Mit ‘Krimi’ getaggte Beiträge

Episode 72: Drei Brüder (Theodor Grädler, Deutschland 1974)

Der Besitzer eines Spirituosenladens stirbt nach einem Überfall auf sein Geschäft mit einer Schädelverletzung. Das Letzte, was er sagen kann, ist: „Der Jork war’s.“ Doch es gibt drei Jorks, die Brüder Albert (Horst Frank), Heinz (Ralf Schermuly) und Bertram (Manfred Seipold) und alle wollen zur Tatzeit zusammen in ihrer gemeinsamen Wohnung Skat gespielt haben. Bewegung kommt in die verfahrene Situation, als Keller und sein Team Spuren einer Frau in der Wohnung der Jorks finden: Offensichtlich war die Bardame Olga (Evelyn Opela) bei ihnen, als der Mord geschah. Zwar halten die Vier dicht, doch Keller weiß, dass er nur hartnäckig genug bohren muss, bis die Mitwisser umfallen.

In DREI BRÜDER wird der bereits 1973/74 einsetzende, schleichende Übergang zu DERRICK sehr evident, denn die Zermürbungstaktik, die Keller, Heimes und Grabert fahren, erinnert sehr an die Masche, die dem Oberinspektor später so oft zum Erfolg verhelfen sollte. Mit sichtlicher Schadenfreude hängen die Kriminalbeamten in der Nähe der Verdächtigen herum, ganz genau wissend, dass ihre bloße Anwesenheit reicht, um sie nervös zu machen. Und so ist es dann ja auch. Keller hat absolut Recht mit seiner Einschätzung: Der Schweigepakt, den die drei Brüder zusammen mit Olga geschlossen haben, ist für den Täter leicht zu halten, doch für die drei, die ihn decken müssen, wird der Druck irgendwann zu groß werden. Horst Frank ist, wie wir längst wissen, geboren für diese Typen, die nichts aus der Ruhe bringt, die geradezu dazu geboren sind, krumme Dinger zu drehen und die Polizei an der Nase herumzuführen. Und Ralf Schermuly steht hier noch am Anfang an einer langen Karriere, in der er wieder und wieder den schwitzig-nervösen Mörder spielen sollte. Dazu gibt es , gewissermaßen als Bonus, die bezaubernde Evelyn Opela, Wolfgang Völz als Barkeeper und Antje Weissgerber als trauernde Witwe, die den Jorks mit Kopftuch und Handtasche auflauert und sie immer wieder fragt „Haben Sie meinen Mann ermordet?“

****/*****

 

Episode 73: Tod eines Landstreichers (Jürgen Goslar, Deutschland 1974)

In der Nähe eines Gasthofes wird die Leiche eines Landstreichers aufgefunden, den man am Vorabend erschlagen und dann am Fundort abgeladen hatte. Keller und Co. machen drei Leidensgenossen des Mannes ausfindig – Kamann (Hans Schweikart), Pock (Klaus Schwarzkopf) und Lumm (Walter Kohut) -, die berichten, ihr Freund habe ein Huhn stehlen wollen und sei dann nicht zurückgekommen. Im Gasthof von Eberhard Scherf (Paul Dahlke) fällt nicht nur das seltsame Verhalten des Inhabers und seiner Familie auf, die auffallend geduldig mit den drei munteren Landstreichern sind, die hauseigene Metzgerei macht das Gebäude auch zu einem verlockenden Ziel für Hungrige.

Eine schöne Episode, die sich durch den unvorhersehbaren Verlauf, das muntere Zusammenspiel der drei Landstreicher Schweikart, Schwarzkopf und Kohut sowie den insgesamt verständnisvollen und versöhnlichen Tonfall auszeichnet, der einen schönen Kontrast zu Reineckers sonstigen Abrechnungen darstellt. Zwar gibt es wieder die bekannten Tricks und Wendungen, die Lügen und falschen Alibis, die zum Inventar der Serie gehören, aber letztlich ist der gesamte Fall vor allem hochgradig tragisch. Bei der Charakterisierung der drei Vagabunden und ihrem Rapport hat der Autor sich viel Mühe gegeben und die Akteure danken es ihm mit Darbietungen, denen man die Freude anmerkt, die sie dabei hatten, die Figuren zum Leben zu erwecken. In einer Nebenrolle ist Walter Sedlmayr zu sehen.

****/*****

 

Episode 74: Mit den Augen eines Mörders (Theodor Grädler, Deutschland 1974)

Die Schülerin Eva Wechsler (Susanne Uhlen) kommt nach der Schule nicht nach Hause. Am nächsten Tag findet man sie tot auf, erwürgt. Ihre Spur verliert sich nach einem Treffen mit ihrer besten Freundin (Simone Rethel), mit der sie an den Französisch-Hausaufgaben verzweifelt war. Hauptverdächtiger ist der Musiklehrer Voß (Michael Heltau), der für das Mädchen schwärmte – und seine Zuneigung wohl auch erwidert fand.

Was wäre DER KOMMISSAR ohne Altherrenschmier und unangenehme Ambivalenz? Hier ist es das Geständnis des Lehrer, zwar in Eva verliebt, aber sich doch der Implikationen doch bewusst zu sein. Er will warten, bis sie mit der Schule fertig ist und sie erklärt sich einverstanden. Das ist wahrscheinlich der nüchterne Weg, mit dem Problem umzugehen, aber so ganz zufriedenstellend ist das trotzdem nicht. Gleichaltrige jugendliche Liebespaare kommen bei Reinecker nur am Rande vor, dafür sehen sich die Mädchen bei ihm auffallend oft den Avancen älterer Herren ausgesetzt. Und natürlich sind es immer ganz besondere Mädchen, denen das passiert, damit wir auch die Zwickmühle verstehen, in denen sich seine verschwitzt-geilen Herren da befinden. Susanne Uhlen hat nicht viele Szenen, aber in einer davon wirft sie sich ihrem Lehrer angetrunken (selbstverständlich Whisky), mit verführerischem Schlafzimmerblick und kurzem Schulmädchenrock an den Hals, das kleine Luder. Ich finde diese Episoden mittlerweile ja fast am besten, weil sie die ganze Verlogenheit des Bürgertums und seine gähnenden Abgründe in den Vordergrund holen, ohne sich dabei selbst der Objektivität verdächtig zu machen. Es dampft und brodelt nur so.

****/*****

 

Episode 75: Im Jagdhaus (Gottfried Reinhardt, Deutschland 1974)

Im Sommerhaus der Familie Schenk wird ein Toter gefunden: Es ist Paul Schenk (Harry Meyen), der Bruder und Geschäftspartner von Alwin (Herbert Fleischmann): Er war in das Haus gefahren, um dort seine Schwägerin Eva (Ursula Lingen), mit der er ein Verhältnis hat, davon zu überzeugen, sich von ihrem Mann scheiden zu lassen. Neben den Töchtern Helga (Eleonore Weisgerber) und Sabine (Sabina Trooger) ist auch Barek (Klaus Herm) im Haus, ein Angestellter der Schenks, der sich dort ein Wochenende entspannen sollte.

Reinecker kopiert sich selbst, was nicht weiter schlimm ist, in diesem Fall aber besonders auffällig, schließlich liegt die Episode, bei der er sich großzügig bedient, „Domanns Mörder“ noch nicht allzu lang zurück. Hier wie dort zeigt eine feine Bürgerfamilie im Angesicht des Todes ihre hässlichen Seiten. Die Schenks – die davon ausgehen müssen, dass einer von ihnen der Mörder ist, und dies auch tun – decken sich ohne Zögern und schieben den Verdacht auf den armen Barek, dem der auf biedere Waschlappen abonnierte Klaus Herm seinen verdatterte Hundeblick leiht. Das ist durchweg unterhaltsam, ohne wirklich spektakulär zu sein. Am außergewöhnlichsten an der Episode ist wahrscheinlich der Score von Eugen Thomas, der dem lang Prolog eine ganz eigene Stimmung verleiht.

***/*****

 

Episode 76: Sein letzter Coup (Helmuth Ashley, Deutschland 1974)

Vor einem Polizeirevier wird en Toter abgeladen: Es handelt sich um einen bekannten Spitzel. Er hatte von einem „großen Ding“ erfahren, dass „Der Professor“ (Peter Lühr) nach seiner Haftentlassung plant. Zusammen mit seinen Leuten (u. a. Peter Vogel, Walter Buschhoff, Günther Stoll) will er einen Geldtransporter ausrauben. Keller und seine Leute finden heraus, wann das Ding steigen soll.

Eine schöne Abwechslung von den vielen bürgerlichen Eifersuchts-, Gier- und Affektmorden, die die Serie in dieser Zeit bestimmen und schon einen Vorgeschmack auf Reineckers modus operandi bei DERRICK ermöglichen. Hier also mal wieder eine richtige Milieugeschichte mit Berufsverbrechern, einem alternden Gentleman-Gauner, den mit Keller wenn schon keine freundschaftliche, so doch eine respektvolle Beziehung verbindet, und einem Nachtclub mit zitternder Garderobendame (Eva Pflug) und schwarzer Soulröhre, Gaststar Donna Hightower, die aber leider die hüftsteife Weißbrotversion von RnB mit ihrer Stimme begleiten muss. Keller und Kollegen stellen sich ziemlich dusselig an, vor allem Grabert, dem das Geld förmlich unter dem Hintern weggeklaut wird, macht keine gute Figur und am Ende ist es nur des Professors Kinderliebe, die ihm ein Bein stellt. Eine schöne Episode.

****/*****

 

Episode 77: Ohne auf Wiedersehen zu sagen (Jürgen Goslar, Deutschland 1974)

Ein junges Mädchen aus dem Ruhrgebiet wird tot in einer Münchener Kiesgrube aufgefunden. Sie war zusammen mit einer Freundin vor einigen Wochen von zu Hause abgehauen, mit dem Ziel Hamburg. Der Vater (Heinz Reincke) der – wahrscheinlich – noch lebenden Franziska stürzt sich mit dem Kommissar und seinen Leuten ins Schwabinger Nachtleben, nachdem sie den Studenten Achim Merk (Bernd Herberger) ausfindig gemacht haben, bei dem die Mädchen einen Monat lang untergekommen waren. Er scheint mehr zu wissen, als er zugibt,

Erneut eine schöne Milieuepisode, von Jürgen Goslar mit Drive inszeniert. Zum ersten Mal kommt auch Elmar Wepper als Harrys Bruder Erwin über die Statistenrolle hinaus. Die Szenen, in denen er mit Reinckes verzweifeltem Vater in diversen Schwabinger Kneipen und Nachtklubs abtaucht, atmen noch einmal den Hauch des deutschen Sleaze, den man aus dieser Zeit zu schätzen weiß. Super der Kommentar, als die beiden in einem zwielichtigen Etablissement namens „Podium“ landen: „Das ist ja mal ein eindeutiger Laden!“ Die Blicke der Schläger, Loddels und Nutten, die da rumstehen sind Gold wert und so verräterisch, dass sie auch Schilder mit der Aufschrift „Ich weiß was!“ tragen könnten. Reincke gibt alles, läuft „Franziska“ rufend und gegen die Türen polternd durch die Räumlichkeiten des Puffs und der rückgratlose Merk wird rehabiltiert, als er den Mörder (Wolfgang Wahl) in einem erbitterten Faust-und-Messerkampf bezwingt. Sehr putzig dabei der Moment, in dem das Licht erlischt und der Verbrecher – trotz erkennbar guter Sichtverhältnisse – blind herumtappt.

*****/****

 

Episode 78: Schwierigkeiten eines Außenseiters (Michael Braun, Deutschland 1974)

Helmut Domrose, Besitzer eines Schnapsladens im Erdgeschoss eines Merhfamilienhauses, wird von einem Einbrecher aufgeschreckt und totgeschlagen. Seine ungeladene Waffe sowie die Tatsache, dass der Täter durch eine Tür entkam, die eigentlich immer abgeschlossen ist, lassen eigentlich nur den Schluss zu, dass Domrose Opfer eines Anschlags wurde. Der Verdacht fällt schnell auf Theo Klinger (Raimund Harmstorf), einen Proleten, der mit dem Schnapsverkäufer im offenen Clinch lag, wegen seines lauten Motorrads bei allen Mietern verhasst ist und mit seinem alkoholkranken Vater zusammenlebt.

Harmstorf im Heinz-Klett-Modus macht die Episode. Mit Nickel-Sonnenbrille, kniehohen Stiefeln, Lederhose und Schlangenlederjacke über dem Unterhemd gibt er ein Bild für die Götter ab, dazu hat er für die bürgerlichen Langweiler in seinem Haus nur unverhohlene Verachtung übrig. Ganz anders ist er zu seinem Vater, einem ganz armen Tropf, den er in einer Superszene nach dem Schweinebratenessen unter den Armen packt und auf den Sozius seines Bikes hebt wie ein Papa seinen kleinen Sohn. Die Auflösung ist clever konstruiert, auch wenn die Identität des Mörders keinen, der die Serie von Anfang an verfolgt, überraschen dürfte. Mit Dirk Dautzenberg feiert ein Akteur seine Premiere, der später noch DERRICK bis in die Neunzigerjahre treu bleiben sollte.

*****/*****

 

Episode 79: Jähes Ende einer interessanten Beziehung (Theodor Grädler, Deutschland 1974)

Der junge Mann Strassner (Vadim Glowna) wird vor der Tür seines Mietshauses erschossen als er auf dem Weg ist, sich mit Studienrätin Kämmerer (Johanna von Koczian) zu treffen, mit der er ein Verhältnis hat.

Eine von Reineckers gesellschaftskritischen, progressiven Episoden: Es geht um die Doppelmoral, mit der die sexuelle Aktivität von Frauen, vor allem solchen in „respektablen“ Berufen, sozial geächtet, ja mit dem Aus bestraft wird. Die Lehrerin Kämmerer – die schöne Johanna von Koczian spielte ein Jahr später in zwei Episoden die Geliebte von Kriminaloberinspektor Derrick – und ihre Freundin Agnes Kremp (Doris Schade), Haushälterin eines Geistlichen, lassen sich auf ein Abenteuer mit dem deutlich jüngeren Strassner und seinem Kumpel Lobach (Klaus Löwitsch) ein – und fürchten anschließend um ihre Existenz. Strassner nutzt die Angst der Frau für sich, in dem er sie zu weiteren Treffen nötigt. Der Täter ist ein bürgerliche Beschützer der Moral, der es nicht akzeptieren mag, dass ein Gammler den Ruf einer geachteten Frau in den Schmutz zieht – natürlich ohne zu merken, dass es überhaupt erst diese Haltung ist, die ein nächtliches Sexabenteuer zu einem schandhaften Akt macht. Grädler inszeniert mit großer Sympathie und der richtigen Mischung aus Direktheit und Zurückhaltung und die Koczian ist einfach wunderbar.

*****/*****

 

Episode 80: Der Segelbootmord (Wolfgang Becker, Deutschland 1974)

Dr. Gerhard Reger (Peter Pasetti) hat sich von seiner Gattin Magda (Ruth Leuwerik) scheiden lassen und die deutlich jüngere Alexa (Gerlinde Döberl) geheiratet – sehr um Missfallen seines Sohnes Hans (Franz Winter), der in einem Internat am Starnberger See lebt. Bei einem Besuch des Vaters beobachten die beiden wie die junge Gattin mit dem Boot kentert – die Rettung für sie kommt zu spät. Reger ist sich sicher, dass seine Frau ermordet wurde. Und tatsächlich finden sich entsprechende Hinweise.

Eine gute, aber nicht besonders auffällige Episode. Am ehesten sticht das sonnig-vornehme Ambiente heraus, das schon deutlich im Kontrast zur Münchener Großstadt und den verrauchten Pinten darstellt, in die es Keller und seine Jungs sonst so verschlägt. Die sommerliche Stimmung wird vor allem von Ruth Leuwerik unterlaufen, die hier eine besonders kaltes Exemplar der Gattung Frau verkörpert. Am Schluss wird etwas gegen Scheidungen polemisiert und gegen Männer, die sich jüngere Frauen nehmen, aber das Augenrollen hält sich in Grenzen.

***/*****

 

Episode 81: Der Liebespaarmörder (Michael Braun, Deutschland 1974)

Die schöne Kellnerin Anita (Christiane Krüger) kann sich der Avancen der Männer in dem Lokal der Meringers (Claus Biederstaedt und Ruth-Maria Kubitschek), in dem sie arbeitet, kaum erwehren. Als ihr Freund Karl (Tommi Piper) sie abholt und zu einem abgelegenen Platz in den Wald zum Knutschen bringt, werden die beiden erst verfolgt und dann schließlich überfallen. Karl fällt dem Unbekannten beim Versuch, ihn zu verjagen, zum Opfer. Als Verdächtige kommen Kurt Meringer in Frage, der ein Auge auf seine Angestellte geworfen hatte, der Stammgast Korte (Jan Hendriks), der sich bei ihr immer wieder einen Korb abholte, und ihr Vater (Rolf Henniger), ein Künstler, der seine Tochter als Marienfigur malte.

Die Männer kriegen schön ihr Fett weg in dieser Episode, in der Biederstaedt mal wieder einen jener onkeligen Vergewaltiger spielt, die er drauf hat wie kein anderer. Gleich zu Beginn tratschen zwei ältere Herren über die scharfe Anita mit den langen Beinen und darüber, wie gut der Kerl es doch hat, der sie abholen darf. Hahaha, hohoho. Es ist das Grauen, vor allem weil die Frauen, allen voran die Meringer direkt danebenstehen und doch so behandelt werden, als seien sie gar nicht da.

****/*****

 

Episode 82: Traumbilder (Helmuth Ashley, Deutschland 1974)

Der Drogenabhängige Andreas Merkel (peter Chalet) wird auf offener Straße aus einem fahrenden Auto erschossen, Kommissar Keller beim Rettungsversuch verwundet. Der Junge war ein Freund von Martina Linnhoff (Sabine von Maydell), die vor einigen Monaten nach einem LSD-Trip in eine psychiatrische Anstalt eingeliefert werden musste. Die Spuren führen in einen Appartementkomplex des reichen Unternehmers Kremer (Paul Hubschmid), der hier offensichtlich nicht nur Drogen verkaufte, sondern das Mädchen auch an den alten Weinhändler Schamberg (Alexander Rolling) verscherbeln wollte …

Die Episode erinnert mit ihrer von einem schlechten Trip geschädigten jungen Frau etwas an die spätere DERRICK-Folge EIN TODESENGEL, nur dass sich das Ganze hier nicht zum Rachedrama, sondern zu einer relativ handelsüblichen Gangstergeschichte entwickelt. Harry Mayen spielt den Psychiater, DERRICK-Stammschauspieler Wilfried Lier den Hausmeister des Wohnkomplexes. Keller unterstützt aus dem Krankenhausbett, was Reinecker später ebenfalls bei DERRICK wieder aufgreifen sollte.

***/*****

 

Episode 84: Am Rande der Ereignisse (Theodor Grädler, Deutschland 1976)

Der Kunstexperte Dr. Zorn (Paul Edwin Roth) wird von einem unbekannten durch die Tür seines Hotelzimmers ermordet. Kurz zuvor hatte der der Hotelsekretärin Erna Gutmann (Maria Schell) einen Brief diktiert, mit dem er von einem Geschäftspartner mehr Geld für seine Arbeit einfordern wollte. Das Diktat wurde von einem Drohanruf unterbunden, nachdem der Mann die Sekretärin fortschickte. Kurz nach dem Mord erhält auch sie einen Drohanruf. Kommissar Keller ahnt aber schnell, dass sie etwas weiß. Die Spur führt zu der Kunsthandlung von Kampmann (Romual Pekny) und seinem Sohn (Werner Pochath).

Eine eher schwache Episode: Der Mordfall gibt nicht viel her und das Drehbuch verschwendet viel zu viel Zeit auf die Beziehung der Gutmann zu ihrer an Multipler Sklerose erkrankten Tochter (Gaby Fischer): Hier gibt es wieder die Überdosis Melodram um das hübsche Mädchen, dass in krasser Verleugnung der Tatsachen und mit leuchtenden Augen frohlockt, dass es bald schon wieder tanzen gehen werde oder beim Spaziergang schon fast wieder die Kirche erreicht habe. Und Erwin Klein (Elmar Wepper) ist natürlich zu Herzen gerührt ob dieser Unverdrossenheit angesichts eines schweren Schicksals. Der ganze Subplot hat letztlich keine andere Funktion als Maria Schells Figur ein Motiv für ihr Schweigen zu geben – sie bekommt Geld dafür, das sie gut gebrauchen kann – und krankt an übertriebener Gefühlsduselei als auch an mangelnder Sensibilität im Umgang mit solchen Themen (das zeigt sich auch in späteren DERRICK-Folgen, in denen es um Behinderungen geht). Der Showdown, in dem Erik Schumann auftritt, ist ganz nette, sonst bleibt da nicht viel. Selbst Pochath wird gnadenlos verschenkt. Ganz sicher einer der raren Tiefpunkte der Serie.

Achtung: Episode 83: Das goldene Pflaster (Wolfgang Becker, Deutschland 1975) ist aus rechtlichen Gründen nicht in der DVD-Komplettbox enthalten (es fehlt noch eine weitere Episode), vielleicht reiche ich die zu einem späteren Zeitpunkt nach.

**/*****

 

Episode 85: Warum es ein Fehler war, Beckmann zu erschießen (Michael Braun, Deutschland 1976)

Der Geldtransporter-Fahrer Beckmann (Dirk Dautzenberg) wird nach einem Überfall von den Gangstern um Koch (Hans Brenner) erschossen. Das hätte eigentlich nicht passieren dürfen, denn er war in die Planungen der Verbrecher involviert, sollte sogar mit einem Teil der Beute für sein Mitwirken entlohnt werden. Beckmanns Sohn (Jörg Pleva) führt Keller und seine Männer auf die richtige Spur. Und die führt von Koch geradewegs zum Bankdirektor Höringer (Will Quadflieg), der ein sehr seltsames Verhältnis zu seiner jüngeren Gattin (Alwy Becker) und seinem Sohn Erhard (Gerd Böckmann) pflegt …

Gute Episode, die neben dem interessanten Kriminalfall überdies mit einer tollen Besetzung aufwartet (neben den Genannten wirkt auch noch der immer gern gesehene Ulli Kinalzik als Verbrecher mit). Gleich zu Beginn läuft der Nummer-eins-Hit „Kung Fu Fighting“ (der mehrmals Anwendung findet) und in einer ultraschmierigen Nachtclub-Szene sorgt Michael Holms Schmachtfetzen „Tränen lügen nicht“ für die passende besoffen-rührselige EIn-Uhr-Nachts-Stimmung. Auch das Script ist hervorragend: Immer, wenn man glaubt, den Fortgang der Geschichte zu erahnen, gibt es eine überraschende Wendung. So ist dann auch nicht die Dingfestmachung von Koch entscheidend, sondern der sehr bizarr verlaufende Besuch von Brenner und Heines im Hause des Bänkers, bei dem vor allem Böckmann zu Hochform aufläuft und eine der verrotteten Großbürgerfamilien zum Vorschein bringt, auf die Reinecker sich dann bei DERRICK spezialisierte. Wenn es was zu mosern gibt, dann das die Auflösung nicht mehr wirklich etwas zusetzen kann – und das der gute Walter hier leider durch Abwesenheit glänzt.

****/*****

Episode 86: Ein Mord auf dem Lande (Theodor Grädler, Deutschland 1976)

Die erwachsenen Kinder des Wirtshaus-Besitzers Tolke (Walter Sedlmayr) – die Töchter Grete (Lis Verhoeven), Anni (Jutta Speidel) und Sohn Walter (Martin Semmelrogge) sowie Annies Freund Hans (Frithjof Vierock) – zittern jeden Abend, wenn ihr Vater den Laden betrunken abschließt, denn dann gibt es meist Schläge für sie. Auch an diesem Abend wird Tolke wieder übergriffig – doch am Ende liegt er selbst mit einem Beil erschlagen im Hof. Alle verdächtigen Hans, der vor Tolke nach draußen geflohen war, doch der schwört, mit dem Mord nichts zu tun zu haben. Der Nachbar Krüger (Werner Kreindl) tritt als Zeuge auf …

Dem Kriminalfall fehlt etwas der Pep, aber ich liebe diese bayrisch-zünftigen Gasthof-Settings mit Trachten tragenden Herren, die zu Blasmusik aus der Musikbox ihre Maß trinken. Ihren Wirt haben sie alle gehasst, weil sie wussten, dass er ein Schwein war, aber getan haben sie natürlich nichts – immerhin hat er ihnen das Bier verkauft. In einer schönen Szene hält einer der Trinkenden eine flammende Rede, wie gut es doch sei, dass Tolke jetzt endlich tot sei, verdient habe er es und das sei überhaupt kein Grund Trübsal zu blasen, woraufhin er demonstrativ die Musik anmacht. Das kann Keller natürlich nicht durchgehen lassen: EIn Mord ist durch nichts zu rechtfertigen, bellt er, und zieht den Stecker. Am Ende stecken hinter dem Mord ganz weltliche Motive, aber das kennt man von Reinecker ja schon.

***/*****

Episode 237: Nachtgebete (Theodor Grädler, Deutschland 1994)

Ulrike Berger (Monika Baumgartner), Angestellte im Nachtclub der Ganoven Cottbus (Robert Jarczyk) und Sacko (Hanno Pöschl), wird ermordet, weil sie „auspacken“ will. Vorher benennt sie den Kunsthistoriker Dr. Roth (Gerd Anthoff) als leiblichen Vater ihrer jugendlichen Tochter Marianne (Joschka Lämmert). Roth ist erstaunt: Zwar hat er die Berger bei einem Kuraufenthalt kennengelernt und sich mit ihr angeregt unterhalten, aber sonst war da nichts. Bei einem Treffen mit Marianne erlebt er, wie Cottbus und sein Schläger versuchen, das Mädchen aus der Wohnung zu prügeln. Er schaltet die Polizei ein und nimmt die Vormundschaft an. Doch damit zieht er den Zorn der Verbrecher auf sich …

So langsam erinnern die Serie und Derricks Funktion darin an den Michael-Landon-Heuler EIN ENGEL AUF ERDEN. Und zur angemessenen Bewertung müsste ich eigentlich ein neues Kriterium einführen: Als Krimiepisode versagt NACHTGEBETE auf ganzer Linie, es gibt auch keine inszenatorischen oder schauspielerischen Glanzlichter oder Kunststückchen zu bestaunen, stattdessen regiert die zu dieser Zeit typische Biederkeit. Dennoch geht von der Folge eine enorme Faszination aus: Es ist schon erstaunlich, auf welche dramaturgischen Irrwege sich Reinecker begibt, um seine Weltanschauung und Moralphilosophie unters Volk zu bringen. Er diagnostiziert einen Zustand allgemeiner „Gleichgültigkeit“ gegenüber dem nächsten, der sich dem Drehbuch zufolge auch in der Weigerung des Dr. Roth widerspiegelt, die Vaterschaft für ein ihm völlig unbekanntes Mädchen von einer flüchtigen Bekanntschaft unterjubeln zu lassen. Aber er wird von Engel Derrick ja dann doch auf den Pfad der Tugend geführt: In einer nur als bizarr zu bezeichnenden Wendung, nimmt der Historiker (der noch mit seine Mama zusammenwohnt) Marianne bei sich auf wie ein Heiliger, führt sie in sein Haus und konstatiert: „Hier wohnst du jetzt.“ Warum? Weil das langweilige Spießerleben zwischen ledergebundenen Wälzern die Nachtclubangestellte – wer bezahlt eigentlich deren Kur? – so nachhaltig beeindruckt hat, dass sie es als Zukunft für ihre Tochter herbeivisioniert, wissend, dass sie bald den ihren letzten Atem aushauchen wird. Die letzten fünf Minuten, in denen Dr. Roth und seine Familie im dunklen Haus das Auftauchen der Killer erwarten, sind sogar ganz spannend, beim Rest kann man nur den Kopf schütteln. Dafür gibt es aber eine der überzeugenderen Disco-Szenen in der an solchen nicht gerade reichen Serie und Hanno Pöschl, der mit weiß geschminktem Gesicht und rotem Pagen-Jackett Frauen versteigert.

