Mit ‘Laura Dern’ getaggte Beiträge

Der Zweite Weltkrieg hinterlässt den Navy-Soldaten Freddie Quell (Joaquin Phoenix), der im Pazifik auf einem Kriegsschiff diente, als psychisches Wrack, gebeutelt von einer ausgeprägten Sexsucht, Alkoholismus, Depressionen und heftigen, unvorhersehbaren Wutausbrüchen. Auf seiner Suche nach einem neuen Leben trifft er auf Lancaster Dodd (Philipp Seymour Hoffman), den Begründer einer Selbsthilfemethode und Weltanschauung namens „The Cause“. Dodd findet Gefallen an Quell und nimmt ihn unter seine Fittiche. Quell avanciert zu einer Art Wachhund und Vertrauten des „Meisters“ – aber dem gelingt es trotz allem nicht, Quell von seinen Methoden zu überzeugen.

THE MASTER ist auch ein period piece, ein Blick auf die USA der späten Vierziger- und frühen Fünfzigerjahre, genauer gesagt das Jahr 1950. Der Film beginnt mit den letzten Momenten des Zweiten Weltkriegs, in denen die Soldaten eher der Langeweile und der Verrichtung von Routinehandgriffen nachgehen, statt in Kampfhandlungen verwickelt zu sein, zeigt den von den Erlebnissen traumatisierten Quell danach als Fotograf von „typischen“ Fünfzigerjahre-Familienfotos voller Brillantine, strahlender, hoffnungsvoll in die Zukunft blickender Augen, breit lächelnder Münder und pastellfabener Kleidung und macht ihn dann zum Zeugen der Begründung einer Sekte, die unübersehbare Parallelen zu Scientology aufweist, und zum Schüler/Sohn von Dodd, der an Scientology-Erfinder L. Ron Hubbard angelehnt ist. Anderson zeigt unter anderem, was der Krieg mit jungen Männern machte, dass es eigentlich keinen Plan gab, wie man diese Veteranen, über deren Zustand man sehr wohl Bescheid wusste, wieder in die Gesellschaft eingliedern sollte, und wie sie so ziellos und im Kern verstört umhertrieben. Quell ist krank, tief zerrüttet und eigentlich ein Fall für medizinisch-therapeutische Betreuung, stattdessen wird er sich selbst überlassen und in ein Leben ohne Aufgabe gestoßen. Aber THE MASTER ist kein explizit gesellschaftskritischer Film und auch nicht unbedingt an einer Aufarbeitung US-amerikanischer Nachkriegsgeschichte interessiert. Diese Aspekt ist nur eine von vielen Saiten, die Anderson zum Schwingen bringt, so wie THE MASTER zwar einen Einblick in die Gründung von Scientology ermöglicht, ohne aber ein Film über die Sekte oder ein verklausuliertes Biopic über Hubbard zu sein.

