Mit ‘Kathryn Bigelow’ getaggte Beiträge

PointbreaktheatricalKathryn Bigelows erster wirklich großer Hollywoodfilm hat sich über die Jahre einen hartnäckigen Kultstatus erworben. Bei Erscheinen war er zwar durchaus erfolgreich, aber doch alles andere als ein Kritikerliebling oder gar ein Superhit, eher eines jener routiniert gefertigten formula movies, die als Trabanten auf der Umlaufbahn der wirklich großen Blockbuster kursieren. Dass er zwanzig Jahre nach Erscheinen immer noch ein Objekt der Verehrung von Filmfreunden sein würde, war gewiss nicht abzusehen. Ich erinnere mich noch, dass ich ihn damals auf Video auslieh und danach durchaus zufrieden war: POINT BREAK war sauber inszeniert, mit tollen Bildern und griffigen Charakteren ausgestattet und verfügte einfach über einen guten Flow. Trotzdem war er eben auch ein recht formelhafter Copfilm, wie ich ihn in ähnlicher Form und mit anders ausgefüllten Variablen schon etliche Male gesehen hatte. Dass POINT BREAK mehr sein könnte, wurde mir zum ersten Mal bewusst, als einer meiner Zeitgenossen die Lebensphilosophien des Surfgurus Bodhi (Patrick Swayze) mit Inbrunst rezitierte. Jahre später las ich dann Artikel von Filmkritikern, die vor allem die Maskierung der Einbrecher mit den berühmten cartoonesken Präsidentenmasken zum Anlass ausufernder Exegesen machten. Heute ist Kathryn Bigelow vielleicht die meistverehrte amerikanische Filmemacherin und POINT BREAK aus kommerzieller Sicht gewissermaßen ihr Karrierehöhepunkt, aber wahrscheinlich auch der am wenigsten persönliche Film ihrer Filmografie. Vertreter der Auteurtheorie dürfen sich aussuchen, ob ihn das zur Marginale oder zum heimlichen Mittelpunkt ihres Werkes macht.

Fakt ist, dass POINT BREAK auch heutiger Sichtung noch standhält, sich mit seinen mild-subversiven Untertönen als wunderbarer Vertreter des Hollywood-Formelkino-Bullshits entpuppt und außerdem massiv unterhaltsam ist. Was mich uneingeschränkt für den Film einnimmt, ist wohl dem Zusammentreffen einer überdurchschnittlich intelligenten Regisseurin mit einem Drehbuch geschuldet, das sich seiner inhärenten Absurdität nicht wirklich bewusst ist. In den Händen eines weniger begabten Filmemachers wäre POINT BREAK zum vollends depperten Wegwerfprodukt mutiert, so aber führt der andauernde Schlingerkurs nie zur Kollision mit der Leitplanke, wird stets ein Mindestmaß an Kontrolle gewahrt. Hinter dem generischen Undercover-Ermittlungsplot, der auf kein einziges der bewährten Klischees verzichten kann, verbirgt sich zwar die spürbare Geringschätzung für all diese Dummheiten – man merkt das vor allem in den ohne jeden Schnickschnack straight und druckvoll durchinszenierten Heist-Sequenzen, die das heimliche Zentrum des Films sind –, aber Bigelow war wohl zu professionell, um sie wirklich durchbrechen zu lassen. Liebhaber der unfreiwilligen Komik und des High-Concept-Unfugs bekommen in POINT BREAK gerade auch deshalb so viel zu lachen, weil Bigelows eigener Stil nur wenig hysterisch, eher unterkühlt ist: Der ganze abstruse Quark um die abgefahrenen Surfer-Dudes, die Zeichnung der Szene als hippieeskes Paralleluniversum, der Jungcop, der der Philosophie des blondmähnigen Bodhi verfällt, die wirklich unerklärliche Zielstrebigkeit, mit der die beiden Superermittler einen Bock nach dem anderen schießen, ohne dass der Film auch nur den geringsten Zweifel an ihrer Kompetenz aufkommen ließe: Diese Elemente wirken vor diesem Hintergrund noch einmal doppelt so komisch. Und dann noch der Kontrast zwischen Swayze, der seinen larger-than-life-Charakter ohne den leisesten Anflug der Selbstironie und stattdessen mit stoischem Ernst gibt, und Reeves, dessen unmodulierte Intonation der Behauptung des Drehbuchs, sein Johnny Utah sei der Jahresbeste seines Ausbildungsjahrgangs gewesen, im Weg steht wie eine Stahlbetonmauer. Am Ende, wenn er mit langen Haaren seine Polizeimarke in die Brandung wirft, erwartet man fast, dass Alex Winter ins Bild tritt und ihm ein „DUDE!“ zuruft.

