Mit ‘Konrad Georg’ getaggte Beiträge

stunden_hotel_von_st_pauli_das_2Ein drogenabhängiger Einbrecher wird zum Polizistenmörder und versteckt sich im titelgebenden Stundenhotel, in dem sich zur selben Zeit diverse Menschen aus den unterschiedlichsten Gründen einfinden. Darunter auch ein homosexuelles Liebespaar, von dem eine Hälfte nach einem Streit unter der Dusche von einem Unbekannten  brutal niedergestochen wird. Kommissar Canisius (Curd Jürgens) wird von seinem Chef, Polizeirat Dr. Marschall (Konrad Georg), zur Aufklärung des Falls abgestellt, obwohl er doch eigentlich ganz andere Sorgen hat: Sein Sohn ist bei einer Demonstration schwer verletzt worden und ringt auf dem Operationstisch um sein Leben.

Rolf Olsens St.-Pauli-Film, der letzte, der mir zur Komplettierung noch fehlte, fällt  schon optisch aus dem Rahmen des sonst doch sehr homogenen Subgenres heraus. Überwiegend in Studiokulissen entstanden, lässt er das die Filme sonst so stark prägende Lokalkolorit weitestgehend vermissen. Auch inhaltlich weicht er von der kolportageartigen Episodenhaftigkeit ab, die Jürgen Roland, Olsen selbst und einige andere Filmemacher, die dem Kiez einen Besuch abstatteten, als kongeniale Erzählform erkannt hatten. STUNDEN-HOTEL ist ein fast klassischer Whodunit mit deutlich kammerspielartigen Zügen. In jedem Zimmer des Etablissements halten sich meist zwei potenzielle Mörder auf und ihre Geschichten decken dann auch das Spektrum ab, das der St.-Pauli-Film sonst durchmisst: Da gibt es neben den bereits genannten eine ältere verheiratete Frau mit ihrem jungen Geliebten sowie dem später hinzustoßenden gehörnten Ehemann, ein Teenagerpärchen aus Diplomatenhause, eine lüsterne Singlefrau, die dem Gestöhne aus den anderen Zimmern zuhört, eine deplatzierte Touristenfamilie, eine Frau aus wohlhabendem Hause, die sich mit ihrem Gärtner vergnügt, einen Freier im Teufelskostüm und das französische Zimmermädchen, das seinen Freund zu Besuch hat.

Im Mittelpunkt steht aber natürlich Curd Jürgens, der sich in gewohnter Manier ins Zeug schmeißt, als ginge es um sein Leben. Am Anfang stößt er heftig mit seinem Sohn zusammen, als der ihm gesteht, auf eine Demo gehen zu wollen. „Berufsmäßiges Rabaukentum“ und „Respektlosigkeit“ wirft der Kommissar ihm mit bebender Entrüstung vor, aber dabei stillschweigend anerkennend, dass seine Wertvorstellungen und seine Autorität nicht mehr länger von Bestand sind. Später taumelt er mit stahlblauen, wässrigen Augen durch die ranzige Kulisse des Stunden-Hotels, lässt sich von Putzfrau Brigitte Mira einen doppelten Cognac nach dem anderen bringen und ruft immer wieder mit zitternder Stimme im Krankenhaus an. Die Operation seines Sohnes bietet Olsen willkommenen Anlass damals sicher spektakuläres Material eine Herz-OP einzu-schmuggeln. DAS STUNDEN-HOTEL VON ST. PAULI weiß seine exploitativen Motive deutlich schlechter zu verbergen als mancher andere St.-Pauli-Film und gleitet mit jeder Minute tiefer in die Gosse. Am Ende hat Jürgens dann noch einmal eine große Szene, als er in einer Telefonzelle die Kunde erhält, dass die OP erfolgreich verlaufen, sein Sohn am Leben ist. So wie er diese Nachricht aufnimmt, mag man sich gar nicht vorstellen wie er wohl im weniger glücklichen Fall zerflossen wäre.

