Mit ‘Kristin Scott Thomas’ getaggte Beiträge

under-the-cherry-moon-images-b801ca48-d901-4257-ad5d-13b8f93b78eNach PURPLE RAIN einen Text über Prince‘ zweiten Film folgen zu lassen, war ziemlich naheliegend. Aber UNDER THE CHERRY MOON kann auch als neuester Eintrag in meiner unregelmäßig fortgeführten Serie über legendäre Flops und filmische Missverständnisse verstanden werden. Hatte Prince sich mit dem Erfolg des Vorgängers noch als kommerziell nicht zu unterschätzende Leinwandkraft empfohlen, ging er schon mit seinem zweiten Film heftig baden, sowohl hinsichtlich des Zuschauerzuspruchs als auch was die kritische Rezeption betraf.

UNDER THE CHERRY MOON spielte gerade einmal 10 Millionen Dollar und damit noch nicht einmal seine Kosten wieder ein (PURPLE RAIN erwirtschaftete immerhin einen Umsatz von 70 Millionen, was etwa dem Zehnfachen seiner Kosten entsprach), erntete überwiegend verheerende Kritiken und war mit fünf Auszeichnungen (Worst Film, Worst Director, Worst Actor, Worst Supporting Actor, Worst Original Song) der große Abräumer bei den berüchtigten Raspberry Awards seines Jahrgangs. Auch von einer positiven Re-Evaluation, die so manchen einstigen Flop später rehabilitiert, ist UNDER THE CHERRY MOON heute noch weit entfernt: Der Film gilt als unrettbares Fiasko, wird in diesem Text gar als „unwatchable“ bezeichnet (was, so viel schicke ich mal vorweg, auf einen ziemlich humorlosen Charakter des Rezensenten schließen lässt) und harrt immer noch seiner Veröffentlichung als Blu-ray – die einst verfügbaren DVDs sind selbstverständlich längst out of print.

Ganz aus dem Nichts kamen die miserablen Resonanzen allerdings nicht. Schon die Produktion war von jenen Schwierigkeiten geplagt, die oft negative Presse und in der Folge ausbleibende Zuschauer nach sich ziehen: Dass die ursprünglich vorgesehene Regisseurin Mary Lambert (PET SEMATARY) vom fachfremden Prince höchstselbst ersetzt wurde, gab den Filmjournalisten eine Steilvorlage für die immer wieder beliebte Geschichte von Hybris und Größenwahn, der kurzfristige Ausstieg von Terence Stamp, für den schließlich Steven Berkoff einsprang, machte die Sache nicht besser. Zu behaupten, UNDER THE CHERRY MOON habe keine Probleme, käme dennoch der Realitätsverleugnung gleich: Anstatt einen weiteren Musikfilm vorzulegen, in dem Prince sich im weitesten Sinne selbst spielte, versuchte er sich an einer romantischen Komödie nach dem Vorbild alter Hollywoodklassiker, für die ihm aber sowohl die nötigen acting chops fehlten als auch eine etwas geerdetere Persona.

Als Identifikationsfigur taugt er in der Rolle des exaltierten Gigolos Christopher Tracy (dessen Haute-couture-Garderobe nicht ganz zum mittellosen Con-Man passen mag) nur sehr bedingt, als klassischer, romantischer leading man aufgrund seiner freien Interpretation von Heterosexualität noch viel weniger – man erwartet eigentlich ständig eine Liebesszene zwischen ihm und seinem Sidekick Tricky (Jerome Benton). Die erotischen Szenen mit seiner Partnerin – Kristin Scott Thomas in ihrem Leinwanddebüt, das sie heute gern aus ihrer Vita tilgen würde – hingegen wirken aufgrund mangelnder Chemie eher befremdlich, unglaubwürdig und gekünstelt, und der dramatische Impact des Finales kommt aufgrund dieser Mängel einem freundlichen Stupser gleich. Michael Ballhaus‘ erlesener Fotografie des Schwarzweißfilms sieht man deutlich an, dass er ursprünglich in Farbe geplant war (die mediterrane Farbenpracht des Drehortes Nizza und von Prince‘ Kleidung kann man logischerweise nur erahnen), die Musik, die für einen Großteil des potenziellen Publikums maßgeblicher Grund gewesen sein dürfte, sich den Film anzusehen, spielt bis auf wenige Ausnahmen ausschließlich im Hintergrund. „Kiss“, der große Hit des zugehörigen Soundtrackalbums „Parade“ und einer von Prince‘ wohl bekanntesten Songs, wird nur kurz angerissen, die eine lang ausgespielte Tanznummer gibt es hingegen zu „Girls & Boys“ (der allerdings nicht weniger toll ist).