POINT BREAK beginnt wunderbar, fast poetisch, mit einer Parallelmontage, die den Wellenritt Bodhis mit Utahs Durchlauf eines FBI-Schießstandes (in strömendem Regen) kontrastiert, und eine Seelenverwandtschaft suggeriert: So wie der Surfer durch Ausschalten des Verstandes und die komplette Überantwortung an die Mächte der Natur zu sich findet, so erreicht Johnny im fehlerlosen Exerzieren seiner Schießübung die totale Einheit von Körper und Geist. Der Film wird diese Verwandtschaft leider nicht weiter erkunden, das Copdasein stattdessen als antipodisches Gegenteil zum Surfertum zeichnen, aber man sieht hier, was Bigelow an ihrem Film wahrscheinlich in erster Linie interessierte: der beruhigende Blick auf das Wasser, das Zusammenspiel von Körper und Natur, der Zwiestreit zwischen Gefühl und Ratio und die Frage, wo das eine dem anderen die Grenze setzen muss. Die Story war es definitiv nicht: Jungcop und Veteran gehen gegen den Willen ihres cholerischen Bürokraten-Chefs (John C. McGinley) dem Verdacht nach, bei den Bankräubern (die mit Präsidentenmasken verkleidet immer in den Sommermonaten auf Beutezug gehen und keinerlei verwertbare Spuren hinterlassen) könne es sich um Surfer handeln. Jungcop erschleicht sich das Vertrauen der Surferin Tyler (Lori Petty), um Eingang in die Szene zu erhalten und lernt den charismatischen Bodhi kennen. Er verliebt sich in Tyler, in das Surfen und wird zum Freund von Bodhi und dessen adrenalinsüchtiger Clique. Es kommt irgendwann die Erkenntnis, das genau die sich hinter den Präsidentenmasken verstecken, zum unausweichlichen Konflikt mit dem neuen Freund und der Geliebten, die sich verraten fühlt – und natürlich zur finalen Konfrontation vor der Jahrhundertwelle, auf die Bodhi sein ganzes Leben lang gewartet hat.

Diese Geschichte ist in dieser Form schon dutzende Male erzählt worden, hier nun in einer Variante, die wohl die in den Neunzigerjahren anwachsende Gemeinde von Extremsportlern ansprechen sollte. Die Clique um Bodhi frönt dem ungebremsten Hedonismus, eine Party unter Surfern entpuppt sich als Zirkus voller nervtötend und selbstverliebt herumtanzender und -gestikulierender Friseurs-, Piercing- und Tätowieropfer, total crazy eben. Auch eine Feuerspuckerin darf nicht fehlen. Bodhi ist ruhiger als seine kiffenden Kumpels, weil er die „spirituelle Seite“ des Surfens verstanden hat und ziemlich deep ist. Das sieht man schon daran, wie er aus zusammengekniffenen Augen in die Ferne schaut (und daran, wie er sich beim Tequilasaufen die Zitronenscheibe mit einer geilen Schlampe teilt). Für den gestriegelten Johnny, der seine Footballkarriere wegen eines kaputten Knies beenden musste (das ihm stets pünktlich zu den entscheidenden Momenten des Films Probleme bereitet), sind die Verheißungen dieses ungezähmten Lebens eine unwiderstehliche Verlockung: Für mich wäre ein Leben zwischen Surfbrett und Fallschirmsprung auf die Dauer doch irgendwie zu hohl und eindimensional. Und natürlich zu anstrengend.

Wahrscheinlich haben das auch die Drehbuchautoren irgendwann gemerkt, doch Bodhis sozialpolitischen Ambitionen – mit seinen Überfällen will er die Leute zum Nachdenken anregen und „aufwecken“ – kommen wie aus dem Nichts und finden auch keinen echten Widerhall mehr im Film. Größere Wirkung hinterlässt da schon die schiere Inkompetenz von Utah und seinem Partner Pappas (Gary Busey). Erst heben sie – ein Muss des Undercover-Copfilms – die falsche Gang aus und ruinieren damit die monatelange Arbeit eines anderen Undercover-Agenten. (Tom Sizemore ist mit Hawaii-Hemd und gefärbten Locken wirklich zum Schießen, fast noch mehr als die Vorstellung einer Surfergang, die zu Hause säckeweise Heroin und Waffen horten – und Anthony Kiedis als Mitglied aufnehmen). Dann schaffen die beiden Supertypen es, den Banküberfall, den sie richtig antizipiert haben, zu verpassen, weil Pappas unbedingt ein Meatball-Sandwich haben will. Man muss sich das vorstellen: Die beiden wissen, wann der Überfall auf welche Bank stattfinden soll, sie parken mit dem Auto direkt davor, sie wissen, dass dies die letzte Gelegenheit ist, die Bande festzusetzen und so ihren Job zu retten. Überdies haben sie Monate von Arbeit investiert, um da hin zu kommen, wo sie jetzt sind, und sie verpassen die Chance, weil sie just in diesem Moment an nicht anderes denken können, als ein Sandwich? Es ist ein Wunder, wie es Bigelow danach gelingt, den Ruf ihrer beiden „Helden“ aufrechtzuerhalten. Wie erwähnt: Ganz, ganz großer Spaß, immer wieder von Momenten durchbrochen, die den Film andeuten, der wahrscheinlich in BIgelows Kopf abgelaufen ist. Seinen Kultstatus hat der POINT BREAK definitiv zu Recht, wenn auch ganz gewiss aus den völlig falschen Gründen.

