Mit ‘Katja Bienert’ getaggte Beiträge

Die Schülerin Petra (Katja Bienert) ist mit dem heroinabhängigen Mick (Marco Kröger), einem Klassenkameraden, zusammen. Damit er das nötige Geld hat, um sich seine Drogen zu kaufen, lässt sie sich von einer Freundin ins Rotlichtmilieu einführen. Das wiederum kann Mick nicht akzeptieren: Er verlässt Petra, landet auf dem Schwulenstrich und in der Wohnung eines alten Herren, dem er einen Kerzenständer an den Kopf wirft, als er zudringlich wird. Während Mick wegen Mordes gesucht wird, hat Petra zwei Tage Zeit, ihrer Mutter 750 DM zurückzuzahlen, die sie ihr gestohlen hatte. Dirk (Benjamin Völz), der schwer verknallt in Petra ist, sieht seine Chance, ihr Herz zu erobern …

Noch zwei Jahre vor Uli Edels CHRISTIANE F. – WIR KINDER VOM BAHNHOF ZOO trat SCHULMÄDCHEN-REPORT-Routinier Walter Boos an, um die deutsche Öffentlichkeit darüber aufzuklären, was Drogen der deutschen Jugend antun. Dass sich das bei ihm etwas anders darstellte als in dem späteren Erfolgsfilm, ist klar. Wenn die Spritze hier in den Arm wandet, wendet sich die Kamera gnädig ab, nach dem Knastaufenthalt ist der Mick wieder clean und der Mordverdacht löst sich auch in Luft auf. Und von Petras ebenfalls drogenabhängiger Freundin, die von ihrem Macker – Schnurrbart, Brusthaartoupet mit dickem Amulett drin, bis zum Bacuhnabel aufgeknöpftes Hemd, Steifel über der Jeans, Pfeife im Maul – verhurt wird, damit sie sich bald ihren Wunsch von einer Boutique (!!!) erfüllen können, sieht man irgendwann einfach gar nix mehr. Damit sich das Trenchcoat-Publikum beim Strichersex nicht allzu sehr ekeln muss, gibt es auch noch ein paar „saubere“ Teeniemädels in voller Pracht zu bewundern und natürlich wird das „Sozialdrama“ auch von den berüchtigten Versuchen in Humor veredelt, die man aus den Filmen der Produktionsgesellschaft LISA-Film kennt. Da verfolgt man dann zwei Jungs aus Petras Klasse, die beim anderen Geschlecht nicht so richtig erfolgreich sind, und auf der Suche nach einer geeigneten Prostituierten, die sie in die Kunst des Liebespiels einweist, erst auf dem Omastrich und dann bei einer Transe landen. Für etwas seichtes Drama sorgt die Geschichte um zwei andere Mädels, die ihren Mathelehrer mit zweifelhaften Bildern erpressen, um eine gute Note zu kriegen, am Ende aber von der engagierten Superlehrerin zur Vernunft gebracht werden. Hier ist am Ende wirklich alles gut, nur der arme Dirk, der guckt dumm aus der Wäsche, weil Petra wieder mit ihrem Mick zusammenkommt. Hätte er das geahnt, hätte er bestimmt nicht diese alberne Strickmütze aufgesetzt.

