Mit ‘Kevin Bacon’ getaggte Beiträge

flatliners-posterHing damals vielleicht sogar das deutsche Kinoposter in meinem Zimmer? Ich weiß es nicht mehr genau, wohl aber, dass ich FLATLINERS damals im Kino sah und ziemlich knorke fand. Wobei die Tatsache, dass ich mir für die Zweitsichtung trotzdem satte 26 Jahre Zeit gelassen habe, einige Rückschlüsse auf die Belastbarkeit dieser Meinung zulässt. Dass die Ernüchterung groß gewesen wäre, kann ich nicht behaupten: Schumacher hat ein paar brauchbare Filme gedreht, aber bedeutend häufiger großen Käse verbrochen. FLATLINERS ist nicht ganz so hirnerweichend dumm wie sein magnum opus 8MM, aber das liegt einzig daran, dass er sich für seine Auseinandersetzung mit der Frage, was nach dem Tod kommt, ins Reich der Fantasie begibt, wo man sich eben grundsätzlich einigen Unfug erlauben kann, ohne dafür ausgelacht zu werden. Dass die „Erkenntnisse“, die er bei seinem kleinen Ausflug ins Nachleben gewinnt, erschreckend banal sind für den Lärm, mit dem sie dargeboten werden, dürfte aber selbst dem einfältigsten Zuschauer kaum entgehen. Man spielt nicht mit dem Tod, weil es dafür gute Gründe gibt, die sich der liebe Gott in seiner Weisheit ganz allein ausgedacht hat. Und wenn doch, etwa weil man ein übermotivierter Medizinstudent ist, sollte man durch die Erfahrung wenigstens zum besseren Menschen werden, das ist ja wohl das Mindeste. So oder ähnlich könnte man FLATLINERS zusammenfassen.

Ich scheue trotzdem davor zurück, den Film rundheraus zu verreißen, obwohl er es durchaus verdient hat. Aber ich habe Mitleid mit ihm, denn er entspricht ziemlich genau dem Bild, dass man sich von einem Schumacher-Film aus dem Jahr 1990 macht. Der Mann war nie für seine besondere Subtilität bekannt, sondern dafür, seine Filme so zu designen, dass man den Zeitpunkt ihrer Produktion beinahe punktgenau benennen kann. FLATLINERS ist dann auch eine schöne Zeitkapsel, in der alles, was am Jahr 1990 glatt und oberflächlich und dumm und zum Glück schnell wieder vorbei war, für immer konserviert ist. Kiefer Sutherland trägt Restvokuhila und macht mit undefinierter Speckplauze klar, warum er seinen damaligen Jungstar-Status nicht zu einer richtigen Hollywood-Karriere ausweiten konnte. William Baldwin gibt einen Vorgeschmack auf SLIVER, einen anderen Nineties-Kackfilm, und bekommt von einer Verehrerin gesagt, er sehe aus wie ein Model. Ja, damals sahen Traumtypen eben aus wie schmierige Rasierwerbungsvergewaltiger. Julia Roberts hat fritzelige Endloslocken und trägt diese hüfthohen, arschbetonten Jeans. Kevin Bacon hat lange Haare, Lederjacke und Holzfällerhemden, fährt einen Armee-Jeep und seilt sich aus seinem Apartement ab, anstatt die Treppe zu benutzen. Außerdem ist er Atheist und hat die Regeln der Medizinschule gebrochen: ein Rebell eben. Oliver Platt ist brillant, deshalb trägt er Fliege und darf sonst nichts machen. Alles ist in goldbraunrotes Licht getaucht, man sieht ständig Kreuze und Heiligenbilder, weil es ja um Tod und Gott und so geht, und wenn es gruselig werden soll, knallt Jan de Bont den Blaufilter rein, passt dann schon.