Die Sichtung von ZERO DARK THIRTY war eine der schwierigeren der letzten Zeit: Beim ersten Anlauf brach ich nach ca. 90 Minuten müde ab, beim zweiten Anlauf, noch einmal von vorne, schlief ich nach einem stressigen Arbeitstag sogar noch früher ein. Zwar durfte ich mir noch kein Urteil über den gerade mal zur Hälfte absolvierten Film erlauben, etwas enttäuscht war ich von dem, was ich bis dahin gesehen hatte, aber trotzdem: Nicht nur der unmittelbare Vorgänger THE HURT LOCKER, eigentlich alles von Kathryn Bigelow hatte mir bis dahin ausgezeichnet gefallen, und die positiven Urteile über ihren neuesten Film – von Menschen, auf deren Urteil ich mich gern verlasse überdies – hatten zusätzlich eine gewisse Erwartung erzeugt, die zunächst nicht erfüllt wurde. Mir erschien ZERO DARK THIRTY wenig zwingend, etwas selbstverliebt und ziellos in der akribischen Dar- und Nachstellung einer zermürbenden Menschenjagd, die sich vor allem als Wühlen durch Aktenberge, das Zutagefördern widersprüchlicher Aussagen unter anderem durch Foltern austauschbarer Informanten sowie das Prüfen verrauschter Video- und Tonaufzeichnungen darstellte. Ja, die Suche nach Osama Bin Laden, dem gefürchteten und gehassten Anführer von Al-Quaida, war schwierig, langwierig und frustrierend, gefährlich außerdem, vor allem ging sie nicht so sauber vonstatten, wie man sich das als Humanist wünschen würde. Gleichzeitig aber auch: Ja, man kann den Eifer und den Fanatismus der Amerikaner, die den furchtbaren, sinnlosen Tod von 3.000 ihrer Freunde, Verwandten und Nachbarn betrauern, außerdem die Zerstörung eines nationalen Wahrzeichens und ihres nationalen Stolzes verkraften mussten, irgendwie verstehen. Und Bin Laden ringt einem auch nicht gerade Mitleid ab: Es gibt durchaus Menschen, deren gewaltsamen Tod man als wenn schon nicht gerecht, so doch zumindest als folgerichtig und legitim betrachten kann. Live by the sword, die by the sword, gewissermaßen. Wer Wind sät … Beide Impulse – die Identifikation mit den Amerikanern, die einen skrupellosen Massenmörder fassen wollen, sowie der Zweifel an der Richtigkeit ihres Tuns, der einen beschleicht, wenn man ihre Methoden sieht – neutralisieren sich in Bigelows Film nahezu. Das hat zwar einen Grund, zu dem ich später noch komme, sorgt aber eben nicht unbedingt für ein auf Anhieb fesselndes und mitreißendes Kinoerlebnis. Stattdessen passiert etwas anderes mit einem: Man denkt nach.

Die junge, ambitionierte und engagierte CIA-Agentin Maya (Jessica Chastain) wird nach Pakistan geschickt, wo sie dabei helfen soll, eine Spur zum Aufenthaltsort von Osama Bin Laden zu finden. Gemeinsam mit Dan (Jason Clarke) foltert und verhört sie Gefangene aus Al-Quaida-Kreisen, geht Hinweisen nach, stellt Querverbindungen auf, landet aber schließlich, vermeintlich kurz vor dem Ziel, in einer Sackgasse. Bis dahin hat sie schon zahlreiche Freunde und Kollegen bei einem Selbstmordattentat verloren, Vorgesetzte kommen und gehen sehen, selbst einen Anschlag überlebt und Jahre damit verbracht, einem Phantom hinterherzujagen. Als sie dann doch ein verdächtiges Haus eines Al-Quaida-Vertrauten entdeckt, in dem ein nicht identifizierbarer Einwohner geradezu besessen darauf achtet, keinerlei Beweise für seine Anwesenheit zu hinterlassen, ist sie überzeugt, den „gefährlichsten Mann der Welt“ gefunden zu haben …

