Mit ‘Katt Shea’ getaggte Beiträge

POSION IVY ist ein typisches Kind seiner Zeit: In den späten Achtzigern und frühen Neunzigern gab es eine ganze Welle an Home-Invasion-Thrillern, Filme, in denen das amerikanische Familienglück durch einen bösen Störenfried von außen bedroht wurde, bevor es unter Einsatz roher Gewalt wiederhergestellt werden konnte. Im Unterschied zu ganz ähnlich gelagerten Titeln aus den Siebzigerjahren, am berühmtesten wahrscheinlich Cravens LAST HOUSE ON THE LEFT, blieb die moralische Integrität der bürgerlichen Wüteriche unangetastet und unhinterfragt: Das Böse muss zurückgeschlagen werden und wenn es gilt, den eigenen Besitzstand zu wahren, sind alle Mittel recht. Das Subgenre erfuhr eine Metamorphose, als Verhoeven mit BASIC INSTINCT den Aufreger der Kinosaison 1992 hinlegte: Nun waren die Invasoren immer häufiger weiblichen Geschlechts und statt auf das Ersparte hatten sie es auf die männlichen Familienjuwelen abgesehen. Der Erotikthriller-Boom verlagerte sich via preisgünstig und schnell runtergekurbelter Videoware recht schnell von den Kinoleinwänden auf die heimischen Bildschirme, infiltrierte also auf anderer Ebene den schätzenswerten Wohnraum. Schwer zu sagen, was die Privatsender in den Neunzigern des Nachts gezeigt hätten, wenn es nicht all diese Softsex-Vehikel um geile Femme fatales gegeben hätte.

Katt Sheas POISON IVY ist einer der populärsten Filme aus jener Zeit und wurde beim renommierten Sundance Festival sogar für den Großen Preis der Jury nominiert. Trotz dieser Kritikerlorbeeren scheiterte er bei seinem limitierten Kinoeinsatz und konnte erst über die Videovermarktung seinen kleinen Kultstatus einheimsen, der sich unter anderem in drei zwischen 1996 und 2008 entstandenen DTV- bzw. PayTV-Sequels niederschlug. Der Film trug außerdem maßgeblich zum Comeback des einstigen Kinderstars Drew Barrymore bei, der sich dann Mitte der Neunzigerjahre mit Auftritten in prestigeträchtigen Großproduktionen wie BATMAN FOREVER oder SCREAM vollzog. Obwohl POSION IVY wie oben skizziert sehr gut in seiner Entstehungszeit zu verorten ist, ist er deutlich besser gealtert als viele artverwandte Produktionen: Das liegt nicht zuletzt daran, dass Shea sich nicht damit begnügte, eine edle Wichsvorlage für ihr männliches Publikum zu fertigen: POISON IVY ist demnach nicht nur ein Film über eine jugendliche Femme fatale, die einem verheirateten Mann den Kopf verdreht, sondern auch ein Coming-of-Age-Film und ein Film über die Freundschaft zweier ungleicher Mädchen, die sich in ihrem Außenseiterstatus verbunden fühlen. In der Zeichnung dieser Freundschaft, aber auch des verführten Vaters, ist POSION IVY ungewöhnlich mitfühlend und authentisch, bewahrt sich bis zum Schluss die Empathie sowohl für seine Antagonistin wie auch den betrügerischen Ehemann, der mit einer Minderjährigen ins Bett steigt. Shea bezeichnete ihren Film als „persönlichen Ausdruck“, was sich wie PR-Sprech anhören mag, aber sich sowohl in der pointierten, visuell sorgfältigen Inszenierung niederschlägt (die klimaktische Verführungsszene ist meisterlich getimt!) als auch in dieser Haltung gegenüber ihren Figuren, die allesamt vielschichtig bleiben und sich nie in reiner Plotfunktionalität erschöpfen.

Das auf den autobiografischen Erfahrungen von Melissa Goddard basierende Drehbuch von Andy Ruben (Sheas damaligem Ehemann) dreht sich um das Teeniemädchen Sylvie Cooper (Sara Gilbert), eine intellektuelle Künstlerseele, die sich in ihrem eigenen Leben als Fremde fühlt: Ihr Vater (Tom Skerritt) nervt sie in seiner Rolle als konservativer TV-Provokateur, die Mutter (Cheryl Ladd) liegt mit einer schweren Lungenkrankheit im Sterben. Das riesige, palastartige Familienanwesen empfindet Sylvie als Gefängnis, in dem man „nie jemanden findet, wenn man ihn sucht“. Die neue Mitschülerin (Drew Barrymore), die sie aufgrund ihres Klebetattoos Ivy tauft (man erfährt nie ihren echten Namen), fasziniert sie sofort, weil sie gleichzeitig ganz anders ist und ihr dabei doch so ähnlich: Aus einfachen, aber ebenso zerrütteten Verhältnissen kommend, verkörpert Ivy Selbstsicherheit und Ungebundenheit, Exotik, Mut und einen gewissen aufreizenden Glamour. Die beiden freunden sich an und nachdem Ivy auch die Sympathie und das Vertrauen der argwöhnischen Eltern gewonnen hat, zieht sie kurzerhand bei Sylvie ein. Doch damit beginnen die Probleme, von denen die sich anbahnende Affäre mit dem Vater noch nicht das größte ist.

