Mit ‘Ken Wahl’ getaggte Beiträge

Selten, aber immer wieder toll: Wenn man unerwartet über einen Film stolpert, den man mal sehr mochte, aber seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen hat. Unter dem Titel PANISCHE FLUCHT lief RUNNING SCARED irgendwann in den mittleren Achtzigerjahren mal im Fernsehen, wo ihn meine Eltern auf VHS aufzeichneten. In meiner Erinnerung habe ich ihn dann etliche Male gesehen (vielleicht auch ein Irrtum, denn beim unverhofften Wiedersehen gestern konnte ich mich kaum noch an Details erinnern), weil mich die reizvolle Mischung aus (jugendfreier) Action, dem kernigen Ken Wahl, dem lustigen Judge Reinhold und natürlich dem Setting der floridianischen Everglades wahnsinnig beeindruckt hat. So ist mir RUNNING SCARED zwar nicht unbedingt lebhaft in Erinnerung geblieben, aber doch immer mal wieder eingefallen. Zuletzt hatte ich häufiger die Idee, ihm mal hinterherzurecherchieren, aber das habe ich dann doch immer wieder vergessen. Man mag sich meine Freude vorstellen, als ich ihn jetzt im Wald unter Steinen wiederfand, ganz unverhofft und neugierig darauf, ihn nach über 30 Jahren wiederzusehen.

Kurz zur Handlung: Die jungen Rekruten Chas (Ken Wahl) und Leroy (Judge Reinhold) werden aus dem Wehrdienst in Panama entlassen und fliegen vorfreudig in einer militärischen Transportmaschine zurück nach Hause. Leroy hat eine Kiste mitgehen lassen, in der sich u. a. eine M-16, aber auch eine Kamera mit Nachtsichtgerät befinden. Aus Spaß macht er während des Fluges ein Foto einer geheimen Militärbasis, das ihm und seinem Kumpel schließlich zum Verhängnis wird. Denn als das Bild nach Landung des Flugzeugs gefunden wird, vermutet der CIA-Agent Jaeger (Bradford Dillman), dass russische Spione an Bord waren, und setzt Munoz (John Saxon) und seine Schergen auf die beiden jungen Männer an, die nun unerwartet zu Gejagten werden …

Für die ganz große Begeisterung hat es bei der Neusichtung nicht gereicht, aber RUNNING SCARED ist durchaus gefällig: Er ist von Glickler ohne große Längen oder unangemessene Ambitionen inszeniert, schwungvoll, temporeich und unterhaltsam, charmant besetzt und einfach schön anzusehen. Florida erweist sich immer wieder als schöne Kulisse, die Kameramann Willy Kurant, ein ehemaliger Weggefährte von niemand geringerem als Jean-Luc Godard – neben dessen MASCULIN FÉMININ lichtete er u. a. JACKSON COUNTY JAIL, THE INCREDIBLE MELTING MAN und den schönen TUFF TURF ab – in seiner ganzen tropengrün-himmelblauen Pracht einfängt. Ken Wahl, der seine Karriere nach nur etwas mehr als zehn Jahren beendete, finde ich immer wieder sehr charmant, ebenso wie Judge Reinhold, dessen typische weißbrotige Gutgelauntheit hier mit subtilen Andeutungen sehr effektiv unterschnitten wird: Seine sorglos-leichtsinnige Art nimmt beinahe suizidale Formen an und man merkt dem Charakter an, dass er einigen psychischen Ballast mit sich herumschleppt, der sich zur handfesten Gefahr für seine Mitmenschen erweist. Was dem Film hingegen nicht so gut tut, sind die Verkürzungen, die er sich bei der Zeichnung seiner Schurken erlaubt. Der Glaubwürdigkeit der Ausgangssituation wird durch deren nachlässige Charakterisierung, die zum Ende hin die Grenze zur Komödie überschreitet, jedenfalls erheblich konterkariert. Dass zwei junge Leute wegen einer Unbedachtheit ins Lebensgefahr geraten, kann man sich gut vorstellen, dass sich Geheimdienstbeamte anschließend allerdings so dämlich und unprofessionell verhalten wie Jaeger und seine Leute hingegen nicht. Da wurde eine Chance vertan. Letztlich hat das auf den Gesamteindruck keinen allzu großen Einfluss: RUNNING SCARED ist ein schöner, kleiner Filme, den man gucken kann, aber nicht sehen muss. Ich bin trotzdem froh, noch einmal die Gelegenheit gehabt zu haben.

