Mit ‘Kuei Chih-hung’ getaggte Beiträge

Man weiß, dass man das beste Hobby der Welt hat, wenn man abends in einem Düsseldorfer Kino sitzt, vorsichtshalber beschließt, sich vom Namen Kuei Chih-hungs nicht zu sehr blenden zu lassen und vom dann auf der Leinwand explodierenden Sleaze- und Gewaltgewitter komplett weggebügelt wird. WU FA WU TIAN FEI CHE DANG wirkt wie ein Liter Espresso, den man sich intravenös injiziert, und mit einer zur Sicherheit hinterhergezogenen, kantholzbreiten Linie Crystal Meth „abrundet“, um das Herzkammerflimmern zu betäuben. Der Film geht über nahezu die volle Distanz ein solch absurd hohes Tempo, dass es ganz schön schwerfällt, ruhig im Kinosessel sitzenzubleiben und sich in die passive Rezipientenrolle zu fügen. Es ist zwar ein Klischee, scherzhaft darüber zu spekulieren, was irgendwelche Regisseure, Musiker, Schriftsteller oder andere Künstler intus hatten, als sie ihre Kunst schufen, aber hier scheint es wirklich schwer vorstellbar, dass Kuei Chih-hung und Co. bei Dreh und Postproduktion nicht bis unter den Scheitel mit hochpotenten Scharf- und Schnellmachern vollgedröhnt waren.

Die deutsche Synchro trägt noch ihren Teil zum Chaos bei, lässt die Hundertschaft von wilden Rockern kakophonisch durcheinanderquatschen, grölen, krakeelen, lachen und grunzen wie präpotente Viertklässler im Colarausch, sodass man sich in einem katastrophal geschmacksentgleisten Altman-Film wähnt. Wenn die Rachemär im letzten Akt dann endgültig in eine entfesselte Gewaltorgie mündet, bei der sich die Protagonisten in einen wahren Blutrausch hineinsteigern, ist Polen endgültig offen. Die Dreharbeiten müssen ein einziger Terror gewesen sein, man sieht förmlich vor sich, wie die Akteure am Ende eines Drehtages vollkommen erschöpft in Ohnmacht fielen, und wenn der Film zu Ende ist, ähnelt das dem unsanften Runterkommen nach einem radikal durchgefeierten Wochenende.

WU FA WU TIAN FEI CHE DANG verquickt Elemente des Biker- mit denen des Terror- und Rachefilms, beschleunigt diese auf Hochtouren und setzt sie dann mit jener kindlichen Energie in die Tat um, die alles auf einmal und sofort will, weil Warten und Mäßigung einfach scheiße sind. Ein Mann reist mit Ehefrau und Schwester für einen Wochenendtrip auf eine Insel, wo sie sich mit einem gemeinsamen Freund (Danny Lee) treffen und es mit einer Schar von vergnügungssüchtigen und frontalasozialen Rockern zu tun bekommen, die sich benehmen wie ein Rudel brünftiger Wildschweine mit offener Hose. Nach den üblichen „lustigen“ Belästigungen und kreativen Verbalinjurien kommt es erwartungsgemäß zum Gewaltausbruch und den zwangsläufigen weiblichen Todesopfern. Die männlichen Helden schlagen daraufhin mit aller Macht zurück und sorgen für die endgültige Eskalation.

Es ist erstaunlich, dass diese Dramaturgie so gut funktioniert, denn von einem „langsamen Spannungsaufbau“ kann hier keine Rede sein. Kuei Chih-hung geht mit Minute eins in die Vollen, lässt die Rocker gleich zu Beginn über eine der armen Protagonistinnen herfallen und lauthals „Muttermilch“ skandieren, bevor sie sich, auf der Insel angekommen, ihren anderen Hobbys widmen: ohne Rücksicht auf Verluste in der Gegend rumbrettern, wüst rumprotzen, vögeln, sich gegenseitig auf die Fresse hauen oder aber Dinge kaputtschlagen sowie einem Humor frönen, der mit „zurückgeblieben“ noch freundlich umschrieben ist. Der Wahnsinn nimmt kein Ende und eine Szene, in der die gepeinigten Städter mit glitschigen Seegurken attackiert werden, ist nur die Spitze des uringelben Eisberges. Man muss es wirklich selbst sehen, um es zu glauben.

Ich bin Marc und Christian vom Mondo Bizarr unendlich dankbar dafür, diese mir bislang noch unbekannte Granate programmiert und damit einen wahrhaft unvergesslichen Abend beschert zu haben. Es ist doch ungemein beruhigend zu wissen, dass es auch nach über 20 Jahren des Watens durch den Exploitationsumpf immer noch Filme gibt, die sich wie eine Entjungferung anfühlen und einem klar machen, warum man diesen Quatsch so liebt. WU FA WU TIAN FEI CHE DANG ist einer der besten, asozialsten, abseitigsten, irrwirtzigsten und schlicht schnellsten Sleazehobel der Welt. Hier vergeht wirklich keine Minute, ohne dass einem die Kinnlade runterkracht und scheppernd auf den Solarplexus schlägt. Absolutes Pflichtprogramm und ein heißer Kandidat für mein Filmerlebnis des Jahres. Einziger Wermutstropfen: Der anschließend gezeigte APOCALISSE DOMANI, ein ewiger Lieblingsfilm von mir und nun auch nicht gerade für seine Zurückhaltung bekannt, wirkte nach Kuei Chih-hungs Amoklauf geradezu gemütlich.

