Mit ‘Larry Cohen’ getaggte Beiträge

Detective Sean McKinney (Robert Davi) ist am Boden zerstört, als sein Protegé, die wegen ihrer eigenwilligen Methoden schon mehrfach in die Schlagzeilen geratene Polizistin Katie Sullivan (Gretchen Becker), bei einem Einsatz so schwer verwundet wird, dass nur noch der Hirntod diagnostiziert werden kann. Aufgrund manipulativ geschnittener Filmaufnahmen zweier erfolgssüchtiger Nachrichtenreporter sieht es zudem so aus, als habe Katie eine Unschuldige erschossen. Diese Geschichte beschäftigt jedoch nicht nur McKinney, sondern auch den von den Toten auferstandenen Matt Cordell (Robert Z’Dar), der in der Polizistin eine Seelenverwandte erkennt und ihr zu Hilfe eilt …

Hatte ich bei MANIAC COP 2 zunächst noch Probleme, die sich erst bei einer Zweitsichtung weitestgehend auflösten, machte ich mit MANIAC COP 3 genau die umgekehrte Erfahrung: Am Freitag direkt nach Teil 2 gesehen, gefiel er mir zunächst besser, schien er der interessantere, spannendere und abwechslungsreichere Film zu sein; eine Einschätzung, die ich korrigieren muss, nachdem ich auch diesen Film der Nachprüfung unterzogen habe. Gelang es Cohen und Lustig mit dem zweiten Teil noch, ein gängiges Handlungsmuster des Copfilms mit den Mitteln des Horrorfilms zu überspitzen, ohne dabei jedoch den Rahmen des Glaubwürdigen ganz zu verlassen, so ist Teil 3 mit seinen Voodoo- und Wiederauferstehungsritualen ganz eindeutig dem Bereich des Fantastischen zuzuordnen und büßt damit einiges an Wirkungskraft ein. Die Idee mit der seelenverwandten Polizistin, die Cordell vor der postmortalen Zerstörung ihres Rufs bewahren will, ist eigentlich sehr schön und verleiht dem Film emotionale Schwere: Als hoffnungsloser Fall in einem Krankenhausbett vor sich hin vegetierend ist Katie Sullivan die Seele des Films, doch weiß Lustig nicht so recht, wie er diesen nachhaltigeren Strang des Films mit dem eher formelhaften und auch irgendwie albernen Slasherplot verknüpfen soll. So kollidieren die deutlich schwarzhumorigen und gallig-satirischen Elemente des Films – bitterer Höhepunkt in dieser Hinsicht ist ein Dialog zwischen dem Chefarzt des Krankenhauses (Robert Forster) und einem fiesen Politiker (Paul Gleason), in dem ersterer letzterem gegen ein paar Baseballkarten verspricht, die Kate am Leben erhaltenden Maschinen abzuschalten – mit dem menschlichen Kern des Films und die eh schon nicht rundlaufende Geschichte wird dann noch zusätzlich von einem zombiefizierten Cordell gestört. Wenn der Zombiecop einen zynischen Chirurgen mit einem Defibrillator bis aufs Dach des Krankenhauses verfolgt und dort mit Stromstößen umbringt oder einen frechen Punk in die Luft wirft, um ihn dort wie ein Kunstschütze zu durchlöchern, fühlt man sich eher an die späten Einträge der FRIDAY THE 13TH-Reihe erinnert als an Lustigs/Cohens düstere Selbstjustiz-Saga. Was man MANIAC COP 3 nicht absprechen kann, sind auch diesmal wieder eine erstklassige Besetzung und einige exzellente Feuerstunts: Die finale Verfolgungsjagd mit einem brennenden Maniac Cop am Steuer ist ein Highlight, dem man aufgrund des eingegangenen Risikos gern nachsieht, dass sie ein bisschen zu lang geraten ist.