Was als erstes auffällt, sind die ungewöhnlichen feinen Dialoge, die das Drehbuch speziell seinen jugendlichen Protagonistinnen in den Mund legt: Selten dürfen sich Jugendliche in Filmen so tiefsinnig, aber gleichzeitig authentisch und mit solch sauber entwickelter Individualität über ihre Befindlichkeiten äußern. Sowohl Sylvie als auch Ivy stehen so binnen weniger Sekunden als glaubwürdige, vollwertige und lebendige Charaktere vor dem Betrachter. Ich war schon mit dem Einstiegsmonolog Sylvies gefangen, mit dem sie Ivy beschreibt, während sie ihr beim Schaukeln auf einer halsbrecherisch über einer Schlucht an einem Baum befestigten Schaukel zuschaut. Ivy bleibt im Folgenden Projektionsfläche erst für Sylvie, dann für ihren Vater, ein mit beiden Füßen in der Realität stehendes Fantasiegeschöpf, und macht im weiteren Verlauf des Films eine Wandlung vom Grungemädel zur eleganten Noir-Schönheit durch. Man könnte auch sagen, dass Ivy ihre Authentizität immer mehr verliert, immer mehr zum Objekt gerät, je mehr sie von ihren Betrachtern „aufgeladen“ wird. Dahinter steckt auch eine Fabel über das Spannungsverhältnis zwischen Ober- und Unterklasse und den fetischisierenden Impuls des Kapitalismus: Während sich Ivy logischerweise vom Reichtum angezogen fühlt, der Sylvie umgibt, sehnt diese sich nach der Unverfälschtheit, für die die aus einfachen Verhältnissen stammende Ivy steht. (Sylvie behauptet am Anfang einmal, sie sei die Tochter eines Schwarzen, um sich vor Ivy interessant zu machen.) Wenn Ivy am Ende für ihre Vergehen bestraft wird, ist das mithin kein Triumph über das Böse, vielmehr werden Erinnerungen an den Barbarismus der bürgerlichen Selbstjustizler aus LAST HOUSE ON THE LEFT geweckt. Es gibt keine Durchlässigkeit nach oben. Die Unterprivilegierten dürfen nur solange mitspielen, wie sie keine Ansprüche anmelden: Dann schmückt man sich gern mit ihrer unverfälschten, erhlichen Authentizität. Doch wehe, sie kommen einem zu nahe …

 

Katt Shea drehte STRIPPED TO KILL 2 back to back mit dem Vampirfilm DANCE OF THE DAMNED in denselben Settings und mit derselben Hauptdarstellerin: ein charakteristischer Coup für den Unternehmergeist von Produzent Roger Corman, der genau wusste, wie man wirtschaftlich produziert und die Rendite maximiert. Der Vorgänger STRIPPED TO KILL dürfte schon über seinen Titel eine sichere Bank gewesen sein, sodass ein Sequel obligatorisch war. Neben Regisseurin Katt Shea war auch wieder ihr Ehemann Andy Ruben als Drehbuchautor an Bord, dem aber leider nicht gelang, dem ersten Teil noch einmal einen draufzusetzen. Das Stripteaselokal-Setting ist hier im Unterschied zu diesem relativ austauschbarer Schauplatz für eine Mordgeschichte, die mit ihrem ausgebrannten Cop und der mysteriösen Femme fatale deutlich vom Film Noir inspiriert ist.

Shady (Maria Ford) ist der Neuzugang im Stripclub Paragon, der sein männliches Publikum mit beinahe avantgardistischen Darbietungen lockt, und leidet unter schlimmen Albträumen, in denen sie von einem maskierten Mörder mit Rasierklinge im Mund geküsst wird. Nicht nur, dass sie stets mit blutiger Lippe aufwacht, die Morde, von denen sie träumt, haben sich in der Zwischenzeit in echt ereignet – an ihren Kolleginnen. Nicht verwunderlich, dass die Ärmste selbst glaubt, die Schuldige zu sein. Der ermittelnde Cop Decker (Eb Lottimer) hingegen ist von ihrer Unschuld überzeugt und verliebt sich in die zerbrechliche Schönheit.

