Mit ‘Kim Novak’ getaggte Beiträge

Um über Filme wie diesen zu schreiben, habe ich dieses Blog eröffnet.

Ich bin total unvorbereitet an THE LEGEND OF LYLAH CLARE herangegangen, hatte vom Klappentext eine vage Vorstellung, worum es in dem Film geht, sonst aber nichts über ihn gelesen. Ich war sehr gespannt auf den Film (nicht zuletzt, weil ich ihn irgendwie mit Aldrichs THE KILLING OF SISTER GEORGE verwechselt habe, der als sein persönlichstes Werk gilt), doch die Sichtung gestaltete sich dann als etwas schwierig: Die im Rahmen der Warner Archive Collection erschienene DVD-R hat keine Untertitelspur, das Verständnis war also leicht beeinträchtigt, das langsame Tempo des Films und meine Feierabendmüdigkeit zwangen mich zudem dazu, ihn zweimal abzubrechen. Nicht ideal. Bis zu diesem Zeitpunkt empfand ich den Film zwar als merkwürdig, ohne jedoch wirklich benennen zu können, warum, aber keinesfalls auf eine besonders auf- oder gar ausfällige Art und Weise. Weil mich der nur halb gesehene Film nicht losließ, begann ich, die Trivia-Bits und Nutzerrezensionen auf der IMDb zu lesen – und war verblüfft. THE LEGEND OF LYLAH CLARE wurde von Aldrich selbst für seine nach dem großen Erfolg von THE DIRTY DOZEN gegründete Produktionsgesellschaft produziert: Er genoss gewissermaßen Narrenfreiheit. Der fertige Film „begeisterte“ die MGM so sehr, dass sie ihn als Camp-Film vermarkteten und sein Schicksal an der Kinokasse besiegelten. Heute genießt THE LEGEND OF LYLAH CLARE in den USA den Ruf eines Camp-Klassikers aus der Sparte „So bad it’s good“: Hartnäckig wird behauptet, der Film habe die Karriere von Kim Novak ruiniert (die gerade eine dreijährige Leinwandpause hinter sich gebracht hatte), zeichne sich durch lachhafte Dialoge, maßloses Overacting seiner Stars und missratene Kostüme und Make-up sowie fragwürdige Regieentscheidungen aus. Tatsächlich gab es während der Produktion einige Schwierigkeiten: Aldrich entschied sich in der Postproduction dazu, seine Hauptdarstellerin – ohne ihr Wissen – in jenen Passagen, in denen ihre Elsa Campbell in die Rolle Lylah Clares schlüpft, von einer anderen Darstellerin synchronisieren zu lassen und verleiht den Vorgängen so eine entschieden übersinnliche, surreale Note: Elsa scheint förmlich von Lylahs Geist besessen zu sein. Ein Aspekt, der aber auf der Handlungsebene nicht weiter thematisiert wird. Es sind solche Lücken, unbeantwortete Fragen und Ellipsen, die THE LEGEND OF LYLAH CLARE auszeichnen, ihm seinen eigentümlichen Reiz verleihen. Man kann diese Eigenschaft des Films – einen starren, unflexiblen Kunstbegriff vorausgesetzt – als Verfehlung, als Makel betrachten. Ich werde diese Haltung, mit der man einen Film, den man als absolut einzigartig erkannt hat, als „Trash“ bewerten kann, weil man ihn an irgendwelchen wie in Stein gemeißelten, apriorischen Standards misst, niemals begreifen. Steckt da eigentlich Masochismus dahinter, wenn man sein instinktives Gefallen mittels vorgeschobener Rationalisierungen schlechtredet? Aber zurück zu Film.

Der totkranke Produzent Bart Langner (Milton Selzer) hat eine Schauspielerin namens Elsa Brinkmann (Kim Novak) ausfindig gemacht, die der vor 20 Jahren unter mysteriösen Umständen ums Leben gekommenen Leinwandlegende Lylah Clare (Kim Novak) zum Verwechseln ähnlich sieht. Gemeinsam mit dem Regisseur Lewis Zarken (Peter Finch), der Lylah zum Star gemacht und sie geheiratet hatte und nun schon seit Jahren auf einen Erfolgsfilm wartet, plant er ein Biopic über die Verblichene. Zarken, dessen Haus mit zahlreichen Porträts Lylahs und ihrem seit ihrem Tod – ausgerechnet in der Hochzeitsnacht! – unverändert gebliebenen Schlafgemach an ein Museum erinnert, ist zunächst nicht begeistert, bis er Elsa kennenlernt und sie plötzlich mit der Stimme Lylahs spricht. Er nimmt die schüchterne junge Frau unter seine Fittiche, quartiert sie bei sich ein und unterweist sie darin, ein Ebenbild Lylahs zu werden. Nachdem er die Doppelgängerin einer neugierigen Meute von Presse- und Filmleuten vorgestellt und dabei einen öffentlichkeitswirksamen Eklat mit der mächtigen Klatschreporterin Molly Luther (Coral Browne) erzeugt hat, kann Zarken schließlich den cholerischen Produzenten Barney Sheean (Ernest Borgnine) als Geldgeber gewinnen. In sechs Monaten soll „Lylah Clare: Film Star“ in die Kinos gelangen. Doch ausgerechnet bei der so wichtigen Todesszene versagt Elsa und zwingt Zarken zur Improvisation …