ZERO DARK THIRTY beginnt mit dem Ursprung des Traumas: Tonmaterial vom Flug 93, von Opfern im World Trade Center und ihren Angehörigen. Die Eindrücke aus dem nur wenige Sekunden dauernden Vorspann schnüren einem sofort die Kehle zu. Doch Kathryn Bigelow wird dieses Gefühl im Folgenden eben nicht für Propaganda, Folter- und Infiltrationslegitimation ausschlachten. Die Aufnahmen dienen ihr lediglich zur Schaffung von Kontext: So war das an 9/11, als 3.000 ganz normale Bürger, die sich morgens, nichts Böses ahnend, von ihren Familien verabschiedet hatten, dem größten Terroranschlag des 20. Jahrhunderts zum Opfer fielen. Der Zorn, Eifer und Fanatismus von Maya, ihren Kollegen und Vorgesetzten wird vor diesem Hintergrund nachvollziehbar, verständlich. Die physische und psychische Folter, der Dan einen Häftling unterzieht, erscheint als vertretbarer Preis, der eben gezahlt werden muss, wenn man den Schuldigen für den Anschlag zur Rechenschaft ziehen will. Aber zwischen der Gier Mayas und dem Interesse des Zuschauers klafft im Verlauf des Films eine zunehmend größer werdende Kluft: Die ganze, sich über Jahre hinziehende Jagd nimmt einen nie gefangen, bleibt seltsam abstrakt, selbstzweckhaft. Wie das obsessive Festhalten des Verlassenen an einer Geliebten, die längst Geschichte ist. Spannung erzeugt ZERO DARK THIRTY eigentlich nie: Man weiß ja, wie die Geschichte ausgeht, die Freude über kleine Erfolge wird von einem elliptischen Handlungsverlauf unterminiert, der teilweise Jahre überspringt und sich als Aneinanderreihung mal mehr, aber meist weniger miteinander verbundener und immer austauschbarere werdender Episoden entfaltet.

Erst im letzten Drittel, wenn der vermeintliche Aufenthaltsort Bin Ladens ausfindig gemacht wurde, die politischen Köpfe aus Washington überzeugt und dann die Einsatzkräfte instruiert worden sind, entfaltet ZERO DARK THIRTY so etwas wie echten Zug. Und genau hier stürzt dann das mühsam errichtete Kartenhaus der moralischen Rechtfertigung spätestens zusammen: Die brutale Härte, mit der amerikanische Soldaten in ein Wohnhaus einfallen und ohne Warnung alles töten, was sich bewegt, in einem fremden Land zudem, die Dreistigkeit und Kaltschnäuzigkeit, die dahintersteckt, die selbstgerechte Gutsherrenart, mit der man es sich herausnimmt, einen Menschen hinzurichten, von dem man ja lediglich ANNIMMT, dass er der Gesuchte ist, ist nicht mehr zu übersehen, nicht mehr zu rechtfertigen, nicht mehr hinzunehmen. Als Maya vor dem Leichnam des Mannes steht, dem sie fast 10 Jahre ihres Lebens hinterhergerannt ist, den sie glaubte besser zu kennen als einen Verwandten, obwohl sie ihn nie persönlich zu Gesicht bekommen hatte, stellt sich nicht das Gefühl eines Triumphes, sondern großer Leere ein. Der Moment, auf den sie hingefiebert, für den sie sich geopfert hatte, er ist einfach so verpufft, ohne Fanfaren, ohne Glücksgefühle. Jetzt liegt da nur ein toter alter Mann vor ihr, der wohl für niemanden mehr eine echte Gefahr darstellte. Allein fliegt sie endlich nach Haus, eine wichtige Person, die ihre Schuldigkeit getan hat. Sie muss jetzt wahrscheinlich nicht mehr arbeiten. Die Frage ist: Könnte sie es überhaupt noch? Was macht man, nachdem man Osama Bin Laden getötet hat?