FLATLINERS ist so besessen von seinem eigenen Style, dass er seine haarsträubend dumme Geschichte gar nicht bräuchte, um Lachattacken auszulösen. Die Medizinstudenten wohnen allesamt in riesigen Loftwohnungen oder Altbauappartements mit jeweils eigener Lichtstimmung und perfekt ihren Charakter widerspiegelnder Einrichtung. Aus Gullideckeln steigt immer diese ominöse Dampf auf. Mit Vorliebe stromern die Protagonisten des nachts durch menschenleere Straßen in abgerissenen Vierteln oder an Bahndämmen entlang. In einem riesigen, blutrot ausgeleuchteten Diner ist außer ihnen keine Menschenseele. Ihre geheimen Experimente machen sie in einer prachtvollen alten Kirche, die eigentlich eine Touristenattraktion sein sollte, hier aber völlig verlassen ist. Die erste Gruselszene ereignet sich wie durch Zufall in einer dunklen Sackgasse mit ominösen Neonfratzen-Grafittis. Und die Todeserfahrungen beinhalten so originelle Bilder wie den Flug über verschneite Berggipfel und im Wind wogende Wiesen oder hinein in dunkle U-Bahn-Schächte. Man versteht sofort, dass das alles sehr, sehr deep ist, weshalb es gar nicht schlimm ist, dass FLATLINERS tatsächlich soviel Tiefgang hat wie ein Fischkutter auf einer Sandbank.

Die Story dreht sich bekanntlich um ein paar Jungmediziner, die herausfinden wollen, was nach dem Tod passiert, weshalb sie ihren Tod medizinisch kontrolliert herbeiführen und sich dann zurückholen lassen. Ihre wissenschaftlichen Erkenntnisse treten jedoch bald zugunsten eines jugendlichen Mutprobengehabes in den Hintergrund. Nachdem der coole Nelson (Kiefer Sutherland) zwei Minuten im Jenseits verblieben ist, müssen die anderen ihn überbieten, bringt ja sonst nix, so wissenschaftlich gesehen und so. Das bietet Anlass für cooles Mackergehabe der Typen einerseits und für beleidigtes Weibergezicke von Rachel (Julia Roberts) andererseits, weil sie immer wieder von den Kerlen überboten wird. Sie darf zum Ausgleich dafür den BH anbehalten, als sie ins Jenseits geschickt wird. Die Probleme, die die Protagonisten aus dem Totenreich mitbringen, sind, wie man das von Schumacher erwarten darf, erschreckend bieder und furchtbar moralisch: Nelson hat als Kind aus Versehen einen Schulkameraden getötet (und nebenbei noch dessen Hund). David (Kevin Bacon) hat immer ein kleines Mädchen gehänselt. Joe (William Baldwin) benutzt und belügt Frauen (und filmt sie beim Sex!). Rachel hat ihren Veteranenpapa beim Fixen erwischt und in den Selbstmord getrieben. Was das mit dem Jenseits zu tun hat, bleibt das Geheimnis von Schumacher, der am Ende aber trotzdem alle zu besseren Menschen macht, weil das so schön amerikanisch ist und zu einem Film halt dazugehört, auch wenn es keinen Sinn ergibt.

FLATLINERS erinnert mich ein bisschen an meine Tochter, die sich manchmal die Ohren zuhält, wenn wir sie mit etwas Unangenehmem konfrontieren oder sie schimpfen. Schumacher hat seine Idee, von der lässt er sich nicht abbringen, auch wenn er sich damit selbst widerspricht. Einmal fragt Rachel den Atheisten David, warum alle Menschen, die von einer Todeserfahrung sprechen, Ähnliches davon berichten, wenn es doch seiner Meinung nach kein Jenseits gebe. David antwortet überzeugend, dass dahinter die Tätigkeit eines Hormons stecken könnte, das im Moment des Todes freigesetzt wird. „Now you’re reaching“, ist Rachels Antwort, die das Gespräch autoritär beendet. Schumacher ist der Troll unter den amerikanischen Filmemachern: kackdreist, unverschämt, dumm und für vernünftige Argumente unempfänglich. Aber manchmal auch ganz praktisch, wenn man jemanden ohne Reue beleidigen will. Schumacher, du blöde unfähige Sau, deine Filme sind so kackfickdumm wie ein Meter Feldweg. Bitte mehr davon.