****/*****

 

Episode 238: Abendessen mit Bruno (Alfred Weidemann, Deutschland 1994)

Die Unternehmer Mandy (Wolf Roth) und Martin Sasse (Sebastian Koch) haben ein Problem: Sie werden von ihrem Angestellten Simon (Thomas Schücke) erpresst: Dafür, dass er ihnen belastendes Material überlässt, will er Teilhaberschaft im Unternehmen. Es kommt zur Auseinandersetzung, bei der Sasse den Emporkömmling erschlägt. Den Mord schieben die Sasses – der Vater (Ernst Jacobi) und Martins Schwester Ingrid (Sosa Macdonald) – ihrem geistig behinderten Bruder Bruno (Phillip Moog) in die Schuhe. Derrick glaubt aber nicht an dessen Schuld und entlässt den jungen Mann zurück in die Obhut der Verräter …

Nach dem KAFFEE MIT BEATE nun also das ABENDESSEN MIT BRUNO. Mehr als an den Whodunit aus den Siebzigerjahren erinnert die Folge aber an eine andere und Reinecker macht sich noch nicht einmal die Mühe, das Vorbild zu Verschleiern: Einen geistig Behinderten namens Bruno gab es bereits schon einmal bei DERRICK und auch damals wollte dessen feine Familie ihm den Mord des Bruders in die Schuhe schieben, weil er sich nicht wehren konnte: Die Rede ist von ANSCHLAG AUF BRUNO von 1979, in der Dieter Schidor die Rolle des wehrlosen Tropfes übernahm. Wer DERRICK seit den Anfängen verfolgt, weiß bereits, dass die Serie in der Darstellung von psychischen Erkrankungen die Grenze zur Fantasy mitunter lustvoll überschreitet. Das ist auch hier so: Moog, der seine Popperfrisur gegen einen einem Behinderten offensichtlich angemesseneren Dreidollarhaarschnitt, die Barbour-Jacke gegen einen beigefarbenen Opablouson eingetauscht hat, interpretiert den Bruno als dumpf ins Leere starrenden, schweigenden Forrest Gump mit Teddybär. Seine Erkrankung bestehe darin, erklärt der Arzt (der ihn aus seiner Obhut entlässt, weil er seine Klinik schließen will, um sich anderen Dingen zu widmen!), dass Bruno „alles auf einmal“ wisse und verstehe. Möglicherweise sei er damit ja sogar gesünder als die vermeintlich „Normalen“. Der Kniff Derricks, den vermeintlichen Mörder zu entlassen, um so den Druck auf die von Schuldgefühlen geplagten Sasses zu erhöhen, ist ebenfalls alt: Das gab es schon einmal in der KOMMISSAR-Episode DREI BRÜDER von 1974. Weil Reinecker damals aber noch Krimis schrieb statt moralphilosophisch verquaste Kammerspiele, wurde die Kapitulation der Täter da glaubwürdig herbeigeführt. Hier verliert der Mörder schon am ersten Abend beim Anblick seines Bruders die Nerven und versteigt sich in eine peinliche Zornrede. Wie schon oben konstatiert: Als Krimi zum Vergessen, als Blick in die Reinecker’sche Gedankenwelt faszinierend.

****/*****

 

Episode 239: Katze ohne Ohren (Horst Tappert, Deutschland 1995)

Als Karina (Svenja Pages), die Freundin des Drogenhändlers Manfred Mauser (Peter Kremer) im Fernsehen ein Interview mit dem Physiker Kostiz (Karlheinz Hackt) hört, in dem dieser die Jugend dazu ermahnt, die drängenden Aufgaben zur Verbesserung der Erde anzugehen, verlässt sie ihren Partner. Wenig später wird er in seiner Tiefgarage erschossen.

Der Titel klingt wie ein frühes Draft einer Til-Schweiger-Erfolgskomödie, bezieht sich aber auf den Vortrag des Wissenschaftlers: In Südafrika habe er eine Frau gesehen, die eine Katze fütterte, der das Ozonloch die Ohren „weggebrannt“ habe. Das Bild hat den Mann so erschüttert, dass er darüber seinen Wissenschaftlerjob an den Nagel gehängt hat, um nun als Mahner und Aufrütteln durch Fernsehshows, Schulen und andere Einrichtungen zu tingeln und die Jugend an ihre große Verantwortung zu erinnern. Die Episode dieser Tage zu schauen, sorgt für ein interessantes Déjà-vu und erinnert zum einen daran, dass die letzten rund 25 Jahre in Sachen Klima- und Umweltpolitik leider ziemlich verschlafen wurden, zum anderen, dass man von Reinecker in dieser Phase seines Schaffens offensichtlich keine spannenden Fernsehkrimis mehr erwarten darf. Die Figur des Wissenschaftlers kann man vielleicht als Alter ego des Autors verstehen, der seine Tätigkeit als Erfinder von Kriminalfällen niedergelegt hat, um seine Zuschauer über den Status quo der Welt und des menschlichen Daseins zu ermahnen. So ehrlich das auch gemeint sein mag: KATZE OHNE OHREN steht sich bei seinem Anliegen mit ihrer bisweilen bizarren Weltfremdheit mehr als einmal selbst auf den Füßen. Da ist zum einen der Drogendealer Kremer, der freudestrahlend vom Treffen mit den „großen Bossen“ kommt und seiner Freundin mitteilt, dass sie ihm nun alle Münchener Schulen überlassen haben, aber in seiner Wohnung abgepacktes Heroin rumliegen hat und zum Verkauf schon einmal abgerissene Junkies wie Andreas Klausen (Robinson Reichel) bei sich begrüßt. Dann ist da der Wissenschaftler, der mit seiner Karriereentscheidung beruflichen Selbstmord begeht. Warum es der Betreiber einer Drogenklinik für eine gute Idee hält, einen Weltverbesserer vor Junkies darüber schwadronieren zu lassen, dass sie vor der Wirklichkeit wegrennen, anstatt die Welt zu retten, sei dahingestellt. Sehr rührend fand ich die Idee, dass Kostiz seine Vorträge auf Kassetten aufnimmt und dann kostenlos an seine Zuhörer verteilt. Das Geschäftsmodell scheint mir nicht wirklich durchdacht. Aber was weiß ich schon.

****/*****

 

Episode 240: Anruf aus Wien (Alfred Weidenmann, Deutschland 1995)

Babette (Sibylle Widauer), die Tochter des geschiedenen Ehepaars Bach (Peter Fricke & Jutta Kammann), wird entführt, die Entführer fordern eine Million DM. Panisch vor Sorge willigt Bach ein, ergreift bei der Lösegeldübergabe schließlich zur Waffe und erschießt den Boten. Bevor Derrick und Klein Bach festnehmen können, müssen sie aber erst noch eine Möglichkeit finden, Zeit zu gewinnen und die Entführer aus der Reserve zu locken. Sie holen Charlotte (Veronika Fitz), die Ehefrau des Toten, in ihr Boot und fordern sie auf, den Partnern ihres Mannes zu erzählen, er sei nach Wien gereits, um mit ihr dort ein neues Leben anzufangen, und sie erwarte seine telefonischen Instruktionen. Sie macht bei dem Spiel mit – aber wohl vor allem, weil sie im Schock glaubt, ihr Mann sei wirklich nach Wien gereist …

Die letzten Folgen waren ja schon viel, viel besser als das, was Reiencker uns sonst so im Jahr 1994 aufgetischt hatte, doch ANRUF AUS WIEN kommt einem Quantensprung gleich. Nicht nur, dass dem Mann nach gut drei jahrzehnten Fließbandkrimiarbeit noch einmal etwas Neues eingefallen ist: Die Folge ist tatsächlich sauspannend. Zunächst mal geht das alles sehr normal los: Es wird ein etwas zu harmonisches Papa-Tochter-Idyll gezeichnet und die Mama als Buhmann aufgebaut. Fricke zieht dann seine Masche durch und wird immer erratischer und panischer, während seine Ex-Gattin bemüht ist, die Nerven zu behalten. Richtig interessant wird das alles, als Derrick hinzustößt und seinen raffinierten Plan ausheckt. Reinecker zieht die Spannung hier sehr geschickt aus dem nicht zuletzt von Harry geschürten Zweifel, dass Charlotte begreift, was auf dem Spiel steht und mitspielt. Veronika Fitz ist toll als völlig abgeschaltete Gattin, die nach dem Schock der Todesnachricht in einen Zustand der Trance gerät und kurzzeitig Trost in dem von Derrick inszenierten Spiel findet. Aber der Zustand ist natürlich immens fragil: Bei jedem Anruf der Ganoven bei ihr erwartet man, dass sie aus ihrem Trancezustand aufwacht, sich verrät, die Täuschung auffliegen lässt und so den Tod des Mädchens verursacht. Clever gescriptet, gut umgesetzt, toll.

*****/*****

 

Episode 241: Ein Mord, zweiter Teil (Alfred Weidenmann, Deutschland 1995)

Der Gefängnispsychologe Dr. Grossler (Stefan Wigger) sucht Derrick auf: Rudolf Kollau (Wolf Roth), den Derrick vor sieben Jahren wegen des Mordes am Geliebten seiner Ehefrau Agnes (Gudrun Landgrebe) festgenommen hatte, steht kurz vor seiner Entlassung wegen guter Führung. Doch Grossler glaubt nicht an den trügerischen Frieden: Für ihn ist Kollau der „absolute Verbrecher“ und nur darauf aus, sich an seiner Ex-Gattin zu rächen, die mittlerweile mit dem biederen Beamten Arno (Edwin Noel) verheiratet ist und in dem Haus wohnt, das Kollau noch zur Hälfte gehört. Tatsächlich bittet er Agnes, seine Bücher bei ihr im Keller unterstellen zu dürfen, bis er eine Bleibe gefunden hat, doch dann steht er wieder vor ihrer Tür, bezieht erst einen Kellerraum und beginnt von dort aus seinen Keil zwischen die Eheleute zu treiben. Derrick sind die Hände gebunden. Was hat Kollau vor?

Reinecker klaut wieder beim Besten: sich selbst. In DER UNTERMIETER war es Peter Kuiper, der sich nach der Haftentlassung in der Wohnung seiner mittlerweile wieder verheirateten Ex-Freundin breitmachte und dabei unter anderem deren Untermieter drangsalierte. Hier wie dort wird Derrick von einem befreundeten Beamten auf den Schurken aufmerksam gemacht, ist der Neue an der Seite der Verflossenen vom Typus des Reinecker’schen Waschlappens. Den wesentlichen Unterschied markiert hier die Besetzung der Schurkenrolle, denn der großartige Wolf Roth legt seinen Eindringling nicht wie Kuiper als zudringlichen, bullyhaft-einschüchternden Gewaltmenschen an, sondern als intelligenten, äußerlich betont kontrollierten, innerlich aber brodelnden Psychoterroristen, dessen immenses Drohpotenzial fast auschließlich zwischen den mit einem süffisanten Lächeln ausgesprochenen Zeilen liegt. Und der Roth hat Freude an dieser Rolle, uiuiui. Er ist ja fast immer super, aber hier ist nahezu jeder seiner Auftritte zum Niederknien. Wenn er seine schlotternde Ex beim Frühstück mit dem Gatten stört und scheißfreundlich nach einem Kaffee fragt oder immer wieder fallen lässt, dass das Haus, das sie bewohnen, ja zur Hälfte ihm gehöre, spürt man den ganzen über die Jahre aufgestauten Zorn und die Freude, die ihm das Wissen verschafft, dass schon seine bloße Anwesenheit die beiden verrückt macht. Mit Derrick liefert er sich hingegen scharfe Wortgefechte, in denen er seine Verachtung für den Beamten nicht zurückhält: Derrick, sonst nie um eine schlagfertige, altersweise Antwort verlegen, wird hier auffällig wortkarg. Wenn es etwas zu meckern gibt – neben der Tatsache, dass die Episode ein Dreiviertelremake ist -, dann ist es wahrscheinlich das Ende. Die Idee ist zwar gut, aber trotzdem fühlt es sich ein bisschen wie ein Letdown an. Egal, Wolf Roth rockt!

*****/*****

 

Episode 242: Teestunde mit einer Mörderin? (Alfred Weidenmann, Deutschland 1995)

Der attraktive Roland Ortner (Thomas Kretschmann) ist auf dem Weg zu seiner attraktiven Geliebten Isabel (Christina Plate), die pikanterweise die Pflegerin von Rolands schwerkranker, schwerreicher, aber deutlich älterer Ehefrau Agnes (Ursula Lingen) ist. Bei seiner Ankunft ist Isabel tot, erschossen, und für Roland kann es keinen Zweifel geben, wer als einziger als Mörder in Frage kommt: seine Ehefrau, die ihm die Affäre einst zugestanden hatte, weil sie spürte, dass sie ihrem jungen Ehemann nicht mehr bieten konnte, was er brauchte.

Das ist eine reine Schauspielfolge, in der vor allem Ursula Lingen viel Raum erhält, um ihre würdevolle Grande Dame zu geben. Sie verfügt über große Präsenz, macht den Schmerz ihres Charakters greifbar, der spürt, dass seine grenzen- aber eben auch körperlose Liebe nicht mehr in gleichem Maße erwidert wird und deren Rettungsanker letztlich zur totalen Entzweiung führt. Thomas Kretschmann, Anfang 30 erst, aber bereits mit einigen nennenswerten Produktionen im Rücken, funktioniert gut als ihr deutlich weniger in sich ruhender, vor Lebenslust vibrierender Ehemann, der sich nach eigenem Bekunden von ihr hat kaufen lassen. Das wird leider zu wenig ergründet: Man erhält einen kurzen Einblick in ihre gemeinsame Vergangenheit, aber man erfährt nie, was der junge Mann an der Frau, die seine Großmutter sein könnte, fand. Die ganze Beziehung wird nicht richtig glaubwürdig, auch wenn sich die beiden Darsteller alle Mühe geben. Hinzu kommt der wenig spektakuläre Verlauf: Man weiß schnell, wer der Mörder ist und eine richtige Überraschung bleibt aus. Trotzdem: gehobener Durchschnitt, wie ich ihn mir gefallen lasse.

***/*****

 

Episode 243: Ein Mord und lauter nette Leute (Theodor Grädler, Deutschland 1995)

Die Geschäftsleute Kelpe (Sky DuMont), Bienert (Klausjürgen Wussow) sowie dessen Sohn Hans (Christoph Eichhorn) finden das Callgirl Ruth tot in ihrem Appartement. Alle drei Männer hatten eine Beziehung mit der Frau, zahlten ihr die Miete und ermöglichten ihr auch, ihre Schwester Lona (Julia Dahmen) auf ein Internat zu schicken. Derrick holt das junge Mädchen nach München und berichtet ihr, wer ihre Schwester war. Lona möchte unbedingt die Liebhaber Ruths kennenlernen und dabei helfen, den Mörder zu finden.

Das ist natürlich etwas, was Reinecker nicht versteht: Wie eine Frau sich mehreren Männern gleichzeitig darbieten kann, wie diese Männer sie auch noch untereinander teilen – und wie sogar deren Ehefrauen und Geliebte damit einverstanden sind, weil diese Ruth so ein wunderbarer Mensch war. Und weil er das nicht versteht – was ja vor allem sein Problem ist -, müssen diese Männer und Frauen ölig-verschlagene Schmierlappen sein, denen die falsche Betroffenheit nur so aus jeder Pore tropft – und eine(r) von ihnen natürlich ein Mörder, bei dem es mit der Polyamorie dann doch nicht so weit her war. Was grundsätzlich trotzdem ein Superansatz für 60 Minuten stimmungsvolle Unterhaltung wäre, wenn Reinecker nicht viel zu viel Gewicht auf die Trauerbewältigung der hübschen, aber langweiligen Lona legen würde. Sky DuMont spielt seine Masche runter, Klausjürgen Wussows onkelige Schmierigkeit wird vollkommen verschenkt. Gut, dass Christine Buchegger noch da ist, die Kelpes Sekretärin und Geliebte mit der devoten Strenge einer zärtlichen Domina versieht.

***/*****

 

Episode 244: Kostloffs Thema (Dietrich Haugk, Deutschland 1995)

Der selbsternannte Theaterinhaber, Schauspiellehrer, Stückeschreiber, Regisseur und Philosoph Kostloff (Gert Anthoff) führt die Polizei zur Leiche eines seiner „Schüler“ in einem Steinbruch, nachdem er ihn als vermisst melden wollte. In den Steinbruch schickte er seine Eleven, um ihre Stimme zu schulen. Derrick und Klein ist er damit sofort verdächtig: Und tatsächlich tut der selbstverliebte, von sich selbst überzeugte Sohn einer schwerreichen Mutter (Maria Becker) nichts, um diesen Verdacht zu zerstreuen. Im Gegenteil: Mit seinen seltsamen Theorien darüber, dass jeder Mensch ein Opfer sei und töte, was er liebe, liefert er sich gewissermaßen auf dem Präsentierteller. Nur Beweise gibt es nicht. Also liefert ihm Derrick einen Undercover-Beamten (Nikolaus Gröbe) als neuen „Schüler“ …

Das ist schwierig. Auf der Habenseite hat die Episode ein paar interessante formale Kniffe vorzuweisen, die ich in diesem Stadium von an Leichenstarre erinnernder Routine, in den die Serie zumindest inszenatorisch eingetreten ist, schon nicht mehr erwartet habe. Da dröhnt ein theatralischer Score über die rauschhaft-beknackten Monologe von Kostloff, gibt es eine mit Handkamera inszenierten Film-in-Film, wird das Finale im Steinbruch mit harten Schnitten zum Videoclip. Putzig ist wieder einmal Reineckers unverhohlen zur Schau getragene Verachtung für all diese Kunstfuzzis mit ihren überkandidelten Konzepten und Ideen: Wie schafft man es unter diesen Voraussetzungen, über 30 Jahre lang am Fließband Drehbücher zu schreiben, ohne sich selbst zu hassen? Das macht Spaß, das gefällt. Weniger sicher bin ich mir bei Gert Anthoff, der in der Serie sonst meist den Typus des bürgerlichen Waschlappens verkörpert, der mal positiver, mal negativer angelegt ist, und hier von der Leine gelassen wird. Er dreht ziemlich auf als Kostloff, stolziert wie ein Pfau in einer unglaublichen Hausjacke herum, trinkt Likör mit abgespreiztem Finger, schwadroniert, redet sich in Rage, zitiert Wilde, wedelt affektiert mit den Händen herum und umgarnt am Schluss den neuen Schüler in deutlich homoerotischer Intention. (Da fiel mir nach rund vier, fünf Jahren Derrick und 244 absolvierten Folgen zum ersten Mal auf, wie abwesend das Thema Homosexualität in der ganzen Serie ist.) Das finde ich prinzipiell gut, aber zum einen nehme ich Anthoff die Rolle einfach nicht ab, zum anderen ist dieser Kostloff als Figur – oder so, wie Anthoff ihn anlegt, viel zu comichaft für die Serie. Bei allem, was es zu kritisieren gibt, eins kann man KOSTLOFFS THEMA Nicht vorwerfen: dass die Episode langweilig oder routiniert wäre. Das gibt bei der Erstsichtung einen Bonus.

****/*****

 

Episode 245: Derricks toter Freund (Theodor Grädler, Deutschland 1995)

Arno Beckmann (Walter Renneisen), ein ehemaliger Kleinkrimineller, wird durch die Tür seiner Wohnung erschossen. Das Appartement hatte ihm die wohlhabende Martha Hauser (Christiane Hörbiger) zur Verfügung gestellt, eine platonische Freundin des Opfers. Wie Derrick herausfindet, hatte der auf Anraten seines Zellenkameraden, des Heiratsschwindlers Leo Körner (Jürgen Schmidt), Frauen angeschrieben, um an Geld zu kommen, das ihm aufgrund fehlender Ausbildung und mangelnden Selbstbewusstseins fehlte. Beckmann machte mit seiner Hilflosigkeit, aber auch mit seiner Offenheit nicht nur Eindruck auf Martha, sondern auch auf deren verheiratete Tochter Helga (Roswitha Schreiner) und ihre Freundin Ilse (Gertrud Jesserer). Alle drei Frauen hatte von ihren Männern nicht mehr viel Zuneigung zu erwarten.

Die irreführend betitelte Episode – Derrick kannte Beckmann gar nicht, fühlt sich ihm dann aber durch die Berichte der Frauen verbunden, eben als sei er ein Freund – macht aus dem traurigen Tropf das männliche Gegenstück zu all den unschuldigen weiblichen Zauberwesen, die vor allem in den Siebzigern regelmäßig die Köpfe alternder Männer in DER KOMMISSAR und DERRICK verdrehten. Beckmann ist in der Interpretation von Renneisen ein bemitleidenswerter Trottel, eine Art treudoofer Straßenhund, den man adoptiert, um ihn gesund zu pflegen, aber seine Unbedarftheit und Wärme öffnet ihm den Weg in die Herzen der Damen, die von ihren patriarchischen Männern keine Liebe mehr erfahren. DERRICKS TOTER FREUND passt zu Reineckers Altersthema der zunehmenden Vereinsamung, das im Zentrum dieser späten Jahrgänge steht, aber die Folge scheitert an Renneisen. Dass wohlhabende Frauen ihn als Sozialexperiment adoptieren, mag ja noch angehen, doch dass sich Roswitha Schreiner in diesen linkischen Hampelmann verliebt, sich auch eine körperliche Beziehung zur platonischen wünscht, ist dann doch etwas zu viel des Guten. Renneisen overactet gnadenlos und was liebenswert und unvoreingenommen wirken soll, wirkt tölpelhaft und peinlich. Es liegt an Traugott Buhre, der Marthas autoritären Gatten spielt, dass das Konstrukt halbwegs funktioniert. Wenn es Renneisen schon nicht gelingt, seinen Beckmann zur überirdischen Sympathiefigur zu machen, so schafft Buhre es, allen Hass auf sich zu ziehen. So ist die Episode kein Totalreinfall – und als faszinierender Blick ins vernebelte Oberstübchen von Sozialmärchenonkel Reinecker eh faszinierend.

***/*****

 

Episode 246: Eines Mannes Herz (Alfred Weidenmann, Deutschland 1945)

Der Geschäftsmann Ludwig Dalinger (Walter Schmidinger) sucht die Familie um Dr. Kirchheimer (Ralf Schermuly) auf: Die Tochter des Hauses war vor zwei Jahren spurlos verschwunden und Dalinger zeigt große Anteilnahme an ihrem Schicksal. Wenig später wirft er sich vor einen fahrenden Zug und in seinem Abschiedsbrief, der den Kirchheimers zugeht, erklärt er ihnen, dass er das Herz ihrer Tochter in der Brust trage. Der Mann hatte nach dem Engagement seines Geschäftspartners Bertram (Wolf Roth) ein neues Herz erhalten, für das offensichtlich ein junger Mensch sterben musste …

Kein echter Kriminalfall, weil der Mord an der Verschwundenen nicht geklärt wird, aber eine ziemlich faszinierende und spannende Geschichte. Im Unterschied zu vielen anderen von Reineckers offen „humanistischen“ Folgen, ist EINES MANNES HERZ ausnahmsweise mal nicht gnadenlos verlabert und moralinsauer, sondern tatsächlich involvierend und bewegend. Das Schicksal sowohl der Kirchheimers als auch Dalingers lässt nicht kalt, wird durch die Leistungen der Darsteller nachvollziehbar und greifbar. Und der Verzicht auf einen Schurken, der alles Übel dieser Welt verkörpern muss, tut der Sache gut. Bertram, der der Anforderung an einen Bösewicht noch am ehesten entspricht, ist eigentlich auch ein armes Schwein, das nicht wusste, dass seine Bemühungen, das Leben seines Freundes zu retten, zum Tod eines anderen führen würden. Das Schlussbild, das ihn zeigt, wie er mit einem Phantombild des vermeintlichen Mörders die Gäste eines Münchener Nachtclubs anspricht – zuvor hatten wir erfahren, dass er sein Geschäft aufegegeben habe und nicht mehr erreichbar sei – ist gleichermaßen tragisch wie bewegend und eine schöne Abwechslung zum sonst vorherrschenden Reinecker’schen Pessimismus.