Zunächst ist THE MASTER ein Film über die Freundschaft oder – wertfreier gesprochen – die Beziehung zweier Männer, die auf den ersten Blick nicht viel gemeinsam haben. Quell ist ein ungebildeter, grober, mitunter vulgärer und gewalttätiger Typ, der seine zahlreichen Komplexe hinter einer durchschaubaren Maske der Härte zu verbergen versucht, ein reiner Triebmensch, der Schwierigkeiten hat, sich im Zaum zu halten – der aber mit einer gewissen Bauernschläue ausgestattet ist. Dodd ist demgegenüber kultiviert, kontrolliert, diszipliniert, ein Kopf- und Machtmensch, der gern seinen Einfluss auf andere ausübt, echtes Interesse und Empathie am Gegenüber nur vorgaukelt, dessen wahre Motive aber nicht so einfach zu durchschauen sind. Im Verlauf des Films mehren sich aber die Anzeichen dafür, dass Quell und Dodd sich gar nicht so unähnlich sind: Mit Kritik konfrontiert, reagiert Dodd keineswegs souverän, sondern neigt zu cholerischen Anfällen und Beleidigungen, weil ihn seine rhetorischen Fähigkeiten und seine Argumente verlassen. In seinen Vorträgen greift er oft auf infantilen Humor zurück, um die Zuhörer auf seine Seite zu ziehen, was seine Unsicherheit offenbart. Wie Quell liebt er selbstgebrannten Fusel und eine Szene, in der er sich von seiner Gattin Peggy (Amy Adams) über dem Waschbecken abwichsen und verbal demütigen lässt, lässt auch Rückschlüsse auf eine gewisse sexuelle Devianz zu, die ihn mit Quell verbindet. Am Ende, wenn er dem abtrünnig gewordenen Schüler ein Liebeslied singt, um ihn zum Bleiben zu überreden, ihm gar mit der offenen Feindschaft droht, sollte der sich verweigern, scheint klar, dass Dodd keineswegs nur ein akademisches oder freundschaftliches Interesse an Quell hat, sondern ein versteckter Homosexueller ist, an dem tiefe Schuldgefühle nagen. Die „Processing“ benannte Methode, bei der Dodd ohne Pause sehr direkte, private und intime Fragen stellt, seinem Gegenüber verbietet, bei der Beantwortung zu blinzeln, oder das an Psychoterror grenzende Spiel, bei dem er Quell dazu zwingt, stundenlang mit geschlossenen Augen zwischen einer Fensterscheibe und einer Holzwand herzulaufen, diese mit der Hand zu berühren und seine Gefühl zu beschreiben, ist nichts weiter als Selbsterhöhung durch Unterdrückung und Demütigung. Der ganze arbiträre theoretische Überbau seines „Cause“ – die Idee von unsterblichen wiedergeborenen Seelen, die durch die außerirdische Implantation fremder Programme gewissermaßen vom reinen Weg abgekommen sind, und der Aufruf, diese Programme mithilfe des Processings und weiterer fragwürdiger „Therapien“ zu „verlernen“ – dient letztlich vor allem dem Zweck, ihn zum alleinigen Herren seiner Jünger zu machen. Weil Dodd – wie sein Sohn einmal sagt – die Regeln aber während des laufenden Spiels erst erfindet und laufend verändert, macht ihn das zum Allwissenden, zu einer gottgleichen Figur, die ihre Jünger in der Hand hat. Quell scheint ihm ein dankbares Opfer, aber der Mann ist nicht bereit für die Selbstaufgabe – schon gar nicht vor einer Philosophie, die er nicht versteht und deren Vater sich keine Mühe gibt, sie ihm nahezubringen. Und daran zerbricht Dodd schließlich. Diesen vermeintlich schwachen Mann erreicht seine Macht nicht.

THE MASTER ist eine faszinierende Charakterstudie, die schon allein durch die Gegenüberstellung seiner beiden spannenden Hauptfiguren und natürlich die Leistung ihrer Darsteller einnimmt. Phoenix bringt die seelischen Verkrampfungen seines Freddie Quell in einer sehr physischen Darbietung zum Ausdruck, während Hoffman eher zurückgenommen und mit Blick für die kleinen verräterischen Tics agiert. Das macht auch dramaturgisch Sinn: Der „Freak“ Quell entpuppt sich als weniger irre als er aussieht, während Dodds vornehme Fassade immer mehr Risse bekommt, durch die man in bodenlose Schwärze blickt. Bemerkenswert scheint mir Andersons Film außerdem vor dem Hintergrund seines Entstehungsjahres. Mitten in der Amtszeit von Obama lieferte er mit THE MASTER eine rückblickend prophetisch wirkende Auseinandersetzung mit sektenhaft-hermetischen Weltanschauungen, quasireligiös verblendetem Wahn, Führerkult, Paranoia und amoklaufendem Narzssimus. Das macht den Film doppelt unheimlich und zum Must See für die triste Gegenwart.

Corinne Burns (Diane Lane), eine Teenagerin, hat das Pech, in einer trostlosen Industriestadt in Pennsylvania aufwachsen zu müssen. Mit ihrer Schwester Tracy (Marin Kanter) und ihrer Cousine Jessica (Laura Dern) bildet sie die „Stains“, eine Rockgruppe ohne Drummer und Bassisten, und träumt von einer großen Karriere. Als die Punkband „The Looters“ (Ray Winstone, Paul Simonon, Steve Jones und Paul Cook) zusammen mit den Has-beens „The Metal Corpses“ in der Stadt auftreten, ergattern die Mädchen einen Support Slot und erlangen nationale Berühmtheit, als Corinne ihr desinteressiertes, vom Dilettantismus der Mädchen belustigtes Publikum wüst beschimpft. Schnell formiert sich eine fanatische Jüngerschar, die Corinne als neues feministisches Vorbild betrachtet. Doch die „Stains“ sind für diese Verantwortung noch nicht bereit …