THE LEGEND OF LYLAH CLARE basiert auf dem gleichnamigen Fernsehfilm, den Franklin J. Schaffner 1963 mit Tuesday Weld in der Doppelrolle der Elsa/Lylah inszeniert hatte, und knüpft in vielerlei Hinsicht an Aldrichs THE BIG KNIFE an. Beide Filme sind eine bittere Abrechnung mit dem Studiosystem und der Starmaschine Hollywoods, in beiden wird ein Schauspieler in den Tod getrieben, in beiden gehören eine Klatschreporterin und ein größenwahnsinniger Produzent zum Figureninventar und beide spielen über weite Strecken in einem ebenso luxuriösen wie gefängnisartigen Haus. Doch während THE BIG KNIFE ein dramaturgisch ebenso sauberer wie vorhersehbarer Film war, der seine Theaterursprünge kaum verbergen konnte, den Zorn seines Regisseurs quasi in Ketten schlug und ihn in geordnete Bahnen lenkte, ist LYLAH CLARE von Gift und Galle infiziert. Es ist ein düsterer, kalter, exzessiver, dann und wann berückend hässlicher Film. Er ist schwer und träge, leblos, tot beinahe, nur um sich dann wieder aufzuraffen und in bizarre Zuckungen zu verfallen wie Frankensteins Monster nach dem Blitzeinschlag. Er ist künstlich, gespreizt, fürchterlich melodramatisch, pompös und aufdringlich wie das bis in den letzten Winkel mit Abscheulichkeiten und verstaubten Erinnerungsstücken vollgestellte Haus einer alten Dame. Dann erinnert er wieder an das Notizbuch eines fleißigen und ambitionierten, aber nur mäßig talentierten und vor allem maßlosen Dichters: Das Geniale steht neben dem Bodenlosen, schlechte Einfälle rauben den guten den Platz, gute brechen durch die schlechten wie der Sonnenschein durch eine dunkle Front von Gewitterwolken, hier und da steht ein Kritzelei, die von jemand völlig anderem zu stammen scheint, als habe der Besitzer sein Büchlein mal kurz unbeaufsichtigt gelassen und ein Scherzbold sich darin verewigt. Doch man hat dabei seltsamerweise nie den Eindruck, Zeuge einer Zugentgleisung zu werden, eines Debakels, das nicht nur keiner zu verhindern wusste, sondern im Gegenteil durch übereifrige Mithilfe überhaupt erst verursacht wurde. Vielmehr ist das Chaos hier mit größter Perfidität und brutaler Gerissenheit initiiert: Aldrich inszeniert es mit der ruhigen Hand eines akribischen Komponisten, wiegt seine Schauspieler in Sicherheit, während er sie brutal auflaufen lässt, ringt der Kamera traumhafte Bilder unbeholfener Szenenabläufe ab, kleistert die Rückblenden in jene tragische Nacht mit unbeholfenen visuellen Effekten zu und beendet die Geschichte der Doppelgängerin in einer trotzigen Verweigerungsgeste, die auch nach mehr als 40 Jahren  noch ziemlich beispiellos für eine Hollywood-Produktion ist. Und zu alledem dudelt der Score von DeVol, als befände man sich hier nicht 130 Minuten lang im freien Fall, sondern in einer besonders gefälligen Folge von LOVE BOAT. Aldrich tut alles, um zu verhindern, dass man als Zuschauer vergessen könnte, nur in einem Film zu sitzen. THE LEGEND OF LYLAH CLARE ist wie ein lästiger Stein in einem sehr bequemen Schuh.