Unmittelbar nach den Ereignissen des ersten Teils: Die Leiche des Mörders in Polizistenuniform konnte leider nicht geborgen werden, sodass Jack Forrest (Bruce Campbell) und Teresa Mallory (Laurene Landon) mit ihren Behauptungen, bei diesem handelte es sich um den für tot geglaubten Ex-Cop Matt Cordell (Robert Z’Dar), nicht mehr erreichen, als von ihrem Vorgesetzten Edward Doyle (Michale Lerner) an die Polizeipsychologin Susan Riley (Claudia Christian) verwiesen zu werden. Die schenkt ihnen aber genauso wenig Glauben wie der selbst ruppigen Methoden nicht ganz abgeneigte Sean McKinney (Robert Davi). Als jedoch erst Jack ermordet wird und Susan Riley dann selbst der Ermordung Teresas durch einen riesenhaften Polizisten beiwohnt, ändern beide ihre Meinung. Und Cordell hat sich inzwischen einen Vertrauten in Form des Serienmörders Turkell (Leo Rssi) gesucht …

Eigentlich war der Verriss schon geschrieben: Die Sichtung am Freitagabend war nicht so richtig erfolgreich, MANIAC COP 2 schien mir nicht mehr als ein wenig charmanter und vor allem etwas langatmiger Aufguss des Vorgängers. Doch irgendwie wollte ich mich damit nicht zufriedengeben und so habe ich den Film dann nochmal geschaut, mit deutlich besserem Ergebnis. Cohens Script ist ziemlich interessant, weil er der Versuchung, den Maniac Cop zum handlungsarmen Slasher zu machen, das Sequel sozusagen auf Nummer sicher und nach Schablone anzufertigen, widersteht und sich noch stärker am Polizei- und Actionfilm orientiert als im Vorgänger. Cordell mag zwar aussehen wie ein Zombie, aber eigentlich ist er lediglich ein besonders entschlossener Vertreter des von den Vorgesetzten verratenen Vollblut-Cops, der so oft im Zentrum des reaktionären Copfilms steht und der hier nun einen besonders teuflischen Racheplan in die Tat umsetzt. In der Gegenübersellung mit dem soziopathischen Turkell kann der Zuschauer mehr als nur ein bisschen Sympathie für den hintergangenen Polizisten entwickeln, in der Figur des McKinney steht ihm ein Mann auf der Seite der Guten gegenüber, der in der Interpretation seines Jobs wohl selbst das ein oder andere Mal Gefahr läuft, so zu enden wie sein Kollege. Und wie man das von Cohen und Lustig erwarten durfte, wird New York als schmutziger Moloch gezeichnet, in dessen Schatten übles Kroppzeug gedeiht und seinen Rachefantasien auf die Gesellschaft, die sie hat fallen lassen, nachgeht, bis die Fantasie allein nicht mehr ausreicht. Die Stadt steht kurz vor der Amtszeit von Rudolph „Rudy“ Giuliani immer noch vor dem Bürgerkrieg. MANIAC COP 2 behält den dystopischen Tenor des ersten Teils also bei und findet seinen Höhepunkt in einem an THE TERMINATOR erinnernden Überfall Cordells auf ein Polizeirevier, bei dem die Polizisten fallen wie die Fliegen.

Abgerundet wird der Film durch eine Besetzung, nach der sich jeder Fan des Genrekinos die Finger lecken dürfte: Neben den bereits Aufgezählten – Campbell bleibt erneut blass und erhält nach drei Szenen die Quittung dafür – tummeln sich Leute wie Charles Napier, Clarence Williams III, Danny Trejo, Sam Raimi und Marco Rodríguez (der Supermarkt-Psycho aus COBRA) in Klein- und Kleinstrollen und die Entscheidung, Robert Davi in der Hauptrolle zu besetzen, kann ich gar nicht hoch genug bewerten (ich mag den Mann einfach). Der Gewinner des Films ist aber eindeutig Leo Rossi, der normalerweise auf Mafiosi im Anzug oder ähnliche Typen abonniert ist und den ich mit wildem Lockenkopf und von einem dichten Vollart zugewuchterten Gesicht überhaupt nicht erkannt habe. Addiert man nun noch den Score von Jay Chattaway und die spektakulären Stunts hinzu, die so manchen Hollywood-Film in den Schatten stellen, dann gibt’s an MANIAC COP 2 nun definitiv nichts auszusetzen. Keine Ahnung, was mich da am Freitag geritten hat.