Die Story dürfte bei Vielsehern das ein oder andere Déjà-vu auslösen und entfaltet sich dann auch ohne große Überraschungen so, wie man es vorausgesehen hat. Kein Vergleich zum tollen Vorgänger, der zwar auch nicht das Rad neu erfand, aber doch aus frischer Perspektive auf das gut abgehangene Serienmörderszenario blickte. Auch die Besetzung ist eine Nummer schwächer und läuft jeglichem emanzipatorischen Potenzial entgegen: Maria Fords Shady ist das hilflose Kätzchen, blickt von Anfang an verstört in die Kamera wie ein Rehlein ins Scheinwerferlicht und nervt damit bereits nach kurzer Zeit. Eb Lottimer spielt tapfer dagegen an, kann aber auch nicht wirklich etwas retten. Selbst die Zickereien der Stripperinnen muten flacher an als im ersten Teil. So schleppt sich STRIPPED TO KILL 2 über die Runden bis zu seinem austauschbaren Finale. Reine Zeitverschwendung also?

Nicht ganz, denn dank Kamera-As Phedon Papamichael gerät Sheas Neo-Noir immerhin zum visuellen Augenschmaus: Das beginnt bei den schon erwähnten Tanzszenen im expressiven Bühnenbild und setzt sich in der betont artifiziellen Ausleuchtung in grellen Neonfarben fort. Ich weiß nicht, ob sich Katt Shea von italienischen Giallos inspirieren ließ, aber die Parallelen sind eigentlich zu gravierend, um hier lediglich Zufall zu vermuten. Mehr als einmal musste ich explizit an Michele Soavis AQUARIUS denken, der eine ganz ähnliche Atmosphäre evoziert, sich genauso „künstlich“ anfühlt. Auch in STRIPPED TO KILL 2 gewinnt man den Eindruck, als agierten seine Charaktere auf einer Bühne vor Publikum, ohne es jedoch zu wissen. Ihr ganzes Leben ist ein Stück, in dem sie eine Rolle einnehmen und jeder Schritt, den sie tun – aus vermeintlich eigenen Stücken – ist vorherbestimmt. So federt Shea die Schwächen ihres Drehbuchs wieder ab und kann am Ende einen Film vorweisen, der immerhin eine interessante formale Fingerübung ist.

„A maniac is killing strippers.“ – Man sollte meinen, dass es nicht viel mehr als dieser Worte bedurfte, um Roger Corman für STRIPPED TO KILL einzunehmen, doch tatsächlich soll Katt Shea über ein Jahr gebraucht haben, um den „King of the Bs“ von ihrer Idee zu überzeugen. Sie war der Filmemacherin angeblich gekommen, als ihr Ehemann Andy Ruben, der dann auch das Drehbuch mit ihr zusammen verfasste, sie nach einer verlorenen Wette mit in einen Stripclub nahm, wo ihr klar wurde, dass der Striptease-Tanz für die professionellen Damen eine legitime künstlerische Ausdrucksform darstellte. Sie besetzte ihren Film dann auch mit echten Tänzerinnen, drehte in einem echten Stripclub und zwang die lüsternen männlichen Videotheken- oder Grindhousegänger, die für einen vermeintlichen Sexfim zahlten, sich mit einer Polizistin zu identifizieren sowie sich mit der weiblichen Sichtweise aufs Animiergeschäft und die eigene Rolle in der Verwertungskette auseinanderzusetzen. STRIPPED TO KILL liegt damit ganz auf der Linie von Corman-Produktionen wie CAGED HEAT oder THE STUDENT NURSES (den mit Stephanie Rothman ebenfalls eine Frau inszenierte), die potente gegenkulturelle Gesellschaftskritik im Adamskostüm der Triebbefriedigung verabreichten.

Der Film handelt von der Kriminalbeamtin Detektive Cody Sheehan (Kay Lenz), die gemeinsam mit ihrem Partner Heinemann (Greg Evigan) im Mordfall an einer Stripperin ermittelt. Der Partner schlägt ihr vor, sich selbst als Tänzerin auszugeben, um tiefer ins Milieu eintauchen zu können, das Vertrauen der Kolleginnen der Toten zu gewinnen, Kontakt zu den Kunden und damit vielleicht dem Täter zu bekommen. Cody willigt ein, tut sich zunächst schwer, geht dann aber auf in ihrem neuen Leben. Als ihr die Vorgesetzten und der Partner empfehlen, ihre Geheimidentität zum Selbstschutz aufzugeben, weigert sie sich, denn sie ist schon zu weit gegangen.