DAS STUNDEN-HOTEL VON ST. PAULI ist der mit einigem Abstand schmierigste Film aus Olsens St-Pauli-Oeuvre und leider wohl dem unaufhaltsamen Verfall anheimgegeben. Die letzte bekannte Kopie ist vor Scham errötet, was auf dem Rechner in Verbindung mit der Muffigkeit des Settings durchaus Charme entfaltet, für eine eventuelle DVD- oder gar blu-Ray-Veröffentlichung aber nur wenig reizvoll ist. Ich verbreite hiermit die frohe Botschaft für jene, die diesen Film noch nicht gesehen oder vielleicht sogar noch überhaupt nicht von ihm gehört haben: Man munkelt, man könne ihn im Wald unter Steinen finden. Gehet hin und schauet und huldigt dem deutschen Kinogott namens Curd Jürgens!

Dass Internate nicht nur vor Frohsinn sprühende fliegende Klassenzimmer beherbergen, sondern im schlimmste Fall Brutstätten des Sadismus sind, weiß man seit der Schullektüre von Robert Musils „Die Verwirrungen des Zöglings Törless“. Auf dem Internat, das der Schauplatz von Vohrers SIEBEN TAGE FRIST ist, türmen sich nach den zunächst eher genreüblichen Schelmenstücken bald sogar die Leichen. Doch daran sind keineswegs Abiturstress, Versetzungspanik und Gruppenzwang schuld …

Vohrer zeichnet zunächst einen Schulalltag, der längst von einer unheilvollen Stimmung zersetzt ist. Alle, sowohl Schüler als auch Lehrer und sonstige Bedienstete, scheinen eine schwere Last mit sich herumzuschleppen, etwas zu wissen, was sie mit niemandem teilen können. Ein Name fällt dabei immer wieder, der des Schülers Kurrat (Arthur Richelmann). Der stammt, wie eigentlich alle, die die private Erziehungsanstalt für Jungen besuchen, aus gutem Hause und ist so etwas wie der Peer Group Leader der Schüler: Entweder man gehört zu seiner Gefolgschaft oder man hat nichts zu lachen. Nachts nimmt er „Kunden“ mit zu Lonny (Hilde Brandt), einer Dirne, die in einem Pfahlbau am Strand lebt und einen Deal mit Kurrat abgeschlossen hat. Der Hausmeister Muhl (Bruno Dallansky) hilft dem elitären Schüler, mit seinen „Kunden“ unbemerkt das Gelände verlassen zu können, hasst sich dafür selbst und erntet auch noch die Verachtung seiner Gattin (Karin Hübner). Die nächtlichen Ausflüge sind für Lehrer wie den zynischen Fromm (Konrad Georg) oder den hypernervösen Stallmann (Paul Albert Krumm) kein Geheimnis, aber sie halten still – aus unterschiedlichen Gründen. Der junge Lehrer Hendricks (Joachim Fuchsberger), neu an der Schule, will sich mit den Gegebenheiten nicht so einfach abfinden, doch auch er prallt mit seinen Fragen immer wieder vor eine Mauer aus Routine und Feigheit.

SIEBEN TAGE FRIST ist ein wendungsreich erzählter Kriminalfilm, der mehrmals einen ganz anderen Verlauf nimmt, als man vorhergesagt hat, und er steckt dabei ein thematisch weites Feld ab. Seinem Sujet entsprechend geht es natürlich um den ewigen Konflikt zwischen Jung und Alt, der hier nicht zuletzt auch eine sexuelle Komponente hat, zudem auch ein Klassenkonflikt ist. Die reichen Bengel wissen, dass sie im Grunde genommen Narrenfreiheit genießen, die Lehrer bloße Dienstleister sind, die bei Unzufriedenheit gnadenlos auf der Abschussliste landen. Diese Konstellation führt zu einer Stimmung, die nur mit einem brodelnden Dampfkessel zu vergleichen ist: Alle Erwachsenen stehen unter immenser Spannung, doch der Ausbruch kommt dann erstaunlich früh: Fromm verpasst Kurrat ein paar Ohrfeigen, nachdem sein Hund Opfer eines gemeinen Streiches geworden ist, und sieht sich einer Konferenz gegenüber, bei der auch Kurrat senior (Otto Stern) anwesend ist. Auch hier gibt es keine Klarheit, nur in vorauseilendem Gehorsam hingeworfene Entschuldigungen und Besserungsgelöbnisse des servilen Direktors (Robert Meyn), vielsagende Blicke und Sätze, die wie verklausulierte Drohungen klingen. Nach einem Vier-Augen-Gespräch zwischen Kurrat senior und Fromm, dem dann eine Unterredung zwischen Fromm und Kurrat junior folgt, bei der erster letzterem einen „bemerkenswerten Vater“ bescheinigt, wird es vollends seltsam: Kurrat junior verschwindet spurlos und während das Kollegium händeringend versucht, ihn ausfindig zu machen, um nicht die Polizei einschalten zu müssen, wird die in Form von Oberinspektor Klevenow (Horst Tappert) selbst vorstellig. Kurrat senior ist nämlich ebenfalls unauffindbar.

