Mit ‘Katastrophenfilm’ getaggte Beiträge

Steuern wir auf den Untergang zu, weil wir zu bequem sind? Weil wir uns nicht oft genug selbst hinterfragen – oder, wenn wir es doch tun, den Antworten keine Konsequenzen folgen lassen? Lehnen wir uns nicht oft genug auf, ergeben wir uns zu oft freiwillig in die Rolle der willigen Vollstrecker von Mächten, die sich darauf verlassen können, dass wir das eingeübte Spiel immer weiter mitspielen? Steht am Anfang einer Wende zum Besseren nur ein einfaches, entschiedenes „Nein!“?

Als wir den Protagonisten von BUSANHAENG, einen Fondsmanager mit dem Namen Seok-woo (Yoo Gong), zum ersten Mal sehen, nimmt er einen Anruf eines Vorgesetzten entgegen. Wir hören nicht, was der sagt, sehen nur Seok-woos Reaktion: Unglauben, Verwunderung, Entsetzen. Auf seine Nachfrage folgt die erneute Bestätigung, die Aufforderung zum Gehorsam, auf die er nichts mehr zu entgegnen weiß. Das Spiel setzt sich eine Hierarchieebene tiefer fort: Seok-woo ruft einen Angestellten zu sich, fordert ihn auf, „alles zu verkaufen“. Die Gefahr eines Marktcrashes sei ihm bewusst, antwortet er, aber der Befehl kommt von oben. Da kann man nichts machen.

Am Ende des Films erspähen zwei Soldaten zwei Schatten, die sich durch einen Eisenbahntunnel nähern, wahrscheinlich eine Frau und ein Kind. Über Funk machen sie Meldung. Ob es sich um Infizierte handelt, will der Mann am anderen Ende wissen. Das sei auf die Distanz nicht zweifellos auszumachen, antwortet der Soldat. „Eliminieren!“, lautet der Befehl. Die beiden Soldaten legen ihre Gewehre an, aber sie zögern. Könnte es sich nicht doch um Überlebende handeln? Dann hätten sie Unschuldige auf dem Gewissen. Plötzlich hören die beiden ein Lied. Es ist das Kind, ein Mädchen, das zu singen begonnen hat. Bei den Schatten handelt es sich tatsächlich um Überlebende der Katastrophe. Sie leben, weil die beiden Schützen den entscheidenden Moment gezögert, den Befehl nicht blind ausgeführt haben.

BUSANHAENG, bis heute die sechsterfolgreichste südkoreanische Filmproduktion und der erste Real-Spielfilm des Animationsspezialisten Sang-ho Yeon, zeichnet wieder einmal das Bild einer Zombieapokalypse (der Begriff „Zombie“ fällt im ganzen Film nur einmal), für die hier wahrscheinlich das Leck in einer Chemiefabrik verantwortlich ist. Wenig später rennen infizierte Menschen blutgierig durch die Straßen und jeden, der von ihnen gebissen wird, ereilt binnen Sekunden oder auch Minuten das gleiche Schicksal. Protagonist Seok-woo befindet sich mit seiner Tochter Soo-an (Su-an Kim) in einem Zug, als die Katastrophe um sich greift. Sie hat Geburtstag und möchte zu ihrer getrennt lebenden Mutter nach Busan, weg vom erziehungsberechtigten Vater, der nur seinen Job im Kopf hat und sich nicht um sie kümmert. Er begleitet sie nur widerwillig, schließlich kann er sie nicht allein fahren lassen. Zuerst schnappen die beiden auf ihrer Reise nur einzelne, unverbundene Anzeichen des bevorstehenden Untergangs auf: Asche, die vom Himmel fällt, ein brennendes Hochhaus in der Ferne, einen Mann, der einen anderen anfällt. Doch nachdem der erste Infizierte an Bord des Zuges gelangt ist, beginnt schon kurze Zeit darauf ein verbissener und hoffnungslos scheinender Kampf einer kleinen Minderheit Überlebender gegen die zahlenmäßig weit überlegene Schar der tollwütigen Monster. Auch außerhalb des Zugs ist keine Hilfe zu erwarten, denn das ganze Land versinkt bereits im Chaos. Und zu allem Überfluss bilden auch die Überlebenden keine geschlossene Gemeinschaft.

Im Zombiezyklus George A. Romeros, vor allem in NIGHT OF THE LIVING DEAD, DAWN OF THE DEAD und DAY OF THE DEAD, der hier natürlich überlebensgroß Pate stand, ist das Auftreten der lebenden Toten nur eine extreme Begleiterscheinung – oder, auf hermeneutischer Ebene, ein Gleichnis – der überall um sich greifenden zwischenmenschlichen Verrohung. Angesichts gefräßiger Monster vor der Tür schlagen sich die verbarrikadierten Überlebenden in NIGHT bald gegenseitig die Köpfe ein, der Held wird am Schluss von den marodierenden Lynchmobs exekutiert, die gar nicht erst lang fragen; in DAWN sind es nicht die ziellos herumwandernden Untoten, die zur Eskalation führen, sondern eine Bande von Rockern, die plündernd durchs Land zieht; in DAY schließlich verhindert das Eindringen der Zombies in den von den verfeindeten Wissenschaftlern und Soldaten bewohnten unterirdischen Bunker eigentlich nur, dass die sich gegenseitig zerfleischen. Woher die Zombies kommen, bleibt ungeklärt, weil es nicht wichtig ist: Die Menschen haben sich schon vorher gegenseitig umgebracht – und zwar in vollem Bewusstsein ihres Tuns.