*****/*****

 

Episode 247: Dein Bruder, der Mörder (Hans-Jürgen Tögel, Deutschland 1995)

Musterknabe Randolf Basler (Holger Handtke) hat Scheiße gebaut: In seinem Bett liegt eine tote Prostituierte. Seine patente Löwenmutter (Eva Kotthaus) will die Zukunft des Sohnes um jeden Preis retten, also überredet sie dessen Bruder Hubert (Peter von Strombeck), die Leiche mit ihr gemeinsam wegzuschaffen. Anstatt sie aber einfach irgendwo abzuladen, legt Hubert sie sorgfältig vor ihrer Haustür ab und sucht gleich am nächsten Tag die Familie der Toten auf. Dabei erfährt er, dass sie eine von den Großeltern unerwünschte Tochter hinterlässt, um die sich nun Vera (Carin C. Tietze), die Schwestern der Toten, kümmern muss. Hubert bietet ihr seine Hilfe an und zieht so die Aufmerksamkeit Derricks auf sich, der großes Interesse an dem Mann zeigt, weil er spürt, dass er mit dem Mord zu tun hat. Das gefällt Randolf natürlich überhaupt nicht …

Die Episode passt zu Reineckers humanistischer Mission. In Folge um Folge proklamiert er die Gleichgültigkeit gegenüber dem anderen als das Übel unserer Zeit, das sich in DEIN BRUDER, DER MÖRDER wieder einmal darin niederschlägt, dass Mutter und Sohn für sich entscheiden, dass seine Zukunft wichtiger ist als die Gerechtigkeit, eine Prostituierte letztlich niemand vermisst und seine Tat am Ende nur ein Unglück war, für das man ihm die Zukunft nicht versauen sollte. Mitgefühl: Fehlanzeige. Hubert, als „Versager“ apostrophiert, kann und will da nicht mitgehen: Er spürt eine Verantwortung für die Tote und das Bedürfnis nach Wiedergutmachung. Die Sympathien sind klar verteilt, auch weil Holger Handtke und Eva Kotthaus in ihren Rollen nahezu ohne positive Eigenschaften auskommen dürfen. Man kann kaum etwas gegen die Konstruktion der Episode sagen, die wieder ein bisschen an die Anfangstage der Serie erinnert, aber ohne den Furor auskommen muss, den Derrick damals noch an den Tag legte. Reineckers Hauptaugenmerk liegt auch nicht mehr bei den Schurken und ihrer Überführung durch den Kriminalbeamten, sondern beim Altruismus des Bruders. Weil seine Wohltätigkeit aber weniger aus einem Schuldgefühl hervorgeht, sondern beinahe instinktiv aus ihm kommt, und wir als Zuschauer bemerken, in welche Gefahr er sich damit begibt, ist die Folge dann doch recht spannend.

****/*****

 

Episode 248: Die Ungerührtheit der Mörder (Helmuth Ashley, Deutschland 1995)

Professor Weiland (Wolf Roth), Lehrer einer Abiturklasse, ist fasziniert vom Mord und was er in unserem Gehirn anstellt. Für einen Aufsatz lädt er den soeben aus der 15-jährigen Haft entlassenen Frauenmörder Ali Klais (Michael Mendl) in die Schule ein, damit seine Schüler ihm Fragen stellen können. Die Begegnung mit dem ungerührten Mann hinterlässt einen starken Eindruck bei den jungen Leuten und sie suchen ihn nach Schulschluss in der Kneipe auf, in der er kellnert. Auch an der Polizeipsychologin Sophie Lauer (Marion Kracht), die als junges Mädchen Opfer einer Vergewaltigung war, gehen die Worte Klais‘ nicht spurlos vorbei. Als Klais erschossen wird, befürchtet Derrick das Schlimmste …

Im Zentrum der Episode steht ein interessantes Spannungsverhältnis, das auf Erzählebene aber leider nicht wirklich zufriedenstellend eingebunden wird: Mir ging als Betrachter das Messer in der Tasche auf angesichts der Selbstgerechtigkeit, mit der Weiland den völlig verstörten, intellektuell deutlich unterlegenen Mörder vorführt und die Schüler dann mit ihrem begrenzten Weltbild auf ihn einprügeln lässt, und auch Derrick und Klein sind zu Recht angewidert von dem Schauspiel. Zum Teil wird der moralische Furor der Schüler aber durch die angebliche „Ungerührtheit“ Klais‘ gerechtfertigt: Er zeigt weder Reue noch ist er überhaupt in der Lage, seine Tat annähernd zu reflektieren. Dem Drehbuch nach zu urteilen, soll das tatsächlich auf seine Gleichgültigkeit gegenüber fremdem Leben schließen lassen, auch wenn eine andere Erklärung angesichts der Situation, in der er sich befindet, ja viel naheliegender scheint: Nach 15 Jahren Haft eben erst auf freiem Fuß (er wird von Weiland am Knast abgeholt und direkt in die Schule gebracht) sieht er sich als „Ausstellungsstück“ einem Tribunal gegenüber, das von dem völlig unvorbereiteten Mann nicht nur Auskunft über längst vergangene Gefühle und Gedanken, sondern sogar eine Art erneutes Schuldgeständnis einfordert. Dass die Jugendlichen mit der Situation ebenso überfordert sind wie er, ist verständlich (passenderweise erklärt ihnen der von der Begegnung mit dem Mörder geradezu berauschte Lehrer, was sie zu denken und am besten auch zu schreiben haben), aber dass eine Polizeipsychologin nicht in der Lage ist, einen Schritt zurückzutreten und ihre eigenen Befindlichkeiten außen vor zu lassen, disqualifiziert sie eigentlich für ihren Beruf. Abgesehen von der interessanten Ausgangssituation gibt die Folge leider sonst nicht viel her. Aber sie ist auch kein Schuss in den Ofen.

***/*****

 

Episode 249: Herr Widanje träumt schlecht (Alfred Weidenmann, Deutschland 1995)

Herr Widanje (Henry van Lyck) wird vor seinem Haus erschossen. Der Mann pflegte einen ausgeprägten Vergwaltigungs-Fetisch, den er auch vor seiner Gattin (Eleonore Weisgerber) nicht verheimlichte und den er dann auch aktiv auslebte. Kergal (Edwin Noel), Vater der jungen Dina (Julia Brendler), die Widanje zum Opfer fiel, zog die Anzeige zurück, weil der Unternehmer ihm im Gegenzug einen Arbeitsplatz in seiner Firma anbot. Zu den Verdächtigen gehören außerdem Agnes Voss (Gudrun Landgrebe), die Therapeutin von Widanjes Gattin, sowie der junge Staatsanwalt Dahlau (Philipp Moog), der ein Foto von Dina auf dem Schreibtisch stehen hat, um das ungesühnte Verbrechen nicht zu vergessen …

Ich habe mich noch nicht so recht zu einer echten Einschätzung dieser Episode durchringen können, die einige interessante Elemente und Details aufweist – hier wären einmal die schwarzweißen Behandlungsvideos zu nennen, die Dr. Voss Derrick von ihren Patienten vorführt – und damit überrascht, dass der Mord am Ende nicht aufgeklärt werden kann. Das Problem ist, dass sie keinen echten Drive entwickelt. Nicht dass, die Serie zu diesem Zeitpunkt sonst ein Ausbund an Spannung und Intensität wäre, aber Weidenmann gelingt es einfach nicht, die verschiedenen Ansätze hier unter einen Hut zu bringen und seine Story so geradlinig zu entwickeln wie das nötig wäre. Am Ende macht sie einen etwas überladenen, ungeordneten Eindruck und sie steht sich dabei selbst im Weg. Was schade ist, denn eigentlich hat die Prämisse großes Potenzial, das man aber nur hier und da aufblitzen sieht.

***/*****

 

Episode 250: Mitternachtssolo (Helmuth Ashley, Deutschland 1995)

Arthur Bolz (Edgar Walther), der Inhaber eines Nachtclubs, wird von seinem Geschäftsführer Prasko (Winfried Glatzeder) erschossen, als er ihn der Unterschlagung von Geldern bezichtigt. Bevor Prasko und seine Mitarbeiter die Leiche fortschaffen können, werden sie vom Nachtwächter Randel (Udo Samel) erwischt. Der sieht seine große Chance: Doch er will kein Geld für sein Schweigen, sondern Praskos Ehefrau Inge (Susanne Uhlen) …

Die Standard-Ausgangssituation nimmt mit Randels Forderung leider keine Wendung ins Bizarre, sondern in ein wenig überzeugendes Melodram: Natürlich verliebt sich Inge, deren Ehemann ein absolutes Arschloch ist, in den biederen Nachtwächter, weil der echtes Interesse an ihr zeigt. Ein Happy End darf es aber nicht geben, weil sich Inge wie einst Winnetou in einen auf Old Shatterhand Randel abgefeuerten Schuss wirft. Derrick guckt drein, als wollte er sagen: „Kinders, was macht ihr immer nur für Sachen.“ Glatzeder ist gut als schwitzender Schurke, aber die Episode ist nicht mehr als unterer Durchschnitt.

**/*****

 

Episode 251: Die zweite Kugel (Horst Tappert, Deutschland 1996)

Johannes Kahlert (Dirk Galuba) erpresst Schutzgeld von italienischen Gastronomen. Veronese (Peter Bertram) weigert sich zu zahlen, also schickt Kahlert seinen Laufburschen Valentino (Götz Hellriegel), um ihn einzuschüchtern. Der nimmt seinen Freund mit, Kahlerts Sohn Konrad (Oliver Hasenfratz). Im Gasthaus des Opfers kommt es allerdings zu einem Schusswechsel, bei dem Konrad durch eine Kugel am Arm verwundet wird und Veronese daraufhin erschießt. Weil er medizinische Versorgung benötigt, aber nicht riskieren kann, dass die Schusswunde der Polizei gemeldet wird, wendet er sich an den Priester Figges (Philipp Moog), um vor diesem die Beichte abzulegen und somit auf das Beichtgeheimnis bauen zu können. Tatsächlich erklärt sich der Pfarrer bereit, einen Arzt (Lambert Hamel) zu organisieren, der dichthält. Derrick kommt der Sache schnell auf die Spur, aber er möchte den Täter identifizieren, ohne den Pfarrer zum Verletzen des Beichtgeheimnisses zu zwingen.

Vielleicht ist diese Folge die ultimative Neunziger-DERRICK-Episode: Philipp Moog spielt einen Pfarrer und Derrick agiert als Hebamme der Wahrheit mit Respekt vor einem heiligen Gelübde. Erzählt wird in getragenem Tempo, alle Schauspieler sind mit großem Ernst bei der Sache, der sich in einer respektvollen Behutsamkeit niederschlägt, so als hätten sie Angst, Reineckers fragile Prosa könne sonst zerbrechen. Selbst Galuba, sonst der verlässliche Mann fürs Grobe, reißt sich sichtlich am Riemen: Anstatt seinem dämlichen Sohn gründlich den Arsch zu versohlen, schluckt er den Ärger herunter. Heraus fällt allerdings eine Actionszene, wahrscheinlich eine von insgesamt drei überzeugenden in 30 Jahren DERRICK: Aus einem fahrenden Auto wird mit einer Maschinenpistole auf den holzhackenden Pfarrer geschossen (Moog im weißen Shirt und Latzhose vorm Holzstapel), der sich mit einem Hechtsprung in Sicherheit bringt. Hatte Tappert als Vorbereitung etwa John Woo studiert?

**/*****

 

Episode 252: EInen schönen Tag noch, Mörder (Alfred Weidenmann, Deutschland 1996)

Der Buchhalter Dannhof (Gerd Burkard) kommt mit schlechten Nachrichten auf die Großbaustelle seines Chefs, des Bauunternehmers Kottler (Volker Lechtenbrink): Dessen Geschäft steht kurz vor dem Konkurs, das Überleben hängt von frisierten Zahlen ab, die Dannhof aber nicht liefern will. Kottler nimmt den Buchhalter mit auf einen kleinen Spaziergang und stößt ihn dann in die Baugrube. Rudolf (Stefan Kolosko), Sohn des Kranführers Alex Hasinger (Stefan WIgger), hat wie sein Vater alles gesehen, doch der Ältere zwingt den Jungen zur Falschaussage: Alles sei ein Unfall gewesen, Kottler habe versucht, den stürzenden Dannhof festzuhalten. Dannhofs Kinder, Albert (Philipp Brammer) und Erika (Natali Seelig), sind am Boden zerstört. Aber Derrick gibt nicht auf und bringt Kottler dazu, die Kinder des Toten auf einen großen Empfang einzuladen.

Volker Lechtenbrink ist gut, Philipp Brammer nervt und Reinecker war beim Verfassen des Scripts wohl nicht durchgehend im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte. Im Streitgespräch mit Dannhof, bei dem auch Kottlers engste Mitarbeiter anwesend sind, gesteht der Unternehmer, dass er „derzeit schwach“ sei, aber diese Schwäche garantiert nicht zeigen werde: Was damit, dass er es ausgesprochen hat, ja irgendwie hinfällig ist. Viel Zeit wird darauf verwendet, das Leid des trantütigen Geschwisterpärchens einzufangen: Vor allem diese Erika ist grauenvoll, sagt in der ganzen Episode kein Wort, guckt lediglich deprimiert aus der Wäsche und lässt sich von ihrem Bruder in den Arm nehmen. Was soll das?

**/*****

Episode 218: Ein sehr trauriger Vorgang (Theodor Grädler, Deutschland 1993)

Der schüchterne, zurückhaltende Horst (Holger Handtke) wird von seiner Clique mit ins Bordell genommen und dort unter großem Buhei entjungfert. Beim anschließenden Umtrunk macht sich Anführer Albert (Werner Hochholdinger) einen Spaß daraus, Inge (Dorothee Hartinger), die insgeheim für Horst schwärmt, anzurufen und ihr die Neuigkeiten brühwarm zu erzählen. Wenig später klingelt es an der Tür: Albert geht hinunter, um zu öffnen und wird von einer unbekannten Person erschossen.

Eine impertinente Episode, die wieder einmal vom haarsträubenden Moralismus Reineckers zeugt. Ich spoilere gnadenlos: Als Mörder entpuppt sich Frau Hohner (Christiane Hörbiger), die Lehrerin der Jungs und von Inge, die damit die „Verführung“ des so reinen, unschuldigen Horst durch die Rowdies um Albert bestrafen will. Zwar entgeht sie ihrer Strafe nicht, aber Reineckers Sympathien liegen schon eindeutig bei ihr. Mit dem Besuch im Puff ist der erste Schritt ins Höllenfeuer gemacht, der in seiner Langweiligkeit doch so schützenswerte Horst ist mit der gemachten Erfahrung gewissermaßen dem Untergang geweiht, zumindest aber einfach nicht mehr derselbe. Das ist einfach hoffnungslos albern, verkennt biologische Realitäten und wird noch zusätzlich dadurch befeuert, dass Freund Albert wirklich ein saumäßig unsympathisches Arschloch ist. Diese Gemengelage macht „Ein sehr trauriger Vorgang“ als Kuriosum sehenswert, aber leider fehlt der Inszenierung jeder Hang zum Sleaze, der ein ähnliches Szenario in den Siebzigern noch zum Schenkelklopfer erster Güte gemacht hätte. Das Ding ist einfach nur kreuzbieder.

*/*****

 

Episode 219: Mann im Regen (Alfred Weidemann, Deutschland 1993)

Ilse Lohmann (Claudia Lössl), die als Dienstmädchen im Haus der wohlhabenden Brüder Luis (Hans Georg Panczak) und Hans (Burkhard Heyl) arbeitet, wird morgens tot in ihrem Bett aufgefunden, ihr Körper zeigt Spuren von sexuellem Missbrauch. Pikanterweise hatte sie mit beiden Brüdern ein sadomasochistisches Verhältnis. Der werte Papa (Hans Korte) verschafft ihnen jedoch ein Alibi, indem er angibt, sie seien zur Tatzeit bei ihm gewesen. In die Ermittlungen schaltet sich Robert Lohmann (Ulrich Matthes) ein, der Bruder der Toten. Er ist in psychiatrischer Behandlung und scheint verwirrt.

Ein Reinecker’sches Psychodrama, dessen titelgebendes Bild (das auch die Schlusscredits noch einmal unterlegt) sehr reizvoll ist, das aber etwas an seiner Ziellosigkeit krankt. Lohmann ist ein in sich gekehrter Träumer und was das eigentlich für eine Disposition sein soll, die er da mit sich herumschleppt, wird nie so ganz klar. Trotzdem eine der besseren Episoden aus dieser insgesamt eher problematischen Phase, mit einem sympathisch aufspielenden Matthes. Und Hans Korte ist eh immer super.

***/*****

 

Episode 220: Langsamer Walzer (Helmuth Ashley, Deutschland 1993)

Inge (Jennifer Kitsch), die im Wäschesalon von Kubik (Gerd Baltus) arbeitet, nimmt abends entgegen allen Warnungen die Abkürzung durch den Park – und kommt nie zu Hause an. Neben ihrer Leiche sitzt ein Hund, die Polizei findet außerdem einen Walkman, auf dem eine Kassette einen langsamen Walzer spielt. War Kubik der Täter, der ein Auge auf Inge geworfen hatte und zudem von seiner bettlägerigen Gattin (Hannelore Hoher) gepiesackt wird?

Die Szenen, in denen Derrick und Harry hochkonzentriert der Musik aus dem Walkman lauschen, sind alles: Nicht nur weil fraglich ist, was sie aus dem fürchterlich synthetischen Stück Musik eigentlich herauszuhören hoffen, sondern auch, weil Regisseur Ashley offensichtlich nicht wusste, dass man für einen Walkman einen Kopfhörer benötigt. Das passt zu einer Folge, der ich gern das Prädikat „verstrahlt“ geben würde, wenn die Inszenierung nicht so furchtbar bieder und eigenschaftslos wäre. Nicht auszudenken, wäre „Langsamer Walzer“ in den Siebziger- oder Achtzigerjahren entstanden, denn eigentlich ist hier alles drin: Der dunkle, gefährliche Park, durch den Mädchen des nachts nicht mehr gehen sollten, der geile alte Tropf, der jungen Mädchen nachstelzt, die boshafte Ehefrau (Hannelore Hoger), die ihn aus dem Bett herumkommandiert und eifersüchtig ist auf die jungen Dinger. In den letzten zehn Minuten wird dann auch noch Peter Fricke als Psychiater ausgegraben, der herausgefunden hat, dass grauenhafte Synthieklassik einen beruhigenden Effekt auf Psychopathen hat. Und Christian Berkel spielt das Versuchskaninchen in seinem Beweisvideo! Hier ist genug Stoff für drei Folgen drin – und selbst, wenn sie den Nineties-Muff nicht ganz abschütteln kann, sticht sie doch heraus.

****/*****

 

Episode 221: Geschlossene Wände (Theodor Grädler, Deutschland 1993)

Irene Solm (Constanze Engelbrecht), Ex-Supermodel und ehemaliges Objekt der Begierde der Regenbogenpresse, wird nach einem Selbstmordversuch sowie mehrmonatigem Alkohol- und Drogenentzug aus einer Heilanstalt verlassen und sucht ihren Lover, den Schauspieler Gaston Riemann (Hanns Zischler) auf. Doch der hat längst eine Neue und setzt die ausgebrannte Schönheit mitleidlos vor die Tür. Eingefangen wird das Spektakel vom Klatschreporter Rob SImon (Heiner Lauterbach), der Riemann danach in seinem Blatt an den moralischen Pranger stellt. Das Ergebnis folgt auf dem Fuße: Riemann wird vor den Augen von Irene in der Tiefgarage erschossen.

Reinecker polemisiert mal wieder gegen die sogenannte High Society und vor allem die Showbiz-Szene, deren eitlen Selbstdarsteller ihm alle suspekt sind, weil sie zarte Geschöpfe wie Irene ins Verderben stürzen. Die bildschöne Engelbrecht bekommt leider nicht viel zu tun, außer lebensmüde aus dem ungeschminkten Gesicht zu gucken. Am Ende darf Derrick dem Klatschreporter – in dessen Redaktionsbüro ein Poster von Jason Donovan hängt – die Moral von der Geschicht ins Mikro diktieren. Könnte lustig sein, wenn die Folge etwas mehr Drive hätte. So bleibt nur der furchtbare Song im Ohr, der in dem reichlich tristen Szeneclub immer gespielt wurde, wenn „sie“ den Laden betrat. Dann hätte ich mich allerdings auch in den Suizid gesoffen.

**/*****

 

Episode 222: Nach acht langen Jahren (Helmuth Ashley, Deutschland 1993)

Ein italienischer Gastwirt wird von einem Mafiakiller erschossen, nachdem seine Ehefrau (Cornelia Froboess) den Schutzgeldkassierer wenige Tage zuvor rausgeschmissen hatte. Hinter dem Mord steckt Andreas Heine (Michael Gwisdek), Deutscher im Dienste der Mafia, der nach dem Vorfall sofort aus Rom nach München geschickt wird, um die Sache gemeinsam mit Zensky (Werner Pochath) zu regeln. Vor Ort nimmt er auch Kontakt mit seiner Ehefrau (Rosel Zech) und seinen beiden Kindern auf, die er vor acht Jahren hatte sitzen lassen.

Das muss man sich mal vorstellen: La Famiglia entsendet wegen Cornelia Froboess‘ Aufmüpfigkeit einen Mann aus Rom! Diese völlig absurde Prämisse gibt einigen Aufschluss über die Irrwege, auf denen sich Reineckers Geist damals befunden haben muss. Auch diese Episode ist wieder sehr somnambul und träge, kaum einer verhält sich auch nur halbwegs menschlich – mit Ausnahme des aalglatten Heine, der aber trotzdem erst am Ende aus der Haut fährt, als ihm Harry auf Geheiß Derricks die Handschellen anlegt. Peter Bertram gibt mal wieder einen Italiener mit Klischeeakzent – ob er sich damals Hoffnung machte, den „Isch ‚abe gar kein Auto“-Spot zu bekommen?

***/*****

 

Episode 223: Die Lebensgefährtin (Günter Gräwert, Deutschland 1993)

Hilde Lussek (Krista Bosch) kommt vom Einkaufen nach Hause und findet ihren Lebensgefährten Walter Scholz (Udo Vioff) tot auf: Die beiden standen nur wenige Wochen vor ihrer Hochzeit. Hildes Freundin Vera (Jutta Kammann) macht die schockierte Frau darauf aufmerksam, dass sie mit völlig leeren Händen dastehen wird, sofern Walter sie nicht in seinem Testament benannt hat, doch alles, was die beiden finden, ist ein Säckchen mit wertvollen Juwelen, die Hilde der Freundin zum Schutz anvertraut. Wenig später gesteht der Arzt ihr, dass ihr Partner Opfer eines Mordes geworden ist, und. verständigt die Polizei. Kurz nach Derrick treffen auch Walters Bruder Egon (Christoph Bantzer) und dessen Sohn Udo (Philipp Moog) ein, die als Erben schon mit den Hufen scharren.

Erbschaften und die Streitigkeiten darum bieten Reinecker einen trefflichen Boden für seine Polemisierungen gegen bürgerliche Heuchelei, Verlogenheit und Gier. Im vorliegenden Fall geben Bantzer und der ewig schmierige Moog besonders ekelhafte Beispiele ab: Der Verwandte, der sie zu Lebzeiten nicht ausstehen konnte und sie hochkant rauswarf, ist noch nicht kalt, da gieren sie schon nach seinem Vermögen und ziehen über dessen Lebensgefährtin her, die durch keinerlei amtliche Papiere legitimiert ist. Derrick bleibt cool wie eine Hundeschnauze und lässt sich nicht beirren. Letztlich schaden sich die beiden nur selbst, denn sie drängen sich als Tatverdächtige natürlich geradezu auf. „Die Lebensgefährtin“ ist nicht gerade spannend, weil eigentlich von Anfang an kaum ein Zweifel daran besteht, wer hinter dem Mord steckt, aber sie funktioniert, weil Reinecker weiß, wie er die Affekte bedient. DERRICK-Regulars wie Christian Merkel und Christine Wodetzky mischen auch noch mit.

***/*****

 

Episode 224: Die seltsame Sache Liebe (Theodor Grädler, Deutschland 1993)

Ein junges Mädchen wird tot zwischen den Gleisen des Güterbahnhofs gefunden. Derrick und Harry sehen sofort, dass die Leiche dort nur abgelegt wurde. Es handelte sich um die Freundin des jungen Ulrich (Holger Handtke), den die Nachricht von ihrem Tod völlig aus der Bahn wirft. Sie arbeitete als Kellnerin in der Kneipe von Arnold (Claus Biederstaedt) und Helene Soske (Diana Körner) und war auch am Abend ihres Todes dort. In die Ermittlungen mischt sich der Alkoholiker Seidel (Wolf Roth), ein ehemaliger Kollege Derricks, der dringend eine Beschäftigung braucht, um sein Leben zu meistern.

Reinecker im pseudophilosophischen Schnarchmodus: Wieder einmal zeichnet er das weibliche Opfer als unschuldige Männerbeglückerin und die Liebe zwischen ihr und dem kreuzlangweiligen Ulrich als paradiesischen Zustand des sich gegenseitigen Anstrahlens. Ersteres steht natürlich im Konflikt zu Letzterem und deshalb gibt’s auch wieder ein paar alte Männer, die an einem dreißig Jahre jüngeren Mädel rumschrauben und am Ende doof aus der Wäsche gucken. „Die seltsame Sache Liebe“ ist wie so viele Episoden aus dieser Phase langsam und schnarchig, sodass auch die Reinecker’schen Geschmacksverwirrungen nicht wirklich zum Zuge kommen. Da können noch nicht einmal Biederstaedt und der wie immer großartige Roth das Steuer herumreißen.

**/****

 

Episode 225: Zwei Tage, zwei Nächte (Zbynek Brynych, Deutschland 1993)

Kronau (Peter Ehrlich) findet durch einen Zufall heraus, dass sein Sohn Achim (Jacques Breuer) sein Geld als Drogendealer verdient und spült dessen Vorrat im Wert von 100.000 DM kurzerhand im Klo herunter. Der Sohn ist verzweifelt, denn nun steht er bei seinen Auftraggebern mit diesem Betrag in der Kreide. Anstatt ihm das Geld zu geben, fordert der Vater Achim auf, die Gauner mit der Tatsache zu konfrontieren und ihnen mit der Polizei zu drohen, um sie in Schach zu halten. Von der Unterredung kehrt Achim nicht zurück, wird erschossen in einer Unterführung gefunden. Der Vater bringt sich um und hinterlässt Tochter Sabine (Katharina Schubert), die nun mit Derricks Hilfe die Mörder des Bruders dingfest machen will.

Dass Ehrlich und Breuer schon nach kurzer Zeit „ausfallen“, ist ein Wermutstropfen, denn die beiden sind immer eine Schau. Die Episode krankt aber auch daran, dass die Täter keinerlei Rolle spielen, erst in der letzte Szene überhaupt in Erscheinung treten. „Zwei Tage, zwei Nächte“ bleibt dem Melodram verpflichtet, begibt sich dafür zwar in den sündigen Unterbauch Münchens – eine Pinte namens „Blue Movie“, in der Walter Renneisen den Zapfhahn bedien und die Junkies zugedröhnt an die Decke starren, während die Flipperautomaten klappern und DERRICK-Veteranin Ute Willing sich einen Schuss in die Wade setzt -, aber wir befinden uns eben in den Neunzigern und da ist alles mit diesem pastoralen Schmelz der Seriosität überzogen. Man merkt, das Brynych versucht, eine gewisse avantgardistische Artifizialität in seine Bildkompositionen zu bringen, aber der aalglatte Fernsehlook lässt alles billig, aseptisch und geleckt aussehen. Vielleicht müsste ich mich von meinen Erwartungen und Vorprägungen freimachen, um die eigenen Reize des Nineties-DERRICKs schätzen zu können, aber noch gelingt mir das nicht. Das Highlight für mich war das Tourposter von Nuclear Assault featuring Depressive Age, das in der Pinte an der Wand hängt.

