Mit ‘Katharine Hepburn’ getaggte Beiträge

MARY OF SCOTLAND ist der Film, der meine bis dahin wie geölt laufende Ford-Retro vor einem guten Jahr ins Stocken brachte. Ich mag keine Historienfilme, erwartete zu Recht endlose Dialogpassagen und scheiterte beim ersten Anlauf kläglich in den ersten 30 Minuten. Als zwanghafter Komplettist konnte ich mit der Retro aber natürlich nicht einfach weitermachen, ich musste den Moment abwarten, in dem ich mich stark genug fühlte, MARY OF SCOTLAND zu packen.

Ursprünglich wollte Star Katharine Hepburn, dass George Cukor, ein „Frauenregisseur“, den auf einem Theaterstück basierenden Film drehte, aber die RKO weigerte sich, ihn zu engagieren, da sein letzter Film SYLVIA SCARLETT, ebenfalls mit der Hepburn, ein Flop gewesen war. Statt seiner wurde Ford berufen, dem Ruf nach das genaue Gegenteil eines „Frauenregisseurs“, aber dafür mit genug Erfahrung mit epischen, historischen Stoffen. Ford schwärmte wohl insgeheim für die Hepburn, was man vielleicht den vielen zärtlichen Close-ups entnehmen mag, die die Darstellerin von ihm bekommt, aber er fand seine Gefühle nicht erwidert. Als er eine Szene streichen wollte, die der Hepburn wichtig war und diese ihn in eine Diskussion verwickelte, verließ er das Set und überließ ihr die Regie. Ford haderte nicht zuletzt mit dem Drehbuch, das die Verse des Theaterstücks zwar in „normale“ Sprache übersetzte, aber immer noch über ellenlange Dialoge verfügte, in denen dem Zuschauer etwas berichtet wurde, was er vielleicht lieber selbst gesehen hätte. MARY OF SCOTLAND baut auf einer ganz klaren Dichotomie auf, hier die gute, reine Mary Stuart, dort die machtbesessene, unmenschliche Elizabeth, und zementiert diese in seiner starren Form, die sich erst ganz zum Schluss ein wenig lockert.

Hepburns Mary Stuart kehrt als 17-jährige Witwe aus dem französischen Exil nach Schottland zurück, um dort ihren Thron einzunehmen, was Elizabeth (Florence Eldridge), die amtierende Königin von England, als Angriff wertet. Es ist ein offenes Geheimnis, dass sie als uneheliches Kind von König Henry VIII. und Anne Boleyn keinen rechtmäßigen Anspruch auf den Thron hatte. Während Mary in Schottland dafür kämpft, ihr Amt nach ihren eigenen Überzeugungen zu tragen, beginnt Elizabeth aus England, gegen sie zu intrigieren. Mary scheitert letztlich an ihrer politischen Arglosigkeit: Immer wieder folgt sie nicht dem Machtkalkül, sondern ihrem Herzen und muss die Konsequenzen tragen. Am Ende ist sie völlig isoliert und wird am Hof ihrer Rivalin zum Tode verurteilt. MARY OF SCOTLAND nimmt sich viele dichterische Freiheiten und es mit der historischen Wahrheit nicht so genau, um seine Protagonistin zu einer feministischen Vorkämpferin, Königin der Herzen und Märtyrerin zu stilisieren.