Kathryn Bigelow macht eigentlich alles richtig mit ZERO DARK THIRTY: Weder hat sie einen propagandistischen Hetzfilm gedreht, der die Exekution Bin Ladens zur braven Heldentat und patriotishen Pflicht verzeichnet, noch geht sie den entgegengesetzten Weg und überzieht ihre Charaktere mit dem Hass des aus sicherer Distanz urteilenden Moralisten. Sie präsentiert sehr ausgewogen zwei unterschiedliche Wahrheiten und Perspektiven, von denen sich keine unmittelbar aufdrängt. Ihre Inszenierung ist sehr zurückhaltend, sie bemüht einen beinahe dokumentarischen Stil, wahrt die Distanz zum Geschehen und überlässt dem Zuschauer das Urteil. Das ist sehr mutig, weil es den WIderspruch, aber auch die Unentschiedenheit ausdrücklich zulässt. Vielleicht der einzige Weg, solche Geschichten überhaupt zu erzählen. Kathryn Bigelow hat eigentlich alles richtig gemacht. Aber mitgerissen oder bewegt hat mich ZERO DARK THIRTY zu keiner Sekunde. Ein reiner Kopffilm.

Team Bravo, eine US-amerikanische Bombenentschäfungseinheit in Bagdad, wartet auf das kurz bevorstehende Ende des Einsatzes, als der Einsatzleiter Staff Sergeant Matt Thompson (Guy Pearce) bei einer Explosion ums Leben kommt. Er wird ersetzt von Sergeant William James (Jeremy Renner), der seine Kameraden, Sergeant Sanborn (Anthony Mackie) und Eldridge (Brian Geraghty) mit seinen draufgängerischen Aktionen mehr als einmal in Gefahr bringt …

„Krieg ist eine Droge.“ behauptet THE HURT LOCKER zu Beginn per Schrifteinblendung und setzt in den folgenden 125 Minuten alles daran, den gezogenen Vergleich plausibel zu machen. Sein Protagonist Sergeant William James ist der Abhängige, der die Grenzerfahrung des Bombenentschärfens braucht, weil sie von vollkommener Klarheit ist: Leben oder Tod, mehr gibt es nicht. Am Ende, wenn man ihn nach seiner Heimkehr in einem Supermarkt beim Einkaufen mit seiner Familie sieht, er vor der riesigen Auswahl verschiedener Sorten Frühstücksflocken kapituliert, ahnt man, was er an seinem Job so schätzt – und man weiß, dass er seiner Aufgabe solange nachgehen wird, bis er einmal die falsche Entscheidung trifft, ihn die Bombe, die er entschärfen soll, zerreißt. Es ist ein Sterben auf Raten, das er vollzieht: In einer Schachtel (dem titelgebenden „hurt locker“) sammelt er Teile von Sprengsätzen, die er entschärft hat und die ihn daran erinnern, dass er hätte sterben können. Der Adrenalinschub, den er bei der Ausübung seiner Tätigkeit erfährt – und den Kathryn Bigelow in ihrer messerscharfen Inszenierung für den Zuschauer erfahrbar macht -, hält nicht lang vor, rettet ihn nur bis zum nächsten Einsatz, der eine weitere, noch tollkühnere Gratwanderung für ihn bedeutet. THE HURT LOCKER ist kein handelsüblicher Kriegsfilm und noch nicht einmal zwingend als Antikriegsfilm zu bezeichnen. Politik interessiert Bigelow in diesem Film gottseidank nur wenig. Es gibt keine der seit einigen Jahren so angesagten Selbstkasteiungen der USA, keinen plumpen Antiamerkanismus, keinen naiven Pazifismus, keine weinenden Witwen, keine langgezogenen Sterbeszenen, keine sinnlosen Heldentode, die mit den filmischen Mitteln der Emotionalisierung ausgewalzt würden. Gestorben wird in THE HURT LOCKER kurz und heftig, dann geht man wieder zur Tagesordnung über, weil man sonst selbst riskiert, draufzugehen. Krieg ist ein dreckiges Geschäft, das Menschen körperlich und seelisch zerstört, aber es ist ein seit Menschengedenken etabliertes Mittel der Kommunikation. Die Frage, die Bigelow viel mehr interessiert als letztlich müßige Erörterungen von Moral und Recht: Was treibt die Beteiligten an, sich an diesem Geschäft zu beteiligen? Und da findet sie Antworten, die wahrscheinlich viel erschütternder sind als alles Auswalzen von Leid oder das Breittreten von Grausamkeiten, die ja immer auch verkennen, dass es den „sauberen“ Krieg nun einmal nicht gibt. Krieg kann eine ziemlich überwältigende Erfahrung sein, eine, die alles in den Schatten stellt, und ironischerweise das normale Leben mit seinen banalen Handlungen und nichtigen Entscheidungen dagegen wie die Hölle erscheinen lässt. Diese Erkenntnis muss ich erst einmal verdauen.