Sang-ho Yeon springt mit BUSANHAENG auf diesen Zug (hihi) auf, bleibt dabei aber enger bei seinen Figuren: Für Seok-woo bedeutet der Überlebenskampf in erster Linie, endlich seiner Verantwortung als Vater gerecht zu werden, die er viel zu lang vernachlässigt hat – bei Romero sind Eltern bzw. Kinder auffallend abwesend. Der den Erdball umspannenden Utopie eines harmonischen, von Mitgefühl, Verständnis, Hilfsbereitschaft und Rücksichtnahme geprägten Zusammenlebens geht in BUSANHAENG gewissermaßen die individuelle „Menschwerdung“ hinaus. So lernt Seok-woo etwa, dass seine Rolle als beschützender Vater ihn nicht zu blindem Egoismus berechtigt: Als er den anderen Überlebenden verschweigt, welches Schicksal sie am Ausgang des Bahnhofs erwartet und das Geheimnis des sicheren Wegs für sich behält, konfrontiert ihn Soo-an damit, dass er nur an sich selbst denke. Als sie später auf eine Gruppe von Menschen stoßen, die sie verjagen, weil sie um ihre eigene Sicherheit fürchten, beginnt das Mädchen zu weinen: Sie kann diesen Hass, das Misstrauen, die Selbstsucht nicht ertragen, sie verzweifelt angesichts einer Welt, in der der Mensch des Menschen Wolf ist. Vater zu sein bedeutet für Seok-woo mithin auch, ihr ein Vorbild zu sein und ihr zu zeigen, dass das Leben es überhaupt wert ist, gelebt zu werden. Niemand kann sich als Einzelgänger durchschlagen. Und wenn doch, so stirbt er einsam. Ohne Menschlichkeit ist das Überleben nichts wert.

BUSANHAENG ist plakativ und vielleicht eine Spur zu simplizistisch, ganz klar auf den melodramatischen Überrumpelungseffekt aus. Im Finale, wenn der infizierte Seok-woo in den letzten Sekunden seines Daseins als Mensch endlich erkennt, welches Glück ihm zuteil wurde, als seine Tochter zur Welt kam, kommen Sang-ho Neons Ursprünge in der Animation deutlich zur Geltung. Man könnte den Vorwurf des Kitsches oder der Gefühlsduselei erheben und läge damit nicht komplett falsch, aber ich würde lügen, wenn ich sagte, BUSANHAENG sei spurlos an mir vorbeigegangen. Der Film ist erstklassig inszeniert, temporeich und spannend. Er nutzt das beengte Zugsetting optimal und zeigt einige Meisterschaft in der Choreografie seiner zahlreichen Suspense- und Actionszenen. Womit ich nicht so warm geworden bin, ist seine etwas flache Farbgebung. Aber andererseits bin ich auch wieder dankbar für jeden Film, der nicht den Grünschleier über alles legt, um den Anschein von edginess zu erwecken. Eins noch: Einige Rezensionisten verstiegen sich zu dem zwar naheliegenden, aber trotzdem blöden Vergleich von BUSANHAENG mit SNOWPIERCER. Klar, beide relativ neu, beide irgendwie gesellschaftskritisch, beide aus Korea, beide mit Zug drin und Leuten, die sich da durchkämpfen mssen. Ich würde eher sagen, BUSANHAENG ist wie MURDER IN THE ORIENT EXPRESS, nur ohne Mord und Mörder, ohne Hercule Poirot und ohne Verdächtige, dafür aber mit Zombies und kleinem Mädchen. Oder wie UNDER SIEGE 2: DARK TERRITORY mit einer Horde Zombies als Steven Seagal, einem Papa als Eric Bogosian und einem Mädchen als Atomrakete. Macht das Sinn?

 

 

Nach SNAKES ON A PLANE und Haien im Tornado nun also Haie im Supermarkt. So bescheuert das auf dem Papier klingt, so viel Sinn macht es, die gefräßigen Fische aus ihrem natürlichen Lebensraum in die Zivilisation zu holen: Das Meer gibt als Handlungsraum zum einen nicht so wahnsinnig viel her, zum anderen kann man den Haikontakt relativ leicht vermeiden, indem man nicht ins Wasser geht. Anders sieht das aus, wenn eine Gruppe von Menschen nach einem Tsunami in einem gefluteten Supermarkt eingeschlossen ist und plötzlich klar wird, dass mit dem Wasser noch ganz andere Probleme eingedrungen sind.

