Mit ‘Kathy Bates’ getaggte Beiträge

boss0005Melissa McCarthy ist von der Nebendarstellerin, die den Stars die Szenen stiehlt – siehe BRIDESMAIDS -, längst zum eigenen Comedystar geworden. In THE BOSS, finanziert von Adam McKays und Will Ferrells Produktionsfirma Gary Sanchez Productions, bekommt sie erneut Gelegenheit, ihre beachtlichen Fähigkeiten unter Beweis zu stellen.Leider muss dazu ein Film herhalten, der aus seiner Prämisse nicht das Optimum herausholt und sich am Ende ins breite Mittelfeld der vielen ähnlich mittelprächtigen Komödien einordnet. Aber der Reihe nach.

Michelle Darnell (Melissa McCarthy) musste schon früh lernen, dass sie sich nur auf sich verlassen kann. Aus dem mehrfach von ihren verschiedenen Pflegeeltern wieder abgelieferten Waisenkind wurde so über die Jahre eine megaerfolgreiche und megareiche, aber eben auch ziemlich unbeliebte Geschäftsfrau mit gering ausgeprägter Sozialkompetenz. Als ihr ein Insidergeschäft nachgewiesen wird, bringt ihr ehemaliger Partner Renault (Peter Dinklage) sie in den Knast, ihr gesamtes Vermögen wird gepfändet, Michelle sitzt auf der Straße. Unterschlupf findet sie bei ihrer ehemaligen Angestellten Claire (Kristen Bell), einer alleinerziehenden und in bescheidenen Verhältnissen lebenden Mutter. Es kommt zu den erwartbaren Konflikten und Michelle muss im Verlauf des Filmes viel über Vertrauen und Freundschaft dazulernen. Aber sie hat auch Claire etwas zu geben: Als sie deren phänomenale Brownies kostet, bringt sie die junge Frau dazu, ein Business zu gründen – und ihrer Tochter, dass es für junge Mädchen noch mehr gibt, als süß und brav zu sein …

Letztere Aspekt ist das schönste an THE BOSS, weil er damit immer noch Pionierarbeit leistet. McCarthy ist die ideale Fürsprecherin für ein neues oder zumindest vielseitigeres Frauenbild in Hollywood, weil sie selbst optisch nicht gerade Leading-Lady-Material ist. Die Karriere einer Angelina Jolie oder Julia Roberts wird ihr immer verwehrt bleiben: So wie es ihrer Michelle Darnell nicht in die Wiege gelegt wurde, eine gewinnende, liebenswerte Persönlichkeit zu werden. THE BOSS zeigt, dass auch unerträgliche Arschkrampen positive Eigenschaften haben können, sich hinter der Invektiven sprühenden Bulldogge ein weicher Kern, hinter der knallharten, materialistischen Geschäftsfrau durchaus eine Person versteckt, von der man etwas lernen kann. Man muss nicht aussehen wie aus dem Ei gepellt oder bloß die Erwartungen erfüllen, die die Gesellschaft an einen stellt, um ein guter Mensch zu sein. Es ist schön, dass in einem Film zu sehen.

Noch schöner wäre es aber, wenn eine solche Message nicht in einem Werk untergebracht worden wäre, dessen herausstechendste Eigenschaft unübersehbar gelangweilte Routine ist. Die Story um die menschliche Katastrophe, die durch christliche Nächstenliebe und den Segen familiärer Zuwendung auf den rechten Pfad geführt wird, und um die aufopferungsvoll kämpfende Mama, die endlich auch mal an sich selbst zu denken lernt – was natürlich bedeutet, dass sie sich verliebt -, bergen keinerlei Überraschungen und auch eigentlich keine echten Gags. Die gehen fast ausschließlich auf das Konto von McCarthy, die immer dann, wenn THE BOSS einen Arschtritt benötigt, von der Kette gelassen wird und eine besonders heftige Tirade an Schimpfwörtern ablässt. Da kann einem schon einmal schwindlig werden, zumal Falcone erheblichen Spaß daran hat, Geschmacksgrenzen mit Verve zu übertreten. Einer überehrgeizigen Spießermama vor den Latz zu knallen, dass ihre minderjährige Tochter gewiss eine Lesbe werde, ist da noch eine der harmloseren Entgleisungen. Es ist nicht so, dass ich nicht einige Male herzhaft gelacht hätte: THE BOSS hat schon seine Momente. Aber insgesamt hatte ich mir dann doch etwas mehr von ihm versprochen.