**/*****

 

Episode 226: Nachtvorstellung (Helmuth Ashley, Deutschland 1993)

Drei Schüler (Oliver Hasenfratz, Nikolaus Gröbe und Philipp Brammer) besuchen die Nachtvorstellung eines Actionreißers im Kino, von der sie sich etwas mehr als nur einen Film versprechen. Sie behalten Recht: Während des Showdowns wird der Kartenverkäufer mitten im Saal unbemerkt vom Publikum erschossen. Derrick findet heraus, dass er mit Drogen handelte – und unter anderem für den Rückfall einer Mitschülerin der drei Jungs verantwortlich war.

Mal wieder eine Anti-Drogen- und Selbstjustizepisode – diesmal mit dem heutigen Rosamunde-Pilcher-Schwarm Francis Fulton-Smith als trauerndem Ex-Dealer und Christoph Bantzer als verständnisvollem Lehrer. Es gibt jede Menge steifer Dialoge, in denen den jugendlichen Zuschauern (hahaha!) erklärt wird, dass Drogen nur was für Feiglinge sind, die mit dem Leben nicht klarkommen (natürlich von Leuten, die das gar nicht beurteilen können), und Derrick beschwört mit starrem Blick das Leid des weiblichen Opfers, das bei seinem Besuch in der Entzugsklinik geschrieen habe „wie ein Tier“. Am besten gefallen haben mir aber die Angriffe auf das zeitgenössische Kino, in dem angeblich nur noch stumpf rumgeballert wird, darüber sind sich sowohl die Schüler als auch Harry einig, der Cineast. Über die Leinwand flimmert dazu etwas, was wie ein zweitklassiger französischer Actionfilm von 1984 aussieht, während im Foyer Poster von solchen Gewaltreißern wie SOMMERSBY und FOREVER YOUNG aushängen. Es ist eine verrückte Welt, dieses München anno ’93. Man muss wahrscheinlich dabeigewesen sein.

**/*****

 

Episode 227: Ein Objekt der Begierde (Zbynek Brynych, Deutschland 1993)

Karoline Hecht (Jeannine Burch) ist der Typ Frau, auf den Männer bei DERRICK immer gleich reagieren: Sie verlieben sich Hals über Kopf, benehmen sich daraufhin wie Fünftklässler mit Samenstau und werden zum Würger, wenn sich die ach so offenherzige, lebensfrohe und aufreizende Damen ihren Avance entzieht. Womit auch der Plot dieser Episode hinreichend skizziert wäre. In dem Mietshaus, in dem sie Nachhilfe vom Studenten Bleiweg (René Heinersdorff) erhält, wohnen gleich haufenweise Verehrer: der trottelige Ratinger (Hans Georg Panczak), der ölige Fotograf Tuball (Sky Dumont), der gescheiterte Schauspieler und Alkoholiker Kowalski (Stefan Wigger) sowie die Ehemänner Soost (Michael Mendl) und Kieler (Ralf Schermuly), die mit ihren Weibern nicht mehr glücklich sind. Eines abends liegt das Mädchen erwürgt im Treppenhaus und die ganze Baggage stürzt sich auf den armen Kowalski …

Das Schauspielerensemble reißt es raus, auch wenn Brynych Wigger nicht vom Overacten abhalten kann. Die Serie ist in dieser Zeit gleichermaßen betulich wie theatralisch, im Aufbau mutet das alles ein bisschen nach Provinztheater an, von der eigenen Bedeutungsschwere überzeugt, in der Unbeholfenheit aber oftmals unfreiwillig komisch. Das beginnt schon bei der Eröffnungsszene, die die ewig feixende Karoline zeigt, wie sie zu laut aufgedrehtem Eurodance im Cabrio durch München heizt, während die Passanten nur Kopfschütteln für sie übrig haben oder ihr gar den Vogel zeigen. Das Frauenbild der Serie, das habe ich ja schon mehrfach angedeutet, ist höchst faszinierend: Auf der einen Seite sind es meist die Männer, die die Kontrolle verlieren, aber die Opfer machen es ihnen auch geradezu unverschämt einfach. Nicht nur, dass sie bereits ersticken, wenn man sie zwei Sekunden lang am Hals berührt: Wie diese Karoline mit ihren lustigen Grübchen hier herumscharwenzelt, die peinlichen Ranwanzereien der älteren Herren für lediglich höfliche Harmlosigkeiten ohne Hintergedanken hält, ist schon sehr beachtlich. Und Tappert, als Derrick einst von gerechtem Furor, Hass für die Verlogenheit und boshafte Schadenfreude angetrieben, schlafwandelt müde durch die gut ausgeleuchteten Settings wie ein Priester, dem man Baldriantropfen in die Oblaten gemischt hat. Nach 227 Folgen der Dummheit und Niedertracht hat er alle Hoffnung längst fahren lassen.

**/*****

 

Episode 228: Das Thema (Alfred Weidenmann Deutschland 1994)

Der Student Werner Godel (Jochen Horst) bessert seine Kasse auf, indem er geklaute Autos für seinen Freund Ralf (Richy Müller) ins Ausland fährt. Bei einer Unternehmung gibt es Komplikationen, die dazu führen, dass Ralf einen Mann erschießt. Zur selben Zeit erhält Werner Besuch von seiner älteren Schwester Monika (Irene Clarin), einer Fotografin, die ihn zu ihrem nächsten Kunstprojekt machen will. Sie bemerkt, dass ihn etwas belastet und bedrängt ihn, sich mitzuteilen.

Es macht derzeit nicht mehr so richtig viel Sinn, die Episoden detailliert zu beschreiben. Manche sind schrecklich, manche lassen Ansätze erkennen, aus denen man zehn oder zwanzig Jahre zuvor noch etwas gemacht hätte, aber die meisten von ihnen sind wie diese hier einfach völlig egal, ohne jede Idee oder innere Spannung. Als das Bild am Ende einfriert und der bekannte Schriftzug eingeblendet wurde, war ich sehr verblüfft: Das war es schon? Dazu passt dann Irene Clarin, eine Schauspielerin, der ich nichts Böses will, die aber die ganze bräsige Mittelmäßigkeit verkörpert, die die Serie nun schon seit einiger Zeit fest umklammert hält.

**/*****

 

Episode 229: Nachts, als sie nach Hause lief (Helmuth Ashley, Deutschland 1994)

Der Buchhändler Jakob Meissner (Karlheinz Hackl) und seine Gattin Doris (Krista Posch) führen eine seltsame Beziehung: Er liebt sie abgöttisch und sie scheint auch ihn zu lieben, dennoch zieht es sie Abend für Abend raus in die Nachtclubs, wo sie sich anderen Männern an den Hals wirft, nur um dann zu Jakob zurückzukehren. Helene (Christine Buchegger), Jakobs Schwester, ist die Ehe ein Dorn im Auge, weil sie den Bruder enteiere, zum Gespött der Stadt mache und ihren guten Familiennamen in den Schmutz ziehe: Sie will, dass er sich von Doris trennt. Doch das ist nicht mehr nötig, als sie auf dem Heimweg von einer ihrer nächtlichen Exkursionen erschossen wird.

Dank des kruden Frauenbildes, das hier mal wieder abgefeiert wird, allerdings ohne dabei vollends in die Scheiße zu greifen, markiert Ashleys Episode einen kleinen Lichtblick. Krista Posch interpretiert die „lebenslustige“, „vergnügungssüchtige“ Frau (der Begriff „nymphoman“ wird erstaunlicherweise nicht benutzt) als Melancholikerin mit abrupten Stimmungsschwankungen. Einmal hat sie sich eigentlich mit ihrem Mann zum Italiener verabredet, da hört er während des Umziehens das schwermütige Trompetenstück, das sie immer dann auflegt, wenn sie einmal wieder das Bedürfnis überkommt, sich ins Nachtleben zu stürzen. Enttäuscht nimmt er sofort die Krawatte weder ab und storniert ohne jede weitere Absprache mit ihr die Reservierung. Die Szenen mit ihr im Nachtklub sind einigermaßen absurd, weil sie eher wie eine haltlose Schnapsdrossel agiert als wie eine heiße Verführerin, aber Hans Peter Hallwachs zeigt sich trotzdem beeindruckt. Die eigentlichen Schurken sind aber wieder mal Christine Buchegger mit einem weiteren ihrer eiskalten Erfolgsweiber und der gefällige Trottel Hans Georg Panczak, der von Derrick und dem traurigen Willi Berger mit einem echt doofen Trick hereingelegt wird, während Harry Nürnberg unsicher macht (von dem man aber leider nichts sieht).

***/*****

 

Episode 230: Das Plädoyer (Theodor Grädler, Deutschland 1994)

Als Lakonda (Klaus Herm), der vor Jahren seine untreue Ehefrau mit 40 Messerstichen ermordete, aus der Haft entlassen wird, sucht er sofort den Staatsanwalt Kolbe (Lambert Hamel) auf, der damals für seine Verurteilung verantwortlich war. Das Plädoyer, das dieser damals gesprochen und den Angeklagten darin der Gefühllosigkeit bezichtigt hatte, hat Lakonda niemals vergessen können. Er sinnt auf Rache, will, dass Kolbe nachvollziehen kann, wie er sich fühlte, als er zum Messer griff. Seine Rache zielt auf Kolbes Gattin Ingeborg (Sona MacDonald) ab …

Mit „Schubachs Rückkehr“ hatte Reinecker eine ganz ähnliche Geschichte schon einmal erzählt – allerdings deutlich besser. Trotzdem liegt „Das Plädoyer“ anno 1994 leicht über dem traurigen Durchschnitt, was wie meist in dieser Phase an der Besetzung liegt: Klaus Herm, sonst auf die Vollversager am Rande der Episoden abonniert, die beklagenswerten Hausmeister, neugierigen Nachbarn oder heuchlerischen Zeugen, darf hier mit dem Supernamen „Lakonda“ ausgestattet einen brutalen Mörder spielen, ohne die ihm eigene, gruselige Mittelmäßigkeit dafür abzulegen. Hamel ist ebenfalls gut als selbstverliebter Popanz, der sich auch nach 15 Jahren noch einen auf sein mit literarischer Ambition entworfenes Plädoyer abwedelt und sich gegenüber seiner zarten Gattin aufspielt. Ideal besetzt ist auch Philipp Moog, der in dieser Phase in gefühlt jeder zweiten Folge mitspielt: Als vermeintlich mitfühlender Charmeur und Frauenretter hat er eine kleine Seagal-Einlage, als er gleich drei Hools verjagt, und damit – sowie mit seiner armseligen CD-Sammlung und seinem Popperscheitel – das Herz von Ingeborg erobert. Leider ist das alles schrecklich unpointiert und sobald Derrick auftritt, fühlt man sich wieder wie beim Priesterseminar.

***/*****

 

Episode 231: Ein sehr ehrenwerter Herr (Zbynek Brynych, Deutschland 1994)

Nachdem Rosy (Monika Baumgartner) und Marta (Juliane Rautenberg), zwei Prostituierte, übel verdroschen wurden, wird ihr Zuhälter Albert Kallus (Hanno Pöschl) in seinem Wagen erschossen. Derricks Verdacht konzentriert sich auf Rosy, den Heilsarmee-Trompeter Buschler (Edwin Noël), der mit Rosy befreundet ist, sowie den Psychologen Fasold (Walter Schmidinger), der immer wieder Prostituierte bei sich aufnimmt und sie aus dem Milieu wegzuholen versucht.

Brynych war in den Siebzigern für einige der allerbesten DERRICK-Folgen verantwortlich. Man sieht immer noch Spuren des Stils, der seine Arbeiten 20 Jahre zuvor unverwechselbar machte: seine bewusst artifiziellen Bildkompositionen, seine überdrehte Melodramatik. Aber im Rahmen dieser plastikhaften, bräsigen Neunzigerjahrehaftigkeit und Reineckers pastoraler Schwafelei verlieren sie all ihre Energie. In „Ein sehr ehrenwerter Herr“ steckt eine gute Episode und mit Hanno Pöschl ist ein Akteur am Start, der mit einem guten Drehbuch ausgestattet in der Lage wäre, einigen Staub aufzuwirbeln, aber es fehlt einfach der Drive und Absonderlichkeiten wie der verfettete Loddel mit Pfedeschwanz, der in der zweiten Hälfte in Kallus‘ Fußstapfen tritt, ohne auch nur eine Zeile Dialog zu erhalten, wirken eher hilflos als inspiriert. Dazu kommt die rätselhafte Juliane Rautenberg, ein echtes DERRICK-Enigma, die ihren letzten Serienauftritt ebenfalls wortlos, dafür aber mit entrücktem Lächeln versieht. Ich gebe trotz aller Vorbehalte drei Sterne, weil man hier wenigstens ein paarmal kräftig mit dem Kopf schütteln kann.

***/*****

 

Episode 232: Eine Endstation (Alfred Weidenmann, Deutschland 1994)

Totgesagte leben länger – manchmal zur Enttäuschung der nächsten Verwandten. So ist es mit dem Unternehmer Robert Schreiber (Will Quadflieg). Nach einem schweren Unfall, der ihm eigentlich das Leben hätte kosten sollen, kommt er wieder auf die Beine. Doch seine Kinder – Sohn Konrad (Gerd Baltus) und Tochter Anna (Sissy Höfferer) und ihre Ehepartner Vera (Christiane Krüger) und Erich (Reinhard Glemnitz) – haben sich in der Zwischenzeit sein Haus und sein Vermögen unter den Nagel gerissen und schieben ihn in ein Altenheim ab. Der Mann bricht den Kontakt zu seinen Kindern daraufhin ab. Kurz darauf wird der Pförtner der Firma Schreiber erschossen, als er den Wagen von Konrad vorfahren soll. Der Sohn ist sich sicher, dass der Mordanschlag ihm galt und vom Vater ausgeübt wurde, aber der hat ein Alibi.War es vielleicht seine treue, langjährige Sekretärin Sänger (Hannelore Hoger)?

Auf der Habenseite stehen eine Geschichte, die nicht schon tausendmal erzählt wurde, Quadflieg, der seine Rolle mit viel Gravitas versieht und eine Besetzung, die viele bekannte DERRICK-Gesichter vereint. Baltus ist mal wieder das rückgratlose Weichei, Glemnitz weckt Erinnerungen an selige KOMMISSAR-Zeiten und mit Manfred Steffen ist außerdem einer meistbeschäftigten Synchron- und Hörspielsprecher am Start. (Krüger und Höfferer sind allerdings einfach nur mit dabei und haben nicht viel zu tun.) Als Kritikpunkt muss man wieder einmal Reineckers Bräsigkeit anführen: Wie so oft in den Neunzigerjahren interessiert er sich weniger für den Krimiplot und Derricks Ermittlungsarbeit als vielmehr für bedeutungsschwere Monologe und Exkursionen in die Moralphilosophie, die allerdings nur selten so tiefschürfend sind wie er das wohl meinte. Wieder einmal geht es um einen Menschen, der mit der „Moral“ abgeschlossen hat, am „Nullpunkt“ angekommen ist, wie es in einer älteren Episode mal hieß. Das könnte theoretisch schockierend sein, aber in Reineckers behäbiger Prosa und vor dem Hintergrund einer schmucklos-melodramatischen Inszenierung mutet es vor allem überkandidelt und theoretisch an. Trotzdem über dem Durchschnitt.

***/*****

 

Episode 233: Darf ich Ihnen meinen Mörder vorstellen? (Theodor Grädler, Deutschland 1994)

Bei einem Klavierkonzert macht Derrick die Bekanntschaft mit dem Geschäftsmann Sauters (Stephan Orlac), der sich sehr für den Job des Kriminaloberinspektors interessiert und ihn schließlich zu sich nach Hause einlädt, um ihm bei dieser Gelegenheit seinen Mörder vorzustellen, wie er kryptisch verspricht. Dieser Mörder in spe ist Ulrich Kemp (Peter Kremer), Sauters‘ Geschäftspartner, Liebhaber seiner Gattin (Eleonore Weisgerber) und Mitbewohner seines Hauses. Vor Jahren bewahrte Sauters Kemp vor dem Selbstmord, gab ihm einen Job und drehte sein ganzes Leben um: Allerdings nicht aus Menschenfreude, sondern eher als perfides Sozialexperiment. Nun erwartet er, von ihm umgebracht zu werden. Und so kommt es dann auch. Aber ist Kemp wirklich der Täter?

Ich hatte es eigentlich nicht mehr erwartet, noch einmal eine Episode zu Gesicht zu bekommen, die tatsächlich etwas Neues bietet – und das auch noch auf ansprechendem Niveau. Der Gag besteht hier darin, dass der Mord gewissermaßen von seinem Opfer geplant wird und zwar auf eine Art und Weise, dass der Verdacht zwangsläufig auf jemanden fällt, der eigentlich unschuldig ist. Da weht ein Hauch von Dostojewski durchs Reinecker’sche Drehbuch und Stephan Orlac – Papa Wichert von nebenan – hat sichtlich Spaß diesen begnadeten Misanthropen zum Leben zu erwecken. Zum Ende wird es dann noch einmal richtig tragisch und die Schlusseinstellung zeigt einen Derrick mit zwar bekanntem Gesichtsausdruck, doch die Empfindung, die dahinter liegt, ist neu. Nicht neu ist hingegen, dass der arme Harry hier mal wieder den besonders begriffsstutzigen Stichwortgeber mimen muss, der als Identifikationsfigur für die weniger intelligenten Zuschauer dient, denen Derrick dann alles noch einmal in Ruhe erklärt.

****/*****

 

Episode 234: Gib dem Mörder nicht die Hand (Theodor Grädler, Deutschland 1994)

Gerhard Schumann (Wolf Roth), Mitglied der Hongkonger Triaden, kehrt nach jahrelanger Abwesenheit für Geschäfte nach München zurück. Bald erfährt sein ehemaliger Freund, der alkoholkranke, arbeitslose Ex-Journalist Demmer (Hans-Peter Hallwachs), von dem Besuch. In der Hoffnung auf einen journalistischen Coup und den damit verbundenen Geldsegen konfrontiert er Schumann, als der seine Familie (u. a. Till Topf, Stefan Wigger, Klaus Behrendt und Liane Hielscher) besucht, und erpresst ihn schließlich. Das lässt sich Schumann natürlich nicht gefallen – er bringt Demmler kaltblütig um und seine Familie dazu, ihm ein Alibi zu geben.

Die Idee mit dem deutschen Mitglied des internationalen organisierten Verbrechens hat Reinecker schon einmal in „Nach acht langen Jahren“ (siehe oben) verbraten. Dank Wolf Roth ist dieses „Reboot“ aber deutlich interessanter und spannender. Wobei man „spannender“ in Anführungszeichen denken muss, denn eigentlich steht hier kaum etwas auf dem Spiel: Der Zuschauer weiß von Anfang an, dass Schumann ein Arschloch ist. Er weiß auch, dass er Demmer umbringen wird, als dieser zum ersten Mal auftritt. Wer mehr als eine Episode DERRICK verfolgt hat, weiß natürlich auch, dass Schumanns Sippe schön stillhalten wird, genauso wie dass am Ende Derrick obsiegt. Aber Wolf Roth macht eben den Unterschied: Den arroganten, sich selbst für einen über den Dingen stehenden Supermacker haltenden Snob hat er so gut drauf wie kaum ein anderer und sein giftig geführter Dialog mit dem Kriminaloberinspektor ist mal wieder vom Allerfeinsten. Am schönsten ist es, wie Derrick es genießt, diesen Typen mit seinen impertinenten Fragen auf die Palme zu bringen. Mein Lieblingsmoment ist wie Derrick, gar nicht beeindruckt von der Schumann’schen Aufschneiderei, den Namen der chinesischen Metropole ausspricht, um seinen Gegenüber zu ärgern: „HOngg-KOngg“. Der Clash dieser beiden Heavyweights fällt noch umso beeindruckender aus, als solche Langweiler wie Till Topf oder Irene Clarin sich daneben ausnehmen wie die Ersatzbesetzung eines Schultheaterstücks. Trotzdem hat die Episode eigentlich nur einen echten Fehler: Dass sich irgendjemand wirklich freuen könnte, einen so knallharten Egoisten und Angeber wie Schumann wiederzusehen, scheint reichlich unwahrscheinlich.

****/*****

 

Episode 235: Gesicht hinter der Scheibe (Dietrich Haugk, Deutschland 1994)

Ein rätselhafter Anruf geht in einer Polizeiwache ein: Der Anrufer fordert den Polizisten auf, einen gewissen Herrn Zeller zu kontaktieren, damit der wiederum in seiner Firma nach seiner Tochter schaue. Der Unternehmer (Klausjürgen Wussow) tut wie ihm geheißen und findet seine Tochter Monika (Muriel Baumeister) tot vor. Ihr Verlobter Arno Beckmann (Jacques Breuer zeigt sich nur wenig schockiert: Er inkriminiert den Filmstudenten Adrian Scholl (Philipp Moog), der mit Monika ein Filmprojekt hatte. Es stellt sich heraus, dass Monika sich sehr einsam fühlte und unter anderem von Kubanke (Winfried Glatzeder), einem Geschäftspartner des Vaters, sexuell missbraucht wurde …

Wieder einmal beschäftigt sich Reinecker mit dem Schicksal einer Frau, die für die ach so gemeine, verlogene Welt da draußen einfach zu gut ist und daran schließlich zugrunde geht. Muriel Baumeister – die ich total fürchterlich finde, was mir irgendwie leid tut – gibt das kulleräugige Zauberwesen, das beim menschgewordenen Popperscheitel Moog offene Türen einrennt. Das Material, das man von dessen Projekt zu sehen bekommt, ist grauenvoll amateurhaft, dazu gleichermaßen prätentiös wie planlos und sollte jeden verantwortungsbewussten Dozenten eigentlich dazu veranlassen, ihm eine andere Karriere nahezulegen – oder ihn mit einem zünftigen Arschtritt aus der Universität hinauszubefördern. In einer Vorlesung gibt es Ausschnitte aus einer frühen Regiearbeit von Bernd Eichinger zu sehen, in denen der Professor EInflüsse des klassischen amerikanischen Kinos erkennt. Klausjürgen Wussow steht in seinem Wohnzimmer und dirigiert zu Klassi von der Schallplatte. Die Rückblenden, die Kubankes Missbrauch an Monika zeigen, sind sehr artifiziell, in Zeitlupe gehalten und erinnern etwas an italienische Giallos. Evelyn Opela ist mal wieder umwerfend als verzweifelte Mutter der Toten, die gestehen muss, dass sie ihr Kind nicht kannte. Der Kriminalfall ist wie so oft in jener Zeit uninteressant, aber die Episode hat was.

****/*****

 

Episode 236: Der Schlüssel (Zbynek Brynych, Deutschland 1994)

Der Geschäftsmann Howald (Sky Dumont), der seine Gattin Susanne (Sunnyi Melles) mit seiner Sekretärin (Gundis Zambó) betrügt, wird nachts vor seinem Haus erschossen. Derrick findet schnell heraus, dass es sich um das Werk eines Auftragsmörders handelt, der schon mehrfach in München zugeschlagen hat. Er vermutet, dass Susanne den Mord an ihrem Gatten in Auftrag gegeben hat.

Alles aus! „Der Schlüssel“ ist endlich mal wieder Brynych vom Allerfeinsten, was bedeutet, dass sich die Merkwürdigkeiten die Klinke in die Hand geben. Das Drehbuch von Reinecker ist Quatsch mit Soße, aber Brynych schert sich nicht weiter darum und dreht alle Regler nach rechts. Nur Tappert schnallt nichts und ereifert sich angesichts des anno 1994 nun keinesfalls neuen Phänomens käuflicher Morde, als stehe der Untergang des Abendlandes nun aber wirklich kurz bevor. Er agiert ein bisschen wie die ahnungslosen Plastikgesichter in STARSHIP TROOPERS, die ja auch dachten, sie machen bei einem geilen Kriegsfilm mit, während sich Verhoeven einen Spaß mit ihnen erlaubte. Ihm gegenüber agiert die elfenhaft-elfenbeinerne Sunnyi Melles, als sei sie auf einem ganz seltsamen Trip, zwischen hypernervös-hysterisch und entrückt-ekstatisch. Es ist eine Performance, die sicher nicht im herkömlichen Sinne als „gut“ zu bezeichnen ist, aber viel zu dieser traumgleichen Atmosphäre beiträgt. Wenn jemals eine DERRICK-Episode in einer surrealen Parallelwelt angesiedelt war, dann diese. Pierre Franckh, Schutzpatron der DERRICK-Jammerlappen, spielt einen Undercover-Cop, Holger Petzold den Wirt in einem Nachtklub, in dem fünf Tänzer sich in ihrer Performance nicht von der laufenden Musik beschränken lassen und Frank Duval, Komponist zahlreicher DERRICK-Songs, den gedungenen Mörder. Sein mit Inbrunst am Klavier vorgetragenes Schlaflied, das in einer Variation auch als Titelsong fungiert, schlägt dem Fass den Boden aus. Während er totalen Nonsens mit der Stimme eines rituellen Beschwörers von sich gibt, bricht ihm der Schweiß aus und am Ende muss ihn seine Muse wieder aufrichten, wel er sich so verausgabt hat. Das ist alles nicht zu fassen. Ich bin unendlich dankbar für „Der Schlüssel“, denn nach Dutzenden von Folgen immergleicher Tranigkeit kommt sie einer auf Drogen durchgefeierten Nacht gleich.

*****/*****

 

Episode 236: Das Floß (Helmuth Ashley, Deutschland 1994)

Elvira Nolte (Sona MacDonald) findet ihren Ehemann Hans (Will Danin) tot zu Hause vor. Geschockt oder gar traurig ist sie nicht: Ihr Gatte hatte regelmäßig Frauenbesuch, veranstaltete mit seinem Freund Wexler (Manfred Zapatka) Sexparties, zu der er die knackige Anna Bender (Christina Plate) einludt, die ihm deren Vater (Hermann Lause) verhökerte, um sich die Kasse aufzubessern. Wer war der Täter? War es die gedemütigte Ehefrau? Der emaskulierte Wexler? Anna selbst, ihr Freund Uli (Oliver Hasenfratz) oder doch Annas verständnisvoller Lehrer Borchert (Edwin Noel)?

Nach einmal Semi- und einmal Totalwahnsinn sind wir mit „Das Floß“ wieder zurück in der tristen DERRICK-Wirklichkeit des Jahres 1994. Reinecker bemüht sich noch nicht einmal, Interesse an seinem Kriminalfall vorzugaukeln, stattdessen konstruiert er mit den braven, unschuldigen „Teenies“ – die Plate war bereits 29 – und den korrupten Bürgerlichen mal wieder ein Gegensatzpaar, das keinerlei gesellschaftliche Wahrheiten mehr offenlegt, sondern nur noch Auskunft über den Grad der Verstaubtheit seines Oberstübchens gibt. Die Auflösung gleicht einer Unverschämtheit, das einzige, was die Folge rettet, sind die Brüste der Hauptdarstellerin.