Inwieweit Fords Film die Fakten verdreht, soll hier nicht Thema sein: Zum einen, weil ich keine Lust habe, mich in britische Geschichte einzulesen, zum anderen, weil das ja auch nicht so ungewöhnlich ist, dass Historienfilme ihre Figuren dazu benutzen, sie für ihre ganz gegenwärtigen Zwecke einzuspannen. Und aus dieser Perspektive ist es gewiss nachvollziehbar, dass die gebeutelte, um den Thron betrogene Königin Mary eine bessere Sympathiefigur abgibt als die Herrscherin eines der mächtigsten Imperien jener Zeit. Auch dass das Verständnis des Films, was eine starke Frauen auszeichne, sich nicht mehr ganz mit heutigen Vorstellungen deckt, soll hier nicht weiter thematisiert werden. MARY OF SCOTLAND scheitert weder an seinem verklärt-romantischen Bild von Herrschaft oder am Whitewashing seiner schuldbehafteten Figuren, sondern zunächst an dieser Starrheit. Weite Strecken des Films laufen etwa so ab: Mary/Elizabeth sitzt in ihrem Zimmer, ein Bote kommt herein und überbringt eine Botschaft, was jenseits der Grenze passiert ist, woraufhin überlegt wird, wie man darauf zu reagieren habe. Das ist über 130 Minuten schrecklich ermüdend, filmisch wie erzählerisch unkreativ, selbst wenn die dahinter liegenden Ereignisse hochgradig faszinierend sind.

Zum Glück gibt es immer wieder einzelne Bilder und Momente, die das menschliche Drama im Kern der royalen Verstrickungen einfangen. Die Loyalitäten schwanken und lösen sich auf, einstige Verbündete werden umgebracht, eingesperrt, verbannt und die Welt um Mary wird enger, dunkler, einsamer. Es gibt ein ganz tolles Bild, das sie in einer großen Halle zeigt, mit hohen Fenstern an der Wand links über ihr. Während sie im Kegel des einfallenden Lichts steht, schiebt sich außen eine Wolke vor die Sonne, die Lichtverhältnisse ändern sich, es wird dunkel um Mary, die als einzige noch erleuchtet ist. Solche visuellen Kabinettstückchen gibt es häufiger, aber es bleiben flüchtige Momente in einem Film, der insgesamt zu unflexibel und klobig ist. Auch an den Kassen floppte er: Es war für die Hepburn der zweite Reinfall in Folge und sie galt daraufhin für kurze Zeit als „Kassengift“. Sie kehrte erst zwei Jahre später mit ihrem furiosen Comeback THE PHILADELPHIA STORY auf die Leinwände zurück.

Man weiß, dass man alt ist, wenn man einen Film zum letzten Mal vor rund 30 Jahren gesehen hat und sich trotzdem noch an ihn erinnern kann. THE AFRICAN QUEEN ist mir vor allem wegen seiner ekligen Blutegel-Szene im Gedächtnis geblieben, der Rest verschwamm bis zu diesem Wiedersehen zugegebenermaßen zu einem diffusen Bildergemisch aus Urwaldvegetation, Schmutzwasser, dem dreitagebärtigen Humphrey Bogart, Schweiß und einem riesigen See, aber ich weiß noch, dass mir der Film als Kind sehr zugesagt hatte. Es ist einer dieser Filme, die einen unmittelbar in ihren Bann ziehen, die in ihrer rohen Perfektion so ursprünglich wirken, dass es schwer fällt, an ihre Gemachtheit zu glauben. Er kündet heute von einer längst vergangenen Zeit, in der Hollywood solche magischen Werke mit beängstigender Souveränität aus dem Ärmel schüttelte und kernige, bärbeißige Säufer- und Abenteurertypen wie John Huston von ihren Reisen nicht bloß Fotos mitbrachten, sondern gleich ganze Filme. Filme, die sie unter katastrophalen Bedingungen drehten, um sich zu beweisen, dass sie es konnten. Filme, von einer unwiderstehlichen körperlichen Präsenz, einer beeindruckender Klarheit und Einfachheit, dabei höchster stilistischer und erzählerischer Kunstfertigkeit. Filme, die schon im Moment ihrer Erstaufführung zu Mythen gerannen und heute wie das Äquivalent zu einer seit Jahrtausenden weitergereichten Volkserzählung anmuten. THE AFRICAN QUEEN, mit seiner archetypischen Geschichte von der gemeinsamen Schifffahrt zweier einander diametral gegenüberstehenden Charaktere, dürfte ca. 100.000 andere, vergleichbare Filme inspiriert haben, die dem Grundrezept jedoch nichts Entscheidendes mehr hinzufügen konnten, weil John Huston, ausgestattet mit einem Drehbuch von James Agee, in seiner Reduktion aufs Wesentliche bereits alles gesagt hatte, was durch das Zufügen weiterer ornamentaler Schlenker nur verdeckt und verwässert werden musste.