 

Mit einem im Nahen Osten deponierten Sprengsatz bedrohen russische Terroristen die westliche Welt: Sollte ihren Geldwünschen nicht entsprochen werden, so werden 50 % des Ölvorkommens in Flammen aufgehen und die Weltwirtschaft in eine tiefe Krise geschleudert, die – so befürchten die Verantwortlichen in den USA und Israel – letztlich eine Dominanz des Kommunismus nach sich ziehen würde. Der CIA setzt seinen besten Mann – Codename: „The Soldier“ (Ken Wahl) – auf die Sache an. Doch der sieht sich bald selbst zwischen den Fronten, nachdem sein Vorgesetzter und mit ihm der einzige, der von seinem Einsatz wusste, einem Anschlag zum Opfer fällt. Um sich seiner Haut zu wehren, bleibt ihm nur, selbst in die Offensive zu gehen. Mit den Kumpels seiner Einheit und den Kollegen vom Mossad plant er den Gegenschlag …

soldier[1]Nach dem ultradüsteren, ultrabrutalen Nihilokracher THE EXTERMINATOR begibt sich Glickenhaus mit THE SOLDIER auf das Terrain des unterkühlten Spionagethrillers, wie er vor allem in den Siebzigerjahren geprägt worden war und als existenzialistische Wendung der bonbonbunten Agentenfilme verstanden werden kann, die im Fahrwasser des Erfolgs der Bondserie in den Sechzigerjahren reüssierten. Der düstere Agentenfilm betonte die Undurchdringlichkeit des Geheimdienstgeflechts und stellte nicht nur die Möglichkeit eines Triumphs der „Guten“ infrage, sondern die Existenz solcher Kriterien wie „Gut“ und „Böse“ überhaupt. Der Agent ist nicht mehr der weltgewandte und souveräne Spurenleser und Decodierer, sondern hoffnungslos auf (s)eine unsouveräne Perspektive zurückgeworfen, zum Reagieren statt zum Agieren verdammt. THE SOLDIER ist als Kind dieser Entwicklung zu betrachten: Schon die Creditsequenz, die zum rein percussiven, nackt und abstrakt wirkenden Score von Tangerine Dream das Star Spangled Banner und die Flagge der UdSSR, Begriffe wie „Democracy“ und „Communism“, Stopp- und Durchfahrt-verboten-Schilder sowie Fotografien verschiedener politischer Akteure und Ereignisse kontrastierend gegenüberstellt, macht deutlich, dass wir uns im Folgenden nicht mehr in einer Welt der Dinge, sondern nur noch in einer Welt der Repräsentanten bewegen. Alles ist Zeichen, nichts mehr „an sich“: Die Frau mit dem Kinderwagen, die direkt zu Beginn über den Haufen gefahren wird, ist eine bewaffnete Terroristin, die harmlos am Straßenrand stehenden Passanten ihre Kollegen, die dann förmlich aus dem Nichts – hier ist der Wunsch Vater des Gedanken – von „The Soldier“ und seinen Männern weggepustet werden. Die zunächst verräterischen Blutflecken auf dem Asphalt macht sofort ein Druckluftreiniger unsichtbar, bevor alle wie von Geisterhand (= mit dem Helikopter) entschweben und den Tatort scheinbar jungfräulich zurücklassen. Zugehörigkeiten, Allianzen, Überzeugungen: Alles ist doppelt und dreifach codiert und schimmert je nach Betrachtungswinkel in einer anderen Farbe. Die eisige Atmosphäre des Kalten Krieges ist in jeder Einstellung von THE SOLDIER spürbar. Glickenhaus‘ Film erzählt von einer Zeit, als „Frieden“ rein virtuell und nur als das Resultat einer auf massiver Aufrüstungspolitik beruhenden Pattsituation zu sehen war. Ein trügerischer Frieden, denn in einem solchen Szenario gleicht Politik einem Pokerspiel. Die Entscheidung zum Erstschlag (das Wort suggeriert schon, dass man weiß, dass dem ersten unweigerlich ein zweiter Schlag folgen wird) hängt in erster Linie davon ab, ob man den Rückschlag verkraften kann; und die Einschätzung darüber wiederum von der Fähigkeit des Gegners, zu bluffen, und dem Vertrauen, dass man den Informationen der eigenen Geheimdienste – und deren Loyalität – entgegenbringt. Ein gefährliches Spiel, das fast ausschließlich auf Suggestion, Vermutungen und Vermutungen über Vermutungen beruht und der Sphäre des Faktischen somit vollkommen enthoben ist. Ein solchermaßen stabilisierter Frieden ist eine trügerische Angelegenheit, weil er die Vernunft aller Mitspieler und die Regelkonformität ihrer Handlungen voraussetzt.