KICK-ASS in gut: James Gunns SUPER ist eine Art Reimagining von TAXI DRIVER, allerdings nicht mit einem unter posttraumatischem Stresssyndrom leidenden Vietnamveteranen im verrotteten New York der Siebzigerjahre, sondern einem anscheinend harmlosen Durchschnittsbürger (Rainn Wilson), der ausrastet, als ihm ein schmieriger Krimineller (Kevin Bacon) die mit einer Drogenvergangenheit vorbelastete Ehefrau (Liv Tyler) wegnimmt. Anstatt sich den Schädel zu rasieren, für den Ernstfall die Muskeln zu stählen und sich mit Waffen auszustatten, erinnert sich der gebeutelte Frank an die religiösen Comics um den Holy Avenger und verwandelt sich in den Superhelden „Crimson Bolt“, der bewaffnet mit einer Schraubzange und dem Credo „Shut up, Crime!“ auf Verbrecherjagd geht. In seinem Kampf unterstützt ihn die gleichermaßen seltsame Comicverkäuferin Libby (Ellen Page) als sein Sidekick „Bolty“.

Die Grundidee teilt SUPER mit dem oben erwähnten, zur selben Zeit, aber mit deutlich höherem Aufwand entstandenen KICK-ASS, geht aber gänzlich andere Wege. Franks Treiben als Crimson Bolt trägt keine heroischen Züge, vielmehr wirkt seine Realitätsflucht im einen Moment lächerlich und mitleiderregend, im nächsten mündet sie in grausamen, völlig überzogenen Gewalttaten, die eine handfeste Psychose vermuten lassen. Gunn kleistert seinen Film auch nicht mit überkandidelten Effekten zu, visuell lässt er eher Understatement walten, und die „Soundwolken“, die er als Referenz an Comichefte immer wieder einblendet, verstärken noch die Kluft zwischen den harmlosen gezeichneten Vorbildern und der bitteren Wirklichkeit des Films. Die Erkenntnis, vor der Matthew Vaughn in KICK-ASS krampfhaft die Augen verschloss, nämlich dass Superheldentum in die Realität übertragen mit Sozio- und Psychopathie gleichzusetzen ist, steht bei Gunn nicht am Ende, es ist die Prämisse, auf der er SUPER aufbaut. Frank lebt von Beginn an in seiner eigenen Welt, ein Außenseiter, den regelmäßig religiöse Epiphanien heimsuchen. Ausgangspunkt seiner Laufbahn als Superheld ist eine Vision, in er ihn „der Finger Gottes“ berührt und auserwählt. Der Raub seiner Ehefrau mag der Tropfen gewesen sein, der das Fass zum überlaufen brachte, aber wenn man sieht, wie der „Crimson Bolt“ Leuten den Schädel einschlägt, weil sie sich in der Schlange vorgedrängelt haben, weiß man, dass sich hier jemand Luft verschafft, der seinen Alltag als eine unablässige Kette von Niederlagen, Demütigungen und Frustration begreift.

SUPER findet – wie Scorseses TAXI DRIVER – zu einem bitter-ironischen Ende, das Franks Episode der Realitätsflucht tatsächlich das Heroische abringt, seinen Amoklauf als Akt edler Selbstaufopferung interpretiert. Es scheint aber vor allem Franks eigene Verblendung daraus zu sprechen, auch wenn es ihm tatsächlich gelungen ist, seine Ehefrau zu befreien. Mehr als ein Gefühl der Erhabenheit löst Gunn aber ein nagendes Unbehagen im Zuschauer aus. Die Franks und Libbys sind uns zu vertraut in ihrer sozialen Inkompetenz, ihrem Gefühl, nicht dazuzugehören, ihrer transzendentalen Obdachlosigkeit und Einsamkeit. Zu bekannt ist der einsetzende Mechanismus, die eigene Unzulänglichkeit durch Gewalt gegen ein willkürlich gewähltes Opfer zu kompensieren. Wer fängt sie auf, die Freaks mit dem Messiaskomplex? SUPER gibt darauf keine Antwort und das ist auch ganz gut so.

