Mit ‘Lee Tamahori’ getaggte Beiträge

dieanotherday1_1024Der schizophrene Gipfelpunkt der Brosnan-Jahre. DIE ANOTHER DAY erntete von allen Bondfilmen wahrscheinlich am meisten Spott. MOONRAKER, A VIEW TO A KILL, OCTOPUSSY und THE MAN WITH THE GOLDEN GUN sind auch nicht besonders beliebt, aber auf DIE ANOTHER DAY wird mit seltener Einmütigkeit eingedroschen. Zielscheibe der Kritik sind vor allem einige an die absurden Spitzen der Moore-Ära erinnernden Einfälle und das Übermaß an CGI-Effekten. Beide Einwände sind nicht gänzlich von der Hand zu weisen. Nach den doch eher realistischen, in jedem Fall zurückgenommenen Vorgängerfilmen, wendet sich DIE ANOTHER DAY wieder ganz der Science Fiction zu: Es gibt einen mit DNA-Manipulation umgewandelten Oberschurken, ein unsichtbares Auto, einen Satelliten, der mit Diamantenkraft das Sonnenlicht zu einem alles vernichtenden Feuerstrahl bündelt, und eine Festung aus Eis. Das alles wäre allein nicht unbedingt Grund zur Beschwerde, im Gegenteil: Nach den eher düsteren GOLDENEYE, TOMORROW NEVER DIES und THE WORLD IS NOT ENOUGH und den ebenfalls bodenständigen THE LIVING DAYLIGHTS und LICENCE TO KILL weckt Tamahoris Serienbeitrag fast nostalgische Erinnerungen an die unschuldigeren Zeiten, als comichaft überzeichnete Superschurken die Welt aus ihren futuristischen Stützpunkten heraus bedrohten. Es ist jedoch das Übermaß miserabler Computereffekte, das einem mehr als einmal die Freude am Gebotenen vergällt. Die Sequenz, in der Bond vor dem Feuerstrahl aus dem All flieht und der Eispalast zum Schmelzen gebracht wird, auch der Showdown an Bord eines langsam auseinanderfallenden Flugzeugs, sehen einfach scheußlich aus, sind eines Bondfilms in dieser Form nicht würdig. Und sie stören den Gesamteindruck empfindlich, denn DIE ANOTHER DAY zeigt eindeutig Potenzial.

Der ganze Anfang ist großartig: Bond gerät nach einer furiosen Pre-Title-Sequenz in nordkoreanische Gefangenschaft, in der er 14 Monate verbleibt, weil der Geheimdienst ihn aufgegeben hat. Ein vermeintlicher Verrat Bonds erzwingt ein Tauschgeschäft: Der böse Zao (Rick Yune) wird an die Nordkoreaner im Austausch für den Agenten übergeben. Bond ist weiterhin isoliert, man glaubt ihm nicht, dass jemand ihn benutzt hat, also muss er auf eigene Faust vorgehen. Das ist ein schöner, vor allem einmal neuer Ansatz, der ganz im Einklang mit dem Bild steht, das die Brosnan-Bonds vom Geheimdienst gezeichnet hatten. Die Action ist zupackend und rasant, auch visuell ansprechend umgesetzt. Auch die erste Auseinandersetzung mit dem Oberschurken Gustav Graves (Toby Stephens) – hinter dessen Gesicht sich eigentlich der nordkoreanische Colonel Moon verbirgt – ist toll, ein rücksichtslos geführter Fechtkampf. Und das Eispalast-Setting ist, wie gesagt, eine Augenweide (genauso wie Rosamund Pike als Doppelagentin Frost). Auch wenn ein paar fragwürdige Einfälle suggerieren, dass man bei der Konzeptionierung nicht ganz zurechnungsfähig, zumindest aber verunsichert war – der Titelsong von Madonna ist genauso schlimm wie ihr Gastauftritt als Fechtlehrerin, Halle Berry passt überhaupt nicht in den Film (ich mochte sie noch nie besonders) und auch das unsichtbare Auto ist etwas zu viel des Guten –, deutet noch nichts darauf hin, wie der Film in der zweiten Hälfte entgleist.

Nichtsdestotrotz fand ich DIE ANOTHER DAY immerhin nicht so schrecklich öde wie DIAMONDS ARE FOREVER oder so traurig wie A VIEW TO A KILL. Aber das mag aber auch daran liegen, dass ich ihn bisher noch nicht kannte. Daran, dass das hier ein Tiefpunkt der Reihe ist, gibt es jedenfalls keinen Zweifel.

