Mit ‘Lee Remick’ getaggte Beiträge

„Lat“ Evans (Don Murray) kommt mittellos nach Montana, um sich dort eine Existenz als Rancher aufzubauen. Das Startkapital bekommt er von der Prostituierten Callie (Lee Remick), in die er sich verliebt, sein Partner ist Tom (Stuart Whitman) mit dem er sich während seiner Zeit als Cowboy anfreundet. Doch Liebe und Freundschaft währen nicht lang: Als er sich bei der Bank um einen weiteren Kredit bewirbt und dabei Joyce (Patricia Owens), die Tochter des Bänkers,  kennenlernt, spürt er, wie weit ihn sein Ehrgeiz tatsächlich bringen könnte, wenn er ein paar alte Zöpfe abschneidet: Er verprellt Tom, als er dessen zukünftige Gattin, die Prostituierte Jen, als „tramp“ bezeichnet – damit auch seine eigene Geliebte diffamierend –, und trennt sich von Callie, um Joyce zu heiraten. Lat steigt bis zum Senator auf, doch als er von dem schmierigen Rancher Jehu (Richard Evans) dazu erpresst wird, sich an dem Lynchmord an  Tom (Stuart Whitman) zu beteiligen, merkt er, dass er sich auf dem Holzweg befindet …

Ende der Fünfzigerjahre hatte der Western schon viele Zyklen durchlaufen, in denen er sich von der einfachen Räuberpistole in ein hochgradig ausdifferenziertes, vielseitiges Genre verwandelt hatte. Seine einzelnen Elemente – Figuren, wiederkehrende Plotelemente oder eine auf den ersten Blick erkennbare Ikonografie – waren bereits etabliert und mit reicher Bedeutung aufgeladen: Ambitionierte Filmemacher fanden ein bereits bestelltes Feld vor, das ihnen alle kreativen Möglichkeiten bot. Die Wurzeln der späteren pessimistischen Bestandsaufnahmen, der Abgesänge des Spätwesterns, finden sich in dieser Zeit und auch Fleischers bemerkenswerter THESE THOUSAND HILLS gehört zu jenen Filmen, die den klassischen Westernhelden einer neuen Betrachtung unterziehen.

Die Inhaltsangabe oben klingt sofort bekannt, ließe sich für jeden einigermaßen versierten Film- und Westernseher mit Leichtigkeit zu Ende erzählen: Es ist die Geschichte von Aufstieg, Verrat und Läuterung, von Klassenunterschieden und dem Wunsch nach sozialem Aufstieg sowie den aus diesem Wunsch erwachsenden bitteren Konsequenzen. Aber es ist erstaunlich, was Fleischer in seiner typischen Art daraus macht: Er verweigert eine allzu klare Steuerung der Sympathie (was sich visuell in dem weitgehenden Verzicht auf Nahaufnamen widerspiegelt), hält Distanz zu den Figuren, von denen keine eindimensional „gut“ oder „böse“ ist, und endet auf einer Note, in der gleichzeitig Bedauern, Reue und schmerzhafte Selbsterkenntnis, aber auch die Hoffnung auf Selbsterfüllung, Erlösung der inneren Konflikte und das Erreichen eines inneren Friedens anklingen.