Dieser Text hat mich vor einigen Tagen darauf aufmerksam gemacht, dass der Startschuss für die berühmteste und erfolgreichste Slasherfilm-Serie dieses Jahr seinen 35 Geburtstag feiert. Ein Superanlass, mit meinem „Reihen-Special“ weiterzumachen, zumal ich die FRIDAY THE 13TH-Filme, die ich abgöttisch liebe, sowieso mal wieder von vorn bis hinten durchgucken wollte. In meiner gut zehnjährigen Filmschreiberlaufbahn habe ich tatsächlich noch kein einziges Mal über die Jason-Voorhees-Mordsaga geschrieben, was ein untragbarer Zustand ist, dem dringend Abhilfe geschaffen werden muss. Bevor ich mich dem Film selbst zuwende, immer noch eine der ertragreichsten Indie-Produktionen der Filmgeschichte, die weltweit das Zigfache ihres bescheidenen Budgets einspielte, muss ich aber kurz auf meine persönliche Beziehung zur Reihe eingehen. Anders lässt sich meine Liebe für diese Filme kaum verstehen.

Ganz wichtig: FRIDAY THE 13TH und der Killer mit der Eishockeymaske waren mir schon Jahre bevor ich tatsächlich den ersten Film zu Gesicht bekam ein Begriff. Zuerst war da das miese C64-Computerspiel, das damals zur Veröffentlichung von Joseph Zitos viertem Teil erschien und dessen Plakatmotiv als Cover hatte. Es verfügte, wie viele Computerspiel-Adaptionen von Filmen über ein miserables Gameplay und eine selbst an den damaligen Möglichkeiten gemessene unterdurchschnittliche Grafik. Trotzdem hatte es eine gewisse verstörende Qualität: Immer, wenn der Killer im Spiel zugeschlagen hatte, gab das Spiel ohne jede Vorwarnung ein ohrenbetäubendes Kreischen von sich, das einem unweigerlich die Nackenhaare hochstellte und einen während des Spiels in einen Zustand permanenter Anspannung versetzte. Später dann, ich muss 11 oder 12 gewesen sein, erzählte mir ein Klassenkamerad von eben jenem FRIDAY THE 13TH: THE FINAL CHAPTER und ich ließ mir von ihm auf dem Schulhof minutiös alle Mordszenen beschreiben. Monster und Horrorfilme hatten seit meiner Kindheit einen immensen Reiz auf mich ausgeübt, gleichzeitig hatte ich aber großen Respekt vor ihnen und traute mich nicht so recht an sie heran. Berichte wie die meines Schulfreundes waren gewissermaßen meine Ersatzdroge und sie ließen die Filme in meiner Vorstellung bedrohlich anwachsen. In den blutigsten Farben malte ich mir diesen unerhörten FRIDAY THE 13TH: THE FINAL CHAPTER aus und verlieh ihm so einen unerreichbaren Legendenstatus. Etwas später verschlang ich dann die Hasstiraden, die ihnen die Autoren Hahn/Jansen den Filmen in ihrem Horrorfilm-Lexikon angedeihen ließen und blätterte verzückt in den Ausgaben der Fangoria, die ich in einem örtlichen Comicladen ausfindig gemacht hatte. In jenen Jahren gegen Ende der Achtziger war Jason nichts anderes als ein Popstar und jedes neue Sequel erhielt in dem amerikanischen Horrormagazin seinen ausladend bebilderten Artikel. Im Fokus standen dabei nicht nur die Bilder des hünenhaften Kilelrs selbst, sondern auch seiner grausamen Mordtaten. Meine Vorstellungen von einst wurden nun grafisch unterfüttert: Diese Filme, in denen ein stummer, entmenschlichter Koloss ohne jede Zurückhaltung und mit bestialischer Kreativität Teenie um Teenie abschlachtete, mussten wahrhaftig das Brutalste auf Erden sein. Die Serie wurde für mich zum Inbegriff bösen, blutigen, verstörenden und lustigerweise erwachsenen Horrorkinos.

