Mit ‘Lance Hool’ getaggte Beiträge

Patrick Swayze wird/wurde gern verlacht. Als Traum aller Hausfrauen wegen seiner Rollen in der TV-Serie NORTH AND SOUTH und im ultimativen Achtzigerjahre-Schmachtfetzen DIRTY DANCING. Wegen seiner Nackenspoiler-Frisur und dem Watschelgang. Wegen ROAD HOUSE. Aber ich mag Patrick Swayze und glaube, dass er zwei faustgroße Eier in der Hose hatte. Peep this: In zwei essenziellen Coming-of-Age-Filmen der Achtziger kam ihm die Rolle zu, den Vater für eine Horde pubertierender Jungstars zu geben (THE OUTSIDERS und RED DAWN) und in beiden meisterte er sie mit Bravour. In UNCOMMON VALOR schloss er sich einigen hartgesottenen Veteranen an, um Kriegsgefangene aus Vietnam rauszuhauen. In YOUNGBLOOD bezirzte er junge Mädchen, indem er seine Zahnprothese in ihr Bierglas fallen ließ. Im Stallone-Vehikel TANGO & CASH war für ihn die Rolle des Cash vorgesehen, aber er lehnte ab, weil er stattdessen fuckin‘ ROAD HOUSE machen wollte – um mit diesem Missverständnis ein für alle Mal aufzuräumen natürlich einer der geilsten Filme seines Jahrzehnts. Er stand auf der Liste für die Titelrolle in THE PUNISHER (2004). Und er lehnte nicht nur das Angebot von 6 Mio. Dollar für die Fortsetzung von DIRTY DANCING ab, er ließ auf diesen Überraschungs-Sommerhit STEEL DAWN folgen, ein verspätetes MAD MAX-Rip-off vom MISSING IN ACTION 2: THE BEGINNING-Regisseur Lance Hool. Das muss man erst mal bringen.

Nach der nuklearen Apokalypse ist die Welt eine einzige Wüstenei. Der ehemalige Soldat Nomad (Patrick Swayze) – der Name wird kein einziges Mal erwähnt – trifft auf die Farm der Witwe Kasha (Lisa Niemi Swayze), die dort mit ihrem Sohn Jux und ihrem Helfer Tark (Brion James) lebt. Sie ist im Besitz einer geheimen Wasserquelle, mit der sie das Tal wässern und so die Grundlage für eine neue Stadt liefern will. Doch sie und die anderen Siedler werden bedrängt von Damnil (Anthony Zerbe), der alles für sich haben will. Es kommt zur Auseinandersetzung zwischen de Schurken und Nomad …

Wie so viele Actionfilme vor und nach ihm bedient sich auch dieser ausgiebig bei SHANE. Ein Rip-off will man aber nicht unterstellen, zeichnete sich George Stevens Klassiker doch gerade dadurch aus, das narrative Gerüst zahlreicher Heldengeschichten bloßzulegen. Deutlicher sind schon die Einflüsse des von MAD MAX begründeten Endzeitfilms: Statt nach Benzin jagt man in STEEL DAWN dem Wasser hinterher, Menschen tragen aus allerlei Schrott zusammengesetzte Rüstungen und Kostüme, fahren in selbstgebauten „Wind Racern“ herum, bekämpfen sich mit Schwertern und träumen von einer neuen Zivilisation. Lance Hool macht nicht viel mehr, als die beiden Inspirationsquellen zusammenzubringen und routiniert die daraus folgende Geschichte abzuspulen, aber er tut das mit einiger Verve und garniert alles mit der ein oder anderen Härte. Auffallend ist die ausgesprochene Wortkargheit des Ganzen. Swayze absolviert wahrscheinlich noch weniger Dialogzeilen als Stallone in RAMBO: FIRST BLOOD PART II und kaum einer will ihm darin nachstehen. Als der Ober-Henchman von Damnil, der mit Igel-Vokuhila wie der Gitarrist einer Hairmetal-Band aussehende Sho (Christopher Neame), ihm vor dem Finalkampf viel Glück wünschen will, sagt er lediglich „Luck!“ und Nomad antwortet, den Schurken in Einsilbigkeit fast noch übertreffend: „Same.“ Und so, wie also in STEEL DAWN nicht viel geredet wird, muss man auch über STEEL DAWN gar nicht viel sagen. Man fühlt sich einfach zu Hause in diesem Film. Der Lehrer aus AMERICAN NINJA, John Fujioka, hat einen kurzen Auftritt als Lehrer Nomads, Anthony Zerbe spielt das Endzeitarschloch wie weiland in THE OMEGA MAN, Arnold Vosloo darf sich als einer seiner Schergen schon mal auf HARD TARGET oder THE MUMMY (Wüstensand!) vorbereiten, Damnils Behausung erinnert an MAD MAX 3: BEYOND THUNDERDOME, das Domizil Kashas rief mir Michel Houellebecqs Roman „Möglichkeiten einer Insel“ und seine Beschreibung eines New-Age-Camps in der Wüste vor Augen. Für eine kleine Überraschung sorgt die Besetzung Brion James‘ nicht als Schurke, sondern als gutmütiger Helfer, aber der geneigte Filmfan wusste natürlich schon immer, dass der in ihm steckt. Eine runde Sache und ein gutes Argument für jeden, der Patrick Swayze als vergessenen Actiondarsteller bezeichnen mag. He is indeed.

