Mit ‘Kim Jee-Woon’ getaggte Beiträge

Von allen großen Actiondarstellern der Achtzigerjahre war Arnold Schwarzenegger der modernste. Während Kollegen wie Sylvester Stallone oder Chuck Norris mit heiligem Ernst und stoischer Miene ihren Dienst verrichteten und dabei an wiedergeborene Helden der Antike erinnerten, da positionierte sich „Arnie“ schon früh in ironischer Distanz zu sich selbst. Was zu Beginn aus der Not geboren war – als Quereinsteiger aus Österreich mit entsprechendem Akzent brachte er nicht die Mittel mit, um als Schauspieler wirklich ernstgenommen zu werden –, entwickelte sich bald zum Markenzeichen. Arnie war immer Arnie, ob er nun Conan, T-100, John Matrix oder Dutch hieß. Anders als Stallone, dessen Persona gewissermaßen ihre Apotheose in Rocky Balboa und John Rambo fand, verschwanden Schwarzeneggers Figuren hinter ihrem Star. So konnte Schwarzenegger auch außerhalb des Actionfilms erfolgreich sein (TWINS markiert den Komödienhit, um den sich Stallone umsonst bemühte) und seine Karriere in die Neunzigerjahre hinüberretten, das Jahrzehnt der Ironie, in dem seine einstigen Konkurrenten entweder gänzlich von der Bildfläch verschwanden oder aber deutlich an Popularität einbüßten.

Für seine Rückkehr auf die Leinwand nach rund zehnjähriger Abwesenheit (ein paar Nebenrollen und Cameos nicht mitgerechnet) durfte Schwarzeneggers Hang zur Selbst-Darstellung durchaus skeptisch stimmen: Im fürchterlichen THE EXPENDABLES 2 waren Schwarzeneggers Auftritte am schmerzhaftesten, zeigten die schlimmsten Auswüchse seiner Selbst-Ironisierung und -Mythologisierung. Ein ganzer Film davon wäre kaum zu ertragen gewesen. Erstaunlicherweise ist THE LAST STAND, der auch Kim Jee-Woons Hollywood-Debüt darstellt, keineswegs das Zeugnis einer triumphalen Rückkehr nach langer Abwesenheit, selbstbewusste Zelebrierung einer Leinwandlegende zu Lebzeiten oder Hollywoods kulturelle Hegemonie demonstrierender Event-Overkill, sondern vergleichsweise unaufgeregt und ruhig. Noch nicht einmal aus dem stattlichen Alter des Hauptdarstellers, das in den jüngsten Werken seiner ehemaligen Mitstreiter stets mitthematisiert wurde, möchte er eine große Sache machen. Und so verlässt sich der immer schon bildgewaltig inszenierende Kim Jee-Woon ganz auf seinen ikonischen Helden: Es reicht, Schwarzenegger im Sheriff-Outfit vor der Wüstenkulisse zu sehen, um die richtigen Assoziationen zu wecken. Beispielsweise: Western, Wayne, THE WILD BUNCH. Leben, Sterben, letzter Kampf. THE LAST STAND eben.

Ein bisschen mehr Aufregung hätte es dann aber doch ruhig sein dürfen. In den ersten beiden Dritteln, in denen letztlich bloß alle Parteien für den Showdown in Position gebracht werden, ist THE LAST STAND richtiggehend leer und damit auch ziemlich beliebig und langweilig. Summerton, das Provinznest in der Einöde, in dem Sheriff Ray Owens (Schwarzenegger) seinem verdienten Ruhestand entgegensieht, wird nie lebendig, nie entsteht diese symbiotische Bindung zwischen dem Ort und dem Protagonisten, die doch so wichtig wäre (und die beispielsweise in Mangolds COP LAND so wunderbar aufgebaut wird). Alle Nebenfiguren sind Klischees, die nicht mehr groß erklärt werden müssen, aber hier erfüllen sie kaum noch ihre Funktion als Klischees. Der Schurke schließlich ein Schurke nur seiner Reputation nach. In THE LAST STAND tut er eigentlich nicht mehr als wegzulaufen und sich den falschen Ort für die Grenzüberquerung nach Mexiko auszusuchen. Er hat keinerlei Präsenz, wohl auch, weil er fast den ganzen Film über in Bewegung ist. Wie er da in einem superschnellen Sportwagen seinem Ziel entgegenrast, an dem Sheriff Owens und Partner die Vorbereitungen zur Verteidigung treffen, weckt natürlich Erinnerungen an HIGH NOON. (Die nur sporadisch eingesetzten und deswegen wirkungslos verpuffenden Zeiteinblendungen tun ihr Übriges.) Aber viel eher illustriert seine Abhängigkeit von einer PS-Schleuder, dass er seinem Gegner, dieser Verkörperung unverrückbarer Gegenwart, nicht gewachsen sein wird.

