Mit ‘Kelly McGillis’ getaggte Beiträge

George Herman Ruth, genannt „Babe“, ist wahrscheinlich der legendärste und ikonischste des an Legenden und Ikonen nicht gerade armen Baseballsports. Er war einer der ersten fünf Spieler, die im Gründungsjahr 1936 in die „Hall of Fame“ berufen wurden, stellte in seiner 21 Jahre währenden Karriere zahlreiche Rekorde auf – u. a. die meisten Homeruns (714), RBIs (2.213) und Walks (2.062) -, die teilweise über Jahrzehnte Bestand hatten oder noch heute haben, veränderte die Art und Weise, wie das Spiel gespielt wurde und verschaffte dem Sport einen erheblichen Popularitätsschub. Um seine Figur ranken sich zahlreiche Mythen und Legenden, dadurch begünstigt, dass es nur wenige Originalaufnahmen von ihm gibt und viele Anekdoten durch mündliche Überlieferung stark verzerrt wurden. Aber er lud durch seine Biografie, seine Gestalt und seine Errungenschaften auch dazu ein, ihn zu einer real existierenden Märchengestalt zu machen. Für einen Sport, der seit jeher von einem Drang zur Mythologisierung lebt, war er gewissermaßen wie geschaffen: Hätte es ihn nicht gegeben, man hätte ihn erfinden müssen. Und das Ergebnis hätte sich vom „echten“ Biopic, den Arthur Hille 1992 inszenierte, wahrscheinlich nicht wesentlich unterschieden. Was auch verdeutlicht, was das Problem von THE BABE ist: Für eine ernstzunehmende „Biografie“ nimmt er sich ein paar Freiheiten zu viel, verkürzt einen komplexen Charakter zu sehr auf küchenpsychologische Binsenweisheiten und übertreibt es mit der Überhöhung seiner unzweifelhaft großen sportlichen Leistungen, als auf wahren Begebenheiten basierendes Märchen geht er wiederum nicht weit genug, bleibt zu sehr den vermeintlichen Fakten verpflichtet und gaukelt Faktizität vor, wo er tatsächlich reines Seemannsgarn spinnt. Barry Levinsons fantastischer THE NATURAL, der eine sehr ähnliche Geschichte erzählt, ist da viel befriedigender und erhabener, weil er sich eben gar nicht erst mit der Realität aufhalten muss.

Hiller erzählt seine Geschichte entlang der wichtigsten Lebens- und Karrierestationen seines Helden und befeuert dabei das Bild des unkontrollierbaren Kindmannes mit dem überirdischen Talent: Ruths Vater liefert den Jungen mit den Worten, er sei „incorrigible“ in der St. Mary’s Industrial School for Boys ab, einem Bostoner Erziehungsheim und Waisenhaus. Hier wird er vom Geistlichen Bruder Matthias (James Cromwell) entdeckt und an die Baltimore Orioles abgegeben, die ihn schließlich an die Boston Red Sox verkaufen, wo die fulminante Karriere beginnt. Die Ablehnung durch den Vater und der Vorwurf der Unkorrigierbarkeit schweben während des Films als eine Art Prophezeiung über dem Protagonisten: Babe Ruth ist unfähig, seinen mitunter selbstzerstörerischen Impulsen Einhalt zu gebieten, ob das nun sein maßloser Appetit nach Essen, Alkohol oder Partys oder seine Vielweiberei ist, gleichzeitig ist er angewiesen auf die Zuneigung und Liebe der Menschen um ihn herum. Das Publikum verzeiht ihm seine Eskapaden, weil er sie auf dem Sportplatz begeistert und nebenbei ein Wohltäter mit einem großen Herz für Kinder ist, die schwindende Geduld seiner ersten Gattin Helen (Trini Alvarado) versucht er sich durch teure Geschenke zurückzukaufen – mit abnehmendem Erfolg. Die Trauer über die Scheidung und den wenig später erfolgenden Unfalltod Helens stürzen den Mann in eine Krise, aus der er sich nicht mehr wirklich befreien kann. Hinzu kommt der Preis, den er für seinen ausschweifenden Lebensstil unweigerlich bezahlen muss. THE BABE endet mit dem freiwilligen Abgang Ruths nach einem Spiel, in dem er drei Homeruns geschlagen (und – als Vorbote der Krankheit, die ihm zehn Jahre später das Leben kosten wird – Blut gespuckt) hat.