Unter dem Namen „Frank Cadillac“ verdingt sich Cris Johnson (Nicolas Cage) als zweitklassiger Illusionist in Las Vegas. Mit billigem Tingeltangel verbirgt er ein echtes übersinnliches Talent, das den Kern seiner Show bildet: Cris kann zwei Minuten weit in seine Zukunft sehen. Diese Fähigkeit ist dem CIA nicht verborgen geblieben: Um eine von Terrorist „Mr. Smith“ (Thomas Kretschmann) gestohlene Atombombe zu finden, will sich Agentin Callie Ferris (Julianne Moore)  seiner Dienste versichern. Doch vor dem Retten der Welt hat für Cris etwas anderes Priorität: Er will seine Traumfrau Liz (Jessica Biel) erobern  …

Zwar muss NEXT weitestgehend ohne Kostproben von Cages Megaacting auskommen, trotzdem scheint der auf einer Erzählung von Philip K. Dick basierende Film ihm förmlich auf den Leib geschneidert und mit einem anderen Darsteller kaum denkbar. Als routinierter Mittelklasse-Actioner von Lee Tamahori inszeniert – der nicht lang gebraucht hat, um nach dem zupackenden neuseeländischen Ehedrama ONCE WERE WARRIORS in der totalen Hollywood-Beliebigkeit zu enden (eine einsame Ausnahme wie der tolle DEVIL’S DOUBLE bestätigt nur die Regel) – ist er einerseits zu unspektakulär, um als ganz großes Eventkino gelten zu können, andererseits aber auch zu blöd, um den Respekt anspruchsvollerer Filmfreunde zu ernten. NEXT ist – bei aller Biederkeit – eine Kuriosum: als Blockbuster-Anwärter rund 10 Jahre zu spät, als DTV-Kulthit zu aufgeblasen. Das Herz des aufgeschlossenen Filmsehers erfreut er dann auch gerade in seinem leichtfertigen Nichtgelingen und in seiner strukturellen Verweigerungshaltung.

Zuerst mal zerreißt da ein unüberwindbares Plothole den Film: Auf der Suche nach mit einer Atombombe bewaffneten und zu allem entschlossenen Terroristen macht das CIA den Umweg über einen psychisch begabten Magier, der die einzige Chance sein soll, die Bösewichte dingfest zu machen? Doch selbst wenn man bereit ist, den sich unweigerlich zuschnürenden Hirnknoten zu ignorieren: Wie haben die Staatsbeamten Cris überhaupt ausfindig gemacht? Haben sie sich gedacht, dass sie für ihre Ermittlungen gut einen Wahrsager gebrauchen könnten und sich dann auf die Suche nach einem gemacht? (Und wenn ja: Konnten sie wirklich keinen finden, dessen Zeitfester größer als zwei Minuten ist?) Oder kannte einer der Agenten Cris bereits und kam dann ausgerechnet in diesem Fall existenzieller Bedeutung auf die Idee, ihn für die eigenen Zwecke zu rekrutieren? Wie dem auch sei: Angesichts der Größe der Bedrohung und der gebotenen Dringlichkeit ist der Umweg über Cris eigentlich nicht zu rechtfertigen. Könnte man die Zeit und Mühe, die es kostet, den unwilligen und wendigen Cris zu stellen, in der vagen Hoffnung, seine Fähigkeiten könnten helfen, nicht gleich genutzt werden, um die Verbrecher zu stellen, die immerhin eine Atombombe mit sich rumschleppen?

Dann ist da Cris: einer der typischen Cage-Antihelden, die sich in einer Mischung aus souveräner Belustigung über die Welt, niederdrückender Müdigkeit und aufreizender Scheißegal-Haltung durch die Welt treiben lassen. Ein desillusionierter Romantiker auf der fast hoffnungslosen Suche nach der einen Frau, die ihn noch retten kann. Er hat sie gegen die Logik seiner Zwei-Minuten-Beschränkung gesehen, wie sie an einem ungenannten Tag um 8:09 Uhr ein Diner in Las Vegas betritt. Seitdem wartet er dort jeden Tag in der Hoffnung, dass sie auftauchen möge. Als er sie endlich gefunden hat, hat er verständlicherweise keine Lust, den Weltenretter zu mimen und dabei sein Leben und sein junges Liebesglück aufs Spiel zu setzen. Das ist eine ungewöhnliche und zudem ziemlich sympathische, ja, beinahe subversive Drehbuchentscheidung: Wo der Hollywood-Protagonist sonst alles stehen und liegen zu lassen pflegt, wenn der Staat ruft und die Unsterblichkeit lockt, da hat Cris einfach keinen Bock. Seine Fähigkeiten stellt er demzufolge eben nicht in den Dienst der Sache, sondern in den Dienst, der Sache zu entgehen. Es ist zwar schade, aber eben auch erwartbar, dass NEXT das so nicht durchziehen kann: Cris’ große Liebe wird von den Bösewichtern gekidnappt und ihm die Entscheidung mehr oder weniger abgenommen. And now it’s personal …

Aber das Finale rettet den Film dann doch noch. Nicht, weil die Actioneinlagen so begeisternd wären, denn dafür ist Tamahori zu bieder und die CGI zu wenig überzeugend, sondern weil NEXT in letzter Sekunde den alten, abgegeriffenen „Alles war nur ein Traum“-Kniff zu größtmöglichem Effekt einsetzt und damit endgültig den Eindruck festigt, dass in NEXT eigentlich gar nichts passiert. Alles ist reine Potenzialität und Latenz. Wie die Geschichte um Cris, Liz und die Atombombe wirklich ausgeht, das muss ein anderer Film erzählen. Schön (blöd).