BAIT greift auf die Mechanismen des Katastrophenfilms zurück isoliert eine Gruppe ganz unterschiedlicher Typen, die alle einen wie auch immer gearteten Ballast mit sich herumschleppen und konfrontiert sie dann mit einer tödlichen Bedrohung, derer sie sich nur gemeinsam erwehren können. Im vorliegenden Fall gehören zu den unfreiwillig eingesperrten u. a. der ehemalige Lifeguard Josh (Xavier Samuel), der einst seinen besten Freund an einen Hai verlor, seine einst große Liebe Tina (Sharni Vinson), eine Problemteenagerin samt besorgtem Polizistenvater, der Supermarktinhaber sowie eine Kassiererin und zwei Gangster (u. a. Julian McMahon), die bei ihrem Überfall von den Fluten überrascht wurden. Abwechslung entsteht durch einen separaten Handlungsraum, denn auch in der Tiefgarage des Marktes sind Menschen eingeschlossen. Unter diesen Voraussetzungen entwickelt sich ein durchaus unterhaltsames, trotz letzten Ende vorhersehbarer Entwicklungen spannender kleiner Thriller. Der begrenzte Raum wird optimal genutzt, das Miteinander der Figuren ist eine Ecke glaubwürdiger als man es erwartet, die Effekte um die Haiangriffe sind überdurchschnittlich gut gelungen.

Natürlich muss man vor allem bei der Logik ein paar Abstriche machen: Zwar sind die Figuren auf den Regalen sitzend annähernd hilflos, doch immer, wenn sie einen Einfall haben, scheint die notwendige Ausrüstung dafür in greifbarer Nähe zu sein. Da fragt man sich dann schon manchmal, was das für ein Supermarkt ist, indem offensichtlich meterlange Seile geführt werden, oder wie es gelungen ist, mehrere Einkaufswagen nicht nur zu bergen, sondern auch noch in praktische Einzelteile zu zerschneiden. Und die Szenen, in denen ein eben ins Wasser Gefallener gerade noch so in letzter Sekunde wieder herausgezogen werden kann, werden auch ein bisschen arg inflationär eingesetzt. Aber im Großen und Ganzen ist BAIT ein netter, handwerklich sehr ordentlich gemachter Timewaster, der das Optimum aus seiner Prämisse rausholt und für Sharksploitation-Liebhaber Pflichtprogramm darstellt.

„Der realistischste Science-Fiction-Film aller Zeiten“: So wird Robert Wise‘ THE ANDROMEDA STRAIN bei Amazon Prime beworben, wo man ihn derzeit gratis streamen kann. Um beurteilen zu können, wie realistisch der Film wirklich ist, fehlt mir leider die naturwissenschaftliche Kompetenz, aber das Bemühen, zumindest den Anschein zu wecken, ist unverkennbar. Und weil es über allem steht, fällt es auch schwer, etwas über den Film zu sagen, was darüber hinausginge. THE ANDROMEDA STRAIN zwingt einen etwas unschön in die Lage, sein Gelingen daran zu bemessen, wie gerecht er dem an sich selbst gestellten Anspruch des „Realismus“ ist – was nicht die beste Grundlage für einen spannenden Text ist. Ein möglicher Ansatz, wie man THE ANDROMEDA STRAIN auch anders lesen könnte, bietet der Vergleich mit Wise‘ THE HAUNTING, der eine ganz ähnliche Story unter den Vorzeichen des Horrorgenres erzählt: Während der Spukhaus-Klassiker gerade von der Spannung zwischen dem Unerklärlichen und der Ratio lebt, wird der Wissenschaftlichkeit in THE ANDROMEDA STRAIN nur wenig entgegengesetzt. Erst ganz am Ende kommt der „human factor“ ins Spiel, als sich nämlich die Wahrnehmungsfähigkeit einer Wissenschaftlerin als getrübt erweist. Nur bleibt dieser Makel ebendas: ein Unfall, der die grundsätzliche Möglichkeit einer objektiven Empirie nicht weiter in Zweifel ziehen kann. Intellektuell mag THE ANDROMEDA STRAIN gegenüber THE HAUNTING einen Fortschritt markieren, aber leider führt Wise‘ ausgestellter Positivismus auch dazu, dass sich sein Film weniger wie ein Genrebeitrag anfühlt als vielmehr wie ein mikrobiologisches Proseminar für Fortgeschrittene: Ohne Zweifel wurde der Film von Profis produziert und ist in seiner radikalen Nüchternheit ein durchaus faszinierendes Experiment, aber bei allem betriebenen Aufwand wirkt THE ANDROMEDA STRAIN ein wenig wie ein One Trick Pony, ein Film, der für die Entwicklung des Genres von einiger Bedeutung war, aber darüber hinaus nicht so wahnsinnig viel bietet, was eine Zweitsichtung rechtfertigen würde.

