Mit ‘Kevin James’ getaggte Beiträge

Der vor allem in den USA erfolgreiche, aber von der Kritik viel gescholtene GROWN UPS war eine der entspanntesten Komödien der vergangenen Jahre; ein Film, dem die oft als erstrebenswertes Ideal angestrebte, aber allzu oft nur mäßige Ergebnisse zeitigende Prämisse, befreundete Komiker zusammenzustecken und sie einfach mal machen zu lassen, ohne Limitierungen durch ein einengendes Drehbuch, zu ungeahnter Lockerheit verhalf. Das Miteinander von Sandler, James, Rock, Spade und Schneider sowie der anhängenden Frauen fühlte sich so echt und privat an, das die halbherzigen Versuche des Scripts, im dritten Akt doch noch so etwas wie einen Plot zu installieren, umso bemühter wirkten. Es war eigentlich klar, dass der zweite Teil, der ja per se das Problem haben würde, etwas draufsetzen zu müssen und nicht ganz so selbstbewusst bei sich sein könnte.

So krankt GROWN UPS 2 gegenüber dem Vorgänger tatsächlich an einer gewissen Überfülle an Ideen und dem verzweifelten Bemühen, einen richtigen Ansatz zu finden. Versammelten sich die Jugendfreunde mit ihren Familien im ersten Teil nach der Exposition schnell an ihrem Häuschen am See, wo sie ihr gemeinsames Urlaubswochenende in Gegenwart des glücklichen Zuschauers verbringen sollten, ist das Sequel deutlich rastloser, unruhiger, auf der Suche nach jenem Rückzugsort, wo seine Protagonisten ganz sie selbst sein können (was sich auch auf der Handlungsebene spiegelt, etwa in Erics (Kevin James) heimlichen Ausflügen zu seiner Mutter, die ihn füttert und ihn bestätigt). GROWN UPS 2 findet sein Haus am See erst ganz zum Schluss in einer großen Achtzigerparty, auf der sich die versammelten Fortysomethings gegen eine Horde vor Kraft strotzender College-Bros zur Wehr setzen müssen. Insgeheim wünsche ich mir eine Alternativversion des Films, die nur an diesem Abend, nur auf dieser Party spielt, mal diesem, mal jenem Charakter folgt, sie wieder vereint, trennt und in unterschiedlichsten Konstellationen zusammenführt, dabei eine Vielzahl kleiner Episoden spinnt, die sich zum Bild eines wunderbaren Abends zusammensetzen, an dem die Zeit stilzustehen scheint. GROWN UPS 2 ist leider nicht dieser Film, aber er ist dennoch ein Vergnügen, wenn er auch den Erfolg des Vorgängers nicht wiederholen kann.

Die rastlose Suche des Films hat nämlich auch was. Es ist schon bemerkenswert, wie wenig er daran interessiert ist, sich von einer Dramaturgie bändigen zu lassen. Das Selbstbewusstsein, das es dafür braucht, eint ihn mit dem ersten Teil. GROWN UPS 2 bewegt sich mal hierhin, mal dorthin, probiert dieses und jenes, scheut in seinem Hit-and-Miss auch vor blöden Einfällen nicht zurück und findet so zu einer Authentizität, die gerade im Komödiengenre, das dramaturgisch sehr festgefahren und enorm von originellen Prämissen abhängig ist, außergewöhnlich ist. Nicht jeder Gag sitzt, ein paarmal verdreht man die Augen, dann wieder gibt es aber diese wunderbaren Momente und insgesamt reicht es vollkommen aus, weitere 100 Minuten mit diesen Charakteren und allen aus dem ersten Teil bekannten Nebenfiguren verbringen zu können. Rob Schneider, der gute Geist des Vorgängers, fehlt allerdings an allen Ecken und Enden als ruhendes Zentrum seiner Clique. Vielleicht ist das tatsächlich der entscheidende Unterschied.