Die Zusammenfassung liest sich nicht nur wie eine weibliche Paraphrase auf William Friedkins CRUISING, der skandalumwitterte Copfilm dürfte eine der wichtigsten Inspirationsquellen für Katt Shea gewesen sein. Dennoch geht die Regisseurin (die zu Beginn der Neunzigerjahre u. a. mit einer Retrospektive im New Yorker MoMa geehrt wurde) eigene Wege. Zunächst einmal sind die dem Zeitgeist entsprechende Ausstattung und visuelle Gestaltung zu nennen. STRIPPED TO KILL suhlt sich nicht, wie Friedkin, im Dreck und in der Düsternis, vielmehr etabliert Shea zusammen mit ihrem DoP John LeBlanc einen hochstilisierten Neonlook und betont damit den traumhaften Charakter der Welt, die Cody betritt. Passend dazu arten auch ihre Striptänze im Verlauf des Films zu regelrechten Theaterperformances aus, die nicht mehr viel mit dem banalen „Stangentanz“ zu tun haben. Auf der Bühne kann sie alle ihre Gefühle und natürlich ihre Weiblichkeit zeigen und was ihr „draußen“ als Schwäche ausgelegt wird, wird hier zur Stärke. Kay Lenz ist keine Oscar-Preisträgerin, aber ihre Darbietung ist trotzdem wunderbar: Besonders gut hat mir ihre missglückte Premiere gefallen. Beim Amateur-Wttbewerb, der ihr die Anstellung bringt, tanzt sie zuerst schüchtern, unbeholfen und unsexy. Dann gelingt es ihr nicht, den Reißverschluss ihres Kleides zu öffnen. Nach einigem Zögern gibt sie sich einen Ruck und reißt sich das Kleid kurzerhand vom Leib, womit sie die Menge zum Johlen bringt. Als sie sich schließlich ihres BHs entledigt sieht man kurz die Freude über ihr Gesicht zucken: Sie genießt die Freiheit und die Reaktionen des Publikums, bevor wieder die konditionierte Scham einsetzt und sie sich erschrocken bedeckt und von der Bühne eilt. Lenz interpretiert ihre Polizistin als sensibel und verletztlich, Eigenschaften, die sie durch den Tanz nicht ablegt, sondern vielmehr als integralen Teil ihrer Persönlichkeit zu akzeptieren beginnt.

Demgegenüber steht ihr Partner Heineman für die leibgewonnenen Touch-Guy-Klischees des Actionkinos jeder Tage: Er gibt sich bei seiner Arbeit bevorzugt als Rocker aus, trägt seinen Viertagebart mit Nackenspoiler, hat zwei coole Ohrringe im Ohr und kleidet sich bevorzugt in wallende, wadenlange Mäntel, fingerlose Handschuhe mit Nietenarmbändern und Muskelshirts. Eine Art Running Gag des Films besteht darin, dass er seine Partnerin mit einem falschen Messer attackiert und sie darüber aufklärt, dass sie auf die Augen des Angreifers zu achten habe: Wissen, dass ihr in der finalen Konfrontation mit dem Mörder natürlich entscheidend zugute kommt. Wie es sich für einen solchen Film gehört, entwickelt Heineman einen Crash für Cody und während er sich betont cool gibt, leidet er in doppelter Hinsicht unter ihrem neuen Engagement. Zum einen, weil es ihn antörnt, sie nackt zu sehen, zum anderen aus Eifersucht. Er ist noch ganz in der Rolle des Beschützers gefangen, kann nicht akzeptieren, dass sie ihre eigenen Entscheidungen trifft. Im Finale wird er entsprechend schnell ausgeschaltet – leider greifen dann aber doch die üblichen Inszenierungsklischees und er muss in letzter Sekunde Auferstehung feiern, um sie doch noch zu retten. Trotzdem spürt man meines Erachtens, dass hier eine Frau am Werk war: Katt Shea bewegt sich zwar immer im Rahmen des Exploitationkinos, dessen Mechanismen sie nicht aushebeln kann und wahrscheinlich auch nicht will, aber sie bringt eine gewisse Weichheit mit ins Spiel. Das Miteinander der Tänzerinnen ist glaubwürdig und bei ihren Auftritten hat man nur selten das Gefühl, dass hier ausschließlich der male gaze bedient wird. Stattdessen stehen die Performances als Ganzes und ihre transformierende Wirkung für die Tänzerinnen im Mittelpunkt. STRIPPED TO KILL ist ein toller kleiner Thriller, der seinerzeit in der Flut ähnlich gelagerter Videopremieren unterging und hinter dem ich immer nur preiswert-austauschbaren Softerotik-Schund vermutet habe. Wie sehr man sich täuschen kann. In der BluRay-Edition des Films erstrahlt dieses Kleinod in seiner ganzen verlockenden Pracht.