**/*****

Die letzten KOMMISSAR-Sitzungen liegen lang, nämlich fast drei Jahre, zurück: Ein langes, kinderloses Wochenende schien mir der ideale Zeitpunkt, die Sichtung fortzuführen und erneut einzutauchen in die von Reinecker protokollierte, mit Zigarettenrauch und Bierduft durchwaberte Welt des Bürgertums. Mehr noch als DERRICK ist DER KOMMISSAR comfort food, perfekt für die bevorstehende Zeit um Feiertage und Jahreswechsel, wenn der geschäftige Trubel Platz macht für Vorfreude und Entspannung. Im Gegensatz zum kalten Stephan Derrick vermittelt Kommissar Keller (Erik Ode) diese altväterliche, kompromisslose, aber im Kern wohlmeinende Strenge – wie der Weihnachtsmann, der am Ende des Jahres mit prüfendem Blick in sein schlaues Buch die ungezogene Spreu vom artigen Weizen trennt. Mir fiel diesmal auf, dass DER KOMMISSAR manchmal fast wie eine Familienserie rüberkommt: Im Zentrum also der strenge Papa, der seine „Jungs“ (er nennt sie mehrfach wirklich so) Grabert, Heimes und Klein an der langen Leine laufen lässt, um sie aufs Leben vorzubereiten, am Rande das treue „Rehbeinchen“, das dazu Stullen und Bier serviert und manchmal auch einen guten Tipp hat. Die Serie ist wunderbar, gemütlich wie ein alter, vertraut müffelnder Sessel, toll auch, um dabei sanft wegzudösen – und immer wieder für Überraschungen, Begeisterung, Gelächter und offene Münder gut.

 

Episode 056: Tod eines Hippiemädchens (Theodor Grädler, Deutschland 1973)

Der Kollateralschaden der langen Pause: Diese Episode habe ich damals noch gesehen, aber dann vergessen, einen Text darüber zu schreiben.

?/*****

 

Episode 057: Das Komplott (Wolfgang Staudte, Deutschland 1973)

Der Büroangestellte Andreas Steintaler (Udo Vioff) ist nach Dienstschluss noch im Büro, als ihn sein Chef per Telefon zu sich bestellt. Steintaler findet Sekunden später nur noch die Leiche und einen leeren Tresor vor und verständigt die Mordkommission. Die nimmt ihm seine Geschichte aber nicht ab: Wie soll der Täter in der knappen Minute, die der Angestellte von seinem Arbeitsplatz ins Büro des Chefs brauchte, einen Mann erschossen, einen Tresor geleert, alle Spuren verwischt haben und dann auch noch unbemerkt entkommen sein? Als das vermisste Geld kurz darauf an Steintalers Arbeitsplatz gefunden wird, scheint er als Mörder überführt. Dennoch hält er an seiner Geschichte fest. Es scheint, als wolle jemand ihm den Mord in die Schuhe schieben.

Der Kriminalfall ist trickreich gescripteter Standard mit einer allerdings superabsurden Auflösung, die ich hier nicht verraten möchte, bei der aber der immer tolle Charles Regnier überaus passend zum Einsatz kommt. Reineckers Hauptaugenmerk liegt wieder einmal auf dem verlogenen großbürgerlichen Ringelpiez um den eigentlichen Mordfall und er fährt eine beachtliche Schar an suspekten Gestalten auf: Die mondäne Gattin des Toten (Ursula Schult) hat ein Verhältnis mit Steintaler und kann sich nicht im Geringsten dazu durchringen, die trauernde Witwe zu spielen. Dasselbe gilt für ihre beiden Töchter (Ingrid Steeger & Barbara Stanek). Ihr zur Seite steht der hypernervöse Dettmann (Leopold Rudolf), seit Jahrzehnten ein treuer Diener des Toten, dessen anfängliche Fassung immer mehr zum Teufel geht, bevor er in einer eindrucksvollen Szene vor seiner Familie komplett die Nerven verliert. Als sein arroganter, selbstverliebter und aufreizend ungerührter Sohn gibt Wolf Roth eine frühe Kostprobe jenes Typus, den er später noch einige Mal bei DERRICK perfektionieren sollte. Leicht über dem Durchschnitt angesiedelt, ist „Das Komplott“ eine gute Folge zum Wiedereinstieg.

***/*****

 

Episode 58: Schwarzes Dreieck (Theodor Grädler, Deutschland 1973)

In der Abwesenheit seiner Gattin Helga (Käthe Gold) verunglückt der Ehemann in der Badewanne, als ein elektrischer Rasierapparat ins Wasser fällt. Der vermeintliche Unfall wird zum Mord, als Untersuchungen ergeben, dass sich der Mann immer nur nass rasierte. Aber wer brachte den Mann um und verschwand dann unbemerkt aus der abgeschlossenen Wohnung? Neben der Gattin, die von ihren beiden Söhnen (Karl Walter Diese & Peter Fricke) bedrängt wird, die Anteile am Geschäft des Vaters an sie zu übertragen, gerät die rätselhafte Frau Böhle (Angelika Salloker) in Verdacht: Auch ihr Mann starb vor Jahren bei einem höchst sonderbaren Unfall.

Die Grundkonstellation erinnert ein klein wenig an Hitchcocks STRANGERS ON A TRAIN, aber interessanter sind Reineckers Betrachtung von Ehe und Alter im Hinblick auf die älteren Frauen, die im Mittelpunkt der Geschichte stehen. Die drei Damen, um die es geht, werden von ihren Gatten als bessere Hausbedienstete betrachtet und jeder liebevollen Zuwendung beraubt. Mehr noch: Auch Helgas Söhne interessieren sich nur so lange für ihre Mama, wie sie etwas von ihr haben wollen. Kaum hat sie ihre Unterschrift unter dem Vertrag hinterlassen, machen sie sich wieder aus dem Staub, haben noch nicht einmal die Zeit, ihren Kaffee zu trinken und ihr Stück Kuchen zu essen. „Die Ehe ist ein Kampf, den die Frauen verlieren“, sagt Frau Böhle gegenüber Kommissar Keller: eine Überzeugung, die sie dazu geführt hat, einen teuflischen Mordplan auszuhecken. DER KOMMISSAR (und später DERRICK) zeichnet sich nicht unbedingt durch ein besonderes Verständnis für Frauen aus: Reinecker weist ihnen meist eine feste, wenig flexible Rolle zu und verurteilt sie, wenn sie aus dieser ausbrechen. Für ältere Damen macht er aber eine Ausnahme, zumindest ist das der Schluss, zu dem man nach Betrachtung dieser traurigen Episode kommt. Das Schicksal von Helga bewegt, auch weil Käthe Gold eine sehr anrührende Darbietung gibt. Der Anblick der Rentnerinnen, deren größte Freizeitvergnügung es ist, Tauben im Park zu füttern, ist der Gipfel der Tristesse.

*****/*****

 

Episode 59: Der Tod von Karin W. (Theodor Grädler, Deutschland 1973)

Die junge Karin Winter (Simone Rethel) wird in einer Kneipe niedergeschossen, nachdem sie noch versucht hat, ihre Mutter (Ida Krottendorf) anzurufen. Die Ermittlungen ergeben, dass Karin in einem Erziehungsheim war und mehrfach durch kleinere Vergehen aufgefallen ist. Die familiären Verhältnisse sind kompliziert: Die alleinstehende Mutter brachte regelmäßig Männerbekanntschaften nach Hause, unter anderem ihren Nachbarn Otto Pajak (Harald Leipnitz), was ihr bei dessen Schwester (Maria Schell) den Ruf der Schlampe einbrachte. Aber Pajak hatte nicht nur Interesse an der Mutter.

Die Folge bestätigt, was ich oben über Reineckers Frauenbild schrieb, denn dass Karins Mutter aktiv Ausschau nach Männern hielt und diese mitunter auch nach Hause brachte, wird ihr ausschließlich negativ ausgelegt. Gut, man mag darüber streiten, inwiefern die Tatsache, dass ihr Schlafzimmer direkt neben dem der Tochter liegt, nicht etwas mehr Zurückhaltung ihrerseits erfordert hätte, aber diese Einschränkung nimmt Reineckers Drehbuch eigentlich nicht vor. Es sind der „Egoismus“ und die Freizügigkeit der Mutter, die die Tochter zur Ladendiebin, Heiminsassin und schließlich zum Mordopfer machten. Pajaks Missbrauch einer Minderjährigen ist demgegenüber ein Kavaliersdelikt: Schließlich fungierte die Mama als Kupplerin. Diese Ausrichtung ist aus heutiger Sicht natürlich extrem streitbar, aber das macht diese und viele andere Episoden der Serie  ja auch so faszinierend. Es ist ein Stück deutscher Mentalitätsgeschichte, derer man da ansichtig wird. Und es ist beileibe keine schöne Geschichte. Harald Leipnitz, sonst meist als kerniger, schlagkräftiger Machotyp besetzt, gibt hier einen der typischen Reinecker-Waschlappen, einen Mann ohne Mumm in den Knochen, der voll unter der Fuchtel sowohl seiner herrischen Schwester als auch seiner Geliebten steht. Diese Charakterisierung ist natürlich zweischneidig: Man spürt Reineckers Verachtung für diese mummlosen Männer (in der man ebenfalls ein sehr traditionelles Männerbild erkennt), gleichzeitig entlässt er sie so auch ein Stück weit aus ihrer Verantwortung.

****/*****

 

Episode 60: Die Nacht, in der Basseck starb (Wolfgang Staudte, Deutschland 1973)

Der Nachtclubbesitzer Basseck (Jürgen Goslar) wird in seiner Wohnung von einem Unbekannten erwartet und erschossen. Keller und sein Team erfahren, dass der Mann regelmäßig junge Mädchen aus seinem Laden als Geliebte rekrutierte und dann wieder auf die Straße setzte, wenn er die Lust an ihnen verlor. Die letzte, die es getroffen hat, ist die schöne Dana (Evelyn Opela). Und dann ist da auch noch Günter Wagner (Jochen Bißmeier), ihr letzter Kunde und der Bruder eine von Bassecks Verflossenen.

Ich fand diese Episode nur mittelmäßig interessant: Sie verschenkt Horst Tappert (als Bassecks Geschäftspartner) und dessen Talent zum Schurkentum in einer völlig unterentwickelten Rolle und nervt zudem mit endlosen Musikeinspielungen der Les Humphries Singers, die als Attraktion des Nachtclubs eine Nummer nach der anderen zum Besten geben und dabei die Tanzfläche ganz allein für sich in Anspruch nehmen. Jürgen Drews, damals ein Mitglied der Combo, tanzt so am Rande mit und wirkt, als sei ihm das alles furchtbar unangenehm. Das zeugt von mehr Geschmack und Stil, als ich ihm zugetraut hätte, aber auch von einer fragwürdigen Arbeitsmoral. Diese breiten Musikeinlagen (neben dem penetranten Ohrwurm „Mamama-mamamalu!“ gibt es auch ein Liedchen über Mexiko, bei dem der Sänger natürlich einen Sombrero tragen muss) sind schon faszinierend – mit welch elender Scheißmusik man damals zu Ruhm und Geld kommen konnte -, aber verfehlen das Ziel, hier ein bisschen Glamour reinzubringen. Viel besser gelingt das der betörenden Evelyn Opela, deren tschechischer Akzent („Ich habe ein Dacksi gerufen.“) in Verbindung mit der markanten Mund- und Kieferpartie sowie dunkeln Augen und Haaren mehr Mystik in die Episode bringen, als alle Scriptwindungen Reineckers.

***/*****

 

Episode 61: Der Geigenspieler (Theodor Grädler, Deutschland 1973)

Der Geigenspieler Triberg (Günther Stoll) erhält eine Warnung, nach seinem Konzert auf gar keinen Fall wie gewohnt mit dem Zug nach Hause zu fahren. Er nimmt die Warnung zur Kenntnis, steigt dann aber doch in den Zug – und wird durch das Fenster erschossen. Seine Ehefrau Irene (Sonja Ziemann) kann am Bahnhof nur noch die Leiche in Empfang nehmen. Wie sich herausstellt, hatte sie ein Verhältnis mit dem mittellosen Maler Kolding (Heinz Bennent). Und der verfügt kurz nach dem Mord plötzlich über eine große Menge Geld, die ihm vom Irene Triberg überreicht wurde.

Ein weiterer Eintrag in Reineckers bis tief in die Neunzigerjahre reichende Abrechnung mit bürgerlichem Ehe-Ennui: Hier geht die Ernüchterung sogar so weit, dass der Ehemann die eigene Ermordung geradezu als Erlösung hinnimmt. Insgesamt ist „Der Geigenspieler“ nur Durchschnitt, was immerhin „gute Unterhaltung“ bedeutet, die zudem durch die Leistungen von Sonja Ziemann, dem immer großartigen Heinz Bennent, Elisabeth Flickenschildt und Erik Schumann in einer ungewohnten Rolle als gammliger Schmierlappen aufgewertet wird.

***/*****

 

Episode 62: Ein Funken in der Kälte (Wolfgang Staudte, Deutschland 1973) 

Die alternde Prostituierte Heide Hansen (Mady Rahl) wird ermordet und aus dem fahrenden Auto geworfen. Sie ging für den fiesen Zuhälter Schönau (Hans Brenner) auf den Strich und unterhielt zudem eine zärtliche Beziehung zu dem Säufer Alfons Schichta (Klaus Behrendt), vor dessen Kellerwohnung sie immer auf Freier wartete. Warum musste sie sterben?

Traurige Dramen im Milieu: Auch darauf verstand sich Reinecker, der hier eine besonders trostlose Geschichte erdachte. Alte Nutten, die keiner mehr haben will und die sich mit einer Erkältung im Kellerloch eines Alkoholikers aufwärmen, der jede Selbstachtung verloren hat, und ein Loddel, der Minderjährige als sein neuestes Geschäftsmodell entdeckt hat: Das sind die Zutaten dieser Episode, die es bundesdeutschen Fernsehzuschauern anno 1973 erlaubte, sich davon zu vergewissern, wie gut sie es selbst hatten, und sich nebenbei von Reineckers Elendstourismus einen wohligen Schauer über den Rücken jagen zu lassen. Vieles hier wärmte Reinecker später bei DERRICK wieder auf, am prominentesten sicherlich den Coup, Behrendt als Säufer im Endstadium zu besetzen. Die Folge ist nicht so spannend und ihr Highlight ist Brenner als schmieriger Zuhälter.

***/*****

 

Episode 63: Sonderbare Vorfälle im Hause von Professor S. (Wolfgang Becker, Deutschland 1973)

Die Haushälterin von Professor Steger (Hans Caninenberg) wird von einem Einbrecher umgebracht: Anstatt die Flucht zu ergreifen, legt er die Leiche in ihr Bett und macht es sich anschließend gemütlich. Er hört Musik, liest, macht sich sogar etwas zu essen. Der Professor, ein Psychiater, verdächtigt seinen Sohn Alfred (Matthieu Carriére), der einst selbst in Behandlung war, und verwischt deshalb alle Spuren. Doch dann gibt es einen ganz ähnlichen, zweiten Fall im Haus des Malers Erdmann (Günther Ungeheuer).

Ein Psychothriller! Die interessante Folge mit tragischer Auflösung bietet Carriére in seiner Paraderolle als aufmüpfig-arroganter, kalter Schnösel, den er eigentlich sein ganzes Leben lang spielte. Margarethe von Trotta bleibt lange im Hintergrund, was zwar die Überraschung am Ende vergrößert, aber hinsichtlich ihrer Figur Potenzial verschenkt. Dazu läuft Lobos Nummer-eins-Hit „I’d love you to want me“ in Dauerschleife, bis man sich die Ohren abreißen möchte. Wenn es um Popmusik und Jugendkultur ging, offenbarten sich Reinecker und mit ihm seine Produzenten meist als völlig Ahnungslose. Nun gut, Lobos Ohrwurm, der auch in den USA zum Hit avancierte, fand reißenden Absatz und dürfte auch bei Teenies für Verzückung gesorgt haben, aber dass die Platte im Haushalt eines Akademikers wie Steger Einzug hält, halte ich für einigermaßen unwahrscheinlich.

****/*****

 

Episode 64: Ein Mädchen nachts auf der Straße (Theodor Grädler, Deutschland 1973)

Die Studentin Inge Sobach (Uschi Glas) wird erwürgt in ihrer Wohnung aufgefunden. In dem erfolgreichen Unternehmer Harald Bergmann (Curd Jürgens) hatte sie einen wohlmeinenden Gönner – und einen Geliebten? Der Mann berichtet Keller, wie er Inge kennen lernte und welche Beziehung er zu ihr unterhielt. Brachte er sie um, weil sie sich in seinen Sohn Rolf (Amadeus August) verliebte? War Rolf der Täter, weil er es nicht ertragen konnte, sie mit dem Vater teilen zu müssen? Oder war gar Bergmanns erzürnte Gattin Elvira (Inge Birkmann) die Täterin?

Eine KOMMISSAR-Folge mit Curd Jürgens muss zwangsläufig ein Ereignis sein: Der „normannische Kleiderschrank“ gibt wieder eine seiner berüchtigten Darbietungen als ergriffen-lüsterner Onkel, der mit seiner einzigartig sonoren Stimme über die „Lebensfreude“ und den unbeirrbaren Optimismus des jungen Mädchens schwärmt, alle berechtigten Nachfragen über die möglicherweise sexuelle Natur seiner Bekanntschaft brüsk von sich weist, solche Unterstellungen als bornierte Fantasielosigkeit von Menschen kritisiert, die einfach keinen Einblick in die höheren Weihen wahrer, platonischer Liebe haben. Dass er einräumen muss, die schöne, reine, freudige und optimistische Inge, die seine Tochter sein könnte, dann doch auch mal gefickt zu haben (aber nur einmal!), ist in seinen Augen kein Widerspruch und schon gar nicht irgendwie anrüchig. Es ist ein Fest. Dass die Männer im KOMMISSAR (und auch später bei DERRICK) auffallend oft ganz selbstverständlich deutlich jüngere Geliebte haben, wird kaum hinterfragt – die Tatsache folgt eben ganz logisch aus der gesellschaftlichen Realität der BRD der Siebzigerjahre, in der die Männer die Karrieren hatten und sich dann jüngere, „repräsentative“ Frauen nahmen, die vom Wohlstand des Gatten schließlich nur profitierten – und mit denen sich vor den Geschäftsfreunden gut protzen ließ. Curd Jürgens führt die Denke, die hinter solchen Beziehungen steht, gnadenlos vor – gerade weil er sich so unreflektiert in seine Rolle wirft, die sich von seiner Lebensrealität wahrscheinlich kaum unterschied. Auch im echten Leben angelte er sich mit Vorliebe deutlich jüngere Mädchen, die seine müden Knochen mit ihrer „Lebensfreude“ munter machten und im Gegenzug in den Genuss seines luxuriösen Lebensstils und natürlich seiner großen Weisheit als Künstler kamen. Uschi Glas macht mit beim schmierigen Spiel, versieht ihre Inge mit großäugiger, reichlich naiver Unbedarftheit und Offenheit, und verleiht dem geilen alten Bock damit mehr oder weniger die Carte blanche. Wahnsinn.

*****/*****

 

Episode 65: Sommerpension (Jürgen Goslar, Deutschland 1973)

Im Moor wird ein Toter neben seinem im Schlamm stecken gebliebenen Wagen aufgefunden. Ganz in der Nähe befindet sich die abgelegene Pension von Amalie Schöndorf (Marianne Hoppe), die ihre Zimmer an einige Rentner vermietet. Ihre Tochter Barbie (Gerlinde Döberl) hat ein lahmes Bein, seit die Mama sie zusammen mit ihrer Haushälterin Paula (Bruni Löbel) über den Haufen fuhr – und ihr so das Leben und die Tour bei den Männern vermasselte: Eigentlich hatte der Gasthof-Besitzer Schuster (Götz George) die Barbie schon als Ehefrau in spe auserkoren – bis er das Hinkebein zu sehen bekam. Aber was hat der Tote mit dieser Geschichte zu tun?

German Gothic mit komischen Untertönen, die vor allem auf das Konto der Rentner gehen, die Beweisstücke einsacken, sich über erkaltete Suppe beschweren, Keller zum Baden im Moorsee einladen und natürlich beim Mordfall schön die Klappe halten, weil sie nichts lieber wollen, als dass die brave Barbie endlich den Mann bekommt, der ihr zusteht. Götz George hat einen ca. drei Meter breiten Schnurrbart, aber ansonsten kaum mehr als einen ausgedehnten Gastauftritt, der ihn deutlich unterfordert. KOMMISSAR- und DERRICK-Profis sortieren die Folge als eines von mehreren Beispielen ein, in denen Menschen mit Behinderung äußerst schlecht wegkommen. Ob das nur Reineckers Sicht widerspiegelt oder sie damals dem bundesdeutschen Status quo entsprach, kann ich nicht befriedigend beantworten. Fest steht, dass Barbie durch ihre Behinderung „damaged goods“ ist, völlig unvermittelbar auf dem Ehemarkt. Der eben noch bis über beide Ohren verliebte Schuster schaut auf einmal drein, als habe ihm jemand kräftig in die Suppe gerotzt, als er das Humpeln der jungen Frau erblickt, und das Drehbuch gibt ihm mehr oder minder Recht: Was will ein Gastwirt auch mit einer lahmen Frau, die kann ja weder Gäste bedienen noch Bierfässer schleppen! Dann doch lieber gar keine Gattin! Es ist zum Verrücktwerden.

****/*****

 

Episode 66: Herr und Frau Brandes (Leopold Lindberg, Deutschland 1973)

Die Malerin – was hat Reinecker nur ständig mit Malern? – Gerda Brandes (Agnes Fink) hat soeben Besuch von einem ihrer Kunden, da zerreißt ein Schuss im nahegelegenen Wald die Stille. Wenig später wird ein Toter gefunden, ein junger Mann, der Frau Brandes Modell stand und außerdem ein Verhältnis mit ihr hatte. Der Verdacht fällt natürlich sofort auf ihren Mann Wolfgang (Bernhard Wicki), der von der Affäre weiß – und nach einem Tag des Nachdenkens auch ein Alibi hat, das ihm Ursula Becker (Gisela Stein) gibt, die Erzieherin des geistig behinderten Sohnes Ulrich (Andreas Seyferth), mit der wiederum er sich über die Entfremdung der Ehefrau hinwegtröstet. Dann malt der Junge ein Gewehr.

Zerrüttete Ehen, eines der Leib- und Magenthemen Reineckers. Die Überraschungen halten sich in Grenzen, die Episode lebt ganz von dem Zusammenspiel von Fink und Wicki, die auch im echten Leben verheiratet waren. Wicki beim Rauchen zuzuschauen, ist allein schon ein Fest und die Stimme der Fink, die sie unter anderem Katharine Hepburn und Ellen Burstyn lieh, lässt einen in Ehrfurcht erzittern. Auf der anderen Seite haben wir mit Ulrich wieder ein Beispiel für die erbarmungswürdige Darstellung von Menschen mit Behinderung. Nicht nur, dass der Junge als komplett schwachsinnig dargestellt wird, er wird auch von keiner der ihn umgebenden Personen als auch nur annähernd gleichwertig und zurechnungsfähig behandelt. Das ist aus heutiger Sicht einfach nur erschütternd.

****/*****

 

Episode 67: Tod eines Buchhändlers (Theodor Grädler, Deutschland 1973)

An einem Sonntagmorgen wird der Dorf-Buchhändler Kapp (Werner Bruhns) ersoffen am Ufer der Isar aufgefunden, unweit seines Autos. Im Ort scheint man sich sicher zu sein, dass der Tod Folge eines Unfalls ist, denn jeder weiß, dass Kapp sich samstags gepflegt einen hinter die Binde zu gießen pflegte – nur um danach seine schöne Gattin Herta (Judy Winter) zu verdreschen. Weil aber einige Indizien auf Fremdeinwirkung schließen lassen, nehmen Kommissar Keller und seine „Jungs“ die Ermittlungen auf. Die führen sie schnell zu Kapps Azubi Roland Beyfuss (Pierre Franckh): Der konnte es nicht ertragen, das Leid der Gattin seines Chefs mitanzusehen, denn er schwärmte für die junge Frau.

Wenn mich nicht alles täuscht, beginnt hier die lange Tradition Münchener Krimis mit Pierre Franckh in der Rolle des gutmütigen, treudoofen und schlappschwänzigen Pechvogels. Wer ihn wie ich bereits in Dutzenden von DERRICK-Episoden in Variationen dieses Typus gesehen hat, für den hält sich die finale „Überraschung“ ziemlich in Grenzen. Wobei „Tod eines Buchhändlers“ generell zu den eher vorhersehbaren Folgen des umfangreichen Reinecker’schen Schaffens gehört. Interessant ist sie vor allem hinsichtlich ihrer Haltung zu ehelicher Gewalt: Zwar wird der Gattinnenverprügler Kapp ziemlich deutlich als Unsympath gezeichnet, sein Handeln zudem noch dadurch verschlimmert, dass seine Fäuste die göttliche Judy WInter treffen, die damals wirklich zum Niederknien schön war, aber es ist dennoch auffällig, dass sich Reinecker eine eindeutige, explizite Bewertung verkneift. Keller äußert sich nie zu Kapps Entgleisungen, auch die Aussagen der Nebenfiguren in Richtung „Was andere Leute tun, geht uns nichts an“ bleiben unwidersprochen und am Ende wird der geschundenen Ehefrau gar der schwarze Peter zugeschoben, weil sie dem jungen Roland solche Flausen in den Kopf gesetzt hat. Problematisch, aber faszinierend.

****/*****

 

Episode 68: Domanns Mörder (Wolfgang Becker, Deutschland 1974)

Ernst Faber (Erich Schellow) und sein Sohn Ulrich (Peter Chatel) finden in der Familienvilla den toten Domann (Michael Maien) auf – und fangen sofort an, wilde Pläne zu schmieden und Vorsichtsmaßnahmen zu ergreifen, damit die Polizei bloß niemanden verdächtigt. Weder Mutter Gerda (Gisela Uhlen) noch Tochter Hannelore (Gitty Djamal), Hausmädchen Luise (Gustl Halenke) oder die junge Irmi (Irina Wanka) sind da – was auch ein bisschen das Problem der Familie ist, deren Mitglieder alle ihre eigenen Wege gehen, ohne sich groß um die anderen zu kümmern. Die Mitglieder sind sicher, dass einer aus ihrer Mitte der Mörder ist, aber wer, warum und wieso, interessiert sie nicht. Hauptsache, sie gehen straffrei aus.