Scott Voss (Kevin James) geht seinem Beruf als Biologielehrer nur noch mit äußerst gemäßigtem Einsatz nach. Das ändert sich, als er erfährt, dass der liebenswerte Musiklehrer Marty Streb (Henry Winkler) kurz vor dem Aus steht, weil die Schule Geld einsparen muss. Weil er insgeheim weiß, dass Marty einer der wenigen Lehrer ist, die ihren Job verdient haben, nimmt er sich vor, das Geld aufzubringen, um seinen Job zu retten. Dummerweise fällt ihm dafür keine bessere Lösung ein, als sich als MMA-Kämpfer zu verdingen. Mithilfe des ehemaligen Fighters Niko (Bas Rutten) wirft sich Scott in den Ring – und hat nach einigen Schwierigkeiten tatsächlich Erfolg …

Der unsportliche Normalo, der sich einer anscheinend selbstmörderischen und unlösbaren körperlichen Aufgabe stellt: eine beliebte Komödienformel, die etwa Will Ferrell meisterlich anzuwenden verstand. Auch Kevin James verdankt seinen Ruf der sympathischen Interpretation des treudoofen Durschnittstypen mit gelegentlichen delusions of grandeur und ist somit eigentlich prädestiniert dafür, zur Freude des Publikums von gefährlichen Kampfgiganten verdroschen zu werden. Leider mag sich HERE COMES THE BOOM aber nicht damit begnügen, die Schadenfreude seiner Zuschauer zu bedienen und seine Prämisse bis auf den letzten Tropfen zu melken. Klar, es gibt ein paar dankbare Gags, die Coraci – einer von Adam Sandlers Stammregisseuren – gern mitnimmt, aber viel lieber möchte er ein warmherziges Drama abliefern, das wieder einmal erzählt,  das man alles schaffen kann, wenn man nur will, dass es wichtig ist, Ideale zu haben und seinen Träumen zu folgen, anstatt immer nur realistisch zu sein. Über die neue Herausforderung wird Scott zu einem besseren, motivierteren und natürlich auch bei den Kids beliebteren Lehrer, er hilft dem nerdigen Philippino-Mädchen, das von seinem Papa gezwungen wird, die Musik aufzugeben, um ihm in seinem Restaurant zu helfen, er kriegt die heiße Schulkrankenschwester Bella Flores (Salma Hayek) und gewinnt am Ende natürlich gegen jede Chance einen Profikampf in Las Vegas, während die ganze Schule ihm von der Tribüne aus zujubelt. Was eine herrlich blöde kleine Komödie für die intellektuelle Unterschicht hätte sein können, wird unversehens zu einem ausgesprochen aufgeblasenen und unangenehmen aufdringlichen Vehikel, das sich viel zu ernst nimmt, dafür, dass es lediglich Altbekanntes wiederkäut, reichlich verlogene Augenwischerei betreibt und Meisterschaft lediglich im Knöpfchendrücken erlangt. Leid tut es mir vor allem um Bas Rutten, der hier wirklich toll ist als liebenswerter, kantiger Immigrant. Wann immer er die Szene betritt, erlangt der Film die Lockerheit, die man sonst weitestgehend vermisst.

Bei meiner Zweitsichtung bin ich zu keinem wesentlich anderen Ergebnis als bei Erstbetrachtung gekommen. Anstatt das also alles noch einmal wiederzukäuen, beschränke ich mich auf das, was mir neu aufgefallen ist. Wer mehr wissen möchte, klickt einfach auf den Link.

I NOW PRONOUNCE YOU CHUCK AND LARRY setzt sich auf sehr amüsante Art und Weise mit männlicher Sexualität, männlichem Gender und den damit verbundenen Klischees und Vorurteilen auseinander. Der Film beginnt mit einem Basketballspiel, das Chuck (Adam Sandler) und Larry (Kevin James) mit ihren Arbeitskollegen während einer Pause austragen. Eine attraktive Frau – eine Lateinamerikanerin vermutlich – tritt an den Zaun, der das Spielfeld begrenzt, und beginnt, Chuck mit Beleidigungen zu überziehen. Sie hat offensichtlich eine Beziehung mit ihm und erfahren, dass er sich mit ihrer Schwester statt mit ihr vergnügt hat. Chuck spielt das Unschuldslamm: Er hätte die beiden verwechselt. Dann tritt die Schwester hinzu und es kommt nun zur Auseinandersetzung zwischen den beiden Frauen, die wie aus einer Männerfantasie entsprungen aussehen. Chuck weiß genau, wie er die Situation zu seinen Gunsten wendet. Er heizt die Eifersucht zwischen den beiden Schwestern an und fordert sie schließlich auf, sich zu küssen, um zu beweisen, welche von beiden experimentierfreudiger ist. Seine Kollegen stehen mit offenen Mündern hinter ihm und können ihren Augen nicht trauen. Eine Sirene unterbricht das Schauspiel, bevor es zum großen Finale kommen kann: Die Frauen lassen voneinander ab, die Männer müssen enttäuscht zum Einsatz eilen. Sie sind bei der Feuerwehr.