 

 

„The film is ranked Number 45 in GamesRadar’s 50 Best Sex Comedies, a list including ANNIE HALL and THE GRADUATE, and in 2013 Complex magazine rated it Number 42 in their 50 Best Raunchy Teen Comedies, above several better known major studio films,“ schreibt die allwissende Wikipedia und enttarnt damit die Einschätzung, ich bespräche hier nur niederen Schund, als böse Unterstellung. Nun ja. Fakt ist zugegebenermaßen auch, dass der hauptberuflich als Pornoregisseur tätige Chuck Vincent PREPPIES ursprünglich für den Playboy-Channel produzierte, der Film dann aber, als solche juvenilen Sexkomödien plötzlich das große Geld an den Kinokassen machten, einen ganz regulären Kinostart erhielt. Seine „wahre“ Bestimmung erkennt man noch daran, dass da zahlreiche Profis in den entsprechend freizügigen Nebenrollen zu sehen sind und sich PREPPIES nicht lang bitten lässt: Der Film ist noch keine fünf Minuten alt, da kommt der geneigte Betrachter in den Genuss einer S&M-Einlage mit diversen barbusigen Schönheiten in Ledergeschirr. Way to Start!

Um kurz den Titel zu erläutern: Als „preppies“ bezeichnet der US-Amerikaner konservative Schnösel aus wohlhabendem Hause, die mit Lacoste-Polohemd in Pastellfarben und um die Schultern geschlungenem Pullover den Country Club oder den Campus des Ivy League Colleges unsicher machen, wobei „unsicher machen“ dem züchtigen Tun des gemeinen Preppies noch deutlich zu viel Ehre macht. Der Preppy hat immer seine Zukunft im Blick, die sich nicht zuletzt auf das Vermögen der Eltern gründet, in deren Fußstapfen er treten und mit denen er es sich deshalb keinesfalls verscherzen will. Es handelt sich beim Begriff um eine Klassenzuschreibung, die sich so nur schwierig ins Deutsche übersetzen lässt: Weder „Popper“ noch „Schickimicki“ trifft es, wenngleich ich meine, in den ekligen BWL- und Jurastudenten, die man bei Wahlveranstaltungen der FDP zu sehen bekommt, deutsche Wesensverwandte des Preppies erkennen zu können. Für die abgebildete Gattung ist PREPPIES ungefähr das, was REVENGE OF THE NERDS für die Nerds war: Wer vorher nicht wusste, was der Begriff bezeichnet, der weiß es danach.

Der Film kreist um die drei Preppies Robert (Dennis Drake), Bayard (Steven Holt) und Marc (Peter Brady Reardon), für die aufgrund schulischer Versäumnisse das letzte Stündlein zu schlagen droht: Wenn sie durch die in wenigen Tagen anstehende Prüfung rasseln, werden sie von dem renommierten College geschmissen, auf dem ihre Väter einst ihre ersten Karriereschritte machten – und das Vermögen, das Robert erben soll, fällt dann seinem fiesen Cousin Blackwell (Leonard Haas) zu. Büffeln ist also angesagt, doch das will Blackwell natürlich verhindern: Er setzt die losen Mädels Roxanne (Nitchie Barrett), Jo (Cindy Manion), Tip (Katie Stelletello) und Suzy (Jo-Ann Marshall) auf die drei Preppies an, damit diese sie von ihren Büchern ablenken …