All dieser schwerwiegenden Probleme zum Trotz findet THE LAST STAND im Showdown dann doch noch wie durch ein Wunder zu sich. Kim Jee-Woons bis dahin unauffällig im Dienste der Plotabwicklung stehende Regie trägt entscheidend dazu bei. Insgesamt mag sein Film flüchtig wirken, leicht und vergänglich, aber im Explodieren der Schüsse und dem Krachen ihrer Einschläge entwickelt er eine ungemeine Physis, eine Unmittelbarkeit, die nach dem beliebigen Auftakt fast erschreckt. Statt elaborierter Stunts und überdrehter Set Pieces setzt es einen furztrockenen Shootout nach dem anderen, keine durchchoreografierten Bullet Ballets, sondern kurze, heftige Duelle. Die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten ist die Gerade. Bumm, zack, another one bites the dust. Da merkt man dann auch, dass THE LAST STAND richtig toll aussieht. Supercrisp brennt die Sonne vom endlos blauen Himmel, macht die Konturen so scharf, dass es in den Augen schmerzt. Das Maisfeld, in dem sich die Boliden belauern, eine schöne Enturbanisierung des Finales von Walter Hills großartigem THE DRIVER. Und am Schluss, als sich der Drogenbaron Gabriel Cortez und Ray Ownes schließlich gegenüberstehen, auf einer provisorischen Brücke, die die Henchmen des Bösewichts für seine Flucht aus dem Boden gestampft haben, da sehen sie aus, wie in einen alten Western-Screenshot hineinretuschiert. Aber nur einer fühlt sich hier zu Hause. Das Zeug zum John Wayne hat Arnie, jetzt muss er nur noch seinen THE SEARCHERS machen (bis zu THE SHOOTIST hat er ja noch Zeit). THE LAST STAND ist eher TRUE GRIT, aber immerhin.

Filme aus Südkorea sind vor ca. zehn Jahren der heißeste Scheiß gewesen. Völlig unerwartet überwältigte uns das kleine Land mit Filmen wie SHIRI oder J.S.A. und ist heute neben Japan und Hongkong als wahrscheinlich drittstärkste Kraft in Südostasien etabliert. Leider jedoch musste man irgendwann feststellen, dass das südkoreanische Kino auch nur mit Wasser kocht und sich dem US-Kino doch ziemlich angenähert hat: Große, fett aussehende Produktionen, die das Publikum mit abgeschmackten, aber aufdringlichen Ideen ködern sollen, überwiegen. Kim Jee-woon ist ein perfektes Beispiel jener Filmemacher, die ihr großes technisches Vermögen immer wieder unter Beweis stellen, sich aber nun schon seit Jahren damit begnügen, im Grunde genommen aufgeblasene B-Filme zu machen. Für die Nerds scheint das zu reichen, wenn man sich die Bewertungen in diversen Foren oder auf Datenbanken durchliest. Ich finde, dass I SAW THE DEVIL kaum verbergen kann, dass die perfekt gestylte Oberfläche vor allem dazu da ist, zu verbergen, dass sich kaum etwas dahinter verbirgt. Wirklich schlecht fand ich ihn nicht, aber irgendwie fällt mir dazu trotzdem vor allem ein Begriff ein: Angeberkino. Meinen (vorletzten) Text zu den Fantasy Filmfest Nights 2010 gibt es auf F.LM – Texte zum Film zu lesen und zwar hier.

Horsemen (USA 2009)
Regie: Jonas Akerlund

Michael Bays Produktionsfirma Platinum Dunes produziert offensichtlich für den DVD-Markt und die Videotheken. Das Schlimme an diesem Serienkillerfilm ist nicht, dass er generisch und derivativ ist, sondern dass Bay anscheinend nach einem Patentrezept für generische und derivative Filme produziert. An HORSEMEN gibt es nichts, das auch nur annähernd auf ein ernsthaftes Interesse der Macher an ihrem Produkt schließen ließe, noch auch nur auf den Funken einer eigenständigen Idee.