Der Beruf der beiden Protagonisten dürfte kaum zufällig gewählt worden sein: Zum einen werden uniformierte Männer in der Gay Culture immer wieder ikonisch aufgegriffen (man denke an die Village People), zum anderen verbindet man den Beruf mit genuin männlichen Attributen. Wie es hierzulande noch undenkbar scheint, dass sich ein Fußballprofi als homosexuell zu erkennen gibt, so sorgt das spätere, dem Zwang geschuldete Outing der beiden (das ja eigentlich keines ist) auch bei ihren Kollegen für die erwartbare Mischung aus Angst, Schnappatmung und Aggression. Doch die von der Masse gegen den Einbruch des „Unnormalen“ verteidigte Realität ist ja eh nur noch ein mühsam aufrechterhaltener Schein: Der schwarze Muskelprotz, den man für einen Gewaltverbrecher hält (Ving Rhames), folgt dem Beispiel seiner Kollegen, outet sich und tanzt dann vor den in Homophobie erstarrten Kollegen unter der Dusche ausgelassen zu Chaka Kahns „I’m Every Woman“. Der von Larry zunächst noch besorgt beobachtete Sohn, der sich nicht für Baseball, aber dafür für Tanz und Musicals interessiert, schlägt den Bully, der ihn als Weichling ausgemacht zu haben glaubt, mit einem beherzten Schlag ins Gemächt ganz einfach nieder. Und der der Promiskuität zugetane Prolet Chuck, der das Leben eines Westentaschen-Hugh-Hefners führt, wird später von allen als der weibliche Part in der Männerbeziehung ausgemacht – sehr zu seinem Entsetzen. Frauen entpuppen sich als Männer, Heteros als Homos – die Freundschaft zweier Männer gar als Liebe? Je länger Chuck und Larry ihre Täuschung aufrechterhalten, umso weniger scheinen starre Konstrukte von Sexualität und Geschlecht noch eine Entsprechung in der Wirklichkeit zu haben. Am Ende ist man fast etwas überrascht, wenn Chuck und Larry vor dem Kuss, den sie sich als Beweis der Echtheit ihrer Beziehung vor dem Gericht geben sollen, genauso wie die beiden Schwestern zu Beginn des Films unterbrochen werden, ihre Scharade auffliegt und sie zu ihrem alten Leben zurückkehren, anstatt als Paar zusammenzubleiben, vielleicht in einer Dreiecksbeziehung mit der feschen Anwältin Alex (Jessica Biel), die sich in Chuck verliebt hat. Aber auch so haben sich die einst fest gefügt geglaubten Verhältnisse im Film als immens durchlässig und nachgiebig erwiesen. Hetero, Homo: Alles völlig egal, reine Privatangelegenheit und nichts, was irgendwas über den Menschen aussagt. Letzten Endes nur Begriffe, die eine Denkblockade aufbauen, um uns daran zu hindern, die Schönheit im Gegenüber zu entdecken.

paul blart: mall cop (steve carr, usa 2009)

Veröffentlicht: August 14, 2013 in Film
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Paul Blart (Kevin James) möchte Polizist werden. Jahr für Jahr bewirbt er sich wieder und durchläuft die anstrengenden Tests, doch immer wieder macht ihm seine Hypoglykaemie, ein zu niedriger Blutzuckerspiegel, einen Strich durch die Rechnung. So reicht es für ihn bislang nur zum Sicherheitsangestellten in der örtlichen Mall: einer Aufgabe, der er, sehr zum Unverständnis seiner Kollegen, mit geradezu heiligem Ernst nachgeht. Das ist vor allem Kompensation: Seit seine Frau ihn mit der gemeinsamen Tochter sitzenließ, lebt Paul das einsame Leben eines unglücklichen Singles. Als er die Ladenbesitzerin Amy (Jayma Mays) kennenlernt, verliebt er sich Hals über Kopf, scheitert mit seinen ungeschickten Annäherungsversuchen jedoch kläglich. Pauls große Stunde schlägt, als Einbrecher die Mall in ihre Gewalt bringen und auch Amy als Geisel nehmen …