Lat, vom Start weg als Protagonist markiert, ist ein Getriebener, der einen nie gelösten Konflikt mit seinem Vater mit sich herumschleppt. Sein Wunsch, erfolgreicher Rancher zu werden, enstpringt dem Misserfolg des Vaters, seine puritanischen Moralvorstellungen wiederum einem Erlebnis in der Jugend, als der Vater ihn mit einem Mädchen beim Liebesspiel im Heu erwischte und beide mit der Peitsche traktierte. Diese Disposition löst die zentralen Konflikte aus, lässt ihn zum einen unnachgiebig dem Erfolg hinterherjagen – er vergiftet dazu sogar Wölfe, deren Felle viel Geld einbringen, wozu sich sogar der sonst wenig empfindliche Tom zu schade ist – und erfüllt ihn zum anderen mit Scham gegenüber der Prostituierten Callie, deren Liebe er nicht erwidern kann und der er sich in gewisser Hinsicht unterlegen fühlt. Einer Aufarbeitung seiner sexuellen Neurose, die für eine funktionierende Beziehung zu Callie nötig wäre, versperrt er sich aber bzw. findet er mit seinem Puritanismus einen Spiegel in Joyce, die für ihn zudem der Schlüssel zum finanziellen Wohlstand wie auch Tür in ihm sonst versperrte gesellschaftliche Gefilde ist. Er zieht gewissermaßen die charakterliche Stagnation der sozialen vor. Die Läuterung, die er später erfährt, führt aber keineswegs zu einer 180-Grad-Wendung und einer tränenreichen Wiedervereinigung mit der verschmähten Liebe: Eine Beziehung zu Callie ist ihm unmöglich, aber er hat reinen Tisch gemacht, um eine gute Ehe mit seiner Gattin Joyce führen zu können. Er hat Einsicht in seine Fehler bekommen, ein tieferes Verständnis seiner selbst und der Regeln des menschlichen Zusammenseins gewonnen.

THESE THOUSAND HILLS ist ein ungewöhnlicher Film: Vordergründig ein melodramatischer Western in breitem CinemaScope, mit satten Farben und vor der ehrfurchtgebietenden Naturkulisse Colorados, überfällt er den Zuschauer nicht mit großen Gefühlswallungen und dröhnendem Pathos, vielmehr schleicht er sich ganz behutsam an, wirkt dafür aber umso stärker nach. Es ist ein warmherziger, aber niemals gefühlsduseliger, sondern im Gegenteil sehr realistischer Film, der den Menschen mit allen seinen Schwächen abbildet, ohne ein moralisch endgültiges Urteil über ihn zu fällen. Eine Eigenschaft, die ihn ebenso zu einem typischen Fleischer-Film macht wie seine Meisterschaft über das Breitwand-Format.

Wer einen ausführlichen Essay über  THESE THOUSAND HILLS lesen will, dem lege ich wärmstens diesen Text von Westernspezialist Blake Lucas ans Herz, der mir geholfen hat, ein paar Gedanken zu sortieren und in Worte zu fassen.

In den USA häufen sich Anschläge von Zivilisten auf ehemalige militärische Ziele. Doch hinter den vermeintlich unbescholtenen Bürgern verbergen sich in Wahrheit russische „Schläfer“, die vom abtrünnigen Dalchimsky (Donald Pleasence) per Telefon reaktiviert werden und daraufhin wie Roboter ihrer längst hinfälligen Bestimmung folgen. Die UdSSR schickt Major Grigori Borzov (Charles Bronson), um Dalchimsky auszuschalten, bevor dieser weiteres Unheil anrichten kann, oder die Geheimdienste der USA herausfinden, wer sich hinter den Anschlägen verbirgt. Borzov zur Seite steht die Amerikanerin Barbara (Lee Remick) – und die hat wiederum den Auftrag Borzov zu eliminieren, sobald er seine Mission erfüllt hat …

Als ich dieses Blog vor fast genau drei Jahren gründete, war die Don-Siegel-Werkschau eine tragende Säule. Leider ist sein umfangreiches Werk bis heute nicht vollständig auf DVD erhältlich, trotzdem freue ich mich darüber, wenn ich dem unvollständigen Puzzle ein weiteres Teilchen hinzufügen und im Fall von TELEFON außerdem ein Wiedersehen mit einem alten Bekannten feiern kann. Zwischen den späten Meisterwerken THE SHOOTIST und ESCAPE FROM ALCATRAZ entstanden, ist Siegels mit Science-Fiction-Elementen angereicherter Agententhriller trotz der Besetzung mit dem damaligen Superstar Charles Bronson ein auf den ersten Blick eher „kleiner“ Film. Ist man von Siegel sonst annähernd maschinelle Effizienz gewohnt, die im Zusammenhang mit seinen typischen Männergeschichten leicht den Eindruck von Zynismus erweckt, wie etwa besonders eklatant in DIRTY HARRY oder THE BLACK WINDMILL, mutet TELEFON trotz der für das Genre typischen Schrifteinblendungen, die das angezeigte Verstreichen der kostbaren Zeit noch mit maschinellem Rattern unterlegen, seines Kalter-Krieg-Szenarios und der bitteren Geschichte richtiggehend entspannt an. Und das ist nicht etwa auf einen Inszenierungsfehler zurückzuführen, sondern vollkommen beabsichtigt.