Ich hätte eigentlich maßlos enttäuscht sein müssen, als ich dann irgendwann, Jahre später, den ersten Jason-Film zu Gesicht bekam. Aber das war nicht der Fall. Auch wenn die Reihe streng genommen einen mit jedem Eintrag debiler werdendem Kindergeburtstag gleicht, hatte sie in meiner Vorstellung längst eine mythische Kraft angenommen, die die Filme selbst  infiltrierte. Wenn Jason stumm und mit stoischer Gelassenheit durchs Unterholz pflügte, sich mit der Machete durch Horden von gehirnamputierten US-Boys und -Girls schlachtete, dann verkörperte dieses Bild für mich eine geradezu archaische Urgewalt, die an Urängste rührte, die die Filme tatsächlich nur sehr unzureichend bedienten. Dennoch spielten sie für meine Filmsozialisation eine kaum zu unterschätzende Rolle: Wochenlang tingelte ich mit meinem ebenso Jason-versessenen Kumpel durch die Krefelder Videotheken, um dort die noch fehlenden Teile aufzutreiben. Als uns klar wurde, warum wir den dritten und vierten Eintrag einfach nicht finden konnten, ergab sich der Kontakt zu jener legendären Venloer Videothek, in der wir dann ein gutes Jahr lang unsere Wochenenden verbrachten und uns fühlten wie der kleine Junge, der im Süßigkeitenladen eingeschlossen wird. Wir waren wegen FRIDAY THE 13TH PART 3 und FRIDAY THE 13TH: THE FINAL CHAPTER gekommen (und natürlich wegen der ungeschnittenen Fassungen der anderen Teile) und verließen sie mit bergeweise bei uns gekürztem, beschlagnahmtem oder schlicht nicht erhältlichen Stoff. Ich entdeckte viele, viele Filme, die unendlich viel besser waren als die tumben Späße um Jason Voorhees, aber ihren Platz in meinem Herzen haben die trotzdem immer behalten.

Was mich nun endlich zum ersten Teil bringt, in dem der eigentliche Held der Reihe bekanntermaßen gar nicht auftaucht bzw. nur ganz kurz zum Schluss. Wenn es darum geht, den Ursprung des Slasherfilms zu benennen, verweisen Experten gern auf Bavas REAZIONE A CATENA oder auf Bob Clarks BLACK CHRISTMAS, wenn sie weniger originell sind, natürlich auf Carpenters HALLOWEEN. Alle diese Einwürfe sind richtig, aber erst Sean S. Cunningham dachte deren Ideen zu Ende und entwarf den Slasherfilm als teeniezentrierte Nummernrevue mit viel Raum für Zoten, zahmen Sex, blutige Morde und einen Killer, der neben einer dekorativen Maske auch einen ebensolchen Dachschaden mit sich herumträgt. Mit einer Ausnahme: Der Fokus von FRIDAY THE 13TH liegt ohne jeden Zweifel auf seinem Final Girl Alice (Adrienne King) und noch nicht auf den Untaten des Killers, der erst im Laufe der nächsten 9 bzw. 10 (FREDDY VS. JASON) bzw. 11 (Nispel-Reboot) bzw. 12 (angekündigtes Remake) Filme immer mehr zum eigentlichen Star der Show wird. Eigentlich ist FRIDAY THE 13TH ein recht altbackener Whodunit, allerdings einer, der sich nur wenig für das Legen falscher Spuren, das Etablieren von Verdächtigen und die Jagd nach clues interessiert. Das Tempo ist aufreizend langsam, der Film trotz seines rustikalen Settings etwas leblos und echte Spannung kommt eigentlich nie auf – schon gar nicht nach gefühlten 28 Sichtungen. Die gefeierten Make-up-Effekte von Tom Savini sind der Rede eigentlich nicht wert, da sie überaus sparsam zum Einsatz kommen und außerdem ziemlich fadenscheinig sind. Das Ende ist natürlich toll, genau wie Harry Manfredinis lebhafter Score, der so klingt, als hätten die Looney Toons einen Score von Bernard Herrmann gecovert. Trotzdem mag ich den Film und das nicht nur, weil er sich wie eine perfekt eingetragene, schlabbrige Jogginghose anfühlt, die mich seit Jahren begleitet. Lustigerweise ist es vor allem die gemütliche erste Hälfte des Films, die mich für ihn einnimmt, die Anreise in das marode Camp, die Begrüßung durch die argwöhnischen Hillbillies, die Etablierung der Subjektiven, der Müßiggang der Teenies und ihre idiotischen Spielchen. Wenn sie dann weggemeuchelt werden, empfinde ich ganz entgegen der klischierten Meinung, nach der man ihren Tod angeblich herbeisehnt und bejubelt, eine gewisse Traurigkeit. Nicht, weil es sich um solch faszinierende, sympathische Charaktere handelte, sondern gerade weil ihre Identitätslosigkeit den Film so wunderbar leicht gemacht hat. Und machen wir uns nichts vor: Wir alle waren mit 17, 18 ziemlich unerträglich, bestenfalls langweilig und hätten uns in das FRIDAY THE 13TH-Figurenensemble bestens eingefügt. Wahrscheinlich hätte es mit uns sogar weniger Sex gegeben.