Hillers Film ist – das schicke ich jetzt vorweg, damit ich es nicht vergesse – ganz amüsant, auch wenn seine Formelhaftigkeit (typisches Merkmal von Biopics, einem der wohl konservativsten und unflexibelsten Genres überhaupt) heute noch mehr ins Auge springt als vor gut 25 Jahren: THE BABE ist geradezu schmerzhaft melodramatisch und fühlt sich nie wirklich echt an. Das beginnt schon bei Goodmans Perücke und den rot geschminkten Wangen, die den damals Vierzigjährigen (der für die Rolle abnehmen musste) beim besten Willen nicht zum jungen Mann machen. Hinzu kommen die zahlreichen Ungenauigkeiten und dichterischen Freiheiten, deren Sinn und Zweck sich nicht immer erschließt, die in ihrer Formelhaftigkeit manchmal regelrecht lieblos wirken – das bei einem Film, der doch eine einzige Liebeserklärung sein will. Dabei war Ruths Karriere so reich an Rekorden, Anekdoten und Ereignissen, dass es einer solchen Überhöhung eigentlich gar nicht bedurft hätte: Der Mann war ein erfolgreicher Pitcher (was der Film fast gänzlich ausblendet), bevor er dann zu einem der besten Batter der Geschichte wurde, über seine 20-jährige Karriere Rekord und Rekord aufstellte und selbst überbot. Richtig ärgerlich wird es, wenn da Regeln erfunden werden, die es nicht gab, nur um die eigene Interpretation der Figur zu stützen. Wie gesagt, sind solche Kniffe für das Genre nicht ungewöhnlich, aber THE BABE ist vollkommen überfrachtet mit solchen Momenten. So wird dem Mann u. a. der erste Homerun-in-the-park angedichtet (das ist ein Homerun, der nicht aus dem Feld geschlagen, sondern nur „erlaufen“ wird): Im Film sieht das so aus, dass Ruth den Ball so hoch schlägt, dass die Feldspieler ihn nicht mehr sehen können und er erst zu Boden fällt, als der Spieler die Bases schon umrundet hat. Nicht nur gab es diesen Schlag in Ruths Karriere nie, tatsächlich ist es auch so, dass in den Anfangstagen des Baseballsports nahezu alle Homeruns „in the Field“ erzielt wurden, da die Feldabmessungen noch deutlich größer waren. Einem todkranken Jungen verspricht er nicht nur – wie historisch verbrieft – einen Homerun, sondern gleich zwei. Ebenfalls völlig überzogen sind die Körpermaße des Sportlers, der hier von Anfang an als unsportlicher Dickwanst gezeichnet wird, obwohl er zu seinen Hochzeiten über eine recht normale Figur verfügte. Und natürlich beendete er seine Karriere auch nicht nach einem Spiel mit drei Homeruns. Alle diese Freiheiten, die sich der Film mit dem Ziel erlaubt, die Überlebensgröße seines Protagonisten darzustellen, erreichen eher die gegenteilige Wirkung: Weil Hiller alles dem größtmöglichen dramaturgischen Effekt unterwirft, wirkt sein Film selbst auf Menschen, die sich nur am Rande mit Babe Ruth beschäftigt haben, daherfabuliert, durchschaubar in seinen Tricks und schlicht gelogen.