Dass ich Kevin James sehr lustig finde, hatte ich an anderer Stelle schon einmal geschrieben. Er ist kein großer Komiker, aber er hat es einfach raus, sich auf die Schnauze zu legen oder sonstwie zum Affen zu machen und dann dieses treudoofe Gesicht aufzusetzen, das fragt: „Warum lachst du? Es ist doch gar nichts passiert.“ Die pathologische Unbeholfenheit und tumbe Elefantenhaftigkeit des durchschnittlichen Durchschnittstypen, der insgeheim davon träumt, einmal so sexy wie die Stars im Fernsehen zu sein, hat er zur Kunstform erhoben. Ein Film mit ihm, in dem er 90 Minuten lang einfach nur hinfällt, gegen Hindernisse rennt und erfolglos coole Moves imitiert, die er irgendwo aufgeschnappt hat, hätte großes Potenzial. Leider hat er diesen Film bislang noch nicht gemacht. Stattdessen gibt es PAUL BLART: MALL COP, dem es nicht ausreicht, Menschen mit Lowbrow-Humor zum Lachen zu bringen, sondern der dann auch noch ein Drama und ein Actionfilm sein will. Die erste halbe Stunde liefert das, was ich mir von dem Film erhofft hatte: Paul, der seinen banalen Job zur herkulischen Aufgabe verklärt; Paul, der mit dem Segway herumfährt, wie Ben Hur im Streitwagen; Paul, der hinfällt und gegen Hindernisse prallt; Paul, der sich im Alkoholrausch zum totalen Horst macht. Das ist witzig, weil Kevin James diese dankbaren Slapstick-Einlagen mit einer gewissen Anmut und Würde versieht. Man erkennt sich wieder in Pauls Streben, größer auszusehen als er eigentlich sind, und in den traurigen Momenten, in denen ihn die Einsicht ereilt, dass er eben doch nur der übergewichtige Narr und mitnichten das Sexy Beast ist. Diese Selbsterkenntnis geht Carrs Film leider weitestgehend ab. Anstatt sich auf seine kleinen Stärken zu besinnen, versteigt er sich beim Versuch mehr zu sein als eine kleine, einfach gestrickte Komödie. Und der Film säuft dann auch ziemlich ab, als plötzlich die Verbrecher auftreten und der Film zu einer Art DIE HARD WITH A FAT GUY wird. Zugegeben: Szenen wie jene, in der sich Paul an die Schurken anschleicht und seine aus Actionfilmen abgeschauten Moves an der eigenen Fettleibigkeit scheitern, sind durchaus witzig, aber Carrs statische Inszenierung der fußlahmen Actionszenen raubt dem Film jedes Momentum, dass er gewänne, wenn er sich einfach nur auf James konzentrierte. Der Plan der Klischeeschurken – sie setzen sich aus Skatern und Parcoursläufern zusammen, sodass man immer wieder den Eindruck hat, in einem überproduzierten Youtube-Video gelandet zu sein – interessiert keine Sau, genauso wenig übrigens wie Pauls Triumph, weil Carr es einfach nicht versteht, Spannung und Thrill zu erzeugen. Der Showdown des Filmes erinnert dann eher an Bad Segeberg als an einen Hollywood-Film. Dieses Understatement hätte man möglicherweise sogar gewinnbringend einsetzen können, weil es dem Wesen Pauls entspricht. Aber dafür hätte man es stärker herausarbeiten und konturieren müssen. So, wie das hier präsentiert wird, wirkt es nicht gewollt, sondern lediglich nicht gekonnt.