In New York werden unbescholtene Bürger ausgerechnet von jemandem umgebracht, der sie eigentlich beschützen sollte: einem Polizisten. Der ermittelnde Frank McCrae (Tom Atkins) hat den Verdacht, dass der Mörder sich nicht bloß als Cop verkleidet hat, sondern tatsächlich aus den Reihen des NYPD kommt. Der Verdacht fällt zunächst auf Jack Forrest (Bruce Campbell), dessen Gattin ermordet wurde, nachdem sie ihren Mann im Bett einer anderen Frau erwischt hat. Doch auch nach Jacks Inhaftierung reißt die Mordserie nicht ab. Die Spur führt zu dem wegen seiner Methoden verurteilten Ex-Cop Matt Cordell (Robert Z’Dar), doch der sollte eigentlich längst tot sein …

MANIAC COP hat es zwar auf immerhin zwei Sequels gebracht, deren Existenz ja schon als Indikator dafür fungiert, dass Regisseur Lustig und Drehbuchautor Cohen einen Nerv beim Horror-Publikum getroffen hatten. Der Maniac Cop Matt Cordell hat seinen Platz im Pantheon der in den Achtzigerjahren so populären Slasherfiguren sicher, auch wenn er sich dort mit einem der billigeren Plätze zufrieden geben muss. Ich fand ja schon immer, dass der Film sein Potenzial nicht ganz ausschöpfen, die Erwartungen, die an eine Zusammenarbeit von Lustig und Cohen zwangsläufig geknüpft werden müssen, nicht ganz erfüllen kann und diese Meinung hat sich auch bei dieser ersten Sichtung seit einigen Jahren wieder bestätigt: Aber irgendwie macht ihn auch gerade das für mich so liebenswert und hebt ihn von den zahlreichen anderen seriellen Filmkillern, die die Willkommensfreude im Laufe ihrer zahlreichen Wiederauferstehungen gnadenlos überstrapazierten, positiv ab.

Cohens finstere Story um einen No-Nonsense-Cop, der für sein hartes Durchgreifen bestraft wird und es im Gefängnis schließlich mit genau jenen Subjekten zu tun bekommt, die er zuvor mit der Macht des Gesetzes ausgestattet drangsaliert hatte, daraufhin für tot erklärt wird, nur um dies dann für einen persönlichen Rachefeldzug gegen die Polizei zu nutzen, ist ohne Zweifel von der aufgeheizten Stimmung im New York der Prä-Giuliani-Ära mit ihrem Zero-Tolerance-Großreinemachen geprägt (und darüber hinaus eine schlagfertige Überspitzung der Tough-Cop-Filme der Siebzigerjahre). Cohen – einer der essenziellen New-York-Filmemacher – verfügt über ein ausgezeichnetes Gespür dafür, soziale Missstände und die aus diesen resultierenden Ängste der Stadtmenschen zum Ausgangspunkt für seine potenten, doppelbödigen und intelligenten, niemals aber verkopften Genrefilme zu machen, und auch MANIAC COP ist da keine Ausnahme: Was wäre, wenn sich in einer Stadt, in der die Straßen nach Einbruch der Dunkelheit kaum noch gefahrlos zu betreten sind, ausgerechnet ein Polizist als größte Bedrohung entpuppte? Lustig setzt diese Angst in der ersten Hälfte des Films, die eben fast ausschließlich nachts spielt, sehr effektiv ins Bild, verzeichnet die Straßen Manhattans ganz im Sinne des düsteren Crime- und Selbstjustiz-Thrillers  seines Jahrzehnts zum Kriegsschauplatz (hier müssen Lustigs VIGILANTE und MANIAC unbedingt genannt werden). Man merkt dem Film in jenen Szenen an, dass seine Urheber mit Leib und Seele New Yorker  sind: Der Film erreicht eine Intimität und Authentizität, die durchaus bemerkenswert und keineswegs selbstverständlich ist. Selbst eigentlich unspektakuläre Füllszenen – ein Dialog zwischen McCrae und seinem Kollegen Ripley (William Smith) in einer schummrigen Bar – geraten so unverhofft zum Kern eines Horrorfilms, der mit dieser Etikettierung reichlich unterbewertet ist.