„Kann denn nicht endlich mal jemand an die Kinder denken!?“, pflegte Ned Flanders‘ Ehefrau bei den SIMPSONS auszurufen. Ihr Flehen könnte auch diese Episode überschreiben, in der Reinecker zeigt, wie die Eitelkeiten der Erwachsenen unsere süßen Kinderlein ins Unglück stürzen. Irina Wanka, die die nahezu stumme Irmi spielt, blieb dem Rollenbild, das sie hier im zarten Alter von 12 zeigte, auch in den folgenden zwei Jahrzehnten bei unzähligen DERRICK-Auftritten treu. Immer spielte sie den Unschuldsengel reinen Herzens, der durch das amoralische Treiben der Sünder um sich herum in tiefste Abgründe gestoßen wurde. Das ist ein fetter Spoiler, ich weiß, aber mehr als die Frage nach dem Täter interessiert in „Domanns Mörder“ die Sezierung großbürgerlicher Arroganz, die Reinecker mit blitzendem Skalpell vornimmt. Vor allem Erich Schellow ist großartig als Patriarch, dem der Gedanke, es mit der Wahrheit zu halten, nicht im Entferntesten in den Sinn kommt.

****/*****

 

Episode 69: Ein Anteil am Leben (Ullrich Haupt, Deutschland 1974)

Die Kellnerin Alma (Heidi Stroh) wird in ihrer Wohnung von ihrer männlichen Begleitung brutal erstochen. Ihre Arbeitskollegin, die Putzfrau Anna Bergmann (Käthe Gold), die bei Alma im Flur schlafen darf, weil sie ihre Wohnung verlor, überrascht den Mörder und lässt sich ihr Schweigen gut bezahlen. Keller ahnt, dass die Frau etwas weiß – und dass der Täter aus dem Kreise gut betuchter Münchener Geschäftsleute und Politiker stammen muss, die Alma jeden Freitag bediente. Keller versammelt die Männer im Brauhaus, doch die wissen, dass er ihnen nichts nachweisen kann.

Das Setting der verschworenen männlichen Saufgemeinschaft, die die mangelnde sexuelle Bereitschaft einer jungen Frau drastisch bestraft, griff Reinecker auch später bei DERRICK noch einige Male auf. Hier verbindet er es mit einer seiner Betrachtungen zur Einsamkeit im Alter. „Ein Anteil am Leben“ ist kein Highlight der Serie, was mehrere Gründe hat: Die ganze Prämisse wirkt überkonstruiert, das Verhalten der alten Dame unglaubwürdig und übertrieben, die Auflösung gegenüber dem Aufbau dann übereilt und zu allem Überfluss spielt auch noch Dieter Schidor mit, der einfach immer fehlbesetzt ist. So wird dann auch die Tragik von Anna Bergmanns Schicksal zunichte gemacht. Es ist schon bitter: Es muss erst jemand umgebracht werden, damit sie ein einziges Mal das Leben aus vollen Zügen genießen kann.

**/*****

 

Episode 70: Die Nacht mit Lansky (Erik Ode, Deutschland 1974)

Kommissar Keller und die „Jungs“ sind zum monatlichen Abendessen bei Heimes‘ Mutter (Ruth Hausmeister) eingeladen, als sie von der Nachbarin Frau Lansky (Heli Finkenzeller) um Hilfe gebeten werden: Ihr Ehemann Heinz (René Deltgen), ein Handelsvertreter, verhalte sich seltsam, sei abwesend und völlig außer sich. Doch der ältere Herr besteht darauf, dass alles in Ordnung sei und schickt die Kriminalbeamten wieder weg: Verdutzt bemerken diese aber Blutflecken an den Händen, den Koffern und am Steuerrad des Wagens des Mannes.

Reinecker sinniert mal wieder über das Alter, darüber wie Menschen irgendwann aufs Abstellgleis geschoben werden und dann dazu gezwungen sind, irgendwie weiterzumachen. In der fest gefügten Ordnung der Siebzigerjahre sind es natürlich vor allem die Männer, die dieses Schicksal trifft. Darauf gedrillt, als Versorger ihrer Familien zu wirken, fühlen sie sich plötzlich nutzlos und impotent. (Das Schicksal der Frauen ist es hingegen, ab einem gewissen Alter von ihren Männern sitzen oder links liegen gelassen zu werden: Auch das haben wir beim KOMMISSAR schon häufiger gesehen.) Im Falle des armen Lansky geht die Verzweiflung so weit, dass er der Familie ein ganzes Jahr lang eine Berufstätigkeit vorgaukelt, montags das Haus verlässt, in sein Auto steigt und dann am Freitag zurückkehrt. Die Tage füllt er mit Einbrüchen bei seinen ehemaligen Kunden, die das nötige Geld bringen und sicherstellen, dass er seine Fassade als Versorger zu Hause aufrechterhalten kann. Bis sein Nachfolger Kessler (Eckart Dux) ihm auf die Schliche kommt. Die Episode ist zermürbend, auch weil sie ziemlich lang auf der Stelle tritt. Keller und Kollegen wissen, dass Lansky etwas verbrochen hat, aber sie haben auch keinen echten Grund, gegen ihn vorzugehen – schließlich scheint es noch gar kein Opfer zu geben. Und alle Versuche, den Mann zum Rede zu bringen, scheitern – bis er dann schließlich doch irgendwann einbricht und seine Geschichte erzählt, die dem Zuschauer dann in Rückblenden serviert wird. Ich bin etwas unentschlossen: Deltgen ist toll, die Episode unendlich traurig, aber ihr Ende ist eben auch recht vorhersehbar.

***/*****

 

Episode 71: Spur von kleinen Füßen (Theodor Grädler, Deutschland 1974)

Ein junges Mädchen (Sabine Sinjen) wird erschossen und dann von einer Brücke geworfen. Sie war vor einem Jahr vom Land nach München gekommen und die lange Galerie ihrer Verehrer führte sie schließlich ins Drogenmilieu.

Die Episode, in der mehrfach die auffallend „kleinen Füße“ des Opfers angesprochen werden, ohne dass das eine echte Bedeutung hätte (Sabine Sinjens Füße sind darüber hinaus keineswegs besonders klein: Fehlbesetzung!), ist mal wieder eines der gruseligen Beispiele für Frauenmystifizierung und Altherrenerotik. Wie schon Uschi Glas in der Episode „Ein Mädchen nachts auf der Straße“ ist auch Sinjen hier das Objekt der haltlosen Idealisierung diverser Männer, die schon ans Pathologische grenzt. Reinecker lässt seine diversen Männertypen von der „reinen Lebenslust“ und einer „verdinglichten Erfahrung“, die das Zauberwesen verkörpere, fabulieren, dabei mit verträumtem Blick ins Leere starren, als könnten sie dort Einhörner beim Kopulieren sehen. Sinjen weiß mit diesem Quatsch offensichtlich gar nichts anzufangen und interpretiert die zarte Elfe als ständig enthusiasmiert grinsende, herumrennende oder wild hüpfende Kindfrau, die jedem Menschen bereits nach kürzester Zeit fürchterlich auf die Nerven fallen würde. Wie eine Biene fliegt sie von einem Mann zum anderen, weil die pure Lebenslust und Neugier sie antreibt. Zurück bleiben Peter Ehrlich als ihr mit seiner verdörrten Schwester zusammenlebender Chef, Martin Lüttge als junger Fotograf, Udo Vioff als eleganter, der Mama (Alice Treff) höriger Drogenhändler und Christian Reiner als Junkie. Keiner ist in der Lage, dieser Nymphe dauerhaft zu geben, was sie braucht. Und es ist klar, dass das nur mit dem Tode enden kann. Die Besetzung der Folge ist natürlich unfuckwithable, zumal auch noch der stets mürrische Günther Neutze als mies gelaunter Kneipenwirt mitmischt. In einer sehr rätselhaften Szene rufen einige junge Partygäste bei einem Telefonseelsorge an, um sich über den Selbstmordversuch eines anwesenden Freundes lustig zu machen. Jesus, what is it with these people?!

Wichtig ist die Folge aber noch aus einem anderen Grund: Es ist die letzte Episode mit Fritz Wepper als Harry Klein: Er wird zu Beginn in einer tatsächlich sehr rührenden Szene in die Obhut von Oberinspektor Derrick verabschiedet und präsentiert dann seinen Bruder Erwin (Elmar Wepper) als Nachfolger. Der erntet zwar sofort die Sympathien von Chef Keller (weil er erkennt, dass das Mordopfer auffallend kleine Füße hatte), steht aber im weiteren Verlauf mehrfach wie Falschgeld herum. Mal sehen, wie er sich entwickelt. Das gilt auch für die Serie insgesamt, die Reinecker doch mittlerweile merklich auf Autopilot betreibt.

***/*****

 

DAS WIRTSHAUS VON DARTMOOR ist einer der unzähligen Gruselkrimis, die im Gefolge der erfolgreichen Edgar-Wallace-Reihe der Rialto in den Sechzigerjahren in die Kinos gespült wurden. Zehetgruber war einer der Nutznießer des Trends, drehte neben diesem auch Filme wie DIE SCHWARZE KOBRA, DIE NYLONSCHLINGE, PICCADILLY NULL UHR ZWÖLF und DAS GEHEIMNIS DER CHINESISCHEN NELKE, die auf den Romanen irgendwelcher Krimiautoren basierten, die sich gut im Fahrwasser Wallace‘ vermarkten ließen. Meist waren diese Filme gespickt mit Akteuren aus der berühmten Serie – hier etwa neben Heinz Drache auch solche Darsteller wie Ralf Wolter, Mady Rahl, Friedrich Joloff und Dieter Eppler, motivisch und inhaltlich dürfte es den meisten Kinozuschauern nahezu unmöglich gewesen sein, Original und Fälschung auseinanderzuhalten.

Zehetgrubers Film fängt recht stimmungsvoll mit Bildern des inmitten des Moores gelegenen Gefängnisses und des sich aus dem Nebel schälenden Wirtshauses an: Es geht um eine ganze Reihe von Ausbrüchen, deren Spur sich jedoch in den Räumlichkeiten des zwielichtigen Etablissements verliert. Neben dem Scotland-Yard-Ermittler Cromwell (Paul Klinger) versucht auch der mysteriöse Smith (Heinz Drache) hinter das Geheimnis der Ausbruchsserie zu kommen, hinter der der dubiose Anwalt Gray (Dieter Eppler) zu stecken scheint.

Wie es auch bei den Wallaces sprechen für WIRTSHAUS vor allem die Naivität wie auch die Unverkennbare Deutschheit des Gebotenen: Es ist einfach herrlich, wie hier versucht wird, eine gewisse Internationalität vorzugaukeln, diese Bemühungen aber schon an der Aussprache des Ti-Äitschs scheitern. Dazu diese herrlich rückständige Vorstellung einer Unterwelt, in die auch noch ein alter Postkartenverkäufer eingebunden ist, der Poststempel aus aller Welt zu beschaffen in der Lage ist, und einer Polizei, die zwar irgendwie alles weiß, aber leider dann, wenn es ihr doch nicht weiterhilft. Und in jeder noch so schäbigen Pinte arbeitet garantiert ein heißer Feger, dem die dickbäuchigen Spießer nachstellen. Am Ende wird die Handlung sogar in den Knast verlegt und Heinz Drache trägt einen Anzug mit Pfeilen drauf, wahrscheinlich damit man weiß, wo oben ist.

Der Film ist zwar einer der besseren, die abseits der Reihen der Rialto und der CCC entstanden sind, aber dennoch geht ihm nach fluffigem Auftakt die Puste aus. Zehetgruber ist einfach ein gnadenlos uninspirierter Hack gewesen und dass gewiss spärliche Budget spielte ihm hier nicht gerade in die Karten. Schade drum, denn der Anfang hat wirklich Spaß gemacht.

Episode 206: Die Reise nach München (Alfred Weidenmann, 1992)

Der arbeitslose Hugo Sassner (Stefan Wigger) reist nach München, um sich dort einen Job zu suchen – seine Frau droht, ihn zu verlassen, wenn er nicht langsam wieder in Lohn und Brot kommt. Doch Sassner hat wenig Erfolg. Dann schlägt das Schicksal zu: Im Nachbarzimmer der miesen Absteige, in der er sich eingemietet hat, bringt der unbeherrschte Berthold Holzinger (Michael Roll) eine Prostituierte um. Sassner hilft dem jungen Mann, seine Spuren zu verwischen und unbemerkt zu fliehen – und erpresst ihn anschließend: Sein Schweigen gegen eine Festanstellung. Holzingers Mutter (Ursula Lingen) lässt ihre Kontakte spielen und verschafft Sassner die ersehnte Stelle. Dessen sichtbare Freude weckt jedoch berechtigten Verdacht in Derrick …

Gute Episode, die mit ihren rücksichtslosen Egoisten thematisch den Bogen zu den Glanzzeiten der Serie schlägt. Das Zusammenspiel von Wigger – ein Waschlappen, der die Arschbacken zusammenkneift und ob seines Triumphes größenwahnsinnig wird -, Roll – schwitziger Totschläger, der noch schwitziger wird, als er merkt, dass sein vermeintlicher Wohltäter ihn in der Hand hat – und Lingen – cool kalkulierende Mutterfigur, die sich durch nichts aus der Ruhe bringen lässt, aber weiß, dass sie Derrick nicht an der Nase herumführen kann – ist der Schlüssel zum Erfolg. Lustig außerdem, wie vorsintflutlich die Welt eines Jobsuchenden im Jahr 1992 heute anmutet: Den Satz „Ich nehme mir ein Hotel in München, dann kann ich gleich morgens die Stellenanzeigen lesen, wenn die Zeitungen rauskommen“ muss man jüngeren Zuschauern wahrscheinlich erst einmal übersetzen.

****/*****

 

Episode 207: Ein seltsamer Ehrenmann (Zbynek Brynych, 1992)

Der Kleinkriminelle Krowacs (Claude-Oliver Rudolph) wird von Grigo (Henry van Lyck) beauftragt, den Studenten Berthold Masinger (Philipp Moog) umzubringen. Krowacs willigt ein, doch vor dem jungen Mann packt ihn das Gewissen. Als Masinger wenig später dennoch tot ist, sucht Krowacs Derrick auf …

Rudolph war in seinen DERRICK-Auftritten bisher immer gut, aber es haperte manchmal an den Rollen, die man ihm zuwies. Hier nun steht er ganz im Zentrum und begeistert als „seltsamer Ehrenmann“, sprich als Krimineller mit Ehrgefühl. Die Szene, in der er seinem Opfer gegenübertritt, sich dann aber anders entscheidet und schließlich auf einen Kaffee und ein Pläuschchen bleibt, ist großartig (auch wenn man sich kaum vorstellen kann, dass Rudolph sich freiwillig mit dem Popper Moog abgegeben hätte), nicht minder cool ist sein anschließender Anruf bei seinem Auftraggeber, dem er nur lapidar mitteilt, dass er es sich anders überlegt hat und seinen Lohn gern zurückgeben würde. Mit Tappert entwickelt Rudolph zudem eine unvorhergesehene Chemie und beim Schlussbild musste ich fast ein wenig an die Männerepen eines John Woo denken. Lediglich der Kriminalfall hinter dieser Männergeschichte ist nicht so prall. Macht aber gar nichts.

****/*****

 

Episode 208: Mord im Treppenhaus (Helmuth Ashley, 1992)

Frau Kollwitz wird im Treppenhaus ihres Wohnhauses ermordet. Ihr Ehemann (Rüdiger Vogler) ist erschüttert, auch wenn der Haussegen länger schon schief hing: Für den Unterhalt der Familie sorgte die Gattin in ihrer Nebentätigkeit als Luxusprostituierte. Als Sohn Martin (Holger Handtke) davon erfährt, ist er am Boden zerstört …

Es moralisiert mal wieder. Aus der Frau, die ihre Familie durch vollen Körpereinsatz ernährt, weil ihr Mann wieder einmal einer jener typischen DERRICK-Waschlappen ist, wird in den mitleidlosen Dialogen eine „Hure“, aus ihrem Tun eine moralisch verwerfliche Tat und ein Verrat an ihrem Mann und ihrem Sohn. Ihre Kunden sind ekelhafte Bonzen von zweifelhafter Lebensauffassung, die sich natürlich keiner Schuld bewusst sind und die gnadenlos an den Pranger gestellt werden, obwohl sie ja lediglich eine Dienstleistung in Anspruch nahmen – und diese ziemlich fürstlich bezahlten. Immerhin gibt es einen Auftritt von Harald Leipnitz als einer dieser eklen Freier.

***/*****

 

Episode 209: Die Festmenüs des Herrn Borgelt (Alfred Weidemann, 1992)

Der ältere Herr Borgelt (Ernst Schröder) reist nach dem Drogentod seiner Tochter (Svenja Pages) nach München und sucht die Männer auf, die er für verantwortlich für ihr Ende hält. Während er dann abends im Hotel ein üppiges Menü zu sich nimmt, finden sie ihren Tod. Mit wem arbeitet er zusammen?

Mal wieder eine Selbstjustizepisode: Auf der Habenseite sind der als distinguierter älterer Herr auftretende Ernst Schröder zu verbuchen, dessen vornehmen Ausführungen über guten Wein ich stundenlang zuhören könnte, sowie Henry van Lyck als Pornoproduzent: Der Einblick in den Dreh eines seiner Filme ist allein den Eintrittspreis wert. Dann natürlich die schöne Svenja Pages, die ihrem Papa regelmäßig Videotapes von sich schickt, von denen sie nun in Reinecker’scher Diktion direkt in die Kamera schwafelt. Der Besuch in einem sozialen Auffangbecken für Junkies ist auch amüsant und Irene Clarin als feuereifrige Sozialarbeiterin voll in ihrem Element. Man könnte sich das Ganze sehr gut als Schwarze Komödie aus Frankreich vorstellen. In Weidenmanns Inszenierung ist alles etwas biederer, aber letztlich bleibt eine gute Episode.

****/*****

 

Episode 210: Der stille Mord (Theodor Grädler, 1992)

Eine junge Frau wird in der Isar gefunden. Offenbar wurde sie bei einer Betriebsfeier ihres Arbeitgebers vergewaltigt und dann „entsorgt“. Als Verdächtige kommen ihre Vorgesetzten Weber (Dirk Galuba), Dowald (Robert Jarczyk) und Hahne (Gerd Baltus) in Frage. Bei den Ermittlungen kreuzt immer wieder Frau Zinser (Sonja Sutter) mit ihren beiden Töchtern Derricks Weg …

Man wünschte sich, dieses Drehbuch wäre in den Siebzigern verfilmt worden, mit bier- und zigarrenrauchgeschwängerten Eindrücken von der Betriebsfeier, bei der geile Männerfinger am jungen Praktikantinnen-Po herumfummeln, bis die schwitzigen Herrschaften schließlich auf eine Leiche herniederschauen. Anfang der Neunziger war man taktvoller und hüllte den Mantel des Schweigens über die Tat – zumindest verlegte man sie in die extradiegetische Vorvergangenheit der Episode. Zum Ausgleich führt Reinecker aber die drei Frauen ein, die schwarz gewandet wie Rachegeister durch die Geschichte wandeln. Wie schon in ISOLDES TOTE FREUNDE begeistert vor allem Juliane Rautenberg mit ihrem abwesenden Gesichtsausdruck. Selten hat Anti-Schauspiel so nachdrücklich gewirkt wie hier.

****/*****

 

Episode 211: Beatrice und der Tod (Theodor Grädler, 1992)

Derrick wird die Journalistin Beatrice (Elisabeth Trissenaar) zur Seite gestellt, die eine Story über die Arbeit der Mordkommission schreiben soll. Mit Mördern und ihren Opfern konfrontiert zu werden, fasziniert die Frau vielleicht etwas zu sehr …

Hier stimmt gar nichts und man fragt sich, ob Reinecker wirklich so ein schlechtes Bild von Journalisten hatte oder ob er sich schlicht einen Scheißdreck für Authentizität und Plausibilität interessierte. Anstatt den Lesern ihres Blättchens eine Story zu geben, die diese auch wirklich lesen wollen, verliert sich die Journalistin Beatrice in philosophischen Spekulationen über das Wesen von Mord als „intimstem Moment, den Menschen miteinander teilen können“ und anderen Spinnereien, die sie in nicht enden wollenden, Fremdscham auslösenden Monologen ausbreitet. Zu Papier bringt sie gar nichts und man fragt sich, für was sie von ihrem Chef eigentlich bezahlt wird bzw. wie der sich eine solche Mitarbeiterin leisten kann. Ihre Spinnerei ist dramaturgisch natürlich begründet, aber die Auflösung ist so doof, dass sie weder das Gesamtkonstrukt noch die Etablierung einer solch durch und durch nervtötenden Figur rechtfertigen würde. Und dass sich Reinecker hier zum dritten Mal innerhalb kürzester Zeit selbst kopiert, habe ich dabei noch gar nicht erwähnt. Die zwei Sterne gibt es nur, weil die Episode „Lena“ noch beschissener ist.

**/*****

 

Episode 212: Eine eiskalte Nummer (Helmuth Ashley, 1992)

Als der Geschäftsmann Rudger (Peter Fricke) von zwei Einbrechern überrascht wird und diese anschließend ihre Waffe bei ihm vergessen, schaltet er blitzschnell: Er nutzt die Pistole, um den wenig später bei ihm auftauchenden Partner umzubringen, der ihn wegen Betruges vor einen Richter zerren möchte, und schiebt den Mord den beiden Einbrechern in die Schuhe …

Peter Fricke ist mal wieder in seinem Element als manisch-arroganter Geschäftsmann, der andere mit weit aufgerissenen Augen taxiert, als wolle er sie hypnotisieren. Standardware bis zum Schluss, als Schauspieler Ullrich Haupt von Derrick die Rolle seines Lebens annimmt: Er kann die Stimme des Toten täuschend echt imitieren und ruft dann gewissermaßen aus dem Totenreich beim Mörder an. Es spricht aber ausnahmsweise nicht für die Inszenierung Ashley, dass vor allem jene Szene im Gedächtnis bleibt, in der eine kreuzpeinliche „Rock“-Band ihren schrottigen AOR-Sound am hellichten Tag in einer Kneipe probt – in Zimmerlautstärke.

***/*****

 

Episode 213: Tage des Zorns (Günter Gräwert, 1992)

Der Polizist Alfred Heckel (Klaus Grünberg) ist außer sich: Der Nachtclub-Betreiber Donath (Jürgen Schmidt), den er vor Jahren in den Knast gebracht hatte, hat ihm die Gattin (Jessica Kosmalla) ausgespannt. Er bittet Derrick um Hilfe …

Mal wieder etwas anderes, aber letztlich scheitert die interessante Episode an Reineckers fragwürdigen Moralvorstellungen und einem Drehbuch, dass es sich zu leicht macht. Wie spannend wäre es gewesen, wenn Henkels Ex-Frau und der schmierige Loddel tatsächlich eine ernsthafte Liebesbeziehung miteinander führen würden? Stattdessen darf das natürlich nicht sein, muss sich Donath dann eben doch als frauenhassender Drecksack und Manipulator herausstellen, der sich nur dafür rächen will, einst in den Knast gesteckt worden zu sein. Und Derrick hat es von Anfang an geahnt, weil eine Besserung einst straffällig gewordener Subjekte in Reineckers Welt einfach undenkbar ist. Dass die Folge dennoch eher positiv im Gedächtnis bleibt, liegt am herrlich geschmacklosen Setting, an Jürgen Schmidt, der in diesen Rollen einfach super ist (auch ohne Schnauzbart), und an Wepper, dessen Harry sichtlich Freude daran hat, sich während der Dienstzeit einen Whiskey am Tresen des Etablissements reinzugießen und dabei mit der Bardame (Krista Posch) zu plaudern.

***/*****

 

Episode 214: Die Frau des Mörders (Zbynek Brynych, 1992)

Der im Sterben liegende Abel (Gerd Baltus) lässt sich auf einen Deal ein: Er gesteht einen Jahre zurück liegenden Mord, um dem einsitzenden Täter (Christian Berkel) die Freiheit zu verschaffen – gegen ein stattliches Sümmchen, das Abels Gattin (Thekla-Carola Wied) zugute kommt. Doch Derrick ahnt, dass da etwas nicht stimmt.

Die Prämisse ist nicht uninteressant, aber wie so oft in den Neunzigern konzentriert sich Reinecker vor allem auf genau jene Aspekte der von ihm erdachten Geschichte, die eher nicht so aufregend sind. Hier ist das Derricks „Bearbeitung“ der Witwe, von der es abhängt, ob der wahre Mörder auf freiem Fuß bleibt. Dass Derrick die Täter immer wieder bedrängte, ihnen auf die Nerven ging, sie in die Enge trieb und ihnen wie eine Bulldogge am Hosenbei zerrte, gehörte in den ersten Jahren zu seinem bevorzugten Modus operandi – und seine sichtbare Freude daran übertrug sich unvermittelt auf den Zuschauer. Die Methode ist die gleiche, doch Derrick ist ungleich sanfter und wendet sich eher an die Opfer, die er – einem Priester oder Seelsorger gleich – dazu bringen möchte, sich von der Last der Schuld zu befreien. Hier ist es seine Strategie, die Witwe immer wieder damit zu konfrontieren, nun die Frau eines Mörders zu sein. Dass diese Maschen natürlich nur funktionieren kann, weil eine konservative Gesellschaft aus Reineckers eine Ehefrau in Sippenhaft für ihren Gatten nimmt, reflektiert er leider nicht. Das Problem unzähliger später DERRICK-Episoden: Sie funktionieren nur innerhalb Reineckers eng abgezirkelter Welt.

**/*****

 

Episode 215: Billies schöne, neue Welt (Wolfgang Becker, 1992)

Billie (Muriel Baumeister), die Tochter des dubiosen Diskothekenbesitzers Troyka (Bernd Herzsprung) wird immer wieder mit Drogentoten im Etablissements des Papas konfrontiert. Nachdem sie zusammen mit ihrem Freund Christian (Nikolaus Gröbe) eine Leiche in einem Waldstück entsorgen muss, erleidet sie einen Nervenzusammenbruch.