Es muss kaum erwähnt werden, dass DIE SCHULMÄDCHEN VOM TREFFPUNKT ZOO weder als als Problem- noch als Sexfilm wirklich funktioniert. Ersteres will er eh nicht wirklich sein, die „Sozialkritik“ dient ihm ja nur als seriöse Fassade, für letzteres ist der ganze Film einfach viel zu trist, unansehnlich und steif in der Hüftgegend. Die Hässlichkeit von Settings, Frisuren und Klamotten ist wirklich beeindruckend, dazu wird jede Sexszene so unbeholfen und verklemmt angebahnt, dass es einen schier zur Verzweiflung treibt. Das Bordell des Films ist innen kackbraun holzverkleidet, grüne Vorhänge und goldene Bilderrahmen sollen wohl für Gediegenheit sorgen, lassen den Puff aber aussehen wie eine Jagdhütte. Die einzelnen Rammelbuden haben leberfleckfarbene Pappmaché-Wände und wer sich dort mit der Nutte seiner Wahl niederlässt bekommt sogleich Champagner „frisch aus Frankreich“ auf einem Blechtablett serviert. Die Gäste einer Schwulen- und Lesbenbar sehen darin aus wie bestellt und nicht abgeholt oder als würden sie auf die Abschiebung nach Aserbaidschan warten. Auf dem Boden liegen grauslige Synthetik-Flokatis und an einer Wand dreht sich eine große Zielscheibe: Daran befestigt sind zwei Stühle, auf denen zwei bemitleidenswert blasse Menschen die längsten Gesichter der Welt ziehen. Man sollte meinen, Homosexuelle hätten sich damals nicht auch noch gegenseitig diskriminieren und demütigen müssen. Es nimmt einfach kein Ende mit dieser Hässlichkeit und es ist kaum ein Wunder, dass der flaumschnurrbärtige Junge am Ende die Hilfe eines miefigen deutschen Aufklärungsbuches braucht, um seine Eroberung zu beglücken. Deren Nerven kann man nur bewundern: Ich hätte sofort Reißaus genommen, wenn ich in einen fensterlosen Betokerker mit Stahltür verschleppt worden wäre. Es ist wirklich zum Verzweifeln und jeder Funke von falscher Nostalgie wird hier jäh erstickt. Man bekommt unweigerlich Mitleid mit diesen jungen Leuten, die 1979 in Westberlin aufwachsen müssen, einer Zeit, die offensichtlich grau war und vermutlich nach Zigarrenqualm und Mottenkugeln roch. Da wäre ich wahrscheinlich auch zum Fixer geworden.

2011091009235244266_artikelEs gibt viele Pforten, durch die man sich dem umfangreichen und unüberschaubaren Werk des frenetischen Vielfilmers Jess Franco – der leider im April dieses Jahres verstorben ist – nähern kann. Eine  davon ist mit dem Namen überschrieben, unter dem der französische Adlige, Schriftsteller und Philosoph Donatien Alphonse François de Sade zu einer historischen Figur wurde: Marquis de Sade. Nahezu alle Regisseure, die sich in den Genres Sex- oder Horrorfilm bewegen, müssen eine geistige Verbindung zu dem Mann verspüren, der der Lust an der Qual den Namen verlieh, doch nur wenige versuchten sich ganz direkt an einer Adaption seiner Werke. Jess Franco verfilmte gleich mehrere Bücher De Sades und „Die Philosophie des Boudoirs“ mit EUGENIE und EUGENIE (HISTORIA DE UNA PERVERSIÓN) sogar zweimal. Wenn auch beide Filme literarische Vorlage und – zumindest im spanischen Original – sogar den Titel teilen, spiegeln sie doch recht klar zwei der vielen verschiedenen, sehr konträren Seiten, die Francos Werk zum Schillern brachten: EUGENIE wurde 1970 vom britischen Produzenten Harry Alan Towers großzügig budgetiert, ist mit Stars wie Christopher Lee und Maria Rohm (sowie Jack Taylor und Herbert Fux) klangvoll besetzt und aufwändig ausgestattet und gehört demzufolge zu den kommerzielleren Filmen Francos. Der zehn Jahre später entstandene EUGENIE (HISTORIA DE UNA PERVERSIÓN) ist zwar nicht weniger schillernd, aber eine ganze Ecke bescheidener budgetiert und darüber hinaus geprägt von Francos Jazz- und Improvisationsvorliebe. Die Geschichte eines jungen Mädchens, das in die Hände eines sexsüchtigen Pärchens gerät und dabei seine Unschuld verliert, wird hier sehr lose und locker, beinahe nebenbei entwickelt und löst sich zum Ende hin immer mehr auf. Mehr als ein Plot bleiben hier Sinneseindrücke hängen, Bilder und Stimmungen, die sich in der Erinnerung untrennbar miteinander vereinen.