THE AFRICAN QUEEN ist nicht ausschließlich wegen der wunderbaren Chemie so toll, die Katharine Hepburn und Humphrey Bogart gemeinsam entwickeln und damit die unwahrscheinliche Liebe zwischen der strengen Methodistin Rose und dem einfachen Bootsmann Charlie mehr als nur glaubwürdig, nämlich magisch machen, auch nicht nur wegen Jack Cardiffs toller Kameraarbeit, auch wenn die freilich sehr wichtig ist: Neben dem traumhaften Urwaldlicht vor allem im ersten Drittel des Filmes gibt es ein paar wahrhaft mystische Momente, in denen die gestochene Schärfe des Blu-ray-Bilds einer authentisch wirkenden Unschärfe weicht, die einen glauben lässt, alte restaurierte und liebevoll nachkolorierte Dokumentaraufnahmen zu sehen; und über die grandiosen Rückprojektionen, die die Gesichter von Bogart und Hepburn in Heiligenikonen verwandeln, will ich gar nicht anfangen zu sprechen, weil ich dann kein Ende finde (überhaupt ist die Rückprojektion ein Stilmittel, das ich immer mehr zu schätzen lerne). Nein, es sind die realistischen Umstände des Films, die Entbehrungen, die die Schauspieler und Crew auf sich nehmen mussten, die sich in den Gesichtern und auf den Körpern abzeichnen und den Zuschauer zum Leidensgenossen und Partner machen. Die Anekdoten, die sich um THE AFRICAN QUEEN ranken, sind zahlreich, und die bekannteste dreht sich um die heftigen Magenerkrankungen, die alle Beteiligten außer die in Alkohol eingelegten Huston und Bogart heimsuchten. Die Hepburn hatte immer einen Eimer in Reichweite, in den sie sich zwischen den Takes übergab und man sieht ihr an, wie sehr sie da gelitten haben muss. Umso beeindruckender sind die Lebendigkeit und der Witz, den sie im Zusaamenspiel mit Bogart an den Tag legt.

Es ist ein bisschen unangemessen, einzelne Szenen aus dem Film herauszupicken, weil er so unglaublich rund ist und trotz seines episodischen Handlungsverlaufs sehr gleichmäßig fließt. Aber ich tue es trotzdem und wähle als Höhepunkt nicht die Stromschnellen, den Wasserfall oder das Schilf (obwohl gerade letztere Sequenz natürlich absolut unfasslich ist). Nein, die Schönheit des Filmes und der wunderbaren Liebe zwischen den beiden so gegensätzlichen Menschen kommt am besten in dem kurzen Dialog zur Geltung, den Rose und Charlie vor der Reparatur der „African Queen“ haben. Beim Sturz vom Wasserfall hat sich die Antriebswelle des Bötchens verbogen und ein Blatt der Schraube ist abgebrochen. Charlie sieht keine Chance, diese Schäden mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln zu beheben. Rose stellt Fragen, macht Vorschläge, ermutigt und schiebt ihn so sehr behutsam, mit weiblicher Empathie, aber auch mit viel sanftem Nachdruck in die Position, in der er sich in der Lage fühlt, die nötigen Reparaturen selbst durchzuführen. Am Ende scheint alles ganz einfach und Charlies Freude darüber, nach gelungenem Handwerk die Fahrt wieder aufnehmen zu können, wird noch von jener übertroffen, über seinen Schatten gesprungen zu sein, sich selbst übertroffen zu haben. Es ist das Idealbild einer Beziehung: Den anderen durch den unbedingten Glauben an seine Fähigkeiten dazu zu ermutigen, das zu tun, was er sich allein nicht zutrauen würde. Die beiden sind in diesem Moment das glücklichste Liebespaar der Welt.

Eine sehr gute, lesesnwerte Analyse des Films kann man hier lesen.