Es ist dann auch die überwiegend mit Plotabwicklung beschäftigte zweite Hälfte des Films, die ihm eines Teils seiner Wirkung wieder beraubt. Wenn der Täter enttarnt ist, mit McCrae plötzlich gar der bisherige Protagonist abtreten muss und Lustig ganz zur Hatz auf das Monster übergeht, die vorher gesichtslose Bedrohung mithin konkretisiert, gliedert sich der Film ins generische Maniac-on-the-loose-Subgenre ein, das eher mit Vordergründigkeiten beschäftigt ist. Vor allem zeigt sich aber in dieser zweiten Hälfte, warum Bruce Campbell nie den Sprung nach ganz oben geschafft hat und seine Brötchen wohl bis ans Ende aller Tage mit langweiliger Selbst- bzw. Ash-Kopie oder selbstreflexiver Fanboy-Fütterung wie MY NAME IS BRUCE fristen wird: Als straighter Held, der keine Gelegenheit zu Slapstick-Verrenkungen erhält, bleibt er vor allem im Vergleich mit Atkins fürchterlich blass. Die in der zweiten Hälfte von MANIAC COP vollzogene enttäuschende Entwicklung lässt sich also ganz explizit an ihm festmachen. Dennoch: Die genannten Stärken von Lustigs Film reichen aus, ihm einen Platz in meinem Herzen einzuräumen. Und ein Film, der sein Versprechen nicht ganz einlösen kann, ist mir immer noch lieber als einer, der erst gar keins macht, das er brechen könnte. Ach ja: Teil 2 und 3 sind bestellt, ick freu mir!

perfect strangers (larry cohen, usa 1984)

Veröffentlicht: November 24, 2010 in Film
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Der Mafiakiller Johnny (Brad Rijn) wird bei der Ausübung seines Berufs von dem dreijährigen Matthew beobachtet, der gemeinsam mit seiner alleinerziehenden Mutter Sally (Anne Carlisle) in Manhattan lebt. Als Johnny seinen Arbeitgebern von seinem Missgeschick berichtet, fordern diese eine baldige „Lösung“ des Missstands. Johnny stürzt in ein moralisches Dilemma, als er sich das Vertrauen der Kleinfamilie erschleicht, um den kleinen Matthew umbringen zu können, sich aber unerwarteterweise sehr wohl in der neuen Vaterrolle fühlt. Als Fred (John Woehrle), Sallys Exmann und Matthews leiblicher Vater, von dem „Neuen“ erfährt und aus lauter Misstrauen einen Privatdetektiv auf ihn ansetzt, spitzt sich die Situation zu …

Back to back mit dem phänomenalen SPECIAL EFFECTS gedreht, ist PERFECT STRANGERS ein gänzlich anderer Film: klares und konzentriertes Suspensekino statt intellektuelles Vexierspiel. Zumindest auf den ersten Blick. Cohens Klasse und sein Einfühlungsvermögen als Autor kommen hier weniger in einem kühnen Gesamtentwurf, sondern vielmehr in kleineren Details zum Vorschein, die seinen Film von vergleichbaren 08/15-Thrillern abheben. Der Klassenunterschied zu diesen ist vor allem deshalb erkennbar, weil PERFECT STRANGERS mit einer Prämisse aufwartet, die recht konventionell ist. Die Spannung erwächst hier aber weniger aus dem Wissen, dass der neue Hausfreund ein Killer ist, der jederzeit zuschlagen kann, wie dies in etlichen Thrillern vor allem der Neunzigerjahre durchexerziert worden wäre, sondern aus dem inneren Konflikt Johnnys, der Matthew zwar nicht töten will, sich dem Willen seiner Bosse aber auch nicht konsequent zu widersetzen traut. Die Frage ist, wann das Abwägen zwischen seinen moralischen Prinzipien und der aufkeimenden Liebe für Sally und Matthew auf der einen und der Angst um sein eigenes Leben auf der anderen Seite zu Ungunsten der Kleinfamilie ausfallen wird. Nicht das Hoffen um die Unversehrtheit Matthews ist also die  Quelle der Spannung, sondern das Hoffen um die anhaltende moralische Integrität Johnnys, eines Killers, der in der Inszenierung Cohens eine Chiffre bleibt, obwohl er doch einen Großteil der Screentime erhält. Es bleibt unklar, ob er ein guter Junge ist, der lediglich die falschen Leute kennen gelernt hat, oder ein ausgewachsener Psychopath. Die Schattenrisse, die er per Sprühdose überall in der Stadt von sich hinterlässt, lassen auf eine verwundete Seele schließen: Als seine Beziehung zu Sally und Matthew am intensivsten ist, sprüht er eine Schattenfamilie mit ihm im Zentrum an eine Mauer. Hier fühlt sich jemand einsam, der nie gelernt hat, eine Beziehung zu führen.

