Mit ‘Kerwin Mathews’ getaggte Beiträge

THE GARMENT JUNGLE ist zwangsläufig eine Randerscheinung des Aldrich’schen Werks. Der Regisseur wurde von Produzent Harry Cohn gefeuert – angeblich, weil ihm klar geworden war, dass es sich bei Aldrich um den Mann handelte, der mit THE BIG KNIFE das eigene Nest beschmutzt hatte –  und durch Vincent Sherman ersetzt, dem noch zwei Wochen blieben, den Film fertigzustellen. Es sollte Aldrichs einzige Auseinandersetzung mit dem Hollywood-Establishment bleiben – ein Wunder, hielt der Liberale mit seiner Meinung doch nicht gerade hinter dem Berg. Es ist in der Tat fraglich, inwieweit man THE GARMENT JUNGLE als Aldrich-Film bezeichnen kann, und die Antwort auf die Frage, welche Elemente des Films auf sein Konto gingen, muss notgedrungen spekulativ bleiben. Aber es macht doch den nicht unbeträchtlichen Reiz von THE GARMENT JUNGLE aus, ihn auf solche „Aldrichismen“ abzuklopfen.

THE GARMENT JUNGLE erzählt die Geschichte von Alan Mitchell (Kerwin Mathews): Der Sohn des erfolgreichen Textilunternehmers Walter Mitchell (Lee J. Cobb) kehrt nach einem mehrjährigen Europaaufenthalt nach Amerika zurück und möchte in die Firma seines Vaters einsteigen. Was er dort sieht, gefällt ihm nicht: Walter führt einen erbitterten Kampf gegen die Gewerkschaft ILGWU, da sie ihm den Profit kaputtmachen würden, den er nicht zuletzt durch die miserable Bezahlung seiner Arbeiter erwirtschaftet. Um sich gegen die Bemühungen der Gewerkschaft durchzusetzen, ist er eine verhängnisvolle Geschäftsbeziehung mit dem Gangster Artie Ravidge (Richard Boone) eingegangen, dessen Schläger mit Gewalt gegen jeden vorgehen, der sich ihnen in den Weg stellt. Walter verschließt die Augen gegenüber den bitteren Tatsachen: Den Tod seines Geschäftspartners, eines Gewerkschaftsfreundes, führt er auf einen tragischen Unfall zurück. Als Alan Kontakt zu dem Gewerkschaftsmann Tulio Renata (Robert Loggia) aufnimmt und einen Einblick in die herrschenden Realitäten erhält, versucht er seinen Vater davon zu überzeugen, die Verbindung mit Ravidge aufzukündigen. Doch der hat natürlich etwas dagegen …

THE GARMENT JUNGLE ist eine unterhaltsame Mischung aus Arbeiterdrama und Crimethriller, dessen liberale, arbeiterfreundliche Gesinnung wohl einer der Gründe war, der Aldrich für das Projekt einnahm. (Er fungierte später selbst jahrelang als Präsident der Director’s Guild of America, die sich für die Interessen der Regisseure stark machte.) Es sind dann auch vor allem jene Szenen, in denen das Leid der Arbeiter und das brutale Vorgehen der Gangster gezeigt werden, in denen man die Handschrift Aldrichs zu erkennen glaubt: die Bilder aus dem beengten, überbevölkerten Sweatshop von Walters Firma etwa oder die Ermordung Tulios. Auch die Empathie mit den Schuldigen kennt man aus anderen Filmen des Regisseurs: Walter mag in seinem Profitstreben vom rechten Weg abgekommen sein, aber nie wollte er, das Menschen Schaden an Leib und Leben nehmen. Und die Szene, in der Tulios Freund George (Joseph Wiseman) bei dessen Witwe Theresa (Gia Scala) gesteht, dass er der Ermordung ihres Mannes aus Angst tatenlos beiwohnte, anstatt ihm zu helfen, ist vielleicht der emotional stärkste Moment des Films. Bildkompositonen, in denen Elemente des Vordergrunds die Protagonisten im Hintergrund überragen, kennt man schon aus KISS ME DEADLY, THE BIG KNIFE oder ATTACK! und führt sie deshalb auf Aldrich zurück.

Insgesamt wirkt THE GARMENT JUNGLE aber deutlich flüchtiger als alles, was der zuvor inszeniert hatte. Diese Flüchtigkeit ist nicht zuletzt auf die Entscheidung zurückzuführen, mit Alan einen Außenstehenden zum Protagonisten zu machen. Das scheint sehr Aldrich-untypisch: Er hätte wahrscheinlich Tulio ins Zentrum des Films gerückt. THE GARMENT JUNGLE hebt sich nicht wirklich von B-Film-Stoff ab, wie er damals in rauhen Mengen die Studios verließ. Schon das generische, von einem Off-Sprecher reißerisch intonierte Intro nimmt ihm jenes Maß an Respektabilität, das alle Filme Aldrichs bis dahin ausgezeichnet hatte. Und der Showdown wirkt ebenfalls sehr pflichtschuldig. Ich sagte oben schon, dass es unfair und eigentlich nicht zulässig ist, aus der zeitlichen wie räumlichen Distanz darüber zu mutmaßen, wer für was verantwortlich war. Zumal ich natürlich geneigt bin, Aldrich von etwaigen Verfehlungen freizusprechen. Dass mit Sherman – als Abraham Orovitz geboren – ein Mann seinen Posten übernahm, der als Regisseur heute zu der großen Zahl der vergessenen Filmemacher zählt, macht es mir aber nicht gerade leichter. Sherman war 1957 bereits ein Veteran, hatte seinen ersten Film 1939 vorgelegt, und dabei mit solchen Größen wie Humphrey Bogart, Bette Davis, Errol Flynn oder Joan Crawford zusammengearbeitet. Seine Karriere wurden in den Fünfzigerjahren erheblich ausgebremst, als er ins Fadenkreuz des HUAC geriet. Die letzten 20 Jahre seiner Laufbahn arbeitete er ausschließlich fürs Fernsehen, wo er vor allem Fernsehserien wie THE WALTONS oder TRAPPER JOHN, M.D. beteiligt war. Obwohl er als Regisseur keinen bleibenden Eindruck hinterlassen hat, hat er dennoch das Beste aus seinem Leben gemacht: Er war über 40 Jahre hinter den Kulissen der Traumfabrik tätig und man sagt ihm heute Affären, Beziehungen und Liebschaften mit zahlreichen großen Damen des Filmgeschäfts nach: Unter anderem war er mit Joan Crawford und Rita Hayworth liiert. Er hatte bestimmt viele aufregende Hollywood-Geschichten zu erzählen, als er 2006 99-jährig verstarb.