Das bringt mich zu einem weiteren Rezeptionsklischee, auf das ich hier abschließend eingehen will. Es ist längst zu einem Allgemeinplatz geworden, dass der Slasherfilm im Kern puritanisch sei, angetrieben von einem konservativen Moralverständnis. Der Killer ist nach dieser Lesart der reaktionäre Moralist, der alle, die vorehelichen Sex haben, Drogen nehmen oder sich sonst nicht zu benehmen wissen, gnadenlos bestraft. Man kann das so sehen, aber für mich greift diese Betrachtung zu kurz bzw. verkennt sie eine Wahrheit des Slasherfilms, die als Begründung gelten mag, warum diese Filme gerade bei Jugendlichen so erfolgreich waren. Auf einer eher bildlichen, gleichnishaften Ebene handelt der Slasherfilm nicht vom Konflikt zwischen freigeistigen Jugendlichen und strengen Erwachsenen, sondern von der enttäuschenden Durchschnittlichkeit der „teenage experience“. Man nehme die vorliegende Reihe: Da werden Kinder – als Gäste oder Angestellte – in ihren Sommerferien in einem maroden Sommercamp abgeladen, das einst Schauplatz diverser tragischer Unglücksfälle war. Der „Spaß“ dort besteht in doofen Scherzen, lustlosen Spielchen und meist ergebnislos bleibenden Flirts. Der herbeigesehnte Sex ist die Aufregung nur selten wert, die meisten gucken eh dumm aus der Wäsche. Und dann kommt auch noch ein Killer daher und setzt dem Ganzen die Krone auf. Wie ist Jason noch gleich gestorben? Noch vor Erreichen der Geschlechtsreife ist er abgesoffen, weil die Aufpasser sich ineinander verbissen hatten. In den Sequels stapft er nun traurig und faulend durch den dunklen Tann, schaut den Jungen und Schönen bei einem Vergnügen zu, das ihm immer vorenthalten geblieben ist. In jedem Film gibt es einen Seelenverwandten, einen Außenseiter, einen Dicken, Beschränkten, Verblödeten, der nicht zum Schuss kommt. Das sind die eigentlichen Helden der Reihe, die Figuren, denen die Sympathie gilt, und zwar nicht, weil sie enthaltsam sind, sondern weil wir uns mit ihrer Traurigkeit identifizieren. Der vordergründige Spaß, den die Kiddies in Camp Crystal Lake haben, ist doch höchst defizitär. Wahrscheinlich wird man von morgens bis abends von Moskitos zerstochen, im schlimmsten Fall holt man sich einen Schlangenbiss. Aber natürlich sehen die Protagonisten das nicht so: Man beachte das erste Opfer in FRIDAY THE 13TH, die zukünftige Camp-Köchin, die ihren armseligen Job mit einer Euphorie antritt, als handelte es sich um den Startschuss für eine fulminante Weltkarriere. Oder das Funkeln in den Augen der Blondine, die als Abendvergnügen eine Runde „Strip-Monopoly“ vorschlägt. Kann man sich etwas Langweiligeres, Fehlgeleiteteres vorstellen? Kann man sich einen weniger adäquaten Weg vorstellen, seine Libido zu befriedigen? Eine unbeholfenere Art, einen Mann aus seinen Klamotten zu holen? Darum geht es: Nicht um die Bestrafung für die Sünde, sondern darum, dass man als Teenager erst kein Glück hat und dann auch noch Pech dazukommt.