 

karate_kuesse_blonde_katzen_2Eine Gruppe junger weißer europäischer Schönheiten wird von chinesischen Piraten gekidnappt und an den Hof des Verbrecherbosses Chao (Wang Hsieh) gebracht. Dort sollen die Mädchen zu Prostituierten ausgebildet und anschließend verkauft werden. Unerwartete Hilfe erhalten sie von Ko Mei Mei (Liu Hui-ling), einer Dienerin Chaos, deren Bruder Ko Pao (Yueh Hua) seit zwei Jahren an seiner Schwertkampftechnik gefeilt hat, um es mit dem Schurken und seinen Männern aufzunehmen und seine Schwester zu befreien …

Der Eastern-Hype. der in den Siebzigerjahren bundesdeutsche bzw. europäische Bahnhofskinos ebenso erfasste wie die Grindhouses in der New Yorker 42nd Street, ist ein Kulturphänomen, das für mich, der diese Zeit nicht selbst miterlebt hat, kaum real erscheint. Dass die Menschen sich damals obskure Martial-Arts-Filme gleich dutzendweise im Kino anschauen konnten und dies dann auch begeistert taten, dass Schauspieler wie Jimmy Wang-yu oder Chen Kuan-tai zu kleinen Stars avancieren konnten, klingt heute, wo die Dominanz Hollywoods – trotz der klicknahen Verfügbarkeit oskurer Filme aus aller Welt – so stark ist wie vielleicht nie zuvor, wie eine schöne Utopie. Die Befriedigung des Zuschauerbedürfnisses nach krachenden Handkantenschlägen und gezielt eingesprungenen Flugtritten wollten Filmemacher verständlicherweise nicht den asiatischen Erfindern von Karate, Kung-Fu, Taekwondo usw. überlassen. Aber offensichtlich war ihnen auch bewusst, dass sie die Vorlagen nicht selbstständig kopieren konnten, ohne massiv an credibility einzubüßen. Gern übte man also den Schulterschluss mit den Shaw Brothers, ihres Zeichens Marktführer ais Hongkong, um den eigenen Kung-Fu-Film ohne Gesichtsverlust über die Rampe zu wuchten. In den USA produzierte man so ENTER THE DRAGON und landete damit einen Riesenerfolg, ausgerechnet die altehrwürdigen englischen Hammer-Studios, bekannt für angenehm staubig-theatralisches Gruselkino, versuchten mit LEGEND OF THE SEVEN GOLDEN VAMPIRES verzweifelt, relevant zu bleiben, und in Deutschland schickte die Constantin Tausendsassa Ernst Hofbauer mit der Mission nach Fernost, eine publikumswirksame Melange aus Action, Abenteuer, Sex und Klamauk zusammenzurühren. Das Ergebnis heißt KARATE, KÜSSE, BLONDE KATZEN und beweist vor allem, dass deutscher und chinesischer Humor sehr gut miteinander kompatibel sind, Martial-Arts-Action mit hüftsteifen Miezen aber nur dann funktioniert, wenn der Betrachter von nackten Tatsachen abgelenkt wird.

Inhaltlich erinnert der Film stark an die etwa zur selben Zeit reüssierenden Women-in-Prison-Filme, wobei er weitaus weniger sadistisch zu Werke geht und in der Darstellung sexueller Devianz  weitestgehend im jugendfreien Bereich bleibt: Weiße Mädchen werden gefangen genommen und zu Sexsklaven-Arbeit verdonnert, können sich letztlich aber gegen ihren Unterdrücker erheben und ihre weibliche Überlegenheit unter Beweis stellen. Auch wenn Hofbauer dafür einige aus dem umfangreichen Shaw-Oeuvre bekannte Settings und Schauspieler für sich nutzen darf, die Kämpfe von seinem chinesischen Kollegen kompetent inszeniert und abgelichtet werden, so erkennt man doch jederzeit den Crossover-Charakter seines Films. So straight wie hier wird in den Filmen der Shaw Brothers nur selten erzählt, und es ist vor allem dieses Kleben am Plot, das KARATE, KÜSSE, BLONDE KATZEN zu einem letztlich etwas drögen Unterfangen macht. Die Story gibt nur wenig her, echtes Mitfiebern ist angesichts der Dusseligkeit der ganzen Prämisse von vornherein ausgeschlossen und es fehlt schlicht die Detailfreude und Verspieltheit, die viele Shaw-Eastern so auszeichnet. Der Film kommt über die Formel, den Sales Pitch gewissermaßen, nicht hinaus. Die Fights, die die um sich greifende Lethargie etwas auflockern könnten, sind gezwungenermaßen gebremst und unspektakulär: Am Anspruch, einen Martial-Arts-Film zu machen, ist Hofbauer am deutlichsten gescheitert. Gewiss, KARATE, KÜSSE, BLONDE KATZEN ist ganz putzig und keineswegs das unbeholfene Trash-Vehikel, das man vielleicht erwartet, aber man merkt, dass sich keiner der Beteiligten wirklich zu Hause fühlen durfte. Am besten funktioniert der Film als Komödie, weil tumber deutscher Klamauk und der ähnlich infantile chinesische Humor, wie oben bereits einmal erwähnt, wirklich hervorragend harmonieren, so gut, dass da keinerlei Nahtstelle erkennbar ist. Eigentlicher Höhepunkt ist dann auch nicht der Finalkampf gegen den bösen Chao, sondern die Episode, in der die Heldinnen an allesamt hässliche und zudem ziemlich dusselige Geldsäcke verhökert werden und diese dann ihre gerechte Strafe erhalten. Freunde deutscher Blödelsynchro freuen sich zudem über Sätze wie „Schmeckt wie Opa unterm linken Ei.“ oder Dialoge wie diesen: „Wo is‘ der Chef?“ – „Im Keller, macht’s Sportabzeichen.“