Mit ‘Lee van Cleef’ getaggte Beiträge

escape-from-new-york-posterIch beginne mit einer fürchterlich ketzerischen Aussage: Gemessen an dem, was ESCAPE FROM NEW YORK in den ersten Sekunden für eine Prämisse aufbaut, ist der Film eine fürchterliche Enttäuschung. Das Gefängnis Manhattan, laut Vorspann ein Kriegsgebiet, in dem sich der Abschaum der USA gegenseitig die Köpfe einschlägt, ist bis auf ein paar verdreckte Penner nahezu völlig entvölkert und Ghetto-Zaren wie der Duke laufen in den Blaxploitation-Filmen der Siebziger eigentlich in jeder amerikanischen Stadt herum. Carpenters hätte streng genommen ein deutlich größeres Budget gebraucht, um seine Vision adäqaut zum Leben zu erwecken. So konnte er es sich noch nicht einmal leisten, tatsächlich in New York zu drehen: Bis auf ganz wenige Szenen diente St. Louis als Stand-in für die Ostküstenmetropole. ESCAPE FROM NEW YORK wirkt klein und beengt, eine Low-Budget-Affäre, die deutlich mehr abbeißt, als sie kauen kann, wenn man so will.

Bevor ich jetzt aber vom aufgebrachten Internetmob zur Schlachtung freigegeben werde, sei gesagt, dass diese Mängel dem Film kein bisschen schaden.Im Gegenteil. ESCAPE FROM NEW YORK ist natürlich super, einer der besten Filme aller Zeiten, und er schafft das fast ausschließlich über die Etablierung einer schwer zu beschreibenden Atmosphäre und seines glorios abgefuckten Helden. Carpenter hat gleich in mehrerer Hinsicht einen ziemlich zynischen Kommentar zur präapokalyptischen Welt der Achtzigerjahre abgegeben: Der Staat hat vor dem amoklaufenden Verbrechen vollends kapituliert, eine seiner größten Städte aufgegeben, nun macht er das Schicksal der Menscheit auch noch von einem Mann abhängig, dem alles scheißegal ist. Lee van Cleef stattet seinen Hauk mit der adleräugigen Selbstsicherheit eines ehemaligen Revolverhelden aus, aber im Grunde genommen ist dieser Mann eine lame duck: Er kann noch so sehr den autoritären Macker raushängen lassen, er ist voll und ganz auf das commitment eines Mannes angewiesen, dem Loyalität rein gar nichts bedeutet.

Carpenter lässt nur wenig Zweifel daran, dass das Leben auf der Gefängnisinsel Manhattan dem da draußen eigentlich vorzuziehen ist. Es ist nicht zwingend besser, genau genommen sogar ziemlich jämmerlich, aber immerhin weiß man dort, was man zu erwarten hat. Wenn Hauk in einer eisigen Morgendämmerung auf der Mauer steht und nach Manhattan hinüberschaut, kann man fast Neid in seinen Blick hineinlesen. Die Welt da draußen, zumindest das, was man von ihr mitbekommt, macht in der Tat nur wenig Hoffnung: Der Präsident, der die Geschicke des Landes lenken soll, ist ein rückgratloser Wurm, es wird verraten und manipuliert, die Bevölkerung von oben herab in zwei Klassen geteilt, einer quasi das Lebensrecht abgesprochen. Snake Plissken passt eigentlich weder in die eine noch die andere: Das Leben als Knecht ist lohischerweise nichts für ihn, aber die albernen Spielchen, die da draußen gespielt werdem, noch viel weniger. Nun muss er bei einem dieser Spielchen mitmachen und der Missmut und Widerwille, mit der er seiner Mission nachgeht, trägt den Film. Über der Düsternis des Films vergisst man manchmal, dass er eigentlich saukomisch ist. Genauso wichtig ist Carpenters Geschick, eine Welt im Kopf des Betrachters entstehen zu lassen, mehr als im Bild. ESCAPE FROM NEW YORK verdankt seinen anhaltenden Kultstatus nicht nur Russells Snake, sondern vor allem der Tatsache, dass dieser Film wie nur wenige andere die Fantasie anregen. Dass das New York, das man hier sieht, vergleichsweise unspektakulär rüberkommt, gehört zwingend dazu. Bei aller Abgefucktheit: Es steckt eine Art kindlicher Naivität, Freude und Neugier in diesem Film, die in dieser Reinheit absolut einzigartig sind. ESCAPE FROM NEW YORK ist ein einziger Glücksfall, über den man entweder stundenlang sprechen muss oder aber genießerisch schweigen kann. Paradoxe Perfektion.

Ich glaube übrigens, unser damaliger Himmelhunde-Text war einer unserer besten.