Auf LADIES AND GENTLEMEN, THE FABULOUS STAINS bin ich über das tolle Buch „Destroy All Movies!!! The Complete Guide to Punks in Film“ gestoßen, das dem Film einen euphorischen Eintrag widmet. Bis nach Deutschland hat er es nie geschafft und auch in den USA hat es mehrere Jahre und ebenso viele Anläufe gebraucht, bis der Film seinen derzitigen Kultstatus erlangen konnte. UP IN SMOKE-Regisseur Lou Adler inszenierte den Film für die Paramount nach einem Drehbuch von Nancy Dowd, die für ihr Script zu COMING HOME mit einem Oscar ausgezeichnet worden war. Weil sie mit der Produktion und dem Final Cut des Films unzufrieden war, zog sie ihren Namen jedoch zurück und damit beginnt auch die Leidensgeschichte dieses Films: Nachdem eine Testvorführung nicht die erhofften Reaktionen erntete, verbannte die Paramount den Film in die Archive, wo er Staub ansetzte, bevor er Mitte der Achtzigerjahre dann doch noch in einigen kleineren Kunstkinos zum Einsatz kam. Seine Anhängerschar erreichte er jedoch erst, als er wiederholt im Kabelfernsehen gezeigt wurde (eine Heimkino-Veröffentlichung ließ bis 2008 auf sich warten): Die Figur der Corinne und ihre aufmüpfigen Stains inspirierten wie im Film jugendliche Mädchen und gelten als nicht unerheblicher Einfluss der Riot-Grrrl-Bewegung in den Neunzigern. Der Kreis, den der Film vollzieht, hat sich auch in der Realität geschlossen.

Was zeichnet den Film aus? LADIES AND GENTLEMEN, THE FABULOUS STAINS wirkt in seiner Zeichnung einer explosionsartig aufkeimenden Jugendultur, aber auch des porträtierten Musikermilieus sehr authentisch. In nur wenigen Szenen schafft es Adler, die Probleme seiner Protagonisten plausibel zu machen, ohne dabei zu plakativ zu werden. Außerdem auffällig ist, wie gleichmäßig er seine Sympathien verteilt: Es wird nicht geschönt, aber genauso wenig haut er seine Figuren in die Pfanne. Jeder hat seine Beweggründe, bringt seine eigene, außerhalb des Films liegende Historie mit. Selbst der geckenhafte Frontmann der hoffnungslos überkommenen „Metal Corpses“ (Tubes-Sänger Fee Waybill) steht nach dem überraschenden Drogentod seines Gitarristen (Grateful-Dead-Gitarrist Vince Welnick) nicht mehr wie der „Feind“ da, als der er zuvor aufgebaut wurde, sondern kann sch des Mitgefühls von Regisseur wie Zuschauer sicher sein.

Am deutlichsten zeigt sich dieser verständnisvolle, empathische Blick aber bei der Zeichnung Corinnes: Ihre jugendliche Naivität, mit der sie sich zu Sätzen versteigt wie jenem, dass jeder Jugendliche vom Staat eine E-Gitarre bekommen sollte, wird nicht verschwiegen, doch ist sie eben auch der Quell jener unverstellten, unbekümmerten Aufmüpfigkeit, die die Stains schließlich zur Overnight-Sensation werden lässt. Ihr Zorn ist instinktiv, ihm fehlt die Richtung, er entlädt sich nicht gezielt, aber gerade das macht ihn so wirksam. Die Musik der Stains ist technisch hoffnungslos unterbelichtet, aber eben auch ein absolut ehrlicher, individueller Ausdruck der Sorgen der dahinterstehenden Mädchen, noch nicht von ästhetischen Ansprüchen korrumpiert: Sie ist roh, wild und ursprünglich. Dieses Talent sieht auch Billy (Ray Winstone), der von der ungebremsten Wucht, mit der sich die aggressive Begeisterung der Stains-Fans entlädt, förmlich weggespült wird. Aber er ahnt auch, dass diese Wucht Corinne selbst mitreißen wird, wenn sie ihre Talente nicht in geordnete Bahnen umlenkt. Und genauso kommt es schließlich.

LADIES AND GENTLEMEN, THE FABULOUS STAINS zeichnet diesen Backlash, der Künstler ereilt, die quasi über Nacht zu Ruhm kommen und die damit in den „Besitz“ ihrer Fans übergehen, sehr schön nach. Ebenso wie er ein waches Auge für die Jugendkultur besitzt, die zwar meist ein Objekt braucht, aber dann eine unaufhaltsame Eigendynamik gewinnt. Und er begeistert auch als Musikfilm, bringt gleich mehrere Generationen von Rockmusik unter einen Hut und zeichnet ihre Metamorphose über die Jahre sehr schön nach. Es ist ein Film voller kleiner, wacher und wahrhaftiger Details, dabei aber absolut unaufdringlich. Man mag fast nicht glauben, dass das keine Dokumentation ist. Bruce Surtees zeigt das US-amerikanische Hinterland als deprimierende, nichts als Verzweiflung gebärende Pampa aus qualmenden Fabriken, regennassen und menschenleren Straßen in sterbenden Städten und anonym aussehenden Shopping Malls und Mehrzweckhallen. Und Diane Lane ist einfach anbetungswürdig als rebellisch schmollender Backfisch in Netzstrümpfen und Make-up. Bitte angucken!