Dass UNDER THE CHERRY MOON oft als vanity project seines Stars bezeichnet wird, ist vor diesem Hintergrund mehr als naheliegend und auch nicht ganz unberechtigt. Verzieh man Prince die Nabelschau von PURPLE RAIN noch gern, weil sein immenses Talent als Musiker und Showman offenkundig und er in dem Film somit in seinem Element war, war man dahingehend deutlich weniger nachsichtig, als er sich plötzlich auch noch als witzig-spritziger Kumpeltyp, exotischer Liebesgott, tragischer Held und stilbewusster Lebenskünstler inszenierte. Wenn er, wie ich zuvor schrieb, in PURPLE RAIN trotz überirdischer Begabung vor allem als Mensch erschien, wirkt er in der eigentlich nach einer gewissen Bodenständigkeit verlangenden Rolle von Christopher Tracy wie ein Fremdkörper, als sei er eben erst aus einer purpurfarbenen Galaxie auf die Erde gebeamt worden. Prince war kein Humphrey Bogart und auch kein Cary Grant. Zum Glück.

Aber dieser Fehlschluss macht UNDER THE CHERRY MOON ja auch wahnsinnig interessant. Mir fällt auf Anhieb kein einziger Film ein, der vergleichbar wäre, auf diesem sichtbar hohen technisch-formalen Niveau solche absolut seltsamen Entscheidungen getroffen hätte und mit einer solch eigenartigen, magnetischen Hauptfigur aufwartete. Der Film ist ja auch ein Beweise für die Macht, die seinem Star damals, Mitte der Achtzigerjahre zukam: Unvorstellbar, dass dieser Film heute in dieser Form entstehen könnte. Und wenn ich Prince eben unterstellte, schlicht und einfach unglaubwürdig in seiner Rolle zu sein, so muss man ihm dennoch attestieren, mit weit heruntergelassener Deckung zu agieren. Er wirft sich ohne Fallschirm in diese Rolle, hat sichtlich Freude an seinem Part und das macht ihn auch sehr sympathisch. Allein, er bleibt eben der geniale Pop-Messias, der diesen Christopher Tracy zu jeder Sekunde überlagert und verhindert, dass man Zugang zu ihm findet. Aber dafür lernt man eben etwas über Prince, erhält Einblick in die Bilderwelt, aus der sich auch seine Musik speiste. Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft, Europa und die USA, Realität und Märchen prallen nicht aufeinander, sondern durchdringen sich, bis alles eins ist. Die einzige Welt, in der Prince sich wirklich zu Hause fühlte, weil ihm die Realität zu eng war: „If nobody kills me or thrills me soon,  I’ll die in your arms under the cherry moon.“

 

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Nicolas Winding Refn hat sich in den letzten Jahren vom cineastischen Geheimtipp, der nur wenigen ein Begriff war, zum Kritikerdarling und In-Regisseur entwickelt, dessen Filme mit Spannung erwartet werden und den schwierigen Spagat zwischen Programmkino- und Multiplex-Publikum schaffen. Sein DRIVE avancierte – auch dank seines Soundtracks – zum stilprägenden Kultfilm, sein Hauptdarsteller vom eher unscheinbaren Schönling zum plötzlich gefragten Charakterdarsteller. Mit dem zunehmenden Erfolg des Dänen wurde aber – fast zwangsläufig – auch die Kritik an seinem typischen Stil lauter: der bekannte Style-over-Substance-Vorwurf, dem sich vor einigen Jahren auch schon Wes Anderson gegenübersah, hier noch verbunden mit einer ideologischen Kritik an den mitunter von heftigen Gewaltausbrüchen und einer nicht immer ganz durchschaubaren Männlichkeitsinszenierung durchzogenen Filmen. ONLY GOD FORGIVES, der direkte Nachfolger von DRIVE, ist vielleicht Refns wichtigster Film, gilt es doch sich vor einem gewachsenen Publikum zu beweisen, seine neue „Massentauglichkeit“ zu belegen und die Kritiker, die einen ungerechtfertigten Hype unterstellten, Lügen zu strafen. Dummerweise muss dies nun mir Refns vielleicht schwächstem Film gelingen, zumindest aber mit einem, der seinen Kritikern reichlich Öl ins Feuer gießt.

In Bangkok unterhält Julian (Ryan Gosling) gemeinsam mit seinem Bruder Billy (Tom Burke) eine Kickbox-Schule, die gleichzeitig als Front für ihre Drogengeschäfte dient. Als Billy eine Minderjährige vergewaltigt und umbringt, zieht er den Zorn des Polizisten Chang (Vithaya Pansringarm) auf sich, der dem Vater des Mädchens die Möglichkeit gibt, ihren Mörder zu töten. Nachdem Crystal (Kristin Scott-Thomas), die herrische Mutter Julians, in Bangkok eingetroffen ist, um ihren Sohn zu beerdigen, beauftragt sie Julian, sich mit der Rache für den Tod Billys bei ihr zu beweisen. Es beginnt ein Krieg der Killer …