Fünf Jahre ist es her, dass der Zoowärter Griffin (Kevin James) seiner Freundin Stephanie (Leslie Bibb) einen Heiratsantrag machte und abgewiesen wurde. Die Wunden sind seitdem immer noch nicht verheilt. Als er erfährt, dass sie vor der Ehe mit dem Proleten Gale (Joe Rogan) steht, sie ihm aber eine neue Chance geben würde, unter der Voraussetzung, dass er einen „vernünftigen“ Job ergreift, wird Griffin schwach. Die Tiere des Zoos, die ihren Pfleger sehr zu schätzen wissen, sehen seine Wechselgedanken mit Sorge und beschließen, zum Äußersten zu gehen, um ihn zu halten: Sie offenbaren ihm, dass sie sprechen können. Aber noch jemand möchte, dass Griffin bleibt: Seine Kollegin Kate (Rosario Dawson), die in ihn verliebt ist …

Jajaja, ich weiß. Ein Text zu ZOOKEEPER ist nicht dazu angetan, für die eigene Cinephilie und den erlesenen Geschmack zu werben. Ich hatte einfach Lust auf den Film, weil es für mich in einer bestimmten Gemütsverfssung nichts Lustigeres gibt, als dem „King of Queens“ Kevin James bei seinen shenanigans zuzusehen. Das simple Aufs-Maul-Fallen hat er zur Kunstform erhoben, er verleiht dem Durchschnittstypen, der einen wahren Rausch erlebt, wenn er dann mal über sich hinauswächst, ein Gesicht. ZOOKEEPER hat von den von mir erwarteten Slapstickeinlagen zugegeben weniger, als ich erhofft habe, macht diesen Mangel aber durch einige andere schöne Ideen wett. An vorderster Stelle ist hier natürlich die Synchronisation der Tiere mit einigen echten Superstars zu nennen: Sylvester Stallone spricht den Löwen, Cher seine Gattin, Adam Sandler gibt das freche Kapuzineräffchen und Nick Nolte den depressiven Gorilla. Das wertet diesen „Gebrauchsfilm“ deutlich auf, der mit Rosario Dawson zudem über ein Love Interest verfügt, dass ausnahmsweise einmal nicht in erster Linie brav und langweilig ist. Kevin James ist die Idealbesetzung für den gutmütigen Simpleton, der seinen eigenen Wert erkennt. Ein netter Film für zwischendruch. Und mir ein Rätsel, warum man Filme wie diesen so barsch verreißen muss, wie das wieder einmal passiert ist. Sprechende Gorillas mögen nicht der Gipfel der sophistication sein, aber man kann den feinen Herren ja auch mal zu Hause lassen, gell?

Das ganze Maß der in meinem Beitrag über JACK AND JILL beschriebenen Verachtung, die Adam Sandler vonseiten der US-Kritik entgegenschlägt, kann man der Rotten-Tomatoes-Seite zu GROWN UPS (Tomatometer: 10 %) ablesen. Mir fallen auf Anhieb nur wenige Filme ein, die in den letzten Jahren so einhellig so böse verrissen worden wären wie dieser hier (es erstaunt mich, dass sein IMDb-Rating so gnädig ausfällt). Ironischerweise zeigen diese Rezensionen aber vor allem eins: dass viele der vermeintlich professionellen, „seriösen“ Filmkritiker schon lange vor dem Verfassen ihrer Texte, nämlich bei der Betrachtung des zu rezensierenden Films scheitern, dass sie speziell bei Sandler mit breitem Arsch und bereits vorgefasster Meinung im Kino sitzen, fest entschlossen darauf, dem Star einen reinzuwürgen. Die Feder ist mit den entsprechenden, naheliegenden Argumenten schon geladen und ob sie nun auch noch auf den zu rezensierenden Film zutreffen, ist völlig zweitrangig. Dass Sandler das Ende des Kinos ist, ist eh Konsens, warum sich also noch lange mit Fakten aufhalten. Lieber einen gallesprühenden Verriss runterrotzen, an dem sich am Ende genau das zeigt, was man Sandlers Film fälschlicherweise vorwirft.