TELEFON ist, ich sage das jetzt mal so krass, ein Frauenfilm. Nicht im Sinne der RomComs, die nur dazu gemacht werden, dass Frauen sich mit Taschentüchern vor dem Fernseher versammeln und dem gerade trendmäßig anzuhimmelnden Traumtyp nachschmachten, sondern in dem Sinne, dass die weiblichen Charaktere den Film tragen und ihn erden. Das ist umso überraschender, als Siegel als ausgesprochener Männerregisseur gilt und aufgrund seiner zahlreichen Kollaborationen mit Clint Eastwood eine beliebte Zielscheibe des feministisch befeuerten Zorns der Filmkritikerin Pauline Kael war. Wer weniger inputhermeneutisch an Siegels Werk geht, wird erkannt haben, dass es schon immer wichtige und starke Frauenfiguren in seinen Filmen gab, aber in TELEFON tritt das besonders eklatant hervor. Der große Wurf des Drehbuchs von Stirling Silliphant und Peter Hyams ist somit nicht etwa die wunderschöne Idee, die Schläfer durch ein Gedicht von Robert Frost „wecken“ zu lassen, sondern die Spiegelung der Schläfergeschichte im Konflikt Barbaras, die sich in Borzov verliebt, ihn aber gegen ihren Willen umbringen soll. (Die bestehenden Parallelen werden noch dadurch betont, dass auch Barbara ihren Auftrag am Telefon erhält und ihre Reaktion darauf von Siegel genauso inszeniert wird wie die der Schläfer.) Durch die auf den ersten Blick etwas aufgesetzt wirkende Liebesgeschichte zwischen Barbara, die den heiligen Ernst ihres Partners fast belustigend findet, und Borzov, der von den privaten Avancen sichtlich genervt ist, wird auch das eigentliche Drama hinter den Anschlägen akzentuiert: Nicht die Bedrohung für die USA oder den Weltfrieden ist es, die erschüttert, weil diese Konzepte von Siegel gar nicht weiter beleuchtet werden und abstrakt, ja fremdartig bleiben müssen, sondern die privaten Auswirkungen, das Herausreißen von Durchschnittsbürgern aus ihrem Leben und das Zurückbleiben ihrer Familien, die das Mitleid des Zuschauer erzeugen.

Und so enttarnt Siegel die Machtspiele der Geheimdienste als chauvinistische Eitelkeit, die nicht zuletzt auf dem Rücken der Frauen ausgetragen werden.Die größte Grausamkeit des Films ist es, als Borzov Barbara dazu auffordert, einen der überlebenden Schläfer zu exekutieren: Es ist der Versuch, sie zu brechen, sie auf seine Seite zu ziehen. Aber schließlich will auch Borzov nicht mehr mitmachen: Er und Barbara entziehen sich dem bösen Spiel und haben am Ende das Leben und die Welt buchstäblich vor sich. Dieses Finale ist dann auch eines der schönsten, die Siegel jemals inszeniert hat. Ja, TELEFON ist ein Liebesfilm und bestätigt mal wieder die These, dass alle Agentenfilme verklausuliert von der Liebe handeln, weil die sozusagen die Fortsetzung der Spionage mit anderen Mitteln ist. Ach so, die andere Frauenfigur des Films, die CIA-Computeranalystin Putterman (Tyne Daly), habe ich jetzt unterschlagen in meiner kleinen Exegese. Aber ihr sollt ja auch noch was zum Nachdenken haben.