 

Ende der Achtzigerjahre wird der irakische Soldat Yatif Lahia (Dominic Cooper) von Udai Hussein (Dominic Cooper) – Sohn und designierter Nachfolger Saddams (Philip Quast) und außerdem ein alter Schulkamerad des ihm zum Verwechseln ähnlich sehenden Yatifs – in dessen Palast bestellt, um dort ein „Angebot“ entgegenzunehmen: Er soll der Doppelgänger Udais werden. Yatif bleibt keine Wahl, als sich in die ihm zugedachte Rolle zu fügen, seine eigene Existenz komplett aufzugeben. Doch die Nähe zu dem psychopathischen Udai zehrt zunehmend an seinen Nerven …

Lee Tamahori verfilmte mit THE DEVIL’S DOUBLE die Autobiografie des einstigen Udai-Doppelgängers Yatif Lahia als opulent bebilderten, gewalttätig-exzessiven, aufreizend auf dem schmalen Grat zwischen Genie und Wahnsinn tänzelnden Videoclip irgendwo in der Schnittmenge von De Palmas SCARFACE, Sharad Patels THE RISE AND FALL OF IDI AMIN und STUDIO 54. Der überwiegend in Goldtönen gehaltene Film präsentiert die Welt des Dikatorensohns als dekadente Vorhölle, über die jener mit dem Temperament eines tollwütigen Tieres herrscht. In wechselnden Nobelkarossen heizt Udai durch Bagdad, um wie einst der böse Wolf junge Mädchen  zu verschleppen und zu vergewaltigen, schmaucht unterarmlange Zigarren, hyperventiliert sich von einem Wutanfall zum nächsten und zerstört alles, was er nicht besitzen kann. Yatif taucht als Verbündeter des Zuschauers ein in die Welt des Wahsinnigen, staunt was er dort sieht, ohne den Reizen des Reichtums jedoch zu erliegen. Ekel und Abscheu sprechen aus seinem Blick, der so als einziger moralischer Kompass in einer völlig aus den Fugen geratenen Welt fungiert. Es ist Yatif, der verhindert, dass Tamahoris Film mit in den Strudel gerissen wird, den Udai mit seinen Wahnsinnstaten verursacht hat.

Der neuseeländische Regisseur trat vor rund 17 Jahren mit dem brachialen ONCE WERE WARRIORS ins Rampenlicht – und erlag danach leider allzu schnell dem Werben Hollywoods, das seine Kreativität mit Geld neutralisierte und seine markante Stimme als Autor zum Verstummen brachte, bevor sie sich voll entwickeln konnte. THE DEVIL’S DOUBLE stellt für ihn eine Rückkehr zu einem mutigeren, ungezügelten Kino dar, auch wenn der Film einen etwas unentschlossenen Eindruck hinterlässt. Wenn Tamahori sich nach überaus wilden, ja geradezu rauschhaften 60 Minuten in ruhigere Fahrwasser begibt, einen sehr typischen Plot um den Verfolgten abspult, der sich mit Mächten angelegt hat, deren Einfluss er sich nicht einmal annähernd vorstellen kann, dann wirkt das so, als habe ihn kurz vor Schluss die Angst vor der eigenen Courage gepackt. Inhaltlich macht diese Entwicklung natürlich Sinn: Nicht nur, weil sie den realen Begebenheiten, auf denen der Film basiert, entspricht, sondern auch weil es ein nachvollziehbares (erzählerisches) Bestreben ist, das Chaos mit der Ordnung auszutreiben. Formal markiert diese Entscheidung aber einen heftigen Bruch, die beiden ungleichen Hälften stehen unversöhnt nebeneinander, beinahe in offenem Widerspruch. Udai Hussein mag die gerechte Strafe erhalten haben, doch in diesem Film, der ihn zum comichaft überzeichneten Supervillain stilisiert, wirkt sie prosaisch. Die Realität diktiert eben nur sehr bedingt die besten Geschichten. Ich hätte es lieber gesehen, wenn Tamahori diesen Charakter in die Hölle, die er heraufbeschworen hat, begleitet hätte, statt ihn einfach nur ins verdiente Grab zu bringen. Trotzdem: diese unglaublichen ersten 60 Minuten …