PREPPIES hat nur wenig echte elaborierte Gags, aber er kann sich ganz auf die wunderbaren Darbietungen seiner Darsteller und ihre grandiosen line readings sowie auf seine pointierten Dialoge und diverse schräge Ideen verlassen. Die drei Streber sind einfach zum Schießen in ihrem Dilemma, die ruhmreiche Anwaltskarriere auf der einen, Sex mit lüsternen Weibern auf der anderen Seite. Sie sind zu bedauern, denn gegen die Raffinesse und die körperlichen Reize der erfahrenen Aufreißerinnen haben sie eigentlich nicht den Hauch einer Chance – wenn da nicht Margot (Katt Shea) wäre, Roberts strenge und humorlose Preppy-Freundin. Gemeinsam mit der dümmlichen Trini (Lynda Wiesmeier), Marcs Perle, nimmt sie den Kampf gegen die losen Schlampen auf, was dann in einer wahnsinnige Sex-Lehrstunde für die völlig unerfahrene Trini kulminiert: In Trockenübungen, mit kreisendem Becken, rudernden Armen und lautem Stöhnen, erläutert Margot der Ahnungslosen, was diese während des Schäferstündchens zu tun hat. Katt Shea ist die eigentliche Entdeckung des Films, absolut perfekt als die hochgeschlossene, verbissene Margot, bei der schon die Wahl ihres Liebhabers eine bedeutende Karriereentscheidung ist. (Sehr vielsagend ist die „Sexszene“, die sie mit ihrem Lover hat und bei der sie ihn hinter der Scheibe einer Terrassentür platziert, durch die er sie dann „anfassen“ darf. Wahnsinn!) Shea sollte später selbst einige Filme inszenieren – STRIPPED TO KILL, STRIPPED TO KILL 2, STREETS und den relativ bekannten POSION IVY mit Drew Barrymore als junger femme fatale – und sogar eine Retrospektive am New Yorker MoMa erhalten, bevor sie sich aus dem Geschäft zurückzog. Toll ist auch Cindy Manion als augenrollende blonde Versuchung Jo: Als die Mädels mit ihren Opfern einen Joint auf dem Herrenklo durchziehen gerät sie angesichts des Pissegeruchs und der Vorstellung, dass sich Männer am Urinal auf die Finger pinkeln, in Wallung. Super ist aber auch die Szene, in der sich Roxanne unter Vorspiegelung falscher Tatsachen Zugang zu Roberts Elternhaus verschafft – sie behauptet einfach, eine Freundin von „Archibald“ zu sein – und den fassungslosen Jungs dann einen Pornofilm um eine Gurkenfarm vorführt. Mein Favorit unter den Preppies ist Marc, der von Reardon als ständig unter sexuellem Druck stehender Jammerlappen interpretiert wird. Einmal verdingt er sich als Lustspender für seine Freunde: Während er in schwüler Rhetorik vom heißen Sexabenteuer spricht, den er uns seine Kumpels nicht hatten, sieht man, wie da langsam aber sicher drei Zelte unter den Bettdecken errichtet werden. Leider trat Reardon nie mehr in Erscheinung: PREPPIES ist sein einziger Film geblieben.

PREPPIES erschien in Deutschland unter dem Titel PREPPIES – DIE SCHRILLEN 3 VOM COLLEGE bei Toppic auf Video, dürfte hier aber kaum zur Kenntnis genommen worden sein. Ich hatte noch nie von ihm gehört, bevor ich im wunderbaren Schmöker „Teen Movie Hell“ von ihm las. Umso schöner, ihn jetzt unter einem Stein im Wald entdeckt zu haben. Der Film lässt vielleicht die attraktiven Settings, spektakulären Set-Pieces und den Hit-Soundtrack anderer, populärerer Teeniekomödien jener Zeit vermissen, aber er beweist Inspiration, Herz und hier und da gar unerwartete sophistication. Für seine Darsteller war er dennoch eine Sackgasse: Kaum einer von ihnen trat danach noch groß in Erscheinung. Mit Ausnahme der weiter oben erwähnten Profis, für die PREPPIES eine schöne Abwechslung gewesen sein dürfte.

Der Freier (Eb Lottimer) des 16-jährigen Straßenmädchens Dawn (Christina Applegate) entpuppt sich als Psychopath. In letzter Sekunde wird sie vom jungen Sy (David Mendenhall) gerettet, der sich in L.A. als Musiker verdingen will. Die beiden kommen sich infolgedessen näher und der aus behüteten Verhältnissen stammende Sy erhält Einblick wie es auch sein könnte: Dawn wurde von ihrer Mutter, einer Prostituierten, sitzengelassen und lebt nun mit zahlreichen anderen jugendlichen Obdachlosen in einem Abwasserkanal. Die einzige Aufheiterung ist der Fix, für den sie ihr weniges Geld ausgibt. Aber auch für dieses Leben lohnt es sich zu kämpfen: Denn der Killer vom Anfang will seine Niederlage nicht so auf sich sitzen lassen. Und dass er ein Polizist ist, macht es nicht einfacher …