Knapp 20 Jahre ist es jetzt her, dass Lenny (Adam Sandler), Eric (Kevin James), Kurt (Chris Rock), Marcus (David Spade) und Rob (Rob Schneider) Jugendmeister im Basketball wurden. Als Erwachsene treffen sich die Fünf ausgerechnet zur Beerdigung ihres ehemaligen Meistertrainers wieder. Bis auf Marcus, der als Single dem Müßiggang frönt, haben sie alle eine Familie und führen ein von Pflichten und Verantwortung geprägtes Leben. Lenny ist Hollywood-Agent, wohlhabend, mit der attraktiven Modedesignerin Roxanne (Salma Hayek) verheiratet und mit drei Kindern gesegnet, von denen die beiden älteren mit „verwöhnte Wohlstandsblagen“ wohl treffend beschrieben sind. Erics vierjähriger Sohn hängt immer noch bei der überfürsorglichen Gattin Sally (Maria Bello) an der Brust, während die jüngere zu Wutausbrüchen neigt. Kurt ist Hausmann und leidet unter Gattin Deanne (Maya Rudolph) und Schwiegermama Ronzoni Sorgen und Nöte, die normalerweise Hausfrauen vorbehalten sind. Rob ist mit der gut 20 Jahre älteren Gloria (Joyce van Patten) lieert, hat drei gescheiterte Ehen und ebensoviele ausgeflogene Töchter hinter sich. Um die alten Zeiten zu feiern, verbringen die alten Freunde mit ihren Familien ein Wochenende in einem Haus am See und müssen sich dabei mit dem Gedanken abfinden, dass die Jugend lange, lange hinter ihnen liegt …

Es ist erschreckend, wie wenig die meisten Rezensenten in der Lage sind, diesen Film zu verstehen, vor allem, wenn man die Vorwürfe der Dummheit und Einfalt betrachtet, mit denen sie gegen ihn zu Felde ziehen. „In the end, the movie is about having no regrets.“, schreibt Connie Ogle vom Miami Herald über den Film, den sie für symptomatisch für eine von Mittelmäßigkeiten geschlagene Summer-Movie-Saison hält. Leider ist das falsch, denn es geht im Gegenteil sogar darum, sich mit eigenen Schwächen und Fehlern auseinanderzusetzen, um schließlich erwachsen zu werden. Die Industriepostille Variety interessiert sich eh nicht für Inhalte und weiß mit der Geisteshaltung eines Buchhalters und Statistikers zu berichten, dass GROWN UPS „delivers precious few laughs for the volume of sheer comedy talent on offer“, ganz dem Irrglauben erlegen, der Erfolg einer Komödie hänge von der Zahl der Lacher ab (davon abgesehen: ich habe sehr häufig gelacht). Joshua Rothenbaum fragt auf Time Out, ob es „would have been such a crushing blow to these stars‘ egos if they’d accomodated a little anxiety, instead of the typical lake-rope-swinging mishaps“ und bemerkt vor lauter vorgeschobenem Anspruch gar nicht, dass der Film zum einen durchaus „anxiety“ bietet – etwa in Lennys Angst, verwöhnte Kinder großzuziehen, in Kurts Klage, als Hausmann nicht wertgeschätzt zu werden, in Robs Geständnis, in seinen Ehen immer zu früh aufgegeben zu haben, in Erics Furcht, als Arbeitsloser von seinen Freunden nicht Ernst genommen zu werden, in Marcus‘ Unfähigkeit, ein geordnetes Leben zu führen –, zum anderen eigentlich auffallend arm ist an jenen typischen Slapstick-Einlagen, die er beklagt. Jeff Beck vom Examiner  macht wenigstens gleich zu Beginn seines einsichtsfreien Artikels klar, dass er ahnungslos ist, wenn er behauptet Dugans und Sandlers bisherige Kollaborationen YOU DON’T MESS WITH THE ZOHAN und I NOW PRONOUNCE YOU CHUCK AND LARRY seien „failures“, da kann man sich das Weiterlesen sofort sparen. Und die Filmnerd-Seite Filmdrunk mag einige humorvolle Schreiber am Start haben, aber leider niemanden, der sich mit Film auskennt. Wenn man GROWN UPS als schlechtesten Film des Jahres 2010 platziert, riecht das vor allem nach Revanchismus und dem Bedürfnis, Klicks zu generieren. Xan Brooks vom Guardian will sich gar nicht lange mit dem Film aufhalten und watscht ihn deshalb ab wie ein kleines Kind, nicht jedoch, ohne sich über die herablassende Art von GROWN UPS zu beschweren: Besonders gestört hat den Schöngeist, dass die Protagonisten des Films „pull disgusted faces at a sixtysomething woman on the basis that she is still sexually active and therefore so much more repulsive than the teenage hottie who fixes her car with her rear in the air“dabei übersehend, dass diese Frau innerhalb des Films zum einen durchaus als Sexualpartner ernstgenommen wird, der Ekel zum anderen in vollem Bewusstsein des eigenen unaufhörlich fortschreitenden Alters empfunden wird. In allen diesen Reviews (ich habe keine Lust mehr, weitere zu lesen) kommen ein fruchtbar beschränktes Verständnis der Gattung „Komödie“ sowie die völlige Unfähigkeit, zwischen den Zeilen zu lesen, zum Ausdruck, und kollidieren aufs Heftigste mit einem schon vor Jahren gefestigten Bild Sandlers, das man sich nur noch bestätigen lässt, anstatt sich von Vorurteilen freizumachen. Der vielfach beschworene Mangel an Plot ist die auffallende und herasuragende Stärke des Films, die vermissten Charakterisierungen braucht er nicht, weil wir diese Figuren dank der zigfach etablierten Personae ihrer Darsteller bereits in- und auswendig kennen. Die „bösartigen“ Beleidigungen, die immer wieder kritisiert werden, sind keine, vielmehr handelt es sich um das typische Necken, das unter männlichen Freunden so üblich ist. Dass nicht jeder One-Liner begnadetes Dialoggut ist, kommt dem Realismus des Films zu Gute. Elaboriertere Gags hätten den wunderbar flüchtigen, alltäglichen Eindruck, den Dugan gemeinsam mit seinen Stars beinahe mühelos etabliert, nur geschadet. Die Selbstverliebtheit Sandlers – er ist als Lenny Hollywood-Agent, hat eine Superfrau und kann auch noch Basketball spielen –, wird immer wieder als Argument gegen den Film herangezogen. Was keiner erwähnt, ist die Niederlage, die Lenny am Ende absichtlich herbeiführt, weil er den Underdogs einmal ein Erfolgserlebnis verschaffen will. Der ganze Film tut nichts anderes, als die Stars in vollem Bewusstsein ihrer etablierten Stellung über ihre Oberklassen-Scham sinnieren zu lassen. Irgendwo habe ich auch gelesen, GROWN UPS sei ein zynisches Alibi für Sandler gewesen, mit seinen Kumpels Urlaub zu machen. Das ist ja wirklich besonders schwachsinnig und populistisch: Als könne Sandler sich keinen richtigen Urlaub leisten, ja, als müsse er überhaupt noch arbeiten.