In einem „Söldner Stories“ genannten, auf der neuen Blu-Ray enthaltenen Interview, erzählen Darsteller Manfred Lehmann, Drehbuchautor Arne Elsholtz und Co-Produzent und Kameramann Peter Baumgartner aus dem Nähkästchen: Alle drei waren sie Mitte der Achtzigerjahre maßgeblich an der Welle deutsch-italienischer Söldnerfilme beteiligt, die unter der Ägide von Erwin C. Dietrich und der Regie von Antonio Margheriti entstanden: KOMMANDO LEOPARD, DIE RÜCKKEHR DER WILDGÄNSE, DER COMMANDER und eben GEHEIMCODE WILDGÄNSE. Nach zahlreichen Erinnerungen und Anekdötchen, etwa über Kinksi’sche Ausraster, Lewis Collins‘ Bauch-weg-Korsett, Lee van Cleefs Alkoholismus und Ernest Borgnines Schwerhörigkeit, kommen die deutlich gealterten Herren zu dem durchaus zufriedenen Schluss, dass es eine gute Zeit war, damals, und die Filme trotz ihres provokanten, militaristischen Sujets vor allem von einer Unschuld, für die es einen heute immer weniger geläufigen Namen gibt: Kintopp.

In kühnen Momenten wie diesem bin ich felsenfest davon überzeugt, dass der Söldnerfilm – und die vier Dietrich-Margheritis der Achtzigerjahre  – der Zenith der Filmkunst sind. Allein das Filmposter übt mit seiner farbenprächtigen Collage aus Flammen, Hubschraubern, bis an die Zähne bewaffneten, grimmigen Männern in Tarnfleck und dem in großen Lettern Autorität ausstrahlenden Titelschriftzug einen unwiderstehlichen Reiz auf mich aus, den ich vom Film kaum trennen kann. Als kleiner Junge, der diese Filme zu ihrer Zeit lediglich als mannshohe Filmplakate an innerstädtischen Litfasssäulen wahrnahm, musste ich von ihrem Anblick verzaubert und verführt werden. Fast scheint es so, als sei es ihrem Gestalter gelungen, sich mit einer bestimmten Farb- und Motivkombination wie mit einer PIN-Nummer direkten Zugang zu meinem Jungenherz zu verschaffen. Wahrscheinlich ging es anderen ähnlich wie mir. Dass gleichzeitig immer etwas Verbotenes mitschwang, machte sie nur noch unwiderstehlicher. Ein Titel wie KOMMANDO LEOPARD strotzt nur so vor unverhohlenem chauvinistischem Militarismus, auch wenn ich das damals nicht hätte benennen können. (Noch heute erscheint es mir höchst seltsam, dass militärische Operationen mit Codenamen versehen werden, die klingen, als seien sie von einem Groschenroman-Autor ersonnen worden. „Operation Desert Storm“: Da wird das ebenso bittere wie banale Töten und Sterben von Soldaten zum geilen Actionkracher stilisiert.) Die Filme machen ja kaum einen Hehl daraus, dass ihre Helden Mörder sind, seelisch zerstört, und ihre Auftraggeber eiskalt kalkulierende Machtmenschen, die sich Menschenleben mit harten Dollars erkaufen und aus der Sicherheit ihres Kalbsleder-Bürostuhls den Vollzug erwarten. Trotzdem erscheint dieses Leben mit all seinen Entbehrungen für die Dauer von 90, 100 Minuten als erstrebenswert, als die Realisierung all dessen, was man sich von seinem eigenen Dasein verspricht: Freund- und Kameradschaften bestehen auch im schlimmsten Kugelhagel, das eigene Handeln zeitigt unmittelbare Ergebnisse, alle Gefühle sind hundertfach verstärkt. Und wenn man sich den Respekt selbst des härtesten Hundes erarbeitet hat, dann trägt man das weinrote Barrett auch noch im moskitoverseuchtesten Sumpfloch mit dem Stilbewusstsein und Stolz eines Feldherren. Die Söldnerfilme Margheritis sind pure Ambivalenz. Darin steckt ihre Wahrheit.