missing20in20action20220the20beginning2019851Auch wenn es wahrscheinlich übertrieben wäre, zu behaupten, die MISSING IN ACTION-Reihe sei vergessen worden, so muss man doch konstatieren, dass sie in ihrem Genre im Schatten anderer – meist größerer – Filme steht. Zu Unrecht: Denn die Reihe der Cannon stellt einen wichtigen Beitrag zum Actionfilm ihres Jahrzehnts dar und ist  Zeugnis für die Geschäftstüchtigkeit und Gerissenheit von Menahem Golan und Yoram Globus. Diese hatten nämlich nicht nur erkannt, was für ein heißes Eisen die Viertnam-Kriegsgefangenen-Thematik darstellte, sie wussten auch, dass es wichtig war, noch vor RAMBO: FIRST BLOOD PART 2 einen Film zu diesem Thema in den Kinos zu haben. Kurzerhand wurde die Reihenfolge der Back-to-Back gedrehten ersten beiden MISSING IN ACTION-Filme vertauscht. Mit Erfolg: Der zornige Veteranenactioner traf den Nerv der Zeit, sprach weiten Teilen der amerikanischen Bevölkerung, die mit den Spätfolgen des verlorenen Krieges zu kämpfen hatten und die Verdrängungshaltung ihrer Regierung nicht länger tolerieren wollte, aus der Seele und entpuppte sich folgerichtig als Überraschungshit und einer der größten finanziellen Erfolge in der Produktionsgeschichte der Cannon.

MISSING IN ACTION II: THE BEGINNING erzählt die Vorgeschichte von Josephs Zitos Film, stellt also ein waschechtes Prequel dar. Bei einem Hubschraubereinsatz werden Colonel Braddock (Chuck Norris) und seine vier Gefährten von Vietcong abgeschossen und geraten in Gefangenschaft. Dort sind sie auch Jahre später – der Krieg ist längst vorbei – immer noch. Der fiese Menschenquäler und Lagerleiter Colonel Yin (Soon Teck-Oh) will die Amerikaner erst entlassen, wenn Braddock ein Geständnis unterzeichnet, das ihn als Kriegsverbrecher ausweist. Natürlich weigert sich der tapfere Amerikaner und so werden er und seine Männer Opfer von Folter, Quälerei und Demütigung, bis schließlich irgendwann die Grenze des Erträglichen überschritten ist …