THE ANDROMEDA STRAIN ist typisch für die Siebzigerjahre mit seinem Bemühen um Realismus, seiner Skepsis gegenüber staatlichen Institutionen und der Unsicherheit, ob die wissenschaftlichen Fortschritte nun Segen oder Fluch sind. Robert Wise mag einen neutralen, sachlichen und protokollarischen Abriss der Ereignisse angestrebt haben – der Verlauf der Handlung wird immer wieder von Einblendungen begleitet, die Ortswechsel oder das Verstreichen der Zeit transparent machen, und schon vorher erinnern Texttafeln an die große Bedeutung und äußerste Authentizität des Films, der geradezu in den Status eines Staatsereignisses erhoben wird -, dennoch kann er der Umklammerung des Paranoia-Kinos nicht gänzlich entrinnen. Speziell die Exposition, die unter anderem schildert, wie die Wissenschaftler von bewaffneten Militärs ohne weitere Angabe von Gründen aus ihrem Leben gerissen (als eine zurückgelassene Ehefrau ihren Vater telefonisch informieren möchte, wird die Leitung von einer Frauenstimme unterbrochen, die ihr mitteilt, dass sie abgehört werde und es ihr nicht gestattet sei, über den Vorfall zu sprechen) und dann in den Stützpunkt gebracht werden, der im Ernstfall zur Selbstzerstörung programmiert ist, erinnert an die Horrorfantasien totaler Überwachung, die in jener Zeit reüssierten. Wise kommentiert das nicht weiter, macht es nachvollziehbar, dass diese Sicherheitsmaßnahmen getroffen werden, aber das sich einstellende ungute Gefühl schafft er damit nicht aus der Welt. So sehr THE ANDROMEDA STRAIN die Errungenschaften unserer Wissenschaft auch insgeheim bewundert: Mut macht uns Wise‘ Film nicht. Schließlich ist es das Streben nach Erkenntnis, dass die Killerspore aus dem All überhaupt auf die Erde gebracht hat – um herauszufinden, ob sie sich als Waffe zur biologischen Kriegsführung taugt, wie wir in einer Wendung erfahren, die seitdem unzählige von Filmemachern – am populärsten sicherlich James Cameron in ALIENS – bemüht haben.

Im Verlauf des Films wohnt der Zuschauer der fieberhaften Forschungsarbeit der Wissenschaftler bei, die ihre Erkenntnisse zum Glück für uns Außenstehende immer wieder in verständliche Sprache übersetzen. Es gibt viele Einstellungen bedeutungsschwangerer (und heute hochgradig vorsintflutlich anmutender) Computergrafiken, Statistiken, Zahlenfelder und Ausdrucke, die die Forscher die Augenbrauen runzeln oder ihren Unglauben und ihr Erstaunen ausdrücken lassen, ohne dass dem Laien klar würde, warum – und zum Teil gehört das zum modus operandi des Films: Undurchschaubares, Unverständliches zu liefern, und den Zuschauer abhängig von der Interpretation durch die Eingeweihten zu machen, die sich mit größter Selbstverständlichkeit in diesen Hieroglyphen zurechtfinden. Aber der Film sichert sich mit dieser Strategie natürlich auch wunderbar gegen Kritik ab. Wenn man es nur hermetisch genug formuliert, kann man mit allem durchkommen. In seiner Wirkungsweise greift Wise allerdings auf altbekannte Mechanismen zurück: Die Spannung bezieht der Film zum einen aus der Bedrohung die zum einen von der Spore ausgeht, zum anderen aus der Frage, was passiert, wenn die Wissenschaftler seinem Wachstum nicht Herr werden. Aber bis auf die Bilder der Toten in der Kleinstadt am Anfang bleibt das alles auffallend abstrakt. Während der Science-Fiction-Film der vorangegangenen und der nachfolgenden Jahrzehnte meist auf glubschäugige Monstren, bizarre Organismen oder andere Schreckensbilder zurückgriff, muss man sich hier mit dem Blick auf ein paar grüne Kristalle oder blubbernden Schaum unter dem Mikroskop begnügen. Das kommt einer etwaigen, hypothetischen Realität ganz gewiss näher als die Invasion grünhäutiger Marsmenschen, aber zum Anschauen ist es nicht unbedingt aufregend. Es liegt an den Schauspielern, die Gefahr, die von dem amorphen Dingsbums ausgeht, für den Betrachter nachvollziehbar zu machen. Ihre Aufgabe und Leistung kann man durchaus mit der ihrer heutiger Kollegen vergleichen, die vor einem Greenscreen grimassieren müssen – mit dem Unterschied, dass dieser Greenscreen in THE ANDROMEDA STRAIN auch in der Post Production nicht durch einen aufwändigen Effekt ersetzt wird. Über weite Strecken gelingt der ambitionierte Versuch dank der Ernsthaftigkeit, mit der Wise und seine Crew bei der Sache sind. Eine Szene, in der ein der Spore ausgesetzter Affe onscreen verendet, bleibt im Gedächtnis und würde so heute garantiert nicht mehr umgesetzt werden. (Das Tier wurde anschließend erfolgreich wiederbelebt.) Aber die Existenz dieser Szene belegt eben auch, dass es ganz ohne markige Effekte dann doch nicht ging. So setzt es am Ende auch den klassischen Showdown, bei dem einer der Forscher den Selbstzerstörungsmechanismus der Anlage rechtzeitig ausschalten muss, bevor alles in einer Nuklearexplosion dem Erdboden gleichgemacht wird. Auf dem Weg zum lebensrettenden Knopf muss er unter anderem den wenig zielgenauen Schüssen von fest installierten Laserkanonen aus dem Weg gehen: Da riecht es in dem sterilen Setting plötzlich doch wieder nach dem Muff der Bahnhofskinos mit ihren fadenscheinigen Effekten aus der Gartenlaube.