So erklärt sich das – für einen Actionfilm – paradoxe Finale: Es ist (fast) keine Gewalt nötig, um die Terroristen zum Einlenken zu bewegen; nur eine geschickte Drohung (und – man höre und staune – ein Überfall auf die eigenen Leute). Ein Bluff vielleicht? Die Antwort von „The Soldier“ auf diese Frage des Gegners – ein augenzwinkerndes „maybe“ -, verdeutlicht, was ich oben sagte: Nicht mehr die Einsicht in das Faktische ist die Grundlage von Entscheidungen, sondern der Glaube, zu wissen, was faktisch ist.  Als „The Soldier“ gefragt wird, warum er mit „maybe“ geantwortet habe, entgegnet er nur, dass es ihm in diesem Moment als sinnvoll erschienen sei. Dies charakterisiert ihn als Actionhelden im klassischen Sinne, als „Mann der Tat“, der in der von Glickenhaus gezeichneten Welt eigentlich ein Anachronismus ist: Er ist zum einen der Mann, der seinem Instinkt, seiner Intuition folgt, und damit (meist) richtig liegt, zum anderen aber auch jemand, der das Prinzip dieses „maybes“ noch nicht voll und ganz erfasst hat, weil die Dinge in der Welt, der er entstammt, entweder sind oder nicht sind; jedenfalls sind sie niemals nur „vielleicht“. Es ist unklar, ob „The Soldier“ am Ende von THE SOLDIER triumphiert, weil er Einsicht in das Prinzip des „Vielleicht“ erhält oder weil er in der Lage ist, noch das „Vielleicht“ in ein unumstößliches Faktum zu verwandeln, die Konkretion zu erzwingen, die sonst längst abhanden gekommen ist. In jedem Fall macht seine Anwesenheit die Utopie in der Dystopie von THE SOLDIER aus: Der Frieden wird durch den heldenhaften Einsatz erwirkt, durch das Bekenntnis zur Sache und nicht durch das Paktieren und Taktieren in Hinterzimmern. Dennoch darf sich „The Soldier“ nicht wie seine Genrekollegen im Rausch der Aktion verlieren, um seine volle Durchschlagskraft zu erreichen. Von daher ist es nicht verwunderlich, dass THE SOLDIER ähnlich gedrückt anmutet wie THE EXTERMINATOR: Der Held muss sein System mitreflektieren, um nicht unterzugehen.