PERFECT STRANGERS ist aber auch ein Film über sexuelle Verwirrung und Identitätssuche in den Achtzigerjahren: Sallys beste Freundin verwechselt Feminismus mit Männerhass, eine Szene auf einer Frauenrechtsdemo ist längst nicht nur deshalb enthalten, weil Larry Cohen solche öffentlichen Veranstaltungen gern in seine Filme einbaut, um ihnen Größe und Authentizität zu verleihen (man denke nur an die St.-Patrick’s-Day-Parade in GOD TOLD ME TO), und der Konflikt zwischen Sally und ihrem Exmann Fred liefert ein beredtes Beispiel für die Herausforderungen, mit denen sich eine heterosexuelle Beziehung im ausgehenden 20. Jahrhundert konfrontiert sah. Es sind wie so oft – siehe auch mein Text zu ALEXANDRA’S PROJECT – die Frauen, die diesen Herausforderungen besser gewachsen sind als die Männer, die sich nicht anders zu helfen wissen, als mit Gewalt zu antworten. Auch dieser vermeintlich „einfache“ Cohen-Film eröffnet auf den zweiten Blick also eine weitere, sozialkritische Dimension, entpuppt sich als differenzierter als man zunächst meint, vor allem, wenn man ihn mit den oben genannten Neunzigerjahre-Thrillern vergleicht, die lediglich bürgerliche Paranoia und Verlustängste bedienen. PERFECT STRANGERS oszilliert ebenso zwielichtig wie das spätsommerliche New York – eine Stadt, die nur wenige Regisseure so einzufangen und einzusetzen wissen wie Cohen – zwischen Sonnenschein und Regen.

Als ihr Ehemann Keefe (Brad Rijn) in Manhattan eintrifft, um die Mutter seines Sohnes und Ehefrau Andrea (Zoe Tamerlis) – eine Möchtegernschauspielerin, die ihr Geld damit verdient, für lüsterne Fotografen zu posieren – nach Hause zu holen, flüchtet diese sich in die Arme des ausgebrannten Regisseurs Christopher Neville (Eric Bogosian), der in Hollywood soeben zur Persona non grata erklärt worden ist und an seinem Comeback feilt. Er bringt sie beim Sex um, filmt diesen Mord, trennt sich von der Leiche und eilt wenig später dem verzweifelten Keefe mit Geld und Anwalt zur Hilfe, als der von der Polizei wegen des Mordes verdächtigt wird. Dahinter steckt aber mitnichten Reue, sondern der Plan, den Ehemann zur Mitarbeit an seinem neuestem Projekt zu erpressen: ein Dokudrama über die tragische Geschichte des Ehepaars, das die Grenzen zwischen Film und Realität engültig verwischen soll. Nun fehlt Neville nur noch eine Schauspielerin für den Part der Andrea. Bis Keefe auf Elaine (Zoe Tamerlis) trifft, die seiner Frau aufs Haar gleicht …