Und außerdem ein einziger Stilbruch: Nichts stimmt, aber alles ist richtig. Die überforderte Kim Novak in der Titel-Doppelrolle, die natürlich Erinnerungen an VERTIGO wecken soll, der für seine Rolle zu junge Peter Finch mit dem für die Rückblenden angeklebten Bart, mit dem er aussieht wie jener drittklassige Magier, dem sein Zarken den Nachnamen geklaut hat, die fleischgewordene Durchschnittlichkeit von Milton Selzer, dem man weder eine Alkoholsucht noch den Beruf des Produzenten, wohl aber einen Arbeitsplatz im Finanzamt zutraut. Die Figur der Lylah Clare, einer Amalgamierung zahlreicher Hollywood-Stars, die mit ihrem deutschen Akzent und der rauchigen Stimme vor allem an Marlene Dietrich erinnert und sich in den merkwürdigen Rückblenden als komplett wahnsinnig erweist. Und ihre Wiederkehr in Gestalt Elsas, deren Outfit aber mit jenen Dreißigerjahren, in denen Lylah erfolgreich war, nur wenig zu tun hat. Dann natürlich ihre „Besessenheit“ – was hat es damit eigentlich auf sich? – und Zarkens „Rückfall“, seine rätselhafte Eingebung, den Film in einem Zirkus, mit Lylah als Trapez-Künstlerin, zu beenden und Elsa dafür sterben zu lassen. Schließlich die bereits mehrfach erwähnten Flashbacks: Aldrich fängt sie in einem wabernden, verschwommenen Schwarzweiß ein, umrahmt sie mit einem roten Kreis, der in einer Ecke noch Platz für das Gesicht Elsas lässt, als deren Vorstellung wir das Gesehene begreifen müssen. Der Ton wird heruntergepitcht, das Spiel der Akteure weckt Assoziationen zu alten Slapstickfilmen der Stummfilmzeit und der Tod Lylahs wird begleitet von einem comicartigen Blutklecks-Effekt, der mitten in der größten Tragik wie ein Furzgeräusch daherkommt. Am merkwürdigsten ist aber der Ton des Ganzen: THE LEGEND OF LYLAH CLARE mutet seltsam selbstzufrieden und gelähmt an, ganz im Kontrast zu der giftigen Aussage Aldrichs. Der Film verströmt eine dekadente Atmosphäre, die längst nicht nur in seinem Sujet begründet liegt. Es wird nie ganz klar, ob man das Geschehen lustig, tragisch, fremdartig oder erschreckend finden soll: Meist ist THE LEGEND OF LYLAH CLARE alles auf einmal, sodass sich die Empfindungen völlig neutralisieren. Man schaut dem Treiben zu, man erkennt die Strukturen, die Motive, die Kritik, aber dennoch bleibt das alles fremd. Begünstigt wird das durch eine morbide Aus-der-Zeit-Gefallenheit: Sein Titelheld ist ein Star aus dem „Golden Hollywood“, die Handlung selbst 20 Jahre später, also mutmaßlich in den Fünfzigerjahren, angesiedelt, doch er spielt unverkennbar in den Sechzigern, einer Zeit, in der das Hollywood, das Aldrich porträtiert, eigentlich schon am Boden lag. Ein wenig erinnert LYLAH CLARE mit seinen vordergründig reichen und schönen Charakteren, dem leeren Luxus, mit dem sie sich umgeben, und ihren schwülstigen Dialogen an die überbordenden Melodramen eines Douglas Sirk, aber von denen ist nur noch das Gerüst geblieben, jede Emotion, die sie mit Bedeutung und Wärme auflud, ist einer resignierten Geste, der Kopie der Kopie von Gefühlen gewichen. Es gibt keine Liebe, noch nicht einmal Hass, nur Selbstbezogenheit und Gleichgültigkeit. Alle sterben, wenn sie nicht schon tot sind, obwohl sie gar nie lebendig waren. Furchteinflößend ist selbst die Hundefutterreklame, die den Film zum Schluss unterbricht: Nicht einmal die braven Vierbeiner  möchten niedlich in die Kamera jaulen, sondern blecken die Zähne und kläffen. Aldrich muss bei seinen Erfolgsfilmen in den Jahren zuvor wahrlich gelitten haben.

Und da sind wir dann wieder bei den Vorwürfen der IMDBler mit ihren genormten Vorstellungen davon, wie „gutes“ Kino auszusehen habe. „Gutes“ Kino: Das ist genau das, was Aldrich hier eben nicht machen wollte. Sein Film ist eine fulminante Abrechnung mit den stromlinienförmigen, massentauglichen, runtergedummten „Qualitätsfilmen“, die nur dazu da sind, von einer zahlungswilligen Masse im Halbschlaf wegkonsumiert zu werden, vorgefasste Ansichten zu bestätigen und zu zementieren. „,Films?‘ ,Films?‘ What the hell ever happened to movies? What do you think you’re in, the art business? I make movies, not films!“, sagt Sheean einmal, damit sehr deutlich zum Ausdruck bringend, wo seine Prioritäten liegen. THE LEGEND OF LYLAH CLARE behandelt die Unmenschlichkeit und Kunstferne Hollywoods nicht nur auf der Handlungsebene, er fordert seine Zuschauer geradezu dazu auf, aus dem oktroyierten Schubladendenken auszubrechen. Und dazu sprengt er jeden Bezugsrahmen. Nichts ist hier mehr sicher, nicht mal mehr die eigene Haltung zum Gesehenen. Vielleicht ist THE LEGEND OF LYLAH CLARE tatsächlich totale Scheiße, fehlgeleitet und misslungen. Vielleicht stimmt aber auch etwas mit unserer Wahrnehmung nicht mehr. Dann muss man darüber nachdenken, sich die Augen rauszureißen.