Apropos Setting: Der Bau des unter einem unscheinbaren Farmhaus gelegenen unterirdischen Forschungsomplexes galt damals als eines der detailliertesten und teuersten Settings der Filmgeschichte. In gewisser Hinsicht ist es paradigmatisch für THE ANDROMEDA STRAIN, dessen oberste Priorität es war, den Ernstfall einer biologischen Bedrohung so minutiös wie nur irgend möglich abzubilden. Das ist gelungen und unter diesen Vorzeichen stellt THE ANDROMEDA STRAIN dann auch einen einzigartigen Genrevertreter dar, den man sich wenigstens einmal angeschaut haben sollte. Fürs Herz bleibt aber nicht so viel übrig – trotz niedlichem Baby auf dem Plakat.

 

Über zehn Jahre sind seit dem letzten Godzilla-Film, Ryuhei Kitamuras GOJIRA: FAINARU WOZU, vergangen – die längste Pause, die das Franchise bisher eingelegt hat. Mit Hideaki Annos und Shinji Higuchis SHIN GOJIRA tritt es in das vierte Evolutionsstadium ein: Die letzten „Reboots“ erfolgten 1984 und 1999. Eine Fortsetzung ist bereits angekündigt und man darf jetzt schon gespannt sein, wohin die Reise gehen wird, denn eines ist sicher: SHIN GOJIRA ist anders, ein Querschläger nicht nur innerhalb des Kaiju Eigas, sondern des Monster- oder Katastrophenfilms überhaupt. Man merkt ihm zwar in jeder Sekunde an, dass er an das anknüpfen möchte, was Ishirô Honda mit seinem Original 1954 so bravurös gelang, doch er geht dabei noch einen ganz Schritt weiter. Ob man das Ergebnis als „unquestionable Godzilla“ bewertet, wie es das Online-Magazin „Bloody Disturbing“ getan hat, oder der Meinung ist, SHIN GOJIRA sei „kein Godzilla-Film“ (willkürlicher Facebook-Kommentar), hängt wohl in erster Linie davon ab, was man mit der Serie verbindet: einen düsteren Katastrophenfilm mit Monster als Atombomben-Allegorie oder lustigen Quatsch mit Männern, die sich in Gummikostümen durch liebevolle Miniatursettings prügeln. Wer letzteres für den wahren Jakob hält, der wird von SHIN GOJIRA tatsächlich verprellt werden: Nur stellt sich auch die Frage, was er eigentlich von Ishirô Hondas Klassiker hält. Anno und Higuchi haben einen Film vorgelegt, der Hondas Ideen mit beeindruckender Konsequenz für das Jahr 2016/2017 aufbereitet. Was sie geleistet haben, ist beachtlich und überraschend, wenn man ihnen auch ankreiden muss, dass ihre Vision nicht über die volle Spielzeit von 120 Minuten eine vergnügliche Angelegenheit ist. Vielleicht haben sie es sogar zu weit getrieben mit ihrem Realismus.

SHIN GOJIRA eröffnet mit einer Eruption vor der japanischen Küste, bei der starke radioaktive Strahlung und enorme Temperaturen gemessen werden. Während sich die Autoritäten darüber streiten, was die Ursache für das rätselhafte Phänomen sein könnte, kriecht ein gigantischer Dinosaurier an Land und zieht eine Spur der Verwüstung hinter sich her, bis er sich schließlich in einen aufrecht stehenden Giganten verwandelt. In den Beratungszimmern der Regierung qualmen die Köpfe, werden Posten aufgegeben und neu verteilt, im Hintergrund der Debatten steht auch immer die Aussicht, mit der richtigen Entscheidung Karriere machen zu können. Als Versuche, das „Godzilla“ getaufte Monstrum mit Militärgewalt zu stoppen, scheitern, werden die internationalen Partner um Hilfe gebeten. Die einzige Chance scheint eine Wiederholung der japanischen Schmach aus dem Zweiten Weltkrieg: der Abwurf einer Atombombe über Tokio. Doch die Männer um den Task-Force-Leader Yaguchi (Hiroki Hasegawa) wollen noch nicht aufgeben …

Ein großer Teil der Laufzeit von SHIN GOJIRA spielt sich in den Konferenz- und Beratungszimmern der Mächtigen ab und in ihren Diskussionen geht es um die politischen Folgen und Nebeneffekte ihrer Entscheidungen, die Auswirkungen auf das Standing Japans im Kreis der Industrienationen und natürlich das Selbstverständnis des Landes. Das ist mitunter trocken, oft ermüdend, aber nicht nur im Rahmen eines Kaiju Eigas auch höchst ungewöhnlich und mutig. Der Realismus und Detailreichtum, die SHIN GOJIRA anstrebt und erreicht, erinnert mitunter an den Politthriller oder den Dokumentarfilm. Mehr als die Frage, wie Godzilla besiegt werden kann oder woher er kommt, beschäftigt ihn die Frage, wie eine moderne Industrienation mit einer solchen Bedrohung überhaupt umgehen kann und würde. Die menschlichen Protagonisten der frühen Filme hatten es leicht: Sie konnten das Militär rufen, ernteten dafür den Beifall der Massen und wenn die ersten Schüsse ihre Wirkung verfehlten, ging man ohne langes Federlesen zur Atombombe über. Etwaige politische Verbündete oder Verpflichtungen, die dem im Weg standen, gab es nicht. Langfristige Folgewirkungen auch nicht. Wie anders gestaltet sich das in SHIN GOJIRA: Hier bringt jeder Lösungsvorschlag neue Probleme mit sich und neben den unmittelbaren, kurzfristigen Folgen müssen auch die mittelbaren, langfristigen bedacht werden. Zum Haareraufen.

