harmlose sexuelle Aggression geradezu monströse Züge angenommen. Die Highschool-Jungs sterben wie die Fliegen …

JENNIFER’S BODY ist richtig gut. Und dass ich zu dieser Meinung komme, liegt nicht nur daran, dass ich ihn zuvor als Mainstream-Horrorschrott aus der gehirntoten Kreativabteilung irgendeines Studios abgetan und also gar nichts von ihm erwartet hatte. Nein, mein Urteil darf man ruhig wörtlich nehmen, muss es nicht irgendwie relativieren, so à la „gemessen an den Scheiß, der sonst so in die Kinos schwemmt, ist JENNIFER’S BODY ganz OK“. Drehbuchautorin Diablo Cody, die zuvor schon JUNO gescriptet hatte (den ich mangels Interesse  immer noch nicht gesehen habe), hat eine sehr schöne Vorlage geliefert, die Regisseurin Kusama mit viel Gespür für den lakonischen Humor der Autorin und unter Verzicht auf nervige CGI-Effektorgien inszeniert hat. Ein bisschen erinnert JENNIFER’S BODY an Michael Lehmanns wunderbaren HEATHERS, nur dass die schwarze Komödie hier mit deutlicher Schlagseite Richtung Splatter versehen ist. Wie Lehmann nehmen Cody und Kusama die heuchlerische Political Correctness US-amerikanischer Kleinstadtgemeinden aufs Korn, die ekelhafte Tendenz, Katastrophen und Unglücksfälle zum Anlass für esoterische Selbstfindungsorgien zu nehmen, bei denen sich die Teilnehmer vor allem ihrer eigenen moralischen Integrität versichern. In diesen Szenen zeichnet sich JENNIFER’S BODY nicht nur durch einen Humor aus, der auf unbeschreibliche Art und Weise „off“ ist, er bringt mit seiner Darstellung bürgerlicher Verlogenheit auch ordentlich das Blut zum Kochen.

Eine größere Bedeutung kommt jedoch dem Thema „Sex“ zu: In Gestalt der beiden Protagonistinnen stellen Cody und Kusama auch zwei verschiedene Vorstellungen sexueller Selbstfindung gegenüber – und arbeiten sich so nicht nur an vorherrschenden Schönheitsidealen und der grassierenden Pornografisierung der Gesellschaft ab (womit ich nichts gegen Pornografie gesagt haben möchte), sondern kritisieren letztlich auch das Frauenbild, das das US-amerikanische Mainstreamkino mit seinen makellosen hochgesexten Bimbos installiert hat. Die Besetzung mit Megan Fox als männerfressendem Monster ist natürlich programmatisch und erinnert ein bisschen an die Strategie, die Verhoeven bei seinem Casting von STARSHIP TROOPERS gefahren ist. Die Fox macht das doppelzüngige Spiel bereitwillig mit, wird aber von Amanda Seyfried glatt an die Wand gespielt, die ihr wandelndes Drehbuchklischee Needy in einen Menschen aus Fleisch und Blut verwandelt (der natürlich nicht einmal auch nur annähernd so durchschnittlich aussieht, wie uns der Film glauben machen möchte, aber Schwamm drüber). Was mich davon abhält, JENNIFER’S BODY als richtigen Knaller zu bezeichnen, ist der auch hier zu beobachtende Trend, das für sich sprechende Geschehen irgendwie „erklären“ zu müssen. Die Lösung, die Cody anbietet, wirkt wie aufgepropft und ist genau in dem Maße klischeehaft, die sich ein Film, der es sich zum Ziel gesetzt hat, Klischees aufzudecken, eigentlich nicht erlauben sollte. Sonst aber gilt wie oben gesagt: guter Film!