Dass sie dem von ihrem Motiven angestoßenen Kopfkino ein kleines Bisschen hinterherhinkten, spielt dagegen kaum eine Rolle. Gegen wen die Söldner da genau kämpfen, wer der Feind ist, welche Zwecke verfolgt werden, ist für den Zuschauer ebenso austauschbar wie für die Söldner selbst. Die Filme spulen wie ihre Protagonisten lediglich ein Programm runter – höchst professionell zwar, aber ohne jedes persönliches Investment. Es ist wohl auch diese technokratische Effizienz, die sie zu dem macht, was sie – für mich – sind. Mehr als die großen Hollywood-Namen – quer durch die Serie Donald Pleasence, Ernest Borgnine und Lee van Cleef – oder den nominellen Protagonisten Collins sind es die „Handwerker“ Manfred Lehmann, Thomas Danneberg oder Frank Glaubrecht, die ihr Herz und ihre Seele bilden. Lehmann gibt den die eigene Todgeweihtheit stets mit einem höhnischen Grinsen quittierenden Irren, der all guns blazing in die Hölle marschiert, Danneberg demgegenüber den melancholischen Träumer, dessen Augen immer diesen unerreichbaren Punkt hinter dem Horizont zu fixieren scheinen. Glaubrecht verfügt über eine weniger greifbare Persona, leiht seine Züge einer Figur, die damit paradigmatisch für den anonymen Söldnertypus steht: Verlorene, Gescheiterte, nach Absolution Suchende allesamt. Dieses auch etwas masochistische Leiden, das Gefühl der Leere, der Versuch, mit Waffengewalt den Sinn aus dem Sein zu schälen, ist allgegenwärtig. In GEHEIMCODE WILDGÄNSE gibt es neben den Söldnern – die natürlich mal wieder einem höchst eigennützigen Auftraggeber auf den Leim gehen – auch noch eine kanadische Reporterin, die in Gefangenschaft zur Heroinabhängigen wurde. Die Szene, in der ihr der europäische Priester (Luciano Pigozzi), der sich in einer verfallenen Kirche im Urwald um die Opfer des Regimes der Drogenkartelle kümmert, eine Schmerzmittelspritze anvertraut, um damit einem ihrer verwundeten Retter zu helfen, spricht Bände über die frappierende Einfachheit, die diese Filme so schön macht: Woher er wissen wolle, dass sie die Spritze nicht für sich verwende, fragt sie den Priester. Weil er daran glaube, dass sie ihr eigenes vorübergehendes Glück nicht über das existenzielle Bedürfnis ihres Retters stellen werde. So einfach ist das. Der Priester stirbt am Ende am Kreuz, ohne die ihm doch völlig fremden Männer, die das Unglück überhaupt erst in seine Kirche brachten, verraten zu haben. Auch Wesley (Lewis Collins) hat seine eigene Geschichte, verrichtet seinen Dienst ausgerechnet für den Mann, der seinen Sohn auf dem Gewissen hat. Ändert die finale Rache etwas am Lauf der Dinge? Während die Kamera die in der Abendsonne schillernde Kulisse Hongkongs einfängt und bemüht ist, ob dieser Schönheit nicht zu zerfließen, schieben sich die Synthieklänge von Eloy über die Bilder. Pulsierende Beats, pathetische Keyboardfanfaren, Schönheit und Tod sind manchmal ein und dasselbe.

 

Der kambodschanische General Dong macht Drogengeschäfte mit dem CIA, will aber plötzlich mehr Geld. Daraufhin wird der Ex-Agent und Waffenhändler Mazzarini (Lee van Cleef) eingeschaltet: Er schlägt dem Geheimdienst vor, eine Söldnertruppe mit einer Waffen-lieferung zu Dong zu schicken, es ihm dann aber hinterrücks heimzuzahlen. Die Truppe wird angeführt von Colby (Lewis Collins), dem besten Mann für solche Einsätze. Unterstützt wird er unter anderem von seinem alten Weggefährten Mason (Manfred Lehmann). Was Colby jedoch nicht weiß: Der echte Mason ist ein verhin-derter Säufer und stattdessen verbirgt sich hinter seinem Namen (und dessen Gesicht) nun der Agent Hickock …

Der dritte und letzte Beitrag aus Margheritis deutsch-italienisch coproduzierter Söldnerfilm-Reihe – GEHEIMCODE: WILDGÄNSE und KOMMANDO LEOPARD sind die beiden anderen Titel – wirkt heute wie von einem anderen Planeten. Man kann sich kaum noch vorstellen, dass Filme dieser Art tatsächlich einmal Mainstream waren, der ganz normal beworben und in den Lichtspielhäusern gezeigt wurde und dort sogar erfolgreich war. Als DER COMMANDER 1988 erschien, da neigte sich jene schöne, bessere Zeit bereits dem Ende zu, dennoch war hier noch mal alles beim Alten: Gab sich eine illustre Riege internationaler, europäischer und deutscher Schauspieler die Ehre, wurden auf dem Niveau eines Groschenheftes der Kameradschaft und dem heldenhaften Draufgängertum des Söldners gehuldigt, die undurchsichtigen Machenschaften der vor dem Zusammenbruch des Eisernen Vorhangs noch deutlich aktiveren Geheimdienste – und nicht ohne Begeisterung für die zu Tage tretende Skrupellosigkeit – durchleuchtet, jede Menge gesoffen und geraucht. Und auch wenn hier sehr unverhohlen für schnöden Mammon, statt  (verlogenerweise) fürs humanistische Ideal gemeuchelt und gemordet wird, ist das Söldnerleben ein einziger Spaß: Wer wollte sich auch ernsthaft beschweren über einen Job, bei dem er im zeitlos-modischen Tarnfleck – nach Belieben mit stylischen Accessoires aufgeppeppt – mit Gleichgesinnten durch den Urwald krauchen und Schufte wegpusten darf und dafür auch noch fürstlich von Despoten, korrupten Geheimdienstchefs oder Waffenhändlern bezahlt wird? Die kompetente Synchronisation veredelt das testosterongeschwängerte Treiben mit zackigem Kraftsprech irgendwo zwischen naiver Fünfzigerjahre-Räuberpistole und Eighties-Zynismus, Peter Baumgartner und die Krautpopper von Eloy liefern dazu die passende Sounduntermalung, bei der als asiatisch apostrophierte Klänge durch den Synthie gejagt werden, dass es nur so raucht.