Ich habe GROWN UPS am vergangenen Wochenende gleich zweimal gesehen, einmal allein, einmal mit meiner Gattin, die ihn auch toll fand. Ich bin begeistert von ihm, weil ihm etwas gelingt, was in amerikanischen Filme sehr rar ist. Er ist wunderbar entspannt, konzentriert sich ganz auf das Miteinander seiner Protagonisten und befreit sich fast gänzlich von den Zwängen eines aufgesetzten Plots. Na klar, irgendwann muss es so eine Art Konflikt geben und eine Dialogszene, in der die eigentlich doch klar auf der Hand liegende Moral von der Geschicht noch einmal für alle verständlich ausformuliert wird. Aber Dugan und Sandler lassen keinen Zweifel daran aufkommen, wo das Herz dieses Filmes liegt. Es schlägt da, wo die Freunde einfach zusammen rumsitzen und Blödeln, wo sie alten Erinnerungen nachhängen oder sich ihre Sorgen anvertrauen, wo sie sich gegenseitig hochnehmen oder gemeinsamen Triumphen nachhängen. Dann riecht das trotz der Anwesenheit der großen Namen gar nicht mehr nach Hollywood-Bullshit, sondern wirkt sehr echt, klein und intim. Und die Clowns zeigen, dass sich hinter ihrer Maske Menschen aus Fleisch und Blut verbergen. Menschen, die mehr Herz und Seele haben, als ihnen das mancher nachsagt, der sich erst einmal die Augen untersuchen lassen sollte.