Das kann man durchaus langweilig finden (vor allem, wenn man am Kaiju Eiga die Schlagkraft und den Witz liebt) und es dauerte auch bei mir eine ganze Weile, bevor ich mich auf das gemächliche Tempo und die Schlagrichtung des Films eingestellt hatte. Dann allerdings fand ich SHIN GOJIRA höchst faszinierend in seiner Weigerung, den unzähligen Fans pralle Monsteraction zu liefern, sich stattdessen in einen wahren Papier- udn Argumentekrieg zu stürzen. Was übrigens nicht bedeutet, dass es hier nicht auch ziemlich großartige Bilder apokalyptischer Verwüstung zu sehen gäbe. Godzilla sieht überhaupt ziemlich fantastisch aus und hat einige neue Tricks auf Lager, die großes Effektspektakel gewähren. Aber eine Persönlichkeit hat er nicht: Er ist ein „Monster“ im Wortsinn, ein Zeichen, ein erzählerisches Mittel, eine Allegorie für etwas anderes. Die Demütigung der Atombombe ist noch nicht vergessen, aber dieser Godzilla lässt sich nicht eineindeutig übersetzen. Er ist die herkulische Aufgabe, vor der sich Japan, aber eigentlich alle Staaten nicht drücken können, die sie fürchten, weil es keine sauberen Lösungen gibt, die schmerzhafte Opfer fordert, aber dennoch angegangen werden muss. Hauruck-Lösungen werden eher nicht zum Ziel führen, man muss den langen, schweren Weg beschreiten. Das darf man sich gerade vor dem Hintergrund der anstehenden Bundestagswahl noch einmal hinter die Löffel schreiben.

Beim Filmgeschäft mit der Katastrophe durfte Roger Corman mit seiner New World Pictures natürlich nicht fehlen. Erwartungsgemäß kann er mit dem Schaulaufen der Stars, das andere aufboten, nicht mithalten, aber sein Hauptdarstellertrio ist dennoch recht beachtlich. Rock Hudson war in jener Zeit wohl recht verzweifelt und bereit, bei allem mitzumachen – EMBRYO anyone? -, trotzdem reicht seine bloße Präsenz, AVALANCHE aufzuwerten.

Bevor ich auf den Film selbst eingehe, muss ich mich um die Tücken des Katastrophenfilms kümmern. Vor allem die Naturkatastrophen erweisen sich immer wieder als pain in the ass. Sie kommen, wann sie wollen, oft ohne erkenn- oder wenigstens beeinflussbare Ursache, brechen herein, ohne dass man viel dagegen tun kann, und sind dann wieder vorbei. Spannung? Fehlanzeige. Auch bei AVALANCHE ist das das größte Manko: Da kann der Fotograf und Umweltkenner Nick Thorne (Robert Forster) noch so sehr vor der Lawinengefahr warnen und die Bausünden von Davis Shelby (Rock Hudson) kritisieren, am Ende ist es ein durch menschliches Versagen verursachter Flugzeugabsturz, der die Lawine auslöst und jede Illusion von dramaturgischer Kausalität zerstört. Irgendwann muss der Schnee halt runterkrachen, der Anlass ist da fast egal und alles, was dem Spektakel vorausgeht, ist bloß Makulatur. Was wiederum gut zu New World Pictures passt: Es gibt ein bisschen Melodrama und Sex (natürlich ohne die Stars) und viel Wintersport, um die Zeit zu überbrücken, wobei es Regisseur Allen vor allem die haarsträubenden Stürze angetan haben, von denen es eine ganze Reihe gibt, die mitunter unweigerlich das Gesicht verziehen lassen.

Es dauert eine geschlagene Stunde, bevor die Lawine auftritt, viel Zerstörung anrichtet und Tote fordert – und dann ist sie – anders als der Film – auch schon wieder vorbei. Die letzten 15 Minuten widmen sich den diversen Rettungsaktionen, bei denen sich alle möglichst panisch und unorganisiert verhalten, damit noch der ein oder andere Autocrash dabei abfällt. Man spürt förmlich die Befreiung und die Lust an Action, Zerstörung und Verwüstung, nachdem zuvor krampfhaft 60 Minuten lang auf ernstes Drama gemacht und ein ernstes Gesicht aufgesetzt wurde. Das Ende ist auch hübsch, wie Hudsons Shelby da inmitten seines zerstörten Urlaubsparadieses steht, auch seine Ex-Frau Caroline (Mia Farrow) nicht zurückgewinnen konnte und einen Schluck aus der Chamapgnerbuddel nimmt. Wahrscheinlich ist es auch deshalb so schön, weil man solche Zurückhaltung hier beim besten Willen nicht erwarten konnte.