Mit dem Aufritt von Tappert verwandelt sich SIEBEN TAGE FRIST in eine besonders unterkühlte DERRICK-Episode, von denen Vohrer im Laufe der Siebziger- und Achtzigerjahre ja einige inszenieren sollte. Wie sein Münchener Kollege hat auch Klevenow seine helle Freude daran, die gutsituierten Bürschchen zum Schwitzen zu bringen, die ganze Scheinheiligkeit der Lehrerschar zu enttarnen und ihnen seine Verachtung schallend ins Gesicht zu klatschen, dass es nur so eine Art ist. Mit Trenchcoat, putzigem Hütchen und auf seiner stinkigen Zigarre rumkauend, wie es sonst nur Eastwood vermochte, sie dann und wann gar voller Zorn wegspuckend, wandelt er als deutsches Hardboiled-Monument durch den Film, ohne dessen Abgründigkeit dabei zu schaden. Und, meine Fresse, was für ein Finaltwist den Zuschauer da von den Füßen holt, ist kaum angemessen zu beschreiben, weshalb ich es auch lasse und stattdessen auf ein paar Details eingehen werde. SIEBEN TAGE FRIST hatte mich ja eigentlich schon mit seinen gelben Anfangscredits vor verschwommenen Impressionen kargen Wintergeästs und magentafarbenem Sonnenauf- bzw. -untergang, aber Vohrers Inszenierung und Ernst W. Kalinkes Kameraarbeit kreieren auch danach immer wieder einprägsame Szenen und starke Bilder. So zieht nach dem Striptease bei Lonny plötzlich ein Trupp Soldaten in weißen Winter-Tarnmänteln an der Baracke vorbei, werfen Armeefahrzeuge gespenstische Schatten an die weiße Holzfassade. Ein surreal anmutender Einwurf wie aus dem Nichts, eine gespenstische Vorahnung der nahenden Unheils. Lehrer Fromm fotografiert mit Vorliebe Eis- und Schneekristalle, was eine gespenstische Qualität annimmt, wenn man weiß, wie der Film endet. Arno Jürging, der einige Jahre später einen sehr begeisterungsfähigen Gehilfen Frankensteins in Paul Morrisseys CARNE PER FRANKENSTEIN spielte, gibt hier den ständig wie besinnungslos gackernden Internatsschüler Mangold und Petra Schürmann, die einstige deutsche Miss World, spielt die Lehrerin Gabert, die mit dem schnittigen Hendricks liiert ist. Der Fuchsberger-Besetzungscoup ist sehr clever, weil er doch auch ein wenig auf die falsche Fährte lockt. SIEBEN TAGE FRIST könnte man zunächst durchaus als moderne deutsche Wallace-Variation betrachten: Es gibt den abgeschlossenen Raum mit dem beschränkten Figureninventar, den „mondänen“ Hintergrund und dann das Verbrechen mit den zahlreichen Verdächtigen. Vohrers Film ließe sich ohne Frage als Whodunit charakterisieren, aber die Auflösung reicht dann weit über das hinaus, was das gemütliche Krimigenre sonst so hergibt. Die Schatten ragen – wie im Giallo oder im gothic horror – aus den Tiefen der Vergangenheit in die Gegenwart und legen sich dort eiskalt um die Opfer. Der Generationenkonflikt spielt sich in ganz anderen Dimensionen ab, als im albernen Katz-und-Maus-Spiel von Schülern und Lehrern. Und Fuchsbergers Hendricks, der strahlende, tadellose Held, kommt dem Geheimnis zwar auf die Schliche, aber man merkt, wie ihn diese Erkenntnis im tiefsten Innern frösteln lässt. Angesichts des Unfassbaren gibt es keine Souveränität. Deshalb habe ich SIEBEN TAGE FRIST auch einen Tag sacken lassen müssen. Wahnsinn.