Dabei findet THE BABE nie zu einer echten Haltung zu seinem Helden. Betrachtet er ihn als begnadeten Ausnahmesportler, der erst durch seine psychische Disposition zu dem werden konnte, der er war? Hält er ihn für ein Frankenstein’sches Monster, mit dem man eigentlich Mitleid haben musste? Waren seine Entgleisung vielleicht doch einfach unverzeihlich? Man muss gewiss nicht unbedingt zu einem eindeutigen Fazit kommen: Ein Mensch ist keine mathematisch Gleichung. Aber man sollte doch versuchen, die einzelnen Facetten dieser Persönlichkeit mit einer gewissen Objektivität beleuchten. Die seltsame Schizophrenie des Filmes, der sich zwar nie ganz dazu durchringen kann, einfach nur schönfärberisches Heldenepos zu sein, aber sich seine tolle Geschichte auch nicht durch die oft bitteren Fakten kaputtmachen lassen will, kommt am besten in einer Szene zum Ausdruck, in der sich Babe Ruth zum ersten Mal bei seiner verprellten Gattin entschuldigen will. Sie hat ihn nach seinem Wechsel nach New York verlassen, weil er die gemeinsame Wohnung in einen Nachtclub verwandelt hat, und er will sie mal wieder mit einem teuren Geschenk zurückholen. Aber diesmal kauft er ihr keine Geschmeide und auch keinen Bauernhof: Nein, er hat ein Baby für sie adoptiert. Die Szene offenbart das zerrüttete Seelenleben Ruths, für den ein kleiner Mensch nicht mehr ist als ein teures Geschenk, mit dem glaubt, seine. Verfehlungen vergessen machen zu können, und zunächst inszeniert Hiller diese Szene auch so: als grausam fehlgeleitet, als Zeugnis seiner emotionalen Verarmung. Aber dann weicht die Entgeisterung Helens doch der tränenreichen Freude über das Geschenk und der bittere Beigeschmack wird mit zentimeterdicker Schmiere und dysfunktionalem Familienglück übertüncht. Die Szene ist so verstörend in ihrer Verleugnung, dass sie den Film als Ganzes überschattet.

 

Ti Wests THE HOUSE OF THE DEVIL gehört zu den zehn besten Horrorfilmen der vergangenen zehn, wenn nicht gar zwanzig Jahre. Mitten hinein in eine Welle mit abgegriffenen CGI-Schockeffekten zugekleisterter oder sich in fehlgeleiteter Ehrerbietung für vergangene Genregroßtaten ergehender Horrorfilme platzte sein Ultra-Low-Budget-Okkult-Schocker und entdeckte die ultradoomslowe Langsamkeit, die noch der beste Nährboden für prickelnde Gänsehaut und aufgerichtete Nackenhaare ist. Hier und nur hier zeigte sich, was die so oft gefeierten Exploiter der Siebzigerjahre wirklich auszeichnete: nicht grelle Charaktere und Gimmicks, sondern eben diese kriechende Langsamkeit, die die Nerven der Zuschauer so weit dehnt, bis sie tatsächlich zum Zerreißen gespannt sind – und jeder Schock einen echten Kollaps auslöst. Es gibt ein britisches Sprichwort, das besagt: „The chase is better than the catch.“ Auf THE HOUSE OF THE DEVIL übertragen bedeutet das: Das Warten ist spannender als die Entladung. THE INNKEEPERS, Ti Wests neuer Genrebeitrag zeigt zum einen, dass der Vorgänger keine Eintagsfliege war, der Regisseur das Spiel mit der Erwartung und dem endlosen Herauszögern vielleicht so gut beherrscht wie derzeit kein zweiter. Zum anderen wird aber auch deutlich, dass Ti West kein Interesse daran hat, sein Dasein als Retrofilmer und Dienstleister für Seventies-Aficionados zu fristen: THE INNKEEPERS vollzieht den Schritt zum großen, publikumsträchtigen Mainstreamkino, ohne sich dabei korrumpieren zu lassen. Vielleicht kann man ihn ein wenig mit THE FRIGHTENERS vergleichen, mit dem sich Jackson vor 15 Jahren als kommender Hitlieferant empfahl. So sehr ich die Rohheit von THE HOUSE OF THE DEVIL vermisst habe: Ti Wests neuer Film ist erstklassig.