Wie die meisten Katastrophenfilme aus den Siebzigerjahren wird auch METEOR heute überwiegend verlacht. Schon bei seinem Start war er ein Flop, der in den USA nur knapp die Hälfte seines (geschätzten) Budgets einspielte. Die Spezialeffekte sind aus heutiger Perspektive eher rührend, der große Aufwand, der etwa bei der Besetzung betrieben wurde, wird durch die doch eher banale Story nicht wirklich gerechtfertigt. Es handelt sich bei METEOR um lupenreine Exploitation, ganz egal, wie viel Geld ausgegeben wurde, um sich Respektabilität zu erkaufen. Trotzdem hat mir METEOR besser gefallen als etwa BEYOND THE POSEIDON ADVENTURE: Neame ist natürlich ein unendlich viel besserer Filmemacher als Irwin Allen, die Prämisse ist nicht annähernd so hanebüchen und mit der Kalter-Krieg-Thematik hat METEOR einen Subplot, der dem eigentlichen Weltuntergangsszenario den Rang abläuft – und vor allem die Laufzeit, die eigentlich aus dem Warten auf den prophezeiten Einschlag besteht, verkürzt. Dass METEOR eine eher langsame Angelegenheit ist, liegt in der Natur der Sache: Der titelgebende Himmelskörper mag mit 30.000 Stundenkilometern unterwegs sein, aber trotzdem muss die Story sechs lange Tage überbrücken, die der Blick auf den nahenden Steinklumpen nicht gerade ausfüllt.

In den Fokus des Films treten deshalb die Bemühungen des ehemaligen NASA-Mitarbeiters Paul Bradley (Sean Connery) und seines Freunds und ehemaligen Kollegen Harry Sherwood (Karl Malden), erst die Amerikaner vom Einsatz der im Weltall stationierten Atomraketen zu überzeugen und dann auch noch die Russen ins Boot zu holen, die eine ganz ähnliche Waffe besitzen, aber darüber natürlich strengste Geheimhaltung üben. Das Zusammenspiel der Amerikaner mit dem russischen Wissenschaftler Dubov (Brian Keith) ist das eigentliche Herzstück des Films, der zwischendurch immer mal wieder den Einschlag kleinerer Meteoritensplitter in Sibirien und der Schweiz (mit Gastauftritt von Sybil Danning) sowie eine Flutwelle in Hongkong zeigen muss, damit das Bedürfnis nach Action und Katastrophen gestillt wird (Michael Bay machte es in ARMAGEDDON 20 Jahre später genauso). Es gibt eine schöne, absurde Szene, in der gleich zwei Dolmetscher – die Russin Tatiana Donskaya (Natalie Wood) und ein amerikanischer Kollege – als Vermittler herhalten müssen, weil die Amerikaner nicht darauf vertrauen wollen, von einer „Feindin“ richtig übersetzt zu werden. Das führt mich auch zum allergrößten Schwachpunkt des Films, der weiblichen Hauptrolle: Natalie Woods Charakter wirkt wie aus den Sci-Fi-Filmen der Fünfzigerjahre rübergebeamt, ein braves Frauchen mit Dauerwelle und Kostüm, die zwar enorm qualifiziert ist, aber doch eigentlich nur dazu da, einen halbherzigen romantischen Subplot in Gang zu treten. Ihre Nennung an dritter Stelle der Credits ist kaum gerechtfertigt.

Und weil der Meteor am Ende natürlich erfolgreich zerstört, die Gefahr von der Erde abgewendet wird, und das keinen echten „Höhepunkt“ abgibt, zerstört vorher ein weiterer Hagel New York (Stock Footage ahoi!) und bringt die Crew in ihrer unterirdischen Zentrale dazu, sich einen Ausweg aus ihrem Betongrab suchen zu müssen. Das eindringende Abwasser verpasst allen hübsche Kotfrisuren und stünde ich dem Film nicht doch eher wohlwollend gegenüber, ich müsste dieses Bild als programmatisch bezeichnen.

Der US-Katastrophenfilm inspirierte auch andere Nationen nachzuziehen. THE CASSANDRA CROSSING ist eines der prominentesten Beispiele, geht aber durchaus seinen eigenen Weg. Am deutlichsten zeigt sich der Einfluss nicht in der drohenden Zugkatastrophe, sondern vor allem in der beeindruckenden Besetzung, die während der Exposition einem Schaulaufen gleicht: Richard Harris, Burt Lancaster, Ava Gardner, Martin Sheen und Lee Strasberg machen ihre Aufwartung, gefolgt von den etwas „kleineren“ Namen von Lionel Stander, John Philip Law, O. J. Simpson, Ray Lovelock, Ann Turkel, Ingrid Thulin, Alida Valli und Lou Castel. Auch Cosmatos‘ Film widmet sich im weiteren Verlauf ihren Einzelschicksalen, ohne aber die seifige Melodramatik zu erreichen, die man aus den Vorbildern kennt. THE CASSANDRA CROSSING ist eine übervolle, nicht immer geschmackssichere Mischung aus Katastrophenfilm, dem eisigen Agenten- und Politthriller europäischer Prägung, dystopischer Science Fiction und zupackender Action. Man kann gut zwei Stunden seiner Zeit mit ihm vertrödeln: Langweilig wird einem dabei nicht.