Der telepathisch begabte Charles Xavier (James McAvoy) erhält von der US-Regierung den Auftrag, Mutanten um sich zu scharen, um mit ihnen eine Art Spezialeinheit  aufzubauen. Sein wichtigster Verbündeter wird Erik Lehnsherr (Michael Fassbender), der starke magnetische Kräfte hat. Doch zwischen den beiden tut sich bald eine Kluft auf: Während Xavier darauf hofft, dass Menschen und Mutanten eine Gemeinschaft bilden, ist Erik – der im Zweiten Weltkrieg in einem KZ gelandet war – davon überzeugt, dass sie wegen ihrer Fähigkeiten immer Verfolgte bleiben werden. Zunächst müssen sie sich jedoch gemeinsam im Einsatz beweisen, um den Dritten Weltkrieg zu verhindern. Und dabei stehen sie genau dem Mann gegenüber, der für die Nazis einst an Erik herumexperimentiert hatte: dem Mutanten Sebastian Shaw (Kevin Bacon) …

Lobte ich in meinem letzten Eintrag noch Branaghs THOR dafür, „angenehm flüchtig und unaufgeregt“ zu sein, so verkörpert Vaughns X-MEN: FIRST CLASS das genaue Gegenteil, eben einen jener Filme, bei denen man „ständig das Gefühl [hat], dazu angehalten zu werden, ehrfurchtsvoll und im Wissen um den historischen Moment auf die Leinwand zu starren“. Das allein macht den neuesten Eintrag in der Mutanten-Filmografie noch nicht zum Ärgernis, wohl aber die Diskrepanz, die zwischen dieser aufgesetzten Wichtigkeit und dem tatsächlichen Inhalt des Filmes besteht, der lediglich ein Aufguss bereits sattsam bekannter Plotelemente ist. X-MEN: FIRST CLASS ist eine Art Prequel zu den vorangegangenen drei X-Men-Filmen (bzw. vier, wenn man das unteriridische Wolverine-Spin-off dazuzählt), beschäftigt sich mit der Gründung der Mutanten-Spezialeinheit, der Vergangenheit von Professor X und Magneto und dem Ursprung ihres in der Trilogie im Zentrum stehenden Konflikts. Wie schon Singers X-MEN beginnt X-MEN: FIRST CLASS in einem Konzentrationslager, mit der Szene, in der der junge Erik zum ersten Mal seine magnetischen Kräfte zum Einsatz bringt und damit das Interesse der Nazis weckt. Im Folgenden wird seine Genese weiter ausgeschmückt, jedoch ohne, dass daraus wirklich eine neue Erkenntnis erwachsen würde. Und das gilt auch für alle weiteren Handlungselemente: Wieder einmal fungieren die Mutanten als Repräsentanten aller Minderheiten und müssen sich die Frage stellen, ob sie bestehende Ängste bekämpfen wollen, indem sie Gutes tun (Charles Xavier), ob sie der Intoleranz ihnen gegenüber ebenso aggressiv begegnen und ihre Kräfte ausschließlich zu eigenem Nutzen einsetzen wollen (Magneto) oder ob sie gar einen Weg suchen wollen, „normal“ zu werden (hier Mystique und Beast, vorher Rogue). Vaughn käut lediglich Altbekanntes noch einmal wieder, sein Film wird so in Verbindung mit der dramatisch-bedeutungsschwangeren Inszenierung, der düster-pessimistischen Atmosphäre und dem monochrom-graubraunen Look zu einer ungemein ermüdenden, gänzlich spaßfreien und sehr zähen Angelegenheit.