Bobby Bouchet (Adam Sandler) ist ein sympathischer Einfaltspinsel. 31 Jahre alt, lebt er immer noch mitten in den Bayous bei seiner überfürsorglichen Mama (Kathy Bates), die alle ihrer Meinung nach schädlichen Einflüsse von ihm fernhält und so sein Erwachsenwerden verhindert. Mit großer Akribie und Zufriedenheit widmet sich Bobby seinem „Beruf“ als Wasserträger beim örtlichen Footballteam, wo er geduldig die Schmähungen der Sportler erträgt, für die er nur ein Dummkopf ist. Als er bei den seit Jahren sieglosen „Mud Dogs“ landet, wendet sich das Blatt für Bobby jedoch unerwartet. Der verzweifelte Trainer (Henry Winkler) entdeckt nämlich ein bislang verborgen gebliebenes Talent Bobbys: Wenn er provoziert wird, legt er die Zielstrebigkeit und Durschlagskraft einer Zielsuchrakete an den Tag. So wird er vom Wasserträger zur unersetzlichen Waffe der Mud Dogs, die mit ihm von Sieg zu Sieg eilen. Seine neue Popularität ist jedoch nicht nur Bobbys Mama, sondern auch den Gegnern ein Dorn im Auge …

THE WATERBOY war in den USA ein veritabler Hit und wurde von mir und meinem guten Freund Rolf damals überaus neugierig in den Videorekorder geworfen, als er in einer örtlichen Videothek frühzeitig als NTSC-Tape zur Verfügung stand. So hatten wir das damals in Ermangelung an O-Ton-Spuren noch nicht ganz so selbstverständliche Glück, den Film nicht in der grausamen deutschen Synchro ertragen zu müssen. Diese quälte Zuschauer des Filmes nämlich mit der Geschmacklosigkeit, „Richie“, den damals populären Prolotürken-Charakter des heute mit zahlreichen Fußballprominenz-Imitationen nervenden „Komikers“ Matze Knop, als Sprecher für Adam Sandlers idiot savant aufzubieten. (Ein absolut verachtenswerter Brauch übrigens, dessen wahrscheinlich hinrverbranntester Auswuchs die Erkan&Stefan-Synchro der spanischen CLEVER & SMART-Verfilmung ist: Der deutsche Zuschauer darf sich nun darüber wundern, warum zwei spanische Geheimagenten die ganze Zeit irgendwelche idiotischen Dönersprüche reißen. So kann man einen Film auch kaputtbearbeiten.) Gefallen hat mir THE WATERBOY damals trotzdem nicht: Zu albern und infantil erschien mir sein Humor damals, Sandlers Spiel als zu ausgestellt, zu wenig „naturalistisch“, zu grimassierend und clownesk. Die erneute Sichtung gut 15 Jahre später zeigt, dass das keineswegs ein Unfall war, sondern vielmehr Programm ist. THE WATERBOY ist ein modernes Märchen, in dem alles etwas größer und bunter ist, aber die im Märchen greifenden Mechanismen in das moderne Alltagsamerika überführt werden. Bobby lebt wie in einer kleinen Privatseifenblase, es ist, als schritte er durch den Spiegel, wenn er das anachronistische Holzhäuschen seiner Mama verlässt, um seinen Arbeitstag anzutreten.  Zuhause ist alles gut: Der Esel steht friedlich im Wohnzimmer, Mama tischt leckere hausgemachte Sumpfdelikatessen wie Schlange oder Baby-Alligator auf und bürstet ihrem Sohnemann die Haare, bevor der im Kinderpyjama zu Wrestlingübertragungen mit seinem Held „Captain Insano“ einschläft. Draußen fängt dann der Spießrutenlauf an: Schon während der Fahrt auf seinem kleinen Traktor muss sich Bobby anpöbeln lassen und diese Beleidigungsarie zieht sich durch seinen ganzen Alltag. Sandlers Amerika ist hier eher unfreundlich: Seine Bewohner sind schnell bereit, ihren niedersten Instinkten zu gehorchen, es regiert das Gesetz des Stärkeren und es nimmt nur wenig Rücksicht auf jene, die nicht zu den Schönen und Erfolgreichen gehören. THE WATERBOY erzählt zwar die eigentlich altbekannte uramerikanische Erfolgsgeschichte, gibt sich dabei jedoch keinen großen Illusionen hin. Pathos sucht man vergebens: Dass der tumbe Bobby zum Star wird, ist im System nicht vorgesehen, und was ihn letztlich dazu befähigt, sind Jahrzehnte der Demütigung und des aufgestauten Zorns.

Wie die meisten Filme Sandlers ist auch THE WATERBOY kein Gag-Dauerfeuerwerk, sondern vor allem etwa fürs Herz. Der Zuschauer wird nicht dazu eingeladen, sich über den Dummkopf kaputtzulachen, sondern mit ihm zu fühlen. Seine vermeintliche Dummheit ist nämlich gar kein Makel, sie ist letztlich Zeichen seiner Offenheit und Verwundbarkeit, die ihn in seiner gleichgeschalteten Welt zu etwas Besonderem macht. Es überspannt den Bogen tatsächlich nur unwesentlich, zu behaupten, THE WATERBOY sei ein Film gegen den Ökonomiewahn der sogenannten Leistungsgesellschaft. Talent, Engagement, Einsatzwille und Durchsetzungsvermögen sind nicht immer da zu finden, wo man sie am ehesten vermutet.