Alles beginnt mit einem Terroranschlag zweier Schweden auf die Zentrale der IHO in Genf. Dort infizieren sich beide mit einem gefährlichen Virus, den die USA unter Verschluss halten, bis sie herausbekommen, wie man ihn vernichtet: Einer der Täter wird festgesetzt und verstirbt wenig später, dem anderen (Lou Castel) gelingt die Flucht an Bord eines Zuges, der quer durch Europa fährt. Der Militärmann Mackenzie (Burt Lancaster) nimmt Kontakt zum Wissenschaftler Chamberlain (Richard Harris) auf, der sich an Bord des Zuges befindet und dabei helfen soll, die Seuche einzugrenzen. Neben den medizinischen Bemühungen an Bord will Mackenzie den Zug versiegeln und ihn auf einen abgelegenen Bahnhof in Polen umlenken. Insgeheim hofft er aber, dass er die Überfahrt über die „Cassandra Crossing“, eine seit Jahrzehnten stillgelegte, völlig marode Brücke, nicht schafft …

THE CASSANDRA CROSSING beginnt als Katastrophenfilm mit Science-Fiction-Einschlag, der nach der Etablierung des Grundkonflikts seine große Figurenschar einführt: Da gibt es den Helden Chamberlain, einen einflussreichen Wissenschaftler, dessen Ex-Frau Jennifer (Sophia Loren), die gerade ein für ihn wenig schmeichelhaftes Enthüllungsbuch über ihre Ehe geschrieben hat, insgeheim aber auf Versöhnung hofft, Nicole Dressler (Ava Gardner), die Gattin eines Waffenfabrikanten, die mit ihrem aufschneiderischen Lover Robby (Martin Sheen) durch Europa reist, den Holocaust-Überlebenden Herman Kaplan (Lee Strasberg), den als Priester getarnten FBI-Agenten Haley (O.J. Simpson), eine Gruppe Hippies um das Pärchen Susan (Ann Turkel) und Tom (Ray Lovelock), den Zugschaffner Max (Lionel Stander) sowie etliche weitere. Nach einer Stunde, die Situation an Bord ist mittlerweile allen Zuginsassen klar, kippt der Film dann heftig Richtung Horror: Die Szene, in der mit Schutzanzügen vermummte, schwer bewaffnete Soldaten den Zug auf einem nächtlichen Bahnhof (Nürnberg!) versiegeln, damit kein Infizierter aussteigen kann, und über Lautsprecher autoritäre Befehle durch die Nacht bellen, könnte auch aus Romeros THE CRAZIES stammen – und weckt natürlich historische Assoziationen. Die erkennt auch der Jude Kaplan, der angesichts der Aussicht, erneut nach Polen deportiert zu werden, in verständliche Panik gerät. Zur finsteren Perspektive gesellt sich die Inszenierung der titelgebenden Brücke, eines rostigen Ungetüms, das in drohenden Aufnahmen und mit dissonanten Soundcollagen ins Bild gerückt wird.  Cosmatos ist der Zurückhaltung und Subtilität eher unverdächtig – die Episode um Kaplan erinnert ein bisschen an Hanna Schygullas Auftritt in Golans THE DELTA FORCE -, aber man kann seinem Film gewiss nicht vorwerfen, seine Wirkung zu verfehlen. Das mittlere Drittel des Films tut weh – im positiven Sinne.

Seinen letzten Stimmungsumschwung erlebt THE CASSANDRA CROSSING in der letzten halben Stunde. Die Passagiere um Chamberlain ahnen, dass man mitnichten gedenkt, sie bloß in Quarantäne zu isolieren: Sie sollen, wenn schon nicht umgebracht werden, so doch durch einen willkommenen Unglücksfall den Tod finden, auf dass der gefährliche Virus auf immer lahmgelegt ist. Es bleibt nur eine Chance: Mit Waffengewalt die Kontrolle über den Zug zu erkämpfen und ihn irgendwie zu stoppen, bevor er die unsichere Brücke erreicht. Das losbrechende Spektakel wird von Cosmatos sehr ansprechend und mit viel Tempo in Szene gesetzt, aber leider fällt der Film zum Showdown dann hinter seine an den Machenschaften des Staats geübte Kritik zurück: Die einzige Chance, die Chamberlain bleibt, wenigstens einige zu retten, besteht darin, einen einzigen Waggon abzukoppeln – natürlich jenen, in dem sich die „wichtige“ Charaktere des Films befinden. Der Großteil der Passagiere findet in einer reichlich sensationsheischenden Sequenz einen grausamen Tod, über den danach nicht weiter geklagt wird. Der Film geht sehr lapidar über diese Opfer hinweg, sie dienen ihm höchstens ans dratsischer Zierrat. Der gnadenlose Utilitarismus, der Mackenzie in den Augen der Wissenschaftlerin Stradner (Ingrid Thulin) zum „Monster“ macht, gereicht Chamberlain zum Heldentum. Da wurde mit zweierlei Maß gemessen.

Der finale „Twist“ – keine Sorge, mit modernen Hirnverdrehereien hat THE CASSANDRA CROSSING nichts am Hut – versöhnt dann aber wieder etwas und zeigt, dass das politische Geschäft mit der Sicherheit ein schmutziges ist, das keine Freunde kennt. Auch Mackenzie ist aus Sicht der Obrigkeiten nur ein Mitwisser, den man aus dem Weg räumen muss, wenn er gefährlich wird. Ganz egal, was er geleistet hat oder nicht. Ganz gewiss ein streitbarer Film, aber auch ein sehr spannender, dem es an Schauwerten gewiss nicht mangelt. Großes Kino anno 1976.