Hier gilt dasselbe wie für die vorangegangene Episode: Eine grundsätzlich interessante Prämisse wird zugunsten eines behelfsmäßig zusammengezimmerten Melodrams verschenkt. Das Setting – ein Familienbetrieb, in dem die lapidare Sterbehilfe für Drogenabhängige, die einem sonst Ärger machen könnten, so selbstverständlich ist, dass sogar die eigene Tochter in den Prozess der Leichenentsorgung involviert wird – ist so bizarr wie spannend, und es sind nicht zuletzt Bernd Herzsprung und der Thomas Schücke, die diese Idee verkaufen. Anstatt sich mehr auf diese Familie zu konzentrieren, entscheidet sich Reinecker aber, das junge Liebespärchen in den Mittelpunkt zu rücken und das wird mitunter schmerzhaft. Bei den gespreizten, artifiziell deklamierten Dialogen zwischen den beiden Liebenden am Ende fühlt man sich in bemühte Theaterinszenierungen mit pädagogischem Anspruch versetzt. Schlimm.

**/*****

 

Episode 216: Ein merkwürdiger Privatdetektiv (Helmuth Ashley, 1992)

Johann Raude (Peter Fricke) lässt seine junge Gattin (Heike Faber), die eine Affäre mit dem jungen Ingo (Tobias Hoesl) hat, vom Privatdetektiv Lippen (Richy Müller) beschatten. Dem ist das junge Liebespaar so sympathisch, dass er seinem Auftraggeber kurzerhand die Mitarbeit verweigert. Der kommt dem Betrug seiner Ehefrau trotzdem auf die Schliche und verprügelt sie brutal. Wenig später wird er erschossen. Und die beiden Hauptverdächtigen geben sich gegenseitig ein Alibi.

Auch hier schlittert Reinecker etwas unsicher auf dem Schmierfilm seiner unangenehm verklärten Weltsicht und bietet zudem eine enttäuschende Auflösung auf, aber insgesamt rettet er sich dann doch noch ins gehobene Mittelmaß – was er vor allem Richy Müller zu verdanken hat, der als idealistischer Privatdetektiv einfach sehr sympathisch rüberkommt und auch die kantigsten Dialogperlen Reineckers noch unfallfrei hervorbringt. Derricks Zurückhaltung angesichts der Misshandlung der jungen Frau stieß mir aber irgendwie sauer auf: Kann der da nicht mal klare Kante zeigen? Die latente Misogynie der Serie wird in diesen späten Jahrgängen immer deutlicher. Wie der Autor das mit seinem Gesäusel von der wahren Liebe zusammenbringt, ist mir ein Rätsel.

***/*****

 

Episode 217: Kein teurer Toter (Helmuth Ashley, 1992)

Der Rechtsanwalt Dr. Lohst (Will Dann) sucht Derrick mit einem Anliegen auf: Sein Klient, der Unternehmer Berger (Joachim Kemmer) erhält Morddrohungen per Telefon. Niemand wundert sich so recht darüber, auch der Betroffene selbst nicht, denn Berger ist ein Tyrann, der erst aufblüht, wenn alle um ihn herum vor Angst zittern. Doch dann wird er wirklich tot aufgefunden, erschossen und in den Maschinen seiner Firma zersägt …

Früher hätte sich Reinecker mit Lust auf den Charakter des brutalen Berger gestürzt, hätte Derrick sich mit der ihm eigenen Hartnäckigkeit an ihm abarbeiten lassen, sich einen Spaß daraus gemacht, dem Misanthropen den Spiegel vorzuhalten und ihn zu bestrafen. Aber leider befinden wir uns im Jahr 1992 und da darf Joachim Kemmer kaum mehr als einen Gastauftritt abliefern, in dem er bezeichnenderweise sympathischer rüberkommt, als all die Waschlappen und Angsthasen um ihn herum. Stattdessen rückt Lohst in den Mittelpunkt, der sich natürlich – das dürfte wirklich nur die wenigsten Zuschauer überraschen – am Ende als der Mörder herausstellt. Sein Motiv: Der Freund der Familie kann es einfach nicht ertragen, wie Gattin (Ingeborg Schöner) und Tochter (Juliane Rautenberg) unter dem Grobian leiden. Vor allem letztere, eine sensible und (zum zweiten Mal nach „Isoldes tote Freunde“) hochbegabte Kirchenorgelspielerin, droht unter dem Einfluss des Vaters förmlich zu zerbrechen, eine Tatsache, die Lohst immer und immer wieder in gewohnt steifer Reinecker-Sprache zu Protokoll gibt. Ich freue mich für Will Danin, dass er hier mal eine etwas größere Rolle übernehmen durfte, aber sein Lohst ist wirklich eine unfassbar freudlose Figur. Der Begriff ist ungut vorbelastet und eigentlich möchte ich ihn gar nicht benutzen, aber hier passt er wie die Faust aufs Auge: Er ist ein unerträglicher Gutmensch, dessen Eifer im Kampf für das Gute im Menschen und den Erhalt der grotesk idealisierten Reinheit seines Schützlings fast schon biblische Züge annimmt. Das wäre ja alles nicht so schlimm, wenn das letzte Drittel der Episode nicht nahezu ausschließlich aus Dialogen zwischen ihm und Derrick bestünde, in denen er sich um einen Dauerauftrag vom „Wort zum Sonntag“ zu bewerben scheint. Was für eine vertane Chance – vor allem vor dem Hintergrund, dass „Kein teurer Toter“ der einzige DERRICK-Auftritt des charismatischen Kemmer bleiben sollte.

**/*****

Episode 182: Kein Ende in Wohlgefallen (Theodor Grädler, 1990)

Ralf Kargus (Michael Roll) hört auf dem Anrufbeantworter die verzweifelte Stimme seiner Schwester, die ihren Selbstmord ankündigt. Seine Hilfe kommt dennoch zu spät: Er findet nur noch ihre Leiche. Von ihrem Chef und Geliebten Tessinger (Jürgen Heinrich), dem Geschäftsführer einer Werbeagentur, für die Kargus‘ Schwester als Model arbeitete, erfährt er, dass sie bei einer Betriebsfeier von zwei wichtigen Kunden vergewaltigt worden sei. Wenig später ist der erste der beiden mutmaßlichen Täter tot …

Die Neunzigerjahre beginnen mit einer angestrengten Episode, die – wie so oft bei Reinecker – nur die äußere Form eines klassischen Krimis hat, eigentlich aber das Psychogramm eines ganz normalen Mannes sein will, der zum Mörder wird und daran letztlich zerbricht. Es ist ein Kunstgriff, den Reinecker nicht zum ersten Mal versucht, der hier aber gründlich in die Hose geht. „Kein Ende in Wohlgefallen“ ist fürchterlich angestrengt und theatralisch: Natürlich fängt Kargus an zu trinken (Whisky, was denn sonst?), entwickelt tiefe Ringe unter den Augen und eine Neigung für fatalistische Monologe mit leerem Blick in die Halbdistanz. Natürlich weiß Derrick sofort, dass es sich bei Kargus um den Mörder handelt, auch wenn jegliche handfesten Beweise fehlen. So weit, so bekannt, aber während Reinecker das Katz-und-Maus-Spiel zwischen dem Kriminalisten und dem Täter sonst spannend zu gestalten weiß, schlägt er hier lediglich Zeit tot. Am Ende wirft Kargus ganz einfach das Handtuch und gibt zu, was Derrick von Anfang an wusste. Wirklich hervorstechend ist hier nur die modische Geschmacksverirrung, die beweist, dass die späten Achtziger/frühen Neunziger einfach die Hölle waren. Vor allem Susanne Uhlen sieht aus, als habe sie sich zum Karneval verkleidet.

**/*****

 

Episode 183: Tödliches Patent (Horst Tappert, 1990)

Dr. Curtius (Peter Simonischek) ist Mitarbeiter im Patentamt. Eines Tages bekommt er von Dorn (Peter Bongartz), der im Auftrag des Unternehmers Kastrup (Karl Heinz Vosgerau) handelt, ein verlockendes Angebot: Details über das gerade von ihm bearbeitete Patent sind Kastrup eine Million DM wert. Curtius ist empört – und wird nur wenig später tot im Archiv des Patentamtes aufgefunden …

Tapperts fünfte Regiearbeit ist etwas eigenwillig konstruiert, aber nicht ohne Reiz: Der Mörder ist dem Zuschauer bekannt, auch sein Motiv bleibt nicht lang verborgen und die Aufklärung kostet Derrick kaum mehr als eine Viertelstunde Spielzeit. Die Episode bezieht ihren Reiz aus dem im Rahmen der Serie noch nicht ganz so totgetretenen Thema der Wirtschaftskriminalität, aus dem breiten Inventar involvierter Figuren und dann natürlich aus Peter Bongartz‘ Darstellung des gewissenlosen Halsabschneiders, dem mit Udo Vioffs verzweifeltem Dr. Spitz wieder einmal ein besonders jämmerlicher Charakter gegenübersteht. Dazu kommen einige inszenatorische Absonderlichkeiten, wie die nicht gerade an die Eleganz von Peckinpah oder Woo erinnernde Zeitlupenstudie des Mordes, die Idee, dass sich der tödlich Verwundete mit letzter Kraft auf ein Transportband für Dokumente schleppt, mit dem er dann durchs Archiv gefahren wird, und die Untermalung eines Leichenfundorts – ein Canyon-artiger Steinbruch – mit dem Krächzen einer Krähe. Am Schluss gibt es – ebenfalls nicht unüblich zu dieser Zeit – die grobe Moralkeule: Die Aussage von Curtius Vorgesetztem, dass der Konkurrenzkampf unter den Dächern der Unternehmen bisweilen über Leichen führe, wird von Derrick mit der rhetorischen Frage gekontert, ob sich diese Aussage nicht auf alle Dächer verallgemeinern lasse, woraufhin die Kamera suggestiv über München schwenkt. Nein, man kann wirklich nicht sagen, dass 16 Jahre DERRICK Reinecker gelassener gemacht haben. Die Serie wird von Staffel zu Staffel resignierter.

****/*****

 

Episode 184: Judith (Zbynek Brynych, 1990)

Die Pianistin Judith Loska (Evelyn Opela), die sich gerade auf Welttournee befindet, nimmt in New York einen Anruf ihrer Tochter (Svenja Pages) entgegen: Die weint ins Telefon, dass „sie“ sie umbringen wollten, weil sie ihnen gedroht habe, sie anzuzeigen, wenn sie ihr keinen Stoff beschaffen. Sie schließt mit der Frage „Warum hast du dich nicht um mich gekümmert, Mama?“ Die Mutter ist entsetzt, bricht ihre Tournee ab und reist sofort nach München, wo ihr Professor Laux (Klaus Herm), Lehrer und Vertrauter der Tochter, die traurige Nachricht von ihrem Tode überbringt: Sie verstarb auf der Toilette einer miesen Absteige an einer Überdosis. Die mit Schuldgefühlen ringende Musikerin erstattet Anzeige wegen Mordes und beginnt, auf eigene Faust zu ermitteln …

Eine wahrhaft unerhörte Folge, mit der Brynych der divenhaften Evelyn Opera ein Denkmal setzt. Ihr Abstieg in den Münchener Sündenpfuhl darf als das deutsche Fernsehäquivalent zu einem Ferrara-Film gelten, der darin kulminiert, dass die vornehme Dame sich sogar vom traurig-notgeilen Kellner Biber (Walter Renneisen) auf die schmuddelige Matratze seines ranzigen Appartements zerren lässt (nachdem sie mit ihm – na, was wohl? – Whisky aus schmutzigen Gläsern getrunken hat), um eine Information von ihm zu erhalten. Später wird sie dann noch von den Schergen des Drogendealers Niewald (Uli Krohm) in den Kofferraum eines Geländewagens und anschließend eine Böschung runtergeschmissen (Zeitlupe). Irgendwie drehen Reinecker und Brynych das aber so, dass der Abstieg von Judith Loska nicht sie beschmutzt, sondern den eigentlich ja ach so gutherzigen Loser Biber erhöht: Er beweist am Ende Rückgrat, als er Niewald mit seiner Aussage ans Messer liefert, bekommt dafür einen festen Händedruck von Derrick und ein tränenfeuchtes Lächeln der Musikerin. Sein geiles, lüsternes Keuchen, das ihm entweicht, als er die attraktive Milf in seiner Absteige begrüßen und sich dann schließlich auf sie werfen darf, hat man bei diesem „Happy End“ aber immer noch im Ohr und es terminiert den möglicherweise angestrebten Effekt nicht unwesentlich. Peter Kuiper spielt den Wirt besagter Pinte, Sabi Dorr mal wieder einen Drogenkriminellen, Holger Petzold den Drogenfahnder. Überraschender ist die Tatsache, dass Klaus Herm mal nicht den traurigen Hausmeister geben darf. Ja, und die Opela, die Meisterin der zitternden Stimme. Sie transzendiert diese Episode Brynychs zu einem Sleazemelodram allererster Güte. Epochal!

*****/*****

 

Episode 185: Tossners Ende (Günter Gräwert, 1990)

Die dubiosen Praktiken des Immobilienhais Tossner (Günter Gräwert), der Häuser kauft und die Bewohner auf die Straße setzt, führen zum Selbstmord eine kleinen Jungen. Dessen Lehrer Kraus (Walter Plathe) versucht Tossner zur Rede zu stellen, wird aber ständig abgewimmelt und entwickelt darüber Hass und Mordgedanken: Allabendlich steht er vor dem Gittertor von Tossners Anwesen und überzieht den Kapitalisten mit Schmährufen und Morddrohungen, die er dann in seinen Träumen in die Tat umsetzt. Eine Tatsache, die er der Psychotherapeutin Anita Rolfs (Gaby Dom) gesteht und diese wiederum an ihren arbeitslosen Bruder Albert Thomas Fritsch) weitergibt. Der sieht nun seine Chance auf einen neuen lukrativen Job: Mit der Warnung vor einem Mordanschlag wird er bei Tossners Gattin Carola (Gila von Weitershausen) vorstellig. Was er nicht ahnt: Die will ihren Mann schon seit langem loswerden …

Man könnte die Handlung von „Tossners Ende“ als „konstruiert“ bezeichnen, zumindest ist sie ziemlich ehrgeizig für eine knapp einstündige Fernsehepisode. Das sieht man auch daran, dass deren Namensgeber, Kriminal-Oberinspektor Derrick erst nach der 30-Minuten-Marke seinen ersten Auftritt hat. Aber das ambitionierte Projekt gelingt, gerade weil Reineckers Drehbuch so viele Haken schlägt und Ideen für drei Episoden in eine packt. Was wie eine typische Rachegeschichte beginnt, verwandelt sich erst in die ebenfalls bekannte Story vom auf den eigenen Vorteil bedachten Emporkömmling, nur um dann in einer Paraphrase auf Fritz Langs DOUBLE INDEMNITY zu münden. Der Schlussgag ist für einen der Unglücksseligen richtig böse und zeugt wieder von Reineckers Verachtung für das Großbürgertum, das immer am längeren Hebel sitzt und über die finanziellen Möglichkeiten verfügt, sich von aller Schuld reinzuwaschen. Gila von Weitershausen ist wunderbar giftig als Münchener Variante der eiskalten Barbara Stanwyck, Thomas Fritsch hat bereits Erfahrung als schmieriger Egoist (komplett mit Telefon in Form eines Sportwagens), der sich für schlauer hält, als er tatsächlich ist, und Regisseur Günter Gräwert setzt seine mürrische Präsenz ebenfalls zu großem Effekt ein. Der melodramatische Aspekt um den Tod des kleinen Jungen ist das Schaumkrönchen obendrauf: Wenn der ergriffene Lehrer ein naives, simpel mit „Ich“ überschriebenes Selbstbildnis seines toten Schülers an seine Pinnwand heftet, surrt der Reinecker’sche Manipulationsmotor auf Hochtouren.

****/*****

 

Episode 186: Höllensturz (Günter Gräwert, 1990)

Der junge, etwas naive Azubi Benno Sebald (Philipp Moog) lernt auf einer Zugfahrt den charismatischen Betrüger Arnold Kiesing (Wolf Roth) kennen, der mit Druckplatten auf dem Weg nach München ist, um sich dort mit dem Falschmünzer Liebner (Hanno Pöschl) zu treffen. Als die beiden am Bahnhof auf eine Polizeikontrolle stoßen, übergibt Kiesing den Koffer mit dem wertvollen, aber illegalen Inhalt an Sebald, der dem Charme des Ganoven hoffnungslos erlegen ist. Doch dessen Vater alarmiert die Polizei, nachdem er die Geschichte des Sohnes gehört hat. Derrick, der gerade in einem Mordfall ermittelt, wird hellhörig, denn er findet heraus, dass der Tote ein alter Bekannter jenes Kiesings war, der nun so höchst dubios auffällig geworden ist. Doch der schmettert alle Verdächtigungen ab und beginnt in der Folge, den jungen Sebald und Liebners Schwester Kiwi (Jeannine Burch) mit seinem Geld zu verführen. Dahinter steckt eine Art philosophisches Experiment des Betrügers, der nur noch sechs Monate zu leben hat …

Das Erfolgsgeheimnis dieser Gräwert-Episode lässt sich in zwei Worte fassen: Wolf Roth. Der im deutschen Film leider sträflich unterbeschäftigte Schauspieler stellte sein endloses Schurkenpotenzial und diabolisch-schmieriges Charisma bereits in der Tappert-Folge „Entlassen Sie diesen Mann nicht!“ unter Beweis, wo er sich die Aufmerksamkeit allerdings noch mit Pinkas Brauns Psychopathen teilen musste. Hier steht er ganz und gar im Mittelpunkt und reißt mit seinem Spiel jede Szene an sich – allerdings ohne dafür auf prahlerische Taschenspielertricks zurückzugreifen. Vielmehr gelingt es ihm, jenes überbordende Selbstbewusstsein, den virilen Sex-Appeal, überlegene Intelligenz und nicht zuletzt jenen Style, gegen den Derrick und Klein einfach nicht anstinken können, zu verkörpern. Er erfüllt schon die kleinen Gesten und Aussagen mit einer immensen Autorität und zeichnet so höchst überzeugend einen Mann, der nichts dem Zufall überlassen mag, weil das Leben dafür zu kurz ist und er immer der Beste sein will. Die Moritat von der zum Bösen verführten Jugend wird durch seine Darbietung erst glaubwürdig: Es ist klar, dass Philipp Moog mit seinem Popperscheitel und Jeannine Burch mit ihrem Püppchengesicht und den Kulleräuglein keine Chance gegen ihn haben, und der Zuschauer weiß: In einer vergleichbaren Situation würde auch er den verführerischen Einflüsterungen dieses weltgewandten Herren hoffnungslos erliegen. Wenn Kiesing Derrick bei einem Ausflug in die Pinakothek philosophische Vorträge über das Wesen von Gut und Böse hält, ist es Roth, der Reineckers für eine Vorabendserie reichlich gespreiztem Einfall die Anmutung großen Kinos verleiht. Die Wendung mit der tödlichen Krankheit hätte es eigentlich nicht gebraucht und sie wirkt redundant, weil dieser Kiesing auch so jederzeit als neugieriger und experimentierfreudiger Spieler durchgeht, der Menschen nur aus Spaß und weil er es kann durch die Gegend schiebt wie Schachfiguren. Da erkennt man wieder Reineckers manchmal fehlgeleitetes Bedürfnis, allem einen existenzialistisch-pessimistischen Anstrich zu verleihen. Letztlich spielt das für den Erfolg von „Höllensturz“ aber keine Rolle. Nicht einmal eine Discoszene, in der Moog und Burch unbeholfen zum 89er-Sommerhit „Lambada“ schwofen, kann von Wolfs Leistung ablenken: Dessen Kiesing steht angenervt von der Mittelmäßigkeit seiner Spielzeuge an der Bar und kippt sich einen Drink rein. Es sei ihm gegönnt.

*****/*****

 

Episode 187: Der Einzelgänger (Zbynek Brynych, 1990)

Weil der verdeckte Ermittler Ingo (Heiner Lauterbach) ein Date mit seiner Freundin (Katja Flint) hat, geht sein Freund und Partner Roth (Walter Platte) allein auf Ermittlungstour. In einer Kneipe stößt er auf Bollmann (Claude-Oliver Rudolph), der für den dubiosen Geschäftsmann Sundermann (Dirk Galuba) arbeitet – Mann, Mann, Mann – und Roth für eine illegale Lkw-Fahrt anheuert, von der der Cop jedoch nicht zurückkommt. Als seine Leiche zwei Tage später gefunden wird, ist Ingo außer sich. Gegen den Rat Derricks stellt er eigene Nachforschungen an und geht dazu eine Liaison mit der Kellnerin und Prostituierten Malikowa (Ute Willing) ein. Bald sucht Bollmann wieder einen Fahrer …

Seit den späten Siebzigern, in denen Lauterbach noch als Nebendarsteller in zwei DERRICK-Folgen aufgetaucht war („Ein Hinterhalt“ und „Anschlag auf Bruno“), war viel passiert: Mit Doris Dörries MÄNNER war der gebürtige Kölner zu einem der bekanntesten und beliebtesten deutschen Schauspieler aufgestiegen, der ein ganz anderes Prestige mitbrachte, wenn er in einer alteingesessenen Serie wie DERRICK auftauchte. Von daher ist es auch kein Wunder, dass Brynych sich hier sehr zurücknimmt und sich auf die Zugkraft seines Stars verlässt, der ja auch eine sympathische Darbietung abliefert. Seine Schuld ist es sicher nicht, dass „Der Einzelgänger“ am Ende trotz des großen Namens ein wenig nach Enttäuschung schmeckt: Die Story ist ein bisschen zu einfach gestrickt, die Bösen sind zu eindimensional und gesichtslos – auch wenn Claude-Oliver Rudolph als Gummibärchen essender Prolet mit Jackett und Halstuch schon ein Hingucker ist -, das große Finale ist trotz eifrig telegrafierter Hochspannung alles andere als nervenzerrend. Lediglich die Beziehung von Ingo zu Malikowa bringt etwas Leben in die klischierten Abläufe rein. Ute Willing ist dann auch die eigentliche Sympathiefigur und weil Reinecker das weiß, schreibt er ihr eines seiner manipulativ-zynischen Enden ins Drehbuch. Dieser Kniff lässt zwar noch einmal aufmerken, ist aber dann doch irgendwie durchschaubar und aufgesetzt.

***/*****

 

Episode 188: Des Menschen Feind (Günter Gräwert, 1990)

Die Obdachlose Lissy (Cornelia Froboess) wird erdrosselt am Bahnhof gefunden. Wessel (Otto Bolesch), ein Bekannter von ihr, berichtet Derrick, dass die Frau in den letzten Wochen regelmäßig prominenten Besuch hatte: Die alternde Schauspielerin Lotte Wegener (Ruth-Maria Kubitschek) suchte sie auf, um sich auf eine Filmrolle vorzubereiten …

Nach „Die Rolle seines Lebens“ ist „Des Menschen Feind“ schon die zweite im Filmgeschäft angesiedelte Episode, die ihr Potenzial leider nicht heben kann. Die Ursache ist in beiden Fällen die gleiche: Reinecker betrachtet Filmschaffende offensichtlich mit einigem Argwohn und ergeht sich deshalb in einer wahren Flut von überzogenen Klischees, über die man schmunzeln könnte, wenn da nicht seine beinahe heilige Ernsthaftigkeit und Herablassung wären, die sich nur schlecht mit unfreiwilligem Humor vertragen. Klar, wenn die von Ruth-Maria Kubitschek gespielte Diva da am laufenden Meter Spott, Demütigungen und Beleidigungen aus dem Mund des geckenhaften Regisseurs Kubik (Peter Sattmann) (und Harry!) über sich ergehen lassen muss – unter anderem wird über sie gesagt, dass sie durch keine Tür komme, die ihr nicht aufgehalten würde, dass sie „leer“ und „oberflächlich“ sei, eine „Nutte“ noch dazu -, ist das angesichts der immer etwas staatstragenden Aura, die die Kubitschek umweht, nicht ohne Reiz und Witz: Wenn mit jenem Regisseur zu diesem Zweck aber erst eine Figur konstruiert werden muss, in der wirklich alle Vorurteile, die der kleinbürgerliche Mob gegenüber Intellektuellen und Künstlern haben kann, vereint werden, ist der Preis dafür deutlich zu hoch. Auch davon abgesehen ist „Des Menschen Feind“ keine dichterische Glanzleistung Reineckers: Mit ihren ellenlangen Rückblenden ist die Geschichte ausgesprochen unelegant geschrieben und konstruiert. Die Episode ist steif und gemessen an dem haarsträubenden Unfug, der da verzapft wird, noch dazu übermäßig von ihrer eigenen Wichtigkeit überzeugt. Das ist zwar nicht ganz untypisch für die Episoden jener Zeit, in denen der Zeigefinger mit Nachdruck erhoben wird, fällt hier aber besonders unangenehm auf.

**/*****

 

Episode 189: Tod am Waldrand (Wolfgang Becker, 1990)

Robert Fischer (Stefan Reck) wurde von seiner Freundin Hetti (Mia Martin) verlassen und lässt sich deshalb volllaufen, bevor er auf die Idee kommt, ihr auf dem Heimweg vom Tanzunterricht nachzustellen. Wenig später kommt er völlig aufgelöst zu Hause an: Er habe Hetti umgebracht, wimmert er. Sein Vater (Traugott Buhre), ein Patriarch, wie er im Buche steht, trifft sofort Vorkehrungen, die Tat des Sohnes zu verschleiern. Dass der geistig behinderte Gärtner Manni (Rufus Beck) mit Hettis Fahrrad aufgegriffen wurde, passt ihm sehr gut ins Konzept …

„Tod am Waldrand“ ist mal wieder ein Rückgriff auf jene Episoden aus den Siebzigerjahren, in denen Reinecker das entitlement des Bürgertums, vor allem seiner stolzen Vaterfiguren, aufs Korn nahm, doch lässt er den Papa, der da vor Belastungszeugen mit dem Geld wedelt, um den Sohnemann vor dem Knast zu schützen, mit seiner Last-Minute-Auflösung vom Haken. Zwar liefert er mit dem mittelalten, notgeilen Tanzlehrer Fries (Volker Brandt in seinem traurigerweise einzigen DERRICK-Auftritt) einen anderen seiner Lieblings-Tätertypen ans Messer, aber das wirkt hier eher wie ein aus der Not geborener Drehbuch-Stunt, weil er sich nicht selbst kopieren wollte. Und die Inklusion des entrückten, in seiner eigenen Welt lebenden Naturburschen Manni mutet auch ein wenig zynisch an: Er ist nur dazu da, diese selbstsüchtigen Erfolgsmänner im Kontrast noch armseliger aussehen zu lassen, gerade weil sie in dem Behinderten gleich den unberechenbaren Psychopathen ausgemacht haben wollen. Ein paar kleine Details haben mir in dieser okayen Folge aber dennoch gefallen: So muss Harry den Fall allein lösen, weil Derrick wegen Kreislaufproblemen zu Hause weilt. Als er von seinem Schicksal erfährt, knickt er fast ein: „Wir brauchen dich! Die nehmen mir den Fall doch gleich weg!“ Wirklich traurig, dieses mangelnde Selbstbewusstsein, nach nun über 20 Jahren im Polizeidienst. Dann sind da die Szenen in der Tanzschule, bei denen kleinen Mädchen, die den Modetanz Lambada aufs Parkett legen, völlig enthemmt unter den Rock gefilmt wird: Das könnte man heute so definitiv nicht mehr bringen. Und dass zum Schluss „Shine on you crazy diamond“ von Pink Floyd erklingt, hätte ich auch nicht erwartet.