DER COMMANDER ist ein bisschen weniger rasant als die Vorgänger, wirkt schon ein bisschen müde und war anno ’88 auch nicht mehr ganz auf der Höhe des Zeitgeistes. Trotzdem kann ich das Gebotene kaum anders als hemmungslos geil finden. Es sind eher Details wie die oben angedeuteten, die mich für ihn einnehmen – der Zeit- und Lokalkolorit, der Tonfall des Films –, mehr als sein Gesamtentwurf. Das Hin und Her der Geheimdienste habe ich nicht wirklich verstanden, aber es bietet den wunderbaren Rahmen für das Ränkespiel von Pleasence und De-Niro-Synchronsprecher Christian Brückner, vor der tristen Kulisse des geteilten Berlins. Neben Brückner sind auch Stallone- und Schwarzenegger-Sprecher Thomas Danneberg – der hier mal wieder von Rainer Brandt vertont wird, weil er seine eigene Stimme Lewis Collins zur Verfügung stellt – sowie Manfred Lehmann – Bruce Willis‘ Stammsprecher – anwesend: Letzterer hat wie auch schon in KOMMANDO LEOPARD eine besonders kernige Rolle abbekommen, darf erst den vergammelten Säufer im Trenchcoat und dann den Agenten geben, der sich einer Operation unterzieht, um schließlich mit Lehmanns „Kartoffelnase“ ausgestattet zu werden. Er hat dann am Ende eine melodramatische Szene, weil die brave thailändische Soldatin Lin, in die er sich verliebt hat, vor seinen Augen erschossen wird. (Das Drehbuch stammt von einer weiteren Synchron-Ikone: Arne Elsholtz.) John Steiner spielt den verräterischen Geschäftemacher Duclaud und einen ständig dreckig lachenden „Kongo Otto“ gibt es auch. Collins gibt mal wieder den disziplinierten, mit allen Abwassern gewaschenen Vollprofi, der sich entgegen des Titels „Major“ nennen lässt. Das Geballer ist trotz aller Brutalität – die identitätslosen Asiaten können einfach so umgenietet werden – herrlich infantil, knüpft ideologisch voll an den kolonialistischen Söldnerfilm der Sechziger- und Siebzigerjahre an und ist damit einfach nur anachronistisch. Man kann dem Film unmöglich böse sein und die Synchro unterstreicht den naiven Charme mit doofen Sprüchen, schlecht betonten Ti-Äitschs und Actionheldennamen wie „Mason“ und „Colby“, der natürlich immer als „Kollbi“ ausgesprochen wird. Eigentlich müsste DER COMMANDER eine Freigabe ab sechs Jahren haben, um seine Zielgruppe zu erreichen.

Vor allem machen mir solche Wiedersehen eines klar: Ich vermisse die Zeit, in der solche Genreklopper in Europa produziert wurden; durchaus mit dem Blick nach Hollywood, aber dennoch mit der Gewissheit und dem Selbstvertrauen, das auch selbst ganz gut hinzubekommen. Damals grüßten statt langweiliger Fotos von gephotoshoppten Designerfressen noch gemalte Porträts von Persönlichkeiten wie Spencer, Hill, Belmondo, Delon oder eben Collins von den Litfasssäulen der Stadt, warben um die Gunst der Zuschauer, die diese Filme nicht als Kuriositäten, sondern als ganz selbstverständliche und gleichwertige Konkurrenz zum US-Stoff wahrnahmen, der noch längst nicht dieses Monopol hatte. So froh ich darüber bin, dass es Nischenabieter gibt, die Filme wie DER COMMANDER heute verfügbar halten, eine Szene, die solche Perlen ausgräbt, würdigt und weiterempfiehlt: Ich kann sie eigentlich nur noch mit einem weinenden Auge sehen.