Gegenüber MISSING IN ACTION, der den durch die jahrelange Kriegsgefangenschaft gebrochenen und psychisch labilen Charakter des Colonel Braddock als Identifikationsfigur für das Publikum und Repräsentant kollektiver Überzeugungen einsetzte, ihn genau das sagen und tun ließ, was sich so viele Amerikaner wünschten, dabei aber nie seinen erzählerischen Charakter aufgab, inszeniert Regisseur Lance Hool das Prequel als reinen Affektfilm, der in Reinform verkörpert, was so vielen seiner „Verwandten“ höchst einseitig, übereilt und unter Ausblendung vieler verzeichnender Elemente nachgesagt wird Das beginnt schon bei seinen nur mit viel Wohlwollen als solchen zu bezeichnenenden Charakteren: Die amerikanischen Gis – höchst praktisch verschiedenen sozialen Gruppen zuordenbar –  sind allesamt aufrechte Kerle und Kameraden, denen sich selbst der notwendige Verräter nicht dauerhaft entziehen kann; der vietnamesische Lagerleiter ist ein effeminierter und wohlartikulierter Sadist, der sich von seinen Untergebenen wie ein König hofieren lässt und die sexuelle Erregung, die die Aussicht, die Amerikaner in die Knie zu zwingen, bei ihm auslöst, kaum verbergen kann; der Franzose – eigentlich ja eh der Schuldige an der ganzen Misere – ist der gewissenlos-opportunistische Profiteur des Krieges, weil er für den Nuttennachschub in den Kriegsgefangenenlagern sorgt und dabei das Leid der Amerikaner billigend in Kauf nimmt. Die formelhafte Aufbereitung von MISSING IN ACTION II: THE BEGINNING rückt ihn in die Nähe des Rape-and-Revenge-Films: Die ganze erste Hälfte erfüllt keine andere Funktion, als möglichst viel Leid aufseiten der Protagonisten anzuhäufen und so die Rache in der zweiten Filmhälfte zu legitimieren – sowohl für die Charaktere als auch für die Zuschauer. Das geht so weit, dass nicht einmal der flugs eingeführte deus ex machina den Helden helfen kann, sondern nach knapp zehn Minuten äußerst unsanft aus dem Film gerissen wird. Die Kaltschnäuzigkeit, mit der die Rache schließlich in der zweiten Filmhälfte vollzogen wird, wird wiederum durch den lustvollen Sadismus der Antagonisten, den diese zuvor zeigten, abgeschwächt. Die geradezu mechanische Konstruiertheit des Films spiegelt sich auch in seinem Setting wider: Das Gefangenenlager liegt auf einer Lichtung im Urwald, der einzige Fluchtweg führt über eine Hängebrücke, die sich über eine klaffende Schlucht spannt. Diese isolierte Lage ist längst nicht nur der Diegese geschuldet: In ihr offenbart sich auch der parabelhafte Charakter des Films, der nicht eine wie auch immer geartete Realität abbilden will, sondern diese vielmehr ins Extrem verdichtet, um den Zuschauers noch stärker zu affizieren.     

Hools ausgesprochen perfider Film kann über seine wahre Intention kaum hinwegtäuschen: Der Film blendet nach den Credits Aufnahmen der Rede Reagans am Grab des unbekannten Soldaten ein, die dieser anlässlich des zehnjährigen Jahrestags des Kriegsendes hielt. Sein gefasst formuliertes Versprechen, keine zurückgebliebenen Gefangenen zu vergessen, steht nicht nur in kaum zu übersehender Diskrepanz zu der Haudrauf-Mentalität, der im Folgenden gehuldigt wird: Der Präsident wird in MISSING IN ACTION II: THE BEGINNING mehr oder weniger offen der Lüge bezichtigt, was den agitatorischen Charakter des Films noch unterstreicht. So lässt sich auch der Schluss, der in seiner Ikonizität an sozialistische Propaganda-Kunst erinnert, kaum anders als programmatisch lesen: Nachdem Braddock Yin mitsamt seiner Behausung in die Luft gejagt hat, blickt er in die Kamera, hinter sich die tosenden Flammen des Explosion und sagt: „Das war meine Rache!“ Die Verbrüderung Braddocks mit dem Publikum ist damit perfekt. Trotz dieser ideologischen Unverzeihlichkeiten ist MISSING IN ACTION II: THE BEGINNING ein bemerkenswerter Vertreter seines Genres. Nur selten wurde dort einer solchen filmischen Drastik und Radikalität Politik betrieben, wurde so die eingeschlagene Linie so zielstrebig verfolgt, so unverblümt der Meinung des Mannes von der Straße zugearbeitet. Gemessen an dem, was er ist und sein will, ist MISSING IN ACTION II: THE BEGINNING eine Meisterleistung, gemessen am gesunden Menschenverstand ein hasserfülltes Hetzwerk erster Güte.