***/*****

 

Episode 190: Abgrund der Gefühle (Horst Tappert, 1990)

Ein Kellner wird auf offener Straße erdrosselt. Der zufällig vorbeikommende Arzt Dr. Schöne (Christian Kohlund) stellt den Tod fest und meldet sich fortan regelmäßig bei Derrick, um sich über den Fortschritt der Ermittlungen zu erkundigen und wertvolle Hinweise zu geben. Offensichtlich hatte der Tote gemeinsam mit zwei Partnern ein synthetisches Rauschmittel produziert …

Durchschnittsepisode, bei der Derrick und Harry viel zu spät auf die Idee kommen, dass der neugierige Helfer hinter den Morden stecken könnte. Reineckers Horrorfantasien über die Wunderdroge, die wie ein „Blitz“ ins Hirn schlägt und sofort alles auslöscht, wirken zudem wie die Wahnvorstellungen eines Ahnungslosen: In dem „Labor“, dass die Heisenbergs für Arme (Christoph Eichhorn und Christian Berkel) da im Keller aufgebaut haben, könnte man wahrscheinlich noch nicht einmal Placebos herstellen, geschweige denn eine sofort wahnsinnig machende Killerdroge. Der Besuch bei einem nur noch apathisch in die Gegend starrenden Drogenopfer endet in einem Schreikrampf und einer Attacke auf den Kriminaloberinspektor, die diesen sichtlich aus der Fassung bringt: Eine Szene, die Reinecker der deutlich besseren Episode „Der Todesengel“ entlehnt hat.

***/*****

 

Episode 191: Der Augenblick der Wahrheit (Alfred Weidenmann, 1990)

Der vorbestrafte Kurt Schenk (Jochen Horst) plant mit seinem Kumpan Hauk (Walter Renneisen) einen Bankraub, auf den er unbedingt seine Untermieterin und ihm hörige Geliebte Kati (Heike Faber) mitnehmen will. Doch dann geht alles schief: Erst ergreift die Freundin die Flucht, fällt dabei vor Zeugen auch ihr Name, dann erschießt Hauk einen zufällig Hinzugekommenen. Nicht der einzige ungute Zufall für die Täter: Katis Vater (Charles Brauer) ist Polizist, darüber hinaus mit Derrick bekannt und macht sich Sorgen um die Tochter, weil er weiß, dass sie mit einem Kriminellen zusammenlebt: Er ringt dem Kollegen den Gefallen ab, sich nach dem Wohlbefinden der Tochter zu erkundigen. Das tut Derrick und muss danach nur noch eins und eins zusammenzählen. Als Hauk davon erfährt, dass ein Polizist der Freundin des Partners nachschnüffelt, wird es gefährlich …

Die zentrale Verkettung von Zufällen muss man natürlich erst einmal schlucken, aber da Kunststück gelingt: Zum einen, weil Reinecker mit seinem Protagonisten selbst weiß, wie unwahrscheinlich das eigentlich ist, zum anderen, weil das moralphilosophische Meditieren Reineckers hier endlich einmal durch Plot und Charaktere getragen und nicht bloß über diese gestülpt wird. Im Zentrum steht Horsts Kurt Schenk: Der entpuppt sich im Verlauf der Folge immer mehr als skrupelloser Manipulator und Egoist, nachdem er in den ersten Szenen noch wie ein naiv-romantischer Träumer wirkte. Die Episode lebt wesentlich vom Spannungsverhältnis zwischen ihm und seiner Freundin sowie von der Frage, ob er bereit ist, einmal jemand anderen als sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen. Eine gut geschriebene Folge, die ohne die üblichen Reinecker’schen Manierismus auskommen darf und einfach läuft wie eine gut geölte Maschine. Schön. Auch die Szene, in der eine Figur offensichtlich ein Best-of von Wolfgang Fiereks Motorradszenen aus „Ein merkwürdiger Tag auf dem Lande“ im Fernsehen schaut.

****/*****

 

Episode 192: Beziehung abgebrochen (Zbynek Brynych, 1990)

Ilona Reichel (Evelyn Opela) hat mehrere Verhältnisse zu jüngeren Männern, unter anderem auch zu Gottlieb Kraus (Thomas Kretschmann), pikanterweise ein Student ihres Mannes, eines Philosophieprofessors (Michael Heltau). Als Gottlieb nur kurz nach einem Schäferstündchen mit der älteren Frau in seiner Wohnung erschossen wird, verdächtigt Ilona Reichel sofort ihren Gatten, zumal der einen Zettel mit den Namen ihrer Geliebten in der Schublade hat. Der überredet seinen Studenten Harald Bessemer (Stefan Reck), ihm ein Alibi zu geben …

Reinecker philosophiert mal wieder: Die Grenze zwischen seiner Verachtung für Herrenmenschen wie Reichel, die sich solchen banalen Dingen wie „Moral“ und „Rücksicht“ nicht länger verpflichtet fühlen, und seiner Faszination verwischt zusehends. Mit seinen selbstverliebten Ethikmonologen geht der Philosophieprofessor locker als Alter ego des Drehbuchautors durch, der kaum noch verhehlen kann, dass ihn das schnöde Krimigedöns eigentlich kaum noch interessiert. Bis zu seinem schönen, inspirierten Schlusstwist, der die allgemeine Hoffnungslosigkeit wie ein Lichtstrahl durchbricht, ist „Beziehung abgebrochen“ eher uninteressant, lebt einzig von seinem wirklich hassenswerten Antagonisten, dem Heltau eine arrogante Visage zum Reinschlagen verleiht, und der mal wieder theatralisch leidenden Gattin, gegeben von der unnachahmlichen Evelyn Opela.

***/*****

 

Episode 193: Solo für Vier (Franz Peter Wirth, 1990)

Die vier Rentner Steckel (Carl Raddatz), Larossa (Peter Pasetti), Koppel (Klaus Herm) und Labuch(Gisela Uhlen) haben keine Lust auf ein trauriges Leben im Altersheim. Also beschließen sie, einen Bruch zu begehen: Koppel kundschaftet seinen alten Arbeitgeber aus, die von Steckel beschafften Profis Kessler (Ralph Herforth) und Steiner (Michael Diekmann) setzen in die Tat um. Blöderweise funkt ihnen ein Wachmann dazwischen und wird von ihnen erschossen. Derrick kommt den Rentnern schnell auf die Spur …

Mal wieder eine Rentnerfolge, deren dank des gutgelaunten Spiels der alten Herrschaften – vor allem Raddatz und Pasetti haben sichtlich Freude an ihren saftigen Parts als Ex-Cop bzw. Ex-Bühnenstar – über weite Strecken beschwingter Ton von Reineckers Philosophiererei erfolgreich torpediert wird. Sogar Harry verliert angesichts dieses ständigen Gelabers über das Wesen des Menschen langsam die Nerven: Als Derrick anfängt, darüber zu schwadronieren, dass die Rentner „den Endpunkt“ erreicht hätten – einen Zustand, in dem sich der Mensch von jeder Moral verabschiedet -, entgegnet Harry nur: „Ich glaube, du spinnst!“ Und da hat er ja auch wirklich Recht. Ich war richtig stolz auf den ewigen Hiwi.

***/*****

 

Episode 194: Caprese in der Stadt (Alfred Weidenmann, 1991)

Nein, hier geht es nicht um vergiftete italienische Antipasti: Familie Runold (Gerd Anthoff und Esther Hausmann) wird vom Mafiosi Caprese (Reno Remotti) bedroht, dem Großvater der Runold-Tochter. Er möchte das Kind zu sich holen, weil er sich seit dem Tod ihres leiblichen Vaters einsam fühlt. Gaug (Wolf Roth) und ein Anwalt (Hans Korte) fungieren als seine Handlanger vor Ort.

„Caprese in der Stadt“ hat das Pech, zu einem Zeitpunkt entstanden zu sein, als Reinecker offensichtlich unter dem Einfluss von zu viel Rotwein und nur halbverstandener Nietzsche-Lektüre stand. Statt geiler Mafia-Action gibt es also einen TV-Auftritt Derricks, in dem dieser über den Zustand der Menschheit und der Zivilisation schwadroniert, und den Waschlappen Gerd Anthoff, der die ganze Episode über rumjammert und am Ende sogar ernsthaft überlegt, ob es die Stieftochter beim Mafia-Opa wirklich so schlecht hätte. Wolf Roth wird total verschenkt und der einsame „Höhepunkt“ ist der peinliche Auftritt einer angeblich sizilianischen Popgruppe, die gerade mächtig die Szene aufmischt, was angesichts ihres lahmen Valium-Pops kein gutes Licht auf das Kulturangebot im München der frühen Neunziger wirft. Das Ende soll bewegend sein, ist aber ziemlich ekelhaft.

**/*****

 

Episode 195: Gefährlicher Weg durch die Nacht (Günter Gräwert, 1991)

Auf dem Heimweg wird Benno Hauke (Rufus Beck) Zeuge, wie Jürgen Klose (Christian Berkel) von zwei Männern attackiert und angeschossen wird. Der Sterbende schleppt sich mit Bennos Hilfe in eine Telefonzelle, von der aus er einen gewissen Dr. Schöler (Gerd Baltus) anruft und diesem schildert, der Koffer, den er bei sich trage, sei ihm abgenommen worden. Anschließend übergibt er ihn dem jungen Mann mit der Ergänzung, dass es sich bei dem darin enthaltenen Geld um Drogengeld handele, mit dem er machen solle, was er will. Benno nimmt den Koffer mit nach Hause und meldet den Mord dann der Polizei – den Koffer erwähnt er vorerst nicht …

Nette Episode, die kommt und geht, ohne große Spuren zu hinterlassen. Nett ist, dass der Protagonist angesichts des zum Greifen nahen Reichtums nicht alle Überzeugungen über Bord wirft, sondern die Beute benutzt, um die Schurken in die Falle zu locken. Nach all den Folgen voller bedeutungsschwangerem Moral-Geraune ist es sehr wohltuend, diesmal davon verschont zu bleiben.

***/*****

 

Episode 196: Das Penthaus (Theodor Grädler, 1991)

Anna Dehmel (Andrea Schober), Bewohnerin eines schicken Penthauses, wollte eigentlich nur ihr Auto ins Parkhaus fahren, da wird sie im Aufzug ermordet. Da nichts gestohlen wurde, ist für Derrick klar: Der Täter muss sich unter den Mietern befinden. Es bietet sich eine Reihe von Verdächtigen an, zuvorderst der Philosophie-Professor Schönfelder (Ernst Schröder), der einem beeindruckend negativen Menschenbild anhängt und der Meinung ist, jeder sei zu einem Mord fähig. Als „Belohnung“ hatte er kurz vor dem Mord 5000 DM in seinem offenen Briefkasten deponiert …

Reinecker befindet sich ganz offenkundig in einem solipstischen Wurmloch. Folge um Folge kreist er um die immer gleichen Ideen und reproduziert fröhlich seine eigenen Ideen. „Penthaus“ ist mit seinem wahnhaften Philosophen und seinem sozialen Experiment das gespuckte Ebenbild der Episode „Kein Risiko“ von 1988, lediglich gehüllt in das Gewand eines klassischen Whodunits, das er kurz zuvor bereits für „Die Stimme des Mörders“ und „Schrei in der Nacht“ (in der auch schon Christine Buchegger mitwirkte) erfolgreich bemüht hatte. Die Hoffnungen, er thematisiere hier vielleicht eine lesbische Beziehung – das Mordopfer lebt mit einer Freundin (Irina Wanka) in nicht näher expliziertem Verhältnis zusammen – oder aber wie Cronenberg in SHIVERS das Penthaus-Gebäude mit seinen zahlreichen kommerziellen Angeboten und Vorzügen, zerschlagen sich schnell. Die Enttäuschung hält sich in Grenzen, weil Grädler seine Story in angemessenem Tempo erzählt, die Auflösung – oder vielmehr die Enttarnung des Täters – ist allerdings extradämlich.

***/*****

 

Episode 197: Wer bist du, Vater? (Helmuth Ashley, 1991) 

Der Polizist Hauser (Manfred Spies) wird erschossen im Zimmer eines zwielichtigen Etablissements aufgefunden, nachdem er Derrick am Telefon von einem thailändischen Mordopfer berichtet hatte. Es stellt sich heraus, dass Hauser ein Verhältnis mit einer asiatischen Prostituierten hatte: Wie hängen die beiden Tode zusammen? In die Ermittlungen mischt sich auch Hausers Tochter Ariane (Birgit Doll) ein, die kein allzu gutes Bild von ihrem Vater hat …

Mit dem Abstieg ins Rotlicht-Milieu und der Einbindung eines Vater-Tochter-Dramas geht zwar eine leichte Qualitätssteigerung einher, die im Titel angedeuteten melodramatischen Gipfel erklimmt Ashley mit diese Episode dennoch nicht: zu lahm und selbstgefällig sind die Scripts von Reinecker in dieser Phase, zu lethargisch und routiniert das Spiel der beiden Hauptakteure und des Ensembles um sie herum, die meist ebenfalls bereits über eine DERRICK-Geschichte verfügen. Da taucht Sissy Höfferer in einem Minipart als Prostituierte auf, die ihr Töchterchen während ihrer Arbeit auf die Treppe der miesen Absteige schick, die sie bewohnt. Eigentlich ein wunderbarer Anknüpfungspunkt, der in den Siebzigern noch weidlich ausgeschlachtet worden wäre, hier aber ebenso von der Vorabend-Betulichkeit befallen ist wie Horst Tappert. Man muss „Wer bist du, Vater?“ nur mal mit einer Milieufolge wie „Tote Vögel singen nicht“ vergleichen, um den Niveauverlust und die Müdigkeit zu bemerken. (Wobei das natürlich etwas unfair ist, denn Vohrers Beitrag ist einer der besten zur gesamten Serie.) Trotzdem: Der Ausflug in ein trauriges Striplokal und Birgit Dolls engagiertes Spiel reißen es einigermaßen raus. Dass Reinecker hier mal auf seine moralphilosophischen Vorträge verzichtet (ein kleines Nietzsche-Zitat darf dennoch nicht fehlen), ist ebenfalls als Pluspunkt zu verbuchen. Also: Tendenz steigend, aber das liegt auch daran, dass die letzten Folgen allesamt nur mäßig interessant waren.

***/*****

 

Episode 198: Verlorene Würde (Theodor Grädler, 1991)

Bei der Beschattung des Drogendealers Sonst (Will Dann) wird der junge Polizist Gerhard Kühner (Philipp Moog) in einer Kneipe erstochen. Sein Vater (Peter Ehrlich), ein ehemaliger Polizist und Ex-Kollege von Derrick, ist erschüttert. Soost streitet jede Schuld ab und auch Lubich (Claude-Oliver Rudolph), der Wirt der einschlägig bekannten Kneipe, will nichts damit zu tun haben. Was wissen die beiden Drogenabhängigen Holger (Ulrich Matthes) und Dina (Jessica Kosmalla), die zur Tatzeit vor Ort waren?

Judas Priest („Painkiller“) und Pantera („Cowboys from Hell“) scheppern vom Soundtrack und aus dem Kassettendeck der beiden Junkies und versetzen Nachbarn wie Vermieter (Klaus Herm mal wieder als lüsterner Schmierlappen) in Aufruhr: Der Auftakt ist gut und die Anwesenheit von Rudolph und Ehrlich auch immer ein Grund zur Freude. Leider gibt es sonst nichts Positives zu vermelden. Reineckers Script ist ultraschnarchig und moralinsauer, mehr als um die Aufklärung des Mordes geht es ihm darum, die beiden Junkies auf den Pfad der Tugend zurückzuführen, was Derrick mit eindringlich-väterlichen Ansprachen zu bewerkstelligen versucht, die dem Zuschauer bald schon genauso auf die Nerven gehen wie den Adressaten. Allerdings wecken die mit ihrer trauerklößigen Art auch nicht gerade das Bedürfnis, ihnen zur Seite zu stehen. Die coolste Socke ist Claude-Oliver, der aber kaum etwas zu tun bekommt. Einsamer Höhepunkt ist seine hingeworfene Handgeste, mit der er drei Schläger dazu auffordert, Papa Kühner aufs Maul zu hauen. Die Auflösung ist so lazy, dass ich sie eigentlich nicht so nennen möchte. Das Format „Krimi“, das merkt man in dieser Phase in jeder Sekunde, interessierte Reinecker nicht nur nicht mehr, es langweilte ihn. Dumm nur, dass das, was er lieber machen wollte, noch dröger war.

**/*****

 

Episode 199: Offener Fall (Zbynek Brynych, 1991)

Der alternde Säufer Walter Bolitz (Günter Mack) wird von Kurt Kubian (Edwin Noel) in einer Kneipe aufgegriffen. Zu Hause gesteht Kubian dem verdutzten Trinker, dass er einen Mordauftrag und 10.000 DM für dessen Erfüllung erhalten habe. Er überlässt Bolitz einen Anteil und schickt ihn nach Hause, wo der Mann seiner Tochter, der Journalistin Manuela (Maja Maranow), von seiner Begegnung berichtet. Die sucht Derrick auf, der Kubian allerdings tot vorfindet: erschossen. Weitere Ermittlungen erhärten den Verdacht, dass der Chemieunternehmer Nessler (Thomas Holzmann) das Opfer des Anschlags werden sollte …

Der Titel der Episode nimmt das Novum bereits vorweg: Es ist, wenn ich mich richtig erinnere, die bislang erste Folge, die nicht mit der Verhaftung (oder Erschießung) des Täters endet. Da es wieder einmal um internationale Verwicklungen und Industriespionage geht, sprich um eiskalte Profis, hat Derrick am Schluss keine Handhabe, auch wenn er weiß, auf wessen Konto der Mord an Kubian geht. Eine ebenfalls schöne Abwechslung stellt der Verzicht auf die zu dieser Zeit inflationär zum Einsatz kommenden Moralpredigten dar. Dennoch lässt „Offener Fall“ innere Spannung weitestgehend vermissen. Es gibt ein paar schöne Momente, etwa wenn Derrick den blasierten Großbürgern im Verhör gegenübertritt und diese sich auf geradezu aufreizende Art und Weise decken. Eine seltsame Liebesgeschichte gibt es auch wieder, aber sie wirkt im Unterschied zu anderen Brynych-Episoden wie angeklebt, wird nicht weiter entwickelt. Ein Schritt in die richtige Richtung, aber insgesamt doch zu verschnarcht.

***/*****

Episode 200: Der Tote spielt fast keine Rolle (Horst Tappert, 1991)

Der Juwelier Kaminski (Peter Fricke) lädt die schöne Andrea Zoller (Michéle Marian) mit eindeutigen Absichten zu einem seiner Galaempfänge ein. In der Hotelsuite, indem sie ihn empfangen soll, entdeckt sie aber einen Toten. Kaminski lässt die Leiche verschwinden – und muss sich später Derrick stellen …

Viele Ansätze, die nirgends hinführen. Fricke, der mich immer an Howard Carpendale erinnert, schaut manisch und mit aufgerissenen Augen in die Kamera. Peter J. Behrendt gibt den in Selbstmitleid versinkenden Ehemann der Schönen, der noch dazu mit dem HIV-Virus infiziert ist. Am Ende war mal wieder Jacques Breuer der Mörder.

**/*****

 

Episode 201: Störungen in der Lust zu leben (Theodor Grädler, 1991)

Im Auftrag des Immobilienhais Karau (Hanns Zischler) mischen Kinser (Richy Müller) und Marder (Torsten Münchow) eine Kneipe auf. Der Wirt (Hannes Kaetner) verstirbt an den Folgen der Auseinandersetzung. Auf der Flucht läuft Kinser seiner alten Bekannten Magda (Liane Hielscher) in die Arme. Um sich ihres Schweigens zu versichern, beginnt er eine Liebesbeziehung mit ihr. Auch als sie von dem Mord erfährt, hält sie dicht, sehr zum Missfallen ihrer Tochter (Katja Amberger) …

Endlich geht es etwas aufwärts: Richy Müller bringt Energie in die vorherrschende Bräsigkeit, die sich vor allem im unmöglichen Titel widerspiegelt. Ihm ein Verhältnis mit Liane Hielscher anzudichten, ist mutig, aber auch irgendwie passend und trägt nicht unwesentlich zum Gelingen bei. Nur Derrick selbst gefällt sich weiterhin darin, seinen Gesprächspartnern mit Trauermiene ins Gewissen zu reden. Wo ist er nur geblieben, der gerissene Fuchs, der seine Opfer genüsslich in die Ecke treibt und dann zappeln lässt?

****/*****

 

Episode 202: Ein Tod auf dem Hinterhof (Zbynek Brynych, 1991)

Eine Prostituierte wird ermordet. In die Ermittlungen mischt sich immer wieder die Krimiautorin Doris Mundt (Hannelore Hoger) ein, die Derrick gesteht, den Fall in ihrem nächsten Roman verarbeiten zu wollen …

Einigermaßen interessant, auch wenn man Reinecker den Vorwurf machen muss, sich hier gnadenlos selbst zu kopieren. Die Geschichte erinnert frappierend an Episode 190, „Abgrund der Gefühle“ (s. o.), in der ebenfalls Christian Kohlund mitwirkte. Hier trägt er fast ständig einen Bademantel über seiner Schrankwand-Figur. Und Christian Berkel, der einen schmierigen Zuhälter gibt, hört Patrick Swayzes „She’s like the Wind“.

***/*****

 

Episode 203: Der Schrei (Helmuth Ashley, 1991

Kaum ist der Raubmörder Simon Krüger (Wolf Roth) aus der Haft entlassen, empfängt ihn Harry. Der hatte damals die Befragung Krügers durchgeführt und es dabei nicht geschafft, dem Mann den Namen des Partners zu entlocken. Ein Versäumnis, dass ihn auch zehn Jahre später noch wurmt. Aber Krüger hat kein Interesse daran, heute auszupacken. Wenn nur dieser Schrei nicht wäre, der ihn seit jener Nacht verfolgt …

Wolf Roth und Rolf Zacher in einer Episode, letzterer auch noch als öliger Rotlicht-Impresario: Was kann da schief gehen? Richtig, nichts. Auch die Tatsache, dass diesmal Harry im Mittelpunkt steht, tut sehr gut, wird man aus diesem Grund doch mit langweiligen Ethik-Monologen aus dem katholischen Mädchenpensionat verschont. Wie er Krüger nachstellt, erinnert nicht wenig an die Strategie seines Vorgesetzten aus alten Zeiten, nur dass er eine menschlichere Komponente einbringt. Der Schluss ist vorhersehbar, aber hübsch. Nur dass es Derrick sein muss, der die Festnahme durchführt, ist irgendwie krass ungerecht. Er erinnert dabei an den egoistischen Stürmer, der den Ball, der auch so über die Linie gerollt wäre, noch einmal anzutippen, damit das Tor auf sein Konto geht. Kann er den Harry nicht einfach mal machen lassen?

****/*****

 

Episode 204: Das Lächeln des Doktor Bloch (Günter Gräwert, 1991)

Derricks Hausarzt Dr. Bloch (Hans-Michael Rehberg) ist erschüttert, als seine Gattin (Evelyn Opela) ihn zugunsten ihres Liebhabers Brunner (Peter Sattmann) verlässt. Doch der hat gar keine Lust auf eine feste Beziehung und setzt die Frau mit ihren Taschen und Koffern auf die Straße. In Tränen aufgelöst ruft sie ihren Mann an, dann setzt sie sich in den Wagen und fährt gegen einen Brückenpfeiler. Selbstmord. Nur Bloch sieht das anders und er will Brunner zur Strecke bringen.

Die Episode ist gut, weil das impertinente Intrigenspiel Blochs und die zunehmende Entnervtheit Brunners ausreichend Stoff für spannende Vorabendunterhaltung bieten. Der finale Gag lässt sogar zu, Reinecker gar als Vorläufer des modernen Plottwists zu adeln. Ein bisschen erinnert das an Finchers SEVEN, auch wenn Gräwerts Episode erwartungsgemäß nicht ganz so düster ist. Was mit dem Kopf schütteln lässt, ist hingegen mal wieder das Geschwafel Derricks: Wie kann man jemandem, der den Selbstmord der Gattin zum Mord umdeuten will und damit offenkundig eine Art Absolution sucht, entgegenkommen, indem man sagt, es handele sich um einen „Mord im übertragenen Sinne“? Wie kann man dem Drangsalierten nicht empfehlen, sich mittels einer Unterlassungsklage gegen die Nötigungen zu wehren? Derrick lässt alles auf die Katastrophe zulaufen, nur um dann am Ende bedröppelt in die Gegend zu schauen, weil das zementierte Menschenbild mal wieder bestätigt wurde. Außerdem: Der finale „Mord“, der dem Täter laut Harry zehn bis 15 Jahre einbringen wird, ist meines Erachtens auch eher Totschlag. Aber mit solchen Petitessen wollen wir uns nicht aufhalten.

****/*****

 

Episode 205: Isoldes tote Freunde (Helmuth Ashley, 1991)

Isolde (Juliane Rautenberg) ist eine hochbegabte Pianistin, der der Lehrer Sudhoff (Volkert Kraeft) eine güldene Zukunft voraussagt, so sie immer gut behütet wird. Das hat sich ein Mensch besonders zu Herzen genommen, denn zwei junge Männer, mit denen Isolde ein Verhältnis hat, werden erschossen …

Endlich mal wieder etwas Abgründig-Schmieriges! Es sind die Zeichnung der Isolde als nymphenhaftes Naturwesen, das sich ohne jede Scheu vor ihren zahlreichen Bewunderern entblättert, und das Spiel der nur bei DERRICK und den WICHERTS VON NEBENAN in Erscheinung getretenen Rautenberg, die hier mehr als einmal zucken lassen. Als Isolde blickt sie gern wie unter Drogen ins Leere oder scheint ihr Gegenüber mit ihren Reizen zu provozieren. Interessant daran ist vor allem, dass ihre durch und durch seltsame Art nicht ein einziges Mal im Dialog thematisiert wird. Für mich ist sie ein klares Missbrauchsopfer, aber Reinecker lässt dieses Fass fest verschlossen und begnügt sich mit der Mär von der Durchschnittsfamilie, die die Prinzessin in ihrer Mitte um jeden Preis schützen will. Chance vertan, ja, aber trotzdem eine Superfolge.

*****/*****