Nach dem Troma-Dilettantismus wieder den Übergang zu respektableren Filmen zu finden, ist gar nicht so einfach, wenn man eine harte Zäsur vermeiden will. Zum Glück gibt es Larry Cohen, der sich zwar vordergründig Exploitation-Themen annimmt, diese aber mit Sensibilität, Intelligenz und inszenatorischer Klasse versieht, die man sonst von anerkannten Regiegrößen der Filmgeschichte erwartet. SPECIAL EFFECTS, nach dem wunderbaren Q entstanden, ist ein großer kleiner Film, ein verwegener, konzeptionell aufregender Thriller, der nicht nur in seinen offenen Hitchcock-Referenzen Assoziationen zum Kino Brian De Palmas (und logischerweise Hitchcocks) evoziert, sondern auch in seinen philosophisch angehauchten Reflexionen über Film, Realität und das Spannungsverhältnis zwischen diesen beiden. Von Beginn an – schon während eines Dialogs, der als Offkommentar die Anfangscredits begleitet – wird Neville als Regisseur etabliert, der sich nicht länger damit begnügen will, Fiktion zu machen. Er will, dass seine Filme ebenso real sind wie Realität, dass sie Realität nicht mehr nur abbilden, sondern dies tatsächlich selbst werden. Zu diesem Zweck hat er seinen letzten Film mit teuren Spezialeffekten überfrachtet und wurde vom Set seines neuesten Werks kurzerhand gefeuert, als er das Budget schon wieder weit zu überdehnen drohte. Sein großes Vorbild, so bekennt er, ist Abraham Zapruder, der Hobbyfilmer, der das Attentat auf John F. Kennedy aufzeichnete; später sieht man Neville, wie er sich wieder und wieder die Aufnahmen von Jack Rubys Mord an Lee Harvey Oswald ansieht, um den Indikator zu finden, der signalisiert, dass es sich nicht um inszeniertes Material, sondern um aufgezeichnete Realität handelt. Díesen künstlerischen Ambitionen, hinter denen sich ein ausgewachsener Gottkomplex kaum noch verstecken kann, steht die naive Träumerei von Andrea und Det. Phillip Delroy (Kevon O’Connor) gegenüber, die bereit sind, ihr Leben komplett aufzugeben, um in der Sphäre des Films groß rauszukommen. Der Konflikt des Films besteht auch darin: dass der eine die Transition von Fiktion zu Realität schaffen will (die doch unmöglich ist), während andere ihre reale Existenz zu gern gegen ein ideelles Dasein auf dem Silver Screen eintauschen würden.

Vor diesem Hintergrund entfaltet Cohen seinen Thrillerplot um einen Regular John – Protagonist Keefe kommt aus dem ländlichen Oklahoma in die Metropole (und bringt Filmaufnahmen (!) von seinem kleinen Sohn mit, die Andrea zur Rückkehr bewegen sollen) -, der nicht in der Lage ist, den teuflischen Plan Nevilles erkennen. Dessen Film soll nämlich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: seine Karriere reanimieren und gleichzeitig den engültigen Beweis für Keefes Schuld erbringen, indem er seine privaten Aufnahmen vom Mord an Andrea und das neu gedrehte Material mit Keefe verbindet und so die Lücken schließt, die in der Beweisführung der Polizei noch klaffen. In der Besetzung der Andrea-Figur mit Doppelgängerin Elaine findet Cohens Hitchcock-Hommage aber seinen deutlichsten Ausdruck: Zoe Tamerlis spielt beide Rollen, erinnert damit sowohl an Kim Novak in VERTIGO als auch an Melanie Griffith in De Palmas BODY DOUBLE (der seinerseits eine VERTIGO-Hommage war) und fügt der spielerischen Meditation über Realität/Schein bzw. Kopie/Original eine weitere Ebene hinzu. Doch Larry Cohen ist da noch längst nicht am Ende: Zwischentitel, die wie die Notizen eines Filmemachers folgende Szenen in einen größeren Kontext einbetten und der abschließende Regiecredit „Det. Phillip Delroy“ suggerieren einen mephistophelischen Strippenzieher hinter dem Film, der den Zuschauer die ganze Zeit genarrt hat, und schieben eine federführende Instanz zwischen Zuschauer und Film, die das Geschehen noch weiter abstrahiert.

SPECIAL EFFECTS zählt meines Wissens zu den unbekannteren Filmen eines Regisseurs, der zwar einen über den Kreis der Expoitationliebhaber hinausgehenden Ruf genießt (als Drehbuchautor versorgt er Hollywood regelmäßig mit neuen Stoffen), aber doch vor allem für seine im weitesten Sinne als Horrorfilme zu bezeichnenden Werke bekannt ist (IT’S ALIVE, Q, THE STUFF, GOD TOLD ME TO). SPECIAL EFFECTS knüpft an sein brillantes, aber ungleich schwierigeres satirisches Frühwerk BONE an und ist für mich sein bester Film. Ebenso an- wie aufregend, hervorragend gespielt und inszeniert, und definitiv Stoff für mehrere Sichtungen. Pflichtprogramm also, zumal es eine ausgezeichnete US-DVD gibt.

black caesar (larry cohen, usa 1973)