Zwar ist es durchaus lobenswert, dass man versucht, mit der X-MEN-Reihe einen ernsteren Gegenpart zu dem bunten Fantasyspektakel um die Avengers zu etablieren, doch so richtig will das nicht funktionieren. Wie wäre es denn, wenn man mal einen Regisseur von Profil verpflichtete, jemand, der nicht bloß an schillernden Bildoberflächen und der Befriedigung der Comicnerds interessiert ist? Alle Ernsthaftigkeit, jede gesellschaftliche Relevanz muss nämlich verpuffen, wenn der Einfachheit halber doch immer wieder tausendfach erprobte Versatzstücke zum Einsatz kommen, wenn man bei der Zusammensetzung der Mutantentruppe merkt, dass es nur darum ging, dem bereits bestehenden umfangreichen Figurenrepertoire ein paar neue hinzuzufügen, die man dann auf McDonald’s-Getränkebecher drucken kann, wenn sich der Film erzählerisch in die Riege jener Prequels einreiht, deren Sinn sich darin erschöpft, auszuformulieren, was man längst schon wusste. Auch optisch hält X-MEN: FIRST CLASS nicht, was das auf retro getrimmte Promomaterial versprach. Der Film sieht nicht nach Swingin‘ Sixties aus, sondern sogar ziemlich gegenwärtig. Das könnte man natürlich damit begründen, dass die heutige Mode den Sechzigerlook assimiliert hat, ich würde es aber eher auf Vaughn schieben, dem visuell einfach nicht viel einfallen will. Für diese Einfallslosigkeit spricht dann auch, dass der Einsatz der Cerebro-Maschine einfach aus dem ersten Film übernommen wurde und die vorgetäuschte Ernsthaftigkeit immer wieder von albernem Nerdjerking unterwandert wird (gleich zwei Witze werden über Xaviers noch existenten Haarwuchs gemacht: Brüller!).

Eigentlich habe ich mit X-MEN: FIRST CLASS dasselbe Problem, das ich schon mit Singers ersten beiden Teilen hatte. Mir fehlt einfach der Spaß an der Sache, die Farbe. Vaughns Film fühlt sich an, als müsste man mit schweren Stiefeln und einem vollgepackten Rucksack bei heftigem Regen durch zähen Morast waten. Der von vielen Kritikern hochgelobte gesellschaftskritische Subtext erscheint mir weder besonders erstaunlich noch ausgesprochen differenziert, die Verbindung von quasirealistischem Agentenfilm und Fantasy ergibt für mich keinen „runden“ Gesamteindruck, vielmehr neutralisieren sich die beiden Seiten. Eine Stripperin mit Libellenflügeln auf dem Rücken, eine blonde Sexbombe, deren Haut die Struktur eines Diamanten annehmen kann, ein dandyhaft-selbstverliebt durch den Film stolzierender Michael Fassbender als Magneto und ein Professor X, der sich zum Gedankenlesen zwei Finger an die Schläfe legen und dabei verkrampft gucken muss: Das ist alles so schmerzhaft campy und unbeholfen, dass auch Archivmaterial der Kubakrise für mich nicht ausreicht, um den Eindruck von Autentizität zu erwecken. Ein paar spannende Szenen gibt es schon, sodass X-MEN: FIRST CLASS keine totale Zeitverschwendung ist. Unnötig und redundant ist er trotzdem.

elephant white (prachya pinkaew, usa 2011)

Veröffentlicht: Oktober 23, 2011 in Film, Zum Lesen
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Prachya Pinkaew hat vor rund acht Jahren mit ONG-BAK ziemlichen Wirbel verursacht und dem thailändischen Actionkino kurzzeitig den Titel „Hongkong der 2000er“ verliehen. Es folgte noch TOM-YUM GOONG und dann verlief sich die Welle auch schon wieder im Sand, unter anderem, weil Filme wie ONG-BAK 2 und ONG-BAK 3 es versäumten mithilfe komplett wahnsinniger Actionszenen über die schon beim Erstling kaum übersehbaren Schwächen  hinwegzutäuschen. Prachya Pinkaew, der noch den ebenfalls recht erfolgreichen CHOCOLATE drehte, hat nun mit ELEPHANT WHITE seinen ersten US-Film vorgelegt. Normalerweise geht es für international renommierte Regisseure ja stets bergab, wenn sie nach Hollywood gehen. Pinkaew ist nun das Wunder gelungen: Sein Film ist genau so zwiespältig wie seine thailändischen Werke. Auf „Hard Sensations“ kann man meine Rezension lesen. Hier geht’s lang.