Claire (Sara Paxton), eine asthmatische Mittzwanzigerin ohne echtes Ziel, und Luke (Pat Healy), ein hoffnungsloser Slacker mit Faible für Paranormales und eigener Website, teilen sich die Schichten an der Rezeption des altehrwürdigen „Yankee Pedlar Inn“, das in einer knappen Woche für immer die Pforten schließen wird. Der schleppende Betrieb im Haus – nur zwei Gäste haben sich dort eingemietet – lässt beiden viel Zeit für Dosenbier, lange Gespräche und die Suche nach dem hauseigenen Geist. Vor allem Claire nimmt die Forschungen immer ernster, will unbedingt Kontakt aufnehmen. Doch mit ihrem Enthusiasmus bringt sie sich in Lebensgefahr …

Mit Robert Wise‘ THE HAUNTING vollzog sich im Geisterfilm ein Wandel: Der Spuk stand danach immer im Verdacht, sich nur in den Köpfen der Betrachter abzuspielen. THE INNKEEPERS scheint zunächst den Weg so vieler Geisterfilme der letzten Jahre zu gehen: Mit Kamera, Mikro und Aufnahmegerät prüfen Claire und Luke das Haus auf Herz und Nieren und immer, wenn man eines ihrer Videos ansichtig wird, fühlt man sich wie in einem Found-Footage-Film. Doch die typischen shocks and scares, die man etwa aus PARANORMAL ACTIVITY kennt, stellen sich nicht ein. Während man den beiden sympathischen Verlierern bei der Arbeit zusieht, gerät fast ein wenig in Vergessenheit, dass THE INNKEEPERS doch ein Horrorfilm ist. Fast. Denn mit zunehmender Wartezeit steigt auch die Gewissheit, dass bald etwas passieren muss. Ti West führt den Zuschauer so mit schlafwandlerischer Sicherheit auf jenen schmalen Grat zwischen Erwartung und Furcht, den man auch Angstlust nennt.

Wenn ich oben den Vergleich zu THE HAUNTING zog, so hinkt der doch unübersehbar. Wo Wise sehr deutlich das Erkenntnisinteresse seiner psychisch labilen Charaktere ins Zentrum rückt und so verdeutlichte, dass der Spuk Produkt ihrer überspannten Fantasie ist, erzählt West seine Geschichte sehr straight und ohne sich offen für eine der beiden Möglichkeiten – echter Spuk oder Einbildung – zu entscheiden. Das ist eine kaum zu unterschätzende Willensleistung Wests, der nie dem Reiz der Effekthascherei verfällt, und dem es auch ohne Hokuspokus gelingt, die Spannung in ungeahnte Höhen zu treiben: etwa in der versuchten Geisterbeschwörung Claires, bei der sich Luke zusammen mit dem Zuschauer in ein bibberndes Nervenbündel verwandelt. THE INNKEEPERS hält seine Offenheit bis zum Schluss. Das macht ihn so stark, verleiht ihm nachhaltige Wirkung und große emotionale Durchschlagskraft. Die ganze Tragweite des Dramas, das sich in dem ausgedienten Hotel abspielt, eröffnet sich dem Zuschauer eigentlich erst, wenn der Film längst vorbei ist.

Auch wenn THE INNKEEPERS auf den ersten Blick etwas stromlinienförmiger erscheint als THE HOUSE OF THE DEVIL: Der Film ist ein kleiner Triumph. Wunderbar geschrieben, gut gespielt, mit untrüglichem Gespür für Timing inszeniert – ganz groß, wie West den einen obligatorischen romantischen Moment buchstäblich auflöst! – und dabei auf gänzlich unaufdringliche Art doppelbödig. Ti West ist der derzeit beste (neue) Regisseur im Horrorgenre.