Veröffentlicht: August 20, 2008 in Film
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Harlem in den Fünfzigern: Schon als Jugendlicher verdient sich Tommy Gibbs ein paar Dollar mit krummen Geschäften. Als er jedoch an den korrupten Polizisten McKinney (Art Lund) gerät, landet er erst mit gebrochenem Bein im Krankenhaus und anschließend im Knast. Nach 12 Jahren kehrt Tommy als erwachsener Mann (Fred Williamson) mit großen Plänen zurück: Diese sollen ihn nicht nur zum Paten von Harlem machen, sondern auch das Ende von McKinney bringen …

Larry Cohens zweiter Film nach BONE (zu dem ich hier etwas geschrieben habe) teilt mit diesem die schwarze, ambivalent gezeichnete Hauptfigur, lässt sich aber sonst recht eindeutig im Blaxploitation-Genre verorten, während der Vorgänger satirische und surreale Züge aufwies. In BLACK CAESAR erzählt Cohen die Geschichte vom Aufstieg und Fall eines Gangsters und nimmt sich somit eines Sujets an, dessen epischem Gehalt er in knapp 90 Minuten kaum gerecht werden kann. BLACK CAESAR (dem Cohen noch das Sequel HELL UP IN HARLEM folgen ließ, bevor er sich mit IT’S ALIVE dem Horrorfilm zuwandte) funktioniert daher auch weniger als lückenlose „Dokumentation“ einer Karriere wie etwa Scorseses GOOD FELLAS, Scotts AMERICAN GANGSTER oder De Palmas SCARFACE, sondern als Ansammlung von Schnappschüssen, die nicht immer ausgewogen ist. Mehr als für den Crimefilm-Aspekt scheint Cohen sich für die psychologische Seite seiner Geschichte interessiert zu haben: Szenen wie jene, in der Tommy mit seinem ihm unbekannten Vater konfrontiert wird, oder die, in der er seine Geliebte kennen lernt (er zwingt sie, eine Musikerin, die Musikuntermalung zu einem von ihm durchgeführten Auftragsmord zu liefern), bleiben im Gedächtnis, weil sie einen starken Kontrast zu den gängigen Plotelementen bildet, mit denen BLACK CAESAR sonst arbeitet. Das kann, muss man man aber nicht als Schwäche betrachten: Stärker als andere Blaxploiter akzentuiert Cohen nämlich die Arbitrarität seiner Geschichte. Tommy ist einer von vielen, die versuchen, ihren Weg nach oben zu machen und dabei zwangsläufig stolpern. Bezeichnend für diese Lesart ist das Finale, in dem der schwer verwundete Tommy nach seinem Triumph über McKinney von Straßenkindern erschlagen und beraubt wird (wie das Sequel mit diesem Faktum umgeht, würde mich mal interessieren). So bleibt die Hauptfigur von BLACK CAESAR trotz aller Psychologisierungen notgedrungen undurchsichtig, sein Erfolg ist weniger auf sein Planungsgeschick zurückzuführen, als vielmehr auf seine Rücksichtslosigkeit und Todessehnsucht – ein starker Kontrast zu den Empowerment-Märchen des Blaxploitation-Kinos, an das hier vor allem James Browns famoser Soundtrack erinnert. Von popkulturellen Paraphernalia, die das Blaxploitation-Genre sonst durchziehen, ist BLACK CAESAR fast gänzlich befreit: Bunte Anzüge und lustige Hüte sucht man vergeblich, die Dialoge sind ebenfalls von berückender Sachlichkeit und auch die Bilder, die New-York-Experte Cohen aus Harlem mitgebracht hat, unterstreichen diesen Eindruck. Der Blaxploitation-Film steht recht häufig in der Kritik, letztlich weiße Vorurteile zu präsentieren und das Ghetto als exotische Parallelwelt zu zeichnen, der sich das überwiegend weiße Publikum im Kinosaal endlich gefahrlos nähern kann, um seine Neugier zu stillen. Eine Ikone wie der kongenial benannte Shaft spiegelte letztlich vor allem die weiße Hausfrauenfantasie (und Männerangst) des gut bestückten schwarzen Sexprotzes wider und konnte nur über Umwege – nämlich Verleugnung – zum „echten“ afroamerikanischen Helden werden. Cohen zeigt mit BLACK CAESAR über weite Strecken wie man solche Untiefen vermeiden kann und legt somit einen der ehrlichsten Blaxploiter überhaupt vor.