Die wesentlichen Stilelemente des Vorgängers findet man auch in ONLY GOD FORGIVES in gesteigerter Form wieder: Für die gesamten Dialoge des Films benötigt man wahrscheinlich kaum mehr als zwei großzügig bedruckte DIN-A4-Seiten, die Figuren bewegen sich wie in Zeitlupe oder auch wie in Trance durch die symmetrisch komponierten und expressiv ausgeleuchteten Bilder (wenn sie sich überhaupt bewegen), der hypnotisch-dräuende Score von Cliff Martinez verleiht allem eine extrem albtraumhafte Qualität, die durch die elliptische, von Vorahnungen, Rückblenden und Gedankenbildern geprägte Erzählstruktur noch unterstützt wird. Man fühlt sich teilweise in ein modernes Theaterstück versetzt: Begünstigt wird dieser Eindruck durch den bühnenhaften Bildaufbau, der das Geschehen vor dem Zuschauer wie in einem Guckkasten entfaltet, und das wenig subtile, vielmehr breit ausgestellte Spiel der Akteure mit ihren archetypischen, nur flüchtig skizzierten Rollen. Sympathiefiguren gibt es eigentlich gar nicht mehr: Alle Protagonisten sind Psychopathen, psychisch zerrüttet, unfähig ihrem Leben einen Sinn zu geben. Julian sitzt über weite Strecken des Films wort- und reglos in einem Stripclub, wo er ein Mädchen dafür bezahlt, vor ihm zu masturbieren. Die Demütigungen und Beleidigungen seiner Mutter lässt er ohne Widerspruch über sich ergehen, im Kampf gegen Chang agiert er erst mit äußerster Badass-Coolness, nur um von diesem dann hoffnungslos verdroschen zu werden. Und der Cop, ein ausdruckloser Racheengel geht mit unerbittlicher Härte gegen das Verbrechen vor, nur um anschließend vor seinen Männern Karaokeschlager zu intonieren. Von Anfang an bewegt sich ONLY GOD FORGIVES auf sein unausweichliches, vorhersehbares Ende zu: Nur Gott vergibt, für keinen der Charaktere gibt es irgendeine Hoffnung auf dieser Welt und das in grellen Neonfarben flackernde Bangkok ist die Hölle auf Erden, die alles vertilgt.

Formal ist ONLY GOD FORGIVES ein reiches Erlebnis, das die Sinne verführt und eine einzigartige Stimmung entwirft. Der ganze Film wirkt wie die auf 90 Minuten gestreckte Hammerszene aus DRIVE mit ihrem hochstiliserten Bildaufbau, dem frappierenden Kontrast zwischen dem Was und dem Wie, dem Aufeinanderprallen inneren Tumults und äußerster Ruhe der Darstellung. Das fasziniert auch hier wieder, lädt dazu ein, an der Oberfläche der Bilder zu Kratzen, zu begreifen, was sich hinter ihnen verbirgt. So wie man in DRIVE eben wissen wollte, welcher Mensch hinter der ruhigen Fassade des Drivers steckte. Genau hier fangen jedoch die Probleme mit ONLY GOD FORGIVES an, der erschreckend wenig zu erzählen weiß. Das bedeutungsschwere Schweigen wirkt hier eben nicht mehr geheimnisvoll und einladend, nicht wie der Schutzmechanismus eines Verwundeten, der sich vor Fragen abschotten will, weil die Antworten zu grausam sind. Es ist einfach nur Schweigen. Goslings Julian ist kein charismatischer Außenseiter, dessen Wortkargheit mehr sagt als ausufernde Erklärungen, sondern einfach nur ein Feigling, ein Drückeberger. Er spricht nicht, weil er nichts zu sagen hat. Und irgendwie trifft das auch auf seinen Regisseur zu, der bei der kunstvollen Gestaltung seines Films, beim Kreieren dieser unnachahmlichen Atmosphäre irgendwann vergessen hat, was er eigentlich erzählen wollte. Ein Rachefilm muss gewiss keine großen dichterischen Volten schlagen, aber er sollte doch irgendwie über einen moralischen Standpunkt verfügen, ganz gleich, wie der nun genau aussieht. Ich weiß einfach nicht, was Refn mir mit ONLY GOD FORGIVES erzählen will. Alles, was ich aus dem Film herausziehe, finde ich erschreckend banal. Und das beeinträchtigt dann eben auch die Begeisterung für die formale Gestaltung, weil sie eben in keinerlei Verhältnis zum kargen Inhalt steht.

Ich hatte fast schon erwartet, dass mich ONLY GOD FORGIVES enttäuschen würde und konnte mich gestern noch nicht einmal wirklich darüber ärgern. Vieles, was mir bei der Betrachtung rätselhaft erschien, habe ich auch eben erst verstanden, nachdem ich Verns Review gelesen habe. Vielleicht wäre es am besten, ein abschließendes Urteil auf eine Zweitsichtung zu vertagen. Auch wenn ich befürchte, dass sich an meiner grundsätzlichen Haltung zum Film nichts Wesentliches ändern wird, lässt mich der Film noch nicht ganz los. Zum jetzigen Zeitpunkt kann ich nur sagen, dass ONLY GOD FORGIVES sicherlich sehenswert, aber leider auch sehr unbefriedigend ist. Und dass Refn doch nicht unfehlbar ist, was man ja durchaus auch als beruhigend empfinden kann.