STREETS, auf den ersten Blick ein Nachfolger eher exploitativer Babystrich-Filme wie ANGEL, entpuppt sich auf den zweiten als durchaus ernstes, gut gespieltes Drama. Christina Applegate und David Mendenhall – Stallones Sohn aus OVER THE TOP – geben ein sympathisches ungleiches Pärchen ab, die gleichzeitig sonnendurchfluteten wie tristen Bilder von Venice Beach bieten eine stimmungsvolle Kulisse für den Blick auf die Schattenseiten der kalifornischen Metropole. Zwar bleibt STREETS etwas zu konventionell und brav, um wirklich zu schockieren oder zu bewegen, dennoch sind seine Bemühungen aller Ehren wert. Die potenzielle Wirkung der Corman-Produktion wird in erster Linie durch den reichlich generischen Serienmörder-Subplot gemindert: Zwar liefert der einige heftige Bilder und Effekte – die Erschießung einer in eine Mülltonne gesteckten Elfjährigen etwa –, aber er rückt den sehr aufrichtigen Film (nie gleitet er in den Sleaze ab, in dem vergleichbare Prostitutionsdramen so gern aufhalten) auch unweigerlich in Richtung Kintopp. Man kennt das aus unzähligen anderen Werken: die Parallelmontagen nichts Böses ahnender Opfer und des ihnen immer näher kommenden Killers, die Morde an den Freunden, denen der Schurke die Hinweise auf den Verbleib der Gesuchten abringt, die Trennung der Protagonisten just in dem Moment, in dem sie ihre gegenseitige Unterstützung am meisten brauchen, dann schließlich ihre Wiedervereinigung und der Triumph über den Widersacher. Das ist, wie gesagt, immer sauber gemacht – auch wenn die Tatsache, dasss der Killer Polizist ist, den Film kein Stück weiterbringt –, lenkt aber eben auch von den interessanteren, gewichtigeren Aspekten des Films ab. Dass das Herz dennoch auf dem rechten Fleck sitzt, das Schicksal Dawns nicht bloß den sensationalistischen Stoff für zynische Zuschauermanipulation bietet, beweist das tolle, traurige Ende, das dem Friede-Freude-Eierkuchen und der Gefühlsduselei, das etwa Fernsehproduktionen auszeichnet, die sich dieses Themas annehmen, eine saftige Absage und STREETS mit seinem Schlussbild im Gedächtnis verankert.

Kann man gucken.

Am Tag der Hochzeit zwischen der schönen Amethea (Lana Clarkson) und dem blonden Engel Argan (Frank Zagarino) wird das idyllische Dörfchen der beiden vom bösen König Zohar (Tony Middleton) und seinen Schergen überfallen, der blonde Argon und einige weitere Bewohner in die Stadt verschleppt, wo sie in Gladiatorenkämpfen verheizt werden sollen. Amethea schart ihre Freundinnen um sich, die sich gerade noch verstecken konnten, und macht sich mit ihnen auf den Weg, um ihren Argon zu befreien. Ein paar Rebellen, die Zohar loswerden wollen, helfen den Mädels …

BARBARIAN QUEEN ist der mit einigem Abstand debilste Film, den ich in letzter Zeit gesehen habe und das will angesichts solch illustrer Konkurrenz wie THE HORROR OF PARTY BEACH, THE TERROR WITHIN, DON’T GO NEAR THE PARK, EVILS OF THE NIGHT, THE DARK POWER oder ALIEN OUTLAW schon was heißen. Ich habe dann auch vom Plot nicht allzu viel mitbekommen, weil ich vom unfassbaren Dekor des Films schlicht weggeblasen wurde. Aber eins nach dem anderen: Der Film beginnt mit einer Einstellung der blümchenpflückenden Schwester Ametheas, Taramis (Dawn Dunlap), der von zwei Bösewichtern sogleich mal beherzt an die Milchtheke gelangt und dann Schlimmeres angetan wird. Schnitt zum Barbarendorf, das ein wenig an das Insel-Setting aus dem Spencer/Hill-Film CHI TROVA UN AMICO, TROVA UN TRESORO erinnert und in dem sich auch die Schlümpfe unter Garantie pudelwohl fühlen würden. Die gut gelaunten Wilden tragen fesche Wildlederlendenschurze mit topmodischen Fellapplikationen und Stirnbändern, die nicht nur erkennen lassen, dass der vermeintlich den Achtzigerjahren zuzuordnende Aerobic-Trend bereits in einem Land weit vor unserer Zeit florierte, sondern auch, dass der Barbarenlook, den uns Filme wie CONAN, THE BARBARIAN als „authentisch“ verkaufen wollten, niemals existierte. Schon damals legte man nämlich großen Wert auf ein gepflegtes Äußeres und wusste in der Mode verschiedenste kulturelle Einflüsse miteinander zu einem einzigartigen Look zu verquicken.  