Dead Snow (Norwegen 2009)
Regie: Tommy Wirkola

Der Funsplatter-Film ist das Äquivalent zu Heimatfilm und Volksmusik: Es ist nur dazu da, seiner Zielgruppe das Gefühl von Vertrautheit zu geben. Mit BRAINDEAD wird ein Film hofiert, der mittlerweile auch fast 20 Jahre auf dem Buckel hat und von dem man damals (leider) zu Unrecht behauptet hat, er sei der konsequente Schlusspunkt unter ein Subgenre. Im Gegenteil: Er dient immer noch als oberste Inspirationsquelle für Filmemacher (und Fans), für die Stillstand eine Tugend ist. Das Gegröhle im Kino und das monotone Mitklatschen im Musikantenstadl: Sie sind verschiedene Ausprägungen derselben Geisteshaltung. Fanboys, ich hasse euch!

Franklyn (Großbritannien 2009)
Regie: Gerald McMorrow

Das Bedürfnis, aus der Masse herauszustechen, treibt manchmal komische Blüten. Zum Beispiel in diesem eigentlich recht schönen Debütfilm, der daran krankt, dass man den Eindruck erhält, der Regisseur meine, etwas beweisen zu müssen. Etwas weniger verschwurbelt for its own good und FRANLYN hätte richtig gut sein können. So darf man auf den nächsten Film McMorrows gespannt sein, in dem er dann hoffentlich nicht mehr jede Idee unterbringt.

My Bloody Valentine 3D (USA 2009)
Regie: Patrick Lussier

Eine schlechte Idee (= das Remake eines seinerseits schon unoriginellen Kopisten eines Erfolgsrezept, das auch beim ersten Mal schon nicht besonderns originell war) wird auch dadurch nicht besser, dass man sie in 3D präsentiert. Nur die Augen tun mehr weh.

Deadgirl (USA 2008)
Regie: Marcel Sarmiento, Gadi Harel

Einer von zwei guten Filmen bei den diesjährigen Nights. Eine Prämisse, die bescheuert klingt, aber dann doch perfekt funktioniert, eine konzentrierte Umsetzung, die sich überflüssigen Firlefanz erspart, eine Aussage, die trifft, ohne dass sie sich aufdrängt. So muss gutes Genrekino aussehen. 

Splinter (USA 2008)
Regie: Tony Wilkins

So hingegen nicht. Welchen Sinn hat Monster- und Effektkino, wenn man Monster und Effekte „dank“ miserabler Bildführung und elender Wackelkamera gar nicht erkennen kann? Da helfen auch die guten Darsteller und der Verzicht auf Debilhumor, den man sonst aus dem Genrekino kennt, nichts.  

The Good The Bad The Weird (Südkorea 2008)
Regie: Kim Jee-Woon

Über 90 Minuten ist Kims stilistische Brechstangenmethode toll anzusehen, großes Adrenalinkino. Dumm nur, dass sein Film 140 Minuten dauert. Lieber nochmal Sergio Leones Original schauen und sich zeigen lassen, dass Stil und Design eben doch zwei verschiedene Paar Schuhe sind. Erster Merksatz für Actionregisseure: Bewegung ist relativ.

Book of Blood (Großbritannien 2008)
Regie: John Harrison

Aus Kurzgeschichten entstehen nur selten richtig gute Filme. BOOK OF BLOOD (nach Clive Barker) belegt dies perfekt: insgesamt nicht schlecht, recht ernst und durchaus atmosphärisch, aber zäh wie ein Kaugummi. Und als wollte er dieses Manko zum obersten Struktur- und Stilprinzip erheben, versäumt er gleich mehrfach den richtigen Zeitpunkt für das Ende.

Long Weekend (Australien 2008)
Regie: Jamie Blanks

Der beste Film des Festivals: spannend, zermürbend, vielschichtig, unvorhersehbar, beklemmend. Nach STORM WARNING mausert sich Blanks langsam aber sicher zum Spezialisten für dysfunktionale Mann-Frau-Beziehungen. Wer hätte das nach URBAN LEGENDS für möglich gehalten? Große Klasse.