Vielleicht liegt es auch an den Rahmenbedingungen, unter denen die Sichtung stattfand, dass ich keinen direkten, verstandesmäßigen Zugriff mehr auf EUGENIE (HISTORIA DE UNA PERVERSIÓN) bekomme: Nach einer fünfstündigen Autofahrt war es der Eröffnungsfilm meines ersten Hofbauer Kongresses, auf den ich schon seit einigen Wochen hingefiebert hatte. Eine Vielzahl von Eindrücken war zu diesem Zeitpunkt schon auf mich eingeprasselt: Neben den vielen Bekannten, die ich dort wiedersehen oder auch zum ersten Mal treffen durfte, hatte sich auch die bezaubernde EUGENIE-Hauptdarstellerin Katja Bienert eingefunden, die sich ganz selbstverständlich, gut gelaunt und entspannt unter den Kongressteilnehmern tummelte und vor dem Film in einem ausführlichen Interview offen, ehrlich und enthusiastisch Rede und Antwort stand. (Daran könnten sich viele ihrer Kollegen, die das Geld, dass man ihnen einst für ihre Teilnahme an diversen REPORT- oder sonstigen Softsex-Filmen zahlte, zwar gern entgegennahmen, aber heute eher verschnupft reagieren, wenn man sie darauf anspricht, ein Beispiel nehmen.) Sie fühlte sich übrigens so wohl auf dem Kongress, dass sie uns auch noch am nächsten Tag Gesellschaft leistete und darüber sogar gegen ihre Schlafgewohnheiten verstieß. Dass sich Francos De-Sade-Verfilmung aber förmlich dagegen sträubt, hier von mir seziert zu werden, liegt wohl auch in der Inszenierung des Films selbst begründet. So wie die von Franco wieder einmal als zentrales Gestaltungselement verwendeten ausblutenden Sonnenstrahlen das Bild selbst zu verbrennen und zu überlagern scheinen, verflüchtigt sich der Film in einen reinen Wahrnehmungsraum, der für die Ratio unzugänglich bleiben muss. Jede nachvollziehbare Psychologie ist abwesend, nur die nackte, brennende Leidenschaft bestimmt die Handlungen. Sie ist so stark, dass nichts ihr standhalten kann. Der reiche Lüstling Alberto (Antonio Mayans) verzehrt sich nach der minderjährigen Eugenie (Katja Bienert), seine kaum weniger geile Gattin Alba (Mabel Escaño) hilft ihm dabei, sie zu bekommen. Am Ende, wenn die sexuelle Spannung das empfindlich Beziehungsdreieck gesprengt hat, herrscht Alberto Alba an, wirft ihr vor, sie sei „wahnsinnig geworden vor Geilheit“ und die Sexgier habe ihr „das Rückenmark zerfressen“. Die reine Körperlichkeit ist kein Segen für den Menschen, sie bedeutet sein Ende.

EUGENIE (HISTORIA DE UNA PERVERSIÓN), den wir in der deutschen Fassung unter dem Titel LOLITA AM SCHEIDEWEG gesehen haben, ist ein wilder Reigen sonnendurchfluteter und von Dekadenz und Perversion durchspülter Bilder und wilder Ideen wie jener, Lina Romay als das menschliche Haustier des lüsternen Ehepaars zu inszenieren. Das eindrucksvolle, von Ricardo Bofill entworfene Apartmenthaus La Muralla Roja repräsentiert mit seinen verwinkelten Treppen und der labyrinthischen Struktur sowohl den derangierten Geist seiner Bewohner als auch das Netz der Manipulation, in dem sich Eugenie (in der deutschen Fassung „Lolita“) hoffnungslos verfängt (der andere imposante Schauplatz, Bofills Xanadu, symbolisiert eher die dräuende Gefahr für das junge Mädchen). Der deutsche Verleih bereinigte den in seiner Originalfassung angeblich rund 95-minütigen Film um satte 18 Minuten – sogar noch mehr, wenn man die „Traumszenen“ Eugenies miteinrechnet, die im Gegenzug aus einem Bea-Fiedler-Film eingeschmuggelt wurden. Jess Francos Jazz-Score wurde durch einen treibenden, aggressiv pumpenden Disco-Beatsound ersetzt, der das Künstliche, Triebhafte akzentuiert und darüber hinaus jede Plattensammlung adeln würde. Ob EUGENIE (HISTORIA DE UNA PERVERSIÓN) in der intakten Fassung möglicherweise weniger fragmentarisch und traumhaft wirkt, lässt sich von hier aus nicht eruieren, faktisch steht ihm der Verzicht auf jegliche Erklärung ausgezeichnet zu Gesicht, macht ihn zu einem Film, über den man kaum sprechen kann, der sich aber als sinnlicher Eindruck tief ins Gedächtnis einbrennt.