Die Barabarenqueen von Welt war modebewusst und verfügte über ein angeborenes Talent für Styling und einen untrüglichen Instinkt für die heißesten Styles. Amethea, Estrild (Katt Shea), Taramis und Tiniara (Susana Traverso) sind in jeder Lebenslage perfekt angezogen und verfügen über alle nötigen Basics, um auch beim Übergang von subtropischen in gemäßigte Zonen mit nur wenigen Handgriffen ihr Outfit anzupassen. Kein Wunder, denn ihr Stamm, das sieht man schon auf den ersten, oberflächlichen Blick, scheint zu ahnen, dass Sauberkeit und Ordnung die wichtigsten Tugenden auf dem Weg zur Zivilisation sind. Der Sand, auf dem ihre perfekt lotrecht erbauten Basthütten stehen, ist fein geharkt, appetitlich auf einer Picknickdecke drapierte Früchte laden zu einem Picknick im Sonnenschein ein und sattgrüne Palmwedel schmücken das Haus der zukünftigen Braut, die in der Betonbadewanne (!), die in ihrer kleinen Hütte steht (!!!) noch flugs ein Schaumbad nimmt (!!!), damit sie porentief rein ist, wenn sie ihren Argan in die Arme schließt. Wie viel den Damen Reinlichkeit bedeutet, wird spätestens klar, wenn Ametheas Gesicht von der beschwerlichen Reise verschmutzt ist und Estrild ein geistesgegenwärtig hervorgeholtes Taschentuch mit Speichel befeuchtet, um die Barbarian Queen zu säubern (I’m not making this shit up!). Die Filmwissenschaft ist sich einig, dass dieser Reinlichkeitssinn pathologische Züge trägt, die auf eine tief sitzende Tramatisierung hindeuten: Olivera setzt das in der genannten Taschentuchszene dadurch ins Bild, dass beide Damen an einem Fluss stehen, sich jedoch erst mit ihrer eigenen Spucke säubern, bevor sie sich zum Wasser hinunterbeugen. Ein gespaltenes Verhältnis zu Körperflüssigkeiten haben sie also immerhin nicht, was ihnen noch zugute kommen soll. In der Stadt des bösen Zohar angekommen, verkleiden sich die drei als züchtige Zofen und werden beim Versuch, in des Königs Burg zu gelangen, festgenommen. Amethea landet in der Folterkammer, wo ihr der derangierte Folterknecht mit seiner Erfindung – einem von der Decke hängenden Eisenarm (?) – so lange an den Nippeln herumspielt, bis sie es kaum noch aushalten kann. Beherzt nimmt er sie noch an Ort und Stelle, hat jedoch nicht mit der Schließmuskelkraft der Dame gerechnet, die ihm in einem Akt des Willens erst den Schniepel abklemmt und ihn dann in das bereitstehende Säurebecken schubst.  

Ich habe jetzt ehrlich gesagt vergessen, wie der Film weiter- und ausgeht. Aber solche inhaltlichen Details – so viel sollte nach meiner kleinen Beschreibung klar geworden sein – sind für den Genuss dieses beknackten Films völlig unerheblich. Wer vier wie aus dem Ei gepellten Bimbos dabei zusehen möchte, wie sie als tapfere Kriegerinnen durchzugehen versuchen, ist bei BARBARIAN QUEEN am Ziel seiner feuchten Träume angelangt. Vor allem für Frauen, die die Schnauze voll haben von SEX & THE CITY und sich nach etwas mehr Fantastik sehnen, ohne dabei auf Mode und Styling verzichten zu wollen, ist dieser Film gemacht. Oder für Mädchen, die insgeheim von einer Barbaren-Barbie träumen, die sie nach Herzenslust kämmen, schminken und in die neueste Wildledermode hüllen können, auf dass sie vom Barbaren-Ken hemmungslos durchgeorgelt wird. Beiden Zielgruppen dürfte auch die Spielzeit des Films zusagen: Nach 69 Minuten beginnen die Credits zu rollen, sodass noch genug Zeit für eine ausgedehnte Shoppingtour bleibt, die nach der Vielzahl erhaltener modischer Anregungen auch unerlässlich ist. Oh, ein lustiger Dialog fällt mir noch ein: Estrild hält eine soeben durch Folter verstorbene Rebellin im Arm und weint bitterlich: „I gave her water!“ Amethea (röstend): „You did what you could.“ Das reicht, im Gegensatz zu einem Film